Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 28. Mittwoch, den 9. Februar. 1898. (Nachdrua»«rboten.) 281 Allkctgslvuke. Noman von Wilhelm Aieyer-Förster. Ter seinerseits war nach Empfang der fünfundfünfzig Mark in rosiger Stimmung, denn wenn ihm auch nur ein kleiner Prozentsatz davon gehörte, so war es doch angenehm, wieder einmal Geld bei sich zu haben. Er trug es lose in der Hosentasche und klimperte damit, das war eine seiner thörichten Angewohnheiten. Die Tante hatte ihm diverse Male Porte- nionnaies zu Weihnachten geschenkt, aber er nahm sie nie in Gebrauch. War er einmal in guten Verhältnissen und mußte er ctiva auf der Pferdebahn zehn Pfennig bezahlen, so holte er mit der linken Hand einen Berg Geld hervor, Gold, Silber, Kupfer und Nickel, wenn möglich auch Kassenscheine, alles bunt durcheinander. Das ärgerte die Ulnsitzenden und erregte in dem Kondukteur Neid, und jedermann hielt den Inhaber dieser Schätze für mindestens lvohlhabend. Nachher hvarf er das Geld mit Eleganz wieder in die Tasche zurück, und er hatte darin eine solche Hebung, daß nie ein Stück vorbeifiel. Auch wenn er einem Bettler zehn Pfennig schenkte oder bei dem Zeitungsmann das Abendblatt kaufte, wiederholte er dieses Experiment, aber in solchen Fällen war das keine hohle und niederträchtige Prahlerei, sondern reine Angewohnheit, die freilich viele Leute unangenehm berührte. Er setzte sich am Leipziger Platz in den Omnibus und fuhr zum Traucrmagazin. Unterwegs las er die Zeitung und zwar die Kurse. Er besaß dreihunderttansend Mark Aktien der Dis- kouto-Kommandit-Gesellschaft, wenigstens in seiner Einbildung, und nun las er täglich genau die Kurse nach. Fielen Dis- konto, so war er vergnügt, denn, sagte er sich, besäße ich die drei hunderttausend in Wirklichkeit, so hätte ich drei Prozent gleich neuntausend Mark eingebüßt. Da ich sie aber in Wahrheit nicht besitze, so trifft dieser Verlust mich nicht. Auch in Gelsenkirchnern, Prinee Henri und anderen Scherzen war er in gleicher Weise engagirt, und wenn diese Aktien einmal stiegen, war er niedergedrückt und miß miithig. Im Tranermagazin wurde der Neffe von Tante Schweder eisig empfangen. Es klingt ein wenig hart und unschön, aber die merkwürdige Krankheit„Influenza" hatte das Magazin für der Tante leichtfertige Reise wieder entschädigt, und da Jnstilute dieser Art leider mit dem Unglück der Menschen rechnen müssen, so war bei Epidemien und Sterbefällen die Tante stets in trübem Zwiespalt zwischen Humanität und Geschäftssinn. Aber trotz der Influenza und des blühenden Ver- kaufs schwarzer Kostüme hatte sie jede Versöhnung mit dem Neffen streng abgelehnt, und schon bei der Erwähnung seines Namens kam ihr eine förniliche Angst, wie vor einem ver- steckten Angriff auf ihre Kasse. Natürlich ließ sich der Agent dadurch nicht abhalten, von Zeit zu Zeit zu erscheinen, und da man ihn doch nicht geradezu hinauswerfen konnte, waren das jedesmal Marterstnndeii für die ganze Familie. Er kam jetzt in den Laden, grüßte die Tante, die eben beschäftigt war, Tuchproben zu betrachten, und bat dann die Kassirerin.ihm fünfzig Mark Gold in Silber zu wechseln. Unwillkürlich mußte die Tante aufhorchen, aber tr that, als achte er nicht darauf, und begab sich in die Wohnräume hinter dem Magazin. Seine gute Mutter empfing ihn mit nur getheilter Freude. Sie wollte ihm eine Mark und fünfzig Pfennige schenken und damit seinen baldigen Abzug bewirken, aber der Agent lehnte das mit großer Geste ab. Als sie das Geld in seiner Tasche klimpern hörte, wurde sie über ihren wackeren Jungen ge- rührt, denn das war bei diesem Vcrhältniß zwischen Mutter und Sohn das Seltsame, daß sie ihren Jungen nur dann gern haben durste, wenn er über Mittel verfügte. Sie hatte gewiß alle Ursache, ihren Jüngsten, Christian, der nun wohl- bestellter Pfarrer an Sankt Marien war, hundertmal mehr zu lieben, als dieses leichtfertige Geschöpf von Albert, und trotz- dem hing ihr Herz gerade an dem. In einsamen Stunden vor dem Kochherde malte sie sich in schwarzen Bildern Albert's Verlassenheit und Nothlage aus. Wenn er bisweilen kam und ihr„Guten Tag" sagte, mußte das möglichst heimlich geschehen und recht recht eilig. Ohne des Agenten große Unverfroren- heit, mit der er das ihm streng verbotene Haus der Tante immer wieder betrat, hätte sie ihn vielleicht gar nie zu sehen bekommen, und insgeheim bewunderte sie seinen Muth, mit dem er, selbst in den schlimmsten Tagen nach der Nizzaer Reise, der Tante begegnete. Er setzte sich jetzt zu der Mutter in die Küche, gab dem Hausmädchen Geld, um Bier zu holen, und aß ein rohes Beefsteak, das in gebratenem Zustande für das