Hlnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 36. Sonntag, den 26. Februar. 18O8. (Nachdruck virboii».) Allkagslrutr. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Die Majorin ist nicht unsere Freundin, aber in diesem Augenblick thut sie uns doch ein wenig leid. Sie steht einsam auf der Welt und hat nie von irgend einer Seite her ans der- gleichen Glücksfälle zu rechnen. Gar so alt und xantippen- mäßig sah sie nicht immer ans, sie war einmal eine ganz� niedliche Frau mit einem Mädchen, das dann starb und sie traurig zurückließ. Die Geheimräthin läuft zum Schrank und nimmt Um- hang und Hut. Klans sagt:»Apropos, Mama, wenn Du Geld nöthig hast, bitte, bediene Dich. Und apropos, meine Frau bittet Dich, morgen bei uns zu speisen, und die kleine Wohnung über uns sei von Michaelis an frei und stehe Dir dann zur Verfügung. Denn hier, das ist doch schließlich ein schmieriges Loch." Die Geheimräthin nimmt einige Goldstücke aus Klaus Portemonnaie, weint beständig vor Aufregung«nd setzt den tut vor dem Spiegel beinahe verkehrt auf. Sie vergißt in ile und Verwirrung der Majorin adien zu sagen, nimmt Klaus' ritterlich dargebotenen Arm und steigt unten in eine Droschke erster Klasse, die mit einem schnittigen Rappen be- spannt davonfliegt. Die Majorin bleibt allein mit der Chokoladc, dem Kuchen und dem Operngucker in dem schmierigen Loch. Auch das wird sie nun bald zu räumen haben und wird wieder allein wohnen in dem dnukeln Hinterftttbchen, das dreimal schrecklicher ist als das„Loch". Was soll sie da mit dem Opernglas anfangen? Und was anfangen ohne die mühsam ge- bändigte und gerade jetzt so gut erzogene Geheimräthin? AnS ist's mit Klatsch, aus mit Gebratenem, ans mit dieser ganzen hübschen Zeit, von der sie gedacht hatte, die werde bis ans Lebensende so fortdauern. Es wird Abend und sie sitzt immer noch vor ihrer kalten Chokolade und schaut in eine trübe einsame Zukunft. XXVI. Und nun zum letzten Mal in Deine kleine enge Wohnung, liebe Klara, Ivo Du das schwerste Jahr Deines Lebens hast langsam vorüberziehen sehen, wo Du Dich oft verlassen dünktest wie nie und wo Du ohne diese wackere Frau Ohne- sorge sehr unglücklich hättest werden müssen. Laß niich lächeln, wenn ich jetzt in das Stübchen hineinschaue. Unter den Oeldruckbildcrn an der etivas verwitterten Tapete steht die schönste Wiege Berlins, ganz so prächtig, wie Du sie einmal gelräumt hattest: alles mit Seidenbändern durchwunden und darin das zirpende Baby in den wunderbarsten Spitzen. Dir selbst hat Frau Ohnesorge ein schnceiveißes Jäckchen ange- zogen, das vorgestern die Nachbarinnen unten im Hausflur begeisterte, denn alle diese neuen Herrlichkeiten muß Frau Ohnesorge prahlerisch im Hause muherzeigen. Richard hat Dir um den Hals eine goldene Kette gelegt, die so zart ist, daß man sie kaum empfindet, und neben Deiucni Bette steht ein Fliedcrbänmchen, das der Gärtner— weiß Gott weshalb?— so U'.it Seideupapicr und Schleifen ausgeputzt hat, als wenn Flicdcrbäunic Maskerade spielen sollten. Das hat die Tante gesendet. Deines künftigen Schwagers treue Pflegemutter. Schwägerin Aennchcn brachte etile Torte und Fleischextrakt, der früher Sinn gehabt hätte, der aber heute in der Zeit der echten Rindfleischsnppen unbeachtet bleibt. Herr Albert Schweder legt ein Vermögen für Dich an in Rosenbouqnets. und kann er je einmal nicht kommen, so sendet er froh- liche Depeschen, die sich als kleine Gedichte heransstcllen:„An die junge Mutter",„An das Baby' und so iveilcr. Licute- nant a. D. Klaus hat Visite gemacht und bat Deinem Richard so freundlich die Hand gedrückt, daß Deine Augen, ein- fällige Klara, feucht wurden vor Rührung über solche Hoch- Herzigkeit. Herr Baum vom„Genna" schickte Piccolo Max mit herzlichen Empfehlungen und einein silbernen Becher für das Kleine, der Kandidat Schäfer ist nie mehr betrunken und kommt nachts sanft in sei» Zimmer wie ein Kater, und was deit unwirschen Doktor angeht, der in der verhängnißvollen Nacht zu spät kam, so entwickelt derselbe Dir gegenüber eine Pflichttreue, die an ihm beispiellos ist. Er kommt früh und abeuds und erklärt, Richardcheu sei das gesundeste und med- lichste Kind seiner Praxis, Tu aber ein Musterbeispiel an Engelsgeduld, und keine Dame benehme sich unter gleichen Umständen so tadellos ruhig und vernünftig und verspreche mithin so bald zu gesunden. Und dann gar Richard? Man muß ja glücklich und fröhlich werden, wenn man ihn nur ansieht! Er hat den ganzen lieben Tag nichts zu thun, aber er hat große Pläne. Soll er etwa ans der Bärenhaut liegen? „Nein, mein süßes Klärcheu, jetzt werden wir zeigen, daß uns das Glück nicht zum Müßiggänger macht.' Für vierhnndertfünfzig Mille ist das„Genua" zu kaufen, für eintausenddreihnndertsiebzig Mille der„Hof von Preußen". Man wagt es nicht auszudenken, daß der„Hof von Preußen" je einmal von der Porticrsloge bis zum krönenden Adler ans dem