Nnterhaltimgsblalt des Worwärts Nr. 31. Sonntag, den 13. Februar. 1898. lNachdruck verboten.) Kbllkagslvuke. Roman von Wilhelm Di e y e r- F ö r st e r. „Himmlisch! Rosen!" „Sie erfüllen ihren Zweck, wenn sie einen frenndlichen Blick ans den schönsten Augen finden." Sie blickte verwirrt auf und wieder nieder. „Rosen waren es," fuhr der Agent mit etwas klagender und verschleierter Stimme fort,„die Sie, Fräulein Anna, bei jenem Hochzeitsfeste trugen, das mich neben Ihnen sitzen ließ." „Ja, gelbe." „Gelbe." Er machte eine Pause und fuhr dann fort:„Vielleicht, Fräulein Anna, hat schon jener Abend Ihnen gesagt, was ich für Sie empfinde. Sie waren aber eines anderen Braut." Die Uhr an der Wand ging tick tack, und Rieke und Sophie horchten an der Thür mit verzweifelter Anstrengung. Acnnchen zitterte ctivas, denn nun war ja alles, ivas kommen würde, klar. „Was dieser Tage heute," fuhr der Agent fort, „für mich bedeutet hat, läßt sich in gewöhnliche Worte nicht fassen. Ans ihrem eigenen Munde heute früb zu hören, daß Sie frei sind, frei wie die kleinen Vögel im Walde, es war wie ein Rausch, wie Musik! Ja, wie Musik!" „Wie, was?" fragte Rieke draußen ihre Kollegin. Die hatte es gleichfalls nicht verstanden und Aennchen — offen gesagt— auch nicht. Sic blickte von Zeit zu Zeit fiüchtig auf und schaute ihn an. Merkwürdig: er sah so ganz anders ans als heute morgen. Da war er wirklich etwas— wie sollte man sagen— ja wirklich etwas schäbig gewesen, und jetzt erstrahlte er förmlich von Würde. Ter lange schwarze Gehrock, die ivciße Kravatte— so recht chrenwerth und nett und gut. Das Gesicht mit den leb- haften Augen paßte nicht zu dem Anzüge, und die Handschuhe zu dem cigcnthümlichen Zylinder erst recht nicht— aber der- gleichen vermochte sie nicht zu bcurtheilen. „Es ist eine ernste Stunde, in der ich nun vor Sie hin- trete," begann er aufs neue und rückte mit dem Stuhle näher, so daß die Mädchen draußen erschrocken zusammenzuckten,„und ich brauche Ihnen, Fräulein Aennchen, nicht erst z» sage», welche Worte mir auf der Zunge liegen. Nur erlauben Sie mir, vorher das Nothwendigste, meine Person betreffend, anzn- führen. Wir wollen uns darüber keinen Tänschnngen hingeben, und der Geschäftsmann soll sich und andern klaren Wein ein- schenken. Es ist meine Hoffnung, Fräulein Aennchen, daß ich in der Lage bin, eine Frau zu versorgen. Ich darf mir schmeicheln, nur mit Primafirme» zu arbeiten, und was das sagen will, bedarf keiner Darlegung. Was meine Familie anbetrifft, Sie kennen dieselbe, kennen meine Taute, deren be- trübender Tod mich i», wie man sagen kann, glanzvolle Ver- hältuisse versetzen würde, kennen meine geliebte Mutter und kennen meinen Bruder. Christian wird am Altar stehe», wenn ich je in die Lage kommen werde, ein geliebtes Wesen dort- hin zu fuhren; nie aber, Fräulein Aennchen, ivird dieser Fall eintreten, ivenn diese Stunde, heute, jetzt hier nicht darüber entscheidet. Anna?!" Ricke und Sophie hörten auf zu athmcn, um keinen nun folgenden Laut zu verlieren. Man vernahm ei» Geräusch wie von Küssen, und die beiden Mädchen wären in diesem Moment nicht um der Seligkeit willen vom Platze gewichen. --- Was Aennchen betrifft, so war sie gar nicht im stände, dieses wunderbare, über Nacht kommende Gluck zu begreifen. Das Trauermagazin und die Familie Schweder waren aus der Atelierzeit für sie der Inbegriff alles Neichen, Er- habcneu. Hochstehenden. Sie als Braut in dieses Hans— nein, sie konnte es nicht fassen! Sie war in ihrem Leben so wenig mit Männern zu- sammeugckommcn, wie nur denkbar. Der Photographengehilfe bildete ihre romantischste Erinnerung, dann ivar das Elend eingezogen, und dann war sie hier in des Jnstizralhs Hause ausgenommen worden, wo sie, im Grunde genommen, ivie eine Einsiedlerin gelebt hatte. So war deim die Hochzeit ihres Bruders eigentlich der herrlichste Tag ihres Daseins gewesen, und der lustige, nette, reizende Agent spielte in ihren Träumen später oft eine Rolle. Sie hatte in diesen letzten aufregenden Tagen noch nicht darüber nach- gedacht, was nach der Entlobnug denn nun eigentlich mit ihr werden solle, und als sie ihn heute Morgen sah, so ctivas schäbig und abgerissen, da war ihr das eigentlich ein rechter Stich ins Herz gewesen. Und nun kam er zu ihr, schön, fein, bot ihr mit den elegantesten und gebildetsten Worten sein Herz und seine Hand— o, sie war glücklich! Er mußte den Hut fortlegeil und die Handschuhe ans- ziehe», sie klingelte wie eine große Dame und bestellte Thee und Abendessen— und so saß dieses hergeschneite Paar kosend, plaudernd, essend in dem hübschen Zimmer, das vor nun sechs Jahren Eva zum Weihnachtsfest geschenkt erhalten und mit so viel Freude sich ausstasfirt hatte. Ganz hervorragend ivar des Agenten diplomatische Kunst, mit der er ganz langsam und allmällig Aennchen in das Fttnf-Millioiicii-Gchcinmiß einweihte. Selbstverständlich mußte sie das von ihm erfahren, denn selbst Aennchen's harmloses Gemüth würde über die