Anlerhaltnngsblatt des �Vorwärts Nr. 33.' hm 16. JteBruiir. 1898. Mittwoch, heu 16. Februar. (Nachdruck verhören.) 33i Alltagsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Und wie dankbar war Frau Klara dem kleinen Kinde, das dieses Wunderwerk der neu bei Richard erwachenden Liebe bewirkt hatte Sie konnte sich nicht aufrichten und das schlummernde Kindchen sehen, aber alle zwei Stunden erschien die wackere Ohnesorge und erfüllte die zahlreichen Bedürfnisse des kleinen Geschöpfes. Der Arzt war noch zweinial gekommen und war mit Klara zufrieden. Nur Ruhe, dann wird sie alles gut überstehen. „Dann konnnen auch die rothen Backen wieder, junge Frau!* Sie hatte einen kleinen Spiegel neben sich liegen, in den sie schaute. Wie würde\ sich Richard freuen, wenn sie wieder gesund und ein wenig frisch werden könnte! Bielleicht sah sie gar jetzt schon ein klein wenig besser ans imb vielleicht trug das schon bei zu seiner neu erwachenden Liebe. Sie rieb sich mit der schwachen Hand die Backen, ob diese dadurch nicht etwas Farbe bekommen würden, aber einstweilen thateu die Backen ihr noch nicht diesen Gefallen. Auf dem Tische in der Ecke, wo ein kleines Nachtlicht brannte, hatte Frau Ohnesorge Brot, Fleisch und Bier für Richard ausgestellt.„Er wird sich freuen, wenn alles in Ordnung für ihn bereit ist." Die Stunden der Nacht gingen nur langsam vorüber, ein leises Fieber begann in Klara aufzusteigen, und die Ein- samkeit zauberte alle alten Erinnerungen herauf. Sie wehrte sich tapfer dagegen, aber die hielten stand. Um halb zwölf Uhr pünktlich kam Herr Schäfer nach Hanfe und fuchtelte einige Minuten an der Thür herum, bis er das Schlüsselloch fand. Tann— sie schrak zusammen— stürzte eine Wasser- flasche oder dergleichen in des Kandidaten Zimmer zu Bode», und er fing an auf die Dunkelheit zu schimpfen und die Streichhölzer in die Hölle zu verwünschen. Er besann fich dann aber doch wohl trotz aller Trunkenheit ans seine kranke Nachbarin und wurde rnhig. Die Uhr schlug Mitternacht,— nun gleich wird Richard kommen. Das Fieber und die Erwartung rötheten Klara's Wangen, und hätte sie jetzt in den Spiegel gesehen, würde sie vielleicht ihre Freude daran gehabt haben» Sie summte leise ein altes Lied: „Stomin, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün—" und wunderschöne Bilder stiegen empor. Die alte gesunde Klara, die neben Richard über Wiesen geht und einen Kinder- wagen vor sich her schiebt. Sie küssen einander, die Vögel singen, das Kleine kräht vor Freude, und sie pflückt ihm viele Blumen in seinen Wagen. Nun war es ein Uhr geworden. Richard hat noch zu tbiin, der arme Mann! Ach, er ist auch nicht mehr der alte frische Richard. Er muß sich quälen von früh bis in die Nacht, und trotzdem hat er Mühe, um alles für Miethe und Hanshalt herbeizu- schaffen. Hätte er nicht gcheirathct, wäre er ohne Sorgen. Wird das Kind diese Sorgen nicht noch verdoppeln? In vierzehn Tagen ist wieder die Miethe fällig. Der Doktor wird eine Rechnniig schicken. Ter Bäcker ist auch noch nicht bezahlt. Richard klagt immer über die schlechten Trinkgelder— wirklich, es ist seltsam, so von Trinkgeldern zu leben. Von Trinkgeldern muß für das kleine Kind nnn ein Röckchen und ein Wagen gekauft werden. Im Thiergarten werden Babies spazieren gefahren, die ganz in Weiß gekleidet sind, in lauter Spitzen. Die haben es gut. Es muß herrlich sein, so sein Kindchen heraiisstassircn zu können, die Decke im Wagen ganz von Atlas und mit Seidenbänderil durchzogen, von rosa Atlas! Klara's Kind wird es so gut nicht haben. Die Trinkgelder reicheil nicht. Ja diese Trinkgelder, diese Trinkgelder— ach, weg damit! Aber die sind zähe, sie tanzen vor ihr umher. Lanier Fi'mfzigpfcnnigstncke. Ein Russe hatte einmal einen Thalcr gc- geben l Wenn dociv die reichen Leute alle so gut wären! Zwei Uhr. Es wird ihm doch kein Unglück passirt sein?! So spät kam er ja fast nie! Und nnn gar heute. Das Kind ivurde unruhig, sie richtete sich mit nnsäglichcr Mühe ans und schaute nach ihm hin. Sie begann ihm allerlei Lieder vor- znsingen, aber der Kleine wimmerte fort. Zuerst die hübschen alten Kinderlieder, die jedesmal uns selbst viele Jahre weit zurückführen in unsere eigene Kinder- stube. Dann, unbewußt, im Fieber, traurige Lieder:„Drei Lilien, die pflanzt' ich auf ein Grab". DaS klang so weich und ivehmüthig, daß der Kleine rnhig wurde und einschlief. Aber sie blieb aufrecht sitzen und summte das Lied weiter. War das nicht Eva's Grab, das mit den drei Lilien? Wieder schlug die Uhr eine weitere Stunde. Der Schlaf hatte sich über ihre müden Augen gelegt, aber die harten, schrillen Töne rissen sie wieder auf. „Richard?" Rein, er war noch nicht da. Die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. Es muß ein Unglück passirt sein. Er war heute so liebevoll