Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 30. Freitaq, den 11. Februar. 1898. (Nachdruck verbo»».) � Nlltngslvttte. Roman von Wilhelm Rteyer-Förster. Alles in allem war aber Herr Kreiser seiner betrübten Stimmung wegen jedenfalls nicht zu tadeln. Jemandem eine große Freude machen zu wollen und dann sehen zn müssen. daß dieser Jemand deshalb nickt kommt, weil er nicht weiß, was wir ihm Gutes thun wollten—, das thut sehr weh. Philosophen haben gut rede», schließlich sind wir doch nur schwache Menschen im Handeln und Denken. Er Hub nun an zu sprechen und setzte dem Agenten den Sachverhalt auseinander. ziemlich breit und langweilig, von seines Bruders Jugend beginnend und mit den fünf Millionen abschließend. Der Agent saß, saß. schaute, saß, kingelte unbewußt mit seineu lumpigen Thalerstücken und»lachte ein über alle Be- griffe einfältiges Gesicht. „Und nun," schloß Herr Kreiser,„gehen Sie zu meinem Sohne und bitten Sie ihn noch einmal zu mir zu kommen. Denn ich bin ein alter Mann und kann sterben." Im ganzen Lebeil hätte er diese rührsame Schlnßwendung nicht gefunden, jetzt war sie etwas Erhabenes und Natürliches. Die Besuchszeit war zu Ende, und der Agent mußte gehen. Er war so vor den Kops geschlagen, daß er in der ganzen Zeit kein einziges, ruhiges, vernünftiges Wort gefunden hatte, keinen Trost, keinen Glückwunsch, nichts von dein neugeborenen Richard Kreiser—, platterdings gar nichts. Er saß, hörte zu, stand auf und ging wie ein Holzstock. Der Wärter geleitete ihn ivicder hinaus und einige Miiuilen später befand er sich auf dem Heimwege. Aber jetzt kam er zur Besinnung. Diese Stunde, diese ganze Entseiibung uach Plctzcnsce war ein Fingerzeig von oben. Wenn er diesmal wieder das Glück aus der Haiid gleiten ließ, verdiente er—— „Fünf Millionen! Krcisers!" Es war zum Schivindeln, zum Umfalleii. Er kam an eine Destille, trat ein und ließ sich eine Weiße geben. Nur erst mal Ruhe, nur erst mal nachdenken. Plötzlich sprang er ans>vie von einer Tarantel gestochen. Wenig fehlte und er iväre fortgelaufen ohne zu zahlen. Glück- licherweise saß an der Thür ein hagerer, kräftiger Mann, der auf der Wirrhin Ruf hin des Agenten Rockzipfel noch er- haschte. Die Gäste waren empört, die Wirthm erst recht. Als der Verdächtige aber mit seiner gcwohnteil Handbewegung eineii riesigen Hänfen Geld aus seiner Tasche zog, auf den Tisch warf und zioanzig Pfennig heraussuchte,>var mau beruhigt. Er trank am Büffet iiorh einen Kognak und stürzte dann davon, worauf der Hagere behauptete, der Mann sei ans Dalldorf. An der nächsten Ecke sprang der Agent in eine Droschke und fuhr nach Kiinze's Blittergeschäst, Orallienburgerstraße 19. Jetzt. Glück, hilf! XXI. Die Droschke rasselte in leidlich guter Pace durch die Vor- stadt, der Agent niachte die Augen zu und versuchte alle Denk- krafc aus einen Punkt zu konzentriren. Ein einziger falscher, voreiliger Schritt, eine verlorene Minute, ein unrichtiges Wort konnten alles für ihn zn nichte machen. Wahr- scheinlich ivürde die Sache heute Abend oder morgen früh in allen Zeitungen stehen; hatte er bis dahin sein Ziel nicht erreicht, so war alles ans. Er sah nach der Normaluhr, sie zeigte bereits halb fünf. Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und diese elende Nosinante wurde mit jedem Schritt langsamer. Noch>var er unter den Bekannten der Familie der einzige Wisser des großen Ereignisses, aber die Mlnuten jagten wie galoppirende Windhunde, nnd der elendeste kleine Zufall konnte den ganzen Plan ins Wasser werfen. Ter Butterhändler mußte über seinen Agenten mit Recht erstaunt sein. Er warf fünfundvierzig Mark auf den Tisch, bat. umgehend das Fünfzigpfundsaß unten in seine Droschke zu bringen und war so aufgeregt, zerfahren und unstät, daß der Bniterhändler noch längere Zeit nach seinem Davonraseu psychologische Betrachlungen über ihn anstellte. Als die Droschke am Gcnua-Hotel vorbcipolterte, lehnte der Agent sich vorsichtig zurück, um von Richard nicht gesehen zu werden. Der stand jetzt vor der Thür und nahm mit saurer Miene von einem abreisenden Fremden den ObolnS einer halben Mark entgegen. Er schob das kleine Geldstück in die Westentasche. Ivo er es am andern Morgen vorfand. Er erinnerte sich dann, daß es das letzte Trinkgeld seines Lebens war, und vorweg sei bemerkt, daß dieses unscheinbare Geld- stück zu Ehren gekommen ist und auf dem Knopf eines wundervollen Silberhnmvens die nachkommenden Geschlechter der Kreisers an die ehrenwerthe Denkweise ihres Ahnherrn ge- mahnen soll. Ter alte Derfflinger liebte es, an der Hoftafel sich seiner Schneiderzeil zu erinnern, nnd nichts machte dem nun auch schon verstorbenen Geheimen Kommerzienrath Nathan v. S.... mehr Freude, als wenn er seinen hoch- adligen Schwiegersöhnen oorampnblioo erzählen konnte, wie theuer anno vierzig die Hasenfelle