plötzliche Verlobung am nächsten Tage erstaunt und mißtrauisch geworden sein, wenn sie von anderer Seite her von der großen Erbschastsnenigkeit unterrichtet worden iväre. Er behandelte die ganze Angelegenheit als Bagatelle und deutete an, daß der gute alte Herr Kreiser durch die lange taft vielleicht etwas verwirrt geworden sei und an einem rbschaftswahne leide. Uebrigens zuckte ihm, als er das aus- sprach, plötzlich selber der gleiche schreckliche Verdacht durch den Kopf, so daß er ganz blaß wurde und sich nur langsam erholte. Freilich war diese Idee wohl unhaltbar, denn rein ans Höflichkeit sind die Herrschaften in Plötzensee gegen ihre Insassen nicht gar so zuvorkommend. „Ich«verde mich heute Abend noch," sagte er,„mit Richard in Verbindung setzen. Er muß entschieden einmal Euren guten Papa besuchen, das erscheint mir als Pflicht." Aennchen ivar gerührt. Gleich morgen ivollte sie nun endlich auch einmal hinaus und den Vater sehen. Mit großer Heuchelei besprach der Agent dann die Znknnftspläne. „Wir miethen uns eine kleine hübsche Wohnung im Norden, dicht bei Deinem Bruder. Möbel nimmt man auf Abzahlung, und wenn ich dann abends müde von harter Arbeit heimkomme, ivartet mein süßes Herzensännchen schon mit Lampe und Abendbrot." Sie war selig. Ein eigenes Heim! Hansfrau werden! Mein Gott, wie schnell verging dieser Abend! Wie im Fluge! Nun ivar es zehn Uhr, und im Hinblick ans die klatchsüchtigen Mädchen und dergleichen mußte geschieden sein. 3lls er nach endlosen Küssen Abschied genommen hatte, war sie wie betäubt. Aber schon kamen Rieke und Sophie herein und gratnlirtcn und waren wirklich und aufrichtig er- freut, daß das nette Fräulein nach der etwas merkwürdige» Entlobnug nun von neuem glücklich geworden war. Nur das Faß Butter wollte ihnen nicht ans dem Sinn, und über dem Räthsel seiner geheimuißvollen Bedeutung konnten beide bis spät in die Nacht nicht znr Ruhe komme». XXll. Im ganzen Leben war der Agent nicht in so wunder- voller Laune gewesen, wie jetzt, da er über den Dünhoffsplatz ging. Ringsumher verblaßte das Licht der zahllosen Gas- laternen in den weißen milden Strahlen des Mondes, und wenn die Lust auch etwas dumpf und schwer über der großen Stadt lag, so wurden in dieser Sommermondnacht doch Vor- nehme und Niedrige poetisch gestimmt. War er ans schnöder Agentenberechnung mit dem Butter- fasse und dem Nosenbouqnct zu Acnnchen gekommen, so hatte nun auch sein Herz Feuer gefangen, und— wahrhaftig— nach diesem schönen Liebesabeud härte er das süße kleine Aennchen auch ohne Schätze und Gelder gcheirathet. Erst als er diesen edlen Gedanke» klar ersaßt und sich einigemal wiederholt hatte, fing er an in eine wirklich herrliche Stimmung zn komme». Verliebt, verlobt mit einem reizenden Mädchen, mit einem steinreichen Mädchen— plötzlich wurden ihm vor lauter Glück und Rührung über sich selbst die Augen feucht. Er spazirte ganz langsam durch die Markgrafenstraße nnd datte unzählige ante Aarsähe. Dieses ganze scheußliche Agentenleben mit Hinterthüren nnd Leutebejchnppen würde nun aus sein, jetzt sollte man zu sehen bekomnien, welcher treffliche Kern in ihm steckte nnd bisher nur verdeckt war durch das widerliche Gestrüpp der Tagessorgen nnd der ewigen Ar- muth. Er kam an dem Denkmale Schiller's vorbei und blieb einige Zeit sinnend davor stehen. Ihm war, als sei er dem Geistesheroen jetzt näher gerückt und als bewege er sich nun in Sphären, hoch erhaben über der gemeinen sorgenden Alltags- weit. Vielleicht lächelte die Marmorstatue in dem zitternden Mondlicht ein wenig, der glückliche Agent aber sah es jeden- falls nicht.__(Fortsetzung folgt.) SonttkngsplÄndevei. I» Endermann's„Heimalh" sitzen die alten Militärs im Haus des Obersten beim geivobnle» Spielchen. Sie unterhalten sich zu- gleich über allerlei Begebenheiten der Stadt nnd einer der ost- preußischen Herren giebt dabei kurz nnd bündig init soldatischer Offenherzigkeit seine Weltanschanung zum besten. Sie ist sehr ein- fach und lheilt das gesammle Männervolk ohne viel Grübelei in zwei Ordnungen: Soldaten— und Drückeberger. Sudermann, der gern mit Kraft- und Schlagworle» arbeitet, meinte mit dem Witz von de» Soldaten und— den Drückebergern »inen ganz besonderen prcumsch-inilitärischen Geist getroffen zu haben. Allein der militärische Geist ist so einförmig, daß seine Lebens- äußcrungen in den verschiedensten eurvpäischeii Landschafte» erstaunlich wenig Abwechselung zeigen. Der militaristische Werlhbegriff wird so weit gesteigert, daß— neben ihm gehalten— alle übrigen Verdienste tief niedersinke»; daß sich wirklich Änschanungen heraus- bilden, die man sür larrilirt hallen könnte, wenn sie nicht so naiv vorgebracht würde». Ein General legt vor dem Schwurgericht Zeugniß ab; ein General, nicht etwa ein subalterner Ossizier; ei» Mann, der eine hervorragende gesellschaftliche Stellung einnimmt, von ihr aus also menschliche Dinge freier beurtheile» könnte. Diesem General steht als angeklagter Ankläger ei» Schriftsteller