Mnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 32. Dienstag, den 15. Februar. 1398. (Nachdruck verdorsn.) 321 Allksgsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Forst er. Je länger er in dem Mondenscheine spazieren ging, um so verliebter wurde er. Dabei mischten sich vielerlei Ge- danken in ihm seltsam durcheinander: der künftige Reich- thnm und das schöne Aennchen, seine bisherige miserable Lage, Christian, die Mutter, sein eleganter Pastorenanzug, Plötzensee, der Mond und so weiter. Kurz er war ein bis zwei Stunden etwas närrisch vor lauter Glück, und wenn er die Straßen überschritt, nahm er sich sorgfältig in acht, daß er nicht von einem heimtückischen Wagen überfahren würde; eine Vorsicht, an die er früher nicht im Traume gedacht hätte. Um halb zwölf Uhr betrat er das Genua-Hotel. Richard hatte noch zu thun, aber in einer halben Stunde würde er fertig sein. Uebrigens war er erstaunt über den pompösen Anzug seines Freundes. „So erwarte ich Dich nachher in der Weinstube im Franziskaner," sagte der Agent. „Weinstube?" „Ja, Weinstube. Denn ich habe Dir Dinge mitzutheilen, die Dich einigermaßen in Erstaunen setzen werden." Nun wurde Richard trotz der drängenden Abreise des Barons v. Oesterreich neugierig und wollte in Kürze alles wissen, aber der Agent lehnte hier jede Mittheilung ab. „Eile Dich, komme, höre und staune, mehr kann ich einst- weilen nicht sagen." Richard bemerkte noch, daß er auf höchstens eine halbe Stunde abkommen könne, da er zu seiner i nun er noch leidem den Frau und dem Kinde müsse, aber der Agent lächelte fein! „Heute, mein lieber Richard, wirst Du es mit dem Heim- gehen nicht allzu eilig haben." Herr Baum erschien und war befremdet, daß sein Geschäfts führer lange Privatgespräche halte, während Excellenz Baron von Oesterreich wie ein Berserker nach der Rechnung schrie. Gespräche außerdem mit— mit—, und er sah den Butter- agenten mit einem wahren Basiliskenblick am Herr Albert Schweder gab diesen Blick mit so viel Hoheit zurück, so förmlich mitleidig, daß der wackere Baum einen Riesenzorn in sich aufsteigen fühlte. Es kam indessen zu keiner Szene, und mit großer Würde verließ der Agent das Hotel Genna, eine Slätte, an der er heute früh noch um gemeiner Butter willen sich hatte behandeln lassen müssen wie— na, genug davon. Er ging nach der nahen Weinstube und nahm in einer Nische Platz. Aus den weiten Sälen nebenan, wo der Bier- verkauf stattfindet, drang der Lärm der Sprechenden und der Gläser in die vornehme Stille der Weinstube gedämpft her- über, uitd wieder mußte der Agent an sein bisheriges Leben denken, Ivo er oft sroh gewesen war. da nebenan ein spärliches Mittagsbrot sich kaufen zu können. Auch au Paula dachte er, mit der er mehr als einmal dort abends gesessen hatte. Sie war ein gutes nettes Mädchen ge- wesen, aber ihre große Bescheidenheit den: Agenten gegenüber hatte doch wohl in erster Linie darin ihren Grund gehabt, daß sie bereits danials nicht mehr zu den jüngsten Jahr- gäugen zählte. In keiner Weise war sie jedenfalls mit dem reizenden Aennchen zu vergleichen, deren Küsse ihn heute zum Seligsten aller Sterblichen gemacht hatten. Nach einiger Zeit kam Richard an. Das erste, was er that, war die Weinflasche in die Hand zu nehmen, die be- ängstigend vornehm aussah. "„Was kostet die?" „Sechs Mark, wenn Du gestattest." .Mensch, Du bist wohl toll. Ich habe Weib und Kind zu Hanse. Neberhanpt Wein trinken! Wozu?" „Wenn Du erlaubst, lade ich Dich zu der Flasche ein," sagte der Agent.„Ich habe mich heute Abend verlobt und will diesen Tag nicht mit Krätzer feiern." „Verlobt? Dann gratnlire ich. Und nun mal vor allem, was sagte und wollte denn mein Vater?" „Lieber Richard, ich habe mich mit Deiner Schwester Anna verlobt." „Was?!!" Der arme Richard fuhr aus wie von einem Insekt gebissen. „Denn Anna, mein lieber Richard, hat, wie Du noch nicht zu wissen scheinst, ihre Verlobung mit dem Justizrath gelöst." Das war zu viel! Diese brillante Partie, von der man immer eine Unterstützung erhoffen durste, zu Ende! Und zum Ueberflnß nun gar eine neue Verlobung mit diefeni Habenichts von Agenten! Und deshalb Wein zu sechs Mark!! Er hatte nicht die natürliche Grobheit anderer Leute seines Standes und war in allem eine etwas weiche Natur — andernfalls hätte er wahrscheinlich dem Freunde fürchter- lich die Wahrheit gesagt. Immerhin las man feine Erregung und seinen Ingrimm deutlich in den nervös zuckenden Mienen, aber der Agent beeilte sich durchaus nicht, den Mermuths- becher mit süßem Nektar zu füllen. „Mach Dir klar, mein lieber Richard, was das bedeutet: Entlobung von dem Justizrath. Dieselbe ist beiderseits aus freien Stücken und mit aller Hochachtung geschehen, aber an- genehm ist dergleichen nicht. Ich glaube, lieber Freund, Du könntest meine Verlobung mit Aennchen in jeder Weise will- kommen heißen." »Ja, ja ," sagte Richard. Er drückte dem Agenten flüchtig die Hand und zerwühlte mit