waren. Solche Bescheidenheit und wackere Gesinnung erregen erst Stauneu nnd Unbehaglichkeit, schließlich aber doch gewaltige Achtung, und für hervor- ragend situirte Emporkömmlinge giebt es gar kein besseres Mittel, um die Gediegenheit ihres Empfindens in das rechte Licht zu stellen; ganz abgesehen von dem großen Vortheil, daß sie damit blaublütige Verwandte auf den Tod zu ärgern in der Lage sind. Ein ausgezeichneter Zufall, daß der Agent seinen Bruder Christian zu Hause traf! Der Pastor faß in einer un- durchdringlichen Tabakswolke und studirte seine nächste Sonulagspredigt. Natürlich hatte er jetzt seine eigene Wohnung, wo er mit einer bejahrten Haushälterin und dem größten Fleischerhunde Berlins hauste. Für Köter dieses Kalibers hatte Cyristian eine seltsame, seinem Stande nach wenig paffende Vorliebe, und das Scheusal von Aladin hatte schon viele Besucher, Amtsbrüder, alte Damen und Konfirmanden auf den Tod geängstigt. Die nichts ahnende Tante, die bei seinem Geheule vor Schreck mit dem Regenschirm nach ihm schlug, hätte er beinahe ermordet, und seitdem war sie in Christian's Wohnung nicht wieder erschienen. Sie bat ihn wiederholt, das Thier abzuschaffen, und da er das nicht that, war der Tante abgöttische Vorliebe für Christian wesentlich abgekühlt. Sie besuchte feine Predigten weniger häufig und ließ Christian's Mutter gegenüber unheimliche Andeutungen bezüglich ihres Testaments fallen. Indessen der Pastor hatte jetzt sein gutes Auskommen und sah der Zukunft seiner Finanzen ohne Sorge entgegen. Täglich mehr kam er zu der Ueber- zengnng, daß die wackere Taut« ihn dreißig Jahre lang teuflisch gequält habe, und so fiihlte er keinerlei Neigung, Aladin ihre» Launen zu opfern. Der Agent war von dem Sturmlauf über drei Treppen ast außer Athem, und die Tabakswolke drohte ihn zu ersticken. „Frag' nichts, sag' nichts, aber leihe mir zwanzig Mark." Das war alles, was er zunächst hervorbrachte. Natürlich kommt auch Pastoren eine solche Bitte nicht immer gelegen, und Christian wollte Ausflüchte machen. „Ferner Deinen besten Anzug und einen Zylinder. Frag' nichts, sag' nichts, ich habe keine Minute zu verlieren," voll- endete der Agent seine Anrede. Er wartete auch garnicht erst eine Antwort ab, holte ans dem Kleiderschrank alles Nolhwcndige und begann zu Aladin's Staunen sich seiner Kleidung zn entledigen. Christian war ein Lamm, dieses Vorgehen seines Bruders aud er jedoch unpaffend, wenn nicht gar frech. Er gab dieser Ansicht auch Ausornck, aber der Agent ließ sich aus keinerlei Auseinandersetzungen ein. „In zwei Stunden bin ich wieder da. Gieb' das Geld heraus, thne es in meine Hosentasche,— ich sage Dir, es gehl großes vor." Kurzum, er ließ den Pastor garnicht erst zum Nachdenken kommen, nahm dessen beste weiße Kravattc, verbrauchte einen halben Topf der thenren Rindermark-Pomade und goß in der Aufregung Waschwaffer auf den Teppich. Der letztere Um- tand brachte Christian in ernstlichen Zorn, aber im nächsten Moment war sein Bruder bereits hinaus. Ans dem Tische über der Predigt lag dessen Weste, am Ofen das Beinkleid, auf dem Schreibtisch der ziemlich fleckige Rock, der vor zwei Jahren mit Christian's Ersparnissen angeschafft worden war — der ganze stille Frieden war vernichtet und au ein Studium nicht mehr zu denken. Schon aber rollte des Agenten Droschke mit dem Butter- saß weiter. Noch war mit Christian's Gelde zweierlei zu be- sorgen; ein Paar hellgrauer tadelloser Handschuhe und ein Rosenboqnet mit Allasschleifc. Die Thurmnhren sctilngen sechs, als er endlich vor dem Hause des Jnstizraths Simon hielt. Er dezahlte den Kutscher und gab ihm zwanzig Pfennig extra für Hinausschaffen des Fasses. Nun stand er oben, neben ihm das Faß, und er klingelte. Riete machte ziemlich erstaunte Augen, als der fremde Herr ihr das Butterfaß übergab und zugleich sich erkundigte, ob Fräulein Kreiser zu sprechen sei. Natürlich wurde er sofort vorgelassen. denn Zeit ihres Lebens hatte Aenncken noch keinen Besuch mit Visitenkarte erhalten. Sie war eben beschäftigt, in dem von Rieke entliehenen Räuber- roman zu lesen und bei der romantischen Entführung und Gefangennahme Bertha Kollignanis heiße Tbränen zu vergießen. Nun trocknete sie rasch ihre Augen, warf die Hefte unter das Sopha und ließ Riete schleunigst untersuchen, ob ihr Anzug in Ordnung sei. Artiger konnte kein Kavalier vor seiner Dame sich ver- neigen, als der Agent vor Fräulein Aenncken Kreiser. Er ermähnte in Kürze das Butterfaß, das er doch selbst habe bringen wollen, und überreichte ihr dann— wenn auch ohne rechten Uebergang, so doch mit feiner Grazie— das Bouquet._(Fortsetzung folgt.) Iviachdriilk verbot«».) T V Ol u 0 V. Von Hans O st iv a l d. Der kalte Morgenwind spielte mit den heradgefallenen Blättern und jagte sie über die Pfütze», die zum ersten Male im Jahre mit einer