von Weltruf gegenüber. Um den Schriftsteller verächtlich zu machen, spricht der General in großer volltönender Phrase: Wir— die Offiziere— haben sür das Vaterland Blut vergossen, während— andere daheim blieben. Da haben wir nun die Grundaussassnng wieder: Es giebt unter de» Männern zweierlei Kreaturen, die Soldaten und— die Drückeberger. Im gegebenen Falle heißt der Soldat General Pellieux, und de» Drückeberger nennt die Welt Emil Zola. Man mochte es bedauern, daß Zola der Soldatenphrase mit einer andere» Schönrednerei entgegentrat, wenngleich man seine Erregung in diesen Tagen be- greift. Solchen militaristischen Offenbarungen sollte man nichts hinzu- setzen und sie durch nichts abschwäche». Sie lassen in ihrer ge- drängten Einfachheit das Innerste des militaristischen Seelenlebens erkennen; sie beweisen, daß selbst nationale Nnterschicde nicht gegen einen gewissen unifonnen geistige» Drill aufkoimne». Zola verlor seine Ueberlegenheit. Er schrie in den Saal: dem Vatcrlande kann man ebenso durch die Feder, ivie durchs Schwert diene». Meine Bücher sind meine Siege. Der Name Zola darf sich neben dem Namen Pellieux sehen lasse»! Zola kann daß Selbstverständliche mit noch so lantein Nachdruck betonen: den Leuten um Pellieux wird es immer als Anmaßung gelle». Und wcuu Zola, der Zeit- und Siltenschildercr. in der zu- künftigen Werthschätznng selbst ein Numiner- Eins- Mann würde, in der Rangordnung nach dem Herzen derer um Pellieux bleibt er ein Drückeberger. Was gilt der Welt Herr Pellieux? Wozu braucht Zola sich um dieses Mannes willen zu«reifen»? Außerhalb Frankreichs und des französischen Heeres war der Name von Pellieux gewiß wenig geiiaimt worden und, welche Stellung immer die abwägende Kulturgeschichte dem Epiker Zola einräume» wird: Das Eine läßt sich»»schwierig voraus- sagen, der Name Zola wird sich sehen lassen können, wenn vom Namen Pellieux kaum eine Erinnerung übrig geblieben ist. Das kann man ruhig niederschreiben, ohne darum Zola zu vergöttern, wie es jetzt von einzelnen Dreyfns-Schwärniern um jeden Preis aus Tendeuzgrüuden geschieht. Wer sich leidlich gut zu erinnern versteht, der glaubt nicht recht a» bestimmte Zeituugs- Emphasen. Nicht allzu weit liegt die Zeit zurück, da man von gut bürgerlich-liberaler Seite de»„großen Kulturkämpfer Zola, Frankreichs Ruhm und Stolz', mit ga»z übelriechenden Kothklümpcheii bewarf. Damals sprach ma» etwa so von ihm, wie weiland ein Kriegsminister vom literarischen Schmierfinke» Freiligralh. Damals lasen Leute, die den Ernst Zola's gar nicht begreife» konnte», seine Bücher auf heimliche Aufregungen hin und waren natürlich erbittert, daß der brutale Krastmensch Zola das Laster so wenig pikant und ver- führerisch zu malen verstehe. Die Sittlichen beiderlei Geschlechts ärgern sich immer am meiste», wenn sie bei sogenannten un- moralischen Darstellungen nicht mit Paul Linda» ausrufen dürfen: Pfui, wie reizend! Ich erinnere mich noch sehr gut einer Probe-Aufführung von Zola's dramatischem Werk„Therese Raquie" in Berlin. Wie tobte es damals noch durch den deutschen Blätterwald; und es sind noch nicht einmal zehn Jahre seither vergangen. Damals sollte der Verruchte bei Leibe nicht das deutsche Familienheim beschmutzen, man wollte dem Schmierfinken schon die Feder» rupfen, nnd Zola war der peinigende Geschäfts- Spekulant, der unsere zarten Nerven martere. Damals brüllte noch die Welt der Anständigen, wie nur diese Welt brüllen kann: Spuckt den, Natiiraliste» Zola und seinem frechen Anhang ins Gesicht. Genau, wie die Menge heute vor dem Pariser Jnstistpalast ruft; nnd diese Menge wird doch auch nicht aus lauter„Zuhältern und ähnlichem Gesindel" bestehen, wie man uns glauben macheu will. Es werden wohl auch die Anständigen mitzählen. Wenn man sich derlei Erinnerungen vorhält, wird man gegen manche Erscheinungen auf dem Markt des Lebens gleichmüthiger. Man liebt es jetzt, Zola mit Voltaire zu vergleichen. Es ist ein sehr starker Vergleich, denn in Voltaire's Person drückt sich vielleicht das markaiiteste an französischer, scharfer Geistesart ans. Der Ver- gleich soll aber wohl weniger der Intelligenz der beiden Schrift- steller, als dem Charakter der beiden Rechtskämpfer gelte», von denen Voltaire die berühmte Revision des Prozesses Calas durch- fetzte, während Zola für die Offenheit im Falle Dreyfus einsteht. Ob in dem pathetischen Herrn Pellieux nicht die Einsicht auf- dämmert, daß zu solchem Werke doch auch verdammt viel ganz persönliche Tapferkeit gehöre'i Vielleicht bedauert fein militärisch gedrillter Geist es jetzt schon, daß dieser Zola nur ein Staatskrüppel und Drückeberger wurde. Tomiermelter, was halle dieser dicke Bursche sür eine» schneidigen Soldaten abgegeben! Noch ist der Prozeß wider den Ankläger Zola nicht zn Ende. Meinung sieht wider Meinung, Auesage wider Aussage; es wäre mindestens voreilig, richten zn wollen. Fast tritt der Rechisfall Dceyfns vor dem Interesse zurück, das d,e Entwicklung des