Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 34. Donnerstag, den 17. Februar. 1898. lNachdruil verbolen.1 � Allkagsleuko. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Der Schluß- und Knalleffekt dieser mundervollen Stunde wurde dargestellt durch Herrn Seegert's Tascheutiuteufaß und Federhalter, sowie durch zwei längliche Streifen Papier, auf die Herr Kreiscr nur die Ziffer 10 000 und seinen Namen zweimal zu schreiben nöthig hatte. Je einen dieser beiden unscheinbaren Streifen überreichte er Richard und dem Agenten, dem letzteren als Verlobnngsgeschenk des künftigen Echwiegerpapas. Man sah noch Herrn Seegert heimlich in die Tasche greifen und einen kleinen Beutel Herrn Kreiser zu- stecken, dann wurde Abschied genommen, und mit Herrn Seegert fuhren die beiden zur Stadt zurück. Es war cur prächtiger Sommermorgen, die Pferdchen trabten wirklich übermüthig, der Agent klimperte mit seinen letzten paar Silberstücken und hatte Lust, wie ein dummer Junge sie aus dem Wagen zu werfen, irgendwohin. Der Tag, der an diese Morgeustnnde sich schloß, ist schwer zu beschreiben, denn er brachte fast zu viel Ueberraschung, Staunen, Neid und Glück. Zuerst einmal hielt der Wagen vor dem großen Hause in der Manerstraße, und der Portier lief die Treppe herab und öffnete die Wagenthür. Herr Seegert trat niit seinen beiden Begleitern ein, erbat sich von ihnen die Checks und ließ die- selben an der Hauptkasse mit so gleichgiltiger Miene in Tausendmarkscheine, Hundertmarkscheine und Gold umivandeln, als ob es sich um lauter Butterbrote handele. Mit leise zitternder Hand nahm Richard seinen Theil, der Agent hingegen — nein, nennen wir ihr nicht mehr„Agent", sondern mit seinem guten Namen Albert Schweder— hatte sich in die neue Rolle schon so gefunden, daß er ruhig Zeigefinger und Daumen etwas naß machte und die Banknotenpackete sorgfältig durch- zählte. Er �.ab sich dabei dem Wahne hin, den Deutsche Bank-Lenteu zu imponiren, aber die schienen sich um ihn und Richard keinen Deut zu kümmern, und einer derselben — es war elf Uhr vormittags— nahm sogar in größter Elcichgiltigkeit ein Stück Wurst hervor und begann daffelbe zu verzehren. Vor der Thür trennten sich die beiden künftigen Schwäger, und Albert nahm jetzt zunächst einmal Gelegenheit, seinen äußeren Menschen zu mustern. Er trug immer noch den Pastorenanzng, weiße Halsbinde und Zylinderhut, und mußte darin bei hellem Tageslicht lächerlich aussehen. Namentlich da er in diesem Anzüge geschlafen und den würdigen Rock sehr zerdrückt hatte. Mit zehntausend Mark in der Tasche ändert man indessen seine Erscheinung schnell und vortheilhaft, und gegen zwölf Uhr mittags hatte Albert ungefähr das Aussehen eines Lords. Er trug einen ganz klein karrirten Londoner Anzug, ein graues, seines Hütchen, Stiefel mit Leinengamaschen und über dem Arm einen seidengefütterten Paletot a la Jockey. Um halb eins war er rasirl, srisirt und parfümirt, sandte Aennchen eine Depesche, daß er nachmittags zu ihr komme und in Seligkeit schwimme, und begab sich dann zum Traner- magazin. Nicht für hundert Mark hätte er einen Besuch der Taute an diesem Tage unterlassen. Es ivar Mittagszeit, und die alte Dame war eben be- schäftigt, mit ihrer Schwägerin über die Zähigkeit des Roast- bccfs zu streiten, als Albert eintrat. „Wünsche wohl zu speisen," sagte er, und legte Hut und Paletot zur Seite,„bon appetit. wie der Franzose sagr." Die Tante maß ihn von oben bis unten wie ein Subjekt, dessen Dreistigkeit ansängt, Menschen aus der Ruhe zu bringen. Dabei wurde ihr Blick immer erstaunter, und der englische Anzug irritirte sie dermaßen, daß sie Messer und Gabel aus der Hand legte. Endlich fragte sie und verschluckte sich fast bei den drei Worten:„Wünschest Du etwas?" „Wer, liebe Tante," sagte der gute Neffe und zog sich die hellgelben Handschuhe von den Fingern,„wer in aller Welt darf von sich sagen, daß er wunschlos sei? Wenn ich einen Löffel Suppe mitcssen darf, wären meine Wünsche allerdings erfüllt. Ich habe großen Hunger." Cr zog einen Stuhl heran und nahm Platz. Ueber seine arme Mama ging ein Frösteln. Sie hatte die Empfindung, daß im nächsten Moment etwas Schauder- Haftes eintreten müsse, und ein namenloses Staunen überfiel sie, als die Tante ruhig blieb und leidlich gelassen sagte: „Habe die Freundlichkeit und besorge ihm Teller und Besteck." Die Tante war ein Fuchs und feiner Schachspieler. Daß diese riesige und quasi selbstvernichtende Frechheit ihres Neffen in irgend einem Glücksfall ihren Grund haben müsse, war ihr sofort klar; dafür sprachen ja auch der vornehme Anzug und des Agenten unerträglich vergnügte Miene. Zunächst war von allerlei Gleichgiltigem die Rede, und mir karge Worte wurden gewechselt. Schließlich begann der Neffe scharf vorzugehen:„Welches Glück manche Leute haben, ist erstaunlich. Du wirst Dich, liebe Tante, an den Photo- graphen Kreiser erinnern, der oben das Atelier hatte",— diese Frage allein