der andern seine hübsche Haarfrisnr. „Mein Gott, was soll daraus werden! Du hast nichts, Anna nichts, ich nichts. Ach!" Er stöhnte auf und leerte das Glas mit einem Zuge. „Ich habe was, Anna hat was. Du hast was," entgegnete der Agent mit feinem Nebergang,„wäre selbst alles das nicht der Fall, so hoffe ich, würde ich auch so der Mann sein, eine Fran recht wohl ernähren zu können." Der andere sah ihn erstaunt an, aber!der Agent klimperte mit seinen Silberthalern und nahm eine gekränkte Miene an. „Du scheinst nicht zn wissen, was ich verdiene. Mehr, lieber Freund, als Du Dir wahrscheinlich träumen läßt. Im übrigen kommt es darauf gar nicht an, denn Aennchen und ich lieben uns und würden unfern Weg finden, selbst dann, wenn Deines Daters sanguinische Hoffnungen sich nicht erfüllen sollten." „Hoffnungen?" „Ja, Hoffnungen. Ich für meinen Theil nenne dergleichen lediglich Hoffnungen. Fünf Millionen kommen niemandem wie gebratene Tanben in den Mnnd geflogen." „Fünf— was?" „Millionen. Das sind Utopien, lieber Freund. Zeige mir dergleichen schwarz ans weiß, und ich will es glauben. Eher nicht." Er schnalzte gleichgiltig mit dem Finger und schenkte neu ein. „Millionen?? Mensch, martere mich nicht! Was heißt das?! Was soll das?! Was bedeutet das?!" Nun erzählte der Agent. Alles ganz leichthin wie ein spaßiges Märchen, über das man sich amüsirt. Ter andre aber starrte ihn an, wie entgeistert, dann gerieth er in eine wahn» sinnige Aufregung. Soso« hinaus! Sosort nach Plötzensee! Der Agent hatte Mühe, ihm klar zn machen, daß Besuche zur Nachtzeit an jedem Orte der Welt eher möglich sind, als just dort,— nun aber gerieth Richard in einen wahren Taumel von Jubel. Glück, Angst und banger Sorge, alles könne nicht wahr sein. Man beschloß, noch zu bleiben und in aller Frühe hinaus- zufahren. Man rrank ans treue Schwägerschafr, mochte das Glück kommen oder nicht, und schließlich war der Agent so gerührt und des süßen Weines voll, daß er anfing, offen zu reden. Er erzählte von der fabelhaften Zuvorkommenheit der Wärter und Anstaltsbcamten und brachte mit dieser Mit- theiluug den armen Richard vollends ganz außer sich. Die Zeche wurde bezahlt, und der Agent ging mit zu Richard. Er sollte dort ans dem Sofa schlafen, und in der ersten Frühe wollten sie zusammen hinaus. Auf den Beinen war er nach diesem aufrcgungsreichsten Tage seines Lebens nicht mehr recht fest, die Nachtwächter aber vcrmutheten seinem ganzen Anzüge nach in ihm einen Pastor und drückten milde lächelnd ein Auge zu. als der würdige Herr fröhlich pfeifend durch die mondbeschiencnen Straßen zog. Klara hatte die Nacht schlaflos zugebracht. Sie war am Abend bei Frau Ohnesorgr's für das Baby bestimmten Wiegen- licbcvu eingeschlummert, aber nach einiger Zeit wieder ans- gewacht und lag ohne Schlaf. Richard batte fest versprochen. bald nach Mitternacht zu kommen, und gestern und heute ivar er gegen seine Frau vou solcher Gute und Liebe gewesen, daß ihr iveiches Herz vou einer überströmendeu Dankbarkeit erfüllt wurde. Schien es denn nicht, als ob seit der Geburt des Kindes seine alte Zärtlichkeit neu erwacht sei, die immer mehr verschwunden war? Niemand ivar so dankbar für jede Liebes- bezeiguug und jedes freundliche Wort, als dieses arme, seit der frühen Jugend verschüchterte Wesen. Die Mutter und die Geschwister hatten sich von ihr losgesagt, und sie hatte ja gar niemand auf der weiten Welt als ihren Mann. So waren dessen Laune, Stimmung und Zuneigung ihr Glncksthermometer, und wenn er sich recht bewußt gewesen wäre, wie angstvoll sie nachts bei seiner Heimkehr und früh beim Aufstehen in seinem Gesicht nach Freundlichkeit oder gar Herzlichkeit suchte,— sein gut- müthigcs Herz hätte doch wohl öfter die trüben Launen über- wunden und hätte sich doch wohl bisweilen mehr bezwungen, um der hinfälligen, verblaßten Frau einige Licbesworte zu geben. Solche Worte sind ja so billig wie gar nichts anderes, und mau glaubt nicht, wie goldschwer sie wiegen, wenn sie einem einsamen armen Dinge bisweilen gesagt werden. (Fortschmig folgt.) Die Gejtfzidiko ves Schnlzes.� Das Schuhwerk war bei den germanischen Völker» in der Regel sehr einfach. Zins der fogenannten Stalue der Thusnelda in Florenz, welche noch ans römischer Zeit stammt, bemerken wir eine Art Bundschuh, aus einem Stück Fell oder Leder verfertigt; der Schuh ist hinter der Ferse und oberhalb der Zehen mit Riemen verknüpft, sodah das größte Stück des Obernlßes von demselben unbedeckt blieb. Die Schuhe an einer männlichen Leiche, welche aus einem Torfmoore in der ostfricsischen Gemeinde Etzel gehoben wurde, balle auf dem Spann eine» Ausschuilt; die eine Laugkante der Oeff- Jiuiig war in einige Laschen mit Schlitzlöchern zeriheilt. die andere mit Reihen von hübsche» Stern- und sonstigen Mustern durchbrochen lind mit Riemen besetzt, die durch die gegenübersitzenden Laschen ge- zogen und über dem Spanne mit vielfache» Verschlinguiigcn