AnterhaltMlgsblatt des vorwärts Nr. 51. Sonntag, den 13. März. 1898. (Nachdruck verboten.) ioz Am hÄnslichen Herd. ?ioman von Iwan Franko. „Morgen, morgen." sagte er. das Geld einsteckend. Ich danke Dir! Und morgen, so gegen 10 Uhr früh kannst Du mich hier in dieser Bude anfsucheu— entweder findest Du mich hier, oder sie zeigen Dir meine Wohnung. Des Geldes wegen kannst Du ruhig sein. Haben mich auch meine lieben Ver- wandten unter Kuratel genomnien, ich werde mir schon Rath zu schaffen wissen!"— Er wandte sich wieder zum Wirthshaus, blieb aber noch einmal stehen und sagte:„Vielleicht gehst Du mit mir? Komm, wir wollen plaudern!" Doch mich erfaßte Ekel vor dem Elenden und vor der schmutzigen Kneipe, und ich wies seineu Vorschlag zurück. „Ich danke, Baron!" sagte ich,„ich habe noch eine wich- tige Arbeit und muß nach Hause." „Pfeif' aus alle Arbeit! Komm mit mir!" Doch ich begann mich bereits zu entfernen. „Willst nicht?" rief er mir nach.„Hol' Dich der Teufel! Ich iverde ohne Dich fertig werden. Und vergiß nicht, morgen zu kommen. Du sollst eine schöne Geschichte von Deinem lieben Weibchen, von dem Engel, zu hören bekommen. Ha, ha, ha!" Wie von Wölfen gejagt lief ich davon und die ganze Nacht tönte mir das gemeine Lachen in den Ohren. Du kannst Dir denken, welche Angst mich folterte, welche Unruhe die ganze Nacht hindurch meine Seele bedrängte. Mit welchem Rechte wagte es dieser Elende, an diesem Orte und unter solchen Umständen Deinen Namen zu erwähne»? Aus welche Geschichte berief er sich? Was wird er morgen erzählen? Zwar, so wie ich ihn kannte, mußte ich voraussetzen, daß es eine Gemeinheit oder eine dumme Klatscherei von seiner Seite geben werde, und dennoch— so elend ist die menschliche Natur— erwartete ich mit ungeduldiger Unruhe den andern Tag. Du wirst es mir gewiß nicht verübeln, meine Thcure," fügte der Haupt- mann mit einem herzlichen Händedruck hinzu,„es handelte sich gewiß nicht darum, daß ich über Dich etivas Schlechtes zu hören verlangte; nein, das kam niir nicht in den Sinn; in meiner Brust kochte der Zorn gegen den Baron. Ich wollte ihn im nüchternen Zustande sehen und von ihm Rechenschaft verlangen für die Worte, die er in der Trunkenheit gesprochen— und eventuell ihn zivingen, alles zu widerrufen und nie wieder in Zukunft in diesem Tone von Dir zu reden. In diesem Augenblicke fühlte ich mit jeder Fiber nieines Wesens, wie sehr ich Dich liebe, wie nahe Du mir stehst und wie alles, was nur den geringsten Schatten aus Dich werfen könnte, mich bis in die tiefste Seele schmerzlich berührt." Angela hob bei diesen Worten schweigend die Hand ihres Mannes an die Lippen, küßte sie und eine schwere, heiße Thräne fiel dabei aus ihrem Auge ans diese theure Hand. „Was thnst Du, Angela?" rief der Hauptmann.„Du weinst? Was ist Dir? Er umschlang sie mit seinen Armen, und Angela lehnte sich laut schluchzend an ihn. „O, Du mein geliebter Mann!" sprach sie mit einer von krampfhaftem Schluchzen unterbrochenen Stimme... Wie sehr Du mich liebst!... Wie gut... wie edel bist Du!— Und womit habe ich... das verdient..?" „Beruhige Dich, Angela," sagte er, ihr Stirne, Mund und Augen küffend.„Weshalb iveinen und in Rührung gerathen? Es ist doch nur meine Wicht! Würde ich anders vorgehen, so wäre ich ein Ehrloser." Es dauerte einige Minuten, bis Angela sich nach diesem neuen Nervenanfall beruhigte und ihren Mann bat, seine Er- zählung zu beenden. „Ich habe nur noch wenig zu berichten," sagte er, ihr gegenüber Platz nehmend.„Am anderen Morgen erhielt ich Deinen Brief, der mich den Baron und sein trunkenes Gerede vorläufig vergessen ließ. Ich hatte keine Lust mehr, ihn zu sehen, und dachte mit Angst daran, daß er— falls ich jetzt zu ihm komme— sicher meinen würde, daß ich Zihn ivegen des geborgten Geldes mahnen komnie. Ich beschloß also, einige Tage zu warten und heute nur in jenein Wirthshanse mich nach seiner Wohnung zu erkundigen. Da ich in Dienstangelegenheiten den Ort passirte, trat ich ein und fragte nach dem Baron. „O, der Baron!" rief der Wirth.„Schöne Barone schickt man uns hierher! Ein Räuber ist er, kein Baron! Aber gestern haben sie es ihm heimgezahlt. Er begann Streit mit einigen ungarischen Soldaten, fiel über sie her und beschimpfte sie, bis sie ihn ans der Schankstube hinauswarfen. Bald kam er zurück, verhielt sich anfangs ruhig, aber später fing er wieder an, den Soldaten zuzusetzen. Da warfen sie sich über ihn her, schlugen ihn windelweich und rissen ihm Mantel, Säbel und Waffenrock vom Leibe, worauf sie ihn halbtodt aus die Straße hinauswarfen und sich selber aus dem Staube machten." „Wo ist er jetzt?" fragte ich erschrocken. „Das weiß ich nicht," erwiderte der Wirth.