Hlttterhaltuttgsblatt des Horwärts Nr. 50. Freiwg, den 11. März. 1898. (Nachdruck verboten.) 9] Wim hÄuskichen Hevv. Roman von Iwan Franko. «Warte nur, warte, dort läutet jemand!* flüsterte sie, erhob sich mit großer Mühe vom Sessel, Arbeit, Wolle und Häkelnadel aus den Fußboden fallen lassend und lief ins zweite Zimmer. Nach einer Weile kam sie zurück, immer noch blaß und zitternd, aber schon bedeutend ruhiger. «Angela, um des Himmels willen, was fehlt Dir?* rief der Hauptniann, ihre eiskalten Hände in den seinen erwärmend und liebkosend- Noch schwer athmeud setzte sie sich zu ihm „Es ist nichts...* sagte sie.„Weißt Du, seit einiger Zeit quälen mich fürchterliche Ahnungen. Es scheint mir oft, daß eines unserer Kinder ans der Straße von einem Wagen über fahren würde und daß man es mit gebrochenem Füßchen und zerschlagenem Schädel nach Hause bringe... Ein schreck-- licher Gedanke! Soeben... hatte mich dieses Gefühl.. wie mit Kletten... ersaßt... und es schien mir anch, daß man läutete...* „Beruhige Dich, Kind, man klingelt nicht, die Kinder werden ganz gesund nach Hause kommen. Wie kann man sich so etwas zu Herzen nehmen! Aber Du mußt krank sein, das ist vielleicht nur ein Vorbote einer ernsteren Krankheit." „Nein, nein, ich bin vollkommen gesund, nur hie und da bekomme ich diese Anfälle." „Nein, Angela, das kann man nicht vernachlässigen. Das können Anfänge eines drohenden Nervenleidens sei. Wie blaß Du bist! Man muß unbedingt ärztlichen Rath einholen." „Nein, nein, das ist unnöthig!" protestirte Angela.„Was kann ein Arzt mir helfen? Er ivird mir rathen, was ich ohnehin schon weiß: ich brauche Ruhe, soll mich vor heftigen Erregungen in Acht nehmen. Mag er es selber damit ver- suchen!" „Nein, mein Lieb; dagegen muß Hilfe werden. Sieh doch, Du kannst noch immer nicht zu Dir kommen. Trinke etwas Wasser!" „Ich danke Dir, Lieber, ich habe getrunken, es ist mir wieder ganz wohl." Sie bückte sich und sammelte die zerstreuten Arbeits- fachen. „Nun, so werde ich jetzt meine Schuld emgestÄjeil. Als Du vorhin so erblaßtest und zu zittern anfingst, glaubte ich, daß meine Worte über Baron Reuchlingen diese Wirkung hervorgerufen hätten. „Ueber den Baron?" sagte Angela, melancholisch lächelnd.„Verzeih', Lieber, aber ich weiß nicht einmal mehr, was wir über ihn gesprochen. In dem Augenblick, als Du von ihm zu erzählen begannst, waren meine Gedanken ganz abwesend." „Ich hatte die Absicht, Dir von meiner Begegnung und meinem Gespräch mit dem Baron zu schreiben, doch an dem- selben Tage erhielt ich einen Brief von Dir mit der Nach- richt, daß eines der Kinder an Pocken erkrankt sei und Tu große Angst deswegen hättest, und am nächsten Tag früh er- zahlte rnan mir, daß der Baron nicht mehr agr Leben sei." „Todt?!" rief Angela. „Du hast also von seinem Tode nichts gehört?* „Kein Sterbenswörtchen." «Es war das eine sonderbare und bis heute unerklärliche Geschichte mit ihm." „O Gott!" flüsterte tief aufathmend Angela, aber der Seufzer entstammte weit eher einem Gefühl der Erleichterung als des Schmerzes. Nach einer Weile fuhr sie fort:„So jung und vermögend, so kräftig und gesund— was kann ihm geschehen sein? War er krank?" „Nein, das eben war's: er erschoß sich!* „Ah! Vielleicht aus Liebe?" „Ich zweifle sehr. Höre, was für eine Bewaudtniß es mit unserem persönlichen Zusammentreffen hatte. Das wird Dir auch begreiflich machen, weshalb ich an Dich die Frage stellte, was es zwischen Euch gegeben habe." Angela bückte sich über ihre Arbeit und hörte ruhig zu. Ihre Brust hob und senkte sich regelmäßig, etwas stärker viel- leicht als gewöhnlich, was gewiß dem soeben überstandenen Nervenansall zuzuschreiben war. „Ich brauche Dir nicht zu erzählen, was für ein Mensch der Baron war," sagte der Kapitän.„Ein goldener Junge, aber im praktischen Leben ein Taugenichts. Von der Mutter verwöhnt, von der frühesten Kindheit an Befriedigung aller seiner Launen gewöhnt, besaß er, neben einer furchtbaren Verstocktheit in Kleinigkeiten keine Spur von Mannessestigkeit und Charakterstärke in wichtigen Dingen. Jeder, der ihn das erste Mal sah, mußte ihn liebgewinne», wer ihn jedoch näher kennen lernte, mußte sich von ihm abwenden." Durch ein melancholisches Kopsnicken drückte Angela ihre Zustimmung über das Urtheil aus. „Zur Zeit, als er wegen eines Diziplinvergehens von Wien nach Lemberg versetzt wurde, war seine Mutter nicht mehr am Leben. Das einst so bedeutende Vermögen war beinahe rninirt. Bei einer sparsamen und ordentlichen Lebens» weise hätte man zivar noch eine ganz respektable Summe retten können— von der wir und unsere Kinder an der Hälfte genug hätten. Gleichzeitig mit seiner Versetzung gelangte an unseren Oberst und das ganze Offizierkorps die Weisung und die Bitte, den Jüngling in unseren Schutz zu nehmen, ihn zu ver- hindern, den Rest des väterlichen