Dach einem Manne gehören könnte, der Richard Kreiser heißt! Aber viermal heute wäre» des„Hofes" Ab- gesandte bereits anwesend, und wenn Papa Kreiser in Plötzen- see zustimmt, wird der„Hof" mit seinen vierhundert Betten, zahllosen Hausmädchen, Kettnern, Hausknechten, sechs Eqni- pagen, zwölf Pferden und Zubehör wahrscheinlich Herrn Richard als Chef und Eigenthümer erhalten. Er kommt nie nach Hause ohne Packet, oft mit einem Dienstmann im Gefolge. Der kleine Richard mit seinen zwölf Lebenstage» hat bereits ein Schaukelpferd erhalten und von Onkel Albert eine Trompete, auf der man richtige Stücke blaseil kann. In der Küche steht ein junges Mädchen, das Koteletts röstet und Täubchen bratet, und eine eigens eugagirte Frau fungirt als Krankenpflegerin, ivird aber Hassent- lich nächster Tage überflüssig. Was Frau Ohnesorge betrifft, so hat sie gestern annoucirt, daß die Einrichtung von vier Zimmern, passend für Ver- mielheriunen, billig zu verkaufen sei. Sie hat Herrn Schäfer und den drei andereil Studenten gekündigt und ivird in Klara's Haushalt als robuste Leiterin fungiren. Ihr Magen ist durch die Torten und Leckerbissen dieser Tage für Wochen hinanS ruinirt, sie schont ihn indessen immer noch nicht. Wer aber beschreibt die rührende Scene, als mm die Thür aufging und die Geheimräthin ihre gute Herzensklara in die Arme schloß! Vor der Wiege des Enkelchens überkam die wackere Damc die erste aufrichtig warme Empfindung, und als dann Richard eintrat— wenn irgend möglich noch kostbarer gekleidet als sonst— und ihr die Hand gab und sie umarmen durfte, nein nnlßte, da war denn des Glückes Höhepimkt beinahe erklommen. Auch dieser Richard war im Grunde genommen ein Einfaltspinsel— wenigstens insofern mai» das Recht hat, allzu ltmüthige und versöhnliche Leute so zu nennen— und wenn u, lieber Leser, oder ich an seiner Stelle gewesen wären, hätten wir vielleicht der Geheimräthm keinen Portwein ein- geschänkt»nd keine Torte gereicht. Schließlich war! aber die Schwiegcrmama doch auch der Schlüssel zum Paradiese der vornehmen Verwandtschaft, die den fünf Millionen vielleicht ein freundliches Entgegeutoniulen zeigen würde. Nach einiger Zeit versuchte man der„Mama" deutlich zu machen, daß Klara dringend der Ruhe bedürfe und noch geschont werden müsse, allzulange Besuche also nicht vertrage, aber schon waren der Geheimräthin schwach gewordene Kräfte neu im Wachsen begriffen, und sie erklärte kategorisch, von ihrer Tochter nicht fort zu gehen. War hier etwa nicht ihr Platz? Der Mutter Platz? Höchst mißfällig äußerte sie sich über die Ohnesorge, die ihr als„Schleicherin" vorkomme. Klara erwiderte schüchtern, daß sie dieser Frau zu großem Danke verpflichtet sei, und Richard bestätigte das. „Wenn niein Rath maßgebend sein soll entgegnete daraus die Geheimräthin,„so belohne, lieber Richard, diese Frau in entsprechender Weise und schneide damit alle weiteren Forderungen ab. Dergleichen Leute sind nachher wie Kletten, und ich wette, diese Person beabsichtigt mit Euch zu gehen." Richard und Klara waren über diese» Scharfblick der Mama erstaunt und bestätigten etwas ängstlich, daß Frau Ohnesorge den neuen Hanshalt leite» solle. das dachte ich mir", sagte die Geheimräthi»,„und wenn rch es nicht gedacht hätte, würde ich es sehr bald bemerkt haben. Euren Haushalt, mein Herzensklärchen, wird Mama führen. Wir werden, falls Dein guter Maun einverstanden ist, ein Haus machen:'Bälle, Diners zc. Nun wollen wir über diese Frau nicht mehr sprechen, denn das würde Dich nur aufregen, Herzchen." (Fortsetzung folgt) SonttkctgsplKuvevei. Die Karrikaturen-Zcichner haben sicherlich für die Volksthüinlich- keit des Herrn v. Miquel manches gethaiu Unzweifelhaft ist Miguel gegenwärtig der meistgenannte Minister: der Mann, an dessen Gestalt sich ganz bestinunte Vorstellungen knüpfen.(Diese Vorstellungen müssen ja nicht gerade Inst-eriveckend sein.) Miquel's äußere Erscheinung ist allerdings für den Zeichner dankbar. Die Ohrmuschel» treten charakteristisch hervor, als horchlen sie sorgsam aus alles, was draußen vorgeht; schlau blickt und blinzelt das Auge, und»,» die Mundpartie spielt gar ein Lächeln, das in seiner Weise eine Art von Uederlegenhcit ausdrückt. Es ist nicht die Ueberlegenhcit des weisen, es ist die Ueberlegenheit des klugen Alten, des Geschäflskundigen, der zu sagen scheint: Ich bin kein junger Hase, so leicht bin ich nicht zn hasche». Das ist der Man», der so heidenmäßig viel Geld in den Staats- säckel zu locken verstand; das ist der Mann an der Spritze, der Mann der Steuern, von dem unsere Konpletsänger so Wehmüthiges zu singen verstehen. Siebzig Jahre wird nun Miquel alt. Das ist ein Lebensalter. das manchen Menschen rauh und nnwirsch macht. Tie Jahre haben bei Miquel anders gewirkt. Ihn haben sie geglättet. Er wurde geschmeidiger und immer geschmeidiger; und er gleicht den Ringkänipfern vergangener Tage, die ihre