Hwterhaltmlgsblatt des Vorwärts Nr. 37. Dienstlig, de» 22. Februar. 1393. (Nachvrul! vtrbolen.) � Nllkagsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. DaS Projekt mit dem„Hof von Preußen" brachte sie erst in Staunen, dann in lebhafte Erregung. „Klara, mein lieber Richard", sagte sie,„ist zur Dame geboren und zur Dame erzogen. Die innige und alles be- siegende Liebe zu Dir hat sie veranlaßt, in Verhältnisse nieder- zusteigen, die. Du wirst das nicht bestreiten, nicht korrekt für sie paßten. Nun aber muß das anders iverden. Du, lieber Richard, wirst mit Deiner edlen Erscheinung und Deiner Kenntniß der französischen Sprache in den vornehmsten Kreisen, ich will nicht sagen, eine Rolle spielen, aber gern gesehen sein. Kinder, genießt Euer Leben. Es ist kurz. Ach, es ist sehr kurz." So wurde der„Hof von Preußen" ad acta gelegt. Abends kamen Aennchen und ihr Bräutigam, die beide der Eeheimräthin vorgestellt und als Theilhaber der Millionen- schätze von ihr hoch geehrt wurden. Da Klara uun wirklich der Ruhe bedurfte, saß man im Nebenzimnier und aß junge Schoten mit Rinderzunge. Nichts ahnend nahm auch Frau Ohnesorge an dem Essen theil, aber alles was sie sagte, wurde von der Geheimräthin so scharf widerlegt, daß sie ganz verdutzt stillschwieg. Leider. Denn andernfalls hätte die „Mama" ihr bündig erklären können, daß jetzt sie hier an Klara's Stelle das entscheidende Wort zu sprechen habe. Eine rechte Gemüthlichkeit wie an den letzten Abenden konnte nicht anfkonimen. und erst der fleißige Genuß des Port- weins erzengte in der Geheimräthin und damit auch in den anderen eine leidliche Stimmung. Um zehn kam Klaus, um sie abzuholen, aber sie erklärte, sie bleibe hier und kehre in ihre alte Wohnung überhaupt nicht mehr zurück. Ein unendlicher Segen, daß kein Bett für sie vorhanden war! Jedenfalls sei es aber die letzte Nacht, die sie fern von ihrer Tochter zubringe. Sie ging zu der schlafenden Klara hinein, küßte sie wach, küßte das Kind wach, duftete dabei stark nach Portwein, trank noch ein Abschiedsglas dieses für Zechgelage keineswegs be- rechneten Weines und kam so angeheitert und fidel nach Hanse, daß die Majorin, die natürlich noch wach war, jede Macht über sie verlor. Es war eine fürchterliche Rache, welche die Geheim- räthin an ihrer Peinigerin nahm. Sie hatte ihr ein Stück von der Füufzehnmarkorte mitgebracht, natürlich nicht um ihr eine Freude zu bereiten, sondern um der Majorin eine Ahnung von den lukullischen Genüssen zu geben, welche der Gehcimräthin nun täglich bevorstehen würden. Schweigend verzehrte die Majorin die Torte und hörte den ungeheuer- lichen Prahlereien zu: von einem Palast in der Thiergartenstraße, Ministem und Generalen, die zu Besuch dort kommen würden und so weiter. Schließlich aber machte sich der Port- wein allzustark geltend, und die Erzählerin brach mitten in der Rede ab, schluckte, murmelte etwas und schlief im Stuhle ei». Da nahm die Majorin die Lampe vom Tisch, steckte die Militärrangliste in ihre riesige Rocktasche, seufzte schwer ans und pilgerte hinüber in das Hinterstübchen. So endete ihr Namenstag. XXVIl. Endlich ist der Tag gekommen, an dem Papa Kreiser nach zwei Jahren Einsamkeit wieder ins Leben hinausspaziert oder richtiger: kutschiert. Eigentlich war es von Freund Albert nicht eben taktvoll und für Plötzensee sogar verletzend, daß er mit zwei silbcrgeschirrten Schimmeln vor dem Thore erschien und den Kutscher mit der Peitsche knallen ließ. Aber Papa Kreiser hatte daran seine helle Freude, und wenn ihm Koffer nachgetragen worden wären und sein Anzug dieser Fiktion entsprochen hätte, so würde ein Unbefangener vielleicht gedacht haben, es handle sich uui ein Hotel und einen begüterten Fremden, der auf Reisen gehe. „Wohin befehlen der gnädige Herr?" fragte der nette kleine Grooui, und Papa Kreiser wußte nicht recht, ob der feine jtlnge Mann zu ihm spreche. „Zunächst nach meiner Wohnung", sagte der Exagent, „und forsch gefahren!" Zur erstell Stärkung erhielt Papa Kreiser im Wagen Lachsbrötchen mit uraltem Kognak, aber Albert bat ihn, darin mäßig zu sein, da noch ganz extraordinäre Genüsse bevorständen. Ein semmelgelber Sommerpaletot und ein Pariser Cylindcrhnt veränderten bereits in der Kalesche des Papa's äußeren Menschen vortheilhaft, und alles und jedes hatte der Exagent so nett vorgesehen(Cigarren, Parfüm, eine Nagel» scheere, Schnupftabak, sHandschuhe ec.), daß dem Alten gleich recht gemüthlich wurde und er seinen famosen Schwiegersohn noch mehr ins Herz schloß. Waren es dreißig Minuten oder fünf, die man gebraucht hatte bis zur Bülowstraße? Jedenfalls waren sie vergangen wie ein Traum. Der Groom sprang wie eine Feder vom Bock und half Herrn Kreiser beim Aussteigen, die Schimmel-- ungarische Jucker, first class— ließen sich vom Papa streicheln, und Albert, der, wie der graue Mann im„Schlemihl", alles zur Hand hatte, nahm aus