Erbes und auch seine Ge- snndheit und Ehre zu gründe zu richten und durch Einführung in Familienkreise bei ihm den Sinn für ein ruhiges, regel- mäßiges, der Arbeit und Pflichterfüllung gewidmetes Leben zu erwecken. Du weißt, wir haben gethan, was in unseren Kräften stand." „Er war Euch dafür nicht besonders zu Danke verpflichtet,* ivarf Angela mit einer gewissen Bitterkeit ein. „Nun, au seiner Dankbarkeit war uns wenig gelegen, es handelte sich in erster Reihe um ein günstiges Resultat unserer Bemühungen. Und wir konnten uns in der That des besten Resultats rühmen. Nach einem Jahre angestrengter Mentor- thätigkeit war der Junge nicht zu erkennen, und auch die Vermögeusverhältnisse standen besser. Von der Familie kam uns ein osfizielles Dankschreiben zu. Bald darauf wurde unser Regiment nach Bosnien kommandirt, und der Baron einem anderen Regiment zugetheilt, welches hier blieb. Was hier weiter mit ihm vorging, davon habe ich keine Ahnung." „Ich weiß nur so viel, als ich Dir erzählte," sagte Angela mit einer unterdrückten, klanglosen Stimme, das Gesicht über die Arbeit gesenkt. „Als ich vor einem Jahr ungefähr in Dienstangelegen- heilen für einige Zeit nach Mostar versetzt wurde, ging ich eines Abends, nach einer längeren Audienz bei meinem Vorgesetzten nach meiner Wohnung. An einem hell erleuchteten Wirtes- Hause vorüberkommend, blieb ich einen Moment stehen, da tch aus dem Innern des Raumes wildes Lärmen und Fluchen, Gepolter und Geklirre herumgeschleuderter Möbel und zer- brochener Gläser dringen hörte. Da plötzlich öffnete sich die Thür und ein Mann in Offiziers-Uniform, jedoch ohne Säbel und Tschako, stürzte mit großer Heftigkeit heraus. Man sah eine Menge Hände ihn mit Gewalt hinausstoßen, dann wieder verschwinden und die Thür verriegeln. Der Mann war total betrunken und wäre sicherlich in den tiefen Straßenkoth gestürzt, wenn ich ihn nicht in nieincn Armen aufgefangen und ans die Füße gestellt hätte. „Pardon!" stotterte er, als er meine Uniform erblickte. und dann, sich mit eigener Kraft auszurichten versuchend, fügte er hinzu:„Bin ich Ihnen etwa auf die Hühneraugen ge- treten?" Die von Trunkenheit heisere Stimme schien mir be- kanut. Ich betrachtete seine Züge, doch konnte ich ihn im ersten Augenblick nicht erkennen. Er erkannte mich zuerst. Ah, Servus, Kamerad!" sagte er, mir auf die Schulter klopfend.„Ho ho ho! Herr Angarowicz kennt mich nicht mehr? „Baron Reuchlingen?!" sagte ich und reichte ihm die Hand, die er jedoch nicht nahm.„Wie geht es Dir?" „Mir? Ganz ausgezeichnet. Du siehst, ich lerne fliegen. Soeben bin ich aus dieser Spelunke herausgeflogen. Ha, ha, ha!" „Bist lange hier? Ich wußte nicht, daß Du hierher ver- setzt worden bist." „Du wußtest es nicht? Hat Dir Deine Frau nichts davon geschrieben? Ho ho!" schrie er jetzt lant,„Du hast eine wunderbare Frau! Ein wahrer Engel ist sie! Nur daß solche Engel dort unten... die Seelen der Sünder in siedendes Pech tauchen!" „Baron!* sagte ich strenge,„ich nehme Rücksicht darauf, daß Du betrunken bist und nicht weißt, was Tu sprichst. Sonst würde ich Dich für solche Worte zur Verantwortung ziehen." „Für solche Worte?!" schrie mit heiserem Lachen der Baron.„Für solche Worte?! Habe ich denn etwas gesagt? — Nichts für ungut, Bruder— Du sagst ja selbst, daß ich nicht weiß, was ich rede. Was aber Deine Frau betrifft— ho ho— Sie ist ein solches Kapitel— welches man im nüchternen Zustande behandeln muß." „So ist's recht." erwiderte ich.„Was Du mir zu sagen hast, wirst Du mir nüchterner Weise sagen, und nun komm schlafen!" „Wer? Ich schlafen?" schrie der Baron.„Nein, Bruder- herz, es ist nicht meine Gewohnheit, um diese Zeit schlafen zu gehen... Was ich sagen wollte..." sagte er plötzlich in ruhigem Tone...„kannst Du mir nicht zehn Gulden borgen? Mein Kleingeld war alle, und der Schlingel dort wollte mir nicht kreditireu. Du sollst es nicht bereue». Morgen bekommst Du Dein Geld wieder und dazu erzähle ich Dir noch eine schöne Geschichte, die einem netten jungen Mann und einer noch netteren Frau respektive Strohwittwe pajsirt ist..." „Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß mir bei diesen Worten des Elenden das Blut zu Kopfe stieg," sagte der Hauptmann zu Angela,„ich gab ihm zehn Gulden mit den Worten: Es wäre am beste», Baron, wenn Tu Dich gleich zur Ruhe begeben möchtest." (Fortsetzung folgt) Ansptelhtttg von VitttMrv�Tithoüvoplzietr. Es ist etwa lt>0 Jahre her. daß Alois S e» e f e l d e r i» München den Steindruck erfand. 