Anterhaltimgsblatt des Dorwärls Nr. 52. Dienstaq, den 15. Marz. 1898. (Nachdruck verbaten.) nj Ain hÄuslirhcn Herd. Roman von Iwan Franko. „Aber was hätten wir jetzt von der Pension? Würde sie zum Leben und zur Erziehung der Kinder reichen?" „O ja, wir hätten hinreichend genug/ rief Angela,„ich habe schon alles überdacht und genau berechnet. Und soll ich Dir noch ein Geheimniß enthüllen?* „Sprich, sprich. Du kleiner Eigenwille!* „Ich habe schon ein passendes Besitzthum in Aussicht.< liegt im Gebirge und nicht weit entfernt vom Städtchen, wo die Kinder die Schule besuchen könnten. Es enthält Wirthschaftsgebäude, ein sehr anständiges Holzhaus, dreißig Joch Ackerfelder, darunter drei Joch Garten, dann noch dreißig Joch wunderbare Gebirgswicsen und hnudertfünfzig Joch Weide nebst einem kleinen Wäldchen. Ein reizendes Land gütchen, wie geschaffen für uns. Und weißt Du, was ei koster?" Ter Hauptmann schaute verwundert auf seine Frau. Die ungewöhnliche fieberhaste Aufregung, mit der sie sprach, beunruhigte ihn um so mehr, als ihr Plan ihm anfangs ganz Phantastisch und ihrem praktischen Geiste ziemlich fremd schien. Doch wollte er ihr nicht widersprechen, da er hoffte, daß sie später, wenn sie ruhiger geworden, selbst ihren Plan mit kritischen Blicken prüfen würde. „Weißt Du auch, wieviel diese Perle kostet?* „Fünf— tausend— Gulden! Sage fünftausend! So viel ist es unter Brüdern werth. Auf diesem Grundstück kann man Weidevieh halten; im Sommer könnte man vom Nachbars- gute einen ungeheuren Weideplatz für billigen Preis dazu pachten, 20 Slück Ochsen aufziehen und noch zehn Schober Seu übrig Hadem Ich sage Dir, Anton, das ist ein wahrer chatz!* Und als der Hauptmann sie schweigend immer fester an- blickte, begann sie eilig und vor Erregung zitternd weiter zu reden:„Du wirst den Dienst quittiren, wir bekommen die Kaution, kaufen die Realität und ziehen sogleich aufs Land. Die Kinder nehmen wir mit. Ich habe Verwandte in Wadowice, dort»verden sie unter gutem Schutze sein und die Schule be- suchen können. Deine Pension wird anfangs als die Wirth- fchaftseinlage verwendet werden, und wenn wir es dann zu etwas bringen, werden wir kleine Ersparnisse davon haben. Nicht wahr?* «Ja, ja,' erwiderte mechanisch der Hauptmanm Du billigst also meinen Plan?* „Vollständig.* „Und bist einverstanden?* „Mit ganzem Herzen.* „Das ist vortrefflich! Wunderbar! Wie liebe ich Dich da- für!... So geh ins Schlafzimmer, dort findest Du auf meinem Schreibtisch Tinte, Feder und Papier— schreib sogleich das Gesuch an das Generalkommando." „Was für ein Gesuch?* „Nun, das Gesuch um Dienstentlassung." „Wie? Das soll gleich geschehen?" fragte erstaunt der Hauptmann. „Du bist doch mit meinem Plan einverstanden.. „Ja, das wohl, aber es brennt doch nicht! Was haben wir so zu eilen? Die Realität läuft uns doch nicht davon, übrigens wer weiß, ob sie uns gefällt. Man müßte einen Sachverständigen dazu haben, und in einigen Wochen kann ich avanciren, und dann beziehen wir eine höhere Pension." „Ah so!" sagte Angela beinahe weinend,—„Deine Be- förderung, die elende Gehaltserhöhung liegt Dir also mehr am Herzen als meine Ruhe, meine Gesundheit, mein Leben! So sind alle Männer! Ich liebe Dich, ich liebe Dich, heißt es immer wieder. Aber gilt es, diese Liebe zu beweisen, dann findet ihr gleich Ausflüchte, Rücksichten, Argumente!" „Du bist ungerecht, Angela!" erwiderte ernst der Haupt- mann,„Gott ist mein Zeuge, daß ich alles für Dich thun möchte, und wenn ich aus die Beförderung warten möchte, so geschieht es, um Dein und der Kinder Loos besser zu sichern. Uebrigens, wenn Du es durchaus haben willst..." „Ja, durchaus, durchaus! Thue