der Tasche Zucker und gab es f apa, um die braven Schimmel danlit zu belohnen. Herr reifer hatte schon vielerlei im Leben vollführt, jedenfalls aber noch niemals Pferde gefüttert, er stellte sich deshalb etwas un- geschickt an. Aber Leute, die Pferde besitzen, müssen denselben auch Zucker geben, das ist klar, und schließlich machte das dem Alten Vergnügen. „Das Handpferd," erklärte Albert,„heißt Hektar, das andere Molly, es sind Kapitalgänle. Was?" Er strich den Pferden an den Vorderbeinen entlang, wie das die Pferdehändler thum, um die Sehnen zu prüfen, und Molly mußte ihr Maul aufsperren und durch ihre Zähne dokumentiren, daß sie noch jung sei. Papa verstand natürlich von allem dem gar nichts, aber es machte ihm Riesenspaß, und von den ganzen Herrlichkeiten dieses Tages gefiel ihm schließlich nichts so sehr als seine beiden Schimmel. Franz, der Kutscher, saß währenddessen wie eine Statue auf dem Bock, und da er bereits bei Silberstein und Harry Krotoschin Kutscher gewesen war, konnte sein fachmännisch ge- bildeter Verstand sich über die Gäulebewunderuug und die falschen Urtheile nicht weiter ärgern. Nun betrat man das H aus und durch eine Flucht bild- schöner Zimmer wurde Papa in seines künftigen Schwieger- sohnes Schlafgemach geleitet. Albert bat ihn, sich hier umkleiden zu wollen, und zog sich respektvoll zurück. An seiner Stelle erschien ein schwarz- gekleideter Herr mit weißer Halsbinde, verneigte sich und äußerte die Absicht, Herrn Kreiser behilflich zu sein. Der wußte nicht recht, was der fremde Herr meinte, da er aber nach den Schimmeln und den sieben luxuriösen Zimmern sich über nichts mehr wundern konnte, fand er es ganz natürlich, daß der Fremde ihm die Stiefel auszog. In den nächsten zehn Minuten schob ihn der Herr bald rechts, bald links, hüllte ihn in Seifenschaum und Parfüms, knöpfte ihm Stiefel an und Wäschestücke der merkivurdigstcu 5konstruktion, schnitt ihm Bart und Haare bis zur Unkenntlichkeit, verneigte sich dankend und verschwand. Herr Kreiser trat vor den riesigen Spiegel am Fenster und traute seinen Augen nicht. Er war ein Mann geworden in Frack und Lackftiefeln, mit steifem englischem Halskragen und blitzenden Hemdknöpfen, ein Mann mit Manschetten, und einem vor dem Bauch baumelnden runden Glas. Den Zweck des letzteren verstand er nicht, denn die Monokles waren zur Zeit seiner Freiheit noch nicht recht Mode gewesen, unangenehm aber waren die Manschetten, da sie fort- während über die Hände fielen. Dagegen war aber wohl nichts zu machen. Nun erschien auch Albert, gleichfalls im Frack, that in höflicher Weise keineswegs verwundert, reichte Papa den semmelgelben Paletot und den Pariser Zylinder und bat ihn, mit zu kommen. Wieder trabten die Schimmel, und Albert erklärte, daß man jetzt zu Papa's neuer Wohnung am Kurfürstendamm fahre, ,vo die ganze Verwandtschaft zu einem kleinen Begrüßungs- diner versammelt sei. Der„Uralte" wurde noch einmal zur Stärkung heran- gezogen, und der arme Herr Kreiser, an die Tracht der Plötzen- seer Leute gewöhnt, erklärte angstvoll, daß er in dem Hals- kcagen zu ersticken drohe. «Das ist alles nur Gewohnheit," sagte sein Begleiter, aber dieser schwache Trost verhinderte nicht, daß Papa plötzlich anfing, ganz blau zu werden und um Gottes willen bat, den Kragen anfznschneideu. Es half nichts, man mußte umkehren, zu einem Wäsche- aeschäst fahren und hier einen unmodernen Kragen behaglicherer Konstruktion kaufe»._(Fortsetzung folgt.) Ans dem Czechischen des I a c u b A r b e s. Wald und Hain, Feld»nd Wiese, Hiigel und Plan glänzen im Golde der aufgevende» Sonne. Eine Lerche ist vorn eingestainpsten Kornfeld anigesloge», ein Specht hackt mit dein Schnabel in eine entwurzelte Pappel, dos Rothkedlchen hüpft ini zerzauste» Buschwerk hin und her, und ein weißer Schmetterling flattert von einer blul- befleckten Kornbluure auf eine blutbefleckte Distel und von der Distel auf den blutbefleckten Quendel... Und wodin das Auge reicht— wüst, todlenstill... Es war ein wunderschöner Sommermorgen erwacht; aber die lächelnde Sonne weckt ihre alten Bekannten nicht zur gewohnten Arbeit... Feld, Ait und Garten, Kirchlein, Hof und Hütte flnd»nenschen- leer, wüst wie nach dem Aussterben... Nur dort im Hohlweg ist eine Gruppe menschlicher Körper zu sehen... Hier liegt ein Tschako, da ein Gewehr, ein Säbel, ein Tornister, dort ein lodtes Pferd, und lveiter ei» Lafetten thcil. Unter dem Haufe» von Körperu kann man den Verhau unterscheiden, um den ein zäher, verzweifelter Kamps gefochten worden ist. Die einen liefen Siurm, die anderen verlheidigtcn den Verhau. Der Zusammenstoß war offenbar heftig,»ind ein paar Kononenschüsse grnppirten hier Leichen an cinein Ort. Die Jnlisonne, die sicl, über den Gesichtskreis hinaufgeschwungen hat, küßt, gerade in den Hohlweg scheinend. mit glühenden Lippen verschiedene Lachen geronnenen Blutes, das unter den