Mittagbrot der Tante bestimmt gewesen war. Selbst das Hausmädchen Lina, das mehr an Frau Schweder als an der Tante hing, war besorgt, daß die letztere den Neffen bei diesem impro« visirten Frühstück überraschen könnte, und drängte gemein- schastlich mit der geängstigten Frau Schweder zur Eile. So aß er denn mit Geschwindigkeit, und die Sache lief gut ab. Er erkundigte sich nun nach Jettchen. „Ja, Jettchen!" seufzte seine Mutter. „Ja, Jettchen!" echoete Lina. „Was denn?!" fragte er und dachte, es sei ein Unglück passirt. Aber nein, es war alles gut; wenigstens für Jettchen. Sie hatte noch zwei Monate bei der Tante gewohnt, dann ivar sie in die heilige Ehe getreten und sollte jetzt in Hamburg ein eigenes Schiff haben und damit spaziren fahren. Sie mußte nach den Aussagen der beiden reicher sein, als KrösuS, und alle sieben Ladenmädchen waren bei der Hochzeit ge- wesen, hatten jede ein weißes Kleid, eine goldene Kette und ein Armband geschenkt erhalten und weinten alle sieben, wenn der Name„Jettchen" je genannt wurde. Sie war ein Engel! Sie hatte in der Kirche ausgesehen wie ein verklärtes Wesen, ganz in weißen Spitzen und in einem Braut- schleicr wie Duft. Ja, Jettchen! Lina, die schon das vierte Jahr bei Schweder's diente, erinnerte sich, wie Jettchen aus dem Waisenhause als Lehr« ling ins Magazin gekommen war. So dünn, so mager und doch schon so— nian weiß nicht— so etwas Feines war immer schon an ihr. In den zwei Monaten ihres Braut- standes hatte sie das blaue Zimmer nach vorn bewohnt, und die Tante hatte um sie gesorgt, wie um ein höheres Wesen. Alle Mittag Pudding, nachmittags Kuchen, abends Warmes— dazu Klavierlehrer, französische Lehrer, deutsche Lehrer— dann die Abgesandten der großen Magazine mit Aussteuerproben— ferner die Schneiderinnen, Schuhmacher, der Zahnarzt,— dann eine Deputation von drei kleinen Waisenkindern und einem Fräulein aus dem Waisenhause, die Bouquets brachten und mit Chokolade traktirt wurden— zum Schluß der goldene Wagen mit Schimmeln und rothen Lakaien, der Bräutigam aus Hamburg im Frack, die Tante iu Lila, Frau Schweder in Blau, sechs andere Equipagen, in denen die Ladenfräuleins wie Fürstinnen fuhren— die ganze Jägerstraße in Aufruhr— es war gewesen wie ein Märchen. Der Agent glaubte sich zu erinnern, daß Jettchen in früheren Jahren ziemlich viel im Magazin geknufft worden war. Alan konnte das nicht leugnen. Aber nie sind Knüffe mehr bereut und großmüthiger verziehen worden. Ferner wunderte er sich, daß aus diesem Kobold und Racker ein so ausnehmend ätherisches Wesen geworden sei. Darüber wunderten sich auch Lina und Frau Schweder. Aber es war Thatsache. Sie hatte am Altar geweint, und als im Kaiserhofe die Pastelen und die spanische Suppe auf- getragen wurden und sämmtliche Augehörige und Zugehörige des Trauermagazins vor diesen wundervollen Dingen in Ehr- furcht erstarben, selbst da hatte Jettchen in abgewandter An- dacht gesessen. Frau Schweder ging in ihr Stübchen neben der Küche und holte aus dem Heiligenschrein ihrer Erinnerungen ein in Seidenpapier gehülltes Menu, das jeder Theilnehmer diese? Hochzeitsmahles zu ewigem Andenken mitnehmen durfte. Der Agent las es aufmerksam und bedauerte jetzt doppelt, daß er damals ohne Frack und Baarmittel der Hochzeit hatte fern« bleiben müssen. Zum Schluß hatte Jettchen versprochen, alle zusammen nach Hamburg einladen zu wollen, aber dazu war es bisher noch nicht gekommen. Und wie Frau Schweder mit philo- sophischer Weisheit hinzufügte, würde es auch wohl nie dazu kommen; denn nun sei Jettchen eine große Dame geworden und werde mehr zu thun haben, als immerfort an ein Traner- magazin zu denken. Der Agent trank sein Bier auS, zündete sich eine Zigarre an nud machte sich wieder ans den Weg. Er war dnrch diese Erzählung etwas deprimirt. Die wesentlichste Ursache seines Nichterscheinens bei der Hochzeit waren die sechshundert Aiark gewesen, die er Jettchen oder vielmehr deren Bräutigam von Nizza her schuldete, aber— so sagte er sich mit recht— war das wirklich ein stichhaltiger Grund? Ließ sich aus dieser Ve- kanntschast, die schließlich doch nur er vermittelt hatte, uickt zehnmal, oder wenigstens fünfmal mehr herausschlagen als diese elenden sechshundert Mark? Er war traurig und schalt sich einen Narren. Ueberhauut dieses ganze Leben! Lohnt es sich, das durch- zuwandern? Er war vor drei Tagen ziveinuddrcißig Jahre alt ge- worden. Die alte Elastizität ließ doch merklich nach, und diese Agenturen in Butter und Käse waren ein pekuniär unergiebiges und langweiliges Geschäft. Er schlenderte nach dem Norden der Stadt, um das Butterfaß für Aenncheu Kreiscr zu bestellen, und als er