Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 43. Mittwoch, den 2. März. 1398. (Nachdruck verboten.) 2] Am hiittslirhen Merd. Roma» von Iwan Franko. „Eine Depesche!" rief Angela ein wenig verwundert und öffnete eilig das Blatt. „Ans Philippopel! Von Sternberg! Was hat er in Philippopel zu schaffen?" Und dann las sie beinahe im Flüstertone die paar Worte, die das Telegramm enthielt:„Komme mit dem Orient-Expreß- zug. Schicke weiteres Telegramm ans Budapest. David?' Angela erblaßte. Unbeweglich saß sie da, die Finger, die das Telegramm hielten, erzitterten krantpfhast, das Telegramm fiel ihr auf den Schooß. Starren Blickes mit erweiterter Pupille blickte sie stumm vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Sie suchte nur nn Innern ihrer Seele etwas, was ihr helfen konnte, das Räthscl, das die lakonische Depesche enthielt, auf- znlösen. Endlich, nachdem sie nichts gefunden, wandte sie sich zu Julchcu. „Was heißt das?" fragte sie. „Weiß ich's denn? Ich fühle nur.. „Laß mich in Ruh' mit Deinen Gefühlen", rief beinahe unwirsch Angela. „Warum ist er fort von Konstantinopel?" „Das ist's ja eben, was mich beunruhigt." „Warum reist er mir dem Orient-Expreßzng? Er scheint Eile zu haben." „Das fürchte ich auch." „Warum reist er nach Budapest? WaS hat er dort zu suchen?" „Lauter Räthsel." „Weshalb telcgraphirt er nicht deutlich, was geschehen?" „Es scheint, daß er sich nicht ganz sicher fühlt." „Etwas muß also vorgefallen sein." „Das ist eben die Hauptsache. Wenn etivas Schlimmes geschehen ist, so ist es ebenso wichtig, zu erfahren, wo es ge- schehen ist, in Konstantinopel oder... Ah!" In diesem Augenblicke geschah etwas Ungewöhnliches, Un- erwartetes, etwas, was mit so elementarer Gewalt die Thürc des Zimniers aufstieß und gleichzeitig mit einer kalten Luft- faule in den stillen Raum drang, daß das Feuer im Kamin aufloderte, die flammenden Spähne aufzischten, und von de» glühenden Kohlen Sprühfunken bis in die Mitte des Zimmers flogen— etwas, was die beiden Frauen aufscheuchte, Angela aufspringen ließ und sie in einem tollen Wirbel dahinriß, von dem hinter dem grauen, frostigen Nebel nichts zu sehen und zu hören war, als flammende Kliffe, Schluchzen, wieder Küffe, schnelles, keuchendes Athmen, Fragmente von unverständlichen Rufen, Geflüster, dann wiederum Küsse, die Worte„Anton", „Angela", und endlich ein lai:gaudaucrndes,�herzhastcs Weinen, von krampfhaften Lachaufällen unterbrochen. II. „Anton! Du schlimmer Junge! Wie konntest Dn mir das authun! Du schreibst mir, daß Du erst nachts kommst..." „Ich habe mich losgerissen, ich shab« mich losgerissen, früher, als ich es hoffte, und hier bin ich nnn! Hier, hier, hier!" Und mit heißen Küssen bedeckte Anton Hände und Mund seiner Frau. „Und wann bist Du gekommen?" „Um neun Uhr!" „Und kommst erst jetzt zu mir?" „Dienstpflichten, Angela! Ich mußte meine Leute in die Kaserne abführen und beim General-Kommando den Rapport erstatten! Gut, daß ich so bald fertig wurde!" „Schlimmer Junge!— Schlimmer Junge!" wiederholte Angela noch immer mit schmollender Miene und schlug ihu über die Hände, mit denen er ihre Taille umfaßte und sie aus Herz drückte. „Anton",„der Junge", war ein schlanker, stark gebauter Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit dünnem, grau« melirtem Haupthaar und röthlichem Schnurr- und Backenbart, trug einen Säbel, einen militärischen Wintermantel und die Hauptmannsuniform eines österreichischen Infanterieregiments. Sein Gesicht strotzte vor Gesundheit trotz der Spuren großer Ermüdung nach der eben beendeten langen Reise. Der Hauptmann Anton Angorowicz war soeben ans Bosnien zurückgekehrt. Mit einer der ersten Abtheilungen des Okkupationsheeres nach Bosnien gesandt, hatte er Antheil an allen Schlachten und Scharmützeln, ivelcye die Okkupation und Pazifikation dieses Landes mit sich brachte, genommen, war vom Lieutenant zum Hauptmann avancirt, aus Rück- ficht auf die höhere Gage und die versprochene weitere Beförderung freiwillig noch drei Jahre in Bosnien geblieben und nun, nach fünfjähriger Abwesenheit, in den Schooß seiner Familie, nach Lemberg, zurückgekehrt. Er wurde hier einem Lemberger Regimente zugetheilt und sollte beim Mai-Avancemeut Major werden, was so ziemlich für ihn und seine Familie eine gesicherte Eristsnz bedeutete._ Seine kühnsten, heißesten Wünsche sollten nun bald in Erfüllung gehen. „So habe ich Dich, habe Dich endlich, Dn mein thenerster Schatz, mein Gold, mein Leben! Nach langjährigen Mühe» und Gefahren!" rief der Hauptmann mit vor Rührung er- stickten und abgerissene» Worten, indem er seine noch immer bald schluchzende, bald lachende Frau in den Armen hielt. „Nun gehör' ich Dir— jetzt soll uns nichts mehr trennen!" Fest umschlungen ließen sich beide anss Kanapee nieder. In diesem Augenblicke erst siel der Blick des Hauptmanns ans Jnlche», die verlegen da stand, nicht wußte, was sie an- fangen sollte. „Halt! Regiment!" rief lustig der Hauptmann.