ziisammengeknüpft waren. Angeiertigt wurden die Schuhe ans Ochse» häute», Schafsfellen, auS SeehnndSfellen. oder gar aus Haisischfcllen. Das Fell benntzte man theils mit de» Haaren darauf, lheils ohne diese. Der sandalenarlige Bundschuh der alten Germanen machte im nennten und zehnten Jahrhunvert nach Christi dem wirklichen Schuh mit Oberleder Platz. Es sind dies die zuweilen in der nordischen Literatur«rivähnte» hohen Schuhe; sie bedeckten den ganzen Fuß und reichten bis zu», Knöchel hi»a»f. Diese Schuhe halten eine augenfällige Spitze, und man trug sie ebenso oft roth und blau als schwarz gefärbt. So soll Karl der Große Halbstiefeln von rothem Leder gelragc» haben, in denen jede Zehe ihren besonders ausgearbeileten Ranni halte. Auch wird eine Art Schuhe genannt, weist, e vermnthlich den heute gebrauch- lichen Stiefeln gleichen. Das Oberleder ging bei dem Frauenschuh bis auf die halbe Spanne hinauf, und Zicrralhen jeder Art. ivie z. B. Rosctlen von Goldtressen oder schwerem farbigem Stoffband, Stickereien mit Goldfliltern, Besatz mit edlen Steine» auf de» Borten lind dergleichen, bildete» den Schluß dieses vielfach aus Seide oder Lammet angefertigten Schuhes. Gegen Ende des elften Jahrhunderts soll ei» Graf Fulko von Anjou oder Angers einen neuen Schuh eingeführt habe». Weil er mißgestallcte Füße Halle, ließ er sich lange und vor» ganz spitze Schuhe machen, um jene so zu verdecken; die Spitze, welche gleich Skorpionenschwänzchen aufwärts gekrümmt war, nannte man Pigafche». Dem Beispiele, welches der Herr und Gebieter gegeben, folgte» die Höflinge Fulko'» in sklavischer Kriecherei bald, mochte» auch ihre Füße in ganz tadellosem Zustande sei», und so ivurde die nngeivöhnliche Sitte der Echnabelfchnhe im ganzen weft- lichen Europa hochmodern. In Deutschland jedom scheint die� selbe— merkwürdigerweise!— während des zwölften Jahrhunderls ivenig Eingang gesunden zu haben; wenigstens sind dergleichen Schuhe ans den Abbildniigcn ans dieser Zeit nicht zu beuierken, auch erwähnen die Dichter sie nicht. Später allerdings führte nia» sie auch hier ein, und jetzt hielt jeder elegante Edelmann» es sür seine niinmgängliche Pflicht, solche zu trage». Ursprünglich war die Spitze der Schnabelschnhe ziemlich mäßig; allmälig aber suchten die reicheren Leute ihre» Reichthnm durch die verschiedene Größe der Schnäbel z» bekunden. Ein Modenarr an dem Hofe des englischen Königs Wilhelm des Rothen,»ainens Rod- bertns, halle zuerst den Gedanken, die langen Schnäbel mit Werg nnszustopfen und wie«in Widderhorn zu krümme», weshalb er den» auch den Beinamen„der Gehörnte" erhielt. Jetzt nahm auch die Länge der Schnäbel immer mehr zu, und um in diese» überlange» Schuhen gehen zu können, befestigte man silberne oder goldene Keltche» an der äußersten Schnabelspitze, zog diese daran in die Höhe und ') Alls der„Kölnischen V o l k Z z e i t u n g". heftete sie damit an den Knieen fest; gleich den Hebräern hing man auch wohl Glöcklein an die Schnäbel. Gar arg mutz hinsichtlich der Länge der Schübe der Unfug geivorden sein. Priester wurden nicht müde, dagegen zu eifern, und wie Pilze im Walde entstanden Per- ordnnngcn gegen diesen Auswuchs der Mode; so untersagte z. B. der Rath von Strnßbnrg nm 1370 den Schuhmachern bei einer Strafe von 30 Schillingen, Schuhe mit längeren Schnäbeln anzufertigen als von der Länge eines Fingers. In Frankreich wurden im 14. Jahrhundert Gesetze erlassen, in denen genau angegeben war. wie lang die verschie- denen Slände die Schuhe tragen durfte»; 2>/s Fuß Länge war für die Schnäbel an den Schuhen der Prinzen gestattet, eine Schnabel- länge von 2 Fuß für die Dame» und großen Barone, eine solche von 1 Fuß für die vornehmen Leute, und nur eine von einem halben Fuß für die gewöhnlichen Bürgerlsente. Somit war denn durch die Länge der Schnäbel ei» Kennzeichen dafür gegeben, welche» Ranges und Standes der Träger des Schuhes war. Eine Erinnerung an dieses Gesetz hal sich bis ans den heutigen Tag erhalten in der sprichwörtlicheil Redensart„auf einem großen Fuße leben". Die Farbe der Schuhe war ebenfalls der Mode unterworfen. Im Jahre 1444 trug man in Erfurt Schnabelschuhe von rolhern Hirschleder. Eine Erfurter Chronik(herausgegeben von L. F. Hesse 1333) berichtet:„Es was auch in den seibin gezitin gantz lonfftig, das die jungen manne, vraweu unde jnngfrawen, mich dicnstknectue zu festin, bochzeiten nnde ouch gemeinlich alle heilige tag rote schn von locschsellin trugen unde etliche spizige snebelle daaane." Bald wurde es sogar Silte, zweifarbige Schuhe und auch zweifarbige Hose» zu trage»; der linke Fuß stinnnte stets mit dem rechten Bei» n berein und ebenso»mgekebrt das linke Bein mit dem rechte» uß. Prangte das rechte Hosenbein in rotber und der rechte chnabelschnh in grüner Farbe, so schillerte der linke Schub in Purpurfarbe, während das linke Hosenbein hvffnnngsvolles Grün aufwies. Zu den Schnabelschuhen gesellten sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bei beiden Geschlechtern besondere ttnlcrschnhe oder Tripven, die man»>it einem ledernen Bügel über dem Spann oder mit Durchsleckriemen befestigte. Es waren dies schmale, nach der Form des Fußes zugeschmuene und vorn gespitzte Holzsohlen, häufig nntcr der Ferlo und weiter vorn unter den» Ballen mit Absätzen unterlegt. Aus diese Weise sollte der Schnabel unterstützt werden. Die Weltcrwendrgkeit der Mode änderte indessen jahraus jahrein an der Fußbekleidung, und so folgten denn im vorletzten Jahrzehnt des Ib. JaKrhnnderls ans die langen Schnäbel Schuhe mit breiten Vorderkappen, welchen man den lieblichen Kosenamen „Entenschnäbel" gab; die Epitzenlniige l elrng bei ihnen nur vier bis fünf Zentimeter. Ans den Enteiischnäbel» gingen im Anfange des lö. Jnhrhnnderts die„Bärenklauen" oder die„Kuh- oder Ochsenmnuler" hervor. Diese bildeten zu den Echnabelsstiube» einen toialen Gegensatz, da sie vorn a» de» Zehen ihre größte Breite hallen. Da die Zehen erklärlicherweise den vorder» Theil eines solchen Schuhes nicht anSzusüllen vermochten, mußte der geplagte Moveinan» zu lauter nnsslopfenden Gegenständen seine Zuflucht »etnneu. Eins war vielleicht an de» Bärenklaue» zu loben, nämlich, daß man in denselben keine Hühneraugen bekam. Schon bald mußte das Knhmanl seine Herrschaft an die zer» hackten oder zerfchnitleiie» Schuhe abtrete». Mit breiten Sohlen, an der Seile und Hinte» kaum einen Finger breit hoch, bestanden sie vorn aus einem mehrmals geichlitzte» nnd untergepnfften Sack. Der bereits erwähnte Erfurter Chronist berichtet:.Amro domini 1580. do vergingen die langen snebele an den fchncn, darnach koinc» dy breyten scho, als dy knenmnler mit überslegen". Diese ncne Art Schuhe stimmte mit der damaligen geschlitzten Tracht überein. Es waren»ämlich gepuffte Wämser und Beinkleider modern ge- worden, bei denen anfangs der Futterstoff nur in zahlreichen, aber kleinen Schlitze» hervorquoll; später jedoch ließ man diese Bauschen über alle Grenzen hinaus anschwellen, so daß das Füller— einige Modegecken sollen davon bis zu 130 Ellen verbraucht haben— an Hosen und Aermeln wie flallemde Säcke hervortrat. Stiefel wurden bis zu dieser Zeit fast nur von Fuhrleute», Bauern oder Jägern gelrage». Da der Schaft derselben aus weichem Elen- oder Hirschleder nnd nur der Borfuß ans sestcrein oder härterem Leder gemncht wurde, so waren dies eigentlich Leder- strumpfe mit angenähtem Schuh; sie hatten verschiedene Höhen, indem sie bald bis in die Milte der Oberschenkel, bald bis gegen die Hüften hinaufreichte», und wurden ciilweder verschnürt oder verschnallt. Später enveilerle iiian diese Lederstrümpse an der Stelle, wo sie miler dem Knie gebunden wurden, mit einer über das Knie emporsteigenden Stulpe, und dies war der Anfang der berühmten jkaiionenstiefel oder„Kanonen", auch„Wallen st« iner" oder„Schwedische Stiefel" benannt, welche iianientlich im dreißig- jährigen Kriege ihre Glanzrolle spiellen. Bei den schweren, ge- spornten, dein kriegerische» Geilte der Zeit entsprechenden Stulpen- stiefeln wurde die schlappe Krempe vielfach mit feinen Spitzen ansgesüllt, häufig auch mit Taschen, in denen sich alle Arten von kleineren Gegenständen,»amenllich Papiere, verwahre» ließen. Bald wurden hohe Absätze htningefügt, die von jetzt an, wenn auch nicht in der»rsprünglichen�Höhe, sich bis in die Neuzeit erhalle» haben... Das letzte ungeheure Produkt der Mode entstand am Hose Ludwigs XIV. von Frankreich um die Mitte deZ 17. Jahrhunderts: die Patins, welche unter dem Namen„Steckelschnhe" auch in Deutschland allgemeine Tracht wurden. An Viesen Schüben wurden die spitz zulaufende» Absätze so übertrieben hoch gemacht, daß sie de» Fuß in einem Winkel von 40 bis 4b Grad zur Erde stellten; manche Veuetianerinnen sollen Stelzenschuhe von zwei Fuß Höhe getragen haben. Der Absatz wurde sogar von solcher Be- deutung. daß es Absatzmacher von Prosesfio» gab, welche die Schuh- macher versorgten. Durch derartige, eher zum Fallen als Gehen eingerichtete Schuh« wurde der ganze Körper gezwungen, sich nach vorn zu neigen, und daher bediente man sich eines Stockes als Stütze, besonders die Frauen. Obgleich durch die sonderbare, unschöne Mode des Stcckel- schuhes der Gang alle Grazie verlor nnd zu häßlichein Hüpfen wurde, verschwanden die Patins erst bei dein radikale» Kehraus der französischen Nevolulion am Ende des vorigen Jahrhunderts. In der Mitte dieses Jahrhunderls tauchte der Steckelschuh unvermuthet wieder auf. Als nämlich die Damenwelt die Beobachtung machte, wie sehr der Absatz geeignet sei, den Fnß vors Auge zu rücke» und seine Schönheil deutlich zu machen, kamen die hohen Absätze wieder zu Ehren, allerdings,»in bald wieder von der Schaubühne zu ver- schwinden; denn die Schneider verdarben den Schustern das Hand- werk und ließen die Kleider, welche bisher den Fnß unbedeckt ge- lassen hallen, immer mehr anwachsen, bis sie endlich mit der