diiime» Eisdecke belegt waren. In den Jläderspuren des Weges zog sich das Eis glatt hin wie eingelegte Schienen, die geradeaus nach der Stadt führten. Ad und zu flog vom Wege eine schwarzgraue Krähe anf und hob sich mit langsamen Flügelschlägen über die braunen Sturzäcker. Endlich kam ich der erste» Mauer der Stadt näher. Es war eine lange, gelbe, gar nicht hohe Mauer, hinter der ich nackte Zweige kleiner Eschen und die Spitzen vieler Grabkreuze bemerken konnte— es war der Friedhof. Auf dem Wege kam mir eine dunkle Masse entgegen. Dicht am Friedhofsthor, das weit geöffnet war, zog sie an mir vorüber. Zuerst hinter einer kleinen Miisikbande einige schwarzbefrackle Herren, denen der Morgenwind die Hände und Gesich er ganz rolh gefärbt hatte. Sic trnge» auf Sanunet» und Seivcnkissen Orden-- abzeichen. Hinter ihnen kam der von zwei»lageren schioarzen Gäulen gezogene Leichenwagen, anf dessen Giebeldach ein silberner Engel kniete. Der gelbe Sarg war mit Blumenkränzen überschüttet. Den» Wagen folgte mit gesenktem Kovfe eine»vohlgenährte Frau, von deren Hut ein dicker Flor»vehie. Neben ihr gingen zivei glattrnsirte Priester,»nd dahinter schritt eine n>oktg«ord>iete Schaar Männer in schwarzen Röcken und Zylinderhüte». Der erste von ihnen trug halb gesenkt ein Banner mit kleinen Florsedleise», die andcren schulterten blanke, derbe Gewehre— ein Kriegerverein. Nebenher liefen eine Kinder- schaar und mehrere Erivachsene. Unter diesen siel n»r ein dürrer, gebückter Mann auf, der seiner dunklen Kleidung nach offenbar zu den Trauernden gehörte. Ans den Boden starrend, die Hände über der Brust in die Aerniel geschoben, trottele er langsain dahin. Die iveitc», aber zu kurze» Kleider schlotterten»in seine hageren Glieder. Als der Zug in den Kirchhof einbog, schwenkte er mit ein, während die ander» hinterdrein liefen-.. Ich hatte im ersten Gasthof vor der Stadt Halt gemacht. Man erivartele hier offenbar viele Gäste. Der gescheuerte Fubbooen ivar frisch mit Sand bestreut, und die Glaser standen alle blank anf dein Schänklifch, während der Hausknecht eben seine blaue Schürze vor- band. Nach einem Weilchen hörte man dreimal ein miregelmähiges Knattern. „Heut' schießen sie aber schlecht!" sagte der Hallsknecht zu der eintretenden Wirthin, die sich, ohne zu antworten, anf einen Stuhl hinter den Schänklifch setzte. Nach einer Viertelstunde karncn die Gäste. Tie lustige Musik, mit der sie amnarschirtci». brach vor de»» Lokal ab. Der ganze Kriegcrverein füllte nach und nach das große Gast- »immer, das nach drei Seilen Fenster hatte, sodaß stets die Sonne hereinscheinen konnte. Trotzdeu heute der Hiniincl nicht bewölkt war. kamen ihre Strahlen doch nur malt nnd grau herab, ei» »vcißlichcr Dunst fchivcdle in der Luft. Er ließ die Souuenschcibe zwar größer, aber desto undeutlicher erscheinen. Ihr Licht beglänzte die Hüte der Krieger derartig, daß sie noch viel schäbiger anssahei», als sie»virklich sein mochten. Der Hausknecht lief mit vollen Händen hin nnd her zwischen den Männern. Als hier und da einer gesprächig ivurde nnd die stumpfe, feierliche Gedankenlosigkeit von den Gesichtern schivand, ging plötzlich mit schrillem Klingeln die Thür auf nnd der alte, hagere Man» kam herein. Der Hansknecht schob ihm einen Stuhl all den Tisch, au dem die Ersten des Vereins saßen. Anfänglich war wieder alles still geworden. Erst als jeder mehrere Glas Bier oder Schnaps getrunken hatte, ivnrden die Gespräche wieder anfgenominen»nd die Tranennaske abgelegt. Viele zogen ihre Thoiipfeife» hervor und qualinten, daß die Be- leiichnmg i»»»»er grauer ivurde. Eiiizel»e gaben die steife Haltung aus und rückten sich die Stühle bequem. Nach einiger Zeit erhob sich der mit einer blauweißen Schärpe geschmückte Fahnenträger. Seine rothen Haare strich er zitternd aus der schrägen Stirn, aus der eine unten uingestülple Nase ent- svrang. Dann zog jer mit der Rechten fortwährend an seinen» am Kinn ausrasirten Backenbart,»vährend er, mit de» Augen zwinkernd, die Männer»uisterle. Als endlich vollständige Stille eingelrete» war, begann er: «Meine lieben Vereinsgenoffen! In den» braven Mann, den »vir heule zur letzten Ruhe geleiten innßicn—»vir erwiesen ihm gern die letzte EKre— haben»vir ei»» unschätzbares Vereins- Mitglied verloren. Wir alle»vissen, daß er uns nicht nur ein Bereinsgenosse. sondern einem jeden von uns ei»»verther Freund ivar, dessen Verlust doppell schillerst. Und»vie rührig war er, wo es galt, Gutes, Edles zu lhun! Wer denkt nicht an den letzten Eounuer,>vo»nsere Stadt von der»mheimlichen. würgenden Typhnsepidemie heimgeslicht worden ist? Da war er es, der mit noch einigen gleichgesinnlen, edelherzigen Männern sich an die Spitze des Wohlfabrts-Ausschnsscs stellte, dem wir es zn verdanke» haben, daß jener greuliche»' Seuche endlich Einhalt gelhan ward." Ter dem