„Wer ist das?" fragte er, zu seiner Frau gewendet- „Ach, ich vergaß Dich vorzustellen!— Julie Sxablinska — meine Kollegin vom Pensionat her. Julchen, düster unartige Junge, wie Du ihn da siehst, mit dem häßlichen Schnurrbarte, das ist der Anton, von dem ich Dir die Ohren vollredetc." Jnlchcn verbeugte sich und begann, den Hut an den Haaren anzuspendeln. „Hergestellt!" rief der Kapitän.„Hut weglegen! Hier, ans den Tisch! Niedersetzen! Die Freundin meiner Frau ist meine Freundin. Einen Freund würde ich vielleicht zum Duell fordern, aber eine Freundin fordere ich auf, daß sie znm Mittagsessen dableibt!" Julchen, sichtlich noch mehr verlegen, hielt den Hut in der Hand und konnte sich nicht entschließe».„Herr Haupt- mann," sagte sie endlich,„ich danke für die frernidliche Einladung, aber heute ist ein Tag bei Ihnen, au dem meine An» Wesenheit vollkomlncu unpassend iväre. Wirtlich..." „Gilt nichts!" erwiderte mit komischer Strenge der Haupt- manu. nmar „Heut' bin ich in einer Verfassung, daß ich dic ganze Welt eme» und küssen könnte— sogar jene alte Jüdin, die vor der Synagoge heiße Bohnen verkauft." „Fidouc! Anton!" rief Angeln, ihm einen Schlag auf die Schulter versetzend. „Nn», warnnl provozirt mich Deine Freundin?" sagte der Kapitän.„So erkläre ihr doch, daß es bei mir keine Aus- flüchte gicbt, daß ich keinen Widerstand ertrage. Was gesagt ist, ist gesagt. Fräulein Julie bleibt sziim Mittagsessen, und damit basta!"„, � „Ha. ha, ha! Sie ist kein Fräulein— nun siehst Du. wie sie Teinem Befehl entschlüpfen kann." „Kein Fräulein? Was denn sonst?" „Sie kann sich schön bei Dir bedanken, daß Dn eine alte Jungfer ans ihr machen willst." „Alte Jungfern mag ich nicht leiden. So ist sie also ver« heirathct. Dann behalten wir sie hier, bis uns ihr Mann eine Exekution schickt.".... „Nnn bist Dn wieder auf den Leim gegangen, alter Spatz! Frau Julie ist Wittive." Auf dem Gesichte des Hauptmanns zeigte sich ein koiiiischer Ansdrlick großer Enttänschnng.„Wittive? Wittive» sind mir verhaßt. Wittwen und Eulen sind Vögel, die Unheil verkünden- Will etwa die Wittive durchaus nach Hanse gehen?" fragte er nun zu Julie gewendet. „Ich denke ivohl, Herr Hauptmann," sagte Julie, noch immer lliientschlossen, ob sie den Hut aufsetzen sollte oder nicht. „Gott geleite Sie i Gott geleite Sie!" unterbrach der Hauptmann, sprang eilfertig vom Kanapee ans und half ihr artig Mantel und Gummischuhe anziehen, holte ihren Regen- schirm und mit seinen beiden gewaltigen Händen ihr kleines Händchen drückend, sagte er, schon ganz ernst:„Entschuldigen Sie, gnädige Frau, die barsche Begrüßung, ich bedauere, daß Sie nicht die Güte batten, länger zu bleiben. Doch ich muß einsehen, daß Sie Recht haben. Hent' bin ich wohl für Fremde unerträglich. Sie sind mir doch nicht böse?" „Aber, Herr Hauptmann!" protestirte Julie. „Und Sie besuchen uns wieder?" „Mit größtem Vergnügen." „Aber bald? Morgen!" „Wenn es niir die Zeit erlaubt. „Kein wenn! Kein wenn! Wenn Sie morgen nicht kommen, so muß ich es als Beweis ansehen, daß Sie mir böse sind.« „Aber, Herr Hauptmann« Wie können Sie so was denken!« Beim Abschied flüsterte Julie Angela ins Ohr:„Sollte etwas vorfallen, so bin ich noch heute Abend hier.« Angela küßte sie und begleitete sie bis zur Thüre. Der Hauptmann legte nun erst Mantel und Säbel ab und ver- suchte, nach dem gewaltigen Gefühlsausbrnch Ruhe zu gewinnen. Es war das keine leichte Sache. Im Fantenil sitzend, wollte er sich im Zimmer unischauen, doch alle Sachen tanzten ihm vor den Augen, flössen in eine einförmige graue Masse zusammen, die von einem rosigen Nebel umhüllt schien, gaben wunderbare Töne von sich, die mächtig in seinem Herzen widerhallten, daß ihm das Blut heißer auswallte. Er sprang wieder auf, durchschritt einige Mal hastig das Zimmer, und als Angela vom Korridor zurückkam, riß er sie von neuem in seine Arme, bedeckte Mund, Augen, Stirne und Haare mit heißeil Küssen. „Kind, Du erdrückst mich!« rief Angela scherzend.„Man merkt Dir's an, daß Dil von einem heißeren Klima kommst! Früher hast.Dn Dich nicht so feurig geberdet!" „Bist Tu böse?