Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 46. Sonntag, den 6. März. 1898. (Nachdruck oerboten.) 6] Ätn hsuslichen Herd. Roman von Iwan Franko. Manchmal bemerkte sie noch, daß sie deshalb nicht weitläufig schreibe, damit er bei seiner Ankunft eine un- erwartete Freude habe. Dieses Ziel hatte sie zweifellos er- reicht, und das nmsomehr, als der Hauptmann sich nicht einmal erinnerte, daß sie je von Julie, jener Freundin— die wie sich herausstellte, täglicher Gast im Hanse war— etwas geschrieben hätte. Julie gefiel ihm nicht. Es war etwas Ver- stelltes, Aengstliches in ihrem Gesichte, in den Augen, in ihrem ganzen Wesen. Ihre Bewegungen waren gezwungen, die Stimme unnatürlich. Der Hauptmann faßte seine Eindrücke in dem Urtheil zusammen, daß sie wie eine Person aus- sehe, die sich abgewöhnt habe, in ordentlicher Gesellschaft zu verkehren. Welch' ein Kontrast gegen seine Frau! Doch Gegensätze ziehen einander an, und der Hauptmann hatte von seiner Frau einen viel zu hohen Begriff, als daß er einen Augenblick angenommen hätte, daß sie einer unwürdigen Person Eingang bei sich und den Kindern verschaffen könnte. Dennoch blieb in seinem Herzen der Stachel einer Unruhe und Angst zurück. Ter Hauptmann lag noch ans dem Sopha, rauchte seine Cigarre und blickte sinnend zum Plafond hinauf, als die Thüre sachte aufging; augenscheinlich war sie schon vorher geöffnet worden, während er noch schlief— Angela trat herein.„Schläfst Du nicht mehr?" fragte sie. „Bleib doch liegen!" Mit entzückendem Lächeln schob sie einen Sessel näher und setzte sich neben ihn. Liegend nahm er ihre Hand und drückte sie an die Lippen. „Wie hast Tu geschlafen?"„O, ganz wunderbar. Habe ich lange geschlafen?"„Beinahe zivei Stunden. Jetzt ist's halb vier," sagte sie, indem sie eine kleine, elegante, goldene Uhr herauszog, die der Hauptmann vordem bei ihr nie bemerkt hatte. Der unsichtbare Skorpion regte sich bei diesem Anblick wieder in seinem Herzen. Angela errieth seine Gedanken und versetzte ihm lächelnd einen Schlag auf die Schulter. „Weshalb wirst Du blaß 1" fragte sie ganz unbefangen. ,Hast Tu Deine alte Gewohnheit behalten, mich zu ver- dächligen, ohne selber recht zn wissen, warum? O, Du un- verbesserliches Kind, Dn!* Das Gesicht des Hauptmanns überzog sich niit Scham- röthe.„Verzeih' mir, Engel," bat er.„Ich erinnerte mich, „daß Tu mir in Um Briefen so oft von unverhofften Dingen gesprochen, die Ü!> bei meiner Rückkehr vorfinden würde, und in der That, ich finde ihrer eine solche Mcngc... Alles was ,ch da sehe, ist so neu, so unerwartet." „Und da dachtest Dn gleich: Da muß irgend eine Schuld meiner Frau dahinter stecken?!" „Angela!" rief der Hauptmann, und bedeckte ihre Hand wieder mit heißen Küssen,„ivie kannst Dn nur so reden! Ich schwöre Dir bei meiner Ehre, so etwas ist mir auch im Traum nicht eingefallen. Dn weißt doch, wie ich Dich liebe, mehr als mein Lebe». Dich einer unehrenhaften Handlung ver- dächtigen, das hieße ja die Axt an die Wurzel meines eigenen Glückes legen." „Warum also erblaßtest Dn, als Dn meine Uhr er- blicktest? Sei aufrichtig! So viele Jahre waren wir von ei»- ander getrennt. Diese lange Pause kau» für uns zum Aus- gangspnukt eines neuen, glücklicheren Lebens werden, sie könnte aber auch einen dunkeln gähnenden Abgrund bedeuten, der uns für einig trennt." „Um Goltcsivillen, Weib, was sprichst Dn!" rief tief er- schrocken der Hauptmanu. „Tu siehst, ich scherze nicht," sagte Angela.„Ich habe Zeit gehabt, das Leben in seinen dnnkclu Tiefen z» ergründen, habe gründlich nachgedacht und bin zur lieber- zeugung gelangt, daß, falls es zwischen uns irgend ivelche Geheimnisse, irgend eine Quelle gegenseitigen Mißtranens geben sollte, es besser wäre, gleich wieder aus- einander zn gehen, als uns das Leben zn einer Qual zn gc- stalten." „Aber meine Theure! Wie kommst Du zu solchen Worten? Weißt Dn denn nicht, daß ich keinerlei Geheimnisse vor Dir habe?" „Auch ich will keine vor Dir haben!" rief Angela eifrig. „Ich will von Dir nicht verdächtigt werden. Hegst Du irgend einen Zweifel, so sage ihn offen heraus.. Ich fühle mich so rein, so rechtschaffen, daß ich keinen Vorwurf fürchte, wenn er mir nur offen ins Gesicht gesagt ivird." „Angela, Angela!" rief der Hauptmann voll Verzweiflung über ihre Worte.„Bei Gott! Ich habe Dir ja nichts vor- geworfen, habe Dich nicht verdächtigt— Gott ist mein Zeuge!" „Du erblaßtest beim Anblick dieser Uhr." Sie zog sie heraus und reichte sie ihm.„Sieh sie genauer an! Lies die Inschrift ans dem Deckel. Jeyt siehst Dn, daß ich sie vom Großvater geschenkt bekommen. Er wollte nichts von uns hören, als ich Dich heirathetc, aber schließlich ließ er sich ver- söhnen." „So, also er war es. der Euch an die Hand ging?" rief der Kapitän erstaunt und ließ die Blicke rings herum schweifen.