war bereits ein scharfer und treffsicherer Stich— „was wirst Du dazu sagen, daß dieser Mann eine Erbschaft gemacht hat?" Die Tante schluckte einigenial und sagte dann, das sei ihr glcichgiltig. Die größten Hallunken kämen am besten durch die Welt, das sei die Thatsache. Im übrigen brächte ein Mensch wie Kreiser jede Erbschaft in vier Wochen durch, das sei ihr Trost. .Das kommt darauf an," versetzte der Nesse,„wie groß die Erbschaft ist; zum Beispiel giebt es Summen, die man, wenigstens mit gewöhnlichen Mitteln, nicht schnell klein kriegen kann. Du wirst das zugeben." „Ich gebe garnichts zu," sagte die Tante,„und wenn ich bitten darf, so erinnere mich nicht an einen Menschen, der mich Jahre meines Lebens gekostet hat. Zwei Dinge giebt es, über die ich nie mehr zn sprechen wünsche, das ist erstens dieser Gauner von Kreiser und zweitens die Nizzaer Reise." Albert aß jetzt sein Roastbeef, nahm sich mit dem Haupt- angriff Zeit und lenkte als kleinen Abstecher das Gespräch auf Jettchen. Just das war nun der Tante wunder Punkt neuesten Datums. Es hatte eine Zeit gegeben, wo sie Jettchcn geknufft hatte, dann aber auch eine Zeit, wo sie die Liebe und Güte selbst gegen dieses Mädchen gewesen war. Zwei Monate hatte sie ihr das blaue Zimmer eingeräumt und war gleichsam als Braut- mutter bei der Hochzeit des Waisenmädchens anwesend ge- wesen. Welche Unkosten ihr aus allcdeni erwachsen waren, läßt sich kaum recht berechnen. Nun war heute ein Brief im Trauermagazin eingetroffen, goldgerändert und von nie ge- sehenem Papier, in welchen! Jettchen die sieben Ladenfräulein einlud, Mittwoch abends im Kaiserhof ihre Gäste zu sein. Sie sei auf der Durchreise nach Wien und wolle mit ihrem guten Manne und den sieben einen recht lustigen Abend ver- leben. Von der Tante war in dem Schriftstück mit keinem Worte die Rede! „Daß Undank der Welt Lohn ist," sagte sie zn ihrem Neffen,„braucht Madam Jettchen mir freilich nicht erst zu beweisen, jedenfalls bitte ich Dich aber, auch über diese Person in meiner Gegenwart kein Wort mehr zn verlieren." „Es ist schwer," erwiderte er,„liebe Tante, ein Thema zu finden, das Dir gefällt. Christian hat, wie ich zu meinem Leidwesen höre, gleichfalls Dein Mißfallen erregt, und ich kann es unter solchen Umständen kaum wagen. Dir von meiner Verlobung Mittheilung zu machen." „Verlobung?" Die Tante fuhr erstaunt herum. „Verlobung?" Albert's Mama faßte seine beiden Hände und war tief erregt. „Leider mit einem jungen Mädchen, das der Tante nicht zusagt, nämlich mit Herrn Kreiser's Tochter Anna." Beide Frauen ivaren außer sich, selbst der Tante kunst- volle Ruhe war im Nu in das Gegentheil verwandelt. Zu- uächst setzte er jetzt auseinander, daß seiner Braut Verlobung mit dem Justizrath aufgehoben sei, das steigerte natürlich die Traurigkeit der Mama und den Abschen der Tante. Zweitens betonte er, daß er Anna von Herzen liebe, was die Tante für unmöglich erklärte, wenn aber möglich, so jedenfalls für schinipflich. Sie richtete sich groß und feierlich auf:„Ich er- kläre Dir hiermit," sagte sie,„daß dieser Schritt, falls Du ihn durchführst, ein für allemal und in diesem Falle wirklich und endgiltig Dich und mich trennt." Dann wmde sie plötzlich weicher:„Ich bitte Dich, Albert, thne wenigstens das nicht. Seit Christians unwürdigem Be- nehmen mir gegenüber habe ich mehr als sonst an Dich ge- dacht. Dn hast genug gethan, um meine Liebe für Dich in Zorn und Abneigung zu verwandeln, aber Dn stehst mir immer wieder nahe als der Sohn meines armen geliebten Bruders." Hier fing die Mama an zu schluchzen, und Albert, erstaunt über diesen nie gehörten Ton, begann etwas verlegen auf seinen Schnurrbart zn beißen. Die Tante aber, durch die starke Wirkung ihrer schönen Worte selbst beeinflußt, fuhr noch milder und wchmüthiger fort:„Ich will alles vergessen sein lassen. Ich werde alt, ich bedarf einer Stütze. Komm zn mir zeige Dich großen Verhältnissen gegenüber als Mann und Kaufmann und Dn wirst es nicht zu bereuen haben." Sie hatte die Ueberhand gewonnen, denn unmöglich konnte nach dieser sanften und edlen Rede der Neffe ihr einen Stich beibringen. So klang es denn förmlich albern und schul- jungenmäßig, als er den wahren Thatbestand darlegte und von den fünf Millionen berichtete. Es war das seit dem ver- hängnißvollen Nachmittag in Nizza vielleicht der härteste Schlag, der die Tante traf; da er ihr aber schonend beigebracht wurde, überstand sie ihn und fand sogar die Kraft, sich zu einigen milden Worten anfzuraffen. Sie wolle hoffen, daß Kreiser ans diesem Glücksfalle Nutzen und Besserung ziehen möge, obwohl ihr das zu glauben schwer falle. Was Aennchen betreffe, so sei die jedenfalls die angenehmste ans der Kreiser'schen Familie, und es sei ja immerhin möglich, daß Albert mit dem einfachen und unver- bildeten Mädchen glücklich würde. (Fortsetzung folgt.) Ein TAg in Knnkon. Im Januarheft der„Revue de Paris" findet sich ein kleiner Neisebet.cht aus China, der angesichts der deutsch-chinesische» Politik von allgemeinem Interesse ist. Um nur hundert Schritte in Kanton zu macheu— so erzählt der französische Reisende— ist ein Führer unumgänglich»olhwendig. Als solcher diente ihm ei»„Einkäufer" in der Faktorei eines französischen Rheders, Herr Cho- Bing, welcher das„xisjiQ snZlisb" verstand, in welchen, die Handelsgeschäfte an dieser Küste abgemacht werden. Pferde und Wagen giebt es in Kanton nicht. Wer nicht zu Fuß gehe» will, ist ans die wunderlich geformten aber praktischen Tragstühle angewiesen. Der Führer setzt sich zu dem Reisenden, und auf den Schultern von drei Lastträgern„mit enormen Waden" beginnt die Forschungs- expedition.