Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 47. Dienstag, den 8. März. 1898. «Nachdruck verboten.) q Ünt häusliche»� Merv. Roman von Iwan Franko. „Wie verstehst Du das?" „Ich will Dir sagen, was ich nieine. Seit längerer Zeit schon werde ich von bösen Zungen verleumdet, daß ich auf unehrenhafte Weise Geld verdiene. Woher diese dummen Geschichten stammen, ist mir unbekannt. Ich habe während der ganzen Zeit kein großes Haus geführt, bin auch nicht so oft in Gesellschaft gekommen, daß ich alles erfahren könnte. Von Deinen ehemaligen Freunden sind nur wenige hier ge- blieben und auch die besuchten mich äußerst selten. Ich weiß also nicht, was man mir eigentlich zur Last legt. So lange ' es sich nur inn mich allein handelte, kümmerte ich mich uin das Gerede gar nicht, ich begnügte mich mit dem Zeugnisse meines eigenen Gewissens, mit dem Bewußtsein meiner Un- 'schuld. Doch nun da Du zurückgekehrt bist, stehen die Sachen anders. Dieses dumme Gerede kann Deine Ruhe vergiften, Dir Unannehmlichkeiten bereiten, weim Du nicht gehörig da- gegen gewappnet bist. Und das eben will ich bewirken." „Wenn Dn mich aber Deiner Unschuld versicherst, wozu brauche ich noch mehr Zeugen?" „Höre mich Aulon!" fuhr Angela traurig fort.„Sprich nicht so, der Mensch ist nicht von Stein. Der Schein kann gegen mich zeugen. Vor allem also gicb mir Dein heiligstes Wort, schwöre mir bei der Liebe für unsere Kinder, daß Du alles, was gegen mich vorgebracht wird, mir offen und schonungslos heraussagen, nichts vor mir verbergen, über alles Aufklärung von mir verlangen wirst!" „Angela, um Gotteswillen, Du beunruhigst mich durch diesen feierlichen Ton!" rief, vom Sitze aufspringend, der Hauptmann.„Glaubst Du, die Dinge könnten eine so ernste Wendung nehmen?" „Ich glaube nichts; doch verlange ich von Dir das, wozu ich ein volles Recht habe— denn aus Deine Offenheit habe ich doch ein volles Recht!" „Ganz gewiß!" „Versprichst Du mir also, daß Du stets offen und auf« richtig gegen mich sein wirst?" „Ich verspreche es Dir bei meiner Ehre, bei meiner Seligkeit!" „Und daß Du nie ein Geheimniß vor mir haben wirst, auch wenn Du glauben solltest, daß es mich schmerzlich be- rühren könnte?" „Ich verspreche es! Auch wenn ich glauben sollte, daß es mich in Deinen Augen erniedrigen, mich Deiner Liebe un- würdig machen könnte!" „Das sollst Du nie glauben, mein Lieber!" sagte Angela, ihn auf den Mund küssend.„Und für das Versprechen meinen herzlichen Dank! Du kannst überzeugt sei», daß ich Dein Ver- trauen nicht mißbrauchen werde. „Und ich... ich... muß Dir die Wahrheit gestehen, daß iäi nicht weiß, wozu alle diese Umstände..." „Gebe Gott, daß sie wirklich überflüssig sind!" sprach seufzend Angela.„Jedenfalls aber können sie doch nicht schaden. Nun gut! Das wäre also abgemacht, und nun noch etwas." Sie öffnete die Schublade ihres Toilettentisches und nahm ein altes in fettig glänzendes Lcder gebundenes Buch heraus. Dem Hauptniann war das Buch wohl bekannt: es war das Wirthschaftsbnch, das er am Vorabend ihres Hochzeitstages gekauft und Angela übergeben hatte, damit sie alle Ausgaben und Einkünfte ihrer kleinen Wirthschaft darin verzeichne. Angela notirle auch wirklich tagtäglich sehr gewissenhaft alle Rechnungen. Nun händigte sie»hm das Buch ein. „Da, nimm es und sieh' meine Rechnungen durch. Da sind die Quittungen von den Kaufläden und von verschiedenen Leuten, mit denen ich während der ganzen Zeit Geldgeschäfte hatte. Und in diesem Packet sind alle Briefe, die ich erhalten. Sieh alles durch, ich bitte Dich darum, untersuche jede Einzel- heit, jedes Blatt, jede Ziffer!" „Aber Angela, wozu das alles! Ich glaube Dir ja ohnehin!" „Nein, ich verlange es. Prüfe und dann kannst Dn mir glauben oder nicht. Gieb mir Dein Wort darauf, daß Du dir die Mühe nehmen wirst." „Nun, wenn Du eS durchaus haben willst."„Durchaus— und zwar noch heute!"—„Mag es denn sein."„Gut, ich danke Dir, das wird für mich der beste Beweis Deines Zu- trauens sein." Angela küßte den Hauptmann auf die Stirne und cnt- fernte sich, ihm das Wirthschasstsbuch, die Quittungen und eine Menge vergilbter Briefe überlassend. Lange Zeit noch konnte er vor Erstaunen nicht zu sich kommen und ging in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab, bis er endlich zu der Ueberzeugung gelangte, daß seine Frau recht hatte, daß diese ganze un» gewöhnliche Szene nur ein Beweis ihrer großen Liebe, ihrer Vorsicht und ihres außerordentlichen Verstandes war. So weit gekommen, nahm er mit aller Gewissenhaftigkeit die Prüfung der Rechnungen und Papiere vor. IV. Nach dem Nachtmahle, welches im engsten Familienkreise eingenommen wurde— Tante Julie war die scherzhaften Feindseligkeiten des Kapitäns gtcichsam ahnend nicht er- schienen— rüstete Anton sich zum Ausgehen. „Wohin willst Du gehen?" fragte Angela. „Ich muß mich doch im Offizierskasino zeigen!" 