am Genna-Hotel vorbeikam, benutzte er die Gelegenheit, um vor- zusprechen und vielleicht auch hier ein Geschäft zu machen. Aber Herr Baum war entrüstet über die miserable Butter- lieferung, die der Agent ihm bei der Kreiser'schen Hochzeit aufgeschwatzt hatte, und verbat sich jede weitere Offerte in alle Ewigkeit. Der also Abgefertigte ging die Treppe wieder hinunter, ärgerte sich über die wundervollen Schüsseln, die im Speise- saal servirt wurden, und traf unten seinen Freund Richard. Er nickte ihm zu nud wollte hinaus, aber der winkte ihm hereinzukommen in sein Kouiptoir. „Denk' Dir, wir haben einen Jungen, einen Prachtbengel, vorige Nacht." „Gratulire," sagte der Agent. Nichts in der ganzen Welt war ihm gleichgiltiger; Herrn Baum's Kaltherzigkeit nagte noch zu sehr an seinem Herzen, als daß irgend etwas ihn momentan in bessere Stimmung hätte bringen können, am wenigsten jedenfalls eine Mittheilung dieser Art. Aber der glückliche Vater merkte das nicht und schwatzte daraus los. Der Junge sollte Richard heißen, und der Agent müßte versprechen, als Tauspathe zu kommen. Natürlich ließ sich das nicht ablehnen, obwohl das Pathengeschenk sogleich dunkle Schatten voraus zu werfen begann. „Und dann nock eines, alter Freund," sagte Herr Kreiser, „einen großen Gefallen kannst Tu mir erweisen. Die Kosten vergüte ich Dir." Das ließ sich hören, und der Agent begann aufzu- horchen. „Ich bekomme da vor zwei Stunden," fuhr der andere fort,„einen merkwürdigen Brief von meinem Vater, der bekanntlich wegen politischer Vergehen eine Strafe in Plötzensee absitzt. Er schreibt allerlei verwirrtes Zeug von einem Geschäft, einem Glücksfall, er müsse das sofort mündlich mit mir besprechen und so weiter. Ich kann nun absolut nicht daran denken, vor Sonnabend mich über Tag frei zu machen, deshalb könntest Du die Sache für mich in die Hand nehmen. Hier sind drei Mark, fahr hin, besprich alles mit ihm und bring mir dann Bescheid." „Bon," sagte der Agent. Er warf den Thaler in die Hosentasche und war erstaunt, wie seine Baarmiltek sich heute vergrößerten. Denn die eine Mark fünfzig Pfennig seiner guten Mutter hatte er sich beim Abschiede schließlich auch noch aufdrängen lassen. (Fortsetzung folgt.) ergriff einige lose Blätter und begann vorzulesen: „In hohen Kreisen.(Das ist nämlich der Titel des Romans.) In der„Kreuz-Zeitung" lese ich(ich bin nämlich selbst der Held des Ronians) folgendes Inserat:„Thealoge oder Philologe zu zwei Knabe» als Hanslehrer gewünscht. Freie Station, kein Gehalt, aber ideale Behandlung. Musik erwünscht. Kenntnisse in Viehzucht er- forderlich." Ich melde mich, werde sofort angenontmen. Die Mutter der Knaben ist Baronin, Witlwe. neunzehn Jahre alt." („Ist das nicht zu jung für die beiden Knaben?" wandte ich ein. „Sei doch still, mei» Lieber, Du hast ja gar keine Ahnung, wie es in so vornehmen Kreise» zugeht. Ich fahre fort.") „Wie ich im Schloß anlange, ist gerade großes Reinemachen. Sännnlliche alte Ritterrüstungen werden mit Metallpiltzpoinabe blank geriebe». Die Baronin entschuldigt sich, geht mit mir spazieren. Es ist Abend, Vollmond. Wir gelangen in eine romantische Gegend, treten in eine Ruine ein. Sie gesteht mir, daß sie mich liebt." („So schnell?" „Unterbrich mich doch nicht immer. Baroninnen sind doch ganz andere Kerls wie Deine Bürgermädchen.") „Ich verhalle mich ablehnend Sie liebt mich immer toller. Be- greift garnichl, wie ein einfacher Bürgerlicher sich so adelig benehmen kann. Ich bin selbst darüber erstaunt. Ilm andern Tage empfängt sie mich in ihrem Boudoir.(Dn iveißt, ivir standen neulich in der Friedrichstraße vor einein Möbel-Sckausenster, in welchem ein Boudoir dargestellt ist. Ich habe nur Nolize» gemacht.) Ihre Gesellschafterin, die mich übrigens ebenfalls liebt, sitzt am Telephon und nimmt im Auftrage der Baronin die Liebeserklärungen in Empfang, die dieser von allen Seiten zutelephonirt werden. Nachdem die Gesellschafterin sich entfernt hat, macht mir die Baronin wieder eine Liebeserklärung. Ich gebe endlich nach. Poetische Liebesszene.(Hier werde ich meine Erfahrungen mit Julcheu Schulze idealisirt wiedergeben.) Die Baronin bietet mir ihre Hand, ich will gerade sagen:„Schreiben Sie an meinen Vater", da tritt Gräfin Eva von Apfelsblüth ein, Freundin der Baronin, siebzehn Jahre alt, übernatürliche Schönheit.