be- rüchiigte» Krinoline den Fnß i» Nacht nnd Dunkel verbannten. Gewichste Schuhe nnd Stiefel sind heutigen Tages eine selbst- verständliche Sache. Und doch ist es noch nicht lange her, seit dieser Brauch sich allgemein einbürgerte. Seit dem Jahre 167b etwa besteht die Sitte, das Schuhwerk nicht mehr in der Naturfarbe zu tragen, sondern zu schwärzen. De» Schaft bestrich man mit zer- lassenein Wachs und glättete ihn dann mit eine», Eberzahne— da- her stammt der Ausdruck„wichsen"— während man die übrigen Theile glanzlos mit Kienruß schwärzte. Bon Mclac, dem granfaiueu Zerstörer Heidelbergs(1689), wird berichtet, ra) er hohe Stiefeln trug, die„mit Ofenschivarz bestrichen" waren. Etiva»in die Milte unseres Jahrhunderts erfand man die„Schuh- wichse", welche, weil bequemer, bald di- bisherige Wachsmclhode außer Mode brachte. Vleines Ilottillrto» c. e. Ei» Styriftsteller vor doli, frauzösischcn Kt iogSgelicht. Der Fall Dreytus-Zola hat unter vielen nnveren Dingen auch ei» merkivürdiges kriegsgerichtliches Verfahren in Erinnerung gebracht, das vor Jahren gegen einen jungen Schriftsteller eingeleitet wurde. Der bekaniite Nomanschreibcr Paul Alexis, dem die Geschichte passirl ist. hat sie in diesen Tagen in dein Blatte„Aurore" erzählt. Ter „Fall" ereiguete sich im Jahre 1675. Eines schönen Morgens treten in das Zinnner des jungen Schriftstellers, der damals seine ersten Werke veröffentlicht hatte, zwei Männer von wenig Vertrauen er- weckendem Aussehen und fragten ihn kurz:„Sind Sic der Journalist Paul'Alexis?"—„Ja,> v habe das Ver- g,»igen."—„Dann haben Sie ivob' die Güte, uns zum Poiizcikomiuissar zu folgen; Sie sind zu lebeuslänglicher Deportation verurthcilt,.und endlich ist es der Justiz gelungen, Sie zu ergreisen." Zu lebenslänglicher Deportation vernrtheilt? Paul Alexis fiel ans den Wolken. Er hatte seit dem Jahre 1871 nichts mehr mit dem Diililär zu lhun gehabt. Was in aller Welt konnte man ihm vorwerfen? Er fragte die beiden Männer, aber sie blieben stiimni, denn sie halte» de» strengen Befehl, nichts zu ver- ralhen. Bevor Alexis ins Gefängniß wanderte, erhielt er die Er- landniß. feinen Freund Zola zu besuchen. Vom Kommissariat ging es dann ins Militärgesänguiß, wo Alexis acht Tage blieb, ohne zu wissen, wessen man ihn beschuldigte. Zola besuchte ihn nnd schien selbst Verdacht zu hegen, denn er fragte ihn:„Mir gegenüber könne» Sie ausrichtig sagen, was Sie seit dem 18. Mai 1871 gethan haben." Das wußte Alexis aber selbst nicht; es mußte jedoch etwas ganz Fürchterliches sein.„Auch ich Halle meinen Du Paly de Clam", schreibt er. Als endlich daS Verbör kam, offenbarte sich sein Paly de Clam in der Person eines Majors Rouvaire, der ihn ganz plötzlich einem Malrosen gegenüberstellte, de» Alexis im Gesängiiib gesehen halte.„Kennen Sie diesen Herrn?" fragte Rouvaire de» Matrosen. Der Seemann dachte lange nach. während dem jungen Schriftsteller das Herz gewaltig pochte; obwohl er sich ganz nuschnldig fühlte, wußte er doch:„Wenn er mich jetzt wiedererkennt, bin ich geliefert". Aber der Malrose erwiderte:„Nein". Nu» waudte sich Rouvaire mit derselben Frage an Alexis. Dieser beschloß, ihm einen Streich zn spielen.„O ja. ich kenne ihn genau...." Der Major lrimu- phhirte schon, als Alexis ruhig fortsuhr:„Ich erkenne i» ihm einen Lcideusgejährten wieder, der seit acht Tagen im Gesängnißhospilal neben mir liegt." Wieder gehen acht Tage ins Land, ohne daß der junge Schriftsteller etwas über sein Schicksal crsährt. Endlich wird er vor Gericht geführt, natürlich ist es ein Kriegsgericht. Großer Apparat, geschlossene Thüren; der einzige Entlastungszeuge ist Zola, der über die guten Eigensckaiten und die Harmlosigkeit seines jungen Freundes aussagen will. Im letzten Augenblick haben die Herren vom Gericht selbst entdeckt, daß die ganze Sache Unsinn sei. Wer aber glaubt, daß sie es sofort zugegeben hätten, der irrt sich; der Prozeß geht seinen Gang, und der Major Rouvaire erhebt furchtbare Anklagen gegen Alexis. Er giebl zu. daß Schrift- stücke, die zu einem anderen Prozesse gehörten, sich in Alexis' Akten „verirrt" hätte»; aber trotzdem behauptete er, daß der Schriftsteller während der Kommune„etwas" begangen haben müsse. Ein Alexis habe zu den Mördern des Erzbischofs gekört. Wenn man also den Schriftsteller Alexis auch nicht für Lebenszeit deporliren wolle, so müsse man ihn doch zu schweren Zuchthausstrafen verurtheilen, sei es auch nur, in» ein Exempel zu statuiren. Aber das Gericht stellte fest, daß der Alexis, den man beschuldigte, sich an dem Kommune- Aufstande belheiligt zn habe», ein Tagelöhner Paul Alexis war, und nicht ein Journalist; deshalb wurde der Schriftsteller freigesprochen. Der Ankläger gab sich aber noch nicht zufrieden.„Mein Paty de Clam", schreibt Alexis,„sah mich scharf an nnd schleuderte mir die Worte ins Gesicht: Man hat Sie freigesprochen, Herr, aber hüten Sie sich, wir werden Sie im Auge behalten!"