1736 machte er die ersten Versuche, und 1733 erfand er das eigentliche chemische Verfahren, von» Stein zu drucken. I» der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts wurde der Steindruck vielfach auch zu künstlerischen Zwecken verwerlhet, so- wohl zur Vervielfältigung selbständiger Entwürfe wie zur Re- Produktion von Kunstwerken. I» den letzten Jahrzehnten hatte aber die Thätigkeit der Künstler auf diesem Gebiet nachgelassen. Um so mehr wurde der Steindruck für die Zwecke der Industrie nutzbar gemacht. Besonders seit der Ausbildung des Buntdrucks(Chromolithographie) wurde er für Plakate, Illustrationen und Nachbildungen von Oelgemälden reichlich ver- wendet. Alle Bestrebungen, die Technik des Buntdrucks zu vervoll- kominnen, gingen daraus aus, ihn dem gemalten Bilde ähnlicher zu machen. Die Vielfarbigkeit ivird beim Steindruck dadurch erzielt, daß man eine Reihe von Platte», deren jede in der Regel nur eine der im Bilde zu verwendenden Farben trägt,»ach einander auf derselben Papierfläche druckt. Man steigerte die Zahl dieser Platten immer mehr, um alle die Nuancen und Zwischenlöne, die das gemalte Bild aufweist, in den Druck hineinzubringen. Und doch ist es bisher nicht gelungen, auf diesem Wege ein ästhetisch de- sriedigendes Resultat zu erzielen. Die auf mechanischem Wege her- gestelllcn Farben sind hart und trocken gebliebe»; sie haben nichts von dem schimmernden Schmelz und de» zarte» Uebergänge» eines guten Gemäldes. Die gewöhnlichen„Oeldrucke" leiste» noch dazu an Glätte und Süßlichkeil mehr als die Technik an sich schon nüthig machl. Die bisherigen Leistungen des Buntdrucks waren daher ohne Ausnahme künstlerisch völlig werthlos. Gegen diese falschen Ziele wendet sich eine Bewegung, die ver- sucht, die Lithographie für rein künstlerische Zwecke zurückzuerobern. Sie ist in F r a n k r e i ch aufgekommen und hat dort bisher die glänzendsten Resultate gezeitigt. Es scheint, daß sie von der modernen P l a k a t k u n st ihren Ausgang nahm. Ein großes Plakat, das auf der Straße anziehen und auch von einem flüchtigen Blick erkannt werden soll, verfehlt seine» Zweck, wenn es mit Einzelheiten in Farbe und Zeichnung zu sehr überladen ist. Große und klare Zeichnung, breite Farbenflächen sind für eine solche Ausgabe unbedingt erforderlich. Diesen praktischen Bedürsnissen kamen zugleich die Bedingungen der Technik entgegen. Je einfacher die Farbcnflächen und je geringer an Zahl ihre einzelnen Töne waren, nmso weniger Steinplatten waren nölhig und umso einfacher war ihre Behandlung. Die glänzenden Erfolge der Plakatkunst schärften de» Blick für die reiche» künstlerischen Wirkungen, die der Steindruck bei richtiger Behandlung herzugeben vermag. So kam man nun auch dazu, die intimere» Wirkungen eines aus der Nähe und sorgfältig zu be- trachtenden Kunstblattes anzustreben. Die äußerst interessante Ausstellung, die gegenwärtig im Licht- Hofe des Kunstgewerbe-Museiims veranstaltet ist, will einen Ueber- blick über die heutigen Leistungen der Künstler- Lithographen geben. Sie ist gut zusainmengestellt und übersichtlich nach den einzelne» Pänder» geordnet. Ein Führer(Preis 20 Pf.) sgiebl Ausschluß über die verschiet.neu Techniken. Die Ausstellung ist im März und April täglich außer Montag von 10—3 Uhr, Sonntags von 12— S Uhr geöffnet. Die Technik der Lithographie ist vielseitiger als jede andere Vervielfäliigungsart. Zeichnerisch erlauben die Eigenschaften des Lithographenileines jede nur mögliche Manier des gewöhnlichen Zeichnens: Kreide-, Feder- und Tuschzeichnung, ferner die Schab- und Spritzmanier. Und zwar giebt der Stein die Eigenart der Zeichnung getreu wieder, auch wen» sie zunächst auf gekörntem Papier entworfen und dann erst durch Umdruck auf de» Stein über- tragen ist. Bei dieser völligen Freiheit in der Technik ist es natür- lich, daß in der Lithographie alle Stilrichtungen der modernen Malerei ihre» Wiederhall finden, daß jeder Künstler in seiner ge- ivöbnlichen Art arbeitet, und auch, daß die Unterschiede in den künstlerischen Eigenarten der einzelnen Völker in diesen Werken wiederkehren. Die farbige Künstler-Lithographie steht an Verbreitung hinter der schivarz-weißen zurück. Es scheint ebenso schwierig zu sein,«ine gewisse Zähigkeit. Sprödigkeit, Härte der Steindruckfarben zu über- winden, wie die zeichnerische Behandlung einfach ist. Wo die Farbe verivendet wird, da geschieht es mit dem durch die Technik erforderten Prinzip, möglichst einfache Farben in klarer Abgrenzung der Flächen gegen einander zu verwenden; vier bis sechs Platten genügen in der Regel, wobei durch Ueberdrnck einige weitere Farbenlöne erzielt iverde» können. Eine Reihe von Drucken sind auch nur in zwei oder drei Farben aiisgesührt. Besonders zu beachten ist auch, daß die Farbe auf jede Art der Zeichnung aufgedruckt werden kann. Die Maler gehen also nicht n>ehr darauf aus, die körperliche, plastische Modelliruug der Farben in der Oclmalerei durch viele Nuancen nachzuahmen. Die Behandlung ist vielmehr f l ä ch e» h a s t und »nr durch die Zeichnung und Schatlirung wird die körperliche Wir- kung der Dinge angedeutet. Daß die Schwierigkeiten der Farbe nicht unüberwindlich