'I„Mir wär's lieber, Du gingst nicht hin." *„Aber mein Lieb, man würde es mir übel nehmen, wenn ich die Kameraden nicht begrüßte! Und dann möchte ich auch gerne meine alten Bekannten wiedersehen." „Nun, von diesen wirst Du dort nicht viele finden, höchstens Redlich. Sonst weiß ich nicht, ob noch Jemand...' „Redlich allein gilt für zehn andere." sagte ernsthaft der Hauptniann und schnallte seinen Säbel um. „Nun bleib wenigstens nicht lange aus!" bat Angela. „Heut ist ein Festtag für mich, an dem ich Dich ungern einen Augenblick missen möchte." „Ich gehe auch ungern fort—, doch es schickt sich, daß ich gebe." „Geh also, geh," sagte Angela,„damit niemand behaupte, ich wollte Dich vom Wege der Pflicht ablenken."-- Hätte der Hauptmann nach seinem Weggehen das Gesicht seiner Frau erblicken können, er wäre nicht wenig verwundert gewesen. Diese so heiteren, hellen, energischen Züge, dieses vor einer Weile noch so blühende und freudig erregte Antlitz war jetzt angstvoll verzerrt und mit Todtenblässe überzogen. Die Mundwinkel zitterten krampfhaft, als wen» sie unhörbare Beschwörungen dem sich Entfernenden nachlispelten. Der Athen, stockte ihr, und wie von einer räthselhaften Ohnmacht bewältigt warf sie sich auf einen Stuhl und saß einige Mi- nuten ganz unbeweglich da, ein wahres Bild der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Laute Rufe und dann eilige Schritte der nahenden Kinder weckten sie aus der Erstarrung. „Mutterl, Mutterl!" riefen sie—„wo bist Du?" Angela saß in dem Salon, in dem es dunkel war. „Hier bin ich", antwortete sie,„was wollt Ihr?" Die Kinder öffneten weit die Thüre des Salons, daß ein breiter Lichtstrom hereinfiel, und plauderten, sich dicht au die Mutter schmiegend:„Wir können schon unsere Lektion für morgen! Willst Du uns ausfragen?" „Morgen, meine Lieblinge! Heute bin ich ein wenig unwohl." „Mütterchen ist krank, ist wieder leidend? Armes, liebe? Mütterchen!" Lieschen streichelte ihr das Kinn, Mundi küßte ihr die Hände. Angela wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die ihren Augen entquollen.„Meine armen Kinder!" flüsterte sie, das Schluchzen bekämpfend, das ihr die Kehle zusammen schnürte. Und nach einer Weile beherrschte sie die Be- wegung und sagte:„Morgen werde ich Euch ausfragen. Und jetzt geht schlafen!" „Wir haben noch keine Lust, zu schlafen, Mütterchen, er- laube uns, in die Küche zu gehen. Dort ist ein Soldat, der gar so lang ist und so komisch aussieht. Er will uns eine wunderschöne Geschichte erzählen, die aber ganz und gar nicht schreckhaft ist. Erlaubst Du es, Mütterchen?" „Nun geht, geht, doch bleibt nicht länger als eine halbe Stunde; dann hole ich Euch und bringe Euch zu Bett." Aber die Kinder borten nicht mebr den Schluß ihrer Nede und liefen händeklatschend in die Küche. „O Gott, was soll mit den armen Würmern geschehen!" seufzte Angela schwer und verfiel wieder in dumpfes Brüten. Doch nach einer Weile richtete sie sich ans, ihre gewöhnliche Energie begann die Oberhand zu gewinnen. „WaS geschehen soll, mag geschehen! Ich will mich auf- recht halten, so lang es geht, lind gilt es, mein Handeln zu verantworten, so werde ich es thun." Wian hörte ein leises Klopfen an die Thüre. Wie auf- gescheucht sprang Angela empor und öffnete. (Fortsetzung folgt) VvttttkfAhvken und Kzochzeiks-' gebvüur�e in Sibirien.� Zwischen Hoclmenjahr und Fastnacht finden in Sibirien bei den Bekenner» der russischen Slaatskirche die»leisten Hochzeiten statt. Obschon der Durchschnitts-Sibirier nicht gerade eine romanlisch veranlagte Natur, sondern im Gegentheil ein sehr hausbackener Geselle ist, so begeht er doch seine Hochzeil außerordentlich feierlich. Man kennt in Sibirien legale und illegale Trauungen. Die ersteren sind zivar häufiger, aber die letzteren komme» noch oft vor. In Sibirien bläht heute nämlich noch der Frauenraub und zivar nicht etwa bei Tntaren, Samojedcn, Jakuten n. s.>v., sondern gerade bei den orthodoxen Russen. Gewöhnlich kenne» die junge» Sibirier und Sibirierinnen nicht das Hangen und Bangen in schivebender Pein. Die jungen Paare werden nämlich meist nicht durch die Liebe, foudern durch Eltern. Verwandte und Heirathsvermiltler zusammen geführt. Hin und wieder verliebt sich aber doch ei» Paar in«inander. Dabei kommt es. wie auch anderwärts, nicht gerade selten vor, daß die Ellern von einer Verbindung nichts wisse» wollen. Dann entführt der junge Sibirier seine Geliebte und begiebt sich mit ihr stracks zum Pope», Ivo die Trauung eriolgt. Gewöhnlich hat schon einige Tage vorher die Braut einen Theil ihrer Garderobe heimlich zu einer verheiratheten Freundin gebracht, bei der sie dann am Tage der Flucht ihren Bräutigam erwartet. Derselbe erscheint dort mit Pserd und Wagen, oder mit Pferd