fortgegangen, hatte gesagt, ganz bestimmt und ohne jede Frage werde er bald nach zwölf Uhr zu Hause sein— sie war außer sich. Das Fieber schüttelte ihren schwachen Körper, und jedesmal, wenn einer der vielen im Hause woh- nenden Studenten die Treppe heraitskam und höher stieg, iveinte sie krampfhaft auf. Dann endlich kamen wieder Schritte, die Thür des Korri- dors wurde geöffnet, und zivei traten ein. Zivei?! Dann eine fremde Männerstimme,— in wahnsinniger Angst ivarf sie sich ans und lehnte sich weit vorwärts über das Bettchen des Kindes, schützend. Nun ivurde die Thür geöffnet— „Richard?!" „Mein Gott, was ist?" „Richard!" Er trat rasch zu ihr, und sie umschlang ihn wimmernd, schluchzend, wie jemand, den mau verliert und noch einmal festhalten will. Er versuchte sie zu beruhigen, und sie sagte gehorsam, ja, sie wolle nnn ruhig sein. Sie lehnte sich wieder in die Kissen und zitterte vor Frost und sagte mit krampfhaftem Lächeln, das ein noch krampfhafteres Weinen ablöste, ja sie wolle nnn ganz rnhig fein. Er war tief bewegt. Der Millionentraum versank, und er sah schaudernd in das arme Gesicht, das rnhig sein wollte ans so großer Liebe und Gehorsam und es doch im Fieber nicht sein konnte. Der Agent, der nebenan im Dunkeln saß, fand in seinem angeregten Zustande das lauge Nichtwiederkommen des andern mindestens rücksichtslos und er räusperte sich immer lauter. Aber Richard Härte es nicht. Er saß an Klara's Bett, hielt ihre kalten Hände zwischen den feinen und sagte alles Liebe und Freundliche,' ivas er nur finden konnte. Ganz laugsam wurde sie ruhiger und lachte zwischen Thr äuen. Nun kam auch sein Freudentaumel zurück, und er berichtete ihr die große Neuigkeit: daß vielleicht alle Noth aus sei und sie reich werden würden und Klara wie eine Fürstin leben solle. Sie nickte, aber sie verstand nichts davon und hörte nur halb darauf. Sie sah nur immer in sein strahlendes Gesicht, das wieder so frisch und hübsch aussah wie einst, und als dieses Gesicht sich zu ihr neigte und ihr Küsse gab— Küsse, ach, die vielleicht mehr Glück als Liebe aussprachen— da ging ein Rausch von Seligkeit über sie hin. Es wäre gut gewesen, wenn der Agent rnhig in seiner eigenen Wohnung übernachtet hätte, denn er störte diese schöne Stunde durch sein energisches und erbittertes Klopfen in häßlicher Weise. Klara schrak zusammen und ihr Mann theilte ihr kurz mit, wer da sei und weshalb der Agent da sei. Dem letzteren konnte man freilich seine Ungeduld nicht verdenken, denn in einem wildfremden Hanse nachts um drei Uhr in stock- finsterem Zimmer sitzen, während sich niemand um einen kümmert, ist kein Spaß. Er bekam eine Neisedecke und ein Kopfkissen und ver- wünschte ans dem harten und viel zu kurzen Sofa sein Kommen hundertmal. Nachher war kein Wasser da zum Trinken, und va er doch die schlafenden Leute nicht stören konnte, verbrachte er eine durstige und scheußliche Nacht. Richard schlief bald ein, und nur Klara lag wach. Mit fieberglänzcudeu Augen sah sie wieder wie vorhin die Wiese, über die sie neben Richard wanderte, während für das süße Kleine Blumen zum Kranze gewunden wurden: „Komm, lieber Mai, und mache die Baume wieder grün."-- — 180 XXIV. In, es um- Thatsache! Als Richard und der Agent hinauskamen nach Plötzensee nnd sofort in das Besuchs- zimwer geführt wurden, fanden sie Herrn Seegert von der Deutschen Bank anwesend und wurden demselben vorgestellt. Er war erstaunt, daß Richard an der Wahrheit der Thatsache zweifle, und offerirte ihm sofort gegen Unterschrist des Herrn Krei'er senior jede beliebige Summe. „Jede beliebige Summe!" Das klingt eigenthnmlich, wenn ein Haus von der Qualität der Dentscheir Bank dergleichen anbietet, und der Agent, der einen starken Stoß sowohl im Bösen als im Guten vertragen tonnte, bekam als künftiger Anlheilhaber dieser Schätze einen leichten Schwindel. Es flimmerte ihm vor den Augen, wie nun der alte Kreiser herein- kam, wie Vater und Sohn einander umarmten, der Gefangen- wärter in Rücksicht auf die Millionen bei diesem Anblick butterweich wurde, wie dann der alte Kreiser auch auf ihn zukam und wie Richard sagte:„Das, lieber Vater ist Anna's Bräutigam, mein guter Freund Albert Schweder." Der Agent breitete seine Arme aus, und wenn irgend eine erstaunte Frage oder eine Spur von Widerspruch gegen die Verlobung auf des alten Kreiser Lippen geschwebt haben mochten, so erstickte der Agent alles das in einem Schwall von Umarmungen und Rührung. Er und Aennchen würden zusammen morgen heraus- kommen nnd überhaupt alle Tage. Wenn Herr Kreiser nach zwei Monaten frei werden würde, müsse er bei ihm, respektive bei ihm und Aennchen wohnen. Richard war ganz still und von der Nachricht so sehr mitgenommen, daß er nicht viele Worte fand. Auch der Alre sprach wenig, und so hatte der Agent den Löwenantheil bei der Unterhaltung.' (Fortsetzung folgt) CJinchduuI verbot«».) m T 0 n Von Franz Kahler. Herr Schwanunel war außer sich. Bei ihm wollte das viel heißen, denn er war sonst die Ruhe und Friedfertigkeit selbst. Aber diesmal hatte er Ursache dazu. Sein bester Freund, ein fünfzig- jähriger Junggeselle, heirathete. Herr Schwamniel sollte Trauzeuge sei».