es mir zu Liebe!" „Gut, so will ich gleich das Gesuch schreiben!" Und mit einem resignirtcn Ausdruck in den Zügen begab sich der Hauptmann ins Schlafzimmer. VI. Kaum hatte er sich entfernt, als an der Thüre das leise, uns schon bekannte Klopfen ertönte, und gleich darauf vorsichtig die TKüre öffnend Frau Julie hereiutrat. „Guten Tag, Angela," sagte sie mit halblauter Stimme. Angela, die sich von dem eben Durchlebten noch nicht er- holt hatte, und kraftlos, bleich, beinahe bewußtlos dasaß, sprang heftig empor, als sie diese Stimme hörte, und rief er- schrocken: „Ah, da bist Du! Nun, was giebt's?" „Wir sind verloren!" sagte Julie ganz gebrochen auf einen Stuhl sinkend. „Was ist geschehen? Sprich!* „Ach, ich kann nicht. Mir fehlt der Athem. Da hast Du, lies!" Und sie reichte Angela ein Zeituugsblatt, auf dem mit blauem Stift folgende telegraphische Nachricht verzeichnet stand: „Budapest, den 10. Dezember. Heute verhaftete man hier auf telegraphische Reklamation der Lemberger Polizei einen ge- wissen David Sternberg, der erst mit dem Eilzuge aus Kon- stantinopel angekonimen ivar. Sternberg gab sich als Kauf- mann aus, der nach dem Osten handelte. Was für Verdachts- Momente dieser Verhaftung zu gründe liegen, ist unbekannt. Sternberg soll unverzüglich nach Galizien eskortirt werden." Angela las lange, furchtbar lange dieses Telegramm. Sie hatte bei jedem Worte die Empfindung, als schlucke sie einen Ziegelstein, an dem sie ersticken müsse, so daß sie nicht mehr im stände sein werde, das nächste Wort zu lesen; und als sie am Ende angelangt war, da schien es ihr, daß sie kein Wort davon verstand, daß alle Worte aus der Reihe ge- treten und wie aufgescheuchte Mäuse im Käfig auseinander- gelaufen waren, in ein Chaos vermengt, aus dem kein Sinn herauszubekommen war. Eine unüberwindliche Lust überkam sie, das Telegramm nochmals zu lesen, und dann wieder ein- mal, so lange bis sie es auswendig könne, und gleichzeitig entstanden Zweifel in ihrer Seele, ob das Ganze nicht gar ein Traum war, einer von jenen fürchterlichen Träumen, die sie in letzter Zeit so häufig zu quälen pflegten. „Was denkst Du darüber?" fragte Julie. „Was ich davon denke?" wiederholte Angela halb ab- wesend.„WaS ich davon denke?' wiederholte sie nochmals, die betreffende Zeitungsstelle mit dem Finger bezeichnend und lang- sam ihre gewöhnliche Sicherheit wiedergewinnend.„Ich denke, das Ganze ist eine Dummheit...." „Was? Eine Dummheit? Sternberg's Verhaftung eine Dummheit?"... „Nun, Sternberg hat doch verschiedene Geschäfte gehabt und konnte bei jedem ausgleiten! Das liegt doch im Bereich« der Möglichkeit; so muß also seine Verhaftung nicht noth- wendig mit unserer Angelegenheit im Zusammenhang stehen." „Sie muß es nicht— das ist wohl wahr," erwiderte Julie, aber ich fürchte, daß es doch so ist. Weshalb hätte er sonst aus Philippopel telegraphirt?" „Das war dumm von ihn, denn damit hat er sich nur verrathen, hat der Polizei angezeigt, wo sie ihn suchen soll." „In der That! Mein Gott, welche Unvorsichtigkeit!* rief Julie. „Aber, weißt Du"— sprach Angela lebhaft weiter— „dieses selbe Telegramm ist für mich zugleich ein Be- weis, daß die Verhaftung Sternberg's mit uns nichts zu schaffen hat." „Wie meinst Du das?" „So: Die Polizei fahndet nach Sternberg.' Sie hat also einen bestimmten Verdacht auf ihn— hat auch schon einen Leitsaden in derHand, der sie auf die Spur seiner Missethat führen soll.„Würde es sich um unsere Angelegenheit handeln, so hätte uns schon längst die Behörde einer Revision unterzogen, mau hätte ein Protokoll mit nns aufgenommen." „O Gott!" schrie Julie auf, die bei der bloßen Erwähnung des Protokolls einer Ohnmacht nahe war. „Beruhige Dich!" sagte Angela,„ich Ibeweise Dir aber, daß Deine Befürchtungen unbegründet find/.