nackte» Leiber tüchtig mit Oel einsalbte», ehe sie in de» Kamps gingen. Nach der Entwickelung, die Herr v. Miquel genommen, kann man sich heute kaum eine Anschauung davon machen, ob derselbe Mann wirklich vor einem halbe» Jahrhundert revolutionäre Feuer spielen ließ. Daß in einem halben Jahrhundert in vieler Mensche» Leben innere Umwälzungen vor sich gehe», ist begreiflich. Es ist vorgekommen, daß ans gierig vorwärts stürmenden Geistern ebenso heiß- begehrliche Reaktionäre geworden sind. Aber darin lag eine große psychologische Folgerichtigkeit. Ungeduld, Enttäuschung, Mißmnth bringe» temperamentvolle Leute dahin, daß sie die Ideale zertrümmern, zu denen sie zuerst emporgeschaut halte». Wohin hat sich ober die anfbraufende Schwärmerei Miquel's ver- fliichtigt? Wohin ist die schöne Unvorsichtigkeit geflohen, die dem jugendlichen Miquel eigen war, als er, wie ein Schwarmgeist ans den Bauernkriege», unsere Landleute revolntionireii wollte? Kann eine behend anschmiegsame Seele, wie die Miquel's, unter gewisse» Zeitbedingungcn und in der Jugendblüthe so sehr von dem Feuergeist, der durch die Lande geht, ergriffen werden. daß man meint: ihr Athem glühe in ewter Gluth? Bei Herrn v. Miquel scheint es beinahe so, und er, der einst so ungeberdig an Karl Marx schrieb, hat alle Ungeberdigkeit zum Schluß so weit von sich gewiesen, daß selbst die Bauernbündler, als sie im Hirkus Busch zum ersten Male austraten und ihr lrntzigsles Spiel spielten, gegen Herrn v. Miquel wenigstens nicht aufbegehrten. Dem lächelnden Minister lächelten sie insgeheim zu. Dem Schmiegsamen gegenüber wurden auch sie schmiegsam, so sehr sie auch sonst bemüht waren, in schwere» Wasserstiefeln anszutreten und damit tüchtig und laut auf dem Erd- boden herumzuklappen,. Gegen die komplizirte Miqnel'sche Natur ist der Ministertypns v. d. Necke's einfach zu fasse». Der Minister hat sich über die Preffe sehr erbost. Fast müßte man meinen, sie hat diese Ehre nicht ver- dient. Wer ihr so viel Macht zutraut, wie der Zorn des Herrn v. d. Recke, der muß ihr auch mehr freie Selbständigkeit zutrauen, alS sie in Wirklichkeit besitzt. Und wie gemäßigt, um nicht zn sagen gebändigt, muß sich diese Presse ausgedrückt haben. wenn sie frei von Verfolgungen geblieben ist. Im Fall Fischer wurde nicht einmal der verantwortliche Redakteur der.Staats- bürger-Zeitung" vor Gericht geladen, sondern Herr Fischer selber. Die Presse hat wirklich überraschende Erfahrungen genug geniacht; und wer die Verhältnisse in unseren Zeitungen kennt, der weiß, mit tvelcher Kraftanstrengnng der Redakteur manchmal die Regung seines Temperaments benieistern und niederzwingen muß. Denn um ein Tipfelchen könnte«ine Nachricht irrthüinlich sein, und er verfiele der Behandlung eines armen Sünders. In gedämpfte» Tönen gab die Presse Aeußerunge» aus der Bevölkerung wieder; sie enthielt sich zum Schluß beinahe jedes bitteren Raisonnements, das auch durch die Macht der Ereignisse nicht nothwendig wurde. Freilich, wenn man Sittenbegrisse einführen möchte, wie sie in de» mannigfachen Keuschheits- Kommissionen vergangener Jahrhunderte herrlich sich offenbarten, dann kann man am Ende jede freiere Regung als Frechheit verdammen. ES ist doch heute keine Frage mehr: Die Kerichtschronik der aroßstädtischen Presse giebt in großen, groben Zügen immer ein Bild dessen, was sich je zuweilen als sozialer Mißstand erwiesen hat. Sogar flüchtigere, kleinere Beunruhigungen führen zu einer bc- sonderen Gerichlsrubrik. Als in München das Auftreten des Sergeanten Zech im Bierhaus von Pschorr seinerzeit Aus- sehen machle. hänftei» sich gewisse Ehrenbeleidigungsklagen, die ans Hänseleien, ans Vergleichen mit Zech und seinem Verfahren hervorgegangen waren. In Wien giebt es eine besondere Gerichtsrubrik, die in Berlin beispielsweise unmöglich wäre. Es handelt sich um das verrostete Zahlkellnersystem. Die Kasstrerin, oft die Frau oder eine Verwandte des Gastwirths, schreibt auf, d. h. sie macht für den Zahlkellner, den sie überwacht, die Rechnung — das«infach-praktische Zahlinarkcn-System ist noch nicht eingesührl. Dadurch koinmt es zu MibheUigkeiten. der Kellner glaubt sich oft übervortheilt, er wird auch nicht selten übervorlheilt; und aus diesen »»klaren Beziehungen entsteht der immer wiederkehrende Prozeß des Kellners wider den Wirlh. Bis in solche Einzelheiten hinein läßt sich in der Gerichtschroni! verfolgen, wo irgend in einer Stadt sich eine Reform»öthig macht, sei es die Aufhebung irgend eines Schlendrians, sei es die Beseitigung irgend eines allgemein-öffentlichen und wirthschastlichen Nolhstandes. So hat London, so Paris, so New-Dork seine besonderen Gerichlsrubrike». Soll bei uns die häufige Wiederkehr der Gerichts- Prozesse, die Wachtstubcn- Abenteuer und Siftiruugen behandeln, ein reiner Zufall oder eine nichtsnutzige Bosheit unserer Presse sein? Es wäre doch seltsam, das jemandem