„Lange Zeit hörte ich ihn auf der Straße stöhnen, doch da ich keinen Spektakel mehr haben wollte, sperrte ich Thür und Fenster ab und ließ niemand mehr ein. Nachher wurde es still; es scheint, daß er sich in seine Wohnung geschleppt hat." „Wo wohnt er denn?" Der Schenker wies ans ein kleines, einsam im Garten stehendes Hans und sagte, der Baron wohne dort allein, mit einem Soldaten, der ihm zur Bedienung zugethcilt worden sei. Doch heute war der Soldat mit Tagesanbruch fortgegangen und»och nicht wiedergekommen. Gewiß halte der Baron ihn um Heilmittel oder Branntwein geschickt. Ich ging aus das Häuschen zu. Es war verschlossen. Ich blickte durch das einzige kleine Fenster. Es war von innen verhängt. Ich klopfte an Thür und Fenster, und rief laut— niemand antwortete. Da rief ich den Schenker herbei, und wir stießen gewaltsam die Thüre auf. In der engen, dunkeln Scube lag der Baron aus der Erde mit zerrissenem Hemde mit kothbeschmutzten Kleidern und Stiefeln. Wir schoben den Bettvorhang zurück und bemerkten nun erst, daß sein Schlaf un- natürlich schien. In der rechten Hand hielt er eine Pistole, und auf der rechten Schläfe sah man eine kleine, mit geronnenem Blute und verspritztem Gehirn verklebte Oeff- nung. Ans dem Boden neben ihm war auch eine Blutlache. Papiere oder Briefe wurden keine vorgefunden. „O Gott!" lispelte schaudernd Angela, die athcmlos diesen Bericht angehört hatte. „Das ist die ganze Geschichte vom Baron... Wie Du siehst, habe ich nichts von ihm erfahren. Hatte er irgend ein Geheimuiß, so nahm er es mit ins Grab." Angela konnte sich vor Rührung kaum fassen und flüsterte, das Gesicht mit den Händen bedeckend:„Schrecklich! schrecklich! So ein furchtbares Ende!" „Wirklich, ein tragischer Ausgang!" sagte der Hauptmann mit Rührung.„Ein Mann von so viel Fähigkeiten, so viel Schönheit, Ansehen und Vermögen! Und das sein Ende!" Nach kurzem Schweigen fuhr er fort:„Ich ivollte Dir darüber schreiben, aber nachher überlegte ich's mir, daß Du Arme ohnehiil genug Verdruß hast, wozu Dich mit derlei Ge- schichten noch mehr ausregen? Angela, ich bin wirklich Deinet» ivegen sehr unruhig, wir müssen über die Sache ernstlich nach- denken." „Was können wir ausdenken?" erwidert Angela traurig. „Ja ich weiß es, eine Sache könnte mir helfen, aber auf diese eine wirst Du eben nicht eingehen können." „Was ist es? Sprich! Wäre es denn möglich, daß ich etwas für Dich nicht thnn ivollte, was in meiner Macht läge?" „Es liegt aber vielleicht garnicht in Deiner Macht?" „So sage doch, was es ist!" bat der Hailptmann. „So höre denn, mein Lieber," sagte Angela, seinen Hals umfassend und ihren Kopf an seine Brust lehnend.„Länge schon, Sommer und Winter habe ich davon geträumt, diese Stadt, Lemberg, zu verlassen und mich auf dem Lande an» zusicoeln. Dort hätte ich Ruhe, die ich hier nie haben werde, und die Arbeit bei der Landwirthschaft, die ich seit meiner Kindheit so liebe, würde meine Nerven stählen und mir das Gleichgewicht wiedergeben." „Auf de», Lande wohneil? Sich der Wirthschaft widmen?" fragte langsam und nachdenkend der Hailptmann.„Nun gewiß, das wäre nicht übel, obwohl mir bisher Deine Vorliebe für das Landleben nicht bekannt war." »Dn hast nie danach gefragt." »Das ist schon möglich, mein Lieb. Oh, wie gern wäre ich damit einverstanden Ich trag» mich ja schon lange mit ähnlichen Idealen!" »Ist es möglich," rief Angela voller Frende. »O ja. Und ich hoffe, doch wir einst im stände sein wer- den, dieses Ideal zu verwirklichen." „Wann t" „Nun, so bald gewiß nicht. Wenn ich pensionirt werde. Denn ich glaube doch. Tu würdest Dich nicht von mir trennen und ans dem Lande allein leben wollen..." „O nein, nein! Um keinen Preis!" rief Angela. „Und übrigens, wohin würdest Du Dich wenden?" »Wir könnten uns ein kleines Landgut kaufen," flüsterte ihm Angela ins Ohr. »Kaufen? Ich möchte sogar ein großes Gut kaufen; aber wo das Geld hernehmen?" »Das Geld— das haben wir ja! Du hast ja Deine Kaution. Für diese Summe könnten wir doch ein Stück Grund einhandeln, wie es für uns nöthig ist, und noch etwas erübrigen, um die Wirthschast in Gang zu bringen." (Fortsetzung folgt.) SonnkaigsplÄttdevei. Aach der langen, feuchten Trübsal der letzten Wochen wagt sich endlich schüchtern die Frühlingssonne hervor; um die MUtagszeN werden aus unsere» Zlerplätze» sogar die Hüte der häßliche» Hüllen gelüstet, unter denen die empfindlicheren Pflanzen sich bergen. Ter warme Frühlingsathem, wie er die achtundvierziger Märztage einleitete, will sich nicht einstellen. »Wenn ich noch beten könnte. Ich betete für Wien", fang damals Freiligralh, als am 13. März die Revolution in Wien ihre Blut- lanse empfing. Es war ein proletarisches Ausflammen; denn ein guter Theil der Bürgerschaft war der echte Vorfahre des heutigen Wienerihums, das wird immer klarer. Anck bei der Studentenschaft gesellte sich leibliches zu geistigem Eleirir Es war eine andere Welt, als die des heutigen deutschthümelnden Renommirftudenten. Es gab damals eine