(Ich lasse sie sich ungefähr so benehmen und so spreche», ivie die Gräfin Terzly im„Wallenstein", denn schließlich; Gräfin ist Gräfin.) Nun lasse ich die Baronin wieder schmachten Sie ist höchst unglücklich und begreift nicht, wie sie sich in einen Bürgerlichen so verlieben kann. Die Gräfin ist an- sangs zurückhaltend, iveil sie Bürgerliche nicht leiden kann. Ich bin noch kälter. Eine rührende Szene nähert uns einander. Sie steht auf der Wiese und liedkost ein junges Ochsenmädchen. („Halt! Ich würde doch statt„Ochsenmädchen" lieber„Kuh- inagd" sagen." „Was fällt Dir ein? Unter„Ochsenmädchen" verstehe ich ein Kalb. Das ist vornehme Terminologie." „Also, sie liebkost ei» Kalb. Weiter!") „Ich trete ihr gegenüber und liebkose ein anderes Kalb. Sie ist gerührt und gesteht mir, daß sie mich liebt. Gerade wollen wir uns in die Arme sinke», da tritt der Giusnachbar Graf von Himmelberg dazwischen. An seiner Nase sieht man idm sofort das alte blaue Blnt an. Er thut, als ob er nichts gesehen hätte und fängt an, über Sportangelegenheiten zu reden. Ich rede mit. Er wundert sich, daß ein Bürgerlicher so gut in Sportangelegenheiten Bescheid weist.(Zu dieser Szene habe ich mir schon Auszüge aus dem Sport- blalt gemacht.) Der Graf liebt Gräfin Eon ebenfalls, sieht aber zu seinem Zlerger, daß ich bevorzugt bin. Er fordert mich aus krumme Säbel. Der Graf wird genau an der Stelle verwundet, welche ich den Sekundanten vorher bezeichnete. Letztere wundern sich, daß ein Bürgerlicher sich so tapfer schlagen kann. „Ich versöhne mich mit dem Grafen und gewinne durch eine höchst edelmülhige Handlung sein Vertrauen. Ich nnlerstütze nämlich seinen armen Schneider, indem ich bei ihm zivei neue Anzüge bestelle, natürlich auf Kredit, da ich ja kein Gehalt beziehe und nichts bezahlen kann Ich treffe nun mit Gräfin Eva an einer einsamen Stelle des Parkes zusammen.(Hier werde ich eine längere Be« schreibung englischer Parkanlagen einflechten, ich habe mir schon Auszüge ans dem Konversalionslexikon gemacht.) Wir schwören uns Liebe und Treue. Plötzlich erklingt TrompelengeschiueUer. Die regierende fürstliche Familie fährt nach Monaco nud benutzt das Schloß der Baronin als Absteigequartier. Beim Diner wird über Regieruiigsangelcgeiiheiten gesprochen, ich spreche mit. Der Fürst ist erstaunt, daß ein Bürgerlicher so ver» nünstige konservative Ansichten hat. Ich nehme meinen ganzen Mnlh zusammen und bekenne mich � zu einigen kleineren demokratischen Grundsätzen, weise sogar von drei mir an- gebotenen Orden einen zurück. Er will mich zum wirklich geheimen Ministerialdirektor ernennen, ich will mir das überlegen. Sage in einem Monolog, daß ich nicht Fürstendiener sein kann. Tochter des Fürsten. Prinzessin Sophronia, sehr erfreut über meine edle Ge- sinmnig. Ich verliebe mich in die Prinzessin, obwohl ich meine schivachen Aussichten begreife. Ich will verzichten. Da findet ein großer Ball statt. Die Prinzessin befiehlt mich zum ersten Walzer, zur zweiten Polka, zum Coiitre und zum Galopp. Zuletzt befiehlt sie mich zur Liebeserklärung. Ich erkläre ihr meine Liebe, werde aber von der Oberhosmeisterin gestört, die Mick bei Seite nimmt und mir mit der Ungnade des Fürsten droht. Ich, höchst unglücklich, gehe in den Park, treffe Gräfin Eva, furchtbar eifersüchtig, erklärt, ste liebe mich nicht mehr. Ich ganz allein, halte Monolog:„Sein oder Nichtsein ist hier die Frage, setze mir die Pistole aus die Brust, da fällt mir Gras Himmelberg in den Arm.„Unglücklicher, was beginnen Sie?" „Ich verachte das Leben, wenn ich die Prinzessin nicht kriegen kann." „Aber ich weiß genau, daß Sie sie kriege» werden." „Und wenn schon? Die Gräfin Eva liebt mich nicht mehr!" Er reißt mir die Pistole ans der Hand und nimmt mir das Versprechen ab, mich nicht zu tödte». Es folgt ein Rendezvous mit der Prinzessin. Sie wird von mir immer entzückter. Begreift nicht, wie ein Bürgerlicher u. s.>v. u. f. w. „Am folgenden Tage siehe ich am Fenster meines Zimmers. Betrachte ein Medaillon mit dem Bildniß meines Vaters, den ich nie gekannt habe. Das Medaillon fällt ans der Hand durchs Fenster zu Füßen des Fürsten. Er hebt es ans, betrachtet es. wird blaß. Noch blasser. Er ruft mich, ich eile hinunter, er fragt, wen das Bild vorstelle, ich antworte. Der Fürst ruft ans:„Dann sind Sie der unnatürliche Sohn meines Vetters, des Herzogs von Bomben- stein." Große Aufregung überall. Jetzt wird es klar, wie ein Bürgerlicher n. s. w., u. s. w. Fürst umarmt mich gerührt, wird sorta» Onkelstelle an mir vertreten. Halle sofort um die Hand der Prinzessin Sophronia an, wird umgehend mit Freuden bewilligt. Kriege als Hochzeilsgeschenk 100 Quadratkilonieter Land zum Re- gieren. Regiere sehr glücklich bis an mein Ende." „Und dieser Roman, glaubst Du, wird Erfolg haben?" fragte ich, nachdem er geendet hatte. „Kolossale»! Doch endlich einmal etwas Romantisches nach deni realistischen Wust. Ich bin überzeugt, alle Exemplare bis aus das Letzte werden sofort vergriffen werden. Ja, Tu wirst sehen, ich selbst werde gcnölhigl sein, in der Leihbibliothek zu abonuiren, wenn ich meinen Roman lesen will." Nach einer kleinen Pause trat ich ans ihn zu, drückte ihm die Hand»nd sagte, nicht ohne Rührung: „Idealer Schwärmer!" Er machte eine abwehrende Bewegung und rief aus» „Das Widmnngsgedicht habe ich schon fertig." „Wem willst Du denn de» Roman widmen?" „Nun, dem Grafen von Nebelhorn." „Wie,»nserem Minister des Innern?" „Nim ja, sein Privatsekretär ist ein alter Mann und kann jeden Augenblick pensionirt werden."