—„Herr, wohin gehen wir?" fragt Cho-Bing.—„Nun, ich will die Stadt sehen."—„Wo?"—„Ueberall."—„Herr wollen also einen guten Seidehändler besuchen?"—„Nun gut."— Der Chinese kann es nicht begreisen, daß es jemand einfallen könnte, Hern», zu wandern, nur»in geistige Ein- drücke zu sammeln; er selbst geht lediglich zn Ge- schäften und gewissen Vergnügungen ans. Kommt also ein Europäer nach Kanton, so steht zum voraus für jeden Chinesen fest, daß dieser Seide, Thee oder alte Porzellan-Kunstwerke kaufen will. Die Gesellschaft durchwandert zuerst eine Gegend voll der elendesten Hütten aus wurmstichigem Holz, verrostetem Blech, schmutzigen Leinewandfetzen, faulige» Strohmatten und Bambus- flcchtwerk. Ueberall stinkt es nach verwesten Fischen. Hier ist der Stapelplatz für die chinesischen Maaren ans den, Innern, großentheils Dinge von zweifelhaftem Werth und mit Wohlgerüchen behaftet, die für europäische Nasen unerträglich sind. Dann geht's durch ein kleines Thor in die eigentliche Stadt, die noch im Schlafe liegt, da eben„tet", d. h. das chinesische Neujahr war, wo die Leute spät ins Bett gehen und dann auch spät aufstehen. Zuerst wird eine von Geschäftsleuten bewohnte Straße besichtigt. Ueberall sind lange hölzerne Tafel» ausgehängt, schwarz, weiß, roth oder vergoldet, mit einer senkrechten Reihe chinesischer Schriftzeichen; vor jeder Hauslhüre sind Papierlaternc». Sodann folgt eine vornehmere Straße; hier sind die Häuser sehr sauber und tragen keine Geschäflsschilder. Die Hanslhore, ans geschnitztem Holz und vergoldet, sind geöffnet, aber im Hansflur steht ein Schiri», um unbescheidene Blicke abzuhalten und bösen Geistern den Zutritt zu wehren. Letzterem Zwecke dient auch das Weihrauchstäbchen, das in einer kleinen Nische neben der Hauslhür brennt. Die verschiedenen Geschäftszweige sind in einzelnen Straßen vereinigt, es giebt also zum Beispiel Schnstergasse», Schreinergassen und so weiter. Nur die Eß- waarcnhandlnngen sind überall vertheilt. Endlich tritt inan in den Lade» des Seidehändlers. Ein dicker Chinese— alle reichen Chinesen sind dick— Herr Vo-Cho» selber, empfängt sie, umgebe» von einer Schaar von Kommis. Sie machen dem Knuden kleine „tchin-lchin", d. h. sie heben die geballten Fäuste bis in die Höhe des Kopfes und schneiden dazu verbindlich lächelnde Gesichter. Oese» kennt man nicht in diese» Läden. Aber darum friert Herr Vo-Chon doch nicht; denn er ist gut eingepackt in einen dickwattirten himmelblauen Rock, der auf ei» Paar apfel- grüne Hosen herabwallt; letztere sind in die weißen Socken ge- steckt, so daß kein Lustzng von nuten hinauf dringen kann. Der Oberleib des Herrn Vo-Chon ist durch ein halbes Dutzend ver- schiede» farbiger Ueberröcke geschützt, deren Aermel sich am Hand- gelenk zurückschlage». Hat äber Herr Vo-Chon keine Beschäftigung für seine werthe Hand, so zieht er sie ins Innere der Aermel zurück und klappt letztere um, so daß auch hier kein Lüftchen ein- dringen kann. Von der langen Wanderung bekommt der Reisende Appetit, und sein Führer bringt ihn zu einein Speisehans. Die Ge- richte, die man hier haben kann, sind am Schaufenster ausgestellt: Schwalbennester, faule Eier, getrocknete Fische, eingemachte Regen- würmer, Ratten am Spieß gebraten, aber auch warmes Fleisch mit weißen Nudeln und ein Ragout von Hnisischflossen; ferner rothes Backwerk, blaue und grüne Znckerwaaren und Wassergläser mit Alge» von allen Farben. Eine blankgcscheuerte Treppe führt in den erste» Stock, von wo das verlockende Geräusch der„Eßsläbcheu" heruntertöut. Wie nun aber der hungrige Reisende de» Speisesaal betreten will, erklärt ihm der Gastinirlh mit vieler Höflichkeit: „Bitte, mein Herr, für Europäer wird hier nicht servirt."— „Ich habe die Ehre."