« flüsterte glückselig der Hauptmann, um- schlang sie noch fester und blickte tief in die wundervollen strahlenden Augen. (Forttzniig folgt.) Agnes Sovmcr hat sich am Soimtag als Nora im Deutschen Theater verabschiedet. Man hat ihr die üblichen Ehrenbezeugungen erwiese». Die gleichen einander in allen Fällen und interessiren uns nicht weiter. Durch den Abschied von Frau Sorrna fallen aber interessante Streiflichter anf unsere Knnstpflege im allgemeinen. Darnm sei es gestaltet, an dieser Stelle, wo nicht selten schauspielerische Leistnngen von Vor- ftadltrnppe» ihre Zensuren erhalten, wiewohl diese Kunst der Kunst dressirler Papageien gleicht, der schauspielerischen Persönlichkeil von Agnes Sorma noch einmal zu gedenken. Frau Sorma, die nunmehr dem ständigen Theater Lebeivohl sagt und sich zunächst nach Amerika begiebt, gilt heute, da sie in der Vollreife ihres Könnens und ihrer Weiblichkeit steht, als das bedeutendste Talent unter den Schanfpielerinne» Deutschlands. Darüber ließe sich noch rechten; unzweifelhaft aber ist Fran Sorma eine künstlerische Persönlichkeit, die eben in ihrer Art außer dem Bergleich steht; und das ist in der Schauspielkunst seltener, als in andere» Künsten, und bei Schauspielerinnen besonders selten. Sie hat diese Persönlichkeit nicht mit einem Schlag zur Reife gebracht. Nach der Lehr- und Wanderzeit in der Provinz kam Fran Sorma zu L'Arronge ans Dentsche Theater. Sie mußte zunächst die Theaternaiven in den Komödiantenstücken der Schönthan und ähnlicher Geisteshelden spielen. Da ist es schwer, etwas ganz Besonderes zu sagen. Wie das Stück flache Schablone wird, so be- ruht die Schauspielerei darin anf hergebrachter Tradition und ans der Dressur in Theaterschnlen. Trotzdem prägte sich schon damals die Kunstnatur der Frau Sorma so klar, so sicher aus, daß mau ihr Wesen kaum verkennen konnte. Das war eine Kunst, wie sie gerade im rauheren Deutschland zu den kostbaren Besitzthümer» gehört. Sie ist von Heller Farbe, soniienninflofsen und ruht anf dein Grund einer unbewußten Änmnth. Fran Sorma ist wohl eine Ost- deutsche; aber es quillt in ihren Adern wie von südlichem LebenSblut. Wenn man von Frau Sorma spricht, so darf man dabei nicht an die weiblichen Kürassiere und Heroinen denken. Es ist ein Barbarenftandpnnkt, äußerliche Wucht über innere Feinheil zu stellen. Es ist derselbe Standpunkt, von dem aus der Intendant Herr v. Hülsen einst die Tragödin Charlotte Wolter nicht ans Schauspiel- haus engagirte. Sie hatte nämlich nicht das nöthige„hohe Maß«. Auf dem Boden der Grazie, nicht anf dem der düstere» Tragik blühte die Knust der Sorma auf; nun galt es, diese ursprüngliche Grazie zu adeln, zu vertiefen. Da kam denn vor allem das Wesen eines Poeten befruchtend zu Hilfe, der in Berlin und in Norddentschland verhältnißmäßig späte Anerkennung fand, der dafür dank dem Doppelreichthnm von Herrn Kainz und Fran Sornia bei uns mit einzelnen Werke» nachhaltiger wirkte als i» seiner engere» Heiinath, in Wien. An den Frauen» gestalten Grillparzer's wuchs Frau Sorma empor und von allen schauspielerischen Gaben, die sie uns darbot, bleibt ihre Jüdin von Toledo immer noch das vollendete Beispiel der völligen Verichinelzung von Knust und des Schauspielers Grnndnatnr. Wie Frau Sornia des Dichters Gebilde neu erschafft,>vie sie das Jildenmädchen darstellt, in Listen erfahren, katzenartig verschlagen, mit sniikelndeii Augen, eigentlich so gemein in ihrer Lüsternheit und Habgier, und wie über all das dennoch ein Schiminer von heiligender Schönheit und Grazie ge- breitet ist, als wie ein strahlender Mantel: da bleibt kein Rest übrig, das ist ein Meisterstück. Nicht mit unrecht hat man betont: Die Franengcstalte» Grillparzer's seien im Grunde verkleidete Wienerinnen. Ihr anmnlhninflosseiier weicher Sinn wird nur dichterisch verklärt und geadelt. Auch in der Persönlichkeit stößt man immer auf den Grundklang: weiche, reizumflossene Anniuth. Es ist kein Zufall, daß sie Grillparzer's Franengestalteii am kongenialste» ivnrde. In„Weh' dem, der-iiigt" und in der„Jüdin von Toledo« gab sich das Schaffen von Frau Sorma am reinsten, iveil am ungezwungensten ans. Frau Sorma hat in ehrlicher Arbeit die Grenzen ihres Könnens zu erweitern gesucht. Sie hat sich an den Nora-Typus herangeivagt und in der Agncs Jordan eine ganze weibliche Tragödie von fröh» lichcr Brautschaft bis zur verkümnierlen Resignation im Alter zu erschöpfen versucht. Daß einer Arbeiterin von starker geistiger Energie auch solche Gebiete nicht verschlossen bleiben können, ist klar. �Aber auch aus diesen Gebiete» ist das Beste, was sie �zu geben hat, das Lichte, das Freudige in» Grnndklang ihrer künstlerischen Seele. Es giebt sogar ihren tragischen Gestallen den ganz cigenthümlich melancholischen Reiz. Agnes Jordan schleicht gebrochen durch das Hans des rüden Gatten, längst hat sie es verlernt, sich gegen die Pöbelhafligkeit des Ruch» losen zu empören; Knmmerfalten durchfurchen die Stirn, verstört und scheu blicken die Augen, die»»ruhigen Augen der verschüchterten Menschen: dann aber fällt ihr Blick auf eins ihrer Kinder; es ver- schwindet das wchniüthige Zucke» der Lippe», ei» Lächeln gleitet darüber, und das gekrümmte Rückgrat scheint sich straff ausrichte» zu wollen. In solchen Momenten thut