„Da soll doch gleich ein..." Na, er halte einmal zugesagt. Nun hals auch das saftigste Fluche» nichts mehr. Die wichtigste Frage war jetzt die Beschaffung einer Legilimatio». Herr Schwanunel hatte während seines Renticrlebcns viel Er- sahrungen gesaminelr, in diesem Punkte keine. Glücklictierweise blieben ihm noch sechs Wochen Zeit. Um sich keine Blöße zu geben, erkundigte er sich uuier der Hand. Zuerst bei seiner Wirthi». Die rielh ihm zum Taufschein. Nach acht Tagen war dieser besorgt. Um indessen ganz sicher zu gehen, frug er weiter. Ein Freund empfahl ihm Militärpapiere. Mit vieler Mühe verschaffte er sich auch diese. Ei» dritter, dem er sich anvertraute, enipfahl ihm den Todtenschein des Vaters. Herr Schwamniel trieb auch diesen auf. Nun blieben ihn» nur noch vierzehn Tage. Herr Schtvammel wurde ängstlich. Er frug einen vierten. „Ich habe mich durch ein Strafmandat legitimirt," war die Antwort. „Durch ein Strafmandat?" Herr Schtvammel machte ein er- stauutes Gesicht. „Gewiß," entgegnete der Freund.„Rempelei, Brüllerei. Prügelei, Polizei, 30 M. wegen Ruhestörerei. Standesbeamte lächelte. D i e Legitimation haben Sie sich nicht geborgt, sagte er, die genügt mir." Acht Tage lang machte Herr Schwammel die Pferdebahnen und überfüllten Lokale unsicher. Er schien es ans die Hühneraugen seiner Mitinenschen abgesehen zu haben, erreichte seinen Zweck aber nicht, trotzdem er eine kühne und nuternehmende Miene zur Schau trug. Zivölfinal titulirte»na» ihn Flegel, sechsmal erhielt er einige derbe Rippenstöße, dreimal Ohrfeigen. Zweimal»vurde ihm der Zylinderhut mit»vuchtigcin Schlage über die Ohren getrieben, und zuletzt bekaii» er noch eine derbe Tracht Prügel. Zwar rief er jedesmal kläglich nach der Polizei, die ließ sich indessen nicht sehen. Nach der Tracht Prügel gab er ir>eitere Versuche in dieser Richtung auf. Endlich war der Vorabend des großen Tages herangekommen. Herr Schwanunel schlief, die Papiere sorgfältig unter die Kopfkissen vergraben, sehr unruhig. Einige Male erivachte er in Schweiß gebadet. Sein erster Gedanke galt den Papieren. Gott fei Dank, es war nur ein Traum gewesen! Kein Dieb hatte sie ihn» gestohlen, keine Maus aufgefressen, seine Wirthin keinen Kaffee damit gekocht. Sie ruhten noch wohlverwahrt unter den Kissen. Der Morgen graule. Herr Schwammel stand auf, holte die Papiere unter den» Kopfkissen hervor und legte sie auf den Tisch. „Papiere. Papiere, Papiere!" murmelte er»vährend der ganzen Zeit, die er auf seine Toilette verwendete. Herr Schwamniel hatte alle nur denlbaren Vorsichtsuiaßregeln getroffen, um ja die Papiere nicht zu vergessen. Die Thür seines Schlafzimmers war doppelt verschlossen; den Schlüssel halte er hoch oben auf die äußerste Ecke des großen Kleiderspindes gelegt. Außerdem »var die Thürklinke durch ein festes Seil mit der Bettstelle zusammen- geschnürt. Nachdcn» er diese Hindernisse fäiumtlich, nicht ohne verschiedene Fehltritte und Fehlgriffe, übenvnnden hatte, betrat er sein Wohnzimmer. Dort legte er die Papiers vorsichtig unter den Zylinderhut auf den Tisch und vollendete� seine Toilette. Einige Schwierigkeiten machte ihm»vieder das Oeffnen der Thür, als seine Wirthin'klopfte, um den Frühstückstisch zurecht zu machen. Er hatte die Wohnnubeulhür in derselben sinnreichen Weise verschlossen»rnd versperrt»vie die des Schlafzimmers. Schließlich waren auch diese Hindernisse übenvunden. Herr Schwammel»vischte sich den Schweiß von der Stirn. Drei Stunden später stand er vor dem Spiegel nnd ,varf einen letzten Blick auf seine Erscheinung. Er schien zufrieden mit seiner Musterung, denn er schmunzelte selbstbewußt. Die Wirthi» meldete ihm, daß die Droschke unten»varte. Schnell fuhr Herr Schwammel noch einmal in seine Brusttasche, um sich zu überzeugen, ob die Papiere noch vorhanden seien. Er fand alles in Ordnung. Nach menschlichem Er- messen war diese Klippe überwunden. Ein Gefühl stolzer Zufriedenheit überkam ihn, als er jetzt durch die belebte» Straßen rollte. Endlich halte er»vieder Ruhe nach den entsetzlichen Aus- rcgnugeu der letzten Wochen. Erst als die Droschke vor dem stattlichen Schulhanse hielt, in dem ssch das Standesamt befand,»vurde er»vieder ängstlich. Wenn die Papiere nicht genügten? Unsinn Z Die Nachivirkung der letzten Wochen. Seine Nerven halten etivas»vegbekoinmen. Ehe er die Klingel zog, fühlte er nach der Brnsttasche. Die Papiere»varen»och da. Er sah nach der Uhr. Es fehlte» noch 10 Minuten bis zur