-- M. H. Mleincs IsfmlU'ttm. h. d. Abfälle. Hastig schleicht die Alte vorwärts. Um die Ecke biegen schon einige Wagen in die Straße. Die Hufe der Pferde klatschen in de» schmelzenden Schnee, der von heftigen Windstößen niedcrgetrieben ivird. Sie zittert und beugt das Gesicht vor den» Schnecwind. Rasch vorwärts, rasch vorwärts! An der Ecke sieht sie einen Augenblick auf. Die ganze Straße mit Wagen gefüllt. Um die elektrischen Kugeln an dem gegenüberliegenden Gebäude, das nur aus großen Fenstern besteht, tanzen Schneeflocken wie Mückenschwärme. Sie geht jetzt langsamer. Es ist noch nicht zu spät. Ans den großen Thoren kommen fortwährend Männer mit Apfelsinenliste». Fleischmollen und Kohlkörben. Das ivird alles aus die Wagen ve> packt. Da stehen sie bunt durcheinander: große, ilMgitterto Obstwagen, flache Schlächterwagen mit frischen Nindervierteln, von denen noch das Blut tropft, und Hnndivagc» in allen Größe», vier- räderig und zweiräderig. Unaufhörlich fluthct der Strom der Händler und Träger anS und ein. Zwischen den Männern in wollenen Jacken kräftige Frauen mit dem rücksichtslosen Nlisdrnckc der Händlerinnen. Rufend drängen sie durcheinander. Jetzt ist der Höhe- punkt des Lebens in der Zenlralinarkthnlle. Wenn die Dämmerung noch mit der Nacht ringt und sie Schritt für Schritt zurückdrängt, arbeiten hier die Händler l»it erhöhter Spannkraft, um zur rechten Zeit dem Rtesenleib Berlin die Nahrung vorsetzen zu können. Die Alle geht langsam durch das Treiben. Ihre Erscheinung fällt nicht auf, trotzdem das elektrische Licht die ganze Aermlichkeit ihrer Kleidung enthüllt, lieber einem zerschlissenen Rock trägt sie als Schürze ein Stück graue Snckleinewand, das sie mit einem Bind- faden um den dürren, schlotternden Leib gebunden hat. Eine schmie- rige Jacke hüllt den Oberkörper ei», ivnhrend ihr Gesicht mit den gebrochenen. Linien und verglimmenden Augen des Alters von einem löcherigen Kopstuche umgeben wird.— Mit gekrünnnlem Nücke» schleicht sie an der Mauer der Markthalle hin. Sie sucht bei jedem Tritt eine Stelle, wo ihr Fuß, der in brüchigen Schuhe» steckt, nicht.zu sehr in die kalte, durch- dringende Nässe des geschmolzenen Schnees tritt. Hier an' der Mauer ist sie ja auch vor den Schnccschancrn geschützt, die immer noch die Straße. entlang jagen und die Pferde und Wagen weiß bewerfen. Arn' Thor bleibt sie stehen; sie läßt die Menschen'vor- überhasten. Ach ist das schön! Vor drei Jahren ging sie auch»och in dem Strom heraus und herein— die schwarze Geldtasche ningehängt. Aber der Mann hat alles diirchgebracht— hat alles durchgebracht— der Mau»!-- Sie dreht sich um und wischt sich mit der Schürze das nasse, triefende Gesicht. Ja— die Männer— die verstehen nicht so schlau zu handeln ivie die Frauen. Und dann trinken sie— die verfluchte Kneipe da drüben. Sie ist schon wieder erleuchtet, und eine ganze Menge Männer sitzt hinter den schwitzenden Scheiben. Auch Frauen gehe» hinein. Ach, die trinken jetzt erst, nachdem sie ihr Geschäft besorgt habe», ihren Morgenkaffee. Ach, wie schön das riecht! Sie lugt hinein in die hellerleuchtete Halle. Doch es ist nichts von draußen zu erkennen. Nur an dem Geruch, der herausdringt, merkt sie, daß heute viele Bücklinge ver- handelt werden. Der Bücklingsgeruch unterdrückt den Kohl-, Apfel- sine»- und Fischdnnst fast gänzlich. Bücklinge— in Bücklingen hat sie das»leiste Geld verloren— durch ihren Mann. Des Morgens ist der Geruch am schönste». Da ist noch alles frisch. Und sie ist jeden Morgen da, um diesen Dunst einzusaugen. Das ist'ihr so nothwendig, wie and->'en das Rauchen und Essen. Und wenn die W gen nach und nach fortfahren, wenn die Straße ivicder leerer wird, geht sie umher und sucht das auf, was bei dem Anspacken verloren gegange» ist. Hier liegt ein angestoßener Apfel, dort mehrere frische Kohlblätter und drüben sogar ein grüner Hering. Alles packt ste in eine Kiepe, die sie unter dem Arm trägt. — So streift sie um die Markthalle herum, die Abfälle auflesend, Tag für Tag, Morgen für Morgen.