Frau Sorma, was eben sie nur kann. Das Häßliche wird verschönt, das Düstere in weichere Melancholie verwandelt. Alle starken Persönlichkeiten sind in der Schauspielkunst viel mehr an die Grundbcdiugungen ihrer Natur gebunden, als die Künstler von flacherem Gepräge, die aus iveil zahlreicheren Tasten spielen können, nur daß sie nicht so voll hinein- greifen. Von drei ersten Schauspielerinnen ergreist die Duse als Nora am mächtigsten zum Schluß. Jedes Wort ist Bitterkeit. Nora's Abschied ist großer Grimm. Wie die Rejane Nora's Auf- regungen, ihre kcampshaste Spannung schildert, die Tarantella tanzt, das kann unsere Sorma nicht. Wie aber die Sorma im„Pnppenheim« herumtollt, ein Kind, ein sonncnfrohes Kind nnler ihren eigenen Kindern, das machen der Deutschen weder die Italienerin, noch die Pariserin gleich. Fran Sorma ivill nunmehr keiner Berliner Bühne mehr an- gehören; sie will»viederkommen. aber stets nur als fahrender Gast. Die uiammonistische Enlwickelnng, die sich anf alles erstreckt, hat auch diese Kniistschäden gezeitigt. Sie hat das Virtuosenthnm monopolisirt. Es hängt mit dem Handelsbetrieb im Theater und der Theateragentur zusammen. Wo eine schauspielerische Kraft über das durchschnittliche Niveau weit emporragt, beginnt ein brennender Konkurrenzkampf um sie. Ein Sprich ivort sagt: Der Theatcrdireklor schneidet den Schauspieler vom Galgen ab, weil» er ihn brauchen kann. Gewiß ist, er monopolisirt ihn für sich und greift tief in seinen Geldbeutel, was er sonst nicht gerne thut. Lieber schindet er die Kleinen anss Blut, als daß er sich die zngkräftige Erscheinung entgehen läßt. Was der Th-aterdireklor nicht mchr kann, das be- sorgt der Impresario, der Handelsagent, der Mann der Rcllaine und„Freund der Presse". Er schafft die mächtigen Gastspiel- Honorare, die»vieder nur aus Wanderfahrten geivonnen werden können. Er monopolisirt seinen Virtuosen und jagt ihn durch die Well von Ost nach West; denn erhöhte Einnahmen bedeuten sür ihn erhöhte Provision. Als man sie anf die Nachtheile des Virlnosenthums gegenüber dem Verbleib in einem festen Ensemble aufmerksam machte, hat Fran Sorma— leider nur zu treffend— geantwortet: Und was bietet das ständige Thealer dem Künstler heute viel mehr? Wird nicht mich das Virtnoseuhafte gezüchtet? Haben denn unsere lauf- männischen Theater ein Repertoir in der künstlerischen Bedeutung? Ob Dichter, ob Macher: Wenn ein Stück einschlägt, wird Raubbau damit getrieben. Man schürft den Erfolg aufs letzte Körnchen aus. Frau Sorma könnte in dieser Saison vielleicht noch fünizig Mal die Salome tanzen. Das ist mindestens so böse, wie das virtuose Gastspielreisen mit wenigen Rolle». Auch das stninpft das schau- spielerische Vermögen ab und lähmt die geistige Regsamkeit. Das Theater ist eben Handelschast geworden, Darüber hilft kein senti- mentales Greinen hinweg.— Mloines Ilottilleko»» ie. Die 200 Jahre alte» Vorläufer des Fahrrades. Die .Zentral- Zeitung für Optik»»V Mechanik" mache in einer kloine» interessante» Anmerkung darauf aufmerksam, daß als die ältesten Vorläufer des heutigen Fahrrades wohl die ole«äderigen, von dem Fahrende» selbst in Bewegung zu setzende» Wagen gehören, die vo» den Nürnberger» Haus Hautsch». Farster i» der Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut ivnrden; eine ähnliche Maschine brachte vor rund 200 Jahren der Arzt Richard aus La Rochelle zu stände. Direktor Hädicke in Remscheid hat in einem Vortrage neulich jedoch darauf hingewiesen, daß diese merkwürdigen Fahrrad- Wage» höchstens als Nhrahnen des heutigen Dreirades anzu- sehen seien, während die Schaffung des Zweirades die Erfüllung ganz anderer technischer Vorbedingungen verlangte ivegen seines nicht stabilen Gleichgewichtes. Gewöhnlich hat man die von dem badischeu Forstmeister Karl von Drais, Freiherrn von Sauerbronn, 1817 in Mannheii» ersundene Lausmaschine als den ersten Ursprung des Zweirades betrachtet. Diese Maschine, auch Draisine genannt, hatte zivei Räder hintereinander und darüber zwischen ihnen einen Sattel als Sitz und auch einen Bügel zum Aufstützen der Arme, Tretkurbeln waren jedoch nicht vorhanden, vielmehr wurde das Rad dadurch bewegt, daß der Fahrende sich abwechselnd mit den Füßen vom Boden abstieß. Der diesen Maschinen auch beigelegte Namen Rennräder ist ivohl von einem Spoitvogcl «rfunde», denn die Bermehrung der Geschwindigkeit durch dieselbe» war nicht erheblich, dagegen die Anstrengung für den Fahrenden eine viel größere, als iven» er die gleiche Strecke zn Fnß gegangen wäre. Auch diese Erfindung kann ma» daher wohl kaum als de» eigentlichen Aiifmig unserer heutigen Ziveiräder bezeichnen. Die eigentliche Erfindung derselben ist vielmehr von dem Zeilpunkte a» zn rechnen, wo die Laiifmaschine» mit Tretkurbeln versehen