einreden zu wollen. Wenn bei uns der Schutz der persönlichen Sicherheit so stark ist. wie die erzürnte Exzellenz versichert, warum erzählt denn nur die preußische Großstadlpresse in ihrer arg beengten„Freiheit" von so merkwürdige» Mißgriffen!? Ja, wenn anders wo einmal etwas Aehntiches pasfirt, so ist selbst der To» der Gerichtsverhand- lung ein anderer, als bei uns; selbst die Sprache des öffentlichen Anklägers wird eine andere. In Wie» war dieser Tage ein Schutzmann Leopold Hagenbichl Held solcher Gerichtsverhandlung. Angeklagt war ein Wiener Bürgermädchcn, das in Empörung über die Art, wie der Schutz» mann bei der Sistirung ihres allen Vaters vorging, diesen Schutz- manu thätlich angriff. Der Vater war angeheitert und ei» wenig laut, der Schntzinann packle ihn an. der Gurgel und wollte ihn so zum Revier bringen, so daß die Tochter über diese Behandlung ihres asthmatischen Vaters in hochgradige Aufregung gerieth. Wer»un den Wiener Zeitungsbericht darüber las, dem mußte es ausfallen, wie erstaunt die Gerichtsbehörde selber über ein Vor- kommniß war. gegen das die Fälle Kiefer oder Fischer doch schwerer ins Gcivicht fallen. Das Bürgermädchen wurde allerdings zu einer kleinen Geldstrafe vernrtheilt, sie Halle nun einmal mit ihre». Rege»- schirm nach dem Schutzmann geschlagen, aber wie scharf wurde von»- Richter ihre menschliche Erregung betont und wie offen wurde das Vorgehen des Schutzmanns Hagenbichl beurtheilt. Nirgends das Bemühen, aus mißverstandenem Autoritätsglauben die Autorität zu decke». ES soll hier nicht etiva ein Schntznmnnskorps mit dem andern verglichen werden, es soll nur an einem bestimmten Beispiel dar- gethan werden, wie in zwei Städten gewisse Uebergriffe anders an- gesehe» werden. Sollte unsere Presse sensationslüsterner sein. als die Wiener Press« es ist? Ein oberflächlicher Kenner der Verhältnisse wird das bestreiten. Uebrigens widerspricht die oftmalige und eingehende Be» schäftigung mit einem speziellen Gebiet dem Prinzip der Sensations- presse, die genau, wie unser Spezialitäten- Theater. raschen Wechsel der Bilder, immerwährenden Kitzel der Neugier verlangt. Das Scnsationsbedürfniß verleilet die Preffe gewiß nicht, polizeiliche Mißgriffe, die einen unisorme» Zug tragen, in häufiger Wiederkehr zu beHandel». Nicht die Zeitung überträgt die Erregung iiis Publikum; sie ist nur ihr Widerhall. Daß sich das Publikum nicht so leicht beruhigt und ganz gewiß nicht auf Kommando des Ministers v. d. Recke oder in den Anschauungen des Regierungs- Kommissars Liudig sich zufrieden geben wird, beweift nur. daß es ivirklich kein leichtes Unbehagen empfindet. Immer wieder stößt die Zunge an den Zahn, der schmerzt, lautet ein»ialienisches Sprichwort. Es war stets gut zu allen Dingen, sich fleißig umzusehen und heimische Erscheinungeu mit fremde» zu vergleichen. Die Uebel anderswo, wer wird sie leugne» wollen? Nur mit dem genügsamen: Bei uns ist alles am besten, nur»nsere Presse ist am gemeinsten, kommt man nicht weit. Bei Slraßenpulschen, bei Studenten- krawalle» ist z. B. das Auftreten der italienischen Polizeimannschafl gewiß nicht rühmlich bekannt. Es wirkt offenbar noch die Ueber- lieferung aus der Zeit der Sbirrenwirthschaft und der Verschwörer- Unruhen im ungeeinlen Italien nach. Dagegen komme» Mißgriffe solcher Art. wie in Berlin, ungleich seltener vor. Für all diese Er« scheinungen niuß es doch einen Grund geben; und nach der Wurzel des Uebels in so sachlich-ruhigen Formen nachspüren, daß nicht«m- mal im Zeichen unserer Preßfreiheit daraus Prebprozesse entstehen. das ist»un einmal öffentliche Pflicht, wenn's auch Herrn v d. Recke in seinem Behagen stört,— Alpha. Vleines �eurllekon •o* Winter im Park. Durch die blattlosen Aefte de? chwarzen Bäume zieht der helle Nebel eines sonnenlosen Winter- tages. Zn beiden Seiten des Weges reckt sich daS Gewirr der dunklen Stämme aus der erstarrten, schneeüberdeckten Erde, alles ist öde, mit grauem Schimmer umkleidet, leblos. Nur weit hinten, am Ende des geraden Weges, der auf«ine düstere Siraße mit hoben Gebäuden mündet, zieht der ferne Trubel der rastlose» Stadl vorüber. Rauchiger Dunst lagert über den starre» Mauern. Er scheint die Dächer mit seiner Schwere niederdrücken zu wolle». Un- abläsflg wächst er und drängt gegen den Winterhinnnel, an dem ei» kleiner, bleicher Fleck die Sonne kündet. Rischt— rischt! fährt der Besen einer alten Frau regelmäßig über den Weg. Ihr verarbeitetes Gesicht, das von allen Tüchern dicht umhüllt ist, blickt in einem fort vor sich nieder ans den Strauch- des«», wie er hin und her fährt, während ihre Füße nach jedem Bcsenstrich ein wenig vorwärts rutschen. Der Schnee ivirbclt zur Seite, und die blosgelegle graubraune Erde scheint zu erschauern vorder Kälte. Ein einzelner Mann geht hastig an der Frau vorüber. Sie blickt einen Augenblick auf. Dann fährt ihr Besen gleichmäßig weiter. Gedämpfte Fußtritte und dumpfes Rolle» lasten sie erst wieder innehalten in ihrer Arbeit. Eine Equipage kommt langsam angefahren. Die Pferde stoßen heftig ihren dampfende» Zlthem aus. Der Kutscher sitzt steif auf dem Bock, als wenn er gefühllos gegen die Kälte wäre. Hinter ihm sitze» eine alte Dame und mehrere Kinder in Pelze vermummrlt. Ihre Gesichter sind frisch und roth. D>cht neben der Equipage quält sich ein Echlosserlehrling in knapper, dünner Jacke mit einem schwer beladcnen Handwagen. Der Schweiß läuft ihm über die erhitzten Backen. Die Frau sieht schon wieder stumpf vor sich hin. Ihr Besen fährt regelmäßig über den Weg. Der Schnee wirbelt, eine Spatzen» leiche fällt dumpf ans die Erde.