> „Ja, wir haben ihm so manches zu verdanken, obwohl Du doch weißt, wie hart er ist. Besondere Freigebigkeit kann man ihm nicht gerade zum Vorwurf machen." Jetzt erst erinnerte sich der Hauptmann an den Großvater seiner Frau, einen alten, reichen Wittwer, den Eigenthümer einiger Fabriken und Häuser in Krakau. In den Erimicrnngen des Hauptmanns spielte dieser reiche Großvater beinahe gar keine Rolle. Als der Hauptmann Angela bei entfernten Ver- wandten in Lemberg kennen gelernt und ihre Gunst errungen hatte, stieß er ans harten Widerstand von feiten ihres Großvaters Kurier. Er wollte sich nach Krakau zu ihm begeben, doch Angela rieth es ihm ab, behauptete, daß er damit imr die Sache verschlimmern würde, da der Großvater dem Militär überhaupt sehr abhold wäre. Sie nahm es ans sieb, seinen Widerstand zn besiegen, und es gelang ihr auch. Da Angela kein eigenes Vermögen besaß, so gab ihr Knrter nur so viel, als die vorgeschriebene Offiziers- kantion betrug, und erklärte, da sie gegen seinen Willen hcirathe, ihr nichts iveiter geben zn ivollen.' In diesem Geiste war auch sein erster und zugleich letzter Brief an das junge Paar versaßt, welcher außer dem Glückwünsche noch den Zusatz enthielt, daß sie von nun an jede Bekanntschast mit ihm aufgeben sollten, da er sie auch nicht mehr kennen noch sehen wollte; sie sollten es auch nicht wagen, an ihn zu schreiben, oder in irgend einer Sache auf ihn zn zählen, denn ihm würde es imr llnannehmlichkeitcu bereite», und ihre Briefe würden sie nngclesen zurück erhalten. Sonst wünschte er ihnen Glück und bestes Wohlergehen. „Er ist kein schlechter Mensch, sogar verständig und edel- gesinnt, doch ist er ein Sonderling und ungemein hartnäckig," pflegte Angela zu sagen.„Er verfiel in Krakau dem Einflüsse einiger Betschwestern, deren sich die JesilUcn als Werkzeug bedienten, um sein großes Vermögen an sich zn reißen. Daß wir von ihm nichts weiter zn erwarten haben, davon bin ich völlig überzeugt." Sie erwarteten denn auch nichts mehr lind lebten, wie sie eben konnten, bis die Verhältnisse sie für ganze fünf Jahre trennten. Kein Wunder also, daß der Hauptmann nun mit Erstaunen, aber auch mit großer Erleichterung die Nachricht vernahm, daß der Großvater sich mit Angela versöhnt hatte. „Nun siehst Dn, siehst Dil!" sprach der Hallptiilauil mit leichtem Vorivurf in der Stimme.„Warn», sich ereifern? Natürlich unißte ich mich ivnnderil darüber, ivoher Dn zn diesem Luxus gckominen. Das erste Stockwerk, Spiegel, Mahagviu- mübcl, Bärenhäute, eine goldene llhr— nild dazu mein be- scheideucr Gehalt, der für zivei Wirlhschaflcn hinreichen mußte. Ich wollte nm Erklärung des Rälhsels fragen, ivar das was Schlechtes? Nim, und ein einziges Wort von Dir genügte, nm alle Zweifel zn lösen." „Sei nicht zn leichtgläubig!" sagte Angela wieder nlit der strengen Miene eines llutcrsuchiuigsrichters.„Baue nicht allzuviel ans ein einziges Wort, verlange Beweise!" „Aber Angela— willst Du denn, daß ich eine Kriminal- untersnchllug einleite?" „Ich würde es vorziehen, daß Du es jetzt gleich thnst, wo Dein Blick noch hell und Dein Geist nicht vorringenommei, ist." „Glaulist Du, ich könnte mich veräuderi» fragte der Hauptmann mit einer gewissen Bitterkeit. „Hör' mich, Anton," sagte Angela, sich zu ihm aufs Sopha setzend und seinen Hals umschlingend,„sei nicht böse darüber, was ich Dir sagen werde. Ich liebe Dich, Anton, ich liebe meine Kinder— unsere Kinder, Anton— mehr als mein Leben, mehr als meine Sceligkeit, könnte ich beinahe sagen, und eben weil ich Dich so liebe, möchte ich, daß das Glück, welches die Liebe uns bieten kann, durch nichts getrübt werde. — Wünschest Du das nicht auch, Anton?" „Wer könnte so etwas nicht wünschen?" sagte er, sie an sich drückend. „Nun so höre mich. Ich weiß es wohl, jetzt nach Deiner Rückkehr werden früher oder später verschiedene Lügen- und Klatschgeschichten zu Dir dringen. Ich zweifle nicht daran, daß sich Leute finden, die mir ins Gesicht schnieicheln und hinterher mich mit Koth bewerfen, mich in Deinen Augen zu er- niedrigen trachten werden." „Angela! Und kannst auch nur einen Augenblick denken, daß ich so gemeinen Verleumdungen Gehör schenken könnte?" „Rühme sich der Starke nicht allzusehr seiner Kraft und der Kühne nicht seines Mnthes!" sagte düster Angela.