festgesetzte» Zeit. Herr Schivanimel klingelte, der Schukdiener öffnete und führte ihn in das Wartezimmer. Dort setzte er sich auf eine» Stuhl au, offenen Fenster und»vartete. Der Schltldiencr ging»vieder hinaus, nachdem er einige Fragen an ihn gerichtet hatte. Herr Schivannnel»var allein in dem geräumigen Zinnner, in den» ein feierliches Halbdunkel und eine noch feierlichere e-tille herrschten. Gerade vor den» offenen Fenster stand ei» großer Baum, dessen sattgrnne Blätlerinasse ein»veicher Sommer- hanch bewegte. Nach der Fahrt durch die sonnigen Straßen that die Kühle des Zimmers so wohl. Herr Schivammel schaule eine Weile auf de» großen Schnlhof, den das Sonnenlicht grell bestrahlte. nnd nach dein großen Baum vor dem Fenster, in dessen Ziveigen soeben ein Spatzenschivarn» lärmte. Hieraus sah er nach der Uhr und innflerte»vieder das Zimmer. Die Uhr zeigte soeben die eiste Stunde a». Mit den» letzten Schlage tönte draußen die Klingel, laut, lang und dringend. Herr Schwamniel sprang von, Stuhle ans und fühlte nnwill- kürlich»ach seiner Rocktasche. Alles in Ordnung. Jetzt kamen sie: sein Freund, die Braut und Herr Lämmche», der andere Zeuge. Schon Hörle man Schritte draußen, ein kurzes Gespräch, und nun ging die Thür auf. Herr Schwammel machte eine»vürdevolle Verbeugung. Als er »vieder aufsah, stand der Schuldicner vor ihm und sonst niemand. Der Beamte schaute ihn streng und feierlich an. „Herr Schivammel, so ist doch Ihr»verther Name? Mein Herr! Soeben kam ein Bote von» Herrn Standesbeamten mit der Nachricht, daß die um 11 Uhr angesetzte Trauung Kraivutschke nicht stattfiudet. Die Verlobung ist ausgelöst."———> Nlritles FieuiNcko»». — Nebcr deutsche Trachten und Mode» im 14. nnd 15. Jahrhundert sprach am Freitag der vorigen Woche Direktor Dr. Falke im Gürzenich zu Köln. War bis ins 14. Jahrhunderl der lange Rock als Nachkonnne der antiken Tunica das bestimmende Kleidungsstück geivese», so beginnt um die Hälfte des lö. Jahr- Hunderts, als an stelle des Abels das mächlig»verdende Bürgerlhum die führende Rolle in der Knllurentivickelllug überniinml, das Streben nach dem Anfsälligen ohne Rücksicht a»f die individuelle Schönheit. Die Grundtendeiiz bis zum Ende des Mittelalters»var die Verengung»ind Verkürzung der Kleiduugsstücke. Das Streben nach Vereugnng und Verkürzung zeigt sich hauptsächlich bei der männlichen Tracht. Der lange Rock»vurde zur Schecke(Jacke), die nur bis aus die Hüsten reichte,»var aber so eng anschließend. daß man sich bald in die Norhivendigkeit versetzt sah, das Kleidungsstück, das bisher über den Kopf gezogen worden»var. vorn anfznschneidei» und»nit Knöpfe» zu verschließe». Das»var die Geburlszeit unserer modernen Kleidniig. Die Beine»varen bis ins 14. Jahrhundert unter den» langen Rocke unsichtbar und nur mit einer Art langer Strünipfe bekleidet geivese». Nun entsteht daraus, indem sie nach oben verlängert und an die Schecke besefligt»verde», die ebenfalls sehr eng anliegende Hose. Die ganze Kleidung mußte so grelle nnd koiitrastirende Farven»vie möglich zeigen. Geivöhnlich»var die menschliche Figur i» vier Felder von verschiedenen Farben eiugetheilt, gestreift, schachbrettartig oder ähnlich gemustert,»vie sie sich heute noch in der Narrenlracht er- halten hat. Die ziveite Halste des 14. Jahrhunderts»vird ferner von der Gugeltracht beherrscht, die als eine Art Kapuze mit angesetztem Hals- und Schulterklagen sich cbensalls eng — Vc an Kopf und Schultern anschließt und am Hinterkopf in einem langen herabfallende» Zipfel endigt. Um 1400 ans der Mode kommend, verblieb sie ebenfalls der Narrcntrachl. Eine merkwürdige Mode war, die Kleider mit Schellen zu behängen, die an Kettche» um den Gürtel»nd die Schüller» befestigt wurden und von beiden Geschlechtern getragen wurden. Auch die sogenannte Zaddel- tracht kam um die Milte des 14. Jahrhunderls auf, die darin be- stand, daß die Kleidungsstücke, besonders die Häugeärmel der Frauen, am Rande ausgezackt wurde». Um 1460 gelangte eine sonderbare Neuerung vom burgundischen Hof an den Rhein, wonach die Aeunel an den Schullern aufgebauscht und ausgestopft wurden. Der Mantel, der um 1400 seine Engigkeit verliert, wird in der zweiten Hülste des 16. Jahrhunderts zur Schaube, wie sie auf den Porträts Holbein's, Dürer's u. s. w stets angetroffen wird. In der Franentracht. die bis dabin noch immer der männlichen ähnlich gewesen war, herrschte zwar dieselbe Tendenz nach Verengung und Verkürzung, doch entbehrte die Tracht nicht so sehr wie die männliche der Vornehmheit»nd künst- lerische» Schönheit. Während die Frauenkleidung vom Hals bis zu den Hüften eng anlag, verlängerte und erweiterte sich der Rock nach unten und hinten, und es entstand die Schleppe. Machte diese das Kleid hinten zu lang, so war dieses oben zu kurz, so daß zum Schutz des Halses und der Schultern der sogenannte Koller in Mode kam. Das Id. Jahrhundert war denn auch die Geburtszeil des heutigen Korsetts, mit welchem man bald die Wespentaillen hervor- brachte. Die veränderte Tracht des Oberkörpers bedingte auch eine Aenderung der Kopstracht. Von 1420 füllt das Haar nicht mehr herab, sondern wird am Kopse in der Haube gesammelt. Die letztere aber artete dann in ihrem Umfang dergestalt aus, daß sie oft größer aufgebauscht ist. als Kopf»nd Oberkörper zusammen; auch als spitzer Kegel wird sie, von einem herabivallenden Schleier bedeckt. getragen. In der Männerkleidung kam 1480 ebenfalls der Brustausschnitt auf, unter welchem das schön bestickte Hemd sichtbar wurde.