- »Aber Angela!* sagte Julie,«ich bin nicht kompetent genug, zu beurtheilen, ob Deine Beweise richtig sind— und der bloße Gedanke an diese— fürchterlichen... Protokolle... Oh, ich kann mich nicht fassen.. „Das ist schlimm, Julchen!* sagte Angela strenge.„Mag der Gedanke noch so unangenehm sein, man muß sich an ihn gewöhnen, man muß für alle Fälle vorbereitet sein. Vor allem verbrenne alle Papiere!" „Ich habe keine. Nebrigens der Sicherheit wegen werde ich nochmals alle Schnbladeir und Schränke durchsuchen." „Ich auch. Und zweitens muß man alles genau über- legen. Darüber werden wir noch sprechen, wenn mein Mann fortgeht. Aber Du mnßt Dich beruhigen!" „Weißt Dn was," sagte Julie,„ich gehe jetzt für einen Augenblick fort, und wem» Dein Manu ausgeht, komnie ich wieder." Sie rüstete sich eben zum Weggehen, als die Thüre des Nebenzinimers sich öffnete und der Hauptmann hereintrat. Auch er ivar nach seinem Gespräch mit Angela noch nicht ganz zu sich gekommen. Sie erschieil ihm immer unverständlicher, immer räthselhafter. Ihre blühende, fast jungfräuliche Gestalt und ihre sticrvenansälle stimmten in seinem Kopfe nicht so recht zusammen. In ihren Briefen hatte Angela von diesen Au- fällen nie ein Wort erivähnt, sie klagte nie, im Gegentheil, sie versicherte ihn immer, daß sie vollkommen gesund fei und sich selber über ihre blühende Gestalt wundere. (Fortsetzung folgt.) Molemiius und NopcvniKus. (Nach einem von Prof. Dr. F ö r st e r in der Urania gehaltene» Vortrage.) In den weitesten Kreisen ist die Anschauung verbreitet, daß die moderne, an Kopernilns anschließende Astronomie von denen der Alten in jeder Beziehung so grundverschieden sei, daß ein Znsamnien- hang zwischen ihnen garnicht besteht. Vielfach ist man der Meinung, daß die Astronomie der Alte», die in Ptolemäns' großem Werke niedergelegt ist, ausgehend von der im Mittelpunkte der Welt ruhenden Erde, sich von der rationellen Ersorschnng allmälig immer weiter enlfcrncn mußte, bis Nopernikus durch seine geniale wifseiischaflliche Thal die Erde in Bewegung setzte und der Forschung freie Bahn schuf. Nichts ist irriger, als eine solche Auffassung; in der Geschichte der Aslronomie ist vielmehr ei» steliger und allmäliger Forlschritt zu erkennen, durch den die Denker schrittweise zur Erkenntniß der Bewegung der Erde geführt wurden. Die alten Forscher, Aristoieles, Arisiarch und besonders die alexandrinische Schule, deren Höhe- pnnkt mit dem Name» des Ptotemäus verknüpft ist, verfuhren i» durchaus wissenschaftlicher Weise, indem sie nicht eine Hypothese erträumten, sondern die sich ihnen darbietenden Erscheinungen möglichst vollkomme» darstellten und beschrieben und dann zusahen, was diese Erscheinungen lehrten. Das ist der einzige Weg zur Erforschung der Wahrheit, ihn sind die griechische» Denker gegange», und ihre Verdienste um die Erkenniing des Weltsystems sind durchaus nicht gering anzuschlagen und werde» heute bei weitem nicht genügend gewürdigt. Den täglichen mit voller Gleichmäßigkeit und Regelmäßigkeit sich vollziehenden Umschivnng des Himmelsgewölbes durch eine ebenso gleichinäbige und regelmäßige Drehung der Erde zu erklären, war ein Gedanke, der zunächst dein Deukeii ganz seriie liegen mußte. Die Erde galt dem Himmelsgewölbe gegenüber als das Unter- geordnete, auf dem verwirrte und krause, unregelmäßige Bewegung herrsche, während der Fixsteruhimmel das göllliche Organ der Zeil war. So ist die Erde noch bei Ptolemäns bas Gebiet der Natur, über das das Gebiet des Mathcmatrschen sich ausdehnt, und jenseits desselben