sind, zeigen die genialen Arbeiten des Fraiizofe» Alexander L u n o i s. Sie bedeuten technisch das Vollkommenste, was heute in der Lilho» graphie geleistet ivird. Von ihnen wird man den Maßstab zur Be- urtheilung aller übrige» Versuche entnehmen müsse». Seine Farben sind weich und flüssig, die einen von solcher Leuchtkraft, andere so dustig zart, daß keine Palette sie schöner hergeben würde. Eins seiner Blätter„Danas»nd der Goldregen" ist in seinen sechs ver- schiedene»„Etats"(Druckformen) ausgestellt. Aus der Zeichnung in brauner Tusche, aus einem lichten Gelb, einem leuchtende» Roth, einem starken Grün, einem Brannroth und einem tiefen Schwarzbraun entsteht allmälig eine kräftige Farbenharmonie. Lunois wählt mit Vorliebe Vorgänge, in denen sprühende Farben und starke Be- iveguugen vorkoniine». Ballet-»nd Zirkus-Szenen, Stiergefechle»nler der glühe»dei> Sonne Spaniens, auf denen die farbenprächtige Kleidung des VolkcS eine große Rolle spielt,»nd ähnliches. Auf einem der besten Blätter tanzt vorn an der Rampe eine spanische Tänzerin. Dahinter sitzen die Wand entlang die acht andere» und schlagen die Kastagnetlen; alle sind in lebhaste Farben gekleidet. Von unten her fällt das elektrische Licht aus die Szene. Ein anderes im Stoff ähnliches Blatt in blaugrün und gelb ist weicher. Hier ist dadiirch, daß in den Figuren der Stein rauh gemacht ist, eine Wirkung erzielt, die der Pastellfarbe entspricht, während der Gi»nd wie in Wasserfarbe» gemalt aussieht. Zart und intim ist«in Blatt,„Dame bei der Toilette", in einem lichten grüne» Ton, zu dem das kräftige Braun des Bettgeftclls«inen ivirkuttgsvollen Kontrast bildet. Eine herrliche weiche Farben- Harmonie in braunen und blauen Tönen giebt das Einzelbild einer spanischen Tänzerin. Auch die schwarz-weißen Blätter von Lrniois zeigen eine merkwürdig flüssig- iveiche Behandlniig der Farbe und eine hervorragende Sicherheit der Zeichnung. Ans die tonige Wirkung, auf die Herausarbeitung des malerische» Eindrucks kommt es ihm auch dier an. In einigen Blättern leuchtet ans einer dunklen Fläche ein scharfes Licht heraus.„Ein Begräbniß." I» der tiefe» Dämmerung, die über der Szene liegt, fällt das Licht von der Laterne des Mehners auf das weiße Cdvrkleid des Geistlichen und macht das Dunkel, in dem die Leidtragenden und das gähiiende Grab versinke», nur»och grausiger. Auf einem anderen Blatt tauchen die Gesichter der auf- merksamen Zuschauer aus dem Dämmerlicht, das während des Spiels im Theater herrscht, auf. Sehr bewegt ist die Szene in einer Arbeiterversaminlung. Der Redner auf der Tribüne gestiknlirt heslig, die Zuhörer sind in lebhafter Erregung, die Journalisten schreiben eifrig. Dicke Rauchwolken lagern über der Menge. Die Lithographieen von Eugene C a r r i ö r e, die in der Nähe hängen, sind in der S ch a b m a n i e r gearbeitet. Die ganze Steinfläche ist mit einem braunen Farbenton überzogen, und dann erst sind einzelne Partien mit dem Schabmesser herausgekratzt, bald mehr, bald weniger stark, so daß alle Zwischenstufen der Schwarz» Weiß-Reihe sich ergeben. Diese Technik scheint für Carrisre's künstlerische Art besonders geeignet. Er giebt auch in seinen gemalten Bildern die Dinge so, als wäre» sie in einen dichten Nebel gehüllt. Keine feste Contonr, kein Strich, nur Flächen und Rundungen. Da ist ein Blatt„Das Lesen". Ans der braunen Fläche tritt das Gesicht einer Frau- hervor, vor ihr liegt ei» Buch, auf das der Blick karr gerichtet ist. Die eine Hand stützt das Kinn, die andere ist nur angedeutet. Es kam dem Künstler darauf a», nur das Wesentliche der Sache zu geben, hier die Spannung der Lesenden. Alles Beiiverk ist weggelassen. Auch die Portraits sind wie hinaehaucht. Nur was für den Charakter bezeichnend schien, ist ausgeführt. Das Leben des bleichen Gesichts von Edmond de Gon- court konzentrirt sich in de» dunklen Augen, die aus dein Bilde herausleuchten, und in dem festgeschlofsenen Mund. Eine kraftvolle Charaklerstudie ist das Bild des gröfile» lebenden französischen Bildhauers Rodin. Es liegt eine zügellose Wildheit und Kraft in diesein starkknochigen, markant häßlichen Gesicht mit den kräflige» Wöl- bnngen. das ein mächtiger Bart einrahmt, in den forschenden, fast geschlossenen Augen und in dem herben Mund. Wie weit die technischen Möglichkeiten des Farbendrucks gehen, zeigen die Versuche, die pointillistische Technik für de» Steindruck an- zuwenden. Die Blätter von S i g» a c und L u c e mulhen wie Landschaften von Monet oder Pissarro an. ES sind feine Lichtftndien; die Lust ist durchsichtig und bewegt.