nuiitärischen Lebens »nd der Rechtspflege in» allgemeinen vernrsacht. Es ist gnt, daß man das Andenken Voltaire's hervorholt. Das sei ohne Beziehung aus die Rechtssälle des hingerichteten Protestanten Calas und des jüdischen Osfiziers Drcysus betont. Aber es hat niemand der Ver- brüdernng des Säbels und des Weihwedels schwerere Wunden bei- gebracht und niemand ist sür volle Oeffenllichkeil des Rechts- versahrcns beredter eingetreten, als Voltaire zu feiner Zeit; und Voltaire steht auch zeitlich in der ersten Reche jener Männer, die statt der kriegshistorischen die kulturgeschichtliche Betrachtung der Dinge vorbereiten halse», die zu mindest diese geistige Uni- wälzung komme» sahen und erkannte». An den Werlhbegriffen des typischen Generals Pellieux gemessen, waren diese Bemühungen fruchtlos. Für Herrn Pellieux von der Kriegerkaste ist der Soldat der Träger der Weltgeschichte, die Kricgsbegebenheit der einzig treibende Faktor. Man kann begreife», wie bei so ausschließlicher Empfindung ein Zola, ein gewesener Zeitungsschreiber und Roma»' erzähler wegkommen muß. Eines allerdings ist an all diese» Erscheinungen mißlich: die Verallgemeinerung. Mehrere dutzend Male habe ich in dieser Woche das Zitat aus Voltaire von den Franzose», die halbe Affen, halbe Tiger seien, gelesen. Voltaire war eine eminent kritische Natur und wurde alt. In einem langen Leben, in einem fortgesetzlen Krieg gegen Vornrlheil und Dummheit wird es immer Erregnngsmomente geben, die bitter verzweiselt erscheinen. Wer heute die knltnrgeschicht- liche Bedeutung Voltaire's erkannt hat, wird gewiß nicht, wie ein keifend-moralisches altes Weib hinter den Schwächen und Unvoll- kommenheiten des Menschen Voltaire herlausen; aber den Ausbruch einer galligen Verstimmung»agelt ma» fest, wenn es einem gerade paßt. Man wird auch in den Tagen der gegenwärtigen Verwirrung nicht überall in Frankreich„wider den Geist sündigen", um eine ebenfalls beliebte Zeitnngsphrase anzuwenden; nnd zu übergroßem Hochmnth hat man in Preußen-Dentschlaiid sicherlich keinen Anlaß. Auch bei uns sind die Ritter vom Geiste geprügelt worden; bei dem Heine'schen Wort braucht man nicht einmal an Heine selbst nnd an die Geschichte seines Standbildes zu denke». Auch bei uns giebt cs imter den versckiedensten Parteien ohne Wahl Leine genug, die uiilers Volk geben, sich a» den eigenen Worten deransche», sich dabei großmächtig vorkommen und als ganz subalterne Geister gerne vergessen, aus welchem Arsenal die durstigen geistigen Waffen kommen, in denen sie Tag um Tag einherstolziren. Auch solche Militärs haben eine geheime— manchmal auch offene— Abneigung gegen den Geist; und es könnte ein neuer Kant kommen, er würde ihnen nicht iinponiren. Wagt den» solch Drückeberger sich in die Schlacht? Der sitzt daheim und— denkt und sinnt! Es schmerzen alte Wunden noch; und das ist das merkwürdige an den Kriegen: die Wunde», die der Krieg schlägt, sie than de» Siegern fast ebenso, wie den Besiegten wehe. I« Deutschland hat die Kriegerkaste und ihr Beispiel zur Unlerschätznng des intellektuellen Mnths, der geistigen Wchrhaftigkeit geführt; in Frankreich ist man ans überreizter Krankhaftigkeit zu ähnlichem Ergebuiß gekommen. Nein,»ein, wir haben Grund bescheiden zu sein; besonderen Grund in einem Augenblick, in dem ma» mit ein paar lustigen Zitaten nnd einigen nicht allzu thenere» Scherzen, die sich an den sogenannten gesunde» Menschenverstand wenden, zum staatsmännischen, ruhmgekrönlen Redner werden kann. Ter gesunde Menschenverstand hat schon so viel Kleinlich« keit gutgeheißen, in seinem Namen ist so viel kurzsichtig Philiströses gebilligt worden, daß man gcrechterweise gegen Leute, die ihm gerne schmeicheln, vorsichtig sein sollte. Im müden deutschen Parlament hatte es der jüngste Staatsmann von Freisinns Gnade» leicht, weil er schwere Dinge mit „elegantei» Ruck" aus die leichte Achsel»ahm. Zahle, guter Freund, *nb wir werden gute Freunde; dieser geschäfisinornlische, sehr korrekte Slaudpuiikt�des Herrn v. Bülow mußte gerodezn entzücken, und Goelhe's Zitat von den fernen Kämpfen„in der Türkei" thnl heute noch jeder wackeren Seele wohl. Nur schade, daß es bei Goethe schon Persiflage bedeutet; und Goethe, der Mann, der überall dem einheitlichen Zusammenhang der Dinge nachspürte, empfand sehr wohl, daß auch kultnrgeschichtliche und politische Be- wegungen nicht willkürlich zu fassen sind. Wir leben auf bebendem Boden. Jeder Schlag, auch drunten fern in der Türkei, kann bei uns einen Nachhall wecken. Man konnte nie— und im„Zeitalter de» Verkehrs" kann niau es ganz sicher nicht— Isolatoren au den Grenzen irgend eines Reiches oder Landes aufstellen.— Der legere Spaß macht sich ja ganz nett, nur trifft er die Sache nicht. Uebrigens.«in»uides Parlament ist jedem dankbar, der es de« ruhigt.