und Schlitten und fort geht's zum Popen. Nun muß zwar ein Brautpaar, wenn es ohne Begleitung der Ellern vor dein Popen erscheint, nicht blos die schriftliche Einwilligung des Vaters und der Mutter vorweisen, sondern auch noch zwei Zeugen mitbringen. welche die Richtigkeit der Unterschrift de- glaubigen. Das junge Brautpaar fälscht diese Unterschrift, und die Zeugen sind Freunde, welche wider besseres Wissen die Richtigkeit der Unterschrift beglaubigen. Der Pope weiß, da die Trauung ge- wissermaßen im Stillen vorgenommen wird, daß die Unterschrift gefälscht ist, und die Zeugen das Blau vom Himmel hernnterlügen. Aber während der Pope sonst nur 15 Rubel sich sür eine Trauung zahlen läßt, fordert er jetzt 40—100 Rubel, je nach den Vermögens- Verhältnissen des Bräutigams, und erhält nach kurzem Handeln auch nahezu den verlangten Betrag. Die eigentliche Hochzeit findet bei einem solchen Paare ganz im stillen statt. Eine Woche danach fährt dann das junge Ehepaar mit den Eltern und sonstigen Verwandten des Mannes zu de» Eltern der Frau, um Verzeihung zu erbitten. Dort fallen die jungen Leute den Alten zu Füßen, und nach einigem Hin- und Herreden wird schließlich in den meisten Fällen die erbetene Verzeihung ge- währt. Mitunter bleiben aber die Eltern hartherzig, wollen von einer Versöhnung nichts wissen und klagen aus„Rückgabe der Tochter". Wird indessen die nachgesuchte Verzeihung gewährt, so findet bei den Eltern der Braut eine nachträgliche Hochzeitsfeier statt, zu der nach allen Seiten hin Einladniigen ergehen. Die legalen Verlobungen, Tiauungen und Hochzeiten vollziehen sich unter zahlreichen Zeremonien. Hat ein junger Bauer die Absicht, ei» ihm bekanntes Mädchen zu heirathen, oder hat er in Erfahrung gebracht, daß in einein Nachbardorfe ein junges Mädchen lebt, das als gute Wirthin gilt, so iibergiebt der Heirathslnslige die Sache einer Heirathsvermittlerin. Diese letztere bespricht die ganze Angelegenheit mit den Eltern des jungen Mädchens. Aber auch wenn der junge Mann das Mädchen bereits kennt, bedient er sich der Hilfe eines Freiwerbers(swat) nnd einer Heirathsvermittlerin (swadha,). An einem schöne» Sonntag-Nachmittag erscheinen der Sivat und die Swacha bei den Eltern des jungen Mädchens, und zwar stellen sie sich, im Zimmer angelangt, direkt unter dem mittleren Balken der hölzernen Decke, der den Namen„wattza" führt, auf. Stehen Swat und Swacha unter ihm, so wissen die Eltern gleich, um was es sich handelt. Der Swat und die Swacha werden sofort mit Theo und Branntwein bemirthet. Alsbald erhebt der Freiwerber sein Glas, trinkt auf das Wohl der Hausfrau und des Hausherrn und spricht,':„Ich komme in einer guten Angelegenheit," wobei er die letzten Worte drei Mal wiederholt. Nun giebt ein Wort das andere, die ganze Angelegenheit wird höchst geschäftsmäßig erörtert und der *i Aus der„K ö l n i s ch e n V o l k s z e i t u n g Ehevertrag aufgesetzt. Meist sagen die Eltern zunächst, daß sie die Tocbler nicht hergeben wollen. Ist den Eltern der Bräutigam nicht genehm, so erwidert man dem Freiwerber, die Tochter sei noch viel zu jung, er möge in zwei oder drei Jahren wieder einmal vor» sprechen u. s. w. Sind die Eltern aber mit dem Bewerber zufrieden, dann wird die Verlobung sofort in— Abwesenheit des Bräutigams gefeiert. Eingeladen werden hierzu alle Verwandten, Freunde und Be- kannte des Dorfes. Nachdem die Gäste nn Hause der Braut be> ivirthet worden sind und die Branntwein.Vorräthe ausgetrunken haben, begiebt sich die ganze Gesellschaft zu den nächsten Verwandten, die nun ihrerseits einen SchinanS für alle Personen ausrichte». Auch von dort geht es wieder weiter, und zwar ebenfalls in das Haus eines der Gäste, die an der Verlodungsfeier theilgenommen haben. Diese Schmausereien und Zechereien währen bis in die Morgenstunden hinein. Dan» eilt man zur Ruhe, und Swat und Swacha logiren>m Hause der Braut. Am andern Morgen fragen die Freiwerber an, wann sie mit dem Bräutigam„zur gefälligen Ansicht"(na pasmatrjenje) sich einstelle» dürien. Sobald dann der Bräutigam erscheint, schenkt er seiner Verlobten ei» Kopfkissen mit feinen Daunen. Diese giebt ihm einen Skawl oder Kleid von sich, sozusagen als„Pfand", daß sie als Frau in sein Haus kommen wird. Mit dem Bräu- tigam finden sich seine Eller» ein, die der Braut ebenfalls Ge- schenke geben und obendrein ihren Eltern eine» Eimer Branntwein mitbringen. Daß sich die Verlobten bei ihre», erste» Zusaminentreffen gegen» seitig nicht gefalle», ko»»»t sehr selten vor, denn auf Aeußerlichkeiten giebt man bei den sibirischen Bauern»icdts. Passen nur die male- riellen Verhällnisse zusammen— die Liebe findet sich, sagt der Sibirier. Schönheilen sind die sibirischen Bauernmädchen nicht; es sind aber kräftige und gesunde Erscheinungen. An diesem Besichtigungs-Sonntag