lani noch eine drille Sphäre, das Göttlich«, welches die bewegende Kraft für den Fixsternhimmel bildete. Der erste Gedanke von einer Bewegung der Erde ging durchaus nicht von Erwägungen astronomischer Statur ans, um etwa die Be- wegniigeii am Hinimel leichler zu verstehe», sondern philosophische Erwägungen waren es, die in der Pylhagoräischen Schule schon im 6. und 7. Jahrhundert v. Chr. dazu führten. Dort war eine Lehre der Harmonie, des Zusammenstiiilmens der Zahlen ersonnen und ausgebildet worden, in deren Verfolg die Erde ans dem Miltelpniikle der Welt herausgerückt ivurde. Die Erde galt ja als das Uliklare, das Unvollkommene gegenüber dem Mathematischen, das durch den Fixstcrnhinmiel dargestellt wurde. Und diese unter- geordnete Erde sollte der Mitlelpunkl des Alls sein? Das erschien undenkbar, und im Verfolg dieser Gedanken kamen die Pythagoräer dazu, als ewig und vollkommen ruhendes Zentrum der Welt ein heiliges Feuer zu setzen, um das'sich die Erde in gleicher Weife, wie das Hinnnelsgcwölbe herumbewegt. So war zu den dekannten acht Wellkörpern: Erde, Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, noch ein neunter, das Zentralfeuer getreten, und um die heilige Zehnzahl voll zu uiacheu, ersannen die Pythagoräer. als zehnten Körper die Gegencrde. dir stets auf der anderen Seite des hrilige» Feuers sich befinden sollte. In der Erde und Gegenerde war der Anstoß zur Erkennung der Erdrotation gegeben. Von der Kttgelgestalt der Erde hatten die Allen eine sehr deutliche Vorstellung; die Babylonier hatten zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß bei jeder Verfinsterung des Mondes der Schatten der Erde in Kreisform erscheine. Das war nur mög- lich, wenn die Gestalt der Erde kugelförmig war, und diese Er- kenntniß ivar bei den griechischen Denkern ganz allgemein geworden. Bei den Pythagoräer» bildete sich daher allmählich die Anschauung aus. daß die Erde und Gegencrde nur die beide» Hälften einer Kugel seien, in deren Inneren das ewige heilige Feuer glühe; es waren ja auch eine Reihe von Beweisen dafür beizubringen, daß thatsächlich im Inneren der Erde eine starke Gluth herrschte. Bewegte sich nun die Erde um das heilige Feuer in ihrem Innern, lo war es klar, daß man dann die Bewegung des Himmels» gewölbes ersparen konnte; dann konnte das Himmelsgewölbe ja völlig in Ruhe bleibe», und doch mußte der täuschende Schein seiner täglichen Umdrehung entstehen. Niketas und Heraklit wiesen im 4. Jahrhundert v. Chr. auf diesen Sachverbalt hin, und diese Lehre wurde bis zu Plato klar entwickelt; auch Plato hatte«ine deutliche Borstellung von der täglichen Drehung der Erde. War aber denn das ewige, heilige Feuer im Grunde nicht doch in Bewegung? Der einzig ruhende Punkt des Zentralfeuers war dann dock nur das mathematische Zentrum der Erdkugel, während das Feuer selbst sich um dieses Zentrum beständig herum- drehte. So hatte man sich von dem Ansgangspnnkr, dem heiligen Feuer als ruhendem Zentrum der Welt, doch wieder entfernt. Und konnte überhaupt das Innere der Erde mit Fug und Recht als das heilige Feuer in Anspruch genommen werde», da dessen ivärmende Kraft schon ans der Oberfläche nicht mehr gespürt wurde? War nicht vielmehr die Sonne die eigentliche Le»chle der Welt? Im Versolg dieser Gedanken kam der geniale Aristarch von Samos, der um 25» v. Chr. i» Athen lebte und lehrte, zn der kühnen Auf- fafsung, die Sonne als ruhend in den Mitlelpunkt der Welt zu ver- setzen und die Erde eine Bahn um sie beschreiben zu lassen. Sicherlich ist es nicht nur philosophische Ueberlegung, sonder» auch klare, astronomische Beobachlung gewesen, die Aristarch, diesen ersten Kopernilns, zur