Menge von Betlelstndenle», sie hungerte» und sie froren; aber sie trugen de» Frühlingsglanben im Gemüth, und es befeuerten sie Hoffnung und Begeisterung. Wir leben gegenwärtig in Tagen, die der Erinnerung Raum gewähren. Wer die Zeitung zur Hand nimmt, der weiß, er wird keinen sonderlichen Ausregungen begegnen. Langsam und fröstelnd geht die ablaufende parlamentarische Periode ihrem Ende zu; auch der Kuhhandel des Zentrums wegen der Kähne wird die Gemüther nicht mehr aufwühlen; kein größerer Moment verhindert augenblicklich, daß man der Vergangenheit ge- dächte, jener Vergangenheit, da auch der schmachvoll geseffelten Presse zum ersten Male die Bande gelockert wurden. Die lustigen Geister surrten und schwirrten damals in den Lüsten; für Deutsch- land ward erst eigentlich die Karrikatur geboren. Die Rechtsfindig- keit von heute erklärt der satirischen Karrikatur den Krieg. Sie ist pathetisch geworden. Mit dem Echarssinn, mit dem sie aus Liebknecht's Breslauer Rede den dolus eventualis heraus- pickte, um dessentwillen Liebknecht in diesen Tagen zu Ende büßt, rückt sie nunmehr der Karrikatur zu leib» Nicht etwa der oder jener Karrikatur, sondern dem Begriff des satirischen EchaugebildeS, das, wie alle Satire, ohne Ueber. treibuug berechnender Merkmale nicht gedacht werden kann. Aber man ist heutzutage empfindsam geworden und mit stocksteifer Ernst- hastigkeit erklärt man, die Karrikatur an sich habe die Absicht lächer- lich zn machen, also sei sie verletzend. So lautet es in dem Erkennt- niß wider den Redakteur des»Kladderadatsch". ZIrmer Max und armer Moritz! Hütet euch fernerhin, ihr bösen Knaben, die spitze Nase der guten Tante Luise auf euerer Echiesertasel oder in euerem Schreibheft in karrikirenden Züge» sestzuhalte». Was Häuschen sich einprägt, wird dem Hans leicht zur zweite» Natur; und so könntet ihr größer werden, auf- wachsen in euren boshaften Neigungen. Das aber wäre von Hebel und eine Gefahr. Früher einmal, da war das ganz anders. Da allerdings entstanden die lustigen Gebilde und ganze Menschengeschlechter durften über sie lachen. Wenn der alte Rabelais, der heule noch den Franzosen als klassischer Typus gallischen Ueber- uiuthes gilt, einen Freßsack schildert«, so ließ er ihn i» ergötzlichster Uebertreibung erscheinen. Wenn er ein mächtiges Lendenstück etwa verzehrt hatte, so wimmerte er: Habt ihr nichts zarteres denn zu essen, und schlang danach ein HäSlein oder zwei hinunter.. Auf Sir Falstaff's Wirlhsrechnung findet sich neben der Menge von Sekt und neben dem Kapaun der Halbpfennig für Brot. Wie viel Bitterkeiten, wie viel Wahrheiten sind in der Ver- lleidung von groteskem Humor oder von grotesker Satire gesagt worden. Aber die lustige» Geselle» waren den trockenen Geistern niemals nach dem Herzen. Es ist ei» wahrer Segen, daß sie in ihrer quecksilbernen Lebendigkeit nicht so leicht zu fassen find, daß sie Sern dem aus der Hand entwischen, der sie ergreift. Wenn's nach em Sinne der autoritären Kräfte ginge, dann würde eS verdammt langweilig aus dieser Erde. Die Autorität ist strenge; wenn man ihr eine» Nasenstüber versetzt, achtet ste es einem schweren Verbrechen gleich. Felix Cavallotti, der italienische Politiker und Schriftsteller, der jüngst in« Zweikampf gesallen, hat das au einen» seiner fein- geschliffenen kleinen Dramen erfahren. Wir hatte» vor ei» paar Jahren das Gedicht in deutscher Ueberlragnng auf dein Theater kennen gelernt und mußten uns>vn>rdern, daß es solchen Sturm in Italien hervorrufen konnte. Uns mochte es al? ein elegantes Witz- spiel erscheinen, als mehr nicht, und dennoch dieser Lärm um eines Nasenstübers willen. Ein pi-tistifch erzogener Jüngling lernt im Hanse eines sreisinnigen Verwandte» ein Mädchen kennen lind lieben. In sein mönchisches Puppendasein kommt Bewegung, kommt Farbe und Glanz, und mit dem Epigramm, daß der junge Man» eines flotten Anzugs »vegen zum Schneider geht, schließt die Komödie. Das aber»vnrde von der Klerisei als Blasphemie empinnden und mit italienischer Glulh wurde um einer zierlichen Komödie wegen von Freigeistern und Klerikern gekämpft, als gälte es wirklich einer schweren geistigen That. In de», Feuer- und Flackergeist des radikalen Gegners von Crispi stak überhaupt viel von dem. was wir Nachgeborenen, die »vir leicht kritisch sein können, an den Achtundvierzigern wahr- nehmen. Cavallotti hatte nachgcerbt. In ihm war ein Stück jener Jugend mit ihren Uebertreidungen. mit ihren Schwärmereien, aber auch mit ihren«uthusiastischen Fähig- keilen. Das Streben nach Erkenutniß, nach»vissenschasilicher Erfahrnng. das den moderne» Sozialismus auszeichnet, soweit er ernst arbeitet, wurde i» dieser Jllgeud vo>» der phantasievollen Sehnsucht Überwuchert. Felix Cavallotti mit seiner ganz merk- »vürdigen Verschlossenheit vor allem Sozialisinns erinnert,»veun auch nicht durch sein Teiitperament in seiner Geistesverfassung an ähnliche Politiker Deutschlands. In seinen Gedichten herrscht so oft die Phrase, die blanke Phrase; aber wie wirkt sie durch hin- reißende, bestechende Form. Tlefgreisende umwälzende Gedanken.