— In der gegen- über liegenden Abtheilung erregen die drei Lithographien von Toulouse-Lautrec das höchste Interesse. Ein„Engländer" sitzt mit jungen Französinnen zusammen: eine„Wäscherin" geht über die Straße; ein alter Herr und ein junges Weib sitzen in der „Loge". Das ist alles. Und doch sind alle drei Blätter von sprühen- dem Lebe» erfüllt. Mit hastigen, nervösen Strichen sind sie hin- geschrieben; aber jeder Strich„sitzt". Die flüchtigste Bewegung ist scharf erfaßt. Die Farbe ist von einer außerordentlichen Lebendig- keit. Das ist echter„Plakatstil". Erzeugnisse für den Augenblick, vom Augenblick gebore». Darüber hänge» zwei Lithographieen von Rivivre, die in einem seltfanien Konlrasi dazu stehen. Sie sind sehr ruhig, kräftig gezeichnet, aber in de» Farben etwas malt, die eine fast langweilig. Unter den übrigen Blättern sind noch viele ausgezeichnete Arbeiten. Hohe Kultur des Geschmacks»nd Sicherheit in der Technik zeigen die französischen Arbelten in der Regel. Sie haben alle etwas im besten Sinne des Warles Gefälliges, eine uunachahinliche Grazie und eine reizvolle prickelnde Lebendigkeit. Von de» Engländer» sind nur wenige Schwarz-Weiß- Blätter ausgestellt. Von W h i st l e r außer ein paar feinen Alt- zeichnunge» ein„Noclurno". Die Silhonelle einer Stadt mit ihren Giebel» und Schornsteinen steht jenseits des Sees gegen den Horizont. Dichter Nebel liegt über dem Wasser. Ein paar Lichter blinken herüber. Das ist in ganz wenigen zarten grauen Tönen ge- geben. In der Art der Behandlung sehr ähnlich sind die Arbeiten von P e» e l l und H a rt l e y. Die Blätter Shannons, eines Symbolisten, die ans rauhem Grunde in Kreidcmanier gezeichnet sind, gefallen durch ihre reizvolle Be- Handlung der Tonwirkuugen. durch die weiche Modellirung der Körper und die feine Komposition. S t o r m van G r a v e s n n d e mit seinen Hafenbildern, die ganz in der großen, breiten Manier der Holländer gehalten sind, und der Porlrälist Jan Beth sind die einzigen Vertreter der Holländer. Die Bildnisse des letztere» haben eine sorgfältige und krästige Technik. Die Charakteristik ist etwas gleichförmig, namentlich wenn man sehr viele von de» Bildern hintereinander steht. Unter ihnen fällt ein gutes Porträt Bedel's auf. Auch in Deutschland haben in den letzten Jahren viele Maler mit dem Steindruck gearbeitet,»nd es ist manches gute Re- snltat in der Ausstellung zu sehen. Die Berliner Lithographien sind allgemein bekannt, die von Menzel haben schon eine große historische Bedeutung. L i e b e r m a» n, S k a r b i n a, Hanns F e ch» e r mit seinen etwas glatten Portraits, uuter denen das des allen Stabe auffällt, sind vertreten. Die jüngst besprochene» Lilho- graphiee» und Algraphiecn von Cornelia Paczka-Wagner sind aus der Künstlerinnen-Ausstellung übernomnic». Bon de» Münchnern zeichnet Fritz Burger Damenbildnisse in einer etwas vergröberten pariserischen Manier. Die Landschaften von Hans von Haider sind von einer köstlichen Zartheit und Rein- heit der Zeichnung nnd in zwei oder drei Tönen gehalten. Birken im Frühling. Im Hinlergrunde liegen die noch schnee- bedeckte» Berge im Abendglanz. Märchenstiminung liegt über einem anderen Blatt, auf dem ein Ritter sei» Roß am Zügel führt. Die Dresdener sind nicht genügend vertreten. L ü h r i g hat eine größere Anzahl von Borträlköpsen und Landschaften da. Haus U n g e r hat den bei ihm schon genügend bekannten Mädchenkops auch litho- graphirt. Größeres Interesse verdiene» die Lithographien von Hans T h o i» a in Frankfurt, der Düsseldorfer nnd vor allem der Karlsruhe r. Thoma's ausgezeichnetes Selbstbildniß zeigt uns den gutmüthigen und kraftvollen Alten. Seine Blätter haben etwas von der treuherzigen Manier alter Holzschnitte; sie scheinen bis- weilen derb unbeholfen i» der Zeichiliing, aber es liegt in ihnen auch dieselbe poetische Stimmung. Mächtige Baumstudien und schlichte Landschaften und Bilder kleiner aller Städte, einfache Szenen aus dem Leben und phantastische Kompositionen wechseln mit einander ab. Unter den Düsseldorfern stehen Jernberg init seinen kraftvoll naturalistische» Herbstbildern und Kall morgen oben au. Letzterer stellt gern Straßen an regnerischen Abenden dar. Trübgelbes Licht von den Laternen und Schaufenstern kämpft gegen die Dunkelheit an und spiegelt sich in zitternden Linien auf de» nassen Pflastersteinen. Mit dem Winde kämpfend eilen die unter ihrem Schirm fröstelnde» Leute über die Straße. In Karls- r u h e ist der Druck auf getöntes Papier am höchsten entwickelt. Mit oft nur zwei Tönen wirken die Blätter sehr fein malerisch. Weiche, tränmerische Abendstimmungen, bei denen eine weite dunkle Ebene in einem schönen Kontrast zu dem leuchtend rothc» Himmel steht, sind für diese Technik zur Darstellung am besten ge« eignet. Hans v. Volk mann sieht in den Landschaften vor allen Dingen große Linien. Bergabhänge und iveite Hügellandschaften sind mit wenigen festen Strichen stark herausgearbeitet. Kamp- mann wählt ähnliche Motive; aber es fehlt ihnen die zeichnerische Kraft, der Künstler hat mehr auf die Tonwirkung hin gearbeitet. Neben diesen sind eine große Zahl von tüchtigen Künstlern thätig, Carlos Grethe, Kampf, Otio, Heyne, Weiß. Lange und andere, auf die hier nur hingewiesen werden kann. Es sind dies die Mitglieder des jetzt»eubegründeten„Künstler- bundes". Der Führer dieser Sezession, Graf Kalckreuth, ist mit drei kleinen Blättern vertreten, die zwar seine Art, aber nicht seine ganze Größe erkennen lassen. Eine Bäuerin, die auf einem Felde arbeitet, ist mit derben, runden Strichen gezeichnet. Sie steht mit ganzer Figur gegen den Himmel. Neben ihr sitzt ihr Kind. Ein Kräheuschwarm fliegt auf. Im Hintergrund liegt das Dorf.