„Sprich nicht so, mein Thenrer! Spricht man von Möglichkeiten, so dünkt dem Verständigen alles möglich und andererseits auch alles unwahrscheinlich. Darum ist es besser, im Vorhinein alle Voraussetzungen, die niich kränken könnten, zu entfernen." (Fortsetzung folgt) SonnkÄgsplsrudevei. Es ist neuerdings Brauch geworden, mit dem Begriff Pöbel viel »m sich zu werfen. Wo irgend eine unbequeme Erscheinung den Leuten zu schaffen macht, der Pöbel wird vorgeschoben. Ja, es werden tiessiunige Untersuchungen darüber angestellt, wo der Janhagel ligentlich am verderbteste» sei, ob London, ob Paris, ob Reiv-Iork oder Berlin den Vorzug verdiene, t Der viel berufene und viel mißdeutete Pöbel mnßte schon vor fünfzig Jahren ebenso dazu herhallen. Unbequemes von sich ab- zuwehren, und in der berühmt gewordenen Heidelberger Sitzung der vi Vaterlandsfrennde von 1848 warnte der hessische Politiker Herr v. Gagern eindringlich vor dem Pöbel, vor dem Liebäugeln mit deni Pöbel. Was ist nun eigentlich das tausendköpfige Pöbelungebener? I» den Augen seiner Beurtheiler schillert es in den merkwürdigste» Farben. Heute ist es die verächtliche Kanaille, die man durch Herrenblicke, durch energisches Kommando bannt und meistert; morgen wird es die entsesselte Furie, Wahnwitz und Mordbegier in den unheimlich blitzenden Augen. Manchmal ivird es geradezu komisch, wie rasch nach den jähe» Stimmungen des Beobachters auch die Anschauungen über„den Pöbel" wechseln. Heute bekommt der Pöbel von X. eine Belobigungs- Nummer, morgen wendet man sich vom selben Pöbel mit Angst und Schaudern ad. Einmal versucht man die Elenden der Straße romantisch zu verführen, ei» ander Mal ist man mit blindem Eiser drauf los, sie als völlig entmenschte Kreatur darzustellen. Es hat Zeiten gegeben, wo jeglicher Pöbelhasser Stein und Bei» daraus schwor, einen wüstere», rüderen Pöbel als ihn unser Berlin aufweist, gäbe es in der ganze» Welt nicht mehr. Gegen- wältig ist der Berliner Pöbel unmodern, sozusagen. In Berlin ivar in der jüngsten Zeit nicht viel los. Im Augenblick muß der„Pöbel von Paris", ein völlig entartetes Geschlecht, aller Menschlichkeit bar, die Schläge einstecken. Er ist heute der Prügelknabe. Man konnte ivahre Jeremiade» über ihn lesen. Wo ist die altfranzösische Lustigkeit hin, deren Uebermnth einst auch das niedrigste Etraßenlebcu verschönte? Was ist aus den Sündern und Sünde- rinnen der Nacht geworden, deren böse Flatterhaftigkeit doch früher noch einen gewissen pikanten Anstrich hatte? Welcher wilde,»n- sagbar freche Ton ist in den Nacht- Cafö's und in den Tanzlokalen von Mont-Martre eingerissen? Die schlimnisten Instinkte sind wach geworden. Der Pöbel grinst den Wohlgckleideten in der schcusäligsten Weise an. Immer gab die Stimmung der Einzelnen das Maß des Urtheils über den Pöbel an. Als unklare,»»gereiste Schwärmereien Iür die Elenden der Straße ausiauchten, da wurde ei nicht wenigen Bürgern der Pöbel wie mit senti- mental verweinten Augen angcschant. Das Blatt hat sich gründlich gewandt. Wenn heutzntage irgendwo an einem gesell- schasrlichen Körper eine Erschütterung wahrgenommen wird, so ver- wünscht und verflucht man den„Pöbel", diese unfaßbare Menge, die„aus dem Straßenpflaster der Großstadt im Nu emporzuwachsen scheint." Und im Grunde ist das, wofür man den Begriff Pöbel fand, kein räthselhastes Ungeheuer. Es ist auf dein Grunde jeder Groß« stadt unter ganz gleichartigen Bedingungen geboren und groß ge- worden. Man braucht es weder mit den» Bergrößerungs- noch mit dem Verkleinirungsglas anzusehen, wie es die schlottrige Angst oder das schneidige Dranfgnngerlhnm halten; es ist ebcuko kindisch, den heutigen Pariser» das ivohlanständige Berlm als Muster vorzuhalten, soivie es thörichl war, bei Berliner Radauszeiien anszurnfen: Derlei Noivdythum ist nur in Berlin möglich! Denn der sogenannte Pöbel in verdammt»venig von einander unterschieden. Wie er gleichartig sich bildet, so trägt er an allen Orten gemeinsam verivandte Züge. Er bildet stets nur den Chor im Lauf der Begebnisse, sagen»vir, den verivilderteii un- rhytniischen Chor. Wo Sturm geläutet ivird, fliegt er auf; ist das Geläute zu Ende, stiebt er anseiiiander. Das Wesentliche an ihn» ist die Scheu vor jeder ziveckbeivnßle» Organisation. Er ist ein Erregungsinoment in erregten Zeilen, nichts»veiter. Der anarchische Haufen stellt seine Lungeukraft und seine Handlung jedem lärmenden Begegniß ohne Wahl, ohne Ziel zur Versügung. Etivas Nächtliches lebt in diesen» Haufen, selbst ivenn er bei helllichiem Tage erscheint,»vie er in Paris eben erschienen»var. Er hat keine rechte Borstellung von dein»vas geschieht. Wie er völlig unorganistrt anftancht, so ist er sich seiner selbst nicht bewußt. In organisuten Kreise» ist sein Platz eiiigeengt und kein Volks- schmeichler, sondern ein nüchterner Beobachter Berliinschen Lebens war es, der die Alimerkniig that: Dort, Ivo die Sozialdemokratie am unmittelbarften zu wirken verstände, verringere sich im allgemeiuen der Ton der Pöbelhaftigkeit in de» Masse». Es ist auch natürlich: Wer zur Selbstachtung angehalten wird, wer sich als ogmiisches Glied einer großen Gemeinschaft fühlt, der wird nicht in die Denk- und Empfiudiingsweise der Leute verfallen, die ihr Sein im ethischen Sinn ans nichts gestellt haben, die der Wind zusainmensegt und der Wind auseiuanderftrent. Die berufenen Vorkämpfer gegen„die Pöbelhaftigkeit" habe» neben ihre» Verstimiiiniigen, von denen aus sie die Dinge, wie jetzt »ach den Zola-Tagen i» Paris, betrachte», ihre besonderen Stecken- pferdche». Sie hätten in der Regel manchen triftige» Griiud, vor der eigenen Thüre rein zu machen. Tie