>vie sie manch«»»samer Dichter fernab von aller Politik denken kann. sucht»na» vergebens bei Cavallotti; aber er bringt den Jugend- schwnng, diese Trnnkenheil ohne Wein, wie Goethe es nennt, init; und Nu» sie möchte man ihn beneiden. I» seinen Draincn hallt eine brausende, uiibefliimnte Freigeisterei»vieder, sein Nache.be von 1848. Aber es tönt, es klingt in allem, was er geschrieben hat. Selbst»vo er nur zn kollern oder zu poltern schien, sprach das erregte Blut, das eivig regsame imd unstete Temperament. Für dies Geschlecht gilt das schivere»nd»vehmülhige Wort Shakespeare's nicht:»Reif sein ist alles". Sie rühmen sich auch in spätere» Jahren ihrer Jugendlichkeit und sind ihr in naiver Weise nnierthan. Weil sie sich nicht vertiefe», zersplittert und verrinnt häusig ihre Kraft. Oft gleiche» sie rauschenden Bergwässer», die sich keine tiefere Rinne, lein Bett graben. Es ist etwas Fesselndes, etwas Schönes um solche Jünglinge, und doch bedauert man, daß sie sich nicht zur Männlichkeit gesammelt habe». Freilich ist das ein müßiges Bedauern, wie es heute müßig wäre, zu klagen, daß die Saal von 1848 nicht in die Höhe schoß. Was der Aussaat im zeitige» Frühjahr droht, das ist anch ihr widerfahre». Wie in Jüiiglingsjahrcn war der Drang heftiger, als das Zweckbewnßtsein entwickctt ivar. Nicht„alle Blütheutränine reisten", nicht alle srischen Keime wurden aber vom Rauhfrost ver- sengt. I» allein jngeiidlichen Schwung, und offenbarte er sich un- beholse» oder phantastisch ausschweifend, liegt eiwas, was an helle Frende und Schönheit mahnt. Die That von 1343 an sich ist der Lnfl werth, wie das Recken ivachwerdender junger Glieder und darum schon wäre es engherzig und philiströs komisch, die Er- inneruilg an den Völkerfrühling abzilivehrcn, weil heuizntagc die geistige Nevolutionirung sich anderer Mittel bedient, als damals. Man weiß, welche Elemente aus der Bürgerschaft, hier wie in Wien, sich vorzugsweise an dieser Abivehr belheiligt haben. Man weiß, wie sie sich immer mehr verklansulirt hallen und weiche lächerliche Jagd nach Ausreden fie veranstalteten, um kein klares Ja und kein klares Rein hören zn lasse». Sie sind karrikatur- und witzblattreis geworden mit ihren ängstliche» Erwägungen, wo man überall anstoheii könnte. W.ii» die Polizei zur Feier ein Massenaufgebot ihrer Kräfte beordert, das im Hinblick ans die feiernde Arbeilerschast ganz gewiß überflüssig ist, so handelt sie wenigstens klar im Sinne ihrer Traditio». Die äugst- tiche Verworrenheit gewisser bürgerlicher Elemente ist da? Merkmal. das der Satire werth ist.— �lxsta. Kleines Fenillekon- 16. Vorspiel des Lebens. Die Kaffeegäste saßen noch nm den Tisch. In ihre» Gesichter» glühte die Hitze vom Genuß des heiße» Getränkes, und ihre Augen glänzten vor Freude über den genossenen Kuchen. Einig« Reste standen noch auf dem Tisch. Sie lagen in der Mille auf einem weißen Teller. Trotzdem die Haupt- person des Tages, das schwarzgekleidete, eckige Wesen, das auf dem eingesessenen Sofa saß, zu»» Zugreife» aufmunterte, »vagte doch keines der Mädchen sich an die letzten Knchenstücke. Die kleinen Mädchen waren in»olhdürftig ansgepiiyten Kleidern und mit frischen, bunten Bänden» i» den Zöpfche» zun» Eiiisegnungskaffee ge- kommen. Ihre Taffe», von denen manche ohne Henkel»varen, hatten sie zwei oder dreimal geleert und»varen nun selig. Neben dem schwarzgekleidete», eckigen Wesen sasi eine große, knochige Frau. Tos war die Mniler des schwarz- xelleideten Mädchens. Sie redete ihnen zwar zu, keinen Lauchen übrig zn lasse»; aber die kleinen Mädchen haben eine sonderbare Scheu vor großen Frauen, und so blieben die Knchenresie liege». Weil »nn keins mehr essen und trinken wollte, meinte das schivarzgekleidcle Mädchen, sie könnte» doch alle ein wenig aus der Straße spazieren gehen. Die anderen stimmten zu und so eilten denn alle hinab ans die Straße. Da war es feucht und glitschig; in die Gossen tropfte» noch die Reste des Regens vom Dache. Die kleinen Mädchen drängten sich alle um das schwarzgekleidete. Sie ivare» stolz, mit ihm die Straße auf und ab gehen zu können. Am stolzesten aber waren die Beiden, die an ihren Arme» gingen. Mit welcher edlen Großmuth sie ans die anderen kleinen Mädchen blickte», die nicht zum Eiitscgnnngskaffee geladen waren! Und wie stolz sie erst sein wollten, wenn sie zum erste» Mal ein schwarzes Kleid trugen, das bis ans die Fuße fällt, und wenn sie sich zum ersten Mat das Haar hochstecklc». Es fing an leise zu regnen. Das schivarz gekleidete Mädchen nahm sein Kleid auf und sah nach, ob der weiße Rock auch hervorschimmerte. Tann