werden zunächst vom jungen Paare die Ringe geivechseli, dann wird wieder tüchtig gegessen und ordentlich Braun twei» getrunken, flott getanzt». s. w. Zugleich be- sprechen auch die Eltern miieinander, was sie ihren Kindern mit- gebe». Mitgift in klingender Münze kennt man nur in ganz reiche» Bauernfainilie». Die Braut erhält je»ach ihren Verinögensverhält- »issen Kühe, Kälber, Schweine, Schafe, Ziegen u. s. w. Außer ihrer Wäsche und Kleidung bringt sie aber nichts mit, denn der junge Eheinann muß seine Frau in eine vollständig eingerichtete Wirth- jchast führen. Am Hochzeitstage kommt der Bräutigam mit seinen Eltern. Verwandten und Freunde», ivenn es irgend geht, ans inindestens zwölf Wagen vor das Haus der Braut gefahren. Zugleich mit dem Bräutigam trifft der Druschka, der Brnulsührer und Arrangenr der ganze» Hochzeit, ein. I» dem Augenblicke, Ivo die Wagen vor das Haus der Braut fahren, schließt der Vater der Braut die Hof- thür zu. Der Druschka ruft nun laut:„Wir konnnen, um die junge Frau zu holen." Darauf wird dem Druschka, Brot, Salz und Bier gereicht. Sobald er es irinkt, murmelt er dabei zugleich ein paar Besckwörnngssorinel». Nu» erst wird das Thor geöffnet und der Druschka tritt im hochzeitliche» Gewände in den Hof hinein. Sei» Abzeiche» ist eine über der Schuller an einem Nienien getragene Reit- peitsche. Hinter dem Druschka erscheint der Hilfs-Druschka. Dieser trägt ei» Heiligenbild in ein Handtuch gehüllt und eine Wachskerze. Dan» folgt der Bräutigam und hinter ihm im Halbkreise alle andern der Reihe nach je nach Alter und Würde. Brantmutler und Mägde erscheinen nnd trakliren die Ankönnnlinge ans dem Hofe mit Bier, Brot und Salz. Nunmehr wird auch der Brautvater auf dem Hofe sichtbar und bittet die lieben Gäste ins Hans. Hier ist schon die Tafel gedeckt. Der Druschka führt die Gäste ins Eßzimmer und zwar weist er dem Bräutigam den Ehrenplatz nahe dem Ikon, dem in jeder sibirischen Bauernstube in einer Ecke befindliche» Heilige»- bilde an. Hat der Bräutigam Platz genommen, so führt der Druschka die anderen Gäste je nach Aller, Würde nnd Verwandtschaftsgrad an ihre Plätze. Aber alle Gäste sind, außer der Swacha und der Krautjuiigfer, Männer. Auch die Brautnnitter und Braut sind nicht sichtbar. Der Druschka sitzt an dein anderen Ende der Tafel und hat vor sich eine Flasche.verzauberte» Branntweins" stehen, die mit Blume» nnd Bändern geschmückt ist. Er gießt sofort ein, giebt zunächst dem Bräutigam mit dem Wunsche zu trinken, daß dem junge» Manne an seinem Glückstage die bösen Geister keinen Streich spiele». Da»» fordert der Sprecher zur Mahlzeit auf, wobei zunächst Thee verabreicht wird. Erst dann be- ginnt das eigentliche Mittagessen, wobei der Bräutigam aber hungrig zusieht, denn weder Braut noch Bräutigam dürfen vor der Trauung essen. Ist die Mahlzeit vorüber, so wird die Braut hereingeführt und nimmt an der Seite des Bräutigams Platz. Nach einigen Minnten bittet der Druschka die Eitern und die Palhen des junge» Paares, dasselbe zu segnen. Man breitet eine» Teppich hin, das Brautpaar stellt sich darauf, um- faßt drei mal die Knie der Eltern und erhält den erbetene» Segen sammt einem Heiligenbilde. Dieses Bild iibergiebt der Vater einem seiner Verwandten, der nnil als zweiter Hilfsbrautführer sich zu dem ersten Bilderträger gesellt. Eines der Heiligenbilder ist nämlich von de» Eltern des Bräutigams, das andere von denen der Braut gestiftet. Das ist der Segen für das neue Heim. Diese beiden Bilderlräger gehen nunmehr mit den Bildern voraus, ihnen folgt das Brautpaar, und so begiebt man sich auf den Hof. Dort wird allen Pferden, die vor die Wagen oder Schlitten gespannt sind, etwas vom Druschka inS Obr geflüstert, und zwar damit die Thiere die Hochzeit nicht stören, Wagen umwerfen u. s. w. Es ist nämlich nichts Seltenes, daß Gäste, die mit der Bewirthung nicht zufrieden waren, den Pferden Flöhe in die Ohren setzen. Infolge dessen wollen die Thiere nicht vorwärts gehen, springen wie verrückt herum, brechen die Deichseln entzwei u. s. w. Geht aber alles gut von statten, so nimmt man in den Wagen Platz. Der Bräutigam sitzt mit einem der bildertragendc» Brautführer in einem Wage», die Braut mit dem andern und der Swacha in dem zweiten Wagen. Bei der Traunug trägt die Braut weder Kranz noch Schleier, nur ist das Haar aufgelöst. Der Geistliche legt dem Paar Krone» ans künstlichen Blumen aufs Haar und läßt die Ringe wechseln. Hierauf ersaßt das Brautpaar die Stola des Geistlichen, und dieser führt es dreimal um ein Tischchen, aus dem ein Evangelienbnch und ein Kruzifix steht. Braut und Bräutigam küssen das Evangelienbnch und das Kruzifix, und damit ist die Trauung beendet. Jetzt fährt das junge Ehepaar in einem Wagen oder Schlitten in das neue Heim, die Braut kehrt also nicht mehr in das