Redner gegenübersitzende?lltc hatte innner mit den» Kopfe genickt. Der Redner, den dies störte, hielt einen Augenblick inne. Doch bald kam ihn» ei» neuer Gedanke. „Lieben Freunde!" snbr er mit erhobener Stimme fort;„unter nns sitzt ein naher Verwandter des unvergeßlichen Todten, sein Onkel. Bezeugen wir ihi»»nser Beileid!" Und sofort reichte er dem Allen die kräftige Hand, in die dieser zitternd seine eigene legte. Der alte Onkel stannnelle einige»in- veiständllche Worte, die er zil eine»» jeden, der ihm die Hand drückte,»viederhvlte. Es dauerte nicht lange, so war der erhebende Eindruck dieser Szene vergessen, das Stinniieiigeivirr»vnrde»nuner lauter. Baid gab es erhitzte Köpfe. Em kleiner, kahlköpfiger, griesgrämig blickender Mensch flüsterte zieinlich geräuschvoll auf cinen neben»hm sitzenden alte» Herr» ei», der»nlcr seinem Z»)linder eine bniugeslickle Sanimelmütze trug; er behielt ste anf den» Kopfe, als?>Ue ihre Zylinder anf die Holzhaken an der Wand stülpte». Mit seinen stelfen, au den Gliedern geschwollene» Fingern zog er seinen hell- granen Kinnbart glatt und schlürfte alle paar Minute» ein wenig anS seinem Schnapsglas. Er kniff die Lippe» znsaimnen. so daß nichts»»ehr von ihnen zn sehen ivar, nnd nickie nach jedem Schluck inchrmals zu den immer lalitcr werdenden Ausiührmigen seines Nachbars, dem der Schnaps die Zunge gelöst Halle. Bald ivnrden inehrcre aus die Rede» des Kahlköpfige» aufmerksam. Auch ich konnle de» Mann, der jetzt ganz laut iprach. gut verstehen. »Ja", sagte er,„nnd ivas hat er denn so Großes gelhan, das ivir nicht auch gethan haben? Hat er mehr Geld gegeben wie mir, damit die Witlwen Illid Waisen versorgt werde» konnte»? Das hat er nicht, trotzdem er reicher war als wir alle sind. I» seinen vielen Häuietn hat er fast garnichls»lachen lassen, Iroydem nuS allen seiiien Ställen die Pferdcjauche in die Briinnen floß. Und dann das Waisenhaus! Na ja, wen» er auch dazu den Grund und Boden hergab—»vir wisse» alle, mar»»» er's lhat. Seine zwei alten Liebsten Halle»»hu» ja genug Jähren hinterlasse», die er»» man so schön ans uns abwälzen konnte. Nu könne» wir ja für sie sorgen!"—— Er schlug nns den Tn'ch, daß die Gläser tanzten. „Und denn kriegt so'» Erzhallnnke noch'» Diplom vom Wohl- sabrts-Ansschuß! Na, er saß ja selbst drin. Er konnte es sich ja selbst geben!" Ter Fahnenträger»var mit schivankenden Schrilten heriiber- gekoininen nnd drückte dem Krakebler den Mund zn. Der aber, als er nierkle, daß Alle ans»bn hörten, schnttelle die Hand ab und schrie:„Ich laß mir nicht de» Mnnd verbieten! Was Recht ist. soll lliechl bleiben! Fragt mal den Onkel, ob ich nicht recht habe! Der wird's ja ivissen, hal'S ja am eigenen Leibe spüre» müssen." Der Onkel erhob sich. Mit der linken Hand erhob er sich. während er die Rechte lässig hiiilenübcr legte. Seme Augen glitten mit gebietender Ruhe über die AniveseNden. als er sprach: „Meine Herren! Ein edier Spruch heißt: Lasset die Todten ruhe»! Was ich von meinem Neffen eroiilde» mußte, geht niemand etwas an. Wenn ich seinetivegen mich im hohen Aller quacksalbernd von Dorf zu Dorf iimhertreibe» muß. so habe ich es allein mit mir anszulnachen. Ich glaube, inei»» Freunde.(Es zuckte um seinen Mund) auch Sie hätten es nicht besser mit Ihren» Onkel gemacht." Alle saßen verblüfft bei dieser Anklage; nur der Krakehler fletschte nnd spie»vülhend aus. Der Onkel beachtete das nicht und setzte ruhig seine Rede fort: „Älber ineine Herren! Anders flehen Die Sachen, wenn es sich um die sanitären Wohlfahrts-Einrichtiingen handelt. Da hat ineii» Neffe gesündigt, schwer gesündigt. Doch verstand er es besser? Sah er es irgendwo uin sich herum anders? Ueberall»lußte er bemerken, daß ein jeder auf das bische» eigenen Nnhen bedacht ivar. ohne jedoch iu bedenken, wie wenig er sich dadurch vor allem Furchtbaren selbst schützte; ja, daß er dadurch dem Zerstörende» die Wege ebnete und es zu sich ins Haus einlud." Sej,,« Stiinme wurde immer schneidender, während die Anwesenden ihm veritändnißlos ins Gesicht starrten, ans dem«ine fröhliche Kraft leuchtete. Nur der Fahnenträger winkte ihm nochmals ab, doch achtele er nicht daraus. „Ja, wenn doch endlich auch bei uns der soziale Geineinstnn ein- zöge? Unser verkümmerndes Bolk könnte ihn wahrlich gebrauchen!" Jetzt sprang der Krakebler aus und schrie gellend:„Na, da haben wir's ja! Der Umstürzler will hier Propaganda mache»! Der Hund beschimpft uns!" Einige sprangen auf:„St! S—t!" Man hielt den Wüthenden fest. Doch nun schrie er nur noch heftiger: „Recht ist Dir's, rother Hund, daß Du so einen Neffen haltest! Aber wart nur, nimmst Du es nicht zurück, daß wir ebenso sind wie Dein sauberer Neffe, schlage ich Dir den Schädel ein!" „Ich nehme nichts zurück!" rief der Zille, indem er sich ans- richtete. Bebend stieß er dervor:„Ihr— Ihr seid nur neidisch, daß