— Km« st. — Bei der zweiten internationalen K u u st a n s- st e l l U n g in Venedig wurde» Werke für 420 000 Lire verkaust. Die dritte internationale Kunstausstellung ist bereits für 1300, und zwar vom 22. April bis 31. Oktober, anberaumt.— Erziehtmg und Unterricht. t. Eine frohe Botschaft für die Taubstummen. Es wurde neulich kurz berichtet, daß man in Frankreich einen Apparat zur Verbindung von Mikrophon und Phonograph hergestellt hat und daß derselbe unter anderem auch eine Bedeutung für den Taubstummen-Unlerricht besitzen sollte. Es liege» jetzt bereits Nach- richten über erfolgreiche Versuche dieser Slrt vor, die ein großes Jn> teresse beanspruchen dürfen. Der Physiologe Gelle hat mit dem von Dussaud erfundenen Apparat bei taubstummen Kindern der- artige Erfolge erzielt, daß nicht nur das Gehör bei diese» Kinder» durch de» Apparat geweckt wurde, sondern daß sich auch das zu- nehmende geistige Vermögen der Kleinen in einer größere» Lebhaftig- keit äußerte, die sich durch ein eigenthümliches Bedürfniß»ach Bc- wegung. nach Geberden, kurz durch eine sichtliche, von Lärm und Geschrei begleitete Unruhe kund gab. Das plötzliche Auftreten lebhafter Lebeusäußerungen bei diesen Kindern, bei denen die- selbe» bisher etwas ganz Ungewöhnliches gewesen waren, hatte einen so durchgreifenden Einfluß, daß der ganze Gesichtsausdruck der Kinder dadurch in einer Weise verwandelt wurde, daß er allen Angehörige» ausfallen mußte. Ein taubstummes Kind, das biser wohl zuweilen Wuthanfälle halte, aber sonst still war, suchte jetzt Geräusch und Beivegnug ans, es lies in der Wohnung umher, stieß sich an Wänden und Möbeln, machte allen möglichen Lärm, bemühte sich, die Bewegungen und Geberden der Erwachsenen nachzuahmen, wendete sich bei Nennung seines Namens um und tollie mit seinen Geschwister» in kind- lichem Spiele umher. Seit der fünften bis achte» Unterrichtsstunde mit dem Mikrophonographen bezeichneten es die Eltern als ein wildes und lärmendes Kmv. Es sind dies die merkwürdige» Folgen einer neuen Erregung der Ncrvenzeutre», des Erwachens einer neuen geistige» Befähigung und eines Verlangens nach Sinneseiudrücke», die diesem menschlichen Geiste bisher verschlossen waren. Die genaue Ein- richluug des Apparates ist bisher noch nicht bekannt gegeben worden, im Grunde handelt es sich darum, daß der Taubstumme die durch das Mikrophon an sein Ohr gelangenden Töne durch de» Blick auf die phonographischen Zeichen unterscheide» lernt. Es fragt sich noch, bis zu welchem Zllter eine Erziehung der Taubstummen auf diesem Wege noch möglich ist. Gegenwärtig werden die Versuche nur an kleinen Kindern vorgenommen und haben ohne Zweifel solche Erfolge aufzuweisen, wie bisher noch keine andere Methode des Taubstumme»- Unterrichts.— Archäologisches. — In der letzten Sitzung des deutschen archäologische» Instituts <>« Athen sprach Professor D ö r p f e l d über I t h a k a. Er erklärte zunächst an der Hand einer großen Karte die Topographie der Insel und erörterte dann das Für und Wider der verschiedene» Ansichten, ob die Insel die von Homer beschriebene sei. Er erklärte sich ent- schieden dafür, daß die heulige Insel Jlhaka oder Thcaki die von Homer verherrlichte sei, trotz des Widerspruches, de» die Lage der Insel mit Homer's Beschreibung auf den ersten Blick aufiveise. Homer nennt sie die nach Westen zuletzt sichtbare Insel; sie ist»un bei I— weitem nicht die letzte Insel, sonder» vor ihr liegt»ach Westen die große Insel Kcphalonia, aber noch heutigen Tages bezeichnen die Bauern der Insel die Windrichtungen nicht wie wir, sondern wie Homer, d. h. Norden ist für sie Westen, Osten Norden u. s. w.; dann wäre also Jthaka von den von Homer in der Beschreibung genannten Inseln, in der Santa Manra fehlt, in der That die letzte von Süden sichtbare ionische Insel. Dörpfeld behandelte dann die Frage, wo man den Palast des Odysseus zu suchen hätte, und erklärte sich für die Ansicht der neuesten Archäologen, welche die Stelle iin nördlichen Theil der Insel annehmen, nordöstlich von der Bucht, die noch heute den Namen Polis führt. Dort ans einem niedrigen Berge, der eine Aussicht