Leichen den Abhang des Hohliveges entlang in mehreren Bächlein hervor- geflossen ist. Ein gräßliches Bild l Di« Natur erwacht zum Leben; in Wald und Hain läßt sich der Vogelgesang hören, auf Wiesen und Auen flattert der Schmetterling; leichte weißliche Wolken schwimmen am azurnen Himmelsgewölbe, und ein mäßiges Lüftchen lispelt in Sträuchern und Gras... nur der Mensch, von dem hier eine Blutspur geblieben, giebt bis jetzt kein Lebenszeichen von sich... Oberhalb des Hohliveges rauscht plötzlich der schwere Flug mehrerer Krähen. Eine von ihnen setzt sich ans das Kreuz einer Kapelle,»nd mit gedehnte»», einförmigen Gekrächze sagt sie ihr- Gegenwart a»; aber gleich darauf breitet sie ihr« Flügel aus und fliegt den übrige»»ach. Und als hätte ihr Gekrächze eine» Wiederhall erweckt— vom Leichenhanfen läßt sich ebenfalls ein gedehnter, unterdrückter,«införmiger Laut hören— ein menschliches Wehegeschrei... Eines von de» leichenfahlen Gesichtern, gerade gegen Hinniiel gewendet, thnt ei» ivenig die Augeil ans, aber gleich schließt es sie ivieder.... Nach einer Weile rührt sich das Hanpt und neigt sich seitwärts; eine Meiischenhaiid beinnht sich umsonst, indem sie sich schwer, plump aufgehoben hat, an das Gesicht zu reiche», sie sinkt abermals regungslos zurück... Nach einer Weile iviederholl sich diese Bewegung; das Haupt hebt sich und sinkt wieder, die matten, schwcrei, Augenlider thu» sich mehrmals «in wenig auf und wieder zu... Und abermals nach einer Weile zeigt sogar der Körper Kraft— er rührt sich und richtet sich lang- sam, angestrengt auf dem Leichenhaiifc» auf; aber gleich sinkt er wieder kraft- nnd haltlos zurück. Da läßt sich aus der Ferne ein dunipfer Kanoiienschuß höre»; i» kurzer Zeit folge» schnell hintereinander gedämpfte, dumpfe Massenkanoiienschüsse. Der Kainpf hat offenbar angefangen, aufs neue zu lobe»; aber er lobt iveil von dem cinsamc» Hohlweg, worin allem Anschein nach blos ei» geringes Scharmützel der Vorposten statt- gefunden hat; denn ivohin das'Auge reicht, nirgends ist eine Spur vom Kampfe, außer im Hohlweg und seiner niimillclbare» Um- gedung. Der Mann, der auf dem Leichenhanseit die Augen geöffnet, rührt sich nach einer Weile anss neue,»nd langsam kehrt Lebens- kraft in den mehrere Stunden hindurch scheintodle».Körper zurück. Nach langer Anstrengung biegt sich der Körper, der sich zur Hälfte ausgerichlel hat, seitivärts und lehnt sich an den kalten Körper eines todtcn Genossen. Es ist ein Mann von ungefähr dreißig Jahren. Sei» leichenfahles Gesicht ist zwar nicht hübsch, aber regelmäßig; das Haar geschmeidig, blond... Trotz der Todesblässe»»all sich in feinem Gesicht kindliche Gutuinthigkeit. Mehrere Minuten verharrt er regnngSlos mit zugebliiizelte» Augen. Dann ist er von neuem bestrebt, sich anfzurichten, aber umsonst.— Er muß in derselben schrecklichen Stellnng verharre» wie früher. Er thut die Auge» abermals auf und blickt umher. Es scheint, daß er»u» erst begreift, was geschehen ist. Sein trüber, gebrochener Blick irrt umher, als würde er elwas suche»... Sein Gehör scheint jedoch schärfer zu sein als das Gesicht und auch die übrigen Sinne. Der Verletzte hört offenbar das entfern le Kanoiienfener und die Massenschüsse und langsam kommt er voll- ständig zur Besiniiiing... Endlich gelingt es ihm dock', sich anfzurichlen und mühsam ei» paar Schritte von dein Leicheuhausen bis zu einem großen Stein zn kricchcn. Weiter ka»in er nicht. Er sinkt»eben dem Steine nieder und r»hr. an ihn gelehnt, ans... Er will sprechen; aber die Kehle ist ansgetrocknel, die Zunge bleibt am Gaumen klebe», und anstatt einer Stimine ertönt ein kaum hörbares Geflüster... Den ge« brochene» Blick heftet er in die Ferne, so weit von den» Hohlweg ans zn sehen ist; aber nirgends sieht er«ine Menschenseele. Er sängt n», seinen hoffnungslosen Zustand zu begreisen; er ahnt, daß alle Mühe liinsonst ist, daß er— untergehen muß... *« Die dumpfen Kanonenschüsse entfernen sich immer mehr. Der Kampf zieht sich weiter... Die Sonne steigt höher hinauf, und ihre Hitze ist schon fast unerträglich. Der Verletzte erwacht von iieiieii« ans dämmerhafter Ohnmacht... Diesmal richtet er sich jedoch auf und setzt sich. Er ist schwach, sehr schwach. Die Hoffnung auf mögliche Rettung kehrt zurück, aber nur aus tiuen Augenblick. Sein Geist weilt in dein Moinent anderswo— bei seine» Liebe», die er lange, lange schon nicht gesehen hat... Mühsam greift er in de» Busen und zieht ei» mit Blut bespritztes Papierstück hervor. Ein« Weile hält er es in der zitternden Hand, dann faltet er es auseinander, um es lesen zn können... Die Buchstabe» bewegen sich vor seine» Augen hin und her, der Soniienbraiid blendet ihn gleichsam... Di» Hand mit dem Briefe sinkt; aber nach einer Weile hebt sie sich von neuem, der Verletzte drückt de,» Brief an die blaßgewordenen Lippe», und ein seliges Lächeln überfliegt sein Gesicht. Er erinnerle sich a» die, die den Brief geschrieben hat. er erinnerte sich auch au de» Inhalt des Briefes, den er viel-, vielmal gelesen hat. Er kennt jede Zeile, zeden Buchstaben. Es ist der letzte Brief der steiiialteii Mutter... „Lieder Jeiiicck!" schrieb sie»hin.