Ihr nicht auch so einen Wisch vom Wohl'ahrts-ZIusschub in Euren Laden hänge» könnt. Ueberhaupt— Ihr seid alle keinen Heller mehr werlh, als mein Neffe!" Alle erhoben sich und drängten mit zornigen Gesichtern de» Allen hinaus. Der 5!rakehler machte sich los von den Händen derer, die ihn zurückhalten wollten und schlüpfte in des Alte» Nähe. In dem Augenblick, als der ohne Kopfbedeckung die Stufe» aus dem Lokal hinuntergehen wollte, stieß der Krakchler so heftig mit dem Fuß nach ihm. daß der Alle hinabstürzte und mit dein Kopf gegen einen Holzblock flog. Er wurde bleich, und es schien, als bleibe erliegen; doch richtete er sich bald wieder langsam aus und ging die Straße»ach der Stadt entlang. Kinder, die im Straßengraben das Eis eingestoßen hatten, liefen ihm nach und iinischwärmlen ihn.-- Im Gastzimmer wurde wenig, doch beftig gesprochen. Die Kriegervereinler gingen bald init beißen Köpfen gruppenweise de» Weg hinunter, ans dem die Sonne immer noch nicht die Pfützen ans- gelhaiil halte.— Vleittes Fenillekon -st- Von der Schule. Da rennen sie mir über den Weg: die Menschen der Zuknnfl. Sie sind noch klein und»nvollkoinine», aber eines Tages werden sie ebenso kräftig auj's Pflaster treten, wie der Arbeiter, der mit einem Werkzeugkasten auf der Schulter vor mir hergeht. Erst aber müsse» sie in dem rolben Hanse mit den gleich- mäßigen Fenslerreiheu ebenso gleichmäßige geistige Speise ver- schluckt haben. Da ist ein stämmiger Flackskopf. Er ist frisch vom Lande hereingekommen. Er hat sich einem kleinen, schmalbriiitigen Jungen angeschlossen; der ist nicht so laut und lebhast wie die anderen. Der Schwerfällige fühlt sich zum Schüchternen hingezogen.— Der Kleuie Mit oer große» Mappe aus dem schmalen Rücken steckt seine Händchen in die Tasche seiner ausacfranzle» und geflickten Hose. Sei» Gesicht ist grau, wie das aller Atenschen, die in schlechter Luit bei»n» genügender Nahrung leben. Er setzt die Füße mit ciner gewissen Aengstlichleit auf das feuchte, glitschige Pflaster. Mit nwflvrlen, mallen Blicke» lngi er nach drei lachenden Junge», die vor ihm gehen. Sie erzählen, wie sie vo» einander abgeschrieben haben. Ihre alte» Mappen, die sie unter dem Arm trage», sind dick gesülir. Er hat immer noch nicht das Buch, daL die andere» schon seit ei» paar Wochen selbstbeivnßt ans de» Tischen aiisklappen, wenn die Geogi aphiestunde kommt. Seine Eltern, ja, wenn sie auch nicht mal genug Geld haben, am immer warmes MiUagdrol kochen z» können, zanken weiden sie vielleicht doch, wen» er zu Ostern nicht verletzt wird. Und es ist so kalt.— Und nun sängt es noch an, zu nässen. So geht's schon mehrere Wochen lang. Immer»aß»ud kalt, und zu Hause wird fast garnicht geheizt. In der Schule ist es weiiignens warin. Er bleibt vor dem Gilterlhor zu dem Schulhof steht», über dessen schmutzigen Kies die an ihm vorbeihastenden Kinder mit knirschenden Schrillen eilen. Es ist so ser.chl und kalt, der Himincl ist so grau, gar nichts Sonniges, Wärmendes ist zu sehen. Die Kinder fange» an zu laufen, oft drei, vier nebeneinander. Vereinzelte Nachzügler reime» hinterdrein. Der Kleine sieht un- geduldig die Straße hinab. Da drüben kommt ein zwölsjähriges Mädchen mit fliegen den Röcken aiigelansen. Auch sie hat schief- gelrelene Schübe, anch in ihrem Gesicht liegt unier der Hitze des Laufens die graue Farbe, auch ihr Blick ist matt. Sic giebl dem Bruder, der sie erivaitct hat, beim Hineingehen in das Schnlgebäude die Hälfte der Brötchen, die sie jeden Morgen nach dem Frühstück- anstragcn vom Bäcker bekommt. Die Schnlglocke läutet. Sie übertönt den Lärm der Straße. Die Kinder stürzen in die Thür der Schule. Bon weitem kommt ein kleiner dicker Knirps schreiend ange- lausen— Müller hat zu lange an ihm hernmgepntzt— unn kommt ir zu spät. Die Tdränen stürzen ihm über die vollen, fleischigen Backe». Er blickt nicht nach der Sonne ans, denn ihn friert nicht.— Literarisches. — Eine Biographie Max Stirn er's ans der Feder John Henry Mackay's erscheint in nächster Zeil im Berlage von Schuster u. Lösfler in Berlin. Gleichzeitig erscheint ebenda, von John Henry Mackay herausgegeben: Max Stirner's Kleinere Schrislen und seine Entgegnungen ans die Kritik seines Werkes: „Der Einzige und sein Eigenthum." Ans den Jahren 1642—1847. Dieser Band enlbält alles, was Stiruer a» selbständigen Arbeiten je veröffentlicht hat.