Pöbelhaftigkeiteii der Jugend ans den besseren Ständen bilde» ja ebenfalls eine ständige Gerichtsrubrik und oft ist in diesen Blättern auf die milden Urlheilssprüche gegen stiidirende Rowdies. die wir in erklecklicher Zahl beherbergen, hingewiesen worde». Erst in de» jüngsteu Tage» kam der ungeheuerliche Fall, daß ein Student aus der Stadtbahn eine junge Dame vom Koupee auf das Schicnengeleise schleifte und sie i» Gefahr brachte, vor Gericht. Der tapfere Jniigliiig wurde zn einer Geldstrafe verurtheilt; uiau wollte ihm die Karriere nicht ver- derben. Auch auf der Stadlbah» wurde i» diesen Tagen ein Mädchen von zwei edle» Jünglingen nnfläthig belästigt. Der Fall kam schließlich nicht zur Anzeige. Da? Mädchen selber wollte, als es aus seiner schmählichen Lage befreit»var, den junge» Leulen weiter nicht schaden. Wenn es nun wüllich Arbeiter gewesen wären, das Halloh über die znnehniende Verwilderung des Pöbels hätte ich gern gehört. Die Karriere! Wie viel iveiiierliche Nachgiebigkeit ivird um dieses Begriffes willc» geübt, statt daß der Kampf ums Recht dnrchgesochte» iviirde. Der junge Mensch, der Karriere machen dars, ist ohnedies begünstigt. Wenn er auf seine Laufbahn achten will, so muß er doch auch jene Disziplin in sich üben köiliien, die»na» vom einfachsten Soldaten verlangt. Er fühlt sich aber in seiner bevorzugten Stellnng wie in einem Herrenrecht ohne Pflichte». Er ergiebt sich mit eiiiem ge- ivissen Behage» dem Roivdythnm; de»» er denkt sich: Es ist ja gerade nicht augenehili. vor der Oeffentlichkeit abgekanzelt zn werde». Aber am Ende wird die Karriere doch geschont, man riskirt einen kleinen Schrecken und— Jugend will eben auslobeii. Zn dem beliebtesten Sleckenpferdche» der Heerrufer wider den Pöbel und seine vernieiiitliche Herrschaft gehört die— Anti- Vivisektion! Das schreckliche Fremdworl wäre niedergeschrieben. Die„Anti-Vivisektionisteu" sind zärtlich fromme Gemüther. Wenn sie«inen Karrengaul vor Frost zittern sehen, kranipft sich ihr Herz zusammen; mid wenn ihnen in der Fricdrichstadl in iviiilerlicher Nacht ei» blasses Kind nachhumpell und ihneu Wachsstreichhölzer anbietet, so drohen sie„dein Lästigen" mit Stock oder Regeiischiri». Sie sagen, die rauhe Behandlnng des lieben Viehes führe zur Ver- pöbeliing der Sitte». Sie heben also aus einer Menge von Ullistände» einen Faktor, der ihnen gerade ans Herz gewachsen ist, heraus; nnd am meisten sind sie darum erbost, daß eine falsche Wissenschast Frösche. Kaninchen nnd Hunde als medizinische Versnchsobjekle beiiiitzt. Dilettantisch kann die Frage, inwieweit wir die Versuche am lebende» Thier nicht entbehren können, gewiß nicht gelöst werde». Das ist Sache der Fachwissenschaften. Aber die Seele eines Anti> Vivisektionisten fühlt die Leiden eines Frosches wie de» eigene» Schmerz; und er tritt vor die OeffeiUlichkeil und erhebt Klage wider Mord nnd Mörder. Er klagt die Wissenschaft an, soivie deren falsche Propheten. Er donnert gegen die Volks- Verrohung, die durch die Vivisektion in hervorragendem Maße be« fördert»verde; kurz alle Stürme, die das Gemüth eines Wohllhätig- keilk-Bereinlers aus dem Gleichgewicht zu bringen vermögen, sind entfesselt. Solche Stürme beivegten de»» auch die dochwogende Brust der Berliner Portrailiimlerm Bilm» Parlaghy. Auch sie hat ein iiberzärtlidhes Gewissen; und so beschloß sie. wie Bertha Sultner i»»» Friedenöengel geworden, das Eiigelckeu der Anti-Biviseklio» zu ein. Sie beschloß dies»m so eifriger, als es still von ihr geworden war. von der Modckünstleriii. die noch vor wellige» Jahre» von höfischer Gunst beschienen war. Wem ein?lmt qegebc» i't, der verfällt leicht nvf allerlei kuriose. Dinge; und so verfiel unser Engel der Anti-Viviseklio» nnjr- Dichten. E� ging ibr dnbei, wie de» Pinlschgnncr Wnllfnhrern init dein Singen.„Sie knniilen's hnlt nit gnr schön." Aber ein sangesfroher Mensch, was inachl sich der daraus. I Ii m ist's eben ivohl, wen» er singt. Und im Ueberschivnng ihrer Dichtersrende sang sie einen Gesinniiiigsgenosse» von der Anti-Viviseklio», de» Stenerjauberer und Stenerentlocker Herr» v. Miqnel an, der es nun einmal nicht diilde» mag, daß irgend einem«nverniniflige» Thierchen was z» Leide geschehe. So ist er einmal, unfcr Sparminister! Frau Parlaghy also ging voll Begeisterung an die Arbeit und dichtete ein Gedicht von viele» Strophen mit dem wiederkehrenden Endvers: Der liebe, der giire, der edle v. Miqnel." Ten Finanzniinister, dein derlei Töne fremd sind, soll die Neberschwenglichkeit von Frau Parlaghy bis zu Thränen gerührt haben; und nntcr den Ehrengaben, die ihm der 70. Geburtstag brachte, war ihm der Sang an Miqucl, von holdem Franengeist ersonnen, ain werlhvollstcn. Frau Parlaghy aber, von der es so bedenllich still geivorben war, kann wiederum lachen. Sie hat wenigstens eine Berühmtheit geivonnen, die Witzblall-Berübmlheit.