— Oskar Kühl. Nloines Fouillekotr. n. Schnltvandtafcln ans Linolen»». Von dem für IM« veränderlich gehaltene» Inventar der Schule schwindet in der pietät« losen Gegenwart Stück für Stück: die Schiefertafeln und Griffel sind oder iverden allmälig durch Gegenstände aus soliderem Material ersetzt, und jetzt soll auch an die Stelle der allehrwürdige» hölzernen Wandtafel eine solche ans Linoleum treten. Während es sich auf diesen grün gefärbten Tafeln ebenso leicht mit Kreide schreibt, ivie auf Holz, haben sie de» große» Vorzug, daß sie völlig stumpf sind. das Lesen des a» die Tafel Geschriebenen also nicht durch die Blendung der blanken Tafel beeinträchtigt ivird. Selbstverständlich lassen sich auch die Kreidestriche vom Llnoleum völlig glatt ab» wischen, ohne Risse im Material zu hinterlassen. Daß bei den neue» Tafeln ein Nachpolire», Abschleife» oder Nachstreichen unnöthig ist, dürfte die Schuljugend weniger interessiren, als die geplagten Schul- lehrer, oder in größereu Schulanstalten die Pedelle.— Theater. Im Berliner Theater wurde am Mittwoch der „Alarich" von Verdy d u V e r n o i s zum ersten Male auf- geführt. Solche Alariche werden zu Dutzenden geschrieben, aber man niiiß ein früherer Kriegsininister sein, um ein Werk dieser Art auch auf die Bühne zu bringen. Exzellenz du Bern vis war ivieder jung geworden; wie ei» Kind sich an seinem Bilderbogen ergötzt, so erfreute er sich kindlichen Sinnes an den fünf theatralischen Guckkasten- Szenen, in denen viel von Germanentreu und germanisch tiefem Geinülh zu hören war. Dies Ver- gnügen des allen Herrn inachle dem Publikum»vieder eine kindliche Freude, und so applandirte man Herrn du Vernois, wie's ihm im Reichstage nie vorgekoimnen war; und er durste sich oft nnd oft in seiner Loge erheben und sich dankend verneigen. Eine dichtende Exzellenz hat nämlich einen Vorzug vor dem gemeinen Dichter, der vor die Rampe trete» muß, wenn das souveräne Publikum seiner begehrt. Der„Alarich" ist das verfrühte Genie. Bei Verdy du Vernois kommt er eigentlich um dreizehn oder vierzehn Jahrhunderte zu früh aus die Welt. Auf de» Trümmern des salscheu Römerlhnms ivill der Gothenfürst das gemallige germanische Einheitsrcich aufrichten. Aber die Zeit ist eben seinen Ideen nicht reif; thcils daran, theils an einem Dämon scheitert er. Die Römerin Severa ist ein dämo- »isches Weib. Sie behauptet es wenigstens. Sie will die blonde Amaluntha von dem treuen Galten Alarich trennen und an der Seite dieses Großen ihn und die Welt beherrschen. Aber Alarich hält fest zu Rntalunlhen, und Severa, die Ver- schinähte, entbrennt in dämonischein Haß. In Süd- Italien verscheidet Alarich und der Sterbende hinterläßt das Verinächtniß an die Germaniaslänime: Seid einig, einig, einig! Eines war sehr löblich an dem Drama: die soldatische Kürze im Ausdruck. In zwei Stunden waren fünf historische Akte zu Ende gespielt. Der muskelkräftige Herr P o t t s ch a n, der Riese unter den deutschen Schauspielern, wnßie so tapfer auf Wams und Koller zu schlage», daß es nur so dröhnte. Er gab den Alarich, und Frau Pospischill(Severa) ist im Berliner Theater berufen für die dämonischen Weiber.—ff. —t. Schiller-Theater. Grillparzer nnd Eduard Jacobson sind beide Theaterdichter, nur mit dem einen Unter- schiede, daß Herr Johannes Hagel und Familie sich über des Einen „Ahnfrau" lustig machen, während die hochznverehrenden Herrschaften an dem Possenklimbim des Andere» ihre wahre, innige Freude haben. Der„gemachte Man n" war von vornherein des jubelnden Beifalls sicher, der ihm bei seiner vorgestrigen Auf- führung im alten Wallnertheater zu theil wurde. Und man kann noch von Glück sage», daß der Geschmack naiver Leute sich an Jacobson, dem harmlose» Vertreter seiner vergangenen Zeit. genügen läßt, daß von einer Direktion, die sich zwar mit manchem Mißerfolg, aber doch mit ehrlichem Willen bestrebt, ihr Publikum zu erziehen, nicht verlangt wird, sie solle die Adolph Ernst-Posse und ähnliches Zeug mit frischem Flitterstaat aufputzen. Die Posse„Ein gemachter Mann" soll just das hundertste Fabrikat des Herrn Jacobson sein. Ihr Hanptheld ist ein ehemaliger Schlächtermeister, der die Rolle des Parvenü»nit der in solchen Stücken üblichen Tölpelhaftigkeit spielt. Doch der Ansatz zur Satire schwindet bald; je weiter die Handlung vorschreilet, desto mehr suhlt sich jede Person des Sliickes chijüg als harmlose Hanswurstfigur. Man muß der Künstlerschaft des Schiller-Thealers nachrühmen, daß ste� mit Gewandlheit und innigem Behagen im seichten Gewässer plätscherte. Grete Gallus in eine lustige Soubrette, der es selbst an der gebührenden Portion Uebermuth nicht fehlt, und was Herrn Alfred S ch M(i s o w betrifft, so weiß ein jeder, der ihn kennt, daß es eine Wonne für ihn ist, wenn er von derber Komik übersprudeln kann.