promenirte es mit seinen Frenndinnen weiter. Plötzlich aber beugte sich ans einem Fenster hoch oben die große, knochige Frau. Mir schriller Stimme schrie sie herab �„Anna! Komm' mal sofort oben! Bei dem Weller mit dem Kleide!" „O— oh!" antwortete das schniarzgelleidele Mädchen. „Wenn Te nich sofort kommst, hol ick Dir. Denn mußte aber det Kleid gleich ausziehen!" Das schwarzgekleidete Mädchen wendete sich um und sagte z» seinen Frenndinnen:„Det is ja mein Kleid! Ick hab's mir ehrlich verdient mit Zeitungdrage». Det jehört mir, un daniit mache ick, ivat ick will!" Die kleinen Mädchen mit den noihdnrftig anfgepntzlen Kleidern und den frischen Bändern im Haare nickten und sagten:„Jadoch!" Sie gingen stolz neben dem schwarzgekleideten Mädchen auf und ab... im Negengeriesel weiter ans und ab.-- Literarisches. — I» der„N. Fr. Pr." giebt Georg Brandes interessante Rnfschlüsse über das VerhäUniß Heinrich H e i n e' s zu seinen K o m p o n i st e ii. Danach bcläust sich die Zahl der musikalischen Komposilionen zu seinen Gedichten ans 3lKX), und unter denselben befindet sich die Fülle der schönsten Lieder von Schubert, Mendels- söhn, Schimiann, Brahms, Robert Franz und Rnbiilstein. Nach ihm. mit seinen 3000 Kompositionen, kommt Goethe mit ungefähr 1700 und dann erst folgen in großen Abständen die andern. Am allerhänsigslcn, doppelt so häufig als irgend ein anderes Lied, ist „Du bist wie eine Blume" kompouirt worden: von nicht weniger als 100 verschiedenen Tondichtern. Zwei von Heine's Gedichten sind je dreinndachtzigmal loinponirt worden:„Ich Hab' im Traum geweinet" und„Leise zieht durch mein Geniüth".„Ein Fichtenbaum steht einsam" kommt zunächst an die Reihe. Es ist 76 mal kom- ponirt. 37 mal endlich ist jenes Heine'sche Gedicht komponirt worden, welches häufiger als alle seine übrigen Lieder gesungen wird und das. zuerst eiu Studentenlied, nachmals ein Volkslied in Dcnlschland wurde,„Ich weiß nicht, was soll es bedeulen", das Lied von der Loreley.— Theater. Im S ch a u s p i e l h a n s e wurden die„Königskinder" von E r n st R o s i» e r und Engelbert H n m p e r d i n ck am Freilag zum ersten Male ausgeführt. Dies Märchen- und Musikdrama zugleich ist bereits über viele denische Bühnen ge- gangen. Die Münchener Schriftstellerin, die vor mehreren Jahren unter dem Rainen Ernst Rosiner bekannt wurde, ging in ihren Er- zädlmigen und dramatischen Studien von der naturalistischen Methode ans. Sie bracht« eine Art von scharfem Esprit mit; ein senfibles, «inpfi»dsames Wesen ivar mit Ironie vermengt. Das sind Eigen« fchaften, die einem modern nervösen Genre zu statten kommen; sie erhellen manchen feine» Detailzng, mit bitterer Offenherzigkeit kann sogar manch' Selbstbekenntniß. manche Familien-Jnlim-.täl ausgesprochen werden: nur ist keine feste Stärke darin und keine Naivetät. Das Märchen war als Gegenschlog gegen die natura« listische Weise aufgetreten: Ernst Siosmer schrieb die Märchen- dichlmig von den Königskindern. Es blickt aber nicht mit versonnenen, verträumten Märchen- angen in die Well. Der Witz hat mehr Theil an ihm, als die Naivetät, und so theilt es das allgemeine Schicksal unserer Märchendichtung, die vom„Talisman" bis zur„Versunkenen Glocke" den lebhast- allegorische» Charakter trägt. Märchenlust, wie Märchenschauer mögen dabei nicht in reiner Ursprüngiichkeit auskounne»; Märchen- motive und Reflexionen mit Nntzamvendnng weiden durcheinander geschoben, und weder des Märchens sinnige Einfalt wird bei- beHallen,»och wird eine starke Gedankendichtung gewonnen. Droben im verzanberlen Hcllnwald lebl in der Hülte der Hexe «ine Gänfemagd, ein sonniges Geschöpf. Wie das Raulendeleir sehnt sie sich nach Menschen drunlen im Thale, und es kommt anch ihr Meister, der Königssohn. Er schenkt ihr die Königskrone von Gold und entivindel ihr ihrKränzlein, das im ersten Liebesrausch entzwei- gerissen. Bon nun ab sehne» sich die beiden immer nach einander; und diese Sehnsucht überwindet den Hexenflnch, der dos Eönscinädchen im Hellawald bannt; erlöst steigt die Magd nieder zn Tbol ihrem Königssohn nach. In der Stadl niiltn finden sie sich, der Prinz und die Prinzessin. Aber die Bürger, die Philister, die sich eine Art von Scballenkönig herbei- wünschen, erkennen mit ihren blöden Augen das Königsblut nicht in den Beiden, und mit Schimpf werden sie verjagt. Nur, wie im „Talisman", erkennt ein einfältig Besenbinderkind die Wahrheit: die Verjagte» waren der König und seine Frau. Es fiel ein Lieif in der Frühlingsuachl. Das Märchen geht trübselig ans. Der Prinz und die Prinzessin kommen nach Hcllaivald und erliegen dem Hexen» zauber. Dies das Märchen, das eigentlich mehr die Unterlage zum Musikdrama bildet. Darum sei über die Musik Hilinperdinck's von anderer Feder berichtet. Für die Hauptrollen, den Königssohn und.die verzauberte Magd, Halle sich das Schansvielhaus Herrn Chrisliaus aus Wien und Frl. Erl aus Prag verschrieben. Beide Gäste fanden reiche Anerkeltnung; sie sind stzmpathisch, ohne durch besondere Originalität zu über- raschen.