— Alpha. TNetttrs — Die Körpergröhe der Frauen. Die schottische Schrift- stellerin Mary Tennyso», die an der Universität zu Brüssel den Grad eines Doktors der Medizin erlangte, aber bisher ihre Kennt- niss« meist ans völkerphysiologische Studienreisen verivandte, hat so- eben ein Buch veröffentlicht, worin sie die Lebensfähigkeit und die körperlichen Eigenschasten der Frauen der einzelnen Länder Europas miteinander vergleicht. Sieshal außer den britischenLändernSkandinavien, Teutschland, Frankreich und die Mitlelmeerslnate» bereist und sich überall ei» reiches slaliflisches Material zu verschaffen gewußt, ans dem sie ihre Schlußfolgerungen zieht. Mehrere Abschnitte des Buches widmet sie der Frage, welches Land im Durchschnitt die größten Frauen habe, und konnnt hierbei zu folgendem Ergebmß: Es giebt gegenwärtig kein Volk in Europa, das sich rühmen kann, »n allgemeinen größere Frauen zu besitzen als ei» anderes Boll. Nicht einmal die althergebrachte Meinung, daß die Frauen des nördlichen Europas durchschnittlich größer seien als die des südlichen Europas, kann wissenschaftlich als richtig zu- gelassen werden. Während ihrer Abstaminung nach Engländer, Schotten und Iren sehr verschiedene Volksstäinnie sind, so er- geben doch die eingehendsten Berechnungen über die an Mädchen und Frauen vorgenommenen Messungen im Durchschnitt eine völlig gleiche Körpergröße, und nicht einmal zwischen der Stadt- und Landbevölkerung läßt sich auf dem britischen Juselreiche ein Unterschied in der Größe der Frauen nachweisen. Nur einzelne Gegenden inachen hierbei eine?Iusnahme, indem sich bisweilen kleinere Ortsbezirke durch ein körperlich rüstigeres und größeres Frauengeschlecht auszeichnen. Meist sind dies Gebirgsgegenden, aber auch in ganz ebenen Gegenden kommen solche Orte vor. Ganz dieselben Beobachtungen hat die Berfasseri» in Slandinavien und Dentschland gemacht. In Schwede» fand sie einige Bezirke mit großen Frauen ganz im ebenen Lande, ähnlich ivie auf einigen dänischen Inseln; dicht daneben giebt es Orte und Bezirke, wo Frauen mit einer Größe von IKS Zeuti- melern schon zu den Seltenheiten gehören. Im Durchschnitt stehen die Frauen Skandinaviens an Größe den Frauen des mittleren Frankreich gleich. In Deutschland fällt der Bersafserin auf, daß eitizelue Gebirgsgegenden am Harz, am Mittel- rhein und am Schwarzwalde große Frauen haben, während in den schlesischen, sächsischen und fränkischen Gebirgsländern die Frauen wesentlich kleiner sind. Auch die Alpenländer haben meist kleine Frauen, ivährend in den Karpathen Gegenden mit überwiegend großen Frauen angetroffen werden. Im östlichen Südsraukreich sind die Franc» kleiner als im westlichen. den Pyrenäen zuliegenden Tlieile Frankreichs. Im nördlichen und im südlichen Spanien sind die Frauen etwas größer als im mittleren Spanien, und ans Sizilien findet man Italienerinnen, die an Größe den Frauen in pommerschen und holsteinischen Land- bezirken völlig gleichstehen. Auf der Ballanhalbinfel findet man unter den Albanesen sehr große Frauen; auch die unteren Donau- länder haben Landbezirke mit siattlichcil Fraiieugestalte». während das russische Flachland meist kleine Frauen zeigt. Auch in dem nördlichen Rußland sind die Frauen klein, und nur die Frauen der baltischen Länder und des Weichselgebietes erreiche» die Durchschnitts- größe der deutschen Frauen.— — Die Graphologie, die naiiientlich in letzter Zeit so viel« Mißerfolge zu verzeichnen gehabt, ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Aus einer vor ca. 20 Jahren von einem sranzöstschen Spezialisten in diesem Fach veranstalteten Nachforschung geht hervor, daß bereits Demetrius von Pbaleras, der Dichter Mcnander, Aristoteles und Dion von Halikarnaß aus der Handschrist den Charakter des Schreibers lesen zu können glaubten. Im Mittelalter findet sich die Ansicht, daß genaue Punkte auf dem i einen', eigenen, auf Detail achtenden Menschen eigen wären. Später legte Shakespeare einem seiner Helden folgende Phrase in den Mund: Gebt mir die Handschrist einer Frau, und ich werde ihren Charakter nennen. Im Jahre 1662 erschien i» Paris ein kleines Lehrbuch über die Graphologie, da? zivci Jahre später ins Lateinische übertragen wurde. Auch Ludwig XIV. ließ zu verschiedeucii Malen seine Handschrist charakterisiren. Sehr dös für den„Eoi soleil" fiel das Nrtheil eines»lännlichen Schriftexyerte» aus, dagegen fand eine schriitverständige Danie in der Handschrift des Königs große Ge- rechtigkeitsliebe. Man sieht, auch damals schon waren die Experten uneinig. Pigault-Lebril», Lavater, Walter Scott, Balzac, Marlin, Abbö Flaiidrin u. a. m. haben sich ebenfalls eifrig mit der Grapho- logie beschäftigt.