— Theater. Im Berliner Theater wurde am Sonnabend Herr Dr. B u r ck h a r d t, der frühere Direktor des Wiener Burg- Theaters, gefeiert. Anders kann man die Aufnahme, die Herr Burckhardt fand, nicht gut nennen. Warum er gerade jetzt gefeiert wurde, ist nicht leicht zn sage». Um seines Volksstückes willen, „'s Katherl", das zum ersten Male aufgeführt wurde, gewiß nicht. Denn es ist nicht viel mehr, als eben ein brauchbares Theater- stück. Aber es war in der letzten Zeil viel vorn Burg-Thealer die Rede, von Kouliffen- Geheiiniiiffeu, durch die Herr Burckhardt verdrängt worden sei; nnd das genügt den Herrschaften mit den Spatzenhirnen, die im Thealerdasein aufgehen. Ein kluger, scharfsinniger Mann bcooachtet das Thun und Ge- haben der kleinbürgerliche» Kreise von Wien; die Seelen der Menschen, ihr besonderstes Lebe» erschließt er nus nicht, wie ei» Poet es vermag. Den Eindruck etwa nimmt man vorn Kaihcrl Burck- hardt's heim. Es brauchte nicht ans dem Theaterzettel zu stehen: Leopold Koberl, Kaufmann. Es könnte ebenso gut rein typisch heißen: Ein Wiener Gewürzkrämer ans der Vorstadt. Denn nicht ein besonderer Herr Koberl wird uns vorgestellt, sondern der Typus eines guten„Tschaperls", eines braven kleinen Mensche», den seine Haueehre, eine„bülldu»gs"stolze Beamlentochler tyrannisirt. s'Katherl selber ist eine arme Näherin. Mit fünfzehn Jahren hat sie sich für ihre Familie, die im Elend war, verkauft oder besser, sie wurde verkauft. Der Vater starb dann, der Bruder strolcht„dreut im Boarischen", wenn er nicht gerade in einem bayerischen Zuchthanse zum Stillsitzen verdammt ist. s'Katherl ist in Wien von einem ehrlichen Verwandten ausgenommen worden. Den„Fleck aus ihrer Ehr'" hat sie durch Tüchtigkeit weggewaschen, und das Mädel, dem kein Mensch etwas nachsagen darf, lernt Franz, der Sohn vom alten Koberl. kennen und liebe»,'s Kalbert liebt ihn wieder, und es tritt die Frage an sie heran: Enthüllst dn ihm deine Vergangenheit oder nicht? Eine Frage, die in vielen Thesenstücken auf dem Thealer auftaucht. 's Kalherl schweigt, sie weiß sich frei von innerlicher Schuld. Da tritt ihr verlumpter Bruder, der gerade aus einem bayerischen Zuchthause entlassen worden ivar, da- zwischen. Er ivill von seiner Schwester erpressen, daß sie ihn, den Gewohnheitsverbrecher, bei dem alten Koberl als Vertrauens- mann unterbringe. Sie ist gezwungen, die Wahrheit zu enthüllen, nnd der Bruder vergilt gleiches mit gleichen!. Im Jähzorn weist Franz seiner Braut und ihrer Familie, dem ganzen„Gesindel", die Tdnre. Für ein Wiener Volksstück wäre dieser Ausgang zn rauh, also wird ei» scntimental-versöhnliches Ende angeknüpft. Der brave Franz'l bereut seinen Jähzorn»nd als er hört, daß sein Kalherl schwer krank im Spitlel liege, eilt er hin zu ihr nnd versöhnt sich wieder»»!. Glück ist die beste Arznei,'s Katherl wird wieder hüpfen nnd fröhlich sein. Das Stück war mit besonderem Eiser eilistudirt worden. Herr W e h r l i n(Leopold iloberl). Fra» Meyer(seine Frau) halten sich in der Komik ihrer Gestalten, ohne allzu derb zn übertreiben; einfach nnd geivimiend blieben S o rn«n e r s t o r s f(Franz) und Cäsar Beck(der Onkel vom Kalherl). Ganz prächtig echt ivar Herr Stahl(Kalbert's Brnder); ein Strizzi vom Kopf bis zn den Füßen; wahr im Mienenspiel und in der äußeren Erscheinung, wahr von der fliegenden Kravatte an bis zum Strohhalm der Virginiazigarre nnd dem Goldblechring im Ohr. Mit dem Kalherl allein haperte es. Frl. Geßner, die Hermione bei Shakespeare, ist im Volksstück innner so, als wäre sie eine verkleidete Prinzessin.— Eine Nachfeier veranstaltete der Bühiieuvereiu Dramatische Gesellschaft am Sonntag. Er führte Bnrckhnrdt's „ V ü r g e r in e i st e r w a b l" ans, ein Stück, das stofflich mit Rnederer's„Fahnenweihe" manches gemein hat. Wie hier von München aus korrnmpirende Einflüsse ans'S Land dringen und die alte bäuerliche Wirthschaft zersetzen, so geschieht ähnliches dort von Wien ans. Nur erscheint Ruederer satirisch-schärfer, giftiger, als der Wiener Burckhardt. Das Stück wird in Wien niibehindert gegeben, es wird also wohl auch in Verlin öffentlich aufgesührt. Dann soll es an dieser Stelle besprochen werden. Das Treiben der gegenwärtigen Bühnenvereine zur Förde- rnng der Literatur ist unnütz und absurd. Anerkannte Talente vor- siihren, ist billig; ihnen den Weg bereite», daraus käme es an; vorausgesetzt, daß es neue Talente giebl.