wurden. Diese iveiltragcnde Erfindung zuerst gemacht zu haben, ist lange ein Streit zwischen Franzosen und Deutschen gewesen, jedoch ist es jetzt als feslstebend zn betrachten, daß der Deutsche Philipp Moritz Fischer, ein Jnstruinentenmacher in Schweinfurt, spätestens 1825 ein solches Ziveirad mit Tretkurbeln baute, während eine solche Maschine in Frankreich erst 1839 von Michaux geschaffen wurde. Für die weitere Ausbildiing des Fahrrades zn der Be- deulung, die es heule besitzt, haben dann»»streitig die Amerikaner und Engländer das»leiste beigetragen. Als das Fahrrad zuerst von Europa nach Amerika eingeführt wurde, diente es unter dein wenig erinnthigenden Namen„Knochenschültler" nur als Spielerei, bis der Ingenieur Cowper ans den Gedanken kam, die Räder durch'Berfeincruiig der Speichen und AufhZ»g»»g der Naben in denselben wesentlich zn erleichtern und damit die Be- wcglichkeit der Zweiräder mit einem Schlage bedeutend zu erhöhe». Auch hatte Coivper schon die Idee, die Reibung durch eine» um das Rad gelegten Gninmireifcn zu vermindern. Der nächste große Forlschritt geschah dann von seile» eines Thierarztes in Dublin namens Duulop, nämlich die Erfindung des Pneumatic oder wenigstens seine Anwendung ans das Fahrrad. Hohle, mit Luft gefüllte Reisen halte man für Wagen schon in de» dreisiger Jahren in London gebraucht. Diinlop legte»in das Fahrrad seines zwölsjährigen Sohnes einen mit Ventil versehene» liistdichle» und mit gepreßter Lnst gefüllten Enmmischlanch, der durch Umwickelnng mit einem Leinwandstreifen mit der Radfelge fest verbunden wurde. Ein Radfahrer, der Diinlop gelegentlich besuchte, erkannte sofort die große Bedeutung der neuen Idee, auf die der Erfinder nun ein Patent»ahm, worauf sich der pnenmatische Reisen von hier ans Über die ganze Welt verbreitete. Literarisches. n. Gustav Wenng:„Kontraste des Lebens und der Liebe." Ein NoveUenbnch.—»Um«in Ideal". Schau- lviel in einem Akt.—„Berg und Bolze". Salyrische Charakterkomödie.—„Moritnri oder Schauspieler- b l» t". Lustspiel in zwei Akten.— Berlin• Friedrichshage», 1897/1898. C. Teistler u. Ko.— Die vorliegenden vier Arbeiten erhebe» sich in keiner Hinsicht über ei» sehr bescheidenes Durchschnitlsmaß. Die drei Theaterstücke sind sogar nur saubere'Dilettantenarbeit. Der äußerst harmlose Inhalt ist will- kürlich znsammenlonstrilirt. die Handlung malt»nd der Ausgang der Fabel abgedroschen. Bon einer Charakterisirung der Personen kann in„Moriluri" und„Um ei» Ideal" gar leine Rede sei». In „Berg»nd Bolze" sind die Hauptpersonen beinahe Zerrbilder. Nirgends fühlt man de» warmen Pnlsschlag der Wirklich- keit. Man merkt zwar, daß es der Verfasser sehr gut gemeint hat; aber für den Mangel an Gestaltungskraft kann uns dieser gute Wille nicht entschädigen. Beträchtlich vorlheilhaster präsentirt sich das„Novellenbnch". Hervorragend nach Inhalt oder Form ist zwar keines der Stücke, im Gegcnlheil, die kleinen Erzühlungen lassen in künstlerischer Hinsicht noch viel zn>vü»sche» übrig. Aber man spürt doch hier wenigstens den natürlichen Hauch des Lebens. Besonders gilt dies von der letzte» Novelle„Unter inoralischem Zwang". Bedeutend schwacher ist die Erzählung„Ein Dorfgenie", deren Schluß den Widerspruch geradezu herausfordert. Am besten gelungen sind dem Autor die kleine Skizze„Mutter Brigitte"»nd die historische Novellette„Durch Liebe zur Höhe".— Aus dem Alteethnm. — Ei» interessantes»nd fesselndes Bild der klein- asiatischen Stadt Prien e wird»ach dem Gesammtergebniß der bisherigen Ausgrabungen im neuesten Hefte des Jahrbuches des deutscheu archäologischen Instituts entworfen. Danach würde die Stadt, die an der Südseite des Mykale liegt und besonders durch de» von Alexander dem Großen der Stadtgöttin Athene geweihten Tempel bekannt und berühmt ist, durch ein System rechtwinklig sich kreuzender Straßen in rund 79 unter, sich gleiche Rechtecke getheilt. Um für die öffentlichen Gebäude Platz zu schaffe», ivaren mehrere solcher Rechtecke znsammengelegt. Die Hanptverkehrsivege, zwischen 6 und 7 Meter breit, hielten streng die Richtung von Westen »ach Osten inne. Dieses regelmäßige Straßensystem wurde mit Rücksicht auf den Boden so durchgeführt, daß man bald tiefe Einschnitte in den Fels machte, bald hohe Terrassen baute, bisiveüeil auch die Straßen in Felstreppen über- gehen ließ. Alle Straßen sind mit Brecciaqnadern sorgfältig ge- pflastert. Trottoirs, wie sie in Pompeji üblich sind, finden sich nicht. Gewöhnlich in der Mitte ist der mir Slcinen ausgesetzte, vielfach mit großen Platten bedeckte Tagwasserkanal angelegt, an den Hänsern hin die Thonrohrleilungen für das frische Wasser, ivelche Abzweigungen in alle Häuser sende» lind an de» Straßen» ecken kleine öffentliche Brunnen speiste», von denen mehrere noch erhalten