— Und der„blamirle Europäer" hat nun das Vergnügen, mit hungrigem Magen den langen Weg zu seinem Schiff zurückzumachen, wo er endlich seinen Appetit mit englischem Roastbeef und Pudding stillen kann. Gleich nach der Mahlzeit wagt sich der Reisende aufs neue in das unendliche Gewirr der Straßen und Gäßchen. Kein freier Platz, kein Boulevard, kein imposanter Bau ist zn finden, der als Richtpunkt diene» könnte. Ohne den Führer ist jeder Fremde rettungslos in diesem Häuserlabyrinth verloren. Die Straßen sind jetzt sehr belebt, aber die Menge macht einen unheimlichen Eindruck. EL fehlen alle Individualitäten. Alles ist ganz und gar»ach einer Schablone geformt, als wenn die Leute in der Fabrik gegossen wären. Alle haben die nämlicheit schwarzen Augen, die nämlichen schwarzen Haare, vorn rasirt, hinten zum Zopf geflochten, die nämliche Kleidung, den nämlichen Regenschirin von geöltem Papier. Nur zwischen Reichen und Armen ist allerdings auch hier ein deutlicher Unterschied. Und so sind es vom Norden zum Süden, vom Osten zum Westen des Riesenreiches vierhundert Millionen Menschen, alle genau nach demselben Muster, kein einziger mit blondein Haar, kein einziger ohne Zopf! Die Leute auf den Straßen werfen dem Europäer recht nnsrenndliche Blicke zu. Anch die Musik, welche die Kommis in den Läden machen. wenn sie keine Knuden zn bedienen haben, ist für die Ohren des Europäers kein Trost; sie erinnert ihn vielmehr an das bekannte Katzenkouzert, das Steine erweichen, Menschen rasend machen kann. Nachdem der Reisende »och den Thechändler und den Porzellanverkäufer aufgesucht hat, besteigt er zum Schluß eine Pagode außerhalb der Stadl. Die Vorstadt, welche er bei dieser Gelegenheit passirt, beschreibt er als eine einzige Lnmpensammler-Kloake voll unsäglichem Schmutz und pestilenzialischem Gestank. Den Gesammteindrnck endlich faßt der Franzose in folgende Worte zusammen:„Ich habe nun Kanton gesehen und noch nie hatte ich so deutlich den Abgrund erniessen, der uns von der „Gelben Welt" trennt. In der großen Stadt, die ich nach allen Seiten durchkreuzt habe, konnte ich nirgends ei» Symptom ivahr- nehmen, daß der Europäer heute hier weniger fremd, iveniger ver- abscheut wäre, als vor zweihundert Jahre». Ueberall stößt man auf die unüberwindliche Feindseligkeit einer Rasse, die einen ganz un- gemessenen Hochmuth ans ihre fünf Jahrtausende alte Kultur besitzt. Unsere ganze Denkart, unser Fühlen, unsere Bestrebungen, alle unsere Auffassungen von den Problemen des Daseins sind so grnnd- verschieden von den Ansichten des Chinesen, daß dieser sich damit begnügt, die europäische Art zu verachten, ohne sich anch nur dazu herbeizulassen, sie verstehen zu wollen.—" „Aus solchen Belrachtungeu"— fährt der Reisende fort— „wnrde ich aufgeschreckt durch ein paar Steine, die, von un» bekannter Hand geschleudert, mir um den Ükopf sausten und au einer Mauer absprangen— ein Zwischenfall, nur allzu ge- eignet, die Nichtigkeit meiner melancholischen Gedanken zu be- stätigeu." „Herr!" meinte»un der gelreue Führer Cho-Bing in seinem gebroclienen Englisch,„Herr, sehr gut— heimkehren— schnell— Dampsboot. Hier Chinaman» dumm— er gar kennen nichts." Und in beschleunigtem Trab ging der Tragsessel zum Schiff zurück.— Vleiues Ilenillekott- — e— Nach Hanse. Als er am Morgen seine lange Wanderung antrat, überspannte ein wolkenloser, mattblauer Himmel die Straße» und Plätze der Weltstadt. Die kalte Winterluft ivar rein und durchsichtig; sie schien selbst nur der Abglanz eines verborgenen, gewaltigen Lichtscheines zu sein, gegen den sich jeder Gegenstand dunkel und scharf abhob, in dem auch das Fernste zum Greifen nahe lag. Noch sah nia» die Sonne nicht, aber man fühlte, daß sie knin. Bald brach sie mit einer»»geheuren Fluth goldenen Lichtes herein. Die Wellstadt lebte auf. Heißer pulsirte das Leben in den Straßen; neue Lebenslust und-Freude schienen in die Herzen der Menschen eingezogen zu sein. Auch ihm war frisch und fröhlich zu Muthe gewesen. Un- verdrossen war er trotz sorlgesetzter Abweisungen von einer Arbeits- pelle zur anderen gelaufen. Heute konnte es ihm ja nicht fehl- schlagen, unter so viele», lachende», heileren Mensche», bei so viel Eonnenscheiu und Farbenpracht! So hatte er gehofft bis zum letzte» Augenblicke. Allein, die Sonne ging, der Abend kam und mit ihm eine tiefe Mnthlosigkeit nach dem fehlgeschlagenen Kampfe. Eni Granen erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er mit leere» Händen heimkehre» müsse zu seinem Weib und seinen Kindern. Einen Theil des letzten Restes Brot Halle ihm die Frau mitgegeben; sie hatte ja wie er darauf gerechnet, daß er heute endlich Beschäftigung finden werde, und die Hungertage zu Ende seien. Bis zum Abend schlng sie sich mit de» Kindern schon durch: dann kam ja der Valer und heute gewiß nicht mit leeren Händen. Wie ei» Wahnsinniger starrte der Mann in dem dicken, gelb- lichen Dunst, der wie qualmender Rauch in der breiten Vorstadt- straße wogte. Uebcr ihn» zeigte der Himmel noch eine reine, zart- blaue Farbe, nahm allmälig einen leichten rosigen Schimmer an und verschivanu» dann in eins mit der undurchdringlichen, schmutzig- gelben Dnnstmnsfe, die alles Licht und alle Farben aufsog. Hin und wieder drang ei» fahler, matter Schimmer ans den ersten erleuchteten Läden durch die Dämmernng.