—_ Alpha, UUcinciö Feuillekon — Vom europäischen Stlaveuniarkte. Aus Wien berichten dortige Blätter: Die Bonne Hermine Drescher, eine junge Wienerin von auffallend schöner Erscheinung, hatte hier ihren Posten ver- loren. Da bekam sie einen Aulrag für ein vornehmes Bndapester Hans. Im November vorigen Jahres reiste sie nach Budapest. Auf dem Bahnhofe wurde sie von einer sehr elegant ge- kleideten Dame empfangen, rvelche das Mädchen für seine neue Ge« bielerin hielt. In einem Fiaker fuhren Beide nach einer stille» Gasse Budapests und in einem glänzenden Salon hieß die Herrin, deren Name Madame Rosa Benkö auf einem seinen Schilde an der Tbür glänzte, die neue Hausgenossiii willkommen. Die Um- gebuug gefiel deni Mädchen gleich vom Anfang nicht. Es fand seine traurigen Ahnungen bald bestätigt. Minna Drescher verlangte, als sie über die Natur ihres Engagements im Klare» war, aus dem Frendenhause entlassen zu werden. Mau verweigerte ihr dies»nd ließ ihr nur die Alternative, in dem Hause zu bleiben oder ein„Engagement" nach Konstantinopel anzunehmen. Als eine Gefangene dehandelt, fand das Mädchen erst Mitte Dezember Gelegenheit, sich einem Gaste des Salons, einem jungen Magnaten, anzuvertrauen und um ihre Befreiung zu bitten. Er versprach ihr dies und da er die Intervention der Behörde nicht anrufen wollte, griff er zu dem Mittel der Entführung. Am Ich Dezember, in einer mondhelle» Nacht, hielt vor dem Hause sei» Wagen und der Graf ließ einen lauten Pfiff hören. Minna Drescher öffnete darauf behutsam ei» Fenster im erste» Stock und sprang von da in der leichten Kleidung, die sie eben trug, auf die Straße. Das Paar fuhr davon, und die Equipage hielt erst vor dem Schlosse des Grafen. Hier verblieb die ehemalige Bonne kurze Zeit und kehrte dann nach Wien zurück. Nach weitigen Tagen ihres Aufenthalts tvurde das unglückliche Mädchen ivege» Ver- drechens des Diebstahls verhaftet und dem Wiener Landgerichte ein- geliefert. Rosa Benkö halte nämlich nach der Entdecknng der Flucht gegen das Mädchen die behördliche Anzeige erstattet, daß e? mit ihm nicht gehörigen Kleidern, die E i g e» t h u n, des Hauses gewesen seien, entflohen sei. Es wurde ein Steckbrief gegen Minna Drescher erlassen, ver zu ihrer Festnahme in Wie» führte. Vor einem Erkenutnißsenate des Wiener Landgerichts halte sie sich nun wegen dieses Diebstahls z» verantworten. Sie war des Thatsüchlichen geständig und ihr Vertheidiger bat unter Geltend- machung ihrer Zwangslage um die weitestgehende Milde des Gerichts- Hofes. Derselbe schloß sich den Erwägungen der Vertheidigung an und verurtheille die Angeklagte zu einem Monate einfache» Kerkers.— — WaS eine grosse amcrikanischc Zeitung kostet. Dem Patent- und technischeu Bureau von Richard Lüvers i» Görlitz ist eine Aufstellung über die Kosten zugänglich gemacht worden, welche ein« zweimal täglich erscheinende Nem-Jorker Zeitung verursacht. Für Beschafsnng des literarischen Stoffes 220 000 Doli., für Lokalberichte 290 000 Toll., für Jllnstratioiie» 180 000 Toll., für Korrespondenz 125 000 Doll., für Telegraphen IGöOOO Soll., für Kaveldepesche» 27 000 Doll-., für Maschine» 410 000 Doll., für Papier 617 000 Doll., für Mieihe, Beleuchtung, Bureau- Utensilien 219 000 Doll. Die Addition dieser Zahlen«rgiebt die Summe von 2 233 000 Doll.. nach deutscher Währung 9 567 000 M., ei» Betrag, welcher das Budget verschiedener kleiner deutscher Staate» um ein bedeutendes übertreffen möchte. Tie Zahl der Eingestellten dieser Zeitung be« trägt 1300.— Literarisches. — In Edinburg wurde vor einigen Tagen eine Erstausgabe der Gedickite Robert Burns versteigert. Das znm Kauf ausgebotene Exemplar maß 6x9 Zoll»nd befand sich im Ursprung- lichen Papierenischlag. Es wurden ursprünglich 600 Exemplare ge- druckt, wovon 350 von Freunden des Dichters aus dem Snb- skriplionsivege angckausl wurde». Diese Kilmarnock-Ausgnbe war i» einem Monat erschöpft. Der Gewinnantheil des Dichters belief sich ungefähr auf 20 Lttrl. Für dieses einzige Buch hat ein Herr Sabin ans London 572 Lstrl. 5 Sh.(über 11 440 M.) bezahlt.— Musik. — er—, Konzerte. Die Mitwirkung der Frau Marcella S e in b r i ch hatte in das 8. philharmonische Konzert eine große Zahl neugieriger Enthusiasten gelockt, die ebenso wenig auf ihre Rechnung kamen, wie die Minorität ernster Musiker; es gab weder Slimmsensation und Beisallstanuiel, noch wirkliche Musik. In einer Arie von Händel, deren verschnörkelte Aufdringlichkeit durch kein pietätvolles Bedenken genießbarer gemacht wird, rivalisirte sie vergebens mit der obligaten Flöte. Ans dem Holzinstrumente klang mehr Seele und reinere Intonation, als sie die Sängerin zu bieten vermochte. Auch Ophelia's Wahnsinnsszene aus Thomas' seltsamer Oper„Hamlet" war kaum die Wahl eines vornehmen musikalischen Geschmackes: Dekorationsmusik, deren Lichtblick ein Volkslied vo» echt skandinavischer Melancholie bildet. Man hatte für frühere bessere Leistungen der Frau Sembrich so viel dankbare Erimiernug, daß man sie zu einer Zugabe veranlaßte; sie sang die Gartenarie ans„Figaro's Hochzeit", und der„zugegebene" Mozart rettete auch diesmal ein fragwürdiges Kehlkopf-Akrobatenthnm. Die