sind. Nach diesem einheitlichen Plane war die Stadt offenbar in nicht sehr langer Zeil ausgebaut ivorden. Die-öffent- lichen Gebäude wie die Privalhäuser trage» alle einen einheitlichen Charakter und dürften im ganzen dem dritten Jahrhundert v. Chr. angehören. Bon großer Bedeutung für die noch so dunkle Geschichte des griechischen Privatbaues sind die in ganze» Quartieren ausgedeckten Wohnungen. Sie sind vielfach nur in den Fundamenten, an lieferen Stellen über mannshoch er- hallen. Es sinden sich ältere hellenistische Häuser mit wuchtigen, an slorentinischeijPaläste erinnernden Nnsticafassaden, und etwas jüngere, die nur ans leichtem Bruchstein-Mauerwerk be- stehen. Die Pläne der Häuser, so niannigfaltig sie sind, bestätigen die Annahme, daß das Grundschema des hellenistischen Hauses ein Rechteck mit einem viereckigen Säulenhof in der Mitte ist� iiiii den sich die Zimmer gruppiren, etwa so, wie wir es an» Königspalast in Pergamon sehen. Nach der Hauptstraße zu zeigen die Häuser eine schweigsame, geschlossen« Wand, wie sie denn überhaupt nach außen schlicht und schmucklos erscheinen. Dagegen war das Innere heiter und freundlich ausgestaltet. An vielen Wänden hastet noch der feine Marmorstuck, es fanden sich ferner »n Schutt jonische Halbsäulen, zierliche Zahnschnittgesimse und buntbemalte Triglyphenfriese, ja selbst figürlicher Schmuck kam vor, wie ein Satyrkopfchen aus Stuck mit feuerrolh bemaltenr Gesicht veruiuthen läßt. Vom Hausralh und beweglichem Zimmerschmuck stehen noch am alten Platz Marniortische mit Löwenfüßen und große flache Becken auf hohem Fuß, einfacher, aber sonst ähnlich wie die aus Pompeji bekannten, vereinzelt fanden sich auch Bruchstück; von größeren Statuetten aus Marmor oder Terrakotta. Eine besonders stattliche Anlage wies der Markt auf. Er lag inmitten der Stadl; durch Abglätten des Felsens und Anschüttung war dazu ein rechteckiger Platz gewonnen worden von der Größe zweier Häuservierccke, den auf drei Seiten zusammenhängende Säulenhallen umschlossen. Ein überraschend bunter und heiterer Anblick bot sich, wenn man durch die Hauptstraße zwischen den langen geschlossenen Wänden aus den Markt gelangt war. Zu beiden Seite» der Straße und an allen Hallen entlang zogen sich in langen Reihen die eherne», zum theil vergoldeten und die marmornen Ehrenstatuen, deren Basen in großer Zahl erhalten sind. Meist haben sie die Form eckiger oder halbrunder Ruhebänke ans Marmor, ans deren Lehnen mehrere Figuren nebeneinander aufgestellt sind. Oestlich an de» Markt grenzt das Heiligthmn des Asklepios, westlich ein Gebäude, das große Aehnlichkeit mit einem griechischen Theater hat, ein solches aber nicht ivar, sondern ver« »inthlich als Bolksversammlungshaus diente. Dieses Bauwerk giebl uns zum ersten Male eine wirkliche Anschauung vom Aussehen eines griechischen Sitzungssaales. Es ist mit großer Schlichtheit ganz aus Marmor aufgeführt; der Schmuck beschränkt sich aus den Mittelpunkt des Ganzen, den Altar, der mitStierköpfen nnd Guirlande», mit zierlich aus« gemeißelten Schalen und feine» Palmettenfriesen sehr reich geziert sind. Bewundernswerth erscheint, wie einfach bei diesem Gebäude die Aufgabe gelöst ist, den für etwa 809 Personen berechneten Raum möglichst zugänglich zn machen und Gedränge zn vermeiden, zugleich aber den Stauin soweit wie irgend möglich für Sitzplätze auszunutzen. Besonders ausfällig ist in dieser Hinsicht die Schmalheit der Treppen im Sitzraum, die gerade nur eine Person durchlassen.— Medizinisches. k. E i n Fortschritt in der Behandlung des G e I e n k r h e u in a t i s in u s. Zur Behandlung des akute» und chronischen Gelenkrheumatismns bedienen sich die vielfachen Methoden im ivesentlichen der Einwirkung der Wärme. Natürlich sind dieser nach oben hin Grenzen gezogen. Der Engländer Tallermann hat jedoch neuerdings Apparate konstruirt, welche gestatten, einzelne Glieder des Körpers Temperaturen vo» weil über 199 Grad für längere Zeit auszusetzen, wodurch die Wirksamkeit der Wärme- anwendung außerordentlich erhöht wird. Die ersten dieser Apparate, welche nach Deutschland gelangt sind, wurden unlängst im Verein für innere Medizin und später an Kranken demonstrirt. Es hat sich Ihatsächlich ergeben, daß ohne unangenehme Empfindungen ein Arm oder ein anderes Körperglied halbe und ganze Stunden lang der Einwirkung exzessiv hoher Temperaturen unterworfen werden kann. 172-- Aus dem Thierreiche. — Hebet die Fortpflanzung der Seefische machte Professor Heincke unlängst interessante Mittheilungen im Bremer Naturwiffenschastlichen Verein. Danach legt der Höring Eier ab, welche zu Bode» sinken und dort festkleben, während die Eier der anderen wichtigsten Nutzfische der Nordsee, wie Schellfisch, Kabeljau. Scholle. Seezunge. Steinbutt, schwimme». Diese Eier er- scheinen als durchsichtige, winzig kleine Kiigelchen und Körner, weil sie eben frei in den oberen Schichten des Meeres schweben, dnrch den Betrieb der Seefischerei, der nach der Tiefe geht, nicht ge> schädigt werden, was für die Erhaltung eines großen Nutzfisch- bestandes naturlich von der allergrößten Wichtigkeit ist. Ebenso leben auch die misschlüpsenden jungen Fischchen noch Woche» hin- durch als Larven in den oberen Meeresschichten; erst wenn sie die bleibende Rörpergestalt voll erlangt haben, gehen sie in die Tiefe des Meeres hinab, an dessen Boden sie dann weiter leben.