— tf. — er—. Tie Musik zu einem tragischen Märchcuspiele! Soll sie mit ihre» Älusdrucksmiitel» de» Bilder» und Suinmuugeu des Dichters inelodramalische Magddiensle leiste», soll sie durch Kraft und Innigkeit, durch melodische» Sieiz, durch harmonische oder kontrapnnktische Wunder Proben ihrer künstlerischen Selbständigkeit geben oder soll sie. mit de» Worten und der Phantasie des gestalten- den Dichters vereinigt, jene dritte gemeinsame höchste Schönheit erzeugen, welche wir Poesie nennen und die wir gleichsam im Brennpunkte unseres geiflig-sinnlichen Daseins, im Gemülhe, als zündende» Strahl empfinden? Nu», nur aus der innigste» Ber- schmelznug des Poetische» mit dem Musikalischen wird jenes von der persönlichen Wärme des Gefühls erfüllte Kunstwerk hervorgehen, welches die banalen Rührungen des Melodrams ebensosehr vcr- »iciden als sich von den eigenlhiimlichen Wesenheiten der Tonkunst und der Dichtung ästhetisch durchdrungen zeigen muß. In diesem Sinne und an dieser Forderung gemessen, scheint n»s zwischen der Musik H n m p e r d i n ck' s»nd Ernst R o s i» e r' s Dichtung nicht jener Grad des Einklangs zu herrschen, dessen Erreichung die natürlich hohe Funktion der beiden Künstler hätte sein sollen. Die Musik des Autors von„Häusel und Grete!" besitzt diesmal allein die Geheiin- kraft, populär ohne Trivialitäten, poetisch ohne fieberhaste Bizarrerien, naiv ohne Aufgebe» der künstlerischen Eigensprache zn wirken. In weit breiterem Strome als in seinem Erstlingswerke stießt die Ersiiidnng dahin, welcher zuweilen die danerhaften Worte des Volksliedes innewohnen. und aus der Jnstrninentirnng ist zumeist jenes dichte Gestrüpp der reich fignrirten Miitelstiinmen enlfernt, welche die Musik zu„Häusel und Grete!" so ost mehr gedacht und papieren als empfunden und inspirirt erscheinen läßt. Die leilmotivischen Idee» sind, wenn sie dem zärtlichen Umgänge mit der Natur Ton verleihe», feine Ergüsse einer andachtsvollen Seele, wahrend die dramatischen Mo- mente nach gar zu majestätischen Horizontlinien ausschauen. Für die Erregungen, die Erschütterungen und das Ende des Liebes- spieles fand Huuiperdinck eine ergreifende Einfachheit, die ohne Seit- sation und ohne Alllagsphrase die rührige» Tiefen zweier vereinigter Herze» wiederspiegelt, und ohne orchestrales Blendwerk hebt er die weltvergessene Romantik des tragischen Märchen spieles enipor, welcher derDichler mit seine»»uaushörlichen Sorgen und Zerstreunngen des vlcimklingklaiigs und der geschminkten Sprachvolkslhmnlichkeil nicht die ebenbürtige Wahrheit der Natur einznhanchen vermochte. Hnmperdiuck's Musik brutalistrt das Dichterwort nicht bis zu einem von Pausen und Cäsnren unterbrochenen Gelalle, aber sie laßt jenen leider anch nicht die Freiheit, welche allein dem Verlange» nach nn» gestörter Illusion ilnd poetisch geläutertem Realismus gensige» kann. Sache von nmsikalisch-phantasievollen Schauspielern wäre es, Sinn und Seele des Dramas und der Musik als eine derartig untren, n» bare geistige Empfängniß wiederzugebe», daß uns keine Reflexion aus dein lebendigen Genüsse des Kunstwerks herausreißt.— Kunst. — Zur Großen Berliner Kunstausstellung 1893. die am 28. April eröffnet werde» wird, hat am Freitag die El»- lieferung der Werke begonnen. Schon jetzt ist die Zahl der An- Meldungen sehr groß, und es scheint, daß wir eine inleressaute Ans- stellnng zu erwarten haben. Sie wird vorwiegend nationalen Charakter tragen.— Auch die M ü n ch e n e r S e, e s s i o n i st e n und die L u i t p o l d g r u p p e, die sich von der Künstlergenosse»- schaft abgezweigt hat, werden diesmal korporativ auftreten, ebenso wie schon in de» Vorjahren die Dresdener, Karlsruher, Düsseldorfer, Weimarer Knnsilergrnppen.— Die Streitigkeiten zwischen de» Dresdener Sezessio nisten und Professor Kühl habe» sich noch verschärst. Die Vertreter der Sezession haben jetzt erklärt, daß ihr Verein sich unter den obwaltenden Umständen an der Dresdener Ausstellung 1899 offiziell nicht betheiligen werde.— In D ü s s e l. d o r f plant man eine große»ationale Knnstausstellnng, verbunden inil einer Gewerbe- und Kunstgewerbe- Ausstellung für das Jahr 1902.