— Literarisches. — Ein literarischer Prozeß. Im Denlscheii Kunst- Verlage Gerhard Wauer in Berlin erscheint ii» April eine Scherz- n»»»uer„Alter", in welcher sich die bekanntesten Mitarbeiter der Münchtver„Jugend" selbst oder gegenseitig in tollster Laune paro- dircii. Neuerdings hat nun die lltedaktion der„Jugend" ihre» Mit- arbeiler» verboten, in genannter Nummer Beiträge zu veröffentlichen. Da dieselben aber bereits geliefert waren, auch ihre Drucklegung schon vorbereitet war. so konnte der Herausgeber de» Wünscheu der Künstler wegen Ziirückziehnng ihrer Beiträge nicht mehr e»t- sprechen, und so• erscheint diese Scherziiununer unter dem Proteste ihrer eigenen Mitarbeiter. Uebrigens gewinnt es den An- schein, als würde sich ans der Angelegenheit noch ein interessanter literarischer Prozeß zivischen dem Verlage der Müncheuer„Jugend" und dem Deutsche» Kunstverlage enuvickeln.— Musik. —er— Die Dänin Margarete Petersen besitzt einen Mezzosopran von breilem Bolnmen und versührerischem Ktangreiz; ob auch Geist und Blut in Wallung gerathen, das war bei ihrem Borlrage von Schumnnn's„Frauenleben und-lieben" kaum ver» nehmbar. Man erhielt statt ernster Kunst koiiventionclie Routine und reife Kokellerie. Weit stärkerer Schmelz einer mehr als gleich- gilligen Empfindung war den„ungarischen Liedern" von Ludwig Schytle eigen. Herr Schytte betheiligte sich an dem Abend mit der Interpretation einer Sonaie eigener Mache, die unwiderleglich bewies, daß das Sonateugenre nach Beethoven keine Adlerflüge unternehmen sollte. Allerhand roman» tisirende Lazzis solle» die Lebhaftigkeit der Gedanken, eine genialische Berwirrtheil die übersichtliche Formklardeit ersehen. In pianistifcher Beziehung zeigte sich der Herr ans Dänemark als ein unbarmherziger Rabenvater seines Geisteskindes.— Der„Lieder- und Balladen- Abend" des Herrn Willy Martin in der Singakademie war auf de» Gruiidton langweiliger Düsterkeit und monotonen Ernstes gestimmt. Des Sängers Baß- stimme, welche in den Fesseln nasaler Tongebmig schmachtet und vergebens über die Grenzen eines schmächiigen Unifanges hinaus- strebt, besitzt weder genügenden Nalnrreiz noch eindringliches geistiges Fluidum, um die tragischen Monologe eines ganzen langen Abends erträglich zu machen. Die ernst agirende Mittelmäßigkeit ist die nnerlräglichste.— Rein liebenswürdige Wirkungen erzielte die Violinvirtuosin Irene von Brennerberg in der Singakademie. Ter Vortrag giebt sich in hübschen. kleinen, erstannlichen Technike» ans, der Geist der Musik wird jedoch unter einer Menge virtuoser Artigkeiten kaum Körbar. Der Gesang der Romanze aus dem Wiciiiawski'schen v-moll-Konzerte, der ans Frauenherzen alles an Empfindung Vor- handene heraufholen könnte, durchbrach nicht mit einem Tone dieses konstant lächelnde, bis zum Uebcrdruß lächelnde Halbkünstlerthum. Einen neuen Zyllus von„Dolorosa"-Gesänge» von Friedrich August Dreßler brachte der Liederabend des Fräulein Cornelie Flu es im Bechsteinsaale. Alles, was dem gleichnamigen Liederkreise Jensen'« Charakter und dichterische Popularität verliehen, schwärmerische Melodik. tragisches Einpsiuden und rührende Resignation, nicht mehr und nicht weniger fehlt der Arbeit Dreßler's. Mit feine» harmonischen Seltsamkeile» verwundet er de» Stiiiniiuiigsgehalt der Gedichte ebensosehr, als er die An- sprüche auf ungeschminkte Charakteristik nicht zu befriedigen vermag. Frl. Fl»es sang die ärmlichen Lieder mit hübschem Ton- Material, Halbreiser Technik und ganz unreifer Seele. Ist denn das Podium die Zufluchtsstätte für Indifferenz nnd Temperamentlosig- keil?— Freundlichen Beifall für freundliche Durchschuitlsleistungen «rntele Fräiilei» Hedwig 3t ibbeck, eine harmlose Sängerin. welcher das Verdienst gebührt, das Publikiiin mit dem kleinen Violin- Hexenmeister P a l a f ch k« bekannt gemacht zu haben. Eine solche heldenhafte Eleganz der Bogenführung, eine derartige über die nnsgesuchtesten Schivierigkeilen leicht hinweg» ländelnde Technik in solchem Knadenalter ist selbst in unserer blasirten Wiinderkinderzeit etwas Erstaunliches. Als zweifellos beachtenswerlhes Talenr erschien auch der Violoncellist P e r c y Such in der Singakademie, der Stücke von Bach, Saint-Saens, Davidoff u. a. technisch und geistig mit den Mitteln einer kraftvollen und krafibewiißien Persönlichkeit wiedergab. Der Ton seines Instruments muß noch energischere Größe bekommen, dann braucht Herr Such keinen Rivalen zu scheuen.— Die Altistin Anna EggerS prodnzirte in der Singakademie einige sonore Töne des Brnstregisters als ihr ein- ziges, künstlerisch brauchbares Besitzthum. Alles übrige ist in de» Banden eines Dilettantisinns, der einen zu vollem Grimme darüber auflodern läßt, daß das schönste Material von gesangspädagogischen Praktiker» straflos ruinirt werden darf.