-- 1535 Millionen Menschen bewohnen nach den neuesten Mit- theilungen den Erdball, das ist um 23 Millionen mehr, als man im Jahre 1396 feststellte. An dieser Erhöhung partizipiren, wie wir Hübner's Geogr.-statist. Tabellen entnehmen, alle Erdtheile, und zivar Europa mit 5,7, Asien mit 6,2, Afrika mit 7,2, Amerika mit 3,2 Millionen. Infolge ihrer großen Bevölkerungszunahme (2,8 Millionen) repräsenliren die Vereinigten Staaten mit ihren 72,3 Millionen Einivohnern gegenwärtig mehr als 53 pCt. der Gesantuiibcvölkernng von Nord- und Südamerika, ein höchst bedeutungsvolles, in keinem anderen Erdtheile wiederkehrendes Berhältniß. Die Bevölkerung Enropa's erhöhte sich aus 378,6 Millionen, beträgt also etwa ein Viertel der Gesannnt- bevölkerung der Erde; davon umfassen das europäische Ruß- land 28, Deutschland und Oesterreich-Ungarn zusammen 26 pCt. der europäischen Bevölkerung. Alle drei Staaten zusammen haben also in Europa erst jenes Gewicht, das die Bereinigten Staaten in 'Amerika allem besitzen. Merkwürdig ist das Berhältniß der Ver lheilnng der Bevölkerung in lltußland. Nebe» den enormen Un- gleichheiten i» der Volksdichligkeil der Gouvernements fallen nämlich die Differenzen im Zahlenverhältnisse der Geschlechter ans; haben doch alle asiatischen und südlichen Gebiete sowie die meisten polnischen Gouvernements einen oft sehr bedeitlende» Männerüberschuß, während die nördliche» und westlichen Gebiete, auch die industriellen Gouvernements, einen Frauenüberschuß haben. Ein ganz anderes Bild als Rußland zeigt das 1836 ermittelte Zählungsergebuiß in Frank- reich.. Danach hat»äiulich in den letzten fünf Jahren eine Ver- mehrnug nur durch Eiuivandernng, und nur um 174733 Menschen statt- gefunden. Die Auswanderung aus Europa ist, nachdem sie 1395 etwas stärker war. 1396 tviedcr zurückgegangen. Es sind nämlich ausgewandert aus dem Deutsche» Lieiche, ans Belgien, Groß- brilannien, Italien, Oesterreich-Hngar», den Niederlanden, Schweden, Norivegen, Dänemark, Schweiz, Frankreich und Spanien 1895 476 874 Personen, während umgekehrt im gleichen Jahre in den Bereinigten Slaalen, dann nach Anstralie»,'Argentinien, Uruguay und Brasilien 531 385 Personen einivanderten. 1896 sind in die Vereinigte» Staaten allein nur 361 667 Personen gegen 342 336 im Jahre 1895 eingeivaudert und umgekehrt ans Deutschland, Groß- brilannien, Italien und der Schiveiz nur 239 777 Personen gegen 367 377 im Jahre 1835 ausgewandert.— Kunst. — In Florenz hat man in der Kirche Oguissanli Fresken von Ghirlandajo entdeckt, die für die Kunstgeschichte der italienischen Renaissance sehr wichtig sind. Sie waren aus literarischen Quellen(Vagari) bereits bekannt und enthalten auch das Bild des berühmten Seefahrers Amerigo Bespncci. Die Malerei ist vortrefflich erhalten.— Erziehung und Unterricht. — Staatsbeiträge zum Hansfleiß- Unterricht wurde» im Jahre 1896 in Schweden an 2743 HauSfleiß- Abtheilnngen ausbezahlt gegen 2483 im vorhergehenden Jahre. Im Jahre 1378, als der Beitrag zum ersten Mal bewilligt wurde, kam derselbe 163 Abtheiluugen(„Schulen") zugute. Obgleich das Fach (im Schwedische» nennt man es Slöid) nicht gezwungener Unter- richtsgegcustand weder in den Volksschulen noch in den höheren Schulen ist, gewinnt es mit jedem Jahre eine größere Ausbreitung. Volkskunde. — u e b e r die„ V o l k s t r a ch t e n- B e Iv e g u n g" in Baden und Bayern hat der Freiburger Universitätslehrer E.H. Meyer neulich eine Studie veröffentlicht. Er kommt darin zu dem Schlüsse, daß die. Volkstrachten-Bereiue sowohl in der Erhaltung.wie mit der Wiederbelebung der Dörflerkleidnng vergebliche Arbeit verrichten. Bon ganz vereinzelten Gegenden abgesehen, liege dem Bauer selbst nichts mehr an seiner originellen Tracht ans früherer Zeit. Nicht Bauern, sonder» Städter sind Gründer der Trachlcnvereine. Dein Bauer ist von den Städten Fl« alles genommen und megbeschlossen worden, was ihn in seiner Eigenart und Abgeschlossenheit ließ, alles haben die Slädte an ihm inodernisirt, jetzt wollen sie ihm eine» Rock aufdrängen, den er selbst nicht mehr will. Die alle Bauerntracht ist nicht billig, sondern oft sehr luxuriös. Was in seinem natürlichen Bestand ein Stück Poesie unseres Volkslebens war. würde zum Dekorationsstück werden. Auch die Volkstracht fällt der natürlichen Entwickelung der Duige zum Opfer.— Gesundheitspflege. K. Genügt die. ch e m i s ch e R e i n i g n n g" z u r D e s- i n s c k t i o n r>o n l e i d u» g s st ü ck e>>? Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß die sogenannte chemische Reinigung von Klei- dungsstücken, neben der Entfernung des Schmutzes, auch einen ge- nügeudcn Schutz vor der lllnsteckiingsgesahr bielc. Thalsächlich wer- den sehr oft Kleidungsstücke von Leuten mit ansteckenden Krankheilen chemisch gereinigt, um die in ihnen enthaltenen Kraukheitskeime zu vernichten. Da nun aber diese Neiuignng lediglich dadurch geschieht, daß die Kleider in groben Trommeln mit Benzin tüchtig, oft mehrere Stundenlang, durchgeschüttelt werden, und das Benzin keinerlei des- inficirendc Wirkungen hat, werden die in den Kleidern enthaltenen Bakterien„nicht" getödtet, sondern bleiben erhalten. Natürlich bleibt daher auch die Anstccknngsgesahr durch diese gereinigten Kleider vollständig besteben, wodurch eine Verschleppung der Krank- heit sehr leicht inöglich ist. Nach genauen Unlersuchnnge», die Riiepp kürzlich veröffentlichte, müssen die jkteidungsstücke von Leute», die mit einer ansteckenden Krankheit behaftet waren, vor der Reinigung einer gründlichen Desinfektion unterworfen werde», um alle Gefahren zu beseitigen.— Ans dem Thierreiche. — Ueber die Sa».Jos6-Schildla us oder Blutlaus schreibt Dr. Heinrich Tohrn, der Vorsitzende des Stettiner Enlomologischcn Vereins, der„Ostsee-Zeilnng" folgendes:„Da die Blutlaus berufen scheint, jetzt eine handelspolitische Rolle zu spielen, gestatten Sie mir, darauf aiifmerksai» zu machen, daß dieselbe in Deutschland seit alter Zeit reichlich vor- Händen ist. In unserer Stettincr Gegend ist ihr Vorhandensein so gut bekannt, daß der Garlenbau-Verein seit Jahren die Obst- züchter vor derselben gewarnt und guten Rath gegeben hat, wie ihrer Verbreitung entgegenzutreten sei. Mir ist serner ans eigener Anschauung bekannt, daß in der Gegend von Frankfurt a. M.. südlich des Mains, große Strecken in solchem Maße von der Blut- laus schon vor langen Jahre» befallen waren, daß man die Kultur der Slpfelbäume für undurchführbar hielt und gänzlich ausgab. Der Schrecken vor einer Verseuchung Deutschlands mit Blutläusen ist meines Erachtens nicht mehr gerechtfertigt, als seiner Zeit die Angst vor dem Koloradokäfer, die vielleicht noch in der Erinnerung lebt. Uebrigens möchte ich bemerken, daß Blutläuse gewöhnlich nicht an den Früchten leben, noch weniger im Innern der Fruchte"... Aus dem Pflanzeulebe». is. Ueber die Wirkung der Röntge n'schen Strahlen auf lebende Pflanzen hat Alkinson von der Cornell- Universität(New- Jork) eine Reihe interessanter Versuche gemacht, die, ganz im Gegensatz zum Verhalten des menschlichen Organismus, eine große Unempfindlichkeit der Pflanze».'gegen diese Strahlenarl bewiesen haben. So setzte Alkinson,»ine Caladium»Pflanze, ein Kind des tropischen Süd-Amerika's, 1 Stunde und 13 Minuten den Röntgen- fchen Sirahlen aus. ohne daß eine schädliche Wirkung zu beobachten war. Dann nahm er ganz junge Pflänzche» von Gctreide-Arten: Hafer und Hirse, ferner von der Sonnenblume und vom Radieschen und setzte sie 10 Stunden lang den Strahlen aus. ebenfalls ohne den jungen Pflanzen zu schaden. Wenn die Versuche mit älteren Pflanzen gemacht wurden, die in einem dunkele» Zimmer getrieben hatten und deshalb kränklich waren, so zeigte sich doch nach einer bstündigen Behandlung mit Röntgen'schen Strahlen keine Ver- schliinmerung ihres Zustandes, selbst wenn sie, wie z. B. eine Begonia-Blüthe, nur 10 Zentimeter von der Röhre entfernt ge- standen hatten. Nur wenn ganz junge Pflanzen, die gerade in der Dunkelheil gekeimt hatten, volle 4S Stunden den Strahlen ans» gesetzt wurden, so zeigten sie insofern eine Verzögerung in ihrer Entwickelung, als sie sich langsamer als andere Pflanzen von den Krankheitserscheinungen erholten, die sie infolge des Lichtabschlusses gezeigt hatten. Wurde das Licht aber nicht abgeschlossen, so waren selbst 4S Stunden der Bestrahlung ohne sichtbare Wirkung. Merk- würdig ist die Thatsache, daß die Röntgen'schen Strahlen die Wirkung habe», daß sich die Pflanzen ihnen zuneigen. Eine Wirkung aus das Wachsthum von Schimmelpilzen besitzen sie nicht, ebenso wenig einen Einfluß ans verschiedene farbenbildende Bakterien. Auch der gemeine Bazillus(Bacillus communis) wird in einem Medium, in dem er sich frei bewegen kann, von den Strahlen weder angezogen noch abgestoßen. Sogar die empfindlichen Sinnpflanzen, wie die Mimose, ferner die sogenannten Echwingfäden, Algen, die sich durch die pendelnde Bewegung ihrer Fäden auszeichnen, scheinen gegen die Röntgen'schen Strahlen gänzlich unempfindlich zu sein.