«Wir alle, ich und auch dein Schwesterchen, grüßen dich, und ich schreibe dir vielleicht zum letzten Male... Du wirst ja schon»n eine»» Monat ausgedient baben und wirst z» uns wieder zurückkebren... Wir sind vesorgl um dich. Man sagt da, daß es eine» Krieg geben werde— aber ich glaube nicht daran... Ich bin besorgt, du weißt— wir da i» den Bergen kennen de» Sachverhalt garnicht— und deshalb bete ich alle Tage, der liebe Gott möge dich erhallen... Kehre schon zurück, kehre zurück!... O lieber, theurer Jenieek! Dir weißt garnicht, wie ivir uns aus dich freuen... Nicht wahr. ans dem Kriege wird nichts? Unser Herr Pfarrer hat auch so elwas gesagt; aber er hat mir vielleicht nur Trost znsprecheu wollen..■. Uns ist da bange— Vit möchtest gar»icht glauben! Und Marouschek, die Tochter des Schmiedes. hat auch gesagt, daß sie sich freue, daß du kominen wirst— ich soll dir das schreiben... und wenn du zurückkommen wirst, sagt sie, werdet ihr niileinander tanzen. da es niemand so kann wie du... Kehre zurück, kehre zurück! Wir hade» dir schon alles vorbereitet... Das Slübchen, worin du zu liegen pflegtest, habe ich selbst ausgeweißt, und Annuschka hat Fußboden und Tisch und Bank nnsgeschcnert... Und ein neues Kopfliffe» habe ich dir angeschafft, daß du sanft. süß schlafest... Zürn« uns, mein liebes Seclchen, nicht mehr, daß ich dir ein so kurzes Schreiben schreibe— die Augen wollen mir nicht mehr dienen»nd die Hand zittert... aber doch schreibe ich selbst... In einem Monat also— in einem Monat...!" Ter Verletzte bat sich an de» Inhalt des ganz schlichten, aber sehr thenre» Briefes erinnert. Er iviederholt im Geiste Zeile für Zeile, Wörlchen für Wörtche». als würde er ihn lesen... und auss uene druckt er den blulbefleckien Brief an die Lippen... Die Kräfte verlassen ihn. Er sinkt auf den Rasen zurück, nnd der Todesschweiß bricht auf seiner Stirn hervor. Bewußt- imd kraftlos bleibt er in der Sominerhitzc liegen... Uiid so fanden ihn erst gegen Miltag die Militär- Todten» gräber ans ihrem tranrige» Gange durch das Schlachtfeld. Er lag rücklings mit dein gegen die Sonne gewendelen Gesichte, indem er i» der"krampfhast geballten Hand den für jeden anderen vollkoiiiinen werlblose» Brief hielt... Er war tobt...(„Wiener Arbeiter-Zeilniig.") Vleiues Isettilleko» — Kleine Leute. Da ist so ei» Jüngelchen von vier Jahren. Eines TageS mußt« inan ihn unter dem Pferde forizieheu, denn er lag ihm zivischcn den Füßen, um es so recht andächtig ans der Stühe zn bclrachien. Ein anderes Mal suchte man ihn stundenlang. End- lieh fand liian ihn. Und wo? In der Hundehütte, bei dem bissigen großen Thier».— Ich ging ans einem schwarzen Wege, auf dem die Schrille dröhnten wie auf einer eisernen Brücke. Dichte Hecken faßten ihn ein, bisweilen unterbrochen von kleinen Anwesen. Ans ein solches komme ich z». Von der andern Seile her naht ein hochgewachsener Bauer in weiter Hose nnd blanleinener Jacke, aus der linken Schuller die Sense, uin deren Stil in lässig spielerischer Anmulh Arm nnd Hand gleichfain gerankt sind. Da geht ihm das Weib, den Kleinen auf dem Arm. cnlgegen. Kurz vor dem Vater setzt sie das Kind zu Boden. Beide Arme streckt es ihm entgegen und kräht und kräht. Plnmps.k da liegt»3 vor lauter Eifer. Ter Vater lächelt, legt die Sense um ans die andere Schuller. Tan» biickt er sich und findet auch für sein Kind noch eine» sichere» Platz. — Es ist Soniiabeiid, jener doppelt angenehme Tag, einmal well er früher Feierabend'macht, und dann weil er das bringt, wofür man stch die ganze Woche gemüht hat. Da kommt ein Mann daher, lachend mit dem ganzen Gesicht. Und ist er nicht anch glücklich heute? Es sind die Abgesandten seines Heimes, seine beiden Mädchen, die sich jede eines seiner Arme bemächtigen. Die Aellcste hat ihm die Säge abgenommen und nun trägt sie diese selbst. Es ist, als wollte sie ihn stützen, ihm danken sür die Mühe, die er ihretwegen gehabt die ganze Woche. Aber dafür soll«r's nun anch gut haben heute und morgen den ganze» lieben Tag.