— Geographisches. — Ueber die Zulun st des Mississippi-Deltas hielt Corthell der Geographischen Sektion der British Association in Toronto einen Vortrag, der im Auszüge in dem Dezemberhest von 1897 des„National Geographie Magazine" abgedruckt ist. Am Belize-Aun, einer der viele» kleinen Mündungsarme des Mississippi, stcht ei» alteZ, vor etwa 200 Jnh�cn erbautes spovischcs Magazin. das hu Jahre 1877, als die Hasen dünnne an der Mündung des Südpasses gebaut wurde», ungefähr 10 Faß tief im Wasser stand, so daß der Meeresspiegel bis an den Bogen über dem Eingangs- thore reichte. Als 19 Jahre später ei» Theil des Gebäudes ab- getragen wurde, zeigte es sich, daß in dieser Zeit die Senkung des Gebäudes in demselben Maße ivie in de» voran- gegangenen 200 Jahren fortgeschritten war; sie betrug in 20 Jahren ungefähr eine» Faß. Da sich die Höhe des Wasser- spiegcls im Mexikanischen Golfe an anderen Punkten als konstant erwiesen hat, eine Veränderung des Meercsniveaus also ans- geschlossen ist, so kann das Untertauche» jenes Gemäuers seine Ur- fache nur in dem Einsinken des Deltas haben, das sich auch in Ver- schiebungcn der Wasserslandsmarken und in den Ueberflnlhnnge» ehemals bebauter Ländcreie» zu erkennen giebt. Außer in dieser vertikalen Bewegung befindet sich der Boden des Deilas auch in einer gewissen horizontalen Bewegung; eine genau gemessene Grund- linie von 700 Filß hatte sich im Verlaufe von fünf Jahren um 12 Fuß ansgedehut. Die Gefahr für die Zukunft des Deltas de- ruht nun in den durch die Errichtung der Uferdämme ver- änderten Bedingungen der Scdimeutablagernng des Flusses. Durch jene Uferdämme werden Ueberschtvemmungen durch den Fluß ver- hindert und dadurch wird ein Wachsthum der Sedimenlablagerungen nn Delta unmöglich gemacht, während auf der anderen Seile der Boden des Deltas immer liefer einsinkt und unter das Niveau des Meeres zu sinke» droht. Die Dämme, die die jetzige Generation zum Schutze gegen die Ueberschwemmnnge» des Flusses errichtet hat, werden in späterer Zeit die Ursache für den Untergang des ganzen Deltas sei», wen» nicht zu rechter Zeit, ähnlich wie in Holland, das Meer durch mächtige Dammbanten an einem Ueberflulhen des Deltas verhindert wird.(„Geograph. Zeitschr.') Medizinisches. ». Ein merkwürdiges Herz besitzt ein I7jährigir Man», der neulich der Wiener Gesellschaft der?Ierzte vorgestellt wurde. Derselbe stand seit längerer Zeit wegen Lungenschwindsucht in Be- Handlung und wurde vor zivei Tagen von heftigem Herzklopsen be- fallen. In der Umgebung der ganzen Herzgegend erhielt mau beim Klopfen einen hohlen Schall, vor dem Herzen ivaren Rasselgeräusche vernehmbar, und in der Herzgegend fühlte man vereinzelle Lust- blasen unter der Haut. DaS Merkwürdigste aber war, daß die Herz- töne zuweilen ans eine Entfernung von Ws Meter von dem Kranken weg gehört werden konnten. Der Arzt meinte dies« wunder- bare Erscheinung dadurch erklären zu sollen, daß entweder eine tuberkulöse Kaverne durch das Brustfell hindurch gebrochen sei und Luft vor das Herz habe gelangen lasse», oder daß sich Lust zwischen Brustivand und Luuge angesammelt habe.— Astronomisches. — A n t a r e S- B e d e ck u n g. I» der Nacht vom Sonntag. den 13., auf Montag, den 14. d. M., findet das seltene Ercigniß statt, daß der Mond einen Eiern erster Große bedeckt. Es ist der hellste Stern im Sternbilde des Skorpions. Aulares genannt, welcher diese auch mit freiem Auge sichtbare Erscheinung darbieten wird. In Berlin tritt der Stern um 3 Uhr 51.0 Minuten hinler den hell erleuchteten Mondrand und erscheint um 4 Uhr 53.8 Minuten am dunklen Mondraud wieder. Der Ort des Eintrittes am Mondrand liegt 97 Grad östlich vom Nordpunkte des Mondrandes und der Ort des Austrittes 100 Grad west- lich vom Nordpunkte. Der Stern Antares zählt zu de» röthliche» Sternen am Himmel und ist ei» Doppe'.stern. Der Be- gleiter ist siebenter Größe, von grüner Farbe und steht nur 3.3 Bogensekunden vom Hauplstern entfernt. Da der Begleiter gerade westlich vom Hauptstern steht, wird derselbe einen Augenblick früher bedeckt und ebenso tritt er um das gleiche Zeitinlervall früher hinter dem Monde hervor. Der Bcgleilcr vom Antares wurde gerade bei einer solchen Gelegenheit der Bedeckimg im Jahre 1819 entdeckt; auch zeigen die wenigen Augenblicke, welche zwischen dem Wiedererscheinen des Begleiters und des HauptsterueS liegen, daß die grüne Farbe dem Begleiter eigen und nicht eine Kronlraslwirlung des rolhen Antares ist.— Ans dem Gebiete der Chemie. — Ucber eine merkwürdige Veränderung von Eilbermünzen durch Einwirkung des Sonnen- lichtes berichtete Professor Dr. Erdman» in Halle in der letzten Sitzung des naturwissenschaftlichen Vereins für Sachsen und Thüringen. Der Direktor des archäologischen Museums zu Halle, Prosessor Dr. Robert, halte bemerkt, daß einige der in der Münz- sammlung befindlichen Tetradrachmen, die etwa ans dem Jahre 500 vor unserer Zeitrechnung stammen, eine merkwürdige Veränderung an der. dem Lichte ausgesetzten Seite zeigten, und glaubte für diese daS Sonnenlicht verantwortlich mache» zu müssen. Dies« Annahme hat sich nach der„Zeitschr. s. Naturwissensch." in diesem Falle be- ftätigt. Die chemische Untersuchung ergab nämlich, daß die obere Schicht der Münzen aus Chlorsilber bestand, das sich vermuthlich durch Jahrhunderte langes Liegen im