auf drei Seiten nach dem Meere gestaltet und der auch heute»och wohl angebaut ist, glaubt er den Palastbau des Odysseus ansetzen zu müssen. Dafür spricht auch der Umstand, daß wenig südlich im Kanal zwischen Jthaka und Kephalonia die einzige kleine Insel zu finden ist, die Homer erwähnt als diejenige, hinler der sich die Freier versteckten, um dem zurück- kehrenden Telemachos aufzulaner»; um die ganze Insel herum liegt keine andere, die inFrage kommen könne. Die Landung des Telemachos erfolgte »ach Dörpfeld an dem südlichen Theil der Insel, und dort setzt er das Gehöft des Eumäus an. Dörpfeld hat mit dem österreichischen Archäologen Dr. Wilhelm, dem zukünftige» Direktor eines sehr bald zu gründenden österreichischen Instituts, die ganze Insel von der heutige» Hasenstadt Wathy, deren Hafen er für das alte Phorkis bei Homer annimmt, bis zu dem oben erwähnten Punkte oberhalb der Bucht Polis durchreist und alle Ueberreste von alten Gc- bände» untersucht, aber keius gefunden, das als aus der mykenischen eit stammend angesehen werden könnte. Er sprach aber zum chluß die Meinung dahin ans. daß auf Jthaka anzustellende Aus- grabungen gewiß Licht in die Sache bringe» würden.— („Köln. Ztg.") Medizinisches. ie. Die Schlafkrankheit»nd ihr Erreger. In den letztvergangeuen Tagen kam aus Ungarn die sonderbare Nachricht, daß in einem Gebiete dieses Landes unter den Kindern eine Epidemie ausgebrochen wäre, die mit grober Erschlaffung und tiefem Schlafe endigte, aus dem der Kranke nicht mehr zu erwachen pflegte. Eine ähnliche Schlafkrankheit war bisher nur unter den Eingeborenen Jnnerafrika's am Kongo bekannt, bei denen sie fast regelmäßig mit dem Tode endigt. Man hat diese Krankheil den ver- schiedenflen Ursachen zugeschrieben, bald sollte sie veranlaßt sein durch ungenügende oder schlechte Ernährung, bald durch den Genuß des Fleisches von Hühnern, die von der Hühnercholera be- fallen waren, dann wieder durch den Mißbrauch von Kola oder von Haschisch, de» Alkoholmißbrauch, die Malaria-Ansteckung. die Wirkung der Sonnenstrahlen, Heimweh— kurz, es gab eigentlich keine Ursache, die man nicht mit dieser räthselhasten Krankheit in Verbindung ge- bracht halte. Jetzt glauben zwei Gelehrte der portugiesischen Universität Coimbra, namens Cagigal und Lcpierre, nachgewiesen zn haben, daß diese Krankheit durch einen Bazillus erregt wird. Sie fanden denselben in dem Blute eines jungen Negers, welcher drei Jahre lang an der Schlafkrankheit gelitten Halle. Der Bazillus ge- dieh in Serum bei einer Temperatur zwffchen 30 und 33 Grad, wo er ein Netzwerk von Fäden bildete und Sporen entwickelte. Kaninchen, mit diesem Keim geimpft, starben in 2S- 60 Tagen, und ihrem Tode ging eine allgemeine Niedergeschlagenheit und eine Lähmung der Glieder voraus.— Gesundheitspflege. — Worauf man beim Nasiren achten soll. Im österreichische» obersten Sanitätsrath erstattete Professor Dr. Weichsel- bäum ein Referat über Vorkehrungen gegen Uebertraguug von Krankheiten in Barbier- und Friseurstube». Wir entnehmen diesem Gutachten: Den Inhabern von Frisir- und Rasirgeschäften wäre aufzutragen, daß sie bei Bedienung ihrer Kunden keine Rasirpinsel und Schivämme benutzen, und daß sie für jeden Kunde» zum Ab- trocknen der rasirten Haut ein besonderes, gut gewaschenes Handluch verivende». Es wäre ihnen auch nahezulegen, sich keiner Puder- quasten zu bedienen, oder wenn einzelne Kunden durchaus auf dem Einpudern der rasirten Haut bestehe», für jede» besondere Puderquaste» oder Wattebäuschchen zu verwende», die nach jedesmaligem Gebrauch wegzuwerfen sind. Im übrigen hätte» sich die Friseure und Raseure der größten Reinlichkeit zu befleißigen und auch ihre Gc- rälhschaften recht häufig einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Den Inhaber» von Rasir« und Frisirgeschäflen ist dringendst z» empfehlen, Personen, die mit einer auffallenden, schon für Laien er- kennbaren Erkrankung der Barlhaut behaftet sind, nicht zu rasiren, sondern sie an einen Arzt zu weisen und erst nach den besonderen Anordnungen dieses vorzugehen. Die praktischen Aerzte seien zu verpflichten, jeden in ihre Behandlung kommenden Fall von Krank- heit der Barthaut, wenn diese Erkrankung niulhiuaßlich durch Infektion in einer Rasirstube entstanden ist, der Behörde unler gleichzeitiger Bekanntgabe der betreffenden Rasirstube anzuzeigen. Ferner haben sie jenen Personen, die mit einer der genannten Krankheiten behaftet sind, dringendst einzu- schärfe», daß sie sich nicht in Rasirstuben, sondern in ihren Wohnungen rasiren lassen, und zwar mit ihrem eigenen Rasirzeug. Die bei solchen Kranken verwendete» Rasirmeffer sind nach jedesmaligem Gebrauche durch ein viertelstündiges Auskochen der Klinge in Waffer oder einer zweiprozentigen wässerigen Soda- losung z» desinfizire». Die zum Abtrocknen der raflrteu Haut be- nutzten Tücher sind durch Auskoche» i» Lauge, oder ino eS durch- führbor ist. durch strömende» Wasserdampi zu desinfizire». Schliev- lich wäre dos Publikum in geeigneter Weise zu belehre», doö der einzelne sich gegen Infektionen der Borthaut am sichersten dadurch schützen könne, daß er an sich nur sei» eigenes Rasir- und Frisirzeug in Anivendung kvnnneu laste, daß er bei eiueni etwaigen Besuche von Rasirstuben dort in einem versperrten Behälter hinterlegen kann.