— P. H. — Die Afghanen halten sich für Nachkommen der ver- l o r e n e n Stämme Israels. In der„Kalkutta Review" wird darauf anfnierksam gemacht, daß mancherlei die anscheinend seltsame Tradition unterstützt. Die gewöhnlichste» Namen der Afghanen sind hebräisch: Dnsns(Joseph), Iakub(Jakob) und Jshak(Isaak). Die modernen Afghanen nennen sich noch heutigen Tages Kinder Israels. Die jüdische Geschichte widerspricht der Tradition der A'ghanen nicht. Diese erzählt, daß die zehn verloren gegangenen Stämme nach Medien und Mesopotamien auswanderte» und sie anderthalb Jahre auf der Wanderung waren, bis sie i» ein Land kamen, Azarolb geheißen. Wenn Azaroth wirklich Afghanistan bedeutet, so erklärt sich mancherlei. Die Juden sollen nach der Sage auf dem Berg Takkt-i-Suleiman(Sitz Salomon's) längst ansässig gewesen sein, ehe der Mohaniinedanismus aufkam. Ein großer Theil der Afghanen soll seit undenklichen Zeiten den Name» UusufzaiS, d. h. Nachkommen Joseph's, d. h. der Stämme Ephraim und Manasie, führen. Viele uralte afghanische Sitten weise» zndeni ans israelltischeit Ursprung hin. So das Gebot, die Witlwe des verstorbene» Bruders zu heiralhcn und die Steinigung als Todesstrafe. Viele Inschriften in Afghanisinn lassen sich gar nicht anders erklären, als wenn man sie in daS Hebräische über- fetzt.- Theater. —er— Thalia-Theater. Glück und Heiterkeit, welche „Die kleinen L ä m n» er" vor zwei Jahre» dem Alexander- platz-Thealer gebracht, sind dem Vaudeville auch aus der Bühne des Herrn Haseniann lre» geblieben. Die halbschlnnnnernde Neugierde von Pcnsioiisnaiven, deren Herzen von süßen dunklen Zlhnungen er- füllt sino, wird in dem Texte des Herr» Armand Lioral ohne Ge- schinacksverstoß gegen eine fast reinlich pikante Heiterkeit zu vieler graziöser Komik euifaltet. Den ungewöhnlichen Neiz dieses Vandevilles bildet jedoch die Mnsik von Lonis Barney. Anmuthige Erfi»d»iig, welch« sich sofort in der Erinnerung des Ohres festsetzt, eine sein- charakteristische Jiislrumenlation. ivelche nicht glänze» ivill und doch unfehlbar die Silualionsstiinmungen trifft, eine geistvolle Tonsprache, die ihre Effekte nie mit Trivialitäten erreicht— die Summe dieser Vorzüge stellt die Partitur der„kleinen Läininer" dicht in die Nähe der klassiichen Oxera comiquo und beweist, daß das Genre der Operelte so lange nicht todt ist. als es sich durch verletzende Wider- wärtigkeile» z» den Forderungen und Ansprüche» wirklich kürist- lcrischcr Darstellung in nicht zu grellen Widerspruch stellt. Die Ansführnng erfreute durch eine abgerundete Sicherheit, welche nichts als»ebensächlich behandelte und das spezifische des Werkes rveder zu derb pointirt hervorhob, noch unklar fallen ließ. Die Damen Theren, Bender, Junker- Schatz. die Herren Ewald, Junkermann, Sommer und Hansen bildeten em tadelloses Ensemble. Die lebhafte und bis in kleine Züge fleißig ausgearbeitete Jnszenirung war ein Verdienst des deiilsche» Bearbeiters Bollen-Bäckers.— Zum wiederbelebten Vaudeville machte der Einakter„Endlich" von Otto G i r n d l die Einleitung. Ein Hochzeitspaar rvird von einem rachsüchtigen Verschmähten der Polizei des Städtchens, wo die Glücklichen zum ersten Male Absteige- quartier nehmen, als Selbstmordkanvidaten-Paar denunzirt. Kleine Ver- legenheilen und kleine komische Situationen ans der ehrwürdigen Zsll des Kotzebne'sche» Lustspieihnmors verfehlen auch da nicht ihre lustigen Wirkungen. Das bedrängte Paar spielten Frl. Berry und Herr Sachs mit liebenswürdiger Verzweiflung.— Kunstgewerbe. — D i e mechanische Vervielfältigung steht nun- mehr auch im Begriff, die K n» st b i l d n e r e i sich zu erober». In Breslau ist soeben die erste Werkstatt eingerichtet worden, i» welcher Erzeugnisse der Bildhauerkunst nach einem gegebenen Modell durch die Maschine in Holz, Stein oder Mciall mechanisch in beliebiger Anzahl vervielfältigt werden. Die erste der- artige V e r v i e l s ä l t i g n>i g s- Maschine ist von der Firma D. Wache u. Komp. in Betrieb gesetzt und stellt gleichzeitig sechs Kopien des betresieiiden Modells her. Die Maschine, die vom elektrischen Strom getrieben wird, besteht aus eine», komplizirten Rädersnstem, welches sechs Slahlbohrer mit je MX) Umdrehniigei' in der Sekunde in Bewegung fetzt. Diese sechs Bohrer sitze» verstellbar an einer polirten starken Stahlschiene, deren Milte ein feststehender„Führerstist" einninnnt. Diesen Stist führt ein Arbeiter Linie sür Linie an dem festgeschraubten Modell entlang und die sechs Bohrer führen an dem Rohmaterial, über dem sie eingestellt sind, genau die gleichen Bewegiiiigeii ans, im rasende» Umschwung alle Körpertheilchcn des Rohmaterials ivegiiehmend, welche über die von dem Führerstifl eingeschlagene Linie empor- stehe». Durch die«nornie Schnelligkeit der Bohreriiiildrehnngsn iverden die Kopien natürlich in iveitans kürzerer Zeit hergestellt, als durch Handarbeil möglich wäre, so daß die Maschine nicht ilnr ver- vielsülligt, sondern auch enorme Zeit spart. Dasselbe Modell kann natürlich beliebig oft zur Vervielfältigung benntzt iverden, da es durch die Führung des Eliites i» keiner Weise beschädigt ivird. Die Maschine kopirt mit derselben Treue und Exaktheit Reliefbilder jeder Art, wie ganze Fignre» und Sknlpluren jeder Größe und jeder Form.— Kulturhistorisches. — W i e nian früher die Fa st nacht feierte. J>n Jahre 1540 ließ der Rath zu Nürnberg ein Wägelein an- fertige», um während de» Fastnachtstagen die auf den Straßen liegenden Betrunkenen rvegznschaff«».