— Aus dem Thierlebe». d. a Bau künstlet in der Vogel 10 et t. Eine ganze Zahl Vögel begnügen sich nicht damit, das zierliche Gewebe des Nestes anzufertigen, fie schmücken es auch kunstgerecht ans. So liebt es die Bastardnachtigall, die Außenseite ihres Baues mit weißer Birken- rinde, Federn, Hobelspänen oder Papierschnitzeln zil verzieren. Die Brüder Müller berichte» von einem Zaunkönigsnest, dessen Inneres mit schreiendgelbe», gekräuselten Hahnenfeder!» tapezirt war. Die Kolibris vergnügen sich damit, die Außenseite mit hübschen flachen Flechtenstückchen zu putzen und sie ordnen dieselben sogar mit sehr viel Geschmack. Die syrische Spechtmeise geht noch iveiter. Sie sammelt mit großen» Eiset buntschillernde Jnsektenflügel und polstert dainit ihre Wohnung aus. Der indische Fliegenschnäpper »nacht es ebenso, nur nimmt er abgestreifte Schlangenhänte dazu. Der afrikanische Haminerkops schmückt die Umgebung seines auf flacher Erde liegenden Nestes mit Schneckenhäuser»», Knochen und Glasscherben. Wu>»derbare Bauten verfertigen die Laubenvögel Australiens. Sie errichten vollkoinmene Bogengänge aus Zweigen, in denen sie zu übermüthigsteu, Spiel zusaninienkommen. Die Laube der braunbrüstigen Art ist beinahe vier Fuß lang, achtzehn Zoll hoch, und ruht auf einer dicken Unterlage von Stäbe»». Der Atlaslaubenvogel schmückt seine» Bau mit bunten Papageieuseder» und Muschel». Die La»be_ der gefleckten Artist mit lange» Grashalmen gestreift, deren Spitzen sich fast berühren. Rluide Steinchen müssen die Halme festhalten. Der Prinzenvogel verziert seine Laube»»i» rothen, schwarzen und blauen Beeren, auch kleine Land, nuscheln und Blümchei»»verde» von ihm verivendet. Wenn die Bogelschaar in lustigen» Tanz durch diese �Spielhäuser" tollt, reißen die einzelne» Vögel Steine, Muscheln und Federn heraus u»ld ordnen sie unausgesetzt anders a>».— Ai»s dem Pflanzenleben. --- Der Matv» oder Paraguay-Thee(Ilox para- guayensis) spielt in manche» Gegenden Südainerila's etwa dieselbe Rolle,»vie der chinesische Thee bei den Russen. Vor einiger Zeit »vurde nun berichtet, daß i» Südainerika die von der Hand des Mensche» ausgesäeten Samen nicht keimen wollte». Nu»»veiß»na». daß die Jesuiten-Missionen Uruguays große Mato-Pflanzungen besaßen, demnach Mittel kenne» innßteu. die Samen keimfähig zu mache»,»n» Anpflanziinge» des danach so benannten Jesniten-Thees zu erhalte». Ein Franzose. Herr Thays. Direktor der öffentlichen Gärten von B»le»os-Ayres, stellte darüber Stach» sorschungen an und fand, daß die Same» vorher den Darinkanal geivisser Vögel passirl habe» müsse»», ehe sie keime». Bei uns»vird dasselbe Verfahre»(namentlich in England) angeivandt, um keim- sähige Samen für Weißdorn-(Crataegus-) Hecken zu erhalte». Thays machte nun»vettere Versuche, um zu entscheiden, ob es die Magensäfte der Vögel sind, oder schon die Wärme des Berdanungs- kanals allein die Keimfähigkeit der Samen befördert, nnd da er das letztere fand, begnügte er sich dainit. die auszusäenden Samen vorher eine Zeit lang in»varmes Wasser z» legen.— Technisches. — Ein Fortschritt der Beleuchtnngstechnik ist dnrch die Erfindung des Prof. Dr. Nernst, Direktors des elektro- chemischen Instituts in Götlingen, erzielt,»velche einen neuen Sieg der Elektrizität bedeutet. Dieses neue Licht beruht aiif der Wabr- »ehniung, daß gewisse Nichtleiter der Elektrizität, Kaolin, Magnesia u. f.»v., bei einer höheren Temperatur leitend»verde»», alsdann durch einen elektrischen Strom zur Weißgluth gebracht»verben können und ein schönes, gleichmäßiges und ruhiges Licht ausstrahle». Dr. Sterilst verivendet bei seinen» neuen Lichte feuerfeste Cylinder ans gebrannter Magnesia und gelangt bei gleicher Lichtstärke zu nur einem Drittel des bei der bisherigen Glühlampe erforderliche» Stroinverbrauches. Während bisher der Preis pro Kerzenstärkenstunde über 3 Pfennig betrug,»vird sich nach der neuen Beleuchtling der Preis ans et>va 1,3 Pfennig belaufen.