— Eine furchtbare Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich des Mannes. Er fühlte sich so klein, so verlassen, so ohnmächtig, so elend, daß er am liebsten geweint hätte wie ein Kind. Dann packten ihn Wuth und Zorn gegen eine Welt, die ihm nicht einmal das Nothdnrfligste zum kärglichen Leben bot. Sein Herz krampfte sich zusammen,>venn er an sein Weib und seine Kinder dachte. Sie halten sicher, wie er, den ganzen Tag über leise gehofft. Man hofft ja so gern mit bnngrigem Magen. Und nun kam er mit leere» Händen, leerem Trost. „Es ivar wieder umsonst, Frau, wieder vergebens! Aber, habe Mnlh, Mutter; habt Muth, Kinder! Morgen muß sich endlich etwas finden. Nur bis morgen haltet noch aus. bis morgen!" Und morgen? Wenn das Morgen dem Heule gliche?-- c. e. GlaSangcn. Die Nachfrage nach künstlichen Augen war in den letzten z>vei Jahre» größer als jemals zuvor. Eine Firma allein hat im verflossenen Jahre 35 000 künstliche Angen verkauft, 2000 mehr als im Vorjahre,»nährend sich früher ihre jährlichen Verkäufe niemals höher beliesen als 20 000. Obenan unter den Ursachen, die gegenivärtig eine größere Nachfrage nach gläsernen Augen verursachen, steht die größere Billigkeil derselben. Vor zehn Jahre» kostete noch ein geivöhnliches Glasauge 19 bis 21 M., und solche, die auf Bestellnng gemacht und besonders sorgfältig gefärbt wurden, kamen auf 85 bis hinauf zu 120 M. Seit einiger Zeit ist jedoch ein künstliches Auge für 15 M. oder ivemger zu haben, und die auf Bestell»mg gemachten kosten 30 bis höchstens 100 M. Dazn kommt noch, daß jetzt die künstlichen Angen sich mit größerer Annäherung an die Natürlichkeit herstellen lassen. Grane Augen »verde», am meisten sabrizirt. Dann kommen blau und branu, »vährend schivnrze nur auf Bestellung gemacht»verde». Auch die besten Glasauge» hallen sich bei beständigem Gebranch nur ein Jahr, infolge der Wirkung der Säuren, die aus den Augenhöhlen ausgeschieden»verde».— — Woher rouiiilt die Bezeichnuiig„Kominisi"? In den „Münch. N. N."»vird die Frage»vie folgt beanlivortet: Als Wallenslein gegen Stralsund zog,»md Theile seines Heeres in der Mark lagen, waren die davon betroffenen Orte auf die Daner nicht im stände, das geforderte Brot zu schaffen. Man zog daher Städte und Dörfer, die nicht mit Einqnartiruug belastet»vare», gleichfalls zu Lieferungen herbei. Um nun eine gerechte Vertheilnng der Korn- ausschreibungeil zu ermöglichen, hatten die Landesbehörden im Ein- verständniß mit den Trnppenführern eine besondere Kommission damit beauftragt, die auch das Brot backen ließ. Diese Brote, »velche von der Kommission verabfolgt wnrden, hießen Kommissions- brole,»voraus im Laufe der Zeit das„Kommißbrot" entstand.— Musik. —er—. Linden-Theater. Suppo's„ F c» t i n i tz a die »ach einer Pause von fast anderthalb Jahrzehnten»vieder auf der Bühne des Linden-Theaters erschien, gehört zu jenen lebendig ge- bliebenen Operetten,»velche die ehemalige Glanzzeit und Popularität des Wiener Siugspielgenres verständlich machen. Ans der traditionellen Grundlage irgend einer verschollenen französischen Komödie ist eine amüsante Fabel ausgebanl, die sich von trauriger Operetten- bornirlheit ebenso entfernt hält, als von den erklügelte» Satiren der späteren Wiener Jonrnalistenlibretti. Die geschäslsknndigen Texlfabrikanten Zell und Genee waren gewiß keine Operetten- pamphletisten, aber umso geschicktere und maßvollere Karikaturen- zeichner von feiner Lustigkeit. Snppe's Musik hat»vohl die Neigung zu opernhafter Aufgeblasenheit und vermag in dem leere» Pathos einiger Duette und Ensembles die italienische Abstaininung ihres Autors nicht zu verläugne», aber sie ist voll starker Erfind»,»gs- kraft, voll»virksamcn Bühnentemperaments und jener angenehmen Leichtfaßlichkeit,»velche das Ohr der Oeffentlichkeit so leicht erobert. Erzivungene Künstlichkeiten»vird man bei Snppo»veniger finde» als »nclodische Trivialitäten, die mit energischem Talente für die »veilefte Popularität geschaffen scheine». In der Stimmführung ist er ein unvergleichlicher Meister. Um den verhältnißniäßig gute» Gesan,»itein druck der diesmaligen Vorstellung»nachten sich Fräulein Z i m in e r in a n n(Wladimir-Fatinitza). die in Spiel und Gesang die brutalen Züge eines fragivürdigen Operettenhuuiors stets meidet, die Herren Hambrock, Becker, Steiner und Sieg« »nniid verdient.