„Dabei thnn aber die Herren gleichwohl sehr ehrbar und laffeu Gesetze und Ordnungen ergehe», daß man nicht so viel saufen und zutrinken, nicht zu viel Gäste laden und schwelgen soll. Was soll's helfen? wer häll's denn? Die Leute lache» darüber, und ist ihnen schier znm Gespött. Man hört sie sagen: Die Oberkeite» liegen selbs krank im Belt und wollen andere Iiiliren; ei des Wunders: fangen sie einmal zu voran mit sich selbs an." In D r e s d e n bezog„der Springer Adrian Rolhbein", der auf die Fastnacht hin die Edelknaben„im Springe» und Tanzen" unter» richten mußte, einen Jahrgehall von l(X) Thalern, im Jahre 1602 einmal ein Exlrageschenk von 1000 Gulden. Das waren außer- ordenllich hohe Summen, wen» lua» sie beispielsweise mit der sehr niederen Besoldung der Piofessore» an Gymnasien und Uuiversttäteu von anno dazumal vergleicht. Ein neuer Tanz fand mehr Liebbaber, als ein neu ausgehecktes philosophisches System, und die Stärke, die in den Beinen liegt, impouirte jüngere» Herren von Geblüt schon damals mehr, als jene des Kopfes. Fünf Engländer, welche bei der Tasel a»f spielen und„nnl ihrer Springkunst Ergötzlichkeit inachen" mußten, erhielte» in Dresden seit dem Jahre 1586 freien Tisch zn Hof, jährlich 500 Thaler Gehalt, 45 Thaler HauSzinS und ein Kleid. Im Jahre 1609 nahmen die Fastuachrsfestlichkeilen, welche zu Ehren mehrerer anwesendeu Fürsten und Fürstinnen an- gestellt wurden, volle 18 Tage in Anspruch; binnen sechs Tagen wurden nicht weniger als 43 Ringrennen abgehalten, drei Tage nacheinander auf dem Altniarkte eine Menge Hirsche, Rehe, Bären, Schweine, Füchse, Wölse und Dachse gehetzt. Der Maler Daniel Bretschneider mußte ans 66 Blättern i» Querfolio„alle Jnveutioneu und Auszüge" darstellen.— Völkerkunde. ä. g. Originelle Fastnachtsbräu che kennt»>aii noch heute in verschiedenen deutschen Landstrichen. In Westfalen heißt der Fastnachisdienstag„Zimberstng" und Mädchen, Burschen und Kinder gehe» zu seiner Feier„zimpern" oder„zamperu" d. h. sie ziehen, mit Birkenruthen beivaffnet, vo» Hof zn Hof und fordern unter Gesang und Rnihenhieben Geschenke ei», die ihnen auch in Gestalt von Fastnachtsknche», Wurst, Eiern gereicht werde». Sind alle Gabe» eingeheimst, so geht es in den Krug, jeder erhält seinen Theil der Beule, und Tanz und Schmaus beschließen das Fest. Bei Paderborn hält n>a» zur Fastnacht Hahnen- schlagen. In Schwalbeuberg am Harz dringe» die Burschen i» die Kammern der Mägde nnd»»tersuchendieSpinnräder. Wer zur Fastnacht noch Flachs ans dem Wockcn hat, dem ivird er unter Spott und Hohn verbraiint. In de» Dörfern der Bltmark spukt der Fastnachtsochse, ein vo» de» Burschen heransgepntztes Ungethüm, das zuerst von de» H ins- sraneu Gaben heischt, dann aber, zur Strafe sür seine Raubgier, aus dem Dorfanger„geschlachtet" wird. Der Darsteller bindet zil dleselnZweck einen allen Kochtopf vor die Stirn, auf welchen er dann den Schlachthied enipfängl. Bei Tiibinge» wird der Fastnachtsochse zum Fastnacht?- bären, in den Alpendörfer» erscheint er dagegen als„Gotisch Bock". I» der Schweiz lodern zn Fastnacht vö» allen Bergen die Fasten- seuer. Burschen und Mädchen versammeln sich dabei und um- lanze» singend die iveilhin leuchtende» Scheiterhanfeii. Die Burschen bringe» runde, in der Mine durchlöcherte Holzscheibe» mit, stecken sie ans eine» Stab, entzünden sie am Feuer»nd schleudern sie dann in die Thäler hinab. In den märkische» Dörfern gehen die Kinder zur Fastnacht, hier und da auch erst am Aschermittwoch- Morgen„stäupen" oder„stiepen". Sie haben dazu Gerte» vo» der Birke oder Weidenruthen und schlagen mit diesen so lange auf die Hausbeivohuer ein, bis sich diese durch„Fastenweckeil" oder Bretzeln löse».— Geographisches. — I» Leipzig war am Sonnabend die vom deutschen Geographentag in Bremen 1895 ernannte„Deutsche K o m- Mission für die S ü d p o l a r f o r s ch u n g" beisaimne». Nach längerer Beratbnng wurde einstimmig beschlossen, die Agitation auf grund eines Planes zn belreibe», welcher die Zinssendung eines Schiffes beziveckl, das etwa auf dem Meridian der Insel Kergnelen südpolwärts vorgehen soll. Während der Fahrt sollen ozeanische, erdmagnetische nnd biologische Forschungen angestellt werden >lmd sodann soll getrachtet iverden, in der antarkiische» lliegion ei» Land zur Ueberivinteruiig zu erreichen. Während dieser sind ans einer seste» Sialion geophysikalische Beobachtungen an- zustellen nnd im Frühjahr Entdeckungsfahrte» auf dem Binneneise soivie nach der unbekannte» Westküste dcs durch James Clarle Roß entdeckten Biktorialandes zu unlernehme». Im südlichen Herbst erfolgt die Rückkehr der Expedition, welche im ganzen zwei Jahre währen und anch auf der Rückfahrt ähnliche Beobachlungen wie auf der Ausreise anstelle» ivird. Zum wissenschastlichen Leiler der Expedition wurde®t. Erich von Trygolski, bekannt durch seine Grönlandssorschuug, erwählt.