Elternhans zurück. Mit dem jungen Paare fahren der Druschka und die Swacha, dann kommen die stellvertretenden Brautführer mit den Heiligenbilder» und schließlich die übrigen Howzeitsgäste. Ans dem Hofe angelangt ordnen sich alle in einen Halbkreis, und es erscheinen alsbald Mägde mit Bier und Brot. Eine der Mägde trägt eine Schale, in der sich nur sehr wenig Bier befindet, und in diese Schale werfen alle Gäste Geldstücke hinein. Man setzt sich nun zu Tisch, und auch das junge Paar ißt tüchtig»i». Zum Schlüsse beschenkt man sich, und zwar erhalten alle Gäste Geichenke. Der junge Ehemann schenkt dem Druschka ein buntes Hemd und drei Quart Schnaps, den übrigen Gäste» je ei» Taschentuch. Die Gäste schenken dem jungen Paare Kälber, Schafe, Schweine u. s. w. i» die Wirlhschafl. Die Schmausereien und Trinkgelage dauern regelmäßig noch mehrere Tage fort, und zwar abwechselnd i» den Häusern aller derer, die zu der Hochzeit gelade» waren. Das junge Ehepaar niiuint aber an diesen Gelagen nicht mehr theil.— Mleines Fonillekon — Vom Zahn der Zeit. Ueber die Zerstörung von Näh- nadeln, Schreidiedern u. dergl. hat, wie„Prometheus" der„Elsen- Zeilnng" entnimmt, ei» Engländer eingehende Versuche angestellt. Er legte zu diesem Ziveck einige hundert Messing- und Stahl- stccknadeln, Nähnadeln, Hutnadel» und Schrcidfeder» in einem Winkel seines Gartens nieder, wo sie allen zerstörenden Einflüssen der Witterung ausgesetzt ivaren, ohne daß unberufene Hände sie berühren konnte». Das Resultat war ein sehr merkwürdiges. Die gewöhnlichen Haarnadeln wäre», im Durchschnitt von 154 Tagen, die ersten, die zu bräunlichem Rost oxydirt waren. Sobald sich dieser gebildet halle, wurde er vom Winde fort- geblasen, und nach einem Zeitraum von sieben Monate» konnte man nicht mehr die geringste Spur von den Nadeln entdecken. Bei den gewöhnlichen weißen Stecknadel» dauerte es 18 Monate, die messingenen waren indessen schon lange vorder von Grünspan zer- fressen. 9l» den Feberhalicrn waren nach 15 Monaten die Stahl- federn vollständig weggerostct, während die hölzernen Griffe sich fast gar nicht verändert halten. Möglich, daß die Farbe daraus zu ihrer Erhaltung beitrug. Die polirten, kleinen Stablnadel» hielten sich am längsten, über zweieinhalb Jahre. ÄIm ividcrstandsfähigsten je- doch ernstes sich ein schivarzer Bleistift. Er schien völlig unzerstör- bar zu sein, den» sowohl das Holz als auch der Graphit blieben vollkommen erhalte», während weit härtere Dinge der Zerstörungs- krast der Elemente anheim gefallen waren.— — Tic Fremde»-Kolonie auf de» Boniu- Jusel». Eine Gesellschaft von japanischen Ingenieuren besuchte kürzlich die Bonin- Inseln, die in der Nähe von Formosa liegen. Zu ihrem Erstaunen fanden sie aus diesen kleine» Eilanden eine Kolonie von Fremden vor, Franzosen, Engländer, Spanier, Italiener, Skandinavier und Amerikaner, die dort auf sruchlbarem Boden rinter einem schönen Himmel frei von Steuer» gewissermaßen in friedlicher Anarchie lebten. Nur einzelne, deren Haltung eine bessere Erziehung verrielh, genoffen ein höheres Ansehen unter ihnen, sonst gab es keine Obrig- keit. Leider ist dies Paradies schon jetzt verloren, denn die japani- schei» Ingenieure haben beschlossen, die Inseln monatlich einmal von einer Dampsschifffahrts- Gesellschaft anlaufen zu lassen, und so werden die Flüchtlinge doch wider ihren Willen mit der„Zivilisation" beglückt werden.— Literarisches. — Z o l a' s neuester Roman. Der„N. Fr. Pr." wird aus Paris geschrieben: Soeben ist der neue Roman von Zola, „Paris", im Buchhandel erschienen. Trotz der SIgitalion, mit ivclcher man Zola zu treffen sucht, hat der Verleger Fasquelle es gewagt, Ivo 000 Exemplare auf den Markt zu werfen, und er kann heule, nach drei Tagen, erklären, daß ihm die festen Bestellungen, welche auf Zola's Werk einliefen, nicht ein einziges Exemplar dieser Riesenauflage zur Verfügung gelassen haben. Das Haitplabsatzgebiel ist trotz aller Hetze Paris; aber auch die Departements sowie das Ausland haben lebhaftes Interesse für das neue Werk des hier so sehr verlästerten Autors gezeigt.— Theater. Die Freie Volksbühne hatte mit der Aufführung von Sardou's Komödie„Cyprienne" am jüngste» Sonntag viel Glück. Das Publikum gab sich dem Witzspiel freier und nn- gezwungener hin, als wäre man»hm mit ernsthast literarische» Ver- suche», mit schwere» Problemen oder neuer Kunsttechnik gekommen. Das Gefällige geht eben überall leichter ein als das, was hohe An» spannung von Geist n»d Nerv verlangt. Im übrige» braucht inan sich nicht zu schämen, über Sardou- Najac's„Cyprienne" gelacht zu haben. Der Schreiber dieser Zeilen steht dem Geist Sardou's und jener Pariser Schule, der alle Lebens- Wirklichkeit z» einer mehr oder weniger geschickte» Theaterspielerei wird, in schroffster bewußter Feindseligkeit gegenüber. Ihm ist der winzigste Lebensansschnitl, von einem poetischen Temperament durch» wärmt, ungleich werthvoller, als das virtuoseste Spieler- rasfinemenl eines Sardon. Aber als eines der witzigsten und geschicktesten kunstgewerblichen Muster ist ihm gerade die „Cyprienne" immer erschienen; nnd mancher esprilreiche Einfall stößt beinahe an jene Höhe, wo über dein Witzspiel die Charakter- komödie beginnt.