— Kunst. — Zur Erlangung von Entwürfen zu einem Monumental- b r n n n e n vor dem Rathhanse in G L t t i n g e n ist unter den Künstlern deutscher Reichsangehörigkeit ein W e t t b e w e r b aus- geschrieben worden. Die Entwürfe müssen zum 1. Juni d. I. beim Magistrat in Göttingen eingereicht»verde». Die drei Preise betrage» 600, 400 und 200 M,— Geschichtliches. — Preußische Deportationen nach Sibirien. In Nr. 66 der Südpreußische»(jetzt Posener) Zeitung vom Jahre 1803 findet sich die nachsteheiide behördliche Anzeige: Pnblikandiin» wegen Deportazion inkorrigibler Verbrecher in die Sibirischen Bergwerke. Um das Eigeulhiim Allerhöchstdero getreuen Unterlhanen gegen die verwegenen'Angriffe der Diebe, lliäuber, Brandstifter und ähnlicher grober Verbrecher möglichst sicher zu stelle», haben Seine König- liche Majestät von Preußen, Unser allergnädigster Herr, zwar die nachdrücklichsten Maßregeln getroffen, solche Böseivichler ergreifen und empfindlich bestrafen zu lassen. Es hat aber die Erfahrung ge« zeigt, daß hierdurch der beabsichtigte Zweck nicht vollständig erreicht wurde, weil bei der größten Vorsorge dennoch nicht verhindert werden konnte, daß nicht von Zeit zu Zeit mehrere solcher Ver- brecher ans den Strafanstalten entwichen und von nenenr der Schrecken ihrer gutgesinnten Mitbürger geworden wäre»; und weil eben durch diese Hofsiinng einer Möglichkeit, die Freiheit wieder zu erlangen, selbst die Vcrnriheiliing zu lebenswieriger Strafarbeit in den Angen dieser Bösewichter viel von ihrem'Abschreckende» ver- liert. Ans diesen Gründen haben Allerhöchstdieselbe» beschlossen, die in den Strafanstalten befindlichen inkorrigiblen Diebe, Räuber, Brand- slister und ähnliche grobe Verbrecher, in einen eutfernlen Welttheil transportiren zn lassen,»in dort zu den härtesten Arbeiten gebraucht zu werden, ohne daß ihnen einige Hoffiiung übrig bliebe, jemals wieder in Freiheit zn kommen. Diesem gemäß ist mit dem russisch- kaiserliche» Hofe die Vercinbarnng getroffen, daß dergleichen Böse- wichler in den im äußersten Sibirien, über tausend Meilen von der Grenze der königlichen Staaten belegenen Bergwerken zun» Bergbau gebraucht werden sollen, und es sind hierauf vorerst achtmidfünfzig der verdorbensten solcher Verbrecher am 17. Juni d. I. an den kaiserlich russischen Koininandanten zn Narva wirklich ab- geliefert, nni von dort in diese sibirischen Bergwerke transportirt zu werden. Seine kgl. Majestät werden durch fernere von Zeit zu Zeil zu bewirkende Abseiidnng solcher Verbrecher die Eigenlhnms- rechte der fämmtlichen Bewohner Ihrer Staaten gegen die Unter- nehmnugeii solcher Böseivichler schützen, und lasse» daher dieses zur Beruhigniig Ihrer gutgesinnten Uiitcrthanen und zur Warnung sür jedermann hierdurch öffentlich bekannt machen. Ligiratuin Berlin, den 7. Julius 1802. Auf Sr. königl. Majestät allergnädigilen Spezial- Befehl. Graf v. d. Echnlenbnrg. v. Goldbeck. Völkerkunde. — Der Eindruck der letzten S o»» n e n f i n st e r>» i ß auf die Bewohner Indiens. Bei den meisten eingeborene» Stämmen hat sich der alle Soniienkultiis bis heute erhalten. Eine Verfinsterung des Eounenballs erscheint ihnen als Kundgebung des Sonnengottes und erfüllt sie mit tiefer Scheu und Angst. Ein- geborene Astronomen in Bombay prophezeiten alle Arten von Unglück, u. a. eine große verheerende Flnth; einige derselben erwarteten schon innerhalb acht Tagen ein entsetzliches Unglück. Während der Finsteruiß kauerten sich die Hindu ans die Erde nieder, beteten an ihrer Gebetsschnur und sangen Lieder und Hymnen. Tie Parst standen ehrfurchtsvoll da, das Gesicht der Sonne zugewendet und de» Zendavesta(das h. Buch der Perser) in der Hand. Zerlumpte Bettler schwärmten überall herum, und die Hindn-Slraßen hallten wider von dem Ruf:„Gebt Almosen, damit die Sonne aus den Krallen des Drachen Baku befreit werde." Die Meiischeiiinassen, welche sich sonst bei Soniieiifiiisterniffen an der See versammeln, um zu baden, waren vom Gesundheitsamt in anbetracht der furchtbare» Seuche,»velche noch immer in Indien herrscht, zerstreut worden. Die wenigen Badenden knüpften Durab-Gras an ihre Kleider und legten davon in ihre Speisevorrälhe, um dieselben vor den» schäd» lichen Einfluß der Soniienfiiisteruiß zn bewahren. Die Furcht vor einem Strafgericht des Sonnengottes that sich in einem allgemeinen strengen Fasten kund. Der Nizam von Hciderabad gab 50 Ge- faiigenen die Freiheit und beschenkte sie mit Geld und Kleidern. Es ist der Glaube der Hindu, daß die Sonneiifinsternisse nur alle zwölf Jahre wiederkehrten, so lange Indien nicht linter mohammedanischer und britischer Herrschaft stand, und daß dieselben infolge der viele» Sünden und Misseihateii jetzt so häufig statlfiiiden. In Kalkutta und Benares badeten ganze Volksinassen in den Gewässern des Ganges.— Medizinisches. t. S i n d d i e H e i l st ä t t e II s Ü r L II I» g e II k r a n k e eine .Gefahr sür ihre N m g e b»» n g? Diese Frage ist in der Gegenwart, wo für die Errichtung besonderer Heilstälten für Tuber- kulose mit größerer Entschiedenheit eingetreten wird als je, eine höchst bedeutsame geworden, und es ist daher mit großer Genugthuung zu begrüßen, daß kürzlich ein Schweizer Arzt sich einer genauen Untersuchung der Frage«nterzogei» hat. Die Furcht vor der Ansteckung hat sich mit der Ent- micfclmig der Bakteriologie mir vergrößert, immenKich infolge übertriebener Vorstellungen von der Gefahr eingeathmeten Slanbcs, in dein bazilleuhnltige AnZfcheidnnge» von Lungenkranken nmherfliegen follciu Diese Annahme ist in dem Publikum vielfach durch unrichtige Nachrichten noch verstärkt worden. Danach ist es auch kein Wunder, daß eine