— Aus dem Thierlebe«. — Originelle Vögel. Einen merkwürdige» Kolkraben besaß der Natnrforscher Pietrnwsky Der Vogel hatte einmal zu- söllig ans mehrere Tage eine Elster zur Gesellschaft in den Käfig bekommen! seitdem zeigte er ein« merkwürdige Borliebe für diese bunten Schivätzerinne». Als sich im nächsten Winter mehrere Elstern in der Nähe seiner Wohnung niederließen, begann er förm- lich Jagd darauf zu mache». Sobald der Wärter ihn herausließ, fing er sich eine Elster, hielt sie mit den Klauen auf dem Boden seft und schrie, bis sein Wörter erschien. Ließ dieser nnn die Gefangene frei, so ging„Jakob" unausgesetzt weiter auf die Elsternjagd und wiederholte das Spiel stets von neuem. Erst rvenn man ihm die Beute in den Käfig setzte, spazirte er freiwillig hinein und unterhielt fich mit der neuen Genossin. Aehnlich be- trug sich ein Papagei, von dem Wood berichtet. Im Garten seines Besitzes befanden sich mehrere Rofenbüsche, in denen ein Finkenpärche» nistete. Die Bewohner des Hauses streuten den Thiercheu öfter Futter, und dieses hotte fich„Pollq". der Papagei, geuierkt. Sobald er seinen Käfig verlasse» durste, flog er gleichfalls in den Roscuhoin und trug de» jungen Finken ganze Schnäbel voll von seinem Futter zu. Die Kleinen nahmen die neue Pflegemutter daukbor auf; die Alten aber flogen vor dem großen Vogel erschreckt von dannen. Jetzt war„Polly" überhaupt nicht mehr in den Käsig zurückzubringen. Sie blieb im Rosenhain n»d zog die durch ihre Schuld verwoisteu Jinklei» groß. Keine Mutter konnte die Junge» sorgfältiger pflegen und füttern wie sie. Als die Kleinen flügge waren, saßen sie oft auf Kopf und Rücken ihrer Stiesmama und ließen sich von dieser durch Hof und Garten spazieren tragen.— Astronomisches. — Von fernen Welten. Etwa seit Ansang der zweite» Hälft» dieses Jahrhunderts haben von de» Astronomen zienilich sichere und richtige Nechuungsergebnisse über Entfernungen einer allerdings noch geringe» Zahl von Fixsterne» geboten werden könne». So fand man als Abstand des der Erde nächsten Fixsternes, des Alpha im Bilde des Centaur, der nur ans der südlichen Hülste linseres Planeten gesehe» werden kann, 4 Vi, des Sirius 21l/3, der Wega 22V'5, des Sternes Jota im Großen Bär SO'/ä. des Arkturns 32Vz nnd des Polarsternes 54 Billionen Meile». Die hellfnnkelude Kapella im Fuhrmann ist von nus SSV:, Billionen Meilen enlserut. Das Licht iimrde TCP/ä Jahre Zeit nöthig habe», um von dort bis zur Erde zu gelangen.— Zn de» sogenannten Tovpelsteruen gehört auch Sirius, dessen telejkopischer Begleiter vor 36 Jahren entdeckt wurde. Dieser vollendet seinen Lauf um jene», wie jetzt sicher festgestellt ist, in 493/ä Jahren. Auch Kastor in de» Zivilliiige» ist ein Doppelster». Von ihm wußte man seither nur, daß der Begleiter den Hauptstern einmal in 1001 Jahren»»»kreist. Heilte hat nia» gesunde», daß der Begleiter selbst wieder ein Doppelst er» ist, daß er also einen Trabaulen hat. Dieser umkreist jenen in nicht ganz drei Tagen eiiinial. Der Trabant dreht sich also»»» den Begleiter und beide bewegen sich um Kastor.— Bergbau. — Der b r c u n e u d e B e r g i m S a a r- R e v! e r ist, der „St. B. Z." zufolge, als solcher schon über 200 Jahre bekannt. Der Sage nach hat 1663 ein Hirt den Brand dadurch hervorgernseu. daß er an einem Baumstämme Feuer machte, das die Wurzeln ergriff und von diesen in die Tagkohleu und das Flötzansgehende überging. Wahrscheinlicher dürfte aber Selbstentzündung sein. Der Brand zog inimer mehr den Berg hinan»lud auch tiefer in den- selbiil hinein. Alle Löschversuche, das Feuer zu beseitigen, hatten keine» Erfolg, und so glimmt»nd breiinl es noch immer im Berge. Vor etwa zehn Jahren trat Qualm des Feuers auch in eine» damals angelegten Stollen ein und hinderte hier die Arbeiten der Bergleute. Früher war der breuueilde Berg auch lohnend für Alaiinbereitung. Tiluh Zufall sand man einst gerösteten Schiefer, der vom Regen aus- gelaugt»nd nach schneller Verdunstung in Klmupeii zurückgelassen war. Nunmehr suchte i»nn künstlich»achzuhelsen. Im Winter be- deckte man den Schiefer mit Erde, ließ ihn die kalte Zeit über rösten und im Frühling mid Sommer wurde er eingebracht, um ans ihm daS Rlaiiu zu gewinne». Das Feuer im Berge wurde zil dem Zwcck von den Arbeitern geschickt geleitet und erhallen. Technisches. — Eine nene Methode, Mehl ausbewahrungs- fähig zn»lachen, wird, wie die„Tech». Rnndfchau" mittheilt, vom englische» Kriegsdepartenielit Prüfungen unterzog«»!. Bekanntlich läßt sich Getreide und namentlich Mehl nicht sehr lange ans- dewahren, ohne zu keimen und dumpfig zu werde». Dagegen wird hydraulisch zu Ziegeln gepreßtes Mehl von Feichtigkeit nicht an» gegriffen und bietet auch de» Insekten Trotz, deren lebende, in ihm etwa enthaltene Jndividncn säunntlich beim Pressen getödtet werden. A» Raum bei der Aiifspeicherung schließlich spart man ganz enorm, nämlich zwei Drittel.