„Cyprienne" ist eines der bekanntesten Stücke ans dem ständigen Bübnenrepertoire. Besonders ist Cyprienne eine Lieblingsrolle fast aller namhaften Schauspielerinnen auf Gastspiel- reisen. Die Duse führt die Cyprienne init sich, ivie die Rojane und unsere große Schauspielerin, d>e kleine Nicmann-Raabe. Die machte aus der geistreich ersonnenen Figur Sardou's ein leibhaftiges, wirk- liches Menschengebilde, über das man halb unter Thränen lachen konnte. Solcher Erinnerung muß man sich eiitschlage», will man der niedlichen Spielerei von Fräulein E l s i n g e r gerecht werden, einer Schauspielerin von durchschnittlichem Miltelwuchs. Den Adhcmar, den schöne» Mann, über den jenes Parfüm der Albernheit gebreitet ist, das nach Sardou den Frauen so wohlgcfällt, gab ein Schauspicler, der in vergröbernder Manier arbeitet. Es ist das in der Rolle des Adhcmar beinahe überall so üblich geivorden. Das macht die Nuance, ijägerci auf dem Thealer. Einer macht dem andere» eine iiciie Nuance nach;»nd schließlich wird ans einem Gecken mit dem Stich ins Alberne ein vollendeter Hanswurst, de» schließlich auch das geistig genügsamste Weib kaum zum Spiel ernst genug nähme. Der„Cyprienne" voraus ging die gereimte Plauderei„Abu Seid" von Oskar Blumenthal. Das flache Versgeklingel, das keinerlei Nachdenklichkeit verlangt, wurde mit ebenso herzlichem Beifall anfgenomiuen, wie vom zahmsten Publikum der Welt, vom Publikum unseres— Hosthenters. Es ist aus der Laune heraus- geschrieben, mit dem ein geplagter Villenbesitzer einen vagabon- direnden Dichter der Landstraße, wie Abu Seid war, beneidet. Ach, eS ist so rührsam, wenn man die liebe Bedürsnißlosigkeit preist, und es ist so seltsam, wenn ein Publikum der Freien Volksbühne der entsagenden Weisheit in Ab» Seid's Schlußversen„Nichts verlangen und nichts vermissen» das ist das Ende der Lebenskunst" in warmer Zustiinmung folgt. Würdig und wirksam sprach Herr Pfeil die Verse Ab» Seid's, durch die der reiche Teppichhändler Ibrahim zur Menschlichkeit und zum Mitleiden kurirt wirb. Gut Zureden hilft. Ja, ja, diese Dichter. Sie machen aus dem kapilalgierigstcn Menschen iin Handnmdrehen einen butterweichen Gesellen, der sein Gold von sich ivirft wie eine ekle Last. Da isls auf einem satirischen Spitzbnbenbild von Böcklin anders. Da predigt ei» extatischer Heiliger dem Meergelhier. Das glotzt den Prediger der Liebe mit verwunderten Augen an nnd— fällt dann übereinander her in altgeivohnter Raubgier, im mörderlichen Kamps. -Li. Kunst. — Im Lichlhose des K u n st g e w e r b e- M useu m s wird heule eine A n s st e l l N n g von K ü n st l e r- L i l h o g r a p h i e n eröffnet. Sie enthält 000 Blätter und giebt eine Uebersicht über die Leistungen deutscher, sranzösischer, holländischer und anderer Künstler ans diesem Gebiete.— Geographisches. — Die größten Meerestiefen. Bisher nahm man an, daß die größte Meerestiefe 8515 Meter betrage. Diese Tiefe ist im Jahre 1874 westlich von der Insel Sachali» von dein amerikanischen Schiff„Tuscarora" 200 Kilometer südöstlich von der zu Japan ge- hörenden Kurileninsel Urup nuter 44° 55' nördlicher Breite»nd 152» 26' östlicher Länge gemessen worden. Das englische Kriegsschiff „Pinguin" hat nun östlich von Australien zivischen den Gesellschafls- nnd Kermandek-Jnseln drei große Tiefen von über 9000 Meter ge- loihet. Sie zeige» 9184 Meter Tiefe 23° 39' südliche Breite, 175° 4' westliche Länge, 9413 Meter Tiefe 28° 44' südliche Breite, 176° 4' westliche Länge und 9427 Meter Tiefe 30� 28' südliche Breite, 166° 39' westliche Länge. Beachlenswerth ist, daß diese Orte durch Strecken von weit geringerer Tiefe getrennt sind. Sie be- stätigen die Regel, daß die tiefsten Punkte des Meeres nicht auf dein offenen Ozean, sondern in der Nähe des Landes angetroffen werden.