Bevölkerung mit großer Sorge dem Plane zur Errichtung eines Sanatoriums für Lungenkranke in der Nähe ihres Wohnsitzes gegenüber steht. Die eingebildete Anstcckungs- gefahr ist bereits mehrfach geradezu als Hiuderniß für die Anlage einer solchen Heilstätte an einem bestimmten geeigneten Platze auf- getreten. Aus der Thatsache, daß die Bazillen die Erreger der dtrankheit sind, folgert man eben, daß jeder, der mit solchen in Be- rührnng kommt, erkranke» müsse. Ist dies der Fall, so ist auch die Besorgniß begründet, daß die Errichtung von Tuberkulose-Heilstätten eine Anhäufung der Ansteckungsgefahr für ihre Umgebung bedeuten würde, da es unmöglich ist, dieselben von jedem Verkehr mit der Außenwelt abzuschließen. Aus diesem Grunde sträuben sich manche Gemeinden dagegen, das uölhige Land für eine solche Heilstätte her- zugeben. Dem gegenüber ist nun zunächst nachdrücklich hervorzu- heben, daß eine bloße Verühruug des menschlichen Körpers mit Tuberkelbazille» zn einer Ansteckung keineswegs ausreicht, daß viel- mehr zn einer solchen eine Verletzung der Hanl oder der Schleimhäute nöthig ist, außerdem ei» geschwächter Zustand der körperlichen Kräfte — kurz: daß eine individuelle Veranlagung für das Zustandekommen einer Vergiftung durch den Bazillus vorhanden sein muß. Ferner ist die Thalsache sehr beruhigend, daß die Tuberkelbazille» leicht Feuchtigkeit annehmeu und daher nur selten als Staub auffliegen und auch dann wenigstens rasch wieder zu Boden fallen; in nor« maler ausrechter Haltung wird ein Mensch daher schwerlich solche Bazillen einathmen. Auch die Ersahrunge» sprechen für diese Annahmen, denn Aerzte, Wärter, Krankenpflegerinnen u. f. w., die sortgesetzt mit tuberkulösen Personen zu tdnn haben, bleiben fast immer gesund, wenigstens hat man Erkrankungen bei ihnen niemals mit Sicherheit auf direkte Ansteckung durch die behandelten Kranken zurückführen können. AIS ein weilerer wichtiger Beweis koimnen nun die Untersnchnnge» von Dr. Aehi Hinz«, der nach dem Todtenregister des seil vielen Jahren vorzugsweise von Lungenkranken benutzten Kurortes Davos in der Schweiz feststellen wollte, ob sich die Tuberkulose seit dem'Aufenthalt solcher Kranker als Kurgäste unter der ansässigen Einwohnerschaft verbreitet hat oder nicht. Es wurden diesen Untersuchungen die Zivilstandsregister des KreiseS Davos aus de» letzten so Jahren zu arnnde gelegt. Das Ergebniß kommt darauf hinaus, daß die Krank- heit sich in diese» Jahrzehnten nicht merklich unter der Einwohnerschaft ailsgebrettei hat. Dies ist um so auffallender, als sich vielfach Lungenkranke, um der Gelegenheit einer neuen Erkrankung vorzubeugen, nach ihrer Besserung an dem Orte niederlassen. Man darf sogar sagen, daß die Sterbefälle an dieser Krankheit nicht einmal in demselben Verhältnisse zugenommen haben wie die Zahl der Bevötkernng. Der Verfasser zieht daraus den beruhigenden Schluß, daß die Bevölkerung der Unigebnng von Lungenheilstätten einer vergrößerten Aiisteckungszesahr seitens der Tuberkulose nicht ausgesetzt ist.— Astronomisches. — Auf der Haupt- Sternwarte P n l k o w a bei Petersburg ist, wie man der„Voss. Ztg." berichtet, eine interessante Beobachtuugs- reihe über den helle», merkwürdig veränderlichen Stern im Stier gelungen, die helles Licht über die Vorgänge auf dem Stern verbreitet. Im Jahre 1848 entdeckte der Engländer Baxendell. daß dieser helle Stern seinen Glanz in kurzen Perioden ändert, indem er in 3 Tagen 22 Stunden 52,2 Minuten vo» der Größe 3,4 ans die Größe 4,2 herabsinkt und zum vollen Glänze zurückkehrt. Fortgesetzte Beobachtungen zeigten aoer. daß der Stern diese Zeit seines Lichlwechsels nicht genau einhielt, oft sogar um mehrere Stunden davon abwich. Aus den von A. Belopolsky mit dem großen 30jölligen Refraktor der Pulkowaer Sternwarte aufgenommenen Spektogrammen geht min hervor, daß das Gestirn aus zwei oder mehreren Sternen besteht, die mit großer Geschwindigkeit ihre Bahn- bewegnngen vollsühren. Am kleinsten ist die Bewegung des Haupt- sterns; ein zweiter Stern aber zeigte am 12. November eine enorme Geschwindigkeit, indem er sich um 10'/, geographische Meilen in der Sekunde auf uns zu bewegte, während' er am 22. November sich mit einer Geschwindigkeit von 12 Meilen in der Sekunde wieder in ent- gegengesetzter Richtung entfernte. Ferner scheint ein dritter Stern von kleinerer Mass« im System mit umzulausen. dessen Geschwindig- keit in der Sekunde sich vom 12. zum 22. November um 22 geo- graphische Meilen geändert hat. Das Gestirn X Tauri gehört zu jener Klasse weißer Sterne, die hauptsächlich Strahlen glühender Wasserstofgase aussenden. Der räthselhafte unregelmäßige Licht- Wechsel des hellen Sternes ist also durch die Bahndewegung seiner Komponenten verursacht.