— Humoristisches. — Fatales M i ß verst än d>, i ß. Eine alte Dame nnd ein junger Mann sind die einzigen Passagiere in einem Konpe« der Londoner Untergrlindbahn, die den Stadt- und Borortverkehr ver- mittelt. Während mau sich der Station Bayswater nähert, wird die Dame etwas nnrnhig nnd wendet sich an den Herrn mit der böslichen Frage, ob die Station wirklich Bayswater sei. Der Mann bejaht dies edenfo höflich, und die zutraulicher werdende Alte bittet »n» ihre» Reisegefährten, die große Freundlichkeit zu haben, sobald der Zug hält, ihr beim Anssteigen behilflich zu sein. In liedens- würdiger Weise giebt der Herr das erbeleneBersprechen.„Sehen Sie, mein Herr," erklärt mm die Dame, indem sie erleichtert aufathmet,„ich bin doch schon alt nnd gebrechlich und muß daher sehr langsam und zwar rückwärts aussteigen. Jedesmal, wenn ich nun auf Bahn» Hof Bayswaler den Zug verlassen wollte und mit Roth und Mühe zur Hälfte ans dem Koupee heraus war, kam ein Schaffner an- gestürzt, gab mir eine» sanften Stoß von hinten, indem er rief: „Na nu aber'u bischen fix. Madam!" und drin war ich wieder. So bin ich nun schon glücklich zum dritten Male um den Ring ge- fahren nnd möchte jetzt doch gern heraus." Unter dem Beistand des galanten jungen Mannes gelang es Mylady dann auch endlich, ungehindert den festen Boden des Perrons von Bayswater zu er- reichen.— — Selber essen macht fett. Der Bischof von Worcefter kam kürzlich durch den kleinen Ort Banbnrg. Da er wußte, daß man dort ein vorzügliches Gebäck, die Banbnrg Cakes, bereitet, stieg er ans dem Bahnhof aus und beauftragte bei der Kürze des Auf- enlhalts einen kleinen Jungen, ihm einen solchen Kuchen zn kaufen. Der Bischof gab dem Jungen nicht 3, sondern 6 Pence und sagte zn ihm:„Dafür kaufe auch einen Kuchen für Dich!"— Schon wollte der Zug abfahren, da kam der Junge gelaufen— mit vollem Munde.—„Hier. Herr Bischof, sagte er, nnd gab ihm 3 Pence zurück, hier haben Sie Ihr Geld, es war nur ein einziger Kuchen da!"— Vermischtes vom Tage. — Ans dem Eise des Kulms er Sees bei Marienwerder sind fünf Kinder eingebrochen und ertrunken.— — Im G a st h a n s zu S ch ö u w a l d e(Schlesien) gab ei» Mann einem arbeitslosen Schmiedegesellen, der beim Karteuspiel zu- sah, einen Stoß, daß dieser mit dem Kopf gegen die Wandkaute schlug und infolge Schädelbruchs auf der Stelle starb.— — Bier Gefangene überwältigten und knebelten im Ge- säugniß zii Dortmund einen Aufseher und brache»» aus.— — Am Montag wurde» in Ems nnd Montabaur Erb- stoße verspürt.— — Am Sonnabend ist ans dem Hochplateau der R a x ein Be- amtcr des Wiener Finanzministeriilius in einem Schneestliriu er« froren.— — Infolge wiederholter Eingaben der schwedischen Frauen- vereine n>urden zu Anfang Januar und Februar d. I. in Stock- Holm, Helsingborg. Trelledorg und Malmö für de» Dienst der Sittenpolizei uocb eine größere Anzahl weiblicher Be- amte aligestelll, so daß jetzt in diesen Städten die behördliche Be- Handlung der uuter sittei.pclizeilicher Aufsicht stehenden Personen fast ausschließlich von Frau cn ansgeübt wird.— — Im Stadt-Tbeater zu Jaroszlaw(Rnßlaud) stieß der giegisseur aus Eifersucht einem Schauspieler bei der Probe in dem Augenblick, als dieser sich auf die Bühne begeben wollte, einen Dolch in die Brust und verletzte ihn lebensgefährlich.— — Eine Schueelawiue hat im Distrikt von Akdsche-Nbad (Klein-Nsieu) im Dorfe Sari mehrere Häuser verschittlel. 20 Personen fanden den Tod nuter de» Trümmern.— — Der österreichische Lloyd-Dampier„Medusa" ist bei den Nudamancn-Jnseln(Vorder-Jndien) gestrandet.— — Eine neue Insel ist unlängst a» der Nordwesiküste B or n e o s, der Stadt Ladnair gegenüber, entstanden. Ihr Er- scheinen dürfte mit dem Eidbebcu zusammenhünge». das am 21. September v. I. bei Kndat(Britisch Nord-Bor»eo) beobachtet ward. Die Insel besteht aus Thonerde und Felsen. Sie ist«tiva 200 Meter lang nnd 150 Meter breit und hat feit ihrem ersten Erscheinen an Niusaug zilgeno uimen.— — Der Dampfer„Clara Nevada" ist ai, der Küste von Alaska infolge einer Kesselexplosion innerhalb 20 Minuten g e» s unke». Der Dampfer hatte Kiondyke-Fahrer an Bord.— Veramwortluher Redakteur: August Jacobe,, in Berlin. Druck iliid Verlag von Max«adiug in Berlin.