— ie. Ein»enentdeckteS Gletschergebiet. In, Altat, diese», vom Oberlauf des Jrtysch an das ganze Jnuerasicn i» siid- östlicher Richtung durchquerenden Gebirgszuge waren, bisher Gletscher nur a»f der höchste» Erhebung, dem 33S0 Meter hohe» Bjelucha- Berge bekannt. Jeht hat der russische Forschungsreisende Tronoff, wie die Sitzungsberichte der russischen Geographischen Gesellschaft iiiitlheikc», an der Quelle des Buchtariua, eines rechte» Nebenflusses des Jrtysch, noch einige Gletscher entdeckt. Der eine besitzt die an- sehnliche Länge von fast 3'/z Kilometer und eine Breite von 2 Kilometer. Er wird von 2 Seiten», oräne» begleitet und feine Zunge reicht bis in eine Höhe von etwa 2500 Meter über dem Meeres- spiegel hinab. Die Karte ist an dieser Stelle ferner darin zu be- richtigen, daß der Buchlarma-See, den nach der bisberigen Kenntniß der gleichnamige Fluß durchströmen sollte, 8 Kilometer von diesem entfernt liegt. Em weiterer kleiner Gletscher wurde an den Quell- wassern des Ukok-Flusses entdeckt, eines Nebenflusses des Sllakh. An der Quelle deS Alakh selbst kommt von einem ungeheuren Firn- felde«in dritter großer Gletscher von 5 Kilometer Länge herab, der au seinem Ausgangspunkte über 3 Kilometer breit ist. Er endigt mit einer Eismauer von SV Meter Höhe, aus der der Fluß durch einen Tunnel ausströmt. Die ganze Hochfläche, die nnler de» Namen Kize» und Ukok bekannt ist, ist mit Moränenschutt bedeckt. Die Gletscher müssen demnach früher eine weit größere Ausdehnung besesse» und dieses ge/je Plateau mit ihren Ablagerungen überdeckt haben.— Ans dem Pflauzenlebe». — Entnahme von mineralischen N ä h r st o f f e„ durch die Pflanzenwelt. Uebcr die ungeheure» Massen von mineralischen Nährstoffe», die durch die Vegelalion Jahr aus Jahr ein dem Boden entzogen werde», hat Wolvrich nach der Zeitschrift ..Himmel und Erde" interessante Nutersuchnugen i» bezug auf das böhmische Gebiet veröffentlicht. Nach ihm entnehmen die Feld- vflanzen in Böhmen dem Erdboden jährlich mindestens S63 Millionen Kilogramm mineralischer Stoffe, die Wiesen und Weiden mindestens 2ö Millionen Kilograim», die Wälder und Gärten mindestens 25 Milliocnen Kilogramm, die gesammte Pflanzendecke Böhmens daher mindestens 862 Millionen Kilograim». Derselbe Anlor berechnet die Menge der i» Lösung oder schwebend jährlich durch die Elbe ans Böhme» hinausgeführten anorganischen Stoffe aus 19 047,7 Millionen Kilogramm. Technische?. — Der Tunnel durch den C o l d i T« n d a ist der zweitlängste in dem an Tunnels so überreichen Eisenbahniietze Italiens. Er liegt überdies ganz auf italienischem Gebiete. Seine Länge von 8lvv Metern wird in Italien nur von dem 88V0 Meter langen Tunnel unter dem iPasso dei Giovi bei Genna übertroffen. In Europa Überhaupt steht er an der fünften Slelle, da er an Länge nur vom St. Gotthard(14 012 Meter), Frejus(12 233 Meter) und dem Arlberg- Tunnel(10 248 Meter) Übertroffe» wird. Der böchste Punkt de? Tunnels liegt 1038 Meter Über Meer. Die Steigung im nördlichen Theil« beträgt 2 pro Mille, im südlichen hingegen 10. und auf einer kurzen Strecke 14 pro Mille. Die Um- stände, unter denen die Ansführnug des TnnnelS erfolgen mußte, waren außergewöhnlich schwierige. Mehr als einmal mußte der Baiiiinternehuier die Arbeite» vollständig«nterbreche», einmal, am Cüdende, sogar während voller drei Jahre. Gleich bei Beginn der Arbeiten, der im Dezember 1889 erfolgte, zeigte es sich, daß ganz besondere Vorkehrungen getroffen werden mußten, um die hervor- drängenden gewaltigen Waflermengen abzuleiten. Obgleich es all- »nälig gelang,«ine» große, Theil der Jnfiltratioiien zurückzndämmen, ist die Wasserinenge doch auch heute»och so groß, daß eigene Kanäle für die Herausführnng des Wassers geballt werden mußten. Jeht beträgt die Menge desselben beständig 300 Liter pro Sekunde am Nordende und 900 Liter am Südende, eine Wasser- menge, die genügt, um säinmtliche Bewohner einer Stadt wie Turin(zirka 800 000 Einw.) mit täglichi400 Liter Wasser pro Kopf zu versorgen. Fast unüberwindliche Schwierigkeiten stelllcn sich der Unter- iiehiiiung durch die aus mehreren Stellen erfolgten Schlammeinbrüche entgegen. Eine solche Slelle au» Südende, 4S Meter lang, konnte erst nach dreijähriger harter Arbeit überwunden werden. Stelle»- weise, wo der Druck der Schlammmaffen besonders groß ist, sind die Mauern des Tunnels 2,50 Meter dick. Die Tniincl, veite entspricht einer doppelgcleisigen Eisenbahn erster Kategorie. Vorläufig ivird aber nur ein Geleise gelegt werden. An stell« des zweiten Geleises läuft heute der Wasserkanal, ein Umstand, der die Einrichtung eines zweiten Geleises sehr erschwere», oder doch zum mindesten sehr kostspielig mache» dürfte. Der innere Ausbau des TnnnelS dürfle mindestens noch ein Jahr in Anspruch nehme».— („Franks. Ztg.") HtiinoristischeS. — Ein S ch l a n ch e r l.