instrumentale Novität des Abends, ein„Graziella" benanntes Orchesterstück von Pfohl, setzt sich aus Grazie und Farben zusammen; anstatt Gedanken giebt der Komponist kleine zierliche Einfälle und launische, fast nervöse Rhythmik. Man kann der geistreichen Bagatelle nicht gram werden, wenn sie auch schließlich mit ihrem allzulange» feinen Ge« plauder langweiligt. Liszt's„„Mephistoivalzer", der von mageren Ideen und sattem Justrnmentationsesprit lebt, fand diesmal nicht die Anerkennung falscher Feinschmecker. Erst mit Beethoven's 8. Symphonie drang wieder ein sn scher Strom uiigelünstelterMusik auf das Publikum ei». Mit Wagner's Faust-Ouverlure war das skonzert eröffnet worden. — Mit derselben Ouvertüre begann auch das siebente Sym- p h o n i e«K o n z er t der köiuglicheii Kapelle. Vielleicht war es das Ergebniß widriger Zufälligkeiten, aber das Stück entfaltete bei den Philharuionikeru weit patheiischere Größe und eindringlichere Dynamik, als bei den Symphoniker». Neben Haydn's D-dur und Beethoven's mächtiger 7. Symphonie erschien als Neuheit Richard Henberger's Variationen über ein Schubcrt'sches Thema. Lebt auch in diesem nicht ganz das große Genie des Wiener Liederfllrsten, so vermochte es dennoch Heuderger zu vielen freien Gestaltungen zu in- spiriren, in deiren sich ein regsamer und phantasiereicher Kopf ausspricht. Herr Joseph W i e n i a w s k i hat sich zu viel originelle Schöpfungskraft, dem Publikum zu wenig Urtheilsfähigkeit zu- genmthet, indem er einen Abend ausschließlich mit eigenen Arbeilen bestreiten wollte. In einer Klavier-Violiiifonate, die er mit Joachim spielte, ladet er in anständiger Kunstform zu einer bequemen mnsika» lischc» Abendunterhaltiing ein, und das Niveau besserer Salon- miisik hob sich auch in einzelnen Liedern und Klavierstücken nicht erheblich. Eines ist sicher, will Herr Wieniawski seinen Sachen wenigstens den oberflächlichen Schein guter Musik retten, dann möge er sie von jemand anderem spielen lassen, dem die Manirirtheit weniger die künstlerische Klarheit genommen.— Eine junge Buda- pester Pianistin Gizella Grosz hat sich als eine starke musikalische Natur eingesührt, welche die Jndividualilälen der vor» geführten Musikgrößen so sicher erfaßte, daß die außerordent» liche Technik fast wie selbstverständliche Nebensächlichkeit erschien.— In dem Sängerpaar Marie Thoma(Sopran) und Leopold Löschte(Bariton) betrat wieder dreiste Mittelmäßigkeit da? Podium. Nichts ist reif, weder Ausdruck noch Stimme», und der vor die Oesseiitlichkeit gezerrte Dilettantismus unterbricht da die Entwickelimg vo» Anlagen, welche so noch vor etwaiger Blüthe zum Welken gebracht werden.— Clotilde Kleeberg gehört zu den anserwnhlte» Klavier- spielerinuen, welche mit der Seele eines Kunstwerks stets innigen Verkehr pflegen und ans ihr die Kraft und Innigkeit des unmitlek» bar wirkenden Ausdrucks holen. So spielte sie wieder Beelhoven, Schumann und Chopin und verlieh auch einigen graziösen Kleinig- keilen von Henfelt, Chaminade u. s. w. den Schmelz ihrer durch- gebildeten Kunst und ehrlichen Empfindung.— Erziehung und Unterricht. — Der Rektor der Universität in U p s a l a(Schweden) hat der Dozentin Fräul. Elva Eschelssohn den Auftrag ertheilt, Vorlesungen über Prozeßrecht zweimal wöchentlich zu halten,— — Das egyptische Unterrichtsmiiiisteriuin hat ans Anlaß der beabsichtigten Unigestaltmig der arabischen Kleinkinder- schulen(Kuttüh) einige statistische Daten über die Entwickelung dieser Anstalten sammeln lassen. Danach bestanden 1872 in ganz Egypten 2068 Kultkhs, 1873 war deren Zahl auf 2634 gestiegen und 1397 gab es 9660 derartige Schulen. Die Anzahl der Schüler betrug in den betreffenden Jahren 77 300, 82 256 und 181 200.— Medizinisches. d. DerStar alSBerusskrankheit. Die Arbeite: in einer Reihe von Betrieben neigen, wie den Augenärzten schon lange bekannt ist, zu einer frühzeitigen Trübung der Krysiallinse des Auges, welche man als Star bezeichnet. Es handelt sich dabei um ange- strengte Arbeil bei starkem Feuer, um Arbeiter in Hochöfen. Glas- hüllen, Schiliiedeii und uni Köche. Beispiele für einen dieser Berufs- stare brachte jüngst Professor Hirschberg in der„Berl. Med. Ge- sellschaft" bei. Es handelt sich um eine Reihe von Glasbläsern, die in einer Glashütte in Köpenick bei Berlin beschäftigt sind. Von den 30 Glasbläsern, welche dort arbeiten, sind 5 vierzig Jahre und darüber alt, und 25—30 Jahre in diesem Gewerbe lhätig. Alle diese 5 haben eine Trübung der Krysiallinse, während die 25 jüngeren noch keine Störung an ihren Augen bemerken. Die Arbeit des Glasbläsers zwingt ihn, einen großen Tßeil des Tages dicht am Feuer, in einer Temperatur von etwa 65 Grad Celsius zu ver- bringe». Die Folge dieser dauernden starke» Wäriue-Einwirkung ist eine typische Nölhnng und narbige Vermidermig der Wangenhaut; da häufig nur die eine Wange dein Feuer zugekehrt wird, so findet »na» die Veränderung der Wangenhaut»nd die Starbitdung dann zuerst an dieser Gesichtshälfte. Daß die Einwirkung der Hiye für die Starbitdung von Bedentuug ist, dafür spricht der Umstand, daß bei unseren Landarbeiter» die Reifung des Allerstars gewöhnlich früher eintritt als bei de» Städter», und daß unter der glühenden Sonne Indiens nach Hirschderg's eigene» Beobachtnngen der Alterstar etwa 20 Jahre früher reift als bei uns. Den Glasbläsern empfiehlt Hirschberg das Vorbinden eines ganz dünne» Strohhutes bei der Arbeit zum Schutze der Wangenhaut und der Auge».