—- Theater. Das Belle- Alliance-Theater sollte den Entdecker» Ehrgeiz lieber anfgeben. Es hat kein Glück damit. Ein aufqeregler blonder Jüngling stellte sich am Mittwoch als Verfasser einer Tragi- koinödie„Fräulein G 2» e" mit Pro» und Evilog vor. Sein Name ist M a x B e y e r. Es lohnt sich nicht recht, mit dem jungen Herrn über de» Begriff Tragilomödie zu rechten. Es handelt sich in dem phantastischen Spiel von Beyer nicht um Geschöpfe von Fleisch und Blnt, sondern, wie die Namen sckw» sagen, um Begriffe: Fräulein Gene, Fräulein Scheu, Richter Oilomar Meinnngslos u. s. w. Das Ganze gehl aber in einem Nirgendheim vor, unter dem man China wie Deutschland sich denken kami. Es ist ein „lehrhaft Beispiel", hätte man zur Zeit der älteren deutsche» Echwankdlchtung gesagt. So anspruchsvoll sich Pro- und Epilog geberden, so harmlos ist Herr Beyer an sich. Früber, wenn die Jünglinge zu dichten be- gannen, berauschte» sie sich an Shakespeare oder der Sturm- und Drangvoeste des jungen Schiller. Herrn Beyer hat es das glatte Kling-kling der Verse Fnlda's angeihan. Selbst in diese Verse wird noch Wasser gegossen. Man denke! Als Parabel für eine Zeit- schrift, wie„Die Jugend" in München, hätte die Geschichte vo» Frl. G»ne noch pnssire» können. Aber das ist henlznlage so: Wer zum Zeitungsschreiber nicht das Zeug hat. weil er seine Gedanke» nicht knapp«nd schlagkräftig zusammenfassen kann, der schreibt längliche Dramen zur Qual seiner ganz unschuldige» Mitbürger. Frl. Gäiie lebt in einem wunderlichen Land, wo die ewige Frage: ist es schicklich? alle Kraft und alles nalürliche Empfinden zerstört. Jeder ist dort mir der Sklave seines Nachbars. Ei» Mädchen würde keinen Man» recht anzusehen ivage»; ein Maler zerbricht sich den Kopf darüber, wie man schicklicherweise einen König darzustellen habe; und Frl. Göne, eine vornehme Dame, hungert lieber, als daß sie nicht zwei Zofen um sich hätte. Denn das ist standesgemäß. Acht Tage Hai sie keinen Bisse» Brot gegessen; da giebl es ein Fest iu der Stadt mit Schmaus»nd Trank. Frl. Gene möchte zugreife»; allein man bat ihr kein Eßbesteck gereicht und— sie genirt sich, zu fordern. Also verhungert sie den» elendiglich»nd die Tragikomödie hat ein Ende. Für die Darsteller bieten die lehr» hasten Reime keine rechte Aufgabe. Ans die Tragikomödie folgte W i l b r a n d t' s Lustspiel„D i e Maler". Bor Jahren galt es als zierlich-elcgantcs Muster, heute erscheint die Komödie vom genialen Maler und der geschlechislosen Malerin, die dennoch ihr Herz entdeckt, mehr kokelt als zierlich, und sie ist ein wenig altmodisch geworden. Das fällt um so mehr auf, wen» die Darstellnng sich ein wenig plninp und aufdringlich giebt, wie am Belle-Zlllinnce-Thenter. Für bescheidene Kräfte ist es iminer am schwierigsten, de» spitz zngeschliffenen Plauderlon zu treffe». Wo Ironie angedeutet werden soll, da unterstreichen solche Schau- sp.elrr gleich doppelt und dreifach, und die Geschmacklvsigkeitcn nehmen kein Ende.— Musik. — Der„Verein zur Pflege künstlerischer Bildung" in H a m» b n r g, der die S ch ü l e rv o r st e I l u n g e n im dortigen Sladt» lhealer dnrchsctzle, hat einen weiteren Erfolg geyabl durch die Zu- stiininniig des„Vereins Hamburgischer Musikfreunde"(der einen jährlichen Slaatsznschnß von 20 000 M. erhält) zu Musik- a u f f ü h r u n g e n für Schüler d e r V o l k s s ch» l e n. Am Schluß der Saison werden diese Schülerkonzerle stallsindcn; für jede Ansiührnng sind 4000 Schüler bestimmt; jedes Kind zahlt 10 Pj. EinlriltSgeld. Kunst. ch!- Dresdener Sezession. Am Mittwoch ist bei G n r l i t t«ine„Allsstellung des Vereins bildender K ü ii st l e r Dresdens"(Sezession) eröffnet worden. Die Dresdener Sezession hat sich in starker Abhängigkeit von der Müncbener entwickelt. Der in Frankreich und München ansgebildele Maler Gotthard Kühl siedelte vor etwa drei Jahren als Lehrer an die Dresdener Akademie über, und seinem Wirken ist wohl das Ausblühen der Kunst in Dresden zu danken. Schon in der Berliner Ausstellung von 1390 trat die„Dresdener Sezession" korporativ auf und fand viel Benchrnng. Man kann indessen nicht sagen, daß die jetzt er- öffnete Ansstelluug diesen günstigen Eindruck' bedeutend verstärkte. Künstler, die die Hmiptträger des Ruhms der Dresdener sind. fehlen völlig, vor allen Kühl selbst, anch der jetzt in Meißen wohnende Oskar Zivintscher, einer der tüchtigsten jüngeren Maler, »nd Franz Hochman», der nicht Mitglied der Sezession ist. Vo» dem Portraitisten Felix Borchardt ist nur eine kleine Studie da. Strenge Kritik bei der Auswahl, anch gegen die eigenen Mitglieder, wie sie Grundsatz der Münchener Sezeisionislen war, haben die Dresdener durchaus nicht geübt. Eine ganze Reihe vo» Bildern könnte nnr für den Kimst-Hiftoriker als Werke von Anfängern, ans denen vielleicht etivas wird, Interesse haben.