— — s. Im Schiller-Theater gab man am Sonnabend eine dramalisirte historische Anekdote:„ H a n s W n r st i n B e r l i n", Schauspiel in 4 Auszügen von H e i u r i ch Lee. Von dem Preußen- könig Friedrich I. wird erzählt, er habe bei einem Koniödiantenkinde Paihe gestanden. Diese» ülkt der Herablassung benühl Lee i» seinem Stück als dramatischen Hebel. Konrad. der junge Hanswurst einer KoiuSdiantentriippe, nnd Billchen, die Nichte des Hofschnsters Quast, können zusammen nicht komme»— der zunflstolze Onkel sieht in dem Komödianten einen„Unehrlichen". Da geht Konrad zum Großkanzler Dankelmann und erzählt ihm von seineui künstlerischen Streben; Dankelmann sieht sich eine Vorstellung der wandernden Truppe an und entschließt sich, an dem Neugeborenen von Konrad's Bruder Pathenftelle zu vertreten. Die Komödianten sind dadurch„ehrlich" gemacht, der stolze Schuster gicdi sich, die Liebenden kriegen einander. Um die Fabel hängt eine Menge Kulturhistorisches. Und in dem Episodenbasten, Genremäßigen ist dem'Autor manches nicht übel geglückt. Wie aber kommt Dankel- mann in dieses Schauspiel? Lee wollte Friedrich I. auf die Bühne bringe», aber das gefiel der Zensur nicht. Und so mußte der Kanzler mit seinem Namen herhalte». Alles Andere aber blieb und brachte so nnfreiwillig oft die putzigste Wirkung hervor. Ehe der Kanzler erscheint, ertönt jedes- mal ein Trommelwirbel. Was bleibt denn da übrig, um das Kommen eines noch Größeren anzuzeigen? Karthaunenfchläge? Mit der Kunst hat der„Hans Wurst in Berlin" so ivenig zu thun, ivie etwa die patriotischen Erzählungen im„Bär". Den Zuhörern, deren Lokalpatrioiismns immer wieder gestreichelt wurde, gefiel Lee's Stück, freilich klang das Klatschen zu Anfang eines jeden Beifalls- nnsbruches etwas taktmäßig. Nur einmal schlug brausende Zu- slinimnng auf: Als einer der Fahrenden erklärte, so viel iverlh wie die Polizei, seien die Komödiante» auch. Die Schauspieler gaben sich alle Mühe, die rundeste Leistung bot S ch in a s o w als Weinmeister Splitt.— — d. D i e Nene Freie Volksbühne ließ sich am Sonntag das erste Bühnenwerk des jungen Lyrikers Albert Geiger vor- spielen. Maja, dies der Name der Tckelheldi», ist der Jbsen'scheu Nora nahe verivandt. Während Nora aber auf die Charaklergröße ihres Mannes vergeblich hofft und erkennt, wegen welcher Nichtigkeit sie ihr ganzes Seelenleben opfern mußte und zum Ehespielzeug herab- gewürdigt wurde, fordert Maja vor allen Dingen das Recht der Liebe. Sie hat Emmerich von Weilen, einen ivohlhabende» Gutsbesitzer, geheiralhet. I» der Stunde seiner Werbung hat sie ihn mit seinem Bruder Erich betrogen. Bei dem altväterischen Emmerich, der ihre zarten Empfindungen mit dem Recht des Ehemannes fortbesehlen möchte und sich etwas tölpel- Haft und nüchtern benimiiit, kann sie den geliebten Erich nicht ver- gesse». Als dieser, der sie wegen seiner Mittellosigkeit nicht Heirathen konnte, von längeren Reisen zu seinem Bruder zurückkehrt, fühle» die beiden Liebenden, daß sie nicht nebeneinander leben dürfen. Das Stück setzt bei der Rücklehr Erich's ein. Bis zur Hälfte des zweiten Aktes wird es mit Erzählungen der Vergangenheit und Selbst- schildernnge» der handelnden Personen ausgefüllt, die manch- mal voll tiefer, lyrischer Schönheit sind und den Mangel eigentlicher Handlung kaum vermissen lassen. Erst als Erich fliehen will, um jeder Versuchung ans dem Wege zu gehen, und Maja ihn zurückhalten will, setzt eine festere, dramatische Spannung ein. Maja überredet Erich, noch eine halbe Stunde Glückseligkeit zu genießen; dann soll ihr gemeinsamer Tod ihre gemeinsame Schuld sühne». Doch Maja will, nachdem sie sich das Glück errungen hat, au Erich's Seite»och mehr Lebensfreuden erleben. Erich aber kann seinein Bruder nicht offen ins Gesicht sehen. Als Eitimcrich anr Morgen nach Erich's Ankunft von der Jagd kommt, auf die er trotz der Bitten seiner Frau gegangen ist, gesteht ihm Erich die Wahrheit. Der beleidigte Mann jagt die beiden Ehebrecher aus dem Hanse. Als er aber sieht, wie Maja sich seinem Bruder anschmiegt, schießt er sie im auslodernden, neidvollen Zorn mit seiner Jagdflinte nieder. Der Verfasser hat dem alten Tristan- und Isolde-Motiv ivenigstens gute Stimmungsreize abgerungen, wen» er auch in den Fehler aller Anfänger sälll und zu redselig ist. So. wird im ersten Akt ziemlich viel geahnt, um die Zuschauer erwartungsvoll zil machen. Eine psychologiche Kutwickelnng ist nicht vorhanden; Maja kämpft von vornherein gegen die Pflicht- sordernnge» ihrer Umgebung, für die Rechte ihrer Persönlichkeit. Von den Darstellern schuf nur Merten, der sich auch als Regisseur redliche Mühe gegeben hatte, in dem ltlöcsroheu Batcr der Maja einen lebensvollen Menschen.— Bölkerknnde. — DieEinivohner derNikobaren-Jnselgrnppe im Judische» Ozean zeigen eine ganz außergewöhnliche Vorliebe für abgetragene männliche Zlopfbedecknnge», deren Form ihnen gar nicht verschroben genug sein kann. Zwischen Kalkutta nnd den Nikobnren wird daher ein regelrechter Handel betrieben, und zwar tauschen die Insu- lauer die ihnen so werlhvolleu abgelegten Hüte gegen Kokosnüffe ein. Der schwarze Zyliuderhnl steht bei ihnen i» großem Ansehen nnd ivird gern mit 30— 40 Nüssen bezahlt. Das höchste Entzücken eines Nikobareiijünglings bildet aber ei» hoher weißer Hut mit schwarzein Bande. Wer das Glück hat, ein solches Prachtexemplar von H»t, das mit KV— SO Nüssen bezahlt wird, zu erlangen, der gilt fortan als Dandy, und mit einer unbeschreiblich erhabenen Miene schreitet der so Geschmückte, dessen übriger Anzug mir in einer mit vielen Knöpfen und Taschen verseheneu Weste besteht, unter seinen , veriiger begünstigten Lairdsleuteu einher nnd nimmt herablassend die laute Beivimderung entgegen, die man ihm in hohem Maße zu thell werden läßt.