— Meteorologisches. — lk. Schneebildung und Temperatur. Die Schnee- flocke stellt bekanntlich einen Krystall dar. Die Form, in welcher der Beranlwortlicher Redakteur: August Jacoben in fQ\ Schnee krystallisirt, ist sehr mannigfaltig. Man hat in letzter Zei die Schneelrhstalle mit Hilfe der Mikrophotographie photographirt und war auf diese Weise leicht im stände, die Schneekristalle genau zu untersuchen. Man kann tafelsörmige und sänlen- förmige Schneekryslalle unterscheiden. Auch Kombinationen von beiden kommen vor. Die tafelförmigen Schneekrystalle erscheinen als strahlige Sterne oder als Plätlchen oder als Kombination von strahligen Sternen und Plätlchen. die sättlenförmigen Schneekrystalle kommen als Prismen oder Pyramiden vor. Was die Teinperalur betrifft, bei welcher Schnee fallen kann, so hat man(natürlich in sehr seltenen Fällen) noch bei S Grad Wärme Schneeflocke» beobachtet und andererseits kann noch bei 18 Grad unterm Gefrierpunkt Schnee fallen. Am häufigsten fällt Schnee bei etwa 0 Grad.— Hu>uorisiisls)cs. — Schön gesagt, aber...(Aus einer Tbeaterkritik der »Voss. Ztg.")...„Frau Gcßner ist i» die Hermione so tief hinein- gedrungen, wie es ihre Natur gestattet. Wenn sie uns nicht das zu L>lein gewordene Medusenantlitz der Wolter zeigen kann, so enthüllt sie dafür die innerste» Faser» des Herzens einer keusch liedenden Fra» und einer ins tiefste Mark getroffenen Mutter. Und das ist viel werth!"...— — Fürsorglichkeit einer getreuen Ehehälfte. Ein in einem Vororte von Dresden seßhafter Schneidermeister hatte unlängst jenseits der Elbe eine geschäflliche Angelegenheit ab» zuwickeln und machle sich deshalb, trotz des bänmebrcchenden und schornsteinknickenden Slnrmes ans die Reise. Der Windgott pustete in die Falten des schneiderlichen Mantels, der ab und zu auf der einen Körperseite mit solcher Heftigkeit an die Sciiei.kel schlng, daß unserem Wanderer vor Schinerz und Angst dicke Schweißtropfen auf die Stirn traten. Er initersuchie schließlich seine Manteltasche an der fragliche» Seite und fand darin zu seinem nicht geringen Er- staunen ein F n n s p f n n d g e w i ch t. das, ivie sich bei seiner Heimkehr heiansstcllte, die liebende Gallin behnss Erhöhung des Körpergewichts ihres etwas schmächtigen Eheherrn in dessen Tasche gesteckt hatte.— Vermischtes vom Tage. — In der Nähe von Borkum ist der Postdampser„Karnack' mit der Hamburger Bark„Poncho" zusammengestoßen. Letzlere ist zunächst weitergefahren, aber seitdem verschollen. Da jetzt zwei Leichen und Schissstrümmer in Borkum angetrieben wurden, ist wohl kein Zweifel mehr, daß sie untergegangen und die Mannschaft, 15 Personen, ertrunken ist.— — Auf der Aschenhalde der F a n n y- F r a n z h ü t t e bei K a t t o w i tz wurde der neunjährige Sohn eines Bergmanns in vollständig verkohltem Zustande aufgefunden. Er sollte im März vorigen Jahres i» eine Zivangserziehnngs- Anstalt gebracht werden und trieb sich seitdem Kerum.— — Das Hochwasser der Weichsel ist im Sinken. Der Fluß hat mittelstarken Eisgang.— — An der russischen Grenze wird von preußischen Bewohnern sehr über die r u s s i s ch e n S p ü r h u n d e geklagt, die den russischen Grenzsoldaien beigegeben sind, um Schmuggler anfzuspüren. Es sind schon mehrfach Leute von den frei hernmlausendcn Thieren au- gefallen worden. Auf russischem Gebiete habe» die Bestien schon verschiedene Passanlen, auch Kinder zerrissen.— — In dem Schnellzug Brüssel-Paris wurden am Sonntag einer Dame, während die Reisenden im Restanraiionswage» speisten, 150 000 Fr. Baargeld und ein Diamanlschmuck im Werth« von 100 000 Fr. gestodlen.— — Bei de» Stürmen, die am 1. Februar zwischen C o m o und Bergamo wütheten, sind nnhez» 100 Menschen ums Leben gekommen. Der verwüstete Landstrich ist der Hauplsitz der italienischen Seiden» und Baumwolleii-Jndustrie.— c. s. Eine schwerreiche Frau und ihre iOjährige Tochter wurden in A n k o n a in ihrer Wohnung e r st i ck t a n f g e s n n d e». Mau nimmt an, daß die Mutter, die perverse Neigungen hatte, erst ihre Tochter und dann sich selbst getödtet hat.— — Aus Antwerpen wird berichtet, daß der am 25. November v. I. mit Kohlen nach Alcxandria abgegangene Dampfer „M e n e s" v e r s ch o l l e n ist. Die 24 Mann starke Besatzung ist zweifellos umgekommen.— Aus Montreal wird der Unter- gang des DampserS„Pelican" gemeldet. 25 Personen sollen dabei ertrunken sein.— — In London erschoß ein junger Pole seine Geliebte und deren Liebhaber, die er bei einem Stelldichein ertappt hatte, und verwundete ein Dienstmädchen, das ans die Schüsse hin herbeigeeilt war.— — In Top haue(Türkei) sind bei einem großen Brande 70 Häuser eingeäschert worden; mehrere Personen sind verbrannt, viele Feuerwehrleute verwundet.— — Seit 30 Jahren hat in der Kolonie Viktoria (Australien) nicht eine solche Sommerhitze geherrscht, wie in der letzten Woche. Bei zahlreichen Bnschbränden ist viel Vieh um- gekomme»; viele Leute sind obdachlos geworden.— rliii. Druck und Verlag von Max Vadiiig in Berlin.