— Musik. -or-. Konzerte. Das Programm des zehnten und zugleich letzten diesjähngen philharmonische» Konzertes zeichnete sich durch jene liebenswürdige Stillosigkeit aus, welche den Eigen- thümlichkcite» eines inannigfaltige» Knnstgeschmackes Rechnung tragen will. Man begann niit einem klassisch symphonischen Gipfel- punkte, mit Schuben's unvollendeter d-laoll-Symphonie, und kein Tonstück hätte gewählt werde» können, um den Abstand blühender und tiefer Musikwahrheit von den faselnden, brillanten und närrischen Orchefterwitzen unserer„geistreichen" Jnstrnmentalinoderne deutlicher hör- und fühlbar zu machen. Der Gesaugssolist des Abends war Frau L i l I i Lehmann, die weniger mit dem stilisirtcn Pathos einer Arie aus Giuck's„Armida", als mit dem plastischen und groß- zügigen Vortrag der„Ozeanarie" ans Weber's„Oberon" be- deutenden Eindruck machte. Die Stimme dieser wirkliche» Künstlerin hat einer langjährigen Bühnenthätigkeit einigen Tribut an Frische und Schlagkraft darbringen müssen, aber Größe und Tiefe der Empfindung sowie abgeklärte Gesangs- kunst werden ihr immer das wärmste Interesse einer kunst- gebildeten Zuhörerschaft sichern. Ter zweite Solist war der Konzert- meister des philharmonischen Orchesters, Herr Anton W i t e k, der mit sicherer Ruhe, reinem und schatlirtem Tone und ohne Ueber- lreibung der Gegensätze Brnhm's Violinkonzert spielte. Er zeigte die wesentliche» Eigenschaften, welche ihn als würdigen Nebenbuhler der Ersten seines Instrumentes erscheinen lassen. De» Schluß des Abends nahm Wagner mit dem„Venusberg-Bacchanale" und der Ouvertüre zum„Fliegenden Holländer" ein. Die ganze Freiheit seiner Dirigenlenvirtuosität, de» fortreißenden Schwung und die beherrschende Energie seiner Persönlichkeit ließ Kapellmeister N i lisch in diesen beiden Touwerkeu nochmals als Abschiedsgruß aufleuchten. Der 8. Sym phou ic- Abend der Königlichen Kapelle brachte die Heimkehr des halbverlorengegangenen Kapellmeisters W e i n g a r t n e r. Der laue, verhaltene Empfang schien in dankbarer Erinnerung Herrn Dr. Muck, der Weingartner mehr als intelligenter Musiker denn als ausgeprägte Künstlerindividualität vertreten hatte, nicht beleidigen zu wollen. Das Programm enthielt Weber's Ouvertüre zu„Euryanthe", Mendelssohn's a-moll und Beethoven's 8. Symphonie, sowie dessen„Egmottt"-Vorspiel. Be- fonders Mendelssohn's Meisterwerk, in dem es keine bizarren Ideen und rhapsodischen Formlosigkeiten, wohl aber konsequente Aeußerungen eines reichen, selbständigen Künstlervennögens giebt, schien der Phantasie und dem Gefühle des Dirigenten nahe zn stehen. Seine Bravour verlor sich da nicht in Berirrungen und brachte den ernsthaften Theil der Zuhörerschaft nicht durch die Berücksichtigung der Koulissensorderuiigen moderner Konzertbesucher in peinliche Ver- legenheit. Herr Weingartner wird seine Berliner Thätigkeit nur auf die Leitung der Symphonie-Konzerte beschränken; schade, daß dieser schöpferiscbe Kunstvcrstand, dessen dramatische Mittel einen Stich ins raffinirt Theatralische haben, sich der Bühne entziehen muß.— Frau H a m a n n M a r t i» s e n zeigte an ihrem Liederabend in der Singakademie als bestechenden Vorzug ihres Mezzosoprans ein weiches, beseeltes und tragfähiges Piano. Sie sang Schubert, Cornelius und Brahms mit einem Vortrage, der technisch an der inaugelhaften Ausbildung der hohen Lage und geistig an der kouveutionellen Charakterisirung der einzelnen Lieder litt. Es ist ein Gesang, der weder zn bedeutenden Ausstellungen Veranlassung giebt, noch über eine gewöhnliche Korrektheit hinausgeht.— Der Londoner Violinist Louis Wolff spielte in der Singakademie das Brahms'sche Violinkonzert wie ein eleganter Virtuose, der es mit seiner Hände Arbeit technisch weit gebracht. Uni den Inhalt dessen, was die Aufgabe seiner Re- Produktion ist, kümmert er sich nicht viel; ob Drama oder Märchen, Romance oder Salongeplauder, er hat für alle Großen und Kleine» den gleich süßen Ton, die gleiche Geschmeidigkeit der Bogensührung, dieselbe Gleichgiltigkeit der poetischen Jnluittoii.