— Bergbau. t. Wann wurden Steinkohlen zum erstenmal als B r e n n st o f f benutzt? Es ist in der letzte» Zeit viel davon die Rede gewesen, daß vor rund 700 Jahren in Luttich m Belgien der erste Gebranch der Steürkohle vom Menschen gemacht worden sei. Wie Fr. Büttgeubach in einer nächstens erscheinenden Schrift nachweist, ist das nicht richtig. Erstens wurde in England Steinkohle bereits 45 Jahre früher tti Gebrauch genommen, so daß die Steinkohle also ihr Jubiläum nur für das Festland von Europa hätte seiern könne». Aber auch dazu war nicht einmal eine Berechtigung vorhanden, denn die Steinkohle wurde überhaupt zuerst auf deutschem Boden in ihrem Werth« als Brennstoff erkannt, und diese iveittrageude Entdeckung gehört mindestens dem Anfang des 12. Jahrhunderts an, war also auch etwa »in 40 Jahre älter als die gleiche Entdeckung in England. In der Chronik der Abtei Klosterrath im Wurmthale nördlich von Aachen heißt es an drei Stellen ausdrücklich, daß in den betreffenden Jahren, näiiilich 1113, 1117 und 1122 Steinkohle(terra nigra carbonem simüis) gewönne« und zur Heizung verwendet worden ist. Die Stelle, wo die Gewinnnng statlsaiid. wird genau bezeichnet. Es ist der jetzige„Kohlen berg" im Wurmthale. In der Chronik heißt er zuerst Kalkülen, soviel als Kohlenkull, später Koalberg, und so heißt er auch noch jetzt. Die Bezeichnung„Kull" für eine Steinkohlen- grübe kommt nur im Gebiete der Wurm vor, dieser Ausdruck ist also 300 Jahre alt nnd hat sich bis jetzt im Volksiiinnde erhalte». Auch wird dort der Steinkohleu-Arbeiter nicht als Bergmann, sondern als Köhler angeredet, während im übrigen Deutschland unter einem Köhler ein Holzkohlenbrenner verslanden wird. Der alle„Kohlenberg" gehörte 711 Jahre lang, nämlich von 1104— lSIS zn der Gemeinde Kirchrath(heute Kerkrade auf holländischem Boden, damals Kircheurode). Bei der Grenzregnlirmig ISIS zwischen Preußen und dem neugebildeten Königreiche der Nieverlande kam dieser Tbeil der uralten Gemeinde zn Preußen und wurde der Gc- meinde Herzogenrath zugewiesen.— Hnmorisiifches. — Schlechter Trost.„Ist Ihr Mann nicht zu Haus, Frau Weber? Ich wollle ihn nämlich zur Rede stellen— er hat meinen Jungen grün und blau geprügelt!" „Ach Galt, mein Manu ist halt etwas hitzig, dem muß man nicht alles gleich übel nehmen— der meint's nicht so schlimm!"— — Ein Schlaumeier. I. Bauer:„Du hast zn den Leuten g'sagt, das beste Bier gicbk's im Lamm, und das taugt doch gar nix!"— 2. Bauer:„Dcsbalb hob' ich's ja g'sagt. Auf die Weis' bleibt das gute Bier im Ochsen für uns, und der Lamiinvirth macht auch a G'schäst."— Bemischtes von« Tage. y. In Tilsit ist unter den Mannschaflen des Dragoner- Negimeiits Nr. 1 eine M a f e r n- E p i d e in i e ausgebrochen.— y. Gegen den N o n n e n r a u p e n f r a ß in der R o in i n t e r Haide hat man jetzt Militär aufgeboten. Ein Pionier- Bataillon aus Königsberg Hat für acht Wochen in der Gegend Quartier be- zogen. Tie Schlnpsiviiikel der Lionnenranpe biideu namentlich die am Boden liegenden Tannenzapfen.— — Für die durch Hagclschlag Beschädigten in Würt» t e m b e r g sind iiisgesamint 2 250 000 M. gesammelt worden.— — In Karlsruhe hat sich ein Trompeter mit seiner Ge- liebten, einer Kellnerin, ertränkt.— — In Graz verwundete am Sonntag der 21jährige Handelsakademiker Baron v. Kleltenhof seine Gelieble auf offener Straße durch Revolverschüffe lödtlich.— — Die Gemeinde» S o p r a m o n t e und Vezzano in Welschtirol, die ausschließlich von Italienern bewohnt sind, er- suchten die Behörde, den d e II t s ch e II S p r a ch u II t e r r i ch t an ihren Schulen einzuführen, weil bei der großen Armuth ihrer Bevölkerung ihre Kinder auf deutschem Boden ihr Brot suchen imißten.— — In der Nähe von Sarajevo(Bosnien) wurden am Freitag Abend zwei arme Arbeiter, die eben von der Lohn- anszahlung kamen, ermordet und ihrer Baarfchaft beraubt.— — Im nördlichen Norwegen herrscht jetzt strenge Kälte. An vielen Ortenift das Quecksilber in den Thermometern ge- froren.— — Unweit P e n s a(Ruhland) sind zwei Personenzüge , u f a m m e n g e st o ß e n, 10 Passagiere wurde» getödlel, 9 ver- letzt.— — Die I n s l n e n z a grassirt in R o m. Die Aerzte schätze» die Zahl der Erkrankungen auf 63000. — In Paris hat ein M a n n, der wegen Sittlichkeils- Verbrechens verurtiieilt worden war, sich selbst, seine Frau und seine beiden Kinder durch Ersticke» mit KohlengaS um- gebracht.— — Im Norden und in den mittleren Provinzen Indiens fällt Rege», der eine gute Ernle für das Frühjabr erwarten läßt.— Beraniwortlicher'Redakteur: Slngnst Jarobe«, in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.