— — Pulver von Brandpilzen als Malerfarben. Zu dy» schlimmsten Feinden unserer Getreide- Arten gehöre» die Brandpilze, die die Aehren mit ihren» schwarzen oder braunen Sporenpulver erfüllen. In der englischen Zeitschrift„Natnre" empfiehlt David Paterson in Laabank(Midlothian) de» Haferbrand als Malerfarbe. Das Sporenpulver dieses Brandpilzes giebt ein tiefes und reiches Umbrabraun, das sich zuweilen im Tone der Sepia nähert. Uin seine Widerstandsfähigkeit gegen Licht und Witterungs- einflösse zu prüfen, wurden von Paterson Versuche ausgeführt. Er trug den Farbstoff als Wasserfarbe auf Papier auf, setzte dies»»ehrere Monate lang dem Sonnenlicht ans nnd fand, daß er sich nur ganz unbedeutend verändert hatte. Im geivöhnlichen milden Tageslicht(»vie es zum Beispiel in einen» gut erleuchtete» Zimmer herrscht) bleibt die Farbe gänzlich unverändert. Da das Pulver trocken und leicht ist, muß es zur Her- stellung von Wasserfarbe erst mit einigen Tropsen Alkohol an- geseuchtet nnd dann mit Gummi und Wasser gemischt»verde». Nach einer Mittheilung des englischen Pilzforschers Marshall Ward be- findet sich übrigens»n Botanische» Museum zu Ke>v eine Zeichnung, die mit dem Brandpuluer vom Weizen genialt ist. In Japan hat die Keinilniß von der Brauchbarkeil der Brandpilze als Färbemittel allgemeinere Verbreitung erlangt; denn»vie Dietel in Engler's „Natürlichen Pflanzensauiilieu" aiigiebt, verwenden japanische Frauen das olivenbrauue Pulver eines Brandpilzes(Ustilago esculenta) dazu,»im dünne Augenbrauen durch Uebernialen damit krältiger er- scheine» zn lassen.—(„Tägl. R.") Humorisiisches. — Die nn rechte Tasche. Zwei vornehm gekleidete Damen besteigen die Pferdebahn, die schon sehr besetzt ist; anderthalb Sitze lassen sich noch entdecken und diese genügen, da nur die ältere Dame etivas zur Leibesfülle neigt, die jüngere dagegen destoiveuigor Platz einnimmt. Als es zum Bezahlen kommt, lehnt sich die Stärkere ein »venig ans die Seite nnd beginnt ihre Siocksalten nach der Tasche zu durchsorsche». Einige Minute» vergehen in atheinloser Stille. Das Gesicht der Suchende»„imml allmälich eine iuimer dunklere Färbung an, nnd plötzlich hört man den Ausruf:„Laura, ich bin destohlen! Meine Börse ist fort— meine Tasche ist vollkomiuen leer..." Da räuspert sich der »eben der Dame sitzende Herr nnd meint phlegmatisch: „Vielleicht haben Sie die Güte, in Ihrer eigenen Tasche nachzusuchen, Ivo Sie Ihre Börse schon finde»»verde». Meine Tasche ist allerdings ganz leer."— — Auf dem Ball. Dame: Wissen Sie, mein Herr. Sie sollten»virklich versuche», etums Abivechselung in die Art Ihres Tanzeus zu bringen. Herr: Wie meinen Sie das, mein Fräulein? Dame: Slu», Sie könnten hin und wieder»sal ans meinen linken Fuß treten, der rechte hat thatsächlich schon genug abbekommen.— — Ein höflicher Man n. Todtkranker zu»» Arzt: „Daß ich Sie iveiter Net gratifiziren kann, Herr Doktor, das wisseu's ja. Aber thnn's mir doch die Freud' an und konuneu's zu meiner Leich'."(„Simplicissimus".) Vermischtes Uoin Tage. — Der Steuermann und ein Matrose de? deutschen Schiffes„Johanna" ertranken bei Brate beim Kentern eines Segelbooies.— — Das Schwurgericht in K o r n e u b u r g hat die Maria Edle von Kadolitsch,»velche die Geliebte ihres Mannes mit Bitriol schiver verletzt halte, freigesprochen.— — Im chemische» Laboratorium des Polytechnikums i» Zürich trat am Montag eine heftige Ex- p l o s i o n ein. Ein Student erlitt schivere Brandwunden.— — Das Stück„Prozeß Zola" darf in Amsterdam nach ziveimaliger Aufführung nicht weiter gespielt»verde». Das Publikum halte lärmende Manifestationen veranstaltet. Die Dar- stellet Zola's und Labori's erhielie», wenn sie sprachen, lebhasten Beifall, Esterhazy»vurde heftig ausgepfiffen. Das Stück„ D r e y« f u s" findet dagegen steigenden Beifall.— c. e. Einer seinen Obrigkeit scheint sich das Städtchen Sant' Angelo in der Lombardei zu erfreuen. Wie italienische Blätter melden, ivurdeu dort vor einigen Tagen der Bürgermeister. der städtische„Assessor", der Stadtsekretär und ein Advokat als Mörder eines geivissen Oiivieri verhaftet. Der Mord geschah im August 1837.- — In Middlesborough(England) treten die Blatter» sehr stark auf; bis zum Souniag sind 810 Erkrankungen vor- gekommen.— — Vor einem Monate trat in London ein Manu mit einer Erfind»»» g an die Oeffentlichkeit. die durch sinnreich angebrachte elektrische Ströme das unbefugte Oeffueu einer Thür und eines Fensters unmöglich»nachte, denn in dem Augenblicke der Oeffnung verursachte der Slpparat einen heillosen Lärm. Jetzt hat der Erfinder die Probe aufs Exempel gemacht. In seiner Wohnung ist er nämlich von Dieben besucht»vorden,»velche den Inhalt seines GeldspludeS milsamult dem„automalischen Polizisten"— so nannte er die Er- sindung— gestohlen haben.— — In C h a r l e s t o»v n vernichtete eine F e»l e r s b r u n st einen meist von Arbeiten» beivohnte» Eladttheil. Vier Personen kamen ums Leben.— Veranlivortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.