— Technisches. K. Die Einführung zweistöckiger elektrischer Straßenbahnwagen mit D e ck s i tz e n ist kürzlich in Chikago erfolgt. Die Wagen sind sehr lang, nämlich 11,6 Nieter, und haben von den Schienen bis zum Verdeck gemessen 4 Meter Höhe. Ganz abweichend von den bislang gebräuchlichen Wagen haben die neuen keine Thliren an den beiden Enden, sondern nur einen Eingang au der einen Seite des Wagens in der Mitte, wo- durch er in zwei vollständig von einander getrennte Abtheile zerlegt wird. Der Wagen ist sehr elegant eingerichtet und ans insgesammt 90 Sitzplätze berechnet; vollbesetzt bieten aber die neuen Wagen die MögUchkeil, 150 Personen zu befördern. Das Verdeck ist vollständig offen, und auf der ganzen Länge mit Bänken versehen; es kann aber auch in einen fest abgeschlossenen Raum verwandelt werden, was für den Winterbetrieb von großem Vortheil ist. Das Gewicht der neuen Wagen ist sehr hoch; es beträgt 15 Tons, übertrifft also noch die schwersten in Berlin im Gebrauch befindlichen elektrischen Straßen- bahnivagen. Der Antrieb erfolgt durch vier Westiughouse-Moloren, die je 34 Pferdestärke» liefern, während die in Deutschland ge- bränchlichen Wagen zumeist nur mit zwei Moloren von je 22 Pferde- stärken Leistung ausgestaltet sind.— Humoristisches. — Ein Käsedrama. In einem bayerischen Marktflecken kam neulich am Bierlisch unter den Abendgästen die Rede ans das Wort„Drama". Ein Schuhmacher erklärie richtig das Wort zn deutsch„Handlung". Ein anwesender Käsehändler hörte dies; er schwärmt bedeuieud für alle Fremdwörter, und da er gerade an seinem Laden ein neues Firmenschild anbringen lassen ivollte, so sah man wirklich schon nach wenigen Tagen an semei» Geschäfte in mächtigen Lettern die Firma prangen:„ K ä s e— D r a m a" von N.— — Kathederblüthe. Professor:„Früher glaubte man allgemein, daß Homer ein blinder Sänger gewesen sei; spätere Forscher behauptete», daß Homer gar nicht gelebt habe. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte.— — Große Kartossel. Der Amlsdiener Schlau zeigt seinem Amtsvorsteher auf Erfordern an: Der Kossäth Schulze besitzt eine» Acker an der Berliner Chanssee, bepflanzt mit Kartoffeln in der Größe von ca. vierzig Quadratmeter.—(„Lust. 93t.") Vermischtes lliom Tage. y. Ein Hamburger Rheder hat vor fünf Jahren bei Celle in der L ii n e b n r g e r Haide zwei Wapiti-Hirs ch e aus Canada aussetzen lassen. Diese gedeihen dort gut nud haben sich be- reits aui zwölf vermehrt.— y. I» Hamburg wurde in einem ans der Auktion gekauften Sekretär ein geheimes Fach mit zahlreichen Briefsachen entdeckt, die alle Bestätigungen für erhaltene„ M e n s ch en w a a r e" mit ge- nauen Angaben der Preise enthielten, die der Händler für die ver» kauften junge» Mädchen erhallen halle. Die Polizei hat die Briese beschlagnahmt— — Ein 25jähriger Tagelöhner in Ottweiler(Regierungs- bezirk Trier) prahlte damit, er könne ein gefülltes Bierfaß mittlerer Größe über den Kopf schwingen und aufrecht hallen. Bei dem Bersuch ließ er es aber aus Gesicht und Brust fallen und erlag bald darauf den schweren inneren Verletzungen.— — Montag Nacht machte ein Ingenieur ans Brannschiveig in Halle einen Mordversuch auf eine Prostituirte nud erschoß s i ch dann s e I b st.— — Im Bahnhof zn Leobe»(Steiermark) fuhr am Mittwoch eln Personenzug auf einen Güterzug. Ein Schaffner wurde gelödtet, ein Bahnbediensteter schwer, ein anderer sowie eine Reisende leicht verletzt.— — Nach neunjähriger Arbeit wurde am Montag der 8100 Meter lange Tunnel unter dem Col di Tenda(Piemonl) durch- schlagen. Durch diesen Tunnel geht die neue Bah» von Cuneo nach Meiilone, durch die Tnrin direkt mit der Riviera verbunden wird.— — Aus der Halbinsel K r i m herrschen seit einigen Tagen große Schneestürme. Der Verlehr ist unterbrochen; viele Personen sind erfröre».— — Das Gehirn eines imlängst verstorbenen Londoner Z e i t n n g s v e r k ä u s e r s wog 80 Unze», ungefähr doppelt so- viel wie ein gewöhnliches Menschengehirn.— — In Sansibar sind vor einige» Monaten die Blattern ausgebrochen und bei der Saumseligkeit der dortigen Be« Hörden zn einer Epidemie ausgewachsen. Jetzt sind sie auch ans das Festland, auch nach D e u l s ch» O st a s r i k a, hinüber- gekommen.— — Für wohlihälige Stiftungen, die znm großen Theil für Zwecke der Wissenschaft ansgesehl wurden, si»v in'Amerika in den letzten drei Jahren nahezu 150 Millionen Mark aufgebracht worden. Die jährliche Summe ist dauernd gestiegen: sie betrug im Jahre 1805 38 406 000, im Jahre 1896 bereits 52 449 200 und 1897 57 499 200 M. Für Schulen»nd Hochschulen wurden im vorigen Jahre allein 21 163 300 Bl. gespendet.— — Die längste Eis« n b a h u strecke ohne K u r v e be« findet sich— wie von Weltreisendeu einstimmig behauptet wird— in Südamerika,«nd zwar in es die vo» Buenos Aires bis zuni Fuße der Anden lausende Argentinische Paeifie-Railway. die in der Thal aus verschiedenen vollkommen geraden Linien besteht, von denen die bedeutendste 211 englische Meile» lang ist, ohne die ge- ringste Kurve z» bilden. Beranlivortlicher Redaklenr: August Jarobey i» Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.