— Phhfiologisches. t. Ein Fall von doppeltem Gehör ist von Breitling in Koburg beobachtet und in der„Deutschen Medizinischen Wochen- schrift" beschrieben worden. Diese Art der Gehörsstörnng besteht darin, daß auf einein, dem erkrankten Ohre derselbe Ton etwas höher — 188 oder tiefer gehört wird als auf dem gesunden. Solches Doppel- gehör ist ziemlich selten, und wird bei Erkrankungen der Eustachische» Röhre und der Paukenhöhle als auch bei allgemeinen Nerven- störnngeu infolge starker Aufregungen, Blutandrang und Kopfschmerz gefunden. In der Regel dauert der höchst unangenehme Zustand nur ganz kurze Zeit und verschwindet»ach Beseitigung der örtlichen Ursache. Bei dem von Breitling beobachteten Falle handelte es sich um einen Verschluß der Eustachischen Röhre. Die betreffende Person ivar ein gesunder Vierziger, der nach einem etwa sechsstündigen Gewaltinarsche bei feuchtem, regne- rischem Welter am folgenden Morgen, während er gerade ein Lied pfiff, plötzlich bemerkte, daß er jeden Ton doppelt hörte. Während er aus dem linken Ohre die richtige Tonhöhe wahrnahm, Hörle er den To» auf dem rechten Ohre um einen halben Ton höher, die beiden verschiedenen Töne einfand er deutlich nebe» einander. Die Prüfung durch den Arzt ergab zunächst, daß eine Stiinmgabel beiderseits sowohl durch den Gehörgang als durch die Schädeldecke richtig gehört wiirde, ebenso ei» von einer anderen Person gepfiffener Ton. Nur da? vom Patienten selbst bewirkte Pfeifen wurde doppelt gehört. Die rechte Eustachische Röhre erwies sich für Luft als schiver dnrchläsng, und das rechte Trommelfell als leicht eingedrückt. Nach Auweuduiig der elektroinolorischen Massage des Troinmelfells verlor sich das Doppelgehör schon»ach zwei Tagen. Das merkwürdige des Falles besteht darin, daß der Patient nur die von ihm selbst gepfiffene» Töne doppelt hörte; daß die Ver- stopfung der Eustachische» Röhre die Veranlassung dazu war, mußte zweifellos erscheinen. Breitung erklärt das Doppelgehör durch eine Reflexion der Tomvelleii an der verstopften Stelle der Eustachischen Röhre.— Ans dem Thierleben. — S a ,n a r i t e r t h u m unter den T h i e r e n. Ein Mitarbeiter der Zeitschrift.Our Animal Friends" erzählt: Eine Katze hatte fünf Junge. Da man eine so zahlreiche Nachkommenschaft im Hause nicht dulden konnte, mußte die Köchin vier der Kleinen ertränken. Der Katze ging der Verlust sehr nahe, und als sie sah, daß die Mehrzahl ihrer Jungen verschwunden war, fing sie a», nach dem Satze zn handeln:„alles oder nichts". Sie vernachlässigte das einzige, das man ihr gelaffe» hatte, völlig, es schrie den Tag über ganz jämmerlich; aber die Alte küminerl« sich nicht darum. Am nächsten Tag kam ein großer Hund, der Mit-Hmisbewobner war, in die Küche. Er schien die Lage sofort zn begreifen, denn sobald er die kleine Katze in einer Ecke in dem Verschlag gefunden hatte, nahm er sie ins Maul und legte sie der Köchin zu Füßen, wedelte mit dem Schwanz und machte alle Gesten, wie Hunde es thun, wenn sie um etwas bitten. Es schien ihm jedes Mal eine große Genugthuung, sobald sich jemand mit dem Kätzchen beschäftigte. Uebrigens bekundete derselbe Hund in einem Falle eine noch sonderbarere Nächstenliebe, nämlich zn einem Kalb. Man hatte ein Kalb von seiner Mutler getrennt. Es brüllte den ganzen Abend hindurch, so daß die Bewohner kaum schlafen konnten. Nach einiger Zeit wurde es jedoch still. Am nächsten Morgen fand man Hund und Kalb im selben Stalle schlafend, beide dicht an einander gekauert. Di« Gegenivart des Hundes schien also das Kalb über die Abwesenheit der Mutter getröstet zu habe».— Aus der Pflanzenwelt. Frühere Verbreitung der Eibe. Prof. C. Schröter in Zürich schreibt in der„N. Zürch. Ztg.": Zu den Bäninen. die in der Gegenivart in starkem Rückgang begriffen sind, gehört bekanntlich die Eibe(Taxus baccata). Dieser Baum hat früher eine viel größere Verbreitung besessen, wie u. a. aus Ortsnamen hervorgeht, die von seinem Namen abgeleitet sind. Die starke» Nachstellungen, die dieser Baum seines trefflichen Holzes wegen zu erdulden hatte(er liefert vor allem ausgezeichnete Bogen), haben wohl größtenthcils feinen Rückgang verschuldet. Jänicke hat neuerdings an der Hand von Urkilndeii»achgewiesen, welch ein schwnngvoller Handel von Eiben- bogen ans Mittel- und Süddeutschland, ans Oesterreich und der Schweiz im 16. und 17. Jahrhundert namentlich nach den Nieder- landen und England getrieben wurde. Prof. Dr. Conwentz in Danzig hat vor 6 Jahren über die frühere Verbreitung der Eibe be- sonders in Norddeutschland»mfassende Untersuchungen ver- öffentlicht. Er hat dieselben nun auch auf Skandinavien ausgedehnt und sich dabei liuter anderem die prähislorifchen Holzgesäße genau angesePüi und mikroskopisch untersucht. Das Eibenholz ist am kleinsten Splitlerche» mit Sicherheit zu erkeiine» an den eigcnthüm- lich spiraligen Verdickungen der Holzzellen, die alle» anderen ein- heimischen Nadelhölzern fehlen. Prof. Conwentz hat in den archäo- logischen Museen von Stockholm, Lund, Christiania und Kopenhagen im ganzen 61 vorgeschichtliche Holzgeräthe unter- sucht; davon bestanden nicht weniger als fünfzig aus Eibenholz! Und zwar sind es nach den, Zeugniß der nordischen Archäologen sicher lauter einheimische, an Ort und Stelle gefertigte Geräthe. Das deutet darauf hin, daß die Eibe auch dort früher viel häufiger war als jetzt. Auch bei uns wurde die Eibe in prähistorischer Zeit vielfach benutzt. Die Pfähle der Pfahlbauten bestehen zum theil ans diesem Material, nach Heer auch Bogen und Messer. Es würde sich vielleicht lohnen, einmal die Holz- geräthe der prähistorischen Eammlungeu der Schweiz systematisch auf ihr Material zu untersuchen und überhaupt alle die Daten zu sammel». die sich auf die frühere Verbreitung der Eibe in unserem Laiide beziehen.