— Ans dem Thierleben. — Gedächt nißkraft einer Dogge. Der Grazer „Jklnstrirte Thierfreiind" erzählt: Eine sehr schöne, reinrasfige Dogge eines hiesigen Advokaten war mit einer Bißmiinde am Kopfe behaftet und wurde täglich um 3 Uhr nachmittags auf die ambulatorische Klinik zur Behandlung gebracht, welche für das Thier schmerzhast war. Während der Behandlung mnßle es jedesmal auf den Tisch gelegt und von einige» Gehilfen festgehalten werden. Eines Tages erschien die Dogge ganz allein znr festgesetzten Stunde, und als man ihr die Thür geöffnet hatte, sprang sie sofort auf de» ihr schon bekannten Tisch und ließ sich die Behandlung rnhig ge- fallen, woraus sie allerdings mit blitzartiger Schnelligkeit die Anstalt verließ. Am nächsten Tage kam wieder der Diener mit feinem Schützling und entschuldigte sich, daß er am vorhergegangenen Tage nicht Zeil hatte, um 3 Uhr zu kommen, wollte aber später das Thier bringen, allein es sei durchgegangen, nicht lange daraus jedoch mit einem neuen Verband wieder zurückgekommen.— Geologisches. t. Ein ungeheures V u l k a n f e l d auf der nörd- lichen Halbkugel. ES giebt auf der Erde einige Beispiele von ungeheuren vulkanischen Ergüssen, deren Lavamassen weite Land- strecken überfluihet haben und noch heule bedecken. Solche Lava- decken von enormer Ausdehnung kennt man besonders auf der vorderindischen Halbinsel und im Weste» der Vereinigten Staate» von Amerika. Jetzt kommt ein neues Beispiel hinzu an einer Stelle, wo man es kaum hätte erwarten sollen, nämlich in der Umgebung des Nordpols. Es ist vielleicht das wichtigste Ergebniß der bekannten Expedition Jackson Harmsworth nach dem Franz Josefs-Land, diese Thatsache erwiesen zu habe». Newton und Teall stellten nach den geologischen Sammlungen der Forschungs. reise fest, daß die genannte arktische Inselgruppe ans Bruchstücke» einer alten Basallfläche gebildet wird, welche sich ursprünglich über ihre jetzige Grenzen weit hinaus erstreckt haben muß. Man kennt ähnliche vulkanische Gesteine von den Insel» Spitzberge», Jan Mayen, Island, Grönland, den Faröern, den Hebride»»nd von Nord-Jrland. Die Geologen sind nun zu der Ueberzeuguug ge- langt, daß die vulkanische» Gesteine all dieser Inseln eine» gemein- same» Ursprung gehabt und früher zusammen gehangen habe». Man müßte dann also annehmen, daß zu einer Zeit der geologischen Vergangenheit der Erde von irgend einer Stelle im nördliche» Eis- uieere ein riesenhafter vulkanischer Ausbruch erfolgte, der das ge- sammte Gebiet, ivelches jetzt von dem nördliche» Atlantische» Ozeane eingenommen wird, mit Basaltlava überströmte. Später muß dann diese ungeheure Fläche zerbrochen und zum größeren Theile in die Tiefe versunken sei». Die Zeit dieser vulkanische» Thätigkeit fetzt der Geologe an das Ende des Kreide- Alters und an den Beginn der Tertiärperiove. Dieses Zeitalter ist auch in anderen Gebieten der Erde durch ähnliche Ereignisse ans- gezeichnet geivese», denn auch die großen Lavaströme von Abessynie» und diejenigen von Vorder-Judien haben dasselbe Alter. Die letzteren, die große» Lavafelder des Dekan, nehmen eine Fläche von 200 000 englischen Quadratmeile» ein und galten bisher als die größten der Welt, das neugefundene arktische Lavafeld ivnrde aber eine»och größere Ausdehnung besessen haben und das größte be- kannte in der Erdgeschichte darstellen.— Bergbau. !s. Die Entdeckung großer Asphaltlager in den Vereinigten Staaten wird einer französische» Zeitschrift gemeldet. Bisher gab es in de», ganzen Gebiet der Vereinigte» Staaten überhaupt keine natürlichen Asphalllager von einiger Bedeutung, und es mußte daher der ganze Bedarf von der Insel Trinidad her bezogen werden. Trotzdem sich die Zahl und die Produktion der Asphaltlager auf der Erde bedeutend ver- mehrt hat, so ist der Bedarf doch i» noch schnellerem Maße gestiegen. Die neuen Asphaltlager sind i» dem Staate Utah, im Reiche der Mormonen, gelegen. Es sind bis jetzt sechs reiche Adern gefunden, welche de» Staat i» bezug auf Mineral- schätze mit einem Schlage zu einem der bedeutungsvollsten der Ver- einigten Staaten mache». Nach Aussage der Sachverständigen genügen die Asphaltlager, den Bedarf Amerika's auf Jahrhunderle hinaus zu decken. Außer dem gewöhnliche» Asphalt, der zur Etraßenpflasterung benutzt wird, findet sich auch eine seltene Sorte von Asphalt, die als Gilfenit bezeichnet wird, in großer Menge, diese findet ihre Verwendung zur Jsolirung elektrischer Drähte, znr Farbenmischung, soivie zur Bereitung von Lack und Glanzlack.