— Unter den ausgestellten Bildern treten einige von Karl Bantzer «ub P-Nll SSfimn m« sttirkften btrvor. Karl Bantzer iii ei» vornedmer, stiller Künstler, der mit groker Sorgfall das aus sick be> aus cnlwiclclt bat,>vaS feine nichi sehr ergiebige Natur hergab. Sei» Bildniß eines jungen Mädchens, das i» eiiifnckem Kleide zur Seile gewendet sttzk, ist ganz i» einem tiefgrünen Grundlo« gehalten. den der ivfige Teint des bübschen Gesichts, das lichtdranne Haar und inaltbiaune Töne i», Hintergründe wnndeivvlt beleden. Eine Landsckast Vantzer's ist sehr streng, fast Hocken in den Farben. Aber � das weithin sich dehnende Hügelland mit den gelben und grünen Feldern ist gut herausgearbeitet Es ist gegen Abend, ein Gehölz, das sich im Mittelgründe in das Bild hineinzieht, liegt schon im Dunkel. Schlichtes, warmes Mtitempsindeii spricht auch ans dem Bilde eines Holzfällers, der im Wald« seine Säge schärft, und eine schöne Lilhvgrapbi« stellt eine Arbeiterfamilie bar, die am Abend ausruhend vor ihrem bescheidenen HäilSche» sitzt.— Paul Bau m ist in starkem Gegensatz dazu lmruhig; er sucht nach neue» Wirkungen. In seiner „pointillistisfben" Technik ist er von tcm großen Franzosen Monel abbä, gig. Wie dieser zergliedert er die Farbe» der Nalnr i» ihre Hanptwerlh« und setzt sie nngeniischl nedeneinander in dickem Farbenanflrag ans die Leinwand. Es bleibt dann der Netzbaut dcS Auges überlassen, diese Eleuiente zu einer einheitliche» Wirkung zilsamliienzufassen. Das Vibriren, das Flimmer» der Lust r-.nd damit die volle Lebendigkeit des Eindrucks ist in der Thal mit keiner anderen Technik so gut zu erzielen. Vergleicht man freilich Banin's Laiidschasteu mit denen Monel's, wozu sich im vorige» Jnhre i» Dresden Gelegenheit bot, so bleibt er iveit hinler seinem Meister zurück. Am besten gelingen ihm die Winter- landschaften. Freiitidliche Farben zaubert die Nachmittags. sonne ans der einen hervor. Ein Häuschen liegt eingeschneit am Wege, ein Garte» davor. In heilerem Blau strahlt der Himmel, zart« bläulich« Schalte» ziehe» sich über die Schneedecke, in violette» Töne» schiinmer» die dunklen Gartenhecke». Ans einer andere» Winlerland'chast giebl dicke feucbte Schncelnft im ftonlrast hierzu eine trübe Stimmung. Schwer lastet der blaugraue Himmel auf der Erdes an erhöhten Stellen, von denen der Schnee weggeweht ist, blickt das vergilbte Gras hindurch. Ein ähnliches Motiv ist auf einer vorzüglichen farbigen Lithographie mit wenigen bunten Striche» gegebe».— In Banm'S künstlerischer Art arbeilen mehrere der junge» Dresdener. Georg Ritter ist mit einer guten Abendstinimniig „Däimiieriiiig an der Elbe" verlrete». S t r e m e l hat ein paar „Eintebilder" gemalt, die sehr grell in der Farbe stnd. Auch seine Jnterienrbilder haben eine» unangenehm lpitzen To», das eine in gelb, das andere in grün; nur das Bild„Bei einem alte» Jung- gesellen" giebt ei» Zimmer in Däinmerlichl i» einem dunkle» und weichen Bla», das mit dem überall vcrlheilten Roch gut znsainine» gehl.— Von den übrige» Bildern der Ansstellung sind zu erwähnen: eine ilbeiidlandlchasl des Freiherrn V.Ledebur, ei» in Berlin bereils bekanntes Damenbildiiiß nnd ein ganz niedliches Genrebild von Hugo M i e t h. Ans der Laudschafl von Franz P i e t s ch- wann„Frühling" fällt wieder ein Widerspruch zwischen dem „poelischen" Motiv nnd der kühlen, verstandesmäßigen Mache ans. Die Farbe» sind hell, aber sehr hart; es fehlt dem Bilde jede Splir der Elimm»»g,dieder Maler mit dem flöteiiden Satyr eigentlich dervorrnfe» u'ill. Glößere Zarbenfreudigkeit strebt ivie auch andere Maler in der letzle» Zeit Anton Pepino an. Sei» Bild, das Meißen tief unter dem Beschauer liegend darstellt, Iaht aber diese Absicht zu daUlich erkennen und erinnert zudem an die Bilder Zivinlscher'S, während ein anderes Bild den Eindruck einer groben Karikatur macht. Ein dekoratives Talent scheint in E. H. W a l l h e r zu erstehe». Darauf weisen noch mehr als die sorgfältigen Blnmenstudie» ein paar Ornameiile hin, die er, freilich linter Anlehnuiig au den Belgier Lernine», sür de» Katalog entworfen hat.— Ans dem Thicrlcbeu. — Wie 1896 sind auch 1897 im N o r d o st s e c- K a» a l Ber- snchssischercie» ausgeführt worden. Als deren Ergebniß ist zu det> achten, daß die Süß wassersische fast gänzlich aus dem Kanal v e r s ch w«» d e» sind. Die Salzwasserfische, iusbesoudere Slrufbntt und Dorsch, habe» an Zahl erheblich zu- aenominc» und gedeihen vorzüglich. Aale sind in, Kanal in großer Menge vorhanden. Zu der Zahl der im Jahr« 1896 gesangene» Fischarleu sind zivei neue Arte», Goldbnll und Seeskorpion, hinzu- gekommen. Aus dem Fang>vi»zig kleiner Hering« darj geschlossen werden, daß sich in» Kanal, und zivar i» dessen Seen und Ans» biichluiigen H-ringslaichplätze befinde». Di« junge» Heringe wandern in» Hochsommer und Herbst dem Meere, und zwar der Ostsee zu.— Humoristisches. — Von einem S ch>v e i n, das eine K» h war. Ans Zeven schreibt man dem„Hann. K.": Ort der Handlung: nieder» sächsisches Dorf in nächster Nähe eines Fleckens, unter hohen Eichen liegen im hellen Mondlicht die Bauernhöfe, langsam Über die Dorf« straße reitet der behelmte Hüter der Ordnung;— da verschwindet eiligen Laufes eine Gestalt in langem Schäscrniaiitcl im sogenaiinlen Backhanse.