— Gesundheitspflege. —ss— Die G e i a h r e n eines Haarfarbe in ittell Unsere Damen sollten Chemie stndire», ivenigstens wenn sie es für nöthig hallen, die natürliche Farbe ihrer Haare durch irgend ein Mittel zn„verbessern". Nach einer im„Pharmaceutical Journal" enthaltenen Nachricht müssen sie sich mindestens den schwierige» Namen Paraphemilendiann» merken und dafür sorgen, daß dieser Sloff in ihrer künstliche» Haarfarbe nicht vorhanden ist. Es sind nicht weniger als 13 Fälle in ganz kurzer Zeit beobachtet, in denen «in Mittel, das diesen Stoff enthielt, zn ichweren gesundheitlichen Schädigungen geführt hat. In einzelne» Fällen war mindestens das Jucke» und der Hanlreiz so stark, dap völlige Schlnflostgkeit eintrat; bei anderen waren die Folge» schlimmer: Schivellunge» der Augen- Uder, Geschwüre an der behandelten Stelle bis zn einem Hanlausschlag über de» Kopf, das Gesicht und sogar bis ans die Füße. Von de» 13 Fällen traten bei It derartige Folgen sofort»ach dein Gebrauch des Mittels ei». Diese schädliche Wirkung wird der Zer- setzung des Paraphenylendiami» zugeschrieben, durch die Chi»»» eut- steht, welches als starkes Neizmiltel bekauut ist.— Alls dem Thierlebeu. u. Geruchssinn einer Schnecke. Der Zoologe L. G. Adams sah eines Abends, da» eine grobe Wasserschnecke sich den ans Bohnen und Knochen bestehenden Ueberreslen einer Hunde- Mahlzeit näherte, welche sechs Fn» von ihr enisernl lagen. Um zu sehen, ob die Schnecke sich dem Mahle nur zufällig oder mit Absicht näherte, nahm er es von der Stelle, auf der es lag, iveg und legte es in einer anderen Richtung, ebenfalls sechs Fuß von der Schnecke entfernt, nieder; sofort änderte das Thier seine Beivegungsrichtnng und kroch direkt auf die Speise zu. Als es noch vier Fnß davon entfernt war, nahm Adams das Mahl wieder weg und legte es wieder in einer anderen Richtung 3 Fuß von der Schnecke ent- fernt hin; auch seht ivendete sich die Schnecke der neuen Stelle zn. Da, wie gesagt, der Vorfall sich am Abend ereignete, und da die Schnecke außerdem in hohen« Grase eiuherkroch, ist die Annahme, sie habe die Speisen liegen gesehen und danach ihre Bewegungen ei»- gerichtet, ausgeschlossen; es bleibt vielmehr nur die Aiinabme, sie habe ein so scharfes Geruchsvermögeu. daß sie aus diese sür eine Schnecke recht bedeutende Entfernung die Speisen«vitterle.— Aus der Pfluuzeuwelt. is. Eine u n s r e u n d l i ch e Pflanze ist der sich durch seinen Namen so einschmeichelnde Venus schuh(ltypripedium). Der amerikanische Botaniker Mac Dougal hat nämlich sestgeslellt, daß die Blätter einiger Arte» dieser Pflanzengattung,«venu sie auf die Haut des Handgelenkes, des Armes, des Gesichts oder der Ohren gerieben«verde», für die betreffende Person i» geivissem Grade eine Vergiftung im Gefolge habe», die je nach der Stelle der Anivendnug verschieden stark auftritt und etiva 10 bis 12 Stnudeu anhält. Die Wirkung muß jedenfalls eine recht unangenehuie sei», denn MacDougal fand niemand, der sich zum ziveite» Male einer Behandlung mit diesen Blättern hätte aussetzen«vollen. Besonders haben die Blätter der schönsten Art von dieser Orchideen- Gattung, das(typrixecliuin spectahile, mit seine«« großen«veiße» und rothen Bluthen ans Nordamerika diese unliebsame Wirkung; dieselbe»vird aber auch von Ctypripsclium pubiscens und pawiflorum ausgeübt. Ob auch unser deutscher Fraueiischnh. der auf Kalkbode» fast überall zu finden ist(Cypripedium calceolus), diese Wirkung besitzt,«näßte erst festgestellt werde». Mac Dougal konnte noch nach- «veisen, daß die Vergiftung durch die Drüsenhaare, die auf der Oberfläche der Blätter zahlreich sind, veranlaßt«vird, indem die Spitze» derselben einen lebhaften Reiz ans die menschliche Haut ans- üben. Wurden diese Haare mit einer feinen Zange fännnllich ans- gerissen, so blieb die Wirkung aus. Die Vergiftung ist umso stärker, je älter die betreffende Pflanze ist.— Physikalisches. — Flüssige Lnst. Die„Chemiker-Zeitung" berichtet ans der Sitzung der American Chemical Society in Neiv-Iork vom 4. Februar: Der Vorsitzende Dr. Wm. Mc Murtie machte Mit- lhetlnng, daß er in den Besitz einer halben Gallone verflüssigter Luft, von Tripler hergestellt, gelangt sei; ei» Theil der Sitzung «vurde einige» Versuchen damit geividmet. Die Flüssigkeit, in einem gewöhnliche» Gesäße mit mehrfacher Filzunibülluug verpackt, halte das Slussehe» geivöhnlicheu Wassers, aber iveun sie i» ein Glas- oder Porzellangefäß gegossen«vurde, begann sie sehr heftig zu kochen, bis sich das Gefäß auf die Temperatur der Flüssigkeil abgekühlt hatte, ungesähr—2300 F. Tropfe» derselben, ans de» Vorlesnngstisch gebracht, beivegten sich ans demselben«vie Wasser- tropfen auf einer glühenden Tiscnplatte. In«in Becherglas gegeben. fing die Flüssigkeit zuerst an zi« kochen und trübte sich bann durch eine» krystallinische» Niederschlag voll Kohlendioxyd, das als Ver- unreinigung zugegen«var. Von diesem wnrde es durch Filtration durch geivöhnliches Filtrirpapier getrennt und die klare Flüssigkeit i» eine»« doppelivaudigeu Glaszylinder aufgefangen. In diesen« «vacuirten Gefäße«vurde die klare, schlvach bläuliche, flüssige Luft über eine Stunde aufbeivahrt, ehe vollständige Verdunstung«intrat. Unter anderen Versuchei««vurde Alkohol rasch zun« Gefrieren ge- bracht, Gunnnischläuche durch die niedrige Temperatur so erhärtet, daß dieselben durch Schlag«vie Glas zerbrachen rc.