Meerwasser oder in kochsalzhaltiger Erde gebildet hatte. Nun ist es bekannt, daß das Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jarobeh in B Chlorsilber, das seinem Sikberwerthe nach einer Legirung von 75 pCr. Silber und 25 pCt. Kupfer entspricht, zur Prägung von Sildermüuzen benutzt wurde, so z. B. im 10. Jahrhundert in Frei- berg i. S., wo man damals reiche Funde von Horusilber gemacht halle, dessen Verarbeitung auf Silber mancherlei Schwierigkeilen bietet. Es gnll also, zu cnlscheidcn, ob auch die vorliegenden alt- griechischen Münzen aus Chlorsilber geprägt waren. Die Chlor- silberschicht machte nur ein halbes Granim aus, und nach ihrer Ent- feruung kam sehr reines Silber zum Vorschein, das Kupfer nur in äußerst geringen Spuren enthalten kann.— Humoristisches. — Mißglückte Kontrolle. Herr Huber, der am Sonn- tag Nachmittag ins Gasthans geht, nimmt hierzu auf Drängen seiner Frau sein fünsjähriges Söhnchen mit. Frau Huber möchte nämlich schon längst gern einmal bestimmt wissen, wie viel denn ihr Mann eigentlich trinke. Dazu hat sie sich nun eine schlaue List er- sonnen. Sie steckt dem kleine» Maxl heimlich zehn Fünspfennigstücke in die rechte Hosentasche und giebt ihm den strengen Auftrag, jedes- mal, wenn der Vater eine neue Maß bekomme, heimlich ein Geldstück in die linke Tasche hinüberzustecken; wenn sie dann heimkämen, solle der Kleine ei» Stück Kuchen erhalten.— Ruhig und mit pfiffigem Lächeln wartet Frau Huber die Heimkehr ihres Mannes ab. obwohl sich diese heute mehr als sonst verzögert.— Endlich kommt er mit dem Kleine» an. Sobald dies unbemerkt angeht, wird Maxl auf die Seite genommen.„Nun. wie viel Maß hat der Vater getrunken?" fragt sie neugierig. „I weiß's net!" schluchzt Maxl. „Was i" ruft sie empört.„Hast Du denn nicht die Fünf- pfennigstückln in die andere Tasche g'steckt?" „Ja," heulte der Kleine,„aber der Vater hat's g'merkt. Nach- her, wie er kein Geld mehr g'habt hat, hat er m i r alle meine Fünfpfennig' auch noch versoffen!"— — Widerlegt. Bauer(mit den Händen in den Nock- taschen durch die Straßen gehend):„Da sagt man alleweil, daß es in der Sladt so viel Taschendieb' giebt!... Meine zwei Hand- käs' sind alleweil noch drin!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tnge.� — Von je 1000 Erdbewohnern leben 558 in Asien, 242 entfallen ans unser Europa, weniger als die Hälfte davon, nämlich 111, leben in Afrika und 82 in Amerika. 5 befinden sich ans dem Ozean und in den Polnrgebieten und nur 2 in Australien. Daraus ergiebt sich, daß Asien allein mehr als die Hälfle aller Menschen birgt, während nur ein Viertel der gesammten Menschheit in Europa lebt.— y. Die Auswanderung über Bremen betrug im F e b r u a r dieses Jahres 4012 Personen gegen 2330 im Februar 1397 und gegen 3319 im Januar d. I.— — Nicht für Damen. In dem Verzeichniß der Vorlesungen an der Universität Kiel findet sich der Vermerk, daß die mit einem* versehenen Vorlesungen weiblichen Zuhörern mchh zugänglich seien. Zu de» durch den Bädeker- Slcrn als„nur iür Herren" bestimmte» Vorlesungen gehören: Geschichte Israels, Ethik, Klinik der Zahn- und Mundkrankheiteu, Nibelungenlied, Zivil- Prozeßrecht, Religionsphilosophie, Kristallographie und Mineralogie und andere gefährliche Sachen.— t. I» K ö» i g s b e r g i. P r. ist aus dem Grundstück eines Apothekers«ine Mineralquelle erbohrt worden, deren Waffer nach seiner Zusammensetzung an die Steinbadquelle in Teplitz er- inner» soll.— — Die Lehrerseminare in B r o m b e r g und P r. F r i e d l a u d sind bis auf weiteres geschlossen worden. Unler den Zöglingen waren M a s s e u e r k r a n k» n g e n an Diphtherilis und Influenza erfolgt.— — In der Abwesenheit der Eltern warfen die Kinder eines Ar- beiters in Rojewo die Lampe um. Bei dem entstehenden Brande verbrannten z w e i K i n d e r vollständig, zwei wurden schiver verletzt gereitet. Die Muller kam hinzu und erhielt ebenfalls Ver- lehmige».— — Der Sohn einer armen Witlwe in Namslau(Schlesien) fand die Brieflasche eines Vichbändlers mit 1400 Mark Inhalt. Großmüthig gab ihm dieser— 2 Mark Belohnung. Der Bormund hat indeß den Antrag ans Zahlung des gesetzlichen Finderlohnes gestellt.— — Die Hungers» o th in Slavouien greift um sich. Es giebt kein Saalkor» mehr, viele Bauern reißen die Häuser ei» und verkaufen das Bauholz, um sich vom Hungerlode zu reiten. Ei» Fall von Hnngerlod ist bereits festgestellt.— — Am Donnerstag begann vor dem Brüsseler Zuchtpolizei« gerichte ein Massen prozeß gegen die Inhaber dreier vor längerer Zeit aufgehobener Spielhöllen. Die 33 angeklagten Personen waren bei allen drei Raubnestern betheiligt. Die Haupt« Personen sind Franzose» beiderlei Geschlechts; Belgier, darnnler Träger adliger Name», dienlon als Strohmänner, Geschäftsführer und Schlepper.—_ irlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.