— Aber das Auge des Gesetzes wacht, der Lausende ist gescheu. Vom Pferde springen, dieses anbiuden, im Lansschritl ziini Backhanse eilen, ist für den Gesetzes» Wächter das Werk eines Augenblicks. Und da drinnen beginnt er iin» die Durchsuchung aller Näume. Als diese unten erfolglos bleibt, steigt er nach oben. Dort steht eine Gestalt, welche dem Treibe» des Gendarnien schon länger verdutzt und ängstlich zu- geieheu hat. Als aber ei» Pallasch blinkt, nimmt sie aus der Dach- luke Reißaus und— stürmt ins HauS hinein mit dem Ruf: „Vadder, Vadder! De Schandarm is dnll worrn. h« focht nü nu all uu ick beff doch niks bahn!"—„Jung, biste mall"— will der Vater just sagen, da erscheint der Hüter der Ordnung, der auf deiuselben Wege das Backhaus verlassen hat, schon i» der Thür und heischt, grimmige» Gesichtes, de» ins Hans geflüchteten— „Handivcrksbursche»", hat ihn auch im nächsten Augenblicke richtig bei», Kragen.—„Holl still, holt still", schreit da der Bauer,„bat is min Söhn!" Als das Auge deS GelctzeS nun«insieht, daß eS verkehrt gesehen hat,— siebt es einen Schlachter mit Fleischhauen beschäftigt auf der Diele. Schwere Nnterlassuiigsfüiiden witternd. heischt der Hüter der Ordnung den„Trichiiieuschei»".„Deiht ini lced", sagt der Bauer,„de»'» kann ick Se»ich gebe», min Froo helt ein inslateii!" Bei sich aber denkt er:»u noch'» Trichinenschin herivise», un't Swin hangt al acht Wäken in'» Rool? Dar knnnnt doch alle Dag wal NigeS opp. AIS nun der Tricdinen- schei» nicht beschafft werden kann, verbietet der Mann des Gesetzes im Name» des Gesetzes die weitere Ausschlachliing„des Schweines". —„Wat, wat, ival scggl Se dar, Herr Wachtmeister? Dett is jo doch»aar ken Swin»ich!"—„Wa— a— as?? Was ist es den»?"—„Dal's K o h, Herr Wachtmeister, wenn Se so'» Diert girn kennen lir» wölU!"— ivermischtts tiom Tage. — lieber„das Huhn als Erzieher" hielt Einer in B ü ck e b Ii r g in dem oortigen.Verein für Geflügelzucht" einen Vortrag solgende» Jnhakle: Die Geflügelzucht ist eiillrägtich, st« macht Freude, sie fcssell den Züchter ans Hans, sie in bildend, weil sie viele dein Geflügel schädliche und nützliche Thiers nnd Pflanzen kenne» lehrt, sie hilft die soziale Frage lösen, sie stiftet Freund- schaslen. Di« meisten Geflügelzüchicr sind fleißige, thäiige, sür ihre Familie tre» sorgende Hausväier und ganz besonders treue Staalebürger."— — Die Ortsgruppe Leipzig des Allgemeine» Denlfche» Franenvereins richtete ein« Eingabe an daS sächsische Unterrichis« Ministerium, i» der das Verbot des Tragens gesniidheileschädlicher Korsetts in den Schulen angeregt wird.— — Eine Frau in L ö w e n b« r g, die vor vier Wochen von ihrem Schooßhündche» in die Nase gebissen worden, ist jetzt an der T o l l w il t h gestorben.— — Schlau. Vor einigen Tagen versuchte ei» Italiener in einem Ei senbahnzuge zivischen Welel-Hc»» iind Bei Olzheim den Ring des Nolbbremse» Hebels als S l i e f e l z i e h e r zu benütz«». Er jwKngie dm vorderen Theil seines FnßeS i» den Ring nnd zog aiiS LeibeSkräflen. Der Erfolg war doppell. Den» erstens war der Italiener des Schubes, zweitens aber auch zu seinem nicht geringen Schrecken der beträchtlichen Summe von 39 M. los — so viel mußte er nämlich bezahlen. als das Zugpersonal in ihm den iiiijreiwilligcu Urheber des plötzlichen AnhaUeus entdeckt Halle.— — Zwei Landwirthe aus einem Torfe bei Temesvar er- mordeten die 18jähnge, ausfallend schöbe Tochter des reichsten Orts- beivohners, nachdem sie sie i» ihre Wohnung geschleppt hatten.— — In T h a l w e i l(Schweiz) ist ei» 17 jähriger Bursche in einen» B a d e z i»i in e r ertrunke n.— — Die Fahrrad st euer brachte im Jahre 1897 dem französischen Staatsschatz die Summe von 3336200 Franks« Im Jnhre 1393 belics sie sich ans nur 731 000 Franks.— - c. e. Tie größte Stadt in Spanien ist jetzt nicht mehr Madrid. sondern die Jndnstiiestadt Bareeloua. Sie hat 520000 Einwohner, 13 OOu mehr als Madrid,— — Ei» Erdbeben hat die Stadt Bei Kerf»(Türkei) vollständig zerstör t.— — Jetzt giebt es auch schon einen„ C h a m p i o n« A n st e r n» e s s e r. Bei einem Wetlkaiiipf im Austernefse» in Chikago verschlang der eine Känip er 124 Austern in sehr kurzer Zeit, während e-Z der andere ans„n»r" 115 brachte. Der Name deS „Helden" ist natürlich ivichtig: Mr. William Mc Connell. Er fordert nunmehr alle Austeriiesser der Welt heraus.— — I» P i t t s b u r g(Nordanierita) zerstörte eine Feuers« brunst einen ganze» Häuserblock. 2000 Fäfler Branntwein explodirte» und zerstörten die nebenliegenden Mielhshäuser. Es steht fest, daß sechs Personen geiödtct wurden, doch fürchtet man, daß noch viele andere unter den Trümmern begraben liege».— Die nächste Nuiniuer des Unterhallungsblatles erscheint Sonn- tag, den 13. Februar._ Veraiilwortticher Redaklenr: August Jacobeh in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Unding in Berlin.