„Balta, jetz' bin i' zum drilten Mal da, hoam sollst D' komma!" ,.Glei' komm' Jackerl, glei'!" „Vatta, gelt, wannst D' gehst, na' gehst D' hinten auf»!- „Ja warum denn?" „Weil vorn d' Mutta mit an' Stecka warl't!" „Sakra, warum sagst D' denn dös„et glei'— ReSl, zahl'nf'— — Die„ge mietlichen" Sachsen, besonders Wesen und Charakter eines alten Leipzigers, werden in einem Werke von C. Regenhardt über die deutschen Mundarten in folgende», Zwiegespräch gezeichnet:— Können Sie mir ivohl sagen, swo sich die Nudelfabrik der Firma Hoffmann n. Co. befindet?— Die Nndelfabrik?— Ja» die Nndelfabrik.— Von Hoffmann und Kombannie?— Nun ja. wie>ch gesagt habe.— Die Nudelfabrik von Hoffmann und Kom- bannie! Sie woll'n wohl dorthin?— Freilich! Sonst würde ich nicht fragen.— Die Nudelfabrik! Hm! Nee, hären Se, das weeß ich Sie wirklich»ich. Nachdem sich nun beide getrennt, dreht sich der Sachse nach etwa fünfzig Schritten um und fragt: Um Vergäwung! Sie mee'n wohl de Makkaronifabrik?— Nu» ja! Das ist doch das« selbe. Wo ist den» lue?— Ja, mein Kutester, das weeß ich Ei« ooch„ich!— Vermischtes vom Tage. — I», Forstort Thiergarten bei Letzlingen ist die große. wohl S00 Jahre alte„ K ö» i g s e» ch e", die dicht über der Erde 2>/z Meter Durchmesser und 3»/, Meter Umfang hatte, gefällt worden, da sie trocken z» iverde» anfing.— — Auf dem Galgenberge zivischen L a n g e n b i e l a u und Weigelsdorf fuhr ein Sandwage» auf ein anderes Fuhrwerk. Die drei Insassen des letzteren wurde» herausgeschleudert und über» fahre». Einer wurde sofort getödtet, die beiden anderen lebens« gefährlich verletzt.— — Aus Groß-Strehlitz wird dem„Oberschles. Tagebl." geschrieben: Ein hiesiger nnverheiratbeter Fabrikant empfing am Abend des Feiertages„Maria Lichtmeß" eine hiesige Dame aus seinem Zimmer. Einige» Verivandten der Dame war diese Extra» vaganz ihrer„Konsine" nichts weniger denn angenehm. Sie faßten an der Wohnung des Fabrikanten Posta und gedachten, der liebe- durstigen Maid ihre Extratouren gründlich zu verleiden. Zu spät merkten die Liebende», daß die Festung belagert sei. Einen Luftballon halte man nicht zur Verfügung und so kam „er" ans eine» ans Romantische grenzenden Gedanken. Er schickte seinen Haushälter»ach eiueni Hotel-Oinuibus,«äht« während dieser Zeit die Dame in eine» Sack ei» und ließ das„Packet" durch de» zurückgekehrten„Johann" hinuntertragen. Aechzend und fluchend lud Johann das„Packet" ans seine Schultern.„Vers..... ist das aber schwer", keuchte er, als er die Treppe hinnnrerstieg. Wie einst Polyphenios am Ausgange seiner Höhle aufpaßte,»m den schlauen „Niemand" zu erwischen, der ihm sein einziges Auge ausgebraunt hatte, so ivarteten die Verwandten der Dame »ntc» aus diese, und wie Polyphem die breiten Rücken seiner Böcke betaslele, so belasteten»u» auch diese das verhängnißvolle Packet. Langsam ließ es Johanu zu Boden gleite». Da. was ist das? Ein kleines Dainensticfelcheu guckte neugierig oben heraus. Eine donnernde Lachsalve brauste über den iveiien Marktplatz, dann schaffte man das Packet i» einen nahen Barbierladen, und dort soll eS der eingenähten Dame nicht sonderlich gut ergangen sein. Auch der„Absender" des„Packeis" kam nicht ganz heil davon.— — In Löbtau bei Dresden sind de»„Dred. Neuest. Nachr." zufolge am Sonntag 320 Personen unter V e r g i f t» n g s- e r s ch e i n» n g e n erkrankt. Die Ursache der M issenerkrankiiiig soll auf den Genuß gifthaltiger Backwaar« zurückzuführen sein.— — In dem Dorfe F r a n k e n a bei Kirchdain wurde am Sonn- tag ein Bahnwärter, als er. um einen Fastnachtsscherz anszilführen, sich ans dem Boden seines Wohnhauses in ein Tuch gehüllt hatte und heftig polterte, von seiiieiu cigeilc» Sohn erschossen. Die An- gehörige» meinten, es seien Diebe ans dem Boden.— — Ein neues M ä d ch e» g y in» a s i n»n. Die höhere Töchterschule in Mannheim wird vom 1. April d. I. ab unter städtische Leitung gestellt und soll zugleich»eben de» bisherige» Ledr- gegenständen aiirb Latein und Griechisch an dieser Anstalt unter- richtet werden. Die Abiturieiitiiiue» erhalten dadurch Gleichberechtigung mit denen des Karlsruher Mädchengymnastums.— — Die am Donnerstag von der Ostküste des Finnischen Meer- busens auf Eisschollen ins Meer hin ausgetriebene» Fischer sind nnnmehr sämintlich gerettet.— — Am Sonnabend wurde in Basel ein junger Man» von einem berabsallcnden Telegraphendraht, der aus die Stromleitung des Trains gerielh und dadurch Feuer sing, am Halse ersaßt, so daß ihm der K o p f abgeschnitten wurde.— — I» U d i n e wurde am Sonntag früh ei» heftigeZ Erdbeben verspürt.— — Durch Selbstentzündung gerieihen in Genna am Sonn- abend 4200 Balle» Baiimwolle in Brand. Der Schaden wird ans 400 000 Frcs. geschätzt.— — In England hat sich bereits der K» ck n ck hören lasse». Wenigstens hat man seine» Ruf in Jorkshire vernommen.— Berantworllicher Redalienr: Angnst Jacobe,» in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.