— Geschichtliches. — In der vom II. Juni 1781 datirten Berordnung für Z e Ii s u r w e s e n in Wien findet sich folgende Stelle: „Kritiken, wenn es nur keine Schmähschriften sind, sie mögen nun treffen, wen sie wollen, vom L a n d es f ü rst« n an bis zum Untersten, sollen, besonders wenn der Verfasser seineu Namen dazu drucken läßt, und sich also dadurch für die Wahrheit der Sache als Bürge darstellt, nicht verboten werden, da es jedem Wahrheits- liebenden eine Freude seyn muß, wen» ihm selbe auch in diesem Wege zukömmt."—_ Aus dem Thierreiche. — Eine Thiergattung innerhalb fünfund» zwanzig Jahren auszurotten, dieses„Kunststück" hat man, was wenig bekannt sein dürste, in den Jahren 1742 bis 1763 fertig gebracht. Russische Naturforscher, die in der Behringstraße Schiffbruch erlitten, entdeckten auf der Behringsinsel, sowie auf einigen anderen, nahe gelegenen Inseln ein dem Walfisch verwandtes Thier, dem die Naturgeschichte den Namen Borkenthier gab. Es war bis zu SOOO Kilogramm schwer, sieben bis acht Meter lang, überaus plump und dick und mit einer Haut bedeckt, die lebhaft an die Rinde alter Bäume erinnerte. Da die Augen liderlos waren, die Ohren sehlien, Brust- und Schwanzflossen sich höchst unbeholfen bewegten, soll das Thier abschreckend häßlich ausgesehen habe». Der Wohlgeschmack des Fleisches wurde die Ursache zum Untergang des seltenen Geschöpfes. Bald begann eine so systematische Verfolgung, daß seit 1763 kein einziges Borkenthier mehr gesehen worden ist, Selbst in den Museen befinden sich nur oberflächliche Beschreibungen von ihm.— Technisches. — Eine neue T r a j a n s b r ü ck e. Aus Temesvar wird der „N. fr. Pr." berichtet: Durch einen soeben zum Abschlüsse gelangten rumänisch-serdischen Vertrag wurde der Wiederaufbau der distori- scheu Trajansbrücke zwischen Turn-Severin und Kladova vereinbart. Ruinänten übernimmt die Kosten des Brückenbaues, Serbien muß dagegen die Timok-Thalbnhn, welche Kladova niit Nisch verbindet, gänzlich ausbauen, wodurch die neue Brücke mit den europäischen Hanptliiiien in direkte Verbindung gesetzt wird. Die Brücke soll auf derselben Stelle, wo die Römerbrücke gestanden, errichtet werde»; die rumänische» Ingenieure haben gefunden, daß die aus Trajan'S Zeit erhaltenen Brückenpfeiler den neuen Brückenbau tragen können.— t. Di e künstliche Herstellung desGraphits ist nach einer Notiz des„Elektrotechnischen Anzeiger" nach einem Verfahren von H. Wing i» Buffalo gelungen, was für die Zukunft mit Rück- ficht auf die Bleistislfabrikation von Wichtigkeit werden könnte. Ein elektrischer Ofen wird zn dem Zwecke dauernd mit kohlenstoffhaltigem Material geftillt, welches infolge des Widerstandes gegen den Durch» gang des elektrischen Stromes genügend stark erhitzt wird, um einen Theil des Kohlenstoffs in Graphit zu verwandeln, der nach Ab- kühlung des Ofens von dem übriggebliebenen Stoffe getrennt werden kann. Vorläufig wird das Verfahren wohl noch recht kost- spielig sein.— Humoristisches. — Ein Schnelldrama. Junger eifersüchtiger Ehemann (in das Zimmer seiner Frau tretend):„Ha. was verbirgst Du vor mir? Ein Liebesbrief!(Entreißt ihr das Papier.) Ah, die Rech- nuug der Schneiderin! Hier, nimm sie zurück! Ich will nichts ge- sehen haben!(Schnell ab.)— — Nicht verlegen. Herr(zu einem Jungen, der gerade die Angel auswirst):„Was, Du unterstehst Dich, am Sonntag zu fischen?« Junge:„Ich fische ja gar nicht, Herr! Ich will ja nur den Wurm schwimmen lehren."— — Das genügt.„Wer ist Ihr Lieblingsantor?"—„Ver- zeihung, mein Herr! Ich bin selbst Schriftsteller!"— („Jugend".) Vermischtes vom Tage. — Im Eanerlande liegt der Schnee meterhoch. Einzeln stehende Gehöfte sind von der Außenwelt vollständig ab- geschnitten.— y. Auf dem Bahnhofe Rothen kr ug bei Flensburg explodirte beim Ausladen«in Postpack et. Drei Beamte wurden verletzt.— — In Queidersbach bei Kaiserslanlern erschoß ein Maurer aus Rache«inen Ackerer und verwundete einen Landwirth schwer.— — In Augsburg kam der zweijährige Sohn eines Bäcker- meisters über eine Schachtel, die C r e o s o t p i l l e n enthielt, und verzehrte über ein Dutzend dieser Dinger. Das Kind starb am nächsten Tage unter gräßlichen Schmerzen.— — Die Waldungen bei M a g n l i s c a(Ungarn) stehen seit zwei Tagen in F l a m m e n.— — Im S i e b e ii b ü r g e r K o in i t a t hat am Donnerstag ein Orkan nngeheiiren Schaden angerichtet.— — Die Influenz«. Epidemie macht in Italien besonders in Neapel täglich Fortschritte.— — Der Orkan, der i» den letzten Tagen über Oberitalien dahin ging, hat großen Schaden angerichtet. In S a l i z z o l e lödtete eine einstürzende Ringmauer zwei Personen. In Verona wurde am Mittwoch eine ku~ze E r d e r s ch ü t l e r u u g bemerkt.— c. e. In Amerika fabrizirt man jetzt aus dem Ziagen des K a tz e Ii- H a i's„echt russischen K a v i a r".— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatles erscheint Sonn- tag, den 13. März. Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe») in Berlin. Druck und Verlag von Max«ading in Berlin.