Ausstellnng seines Systems führte. Der Merkur und die Venns, die beiden der Sonne am nächsten stehenden Planeten, erscheinen stets in ihrer Nähe; besonders die Venns ist uns als Morgen- und Abendstcrn bekannt und vertraut. Bald be- findet sie sich vor der Sonne, als Morgenstern, bald hinter ihr, als Abendstern. Bereits die alten Aegypier hatten erkannt, daß in dieser Bewegung deS Merkur und der Venus keine regellose Willkür crrsche, sondern daß alles mit größler Regelmäßigkeit vor ch gehe, wenn man für Merkur und Venus eine Kreis- bahn um die Sonne annehme. So wurde der sogenannle Epicyklus gefnnden. eine Kreisbahn, deren Zentrum, die Sonne, sich selbst wieder in einem Kreise, nämlich um die Erde, be- wegle. Aristarch erkannte, daß auch Mars. Jupiter und Saturn kreisförmig um je ein Zentnun regelmäßig herumgingen, wie Merkur und Venns um die Sonne; beim Jupiter ist diese Kreisbahn kleiner als beim Mars, beim Saturn noch kleiner als beim Jupiter, und die Zentren dieser Kreisbahnen bewegten sich ebenfalls um die Erde, wie es die Sonne that.'Aristarch erkannte, daß diese verwickelten Bewegungen sich ani einfachsten erklären, wenn man die Kreise des Mars, Jupiter, Saturn nur als Abbilder eines' und desselben Kreises umfasse, des Kreises nämlich, den die Erde um die Sonne im Laufe eines Jahres beschreibe. Freilich wurde dem Aristarch entgegen geHallen, wenn das richtig sei, wenn die Erde sich um die Sonne bewege, so müßle ein Abbild ihrer Bahn nicht nur in den scheinbaren Planetenbahnen erscheinen, sondern auch jeder Fixstern müßte eine jährliche Kreisbahn am Himniel beschreiben. Vollkommen richtig und Nar erwiderte Aristarch aus diesen Einwand, daß das Abbild der Erdbahn um so kleiner werden müsse, je weiter der be- treffende Weltkörper von der Erde enlfernt sei, wie es ja beim Saturn erheblich kleiner ist als beim Mars; die Fixsterne feien wahr- scheinlich soweit vo» uns entfernt, daß der Durchniesser der jährlichen Erdbahn vo» ihnen aus unter einem immeßbar kleinen Winkel er- scheine. Mit den vollkommeneren Instrumenten unseres Jahr- Hunderts ist es gelungen, bei einigen Dutzend von Fixsternen diesen Winkel zu bestimme»; bei diesen hat sich also ei» kleines Abbild der Erdbahn gezeigt. Aristarch's Schriften sind uns leider nicht erhalle» geblieben; doch ist nicht anzunehmen, daß er eine völlig durchgebildete Theorie geschaffen hat. Er bewegte sich sicherlich an der Grenze zwischen astronomischer und philosophischer Begründung und er- faßte in genialer Weise die Möglichkeit, die verwickelten Be- wegüngen der Gestirne durch die der Erde in einfacher Weise zu erklären; aber die kritische Durchbildung des Systems fehlte, und deshalb wurde in Alexandria, wo die Astronomie herrlich empor- blühte, mir geringe Notiz von seinen Arbeiten genommen. Es erging diesem ersten Kopernilns lsier ähnlich, wie später dem zweiten; auch päter verhielt sich der berufenste und bedeutendste Nachfolger, der Däne Tycho, der Bewegung der Erde gegenüber durchaus ablehnend, weil sie der kritischen Betrachtung aller Erscheinungen zunächst nicht genügend stand zu halten schien. Die glänzendsten Namen der Alexnndrinischen Epoche waren Eratosthenes(um 28»v. Chr.),Hipparch (um 14» v. Chr.) und Ptolemäns(um 14» n. Chr.) In. Alexandria wurden die Bewegungen der Gestirne mit Hilfe der Epicykeln dargestellt, und die Darstell;ing war so vorzüglich, daß die Voraus- sage der Erscheinungen, speziell der Finsternisse, in vortrefflicher Weife gelang, was alS«in gewichtiges Zeugniß für die Richtigkeit der lleberlegunge» angesehen wurde. In dein verwickelten Räderiverie, das die Bewegungen regelle, war die Bewegung der Erde