— Rischt— rifcht-- * Musik. —er—. Konzerte. Mit einem sehr dilettantischen Wohl- wolle» kann man die junge amerikanische Sängerin Rose E t t i n g e r als Phänomen preisen. Ihr gehaltloser sopra» erstreckt sich wohl bis an die äußersten Grenze» der dreigestrichenen Region, aber ohne Fülle, ohne Individualität, ohne Seele. Sie führt allerlei kleine Fioritnren mit automatenhaster Sicherheit aus, und mißglückt ihr manches, so versagte eben der Mechanismus. Ter mitwirkende sehr junge spanische Violinist Iva» Man« n besitzt schon heute die Tonflüßigkeit, die ziselirte Technik und die kokette Manirirlheit seines landSmännifchen Lehrers Sarasate. Ein„spanisches Konzert" eigener Arbeit brachte allerlei national« malerischen Klingklang und kleine Motive, ivelche weniger melodisch hervorragen, als durch ihre harmonische Verdogenheit interestant klingen. Jedenfalls will der Autor i» Maus» heute mehr sagen, als ihm seine Jugend erlaubt.— Die Biolinvorlräge der Frau Anna von Pilgrim boten wenig Garantie, daß bei deren Spiel mehr als«in sicheres Handgelenk betheiligt sei. Bach, Swendsen, Ries u. a., sie waren gewiß mit pflichtschuldigem Ernste herausgebracht, aber von« Geist der verschiedenen Musiker war nichts zu spüren; und wir wollen doch in der Kunst lieber solide geärgert. als mit physiognomieloser Solidität gelangweilt iverde». Der Bariton des mitwirkende» Herrn F e ß l e r lebt nur noch von Erinnerungen an eine vielleicht„köstliche Zeit". Seine Bortragsmouotonie verschärfte noch de» fast Mitleids- bedürftigen Eindruck seiner Stimnibrüchigkeit.— Mit der Lebendigkeit eines reife» technischen Könnens interpretirte Fräulein v o n U» s ch u l d die Liszl'sche„Ungarische Phantasie". blieb jedoch Beelhoven's Ll-ckur-Konzert das schuldig, ivas de» herrlichen Werth seines Inhalts ausmacht: Die Macht seiner poetischen Weihe. Da hatte ihr Feuer und ihre pianistische Zu- versieht eine gewiss« thealeralische Gemachtheil. welche gerade diesem ans Heiterkeit und Grazie bestehenden Toniverke ferne bleiben sollte.— Eine handiverksmaßige Mittelmäßigkeit weit überragende Künstlerschaft offenbarte der Wiener Violoncellist Wilhelm I e r a l, der mit großem und schönem Ton«inen von Gefühl und Bildung belebten Vortrag verbindet. Von der verschwommenen Empfindsamkeit und dem süßlichen Tonvibrando. welche bei Cellisten meist den dürstigen Ersatz einer ausrichtigen musikalische» Ueberzeugung bilden, machte «r wohlthnend bescheidensten Gebrauch und ließ so Kompositionen von Bach, Boccheriui, Pogger u. f. w. auf der Basis eines wahren Talentes in geistiger, gemüthlicher und tech- nischer Beziehung zu trefflicher Wirkung gelangen.— Die Pianistin. Lina Multerer muß vor allem Studien in der künstlerischen BescheidenheU machen. um ihrer physischen Kraft und ihrer oberflächlichen Technik nicht«in Programm angemessen zn halten, das Chopin's as dur- Polonaise, Liszl'S„Don Juan Phantasie" und Beelhoven's„Appassionala" enthält. Es giebt eine musikalische Logik und gesetzmäßige Rhythmik, für welche auch das Dokunienliren eines begeisterten WollenS nicht entschädigen kann, und Fräulein Multerer gefiel sich nur allzusehr in unmöglichen Phrasirungen und unverständliche» Tempo-Willkürtichkeiten. Der Ein- blick in die geheime Gedankenwerkftatt der genannten Tondichter ist ihr heute versagt. Die mit ihr konzertirende Mezzosopranistin A st a Caspa ri ließ ein weiches, innig timbrirtes Organ höre», welches noch verläßlicher Schulung bedarf, um die intelligenten Vortrags- intenlionen ohne Härte und dilettantische Gewaltsamkeiten zur Ausführung zu bringen. Die gleiche Rothwendigkeit, der Gesangtechnik leidenschaftlichen Fleiß zu widmen, bewiese» auch die Darbietungen deS Fräulein Maria S p e i d e b, deren Stimmmittel und Ehrgeiz wohl nach der Bühne streben. Sie sang Schubert und Brahms wohl mit sorgsältigem Feinsiune, aber auch mit dem Tremolando, welches sich gewöhnlich als verdächtiges Zu- geständuiß an den Theaterraum ergiebt. In der Intimität eineS kleineu Konzertsaales kann mau sich nur sehr schwer mit einer flackernde» Tongebung und mit Jntonationsschwankungen aus- söhnen.