—_ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe«, in B Technisches. — Ueber eine eigcuartige Verivendung der Elektri» zität zilr Bestellung von Briefen innerhalb der Häuser bericdtet das„Journ. Telegr." ans der Schweiz. Im Erdgeschoß des Hauses befindet sich ein Kasten zur Aufnahine der Briefe, der ebenso viel Fächer enthäll, wie Geschosse zn bestelle» sind. Wird ein Brief in eins der Fächer hineingelegt, so schließt sich«in elek- irischer Strom und es ertönt in dem Geschoß, für«velches das Fach bestiuimt ist, ein Glockenzeichen,««»« auf die Ablieferung des Briefes ausnierksaui zu«nachen. Gleichzeilig danrit öffnet der Strom einen Wasserhahn«in Dachgeschoß des Hauses. Das ausströmende Wasser fließt in ein zylindrisches Gefäß,«velches das Gegengeivicht zu den Brieskästeu bildet. Ist das Gefäß so«veit gefüllt, daß es den Kasten in die Höhe zieht, so hört der Wasserznsluß aus. Der Briefkasten geht nun in die Höhe. I» jeden« Geschoß öffnet sich von selbst das in Frage kommende Fach und entleert seineu Inhalt in einen zn diesem Zivecke ans jedem Flur angebrachte» Bebälter. Sobald der Zylinder mit Waffer in« Erdgeschoß angekommen ist. fließt das Wasser ans und der Briefkasten kehrt alsdann durch sein eigenes Geivicht auf de» alten Standort zurück.— Huuioriflisches. Bon der„stillen P a u l i u e", der«vegen ihr Langsain- keit„berühmten" Sekundärbahn zivifcheu Panlinenane und Neu- rnppin,«vild«vieder eine spaßhafte Sache derichtet. Von einigen in« Zuge sitzenden junge» Leuleu behauptete einer, daß.«venu er in Daninikrug aussteige, er denselben Zug ans der iiächsteu Station wieder einholen und mit ihm«veiterfahren könne. Da die andere» jungen Leute das beziveifelten,«vurde eine Wette abgeschlossen. Kaum halte der Zug i» Dnminkrng gehalten, da«var der junge Mann anch sch>«ell hinaus,»nd als der Zug sich»vieder in Be- ivcgnng fehle,«var der«ochnellläufer schon auf der Chaussee nach Fchrbellin stchlbar. Als der Zug auf letzgenannter Stalion hielt, war der Weitende noch nicht zn sehen; die andern frenlen sich, denn sie glaubte», daß er die Welle verloren. Nachden« die Güter-Auf- und Abladung beendet, gab der Starionsvorsteher das Zeichen zur Abfahrt— da kam der Läufer keuchend und schlveiß- «riefend au, sprang i» den Wagen uäid fuhr«veiter. Er halte die Welle geivonnen.— — G e m ü t b l i ch. Gebirgstonrist:„Wo ist den» mein Freund gebliebe»?"— Führer:„Der thut g'rad a b i s s e l ab» stürz'»!"— — Bescheidene Bitte. Sepp(den sie bei der Rauferei jämmerlich zurichte»):„Sakra, laßt doch»och sür die nächste Kirch- weih a b i s s e l«v a s von mir übrig!"—(„Flieg. Bl.") Vcruiischteö vvin Tage. — Arnold Böcklin's Selbst porträt ans den« Jahre 1873 ist von der Hainburger K u» st h a l l e zu««« Preise von 3ö vvO M. erworden«vorden.— — Freilag Nacht wnrde die L a ch s k u l t e r» F l o t i l l e in Meine« von einen« plötzlich aufgekoininenen Stur in über- r a s ch t. Vier Kutter wurden an den Strand geivorfeu, andere schwer beschädigt. Zehn Fischer sind erlriinkei«, sechs«verde««»och vermißt.— — In B r e s l a«« riß ein Mann durch das Schaltersenster eines Postamtes zivei Geldschivingen mit 3000 M«» Papier und 2000 M. in baar an sich. Er«vurde sestgenoninien, verstreute aber vorher das Baargeld»> den Anlagen eines Platzes.— — In Z a l e s i e bei I a r o t s ch i u sind z>v ö l f Bauer»» >v i r t h s ch a s t e» mit 22 Gebäuden niedergebrannt.— — Eine»»ngeivöhnlich frechen S ch«v i n d e l hat ein flüchtiger Kailfniann ansgeiührt. Dieser Tage ging durch alle Blätter die Notiz, daß an der französischen Küste eine Flaschenpost eines beim Untergang der„Elbe">392 Vernuglückte», Bernhard Rains- perger, ansgesundeu«vorde» sei. Der Finder«vurde von den« Ab- sender gebeten, die letzien Gr an seine Braut in Deutschland zu überinitleln. Ramsperger, b.r seit 1337 steckbrieflich verfolgt«vird. hatte damit die Anfmerksamkeit der Behörde von sich ablenlen «volle».— — I» M ü n ch e n starb ein Beamler. der aus eine in fremden Glase g e t r>« n k e n und sid, etivas a» der Lippe ver- letzt halte, au B l u t v e r g i f t«« n g.— — In der nngarischen Waffe nfabrik in Budapest er- krankten ISO Arbeiter infolge des Gennsses einer Tomaten- sance. Es gelang der ärzllichen Hilfe bald. 130 von ihnen außer Gefahr zu bringen. 20 Arbeiter mußlen aber in ärztlicher Behandlung bleiben.— — Eine Influenza-Epidemie wülhet i» F i u m e. Bisher sind über 2000 Personen erkrankt.— — In S e r p u ch o w(Gouvernenient Moskau) ist eine Manu- faktur vollständig»iedergebranul. Sechs Mensche» kanien in de» Flammen um. Der Schade» beträgt zirka 1'/« Million Rubel.— — Ii«, Wartesaal aus dein Bahnhof in Kieiv«vnrde ein Oberst von f e i» e«n B r u d e r»ach einem Streite erschossen.— — In der Nacht zun« Sonuabend»vnrde in Oberitalie» ein heftiger Erdstoß verspürt.—__ rlin. Druck und«Verlag vo» Max«vading in Berlin.