— Technisches. — Cu polofen-Betrieb. Wie lohnend oft gute Zufalls- Elfindnnge» sein können, lehrt das neue D o h e r t y- V e r fa h r e n für das Schmelzen von Gußeisen, welches in der Hauptsache indem Eiublasen von Wasserdampf in den Schmelzofen besteht. In der Gießerei des Erfinders ivar das Gebläse heiß gelausen und bei der Kühlung mit Wasser entwickelte sich Dampf, der in den Ofen ge- triebe» wurde. Doherty nahm nun wahr, welche» günstigen Ein- fliiß dieser Dampf oder richtiger der bei seiner Zersetzung frei werdende Wasserstoff auf die Dichte und Festigkeit des Eisengusses ausüble, er verfolgte die Erscheinung weiter und bildete sein Ver- fahren ans. welches in allen Industriestaaten geschützt ivurde. Für das englische Patent erhielt der Erfinder, ivie das Berliner Patentbureau Gerson u. Sachse berichtet, 300 000 Mark baar und l2 pCt. Antheil am Gewin» und für das amerikanische den gleichen Betrag.— Hnmoristisches. — Ein verhäng» ißvolles Wort. Es ist ein alles Vorrecht der Thüringer, daß sie die harten Konsonanten weich und die weichen hart sprechen. Nun wollte der Herr Direktor Ketten- bürg— Geddenburg, wie er sich selbst nannte— mit seinem „Ensemble" einmal Schillers„Test" aufführen, und er that es auch wirklich und wahrhaftig. Er selbst gab natürlich den„Dell". Aber wer beschreibt sein Erstaunen, als mitten i» der Apfelschußszene, wie auf ein gegebenes Zeichen, alles von der Bühne und hinter die Konlisse» stürzt: Walther Fürst, Stauffacher,„Keßler", die vier Stück Volk»nd der kleine„Walder Dell"(die übrigen konnten nicht fort- laufen, weil sie gestrichen waren) und er allein znrückblieb. Bald indessen klärte sich der räthselhaste Vorgang auf. Der Herr Direktor hatte, als er sich zui» Apfelschuß anschickte, verhnngnißvolleriveise gernfen;„Oeffnet die Kasse", statt„Oeffnet die Gasse"— und da ivar natürlich kein Halten mehr gewesen.— — Beweis. Freier:„... Ich sehe es an Ihren violette» Lippen, an dem anilingefärbten Kinn, �holde Marie, Sie haben meinen ZWerbebrief, welchen ich Ihnen'mit der Schreibmaschine schrieb, geküßt— ich bitte um Ihre Hand!"— — Landfeuerwehr. B e z i r k s a m t m a n»:„Aber Hof- bauer, was war denn schuld, daß Ihr, als nächste Feuerwehr, bei dem gestrigen Brand Euerem Nachbardorf nicht zu Hilfe kamt?"— H o f b a u e r:„Ja, wissen S', Herr Bezirksamtmann, dös is a so: Der Wurtschtlbauer hat si' das Mundstückl vom Spritzenschlauch zum W ü r s ch t m a ch a z' leiha g'nomma, und da Hamm ma' halt gestern koa» Mundstück zu uus'rer Spritz'» g'habt!"— („Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Am vorigen Sonnabend wurde in Gleiwitz ein Thier- bündiger während einer Schulvorstellung von einer Riefen- schlänge ins Gesicht gebissen. Er ist am Mittwoch seinen Verletzungen erlegen.— — In Ems, Nassau und B r a u b a ch wurden i» der Nacht zum Freilag heftige Erdstöße verspürt.— Auch in der Gegend von Selb und im oberen Maiuthal wurden mehrere nicht unbedeutende Erdstöße wahrgenommen.— — Ein Grenzbewohner im wahren Sinne des Wortes ist ein Bauzeichner in Eisenstein im bayrischen Walde. Er wohnt im Bahnhofe, und mitten durch diesen Bahnhof gebt in schräger Richtung die Grenze, sodaß das Zimmer des Zeichners in zwei un- gleiche Hälften geschieden ist. Er schläft z. B. in Böhmen, ist aber genöthigt, sich in Bayern zu waschen— — In Prag stieß sich eine Frau vor dem Bette ihres Mannes im Krankenhause ein K ü ch e n m e s s e r in die Brust. Ihr Mann Halle sie vor einem Jahre verlassen und sich am Sonntag durch drei Revolverschüsse schwer verletzt, wollte aber von einer Versöhnung nichts wissen.— — Am Freilag stürzte sich in R o m ein Major a. D. ans Dresden, der an einer unheilbaren Krankheit litt, dus dem F« n st e r eines Hotels und starb kurze Zeit daraus.— — Die Schriftsteller Ferdinand Fabre und Tont R ö v i l l o ii sind in Paris gestorben.— — Die Bevölkerung von Christiania wächst mit großer Schnelligkeit. Im Jahre 18-tS halte die Stadt 25 000 Einwohner, 1877 bereits 107 000 und am 31. Dezember 1897 fast das doppelte, 209 863. Im vorigen Jahre allein betrug der Zuwachs 14 300 Per- sone».— — Die Grippe tritt in L o n d o n wieder stärker auf. In der letzten Woche sind ihr 102 Personen zum Opfer gefallen.— — Einige B o st o n e r Kapitalisten hatten in Kanada eine Mineralquelle erworben. Der Dingley-Tarif legte aber einen so hohen Zoll auf das Mineralwasser, daß die Einsuhr sich nicht mehr lohnte. Ein?ldvokat brachte nun die Geldleute aus den Ge- danken, das Wasser gefrieren zu lassen und in Form von Eis über die Grenze zu schaffen. So bleibt es jetzt ganz steuerfrei. — Die Stadt M a ck a y in Queensland wurde von einem W i r b e l st u r in e heimgesucht. Drei Kirchen, zwei Gasthöfe und andere öffentliche Gebäude wurden vollkommen zerstört und viel anderer Schade angerichtet. 150 Millimeter Regen fiele» in 24 Etiinden.— Verantwortlicher Redakteur:«»gnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.