— Kunst. — Auf die Ausstellung des Verein? der Künstlerinnen wird in den Räumen der Akademie Unter den Linden«ine„Schwarz- Weiß- Ausstellung des Verbandes deutscher Illustratoren" folgen. Der Verband ist im vorigen Jahre gegründet und tritt zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit. In einer historischen Abtheilung soll der Entwickelungsgaug der deutschen Illustration von Chodowieckr bis zur Gegenwart vorgeführt werden. Von den Illustratoren, die gegenwärtig fchaffen, werden alle Bekannteren vertreten sein.— Kunstgewerbe» —dl. Im Schaufenster der Berliner Niederlage der s ä ch s i« schen Porzellan- Manufaktur zu Meißen(Leipziger- straße 39) sind gegenwärtig Versuche einer neuen Behandlung des Porzellans ausgestellt, die äußerst interessant sind. Die Meißener Anstalt bringt durch sie die seit mehr als einem Jahrzehnt gehenden Bemühungen, eine für moderne Ansprüche genügende Technik in der Porzellan- Bearbeitung zu erhallen, um ein gutes Stück weiter. Die Vervollkommnung der Farbe wurde in diesen Versuchen fast ausschließlich angestrebt. Es zeigt sich auch hierin, wie in der Keramik und Glasindustrie die Errungen- fchaft der modernen Malerei, die Ausbildung eines seine» Farbengesühls, unmittelbar für das Kunstgewerbe nutzbar ivird. Bisher konnte man eine reichere Farbe beim Porzellan nur durch Ausmalung über der Glasur er- zielen. Wenn man auch zu dieser Art des Schmuckes alle vorhandenen Farben verwenden konnte, so blieb er doch inuner nur eine äußerliche Znlhat. Die erste Bedingung eines gesunden Kunst- gewcrbes aber ist, daß die Schiunckforme» in einer inneren Be- ziehung zn den Bedingungen des Materials und der Technik stehen. Erst jetzt wird man diesen Anforderungen gerecht. Die auSgestelllen Stück« sind in Scharffenertechnik bearbeitet. Die Farben sind»ach dem erste» Brande aufgetragen; erst dann ist das Ganze mit der durchfichtigen Glasur überzogen und im Scharsfeuer von 1600 Gr. C. gebrannt. Der Fortschritt besteht nnu darin, daß man an stelle der eine» blauen Farbe(Kobaltoxyd) und der Goldfarbe, die nian früher allein verwenden konnte, weil alle anderen sich im Scharffeuer nicht dielten, mit Hilfe der Chemiker eine ganze Reihe von Farben, ver- schiebene Töne von grün, gelb und braunroth, verwenden gelernt hat. Ebenso ist man in der Massemalerei weiter gekommen. Bei dieser trägt man weiße»- d erst neuerdings auch farbige Porzellaumasse zu flachreliefarU er Wirkung unter der Glasur auf. Diese beiden Mittel, Unterglasnr-»nd Massemalerei hat man in Meißen mit außerordentlicher Meisterschaft behandeln gelernt. Es sind mit ihnen ganze, nur leicht stilisirle Landschaften auf Basen und Teller gemalt. Wiese», ans denen Jüng- linge und Jungfrauen einen Reigen tanzen, einsame Haiden und ähnliche Motive; ans einer Vase ist ein Strauch mit Magnolien- blülhen dargestellt, zwischen denen ein Mädchen hervorsieht. Technisch sind es geiviß kleine Wunderwerke. Es scheint aber nicht, daß diese großen Mittel die rechte künstlerische Verwendung gefunden habe». Nehme» wir selbst an, daß es gelange, den etwas grauen Ton. den die Farben jetzt noch unter der Glasur haben, aufzuhellen und eine lebendigere Wirkung zu erziele», so würde immer eine grobe Slllwidrigkeit bestehen bleibe». Zunächst schon läßt eine so geschmückte Vase ein ruhiges Genießen garnichl zn, weil sie von keiner Stelle aus ein geschlossenes Bild gewährt. Bei der Vase z. B., aus der Tanzende dargestellt sind, sieht man oft ans der eine» Seile ein vorgeschwungenes Bein und auf der anderen eine» zurückgestreckten Arm, zu denen die Körper fehlen, weil sie hinter der Rundung liegen. Mau fühlt sich fortwährend versucht, um die Vase herum zu wander». Vor allen Dinge» ist aber eine solche Dekoration prinzipiell verfehlt. Ein Oruauient darf, seiner Bestimmnug zufolge, nur dazu dienen, die Formen elneS Gegen- standes hervorzuheben, zu steigern, sie reicher zu macheu, nie aber, sie erheblich zu stören. Hier erhält man im besten Fall eine Land- schaft, die in dem etwas sonderbaren Rahmen einer Vasen- form abgeschlossen ist. Sie giebt die Illusion einer weite» Ferne, durch die die Vase eigentlich hinweg gezaubert wird, während eS doch gerade darauf ankäme. ihre Körperhaftigkeit, ihre schöne Rundung herauszuarbeite». Ans diesem Grunde scheinen auch die Versuche, die Vase» mit stilisirten Blumen z» schmücke», glücklicher� indessen sind diese nicht besonders gut durchgeführt und verratheu»och große� Unklarheit in dem Suchen nach eigenartige», neuen Formen. Auch die Basensormen selbst sind zwar kräftig und gut; indessen würde gerade in ihrer Durchbildung»nd mannigfaltigeren Ausgestaltung eine fchöue Aus- gäbe der Meißener Porzellan-Manusaktur liegen.