— Technisches. — Eine Brücke über den Kleinen Belt. Der »Frkf. Ztg." wird aus Kopenhagen geschrieben: Der lange be- sprochene Plan, Fünen>nil Jütland durch eine Eisenbahnbrücke über de» Kleinen Bell zu verbinde», scheint sich jetzt seiner Ver- ivirklichung zu nähern, und eine darauf bezügliche Vorlage soll dem Reichslage unterbreitet werden. Für den Verkehr zwischen Däne- mark und Deutschland wird eine solche Brücke, besonders in strengen Wintern, wenn die Dampfschiffsverbindiuig eingestellt werden muß, von sehr großer Bedeutung sein, und man wird dann das ganze Jahr hindurch auf eine regelmäßige Verbindung zwischen der skan- dinavische» Halbinsel und dem Kontinent für den Personen- und Güterverkehr rechnen können. Freilich iverden die Ingenieure wegen der starken Strömung im Kleinen Belle, die die Anbringung von Gerüsten unmöglich»nacht, große Schwierigkeilen zu überwinden habe». Die neue Brücke soll 136 Fuß über dem Meere liegen, so daß die höchsten Schiffe darunter hinivegsegeln können, und wird 4500 Fuß lang sei». Sie soll von 4 bis 6 Pfeilern mit einem Ab- stände von 800 bis 1000 Fuß zwischen den einzelnen Pfeilern ge- trage» werde». Die Fundamente müssen 20 bis 30 Fuß lief in den Meeresgrund angebracht iverden. Die Arbeiten werden wenigstens vier Jahre dauern, und die Kosten sind aus zwölf Millionen Kronen veranschlagt.— Hiliiioristisches. — Ans dem E h e l« b e n. Frau(zu ihrem Mann, niit dem sie während einer Lbjäbrigen Ehe in stetem Unfrieden gelebt hat).. Uebrigens ist am nächsten Sonnabend unser Hochzeitstag; wir sollte» doch unsere silberne Hochzeit ein wenig seier»! Mann: Hm!... Meiner Meinung nach sollte» wir lieber noch fünf Jahre ivarteii. Frau: Warm» das? Manu: Tann könnten wir den 30jährigen Krieg feiern. (Barcelona comica.) — I m R e st a u r a n t. Gast: Also nichts ist da wie Eier und Eierkuchen; wozu räche» Sie mir?" Kellner:„Hm, Eier würde ich nicht nehmen, die sind ge« wöhnlich schlecht;»ehmen Sie Eierkuchen, da sind leine Eier d'riu!"— jetzt von deutschen da bei uns infolge Inserat zu lesen: Geschäft, streng Witlive oder Vermischtes vom Tage. — Fast eine Million Tonnen E i s sind bis Unternehmern in N o r w e g e n bestellt worden, des milden Winters überall Eismangel ist.— — Im„Leipziger Tageblatt" ist folgendes „Suche für meine» B a t e r mit ruhigem solider Man», eine ältere, alleinstehende Fräulein init etwas Baarver mögen. Offerten init Angabe der Verhältnisse unter..." — In Trier schoß-in Küfer auf seine Ehefrau und anf einen Schuhmacher und suchte sich dann selbst zn tödten. Alle drei sind tödtlich verletzt.— — Das A u s st a t t n n g s h a u s V a» e n v« r in N e u ß ist am Sonntag Abend völlig ausgebrannt. Der Schaden wird anf eine Million geschätzt.— — Als leuchtender Frühlingsbote entzückt seit dieser Woche der herrliche Blüthen schmuck eines Mandelbaumes auf den Abhängen des Kirchberges bei BenSheim, obwohl man auf den Höhen der Berge noch Schnee erblickt.— — Ein Buchhändler in L u d w i g s h a f e n a. Rh. erhielt eine Postkarte mit solgendem Inhalt:„Wenn morgen Nachmittag 6 Uhr (am Freitag) Ihre Bücher. Schauerromane von Zola, dem Erzlumpen, noch nicht ans dem Schaufenster stnd, werden solche eingeschlagen, davon wollen Sie Notiz nehmen.— — Dem I a g d z u g Lyon-Wien ist am Montag ein Unfall zugestoßen. Etwa zehn Personen sind verletzt.— — In Petersburg wurde die Deutsche Oper mit Wagner's„Lohengrin" eröffnet. Die Aufsährung hatte einen großen Erfolg.— — I» Mailand erschoß sich ein Grundbesitzer am Schlüsse des Karnevals vor de» Augen seiner Freunde. Er hatte ihnen seine Absicht mitgetheilt und war von ihuen, da sie es für einen Scher, hielten, mit Musik nach Hause begleitet worden. Dort wurde ein Trauermarsch gespielt, und als sich alle über den gelungene» Witz freuten, zog der Lebensmüde plötzlich einen Revolver hervor und gab rasch hintereinander mehrere Schüsse ans sich ab.— — Ein Orkan zerstörte am Sonnabend in B a t a b a n o (Havana) die Kaserne und das Hospital. Dabei wurden 9 Soldaten gelödtet und 39 verwundet.—. � r, — Ein zwei Tage andauernder Wirbelfturm hat die Insel M a y o t t e. die größte der bei Madagaskar gelegenen Komoren. inseln, schwer heimgesucht. Zahlreiche Dörfer sind zerstört, die Ernten vernichtet; viele Menschen sind dabei umgekommen. Verantwortlicher Redakteur: Anglist Jacobey i» Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.