— Geschichtliches. — Zu unserer Notiz über..PreußischeDeportationen na ch C ibirien" schreibt nnS ein Leser: Heinrich von Bülow. der bekannt« Militärreform-Schriststeller vom Anfang deS Jahr- hunderls, früherer preußischer iiavallerielieutcnant und Bruder des späteren Generals fflfilot» von Dennewitz, wurde wegen feines BucheS über den Krieg von I80S auf Ersuchen des österreichischen und russischen Gesandten im August IS0S in Berlin verdaflet, nach der Katastrophe von Jena nach Colberg, von da nach Königsberg und schließlich nach Riga verbracht, woselbst er an Mißhandlungen, die ihm transportireude'Schntz.Kosaken zugefügt. im Juli 1807 starb. Man nahm früher an, Preuße» Hab« Bülow einfach an Rußland ausgeliefert. Freiherr v. d. Goltz macht nun in seinem Buche: Roßbach und Jena, 188», Seite 196, auf das Unwahrscheinliche dieser Annahme aufmerksam, vermuthet vielmehr, daß sich Bülow, dem preußisch- russischen Vertrage gemäß, wenn auch nicht als„grober Verbrecher", wozu man ihn kaum stempeln konnte, so doch als„incorriAibsI" aus ein preußisches Urlheil hin auf dem Wege nach Sibirien befunden habe.— Medizinisches. k. Typhus und Buttermilch. Bei einer Typhus-Epideinie, die im vorigen Jahr in Hamburg herrschte, wurde ein Theil der Erkrankungen auf den Genuß infizirter Buttermilch zurückgeführt. Im allgemeinen Krankenhaus zu Hamburg-Eppendorf ist man des- halb der Möglichkeit einer Uebertragung von Typhus durch Butter- milch experimentell näher getreten. Von vornherein erschien eine solche Uebertragung unwahrscheinlich, da man annehmen konnte, daß die in der Buttermilch zahlreich vorhandenen Säure bildenden Bakterien die Typhusbaktericn bald überwuchern und zerstören würden. Die bakteriologischen Untersuchungen von Dr. Fränkel und Dr. Kister in Hamburg haben der„Münch. Med." Woch." zufolge dies zwar bestätigt. Immerhin aber gelang es den Säure bildenden Bakterien in der Buttermilch, Typhusbakterien, die in die Buttermilch gebracht wurde», erst allmälig zu überwuchern, so daß die Zahl der Typhus- keime in den ersten Stunden langsam abnahm, und erst am dritten Tage keine Typhusbazillen mehr nachzuweisen waren. Da aber ge- wohnlich kaum zwei Tage zwischen dem Hineingelangen von Typhus- keimen und dem Genuß der Buttermilch vergehen werden, die Buttermilch vielmehr meist eher verbraucht werde» wird, so ist es wichtig bei Typhusepidemien, auch der Butlermilch als Jnfeklions« quelle Aufmerksamkeit zu schenkeu und beim Genuß dieses Nahrungs- mittels vorsichtig zu sein. Aus dem Thierreiche. — Vom Känguruh. Vor der Besitznahme Australiens durch die Engländer wimmelte dieser jüngste Welttheil von un- gezählten Millionen dieser eigenlhümlichcn Beutelthiere, von denen man gegen 39 verschiedene Arte» zählt, von dem großen rolhen Känguruh von Queensland, das in aufrechter Haltung seine 8 Fuß mißl, bis zu der nur etwa 3 Zoll hohen Känguruhratte von Viktoria. Das am meisten verbreitete eigentliche Känguruh mißt stehend gegen 6 Fuß. Heut« kommen m den von Europäern besiedelten Tdeilen Australiens Känguruhs kaum noch vor, und bei weitem die meisten Australier haben das Thier höchstens wie die Europäer nur in den Zoologischen Gärten kennen gelernt. In der ersten Zeit der Besiedelung war das Käu- guruh bei den Kolonisten sehr beliebt, einerseits ivegen seiner mit Harmlosigkeit und Friedsertigkeil verbundenen Possirlichkeit, anderer- seitS weil es ein den Wohlgeschmack von Reh und Rebhuhn ver- einigendes Fleisch lieferte. Mit der Ausbreitung der Schafzucht in Australien kam das Känguruh jedoch wegen seiner Gefräßigkeit in schlimmen Ruf und infolgedessen in Verfolgung. Ein Känguruh srißt so viel Gras wie fünf Schafe. Daher verlegte» sich die großen Heerdenbesitzer, die Squatters, auf die Ausrottung des Känguruhs, welche für ihre Weiden sich ebenso verderblich zeigten wie anderswo die Heuschrecke». Man errichtete ausgedehnte Einzäumlngen, in welche man die Känguruhs hineintrieb, um sie lheils zu erschießen, theils mit Knüppeln oder Eisenstangen zu erschlagen. Bei einem solchen Treiben wurden ost mehrere Tausende der Thier« gelödtet. Später, als die Zahl der Känguruhs bereits sehr gemindert>var. wurde» dieselben ein beliebter Gegenstand der Jagdlust. Heute kommen sie fast nur noch in den Einöden des Innern von Australien, und zwar auch da nur noch in kleineu Heelden, vor. Diesen aber ist nicht nur der Wohlgeschmack ihres Fleisches verderblich, sie werden jetzt auch ihres Felles wegen stark gejagt; Kängurnh-Leder wird nämlich jetzt i» der Buchbinderei und zu sonstigen feine» Lederarbeiten viel gebraucht, weshalb ei» einigermaßen großes Känguruhfell mit 1 Psund Sterling bezahlt wird.— Geologisches. — Bemerkenswerthe Beobachtungen von Seebeben, die von deutschen Schiffen in den verschiedensten Meeren betroffen wurden, werden soeben in den„Annaken der Hydrographie' von der See- warte veröffentlicht. Von den zwölf in den letzten l3/i Jahre» der Seewärts bekannt gewordenen Seebeben fallen sechs in das Jahr 1398, vier in 1896 und je eine in 1893 und 1897. Diese ost von verheerenden Wirkungen begleiteten Erschütterungen des Meeresgrundes treten offenbar viel häufiger auf als man ge- rvöhnlich annimmt. Namentlich sind es die durch die Seebeben verursachten mächtigen hohen Flulhwelle», deren rasche Aus- breitung über die weitesten Meeresstrecken an den Küsten dann entsetzlichen Schaden anrichten. Eine solche oder bester drei Fluthwellen beobachtete das Schiff„Pionier" am 23. Mai 1397 i» der Gegend der Inseln St. Helena und Ascension, wo jene hohe» Flulhen von Südwesten herangerollt kamen. Es ist dies wohl die erste auf hoher See beobachtete Flulhwelle. Die Erscheinungen der Seebeben an Bord der Schiffe zeigten eine bemerkenswerthe Uebereinstimmung. Die Schiff« erlitten durchweg einen mehrere Sekunden anhaltenden Ruck, als wen» sie über eine Untiefe oder über einen harten Gegenstand hinweg- liefen. Bei einem Seebeben am 29. Juli 1396 erlitt das deutsche Schiff„Palmyra" im Atlantischen Ozean ein Zittern deS ganzen Schiffes, während es bei einem zweiten, am folgenden Tage stattgefundenen Seebeben, noch von einer schüttelnden Be- wegnng ergriffen wurde. Ein anderes, am I. November 1393 vom Schiffe„Caesarea" beobachtetes Seebeben war von unterirdischem Donner begleitet. Eine zehn bis zwölf Sekunden anhaltende starke Erschütterung des ganzen SchiffeS verursachte eine am 19. April 1835 in der Nähe der Kap Verdischen Inseln aufgetretenes Seebeben dem deutschen Schiffe„Thalia". Auffällig normal verhielt sich bei solchen Ereignissen sowohl der Meeresspiegel als auch der Luftdruck. Der letztere betrug durchschnittlich 762 Millimeter und schwankt« bei den verschiedenen Seebeben nur um+ 7 Millimeter. Das Meer war auch bei den oben erwähnten Fluthwellen sonst ganz ruhig.— Humoristisches. — Der Pantoffel-Schütze.„... Geht Ihr Mann auf die Jagd, Frau Nachbari»?"—„O doch— alle Sonntag'! Nur hat er dieses Jahr keine theuere Jagd gepachtet, sondern er bleibt am Sonntag schön zu Haus' und hallet dort seine Jagd ab!.. Wissen S', wir haben so ein liebes Haserl aufgezogen; das ist schon ganz zahm, frißt seinen Kohl mit uns am Tisch und hüpft im Zimmer herum— nur am Sonntag, da geht's dem armen Tbierl schlecht. Da holt sich mein Mann den Pudel vom Hausmeister, setzt sich auf«in Hocker! mitten ins Zinnner und paßt ans unser Haserl.— So kost' ihm die Jagd nichts, er kriegt keine nassen Füß'. schießt keinen Treiber an und trinkt keinen Schnaps"..—„Aber, Frau Nachbarin, wenn er nun amal aus's Haserl schießet'...?!" �»Ja, schießen— schießen darf er net!"— — Die Zeiten ändern sich. Er(auf dem Heimweg vom Theater, zu seiner Frau):„Ist das aber eine elende Straßen- b e l e n ch t u n g!... Nun, was hast Du denn, Elise— warum weinst Du?"— Sie:„Mein Gott, ich denke eben daran, wie Du Dich noch vor einem halben Jahre ans demselben Wege über jede Laterne geärgert hast!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Durch eine unrichtige Handhabung der Koaks- Heizung ivnrde in der Kirche zu B r e i t e n h a g e n(Sachsen) eine ganze Gemeinde während des Gottesdienstes betäubt; nur der Geistliche konnte das Freie erreichen und noch rechtzeitig Hilfe herbeiholen.— — I» Hamburg ist in der Nacht zum Sonnabend e r w i g's S p r i t f a b r i k zum theil niedergebrannt. Ter «trieb ist nicht ganz gestört. Vermuthlich durch Flugfeuer ge- riethen gegen Morgen auch die Farbenfabrik von Bruckniann und die chemische Fabrik von Bieber in Brand.— — Einem Saalbesitzer in H o r k a wurde eine Verfügung des Kreisausschusses mitgetheilt, daß ihm die Abhaltung öffentlicher T a n z l u st d a r k e i l e n bis auf weiteres nicht ni e h r er- l a u b t werde, weil— wiederholt Baumfrevel vorgekommen seien.— — In Paulsdorf(Schlesien) wurde am Tonnerstag ein Arbeiter von seiner Frau mit einer Kohlen schippe erschlagen.— — Bei den» herrschenden niedrigen Zinsfuß ist es für Groß- kapitaliste» eine sehr günstige Kapitalsanlage, Weinberge zn lausen. Insbesondere hat Freiherr von Stumm»lanch vortheilhnsteu Weiugutskaus im Rheingau gemacht. Jetzt soll ein Theil der berühmtesten Berglagen in der Rauenthaler Gemarkung für Ll/2 Mill. an den Fürsten Fürstenberg übergehen.-- — In Eggenfelden(Bayern) verwundete ein Zinnner- polier i» betrunkenem Zustande seine Frau nach einem Streit mit dem Messer so schwer, daß sie bald daraus starb.— — Ein deutscher S p o r t S m a n hat im Ausland einen ivürdigen Sieg errungen: die Meisterschaft von Monte Carlo i m T a u b e n s ch i e ß e n! Er hatte bei 29 Tauben 25 Treffer und erhielt dafür 13 989 Frcs. und eine goldene Mevaille.— — In das Komploir des Berestowski-Bcrg werks (Rußland) brachen nachts beivaffnete Räuber ei», wurden aber von den Wächtern und Hausbewohnern zurückgetrieben. Der Direktor des Bergwerks wurde bei dem Kamps e r- schössen.— — In Palästina ist es schon den ganze» Winter hindurch außeraZdeutlich kalt. Mitte November gab es Eis, Ende Dezember- Schnee.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe« in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.