gewisser- maßen mit enthalten, weil jeder Planet sich auf einem besondere» Rade, dem Abbild der Erdbahn, so bewegte, wie die Erde sich um die Eonne bewegt. Warum ist nun Ptolemäus nicht dazu übergegangen, statt dieser Räder die Bewegung der Erde selbst einzusühre», wie es Ariftarch 400 Jahre vor ihm gethan hatte? Nabe daran ist er gewesen; aber den entscheidenden Schritt konnte er nicht thnn, weil er in de» Erscheinungen selbst Schwierigkeiten fand. Soll die Planeten- bewegnng durch die der Erde erklärt werden, so muß die Vcr- binduugslinie des Zentrums des Rades, auf dem der Planet läuft, mit dem Planeten parallel sein der Linie, die von der Erde zur Eonne gezogen wirfr Diese Parallelität konnte Pioleumus nichl finden; hier ergaben sich zufolge gewisser Mängel in den Be- obachtungen Abweichungen, die es geradezu verboten, die Bewegung der Erde als Erklärungsgrnnd heranzuziehen. Eine weitere Schwierig- keit, die den Piolemäus hinderte. den letzten Schritt zu thun, ergab sich aus der Beobachtung der Mondbewegung; Ptolemäus hatte die Störungen, die der Mond durch den Einfluß der Sonne erfährt, erkannt und zur Darstellung gebracht. Der Mond bewegte sich nun offensichtlich um die Erde; es war also doch vielleicht möglich, auch die Planetenbewegungen mit ihren Abweichungen durch eine Bewegung um die Erde zu erklären. Haben so die Erscheinungen selbst es dem Ptolemän? unmöglich gemacht, den wahren Sachverhalt zn erkennen, so ist er in den Be- obachtungen ganz umfassend gewesen. Er erkannte zuerst, daß die Zentren der Räder, auf denen die Planeten liefen, nicht in Kreisen, fondern i» Ellipsen um die Erde herumgingen, wober die Erde in einem Brennpunkt dieser Ellipsen stand. So gewann er zuerst einen Einblick in eine Beivegungsarl, die später außerordentlich solgenreich wurde. In Kopernikus entstand bei dem tiefem Studium des Ptolemäus die Ueberzeugung, daß dieser sich geirrt halte, als er die Ber- bindungslinien der Planelen mit den Zentren ihrer Räder als nichl parallel angenommen hatte; waren sie aber parallel, so wäre ein Mechanismus ohne Gleichen zur Herstellung dieser vollkommenen Identität erforderlich gewesen. So kam Kopernikus, der auch die Gedanken der alten Pythagoräer kannte, zn seinem entscheidenden Schritt und proklamirte, ausgerüstet mit der ganze» Fülle des technischen Wissens und der Erfahrungen, welche die allen Alexandriner und später die Araber gesammett hatten, von neuem die Beivcgung der Erde. Freilich ivnrde auch jetzt wieder die strengste Kritik an die Messungen gelegt, und Tycho fand bald, daß Kopernikus' Lehre von den Kreisbewegungen und ihrer Zusammensetzung den Erscheinungen durchaus nicht genügte. Eine Reihe von Streitig- keilen verschwand, wenn man das gemeinsame Rad der Planeten- bewegnngen in ihre Drehung um die Sonne verlegte, die sich ihrerseits um die Erde bewegte, u'ie Tycho lehrte. Doch Kepler fand dann beim Studium der Beobachtungen des Tycho und Ptole» niäus die elliptischen Bahnen, und lieferte die Grundlage für die Erkennung des allgemeinen Anziehnngsgesetzes, das alle diese Be- wegiuigen regelt. So sehen ,vir hier wie überall eine stetige Entwicklung der Wissenschast durch das Zusanimenimrle» der cxnllen Kr>iik mit der kühnen genialen Auffassung, und könne» die Hoffnung hegen, daß auch i» Zukunft auf diese Weise die größten Erfolge erzielt ivcrden. Mlcincs �enilleton. — Wie Richard Wagner arbeitete. Eine französische Musik- zeilung veröffentlicht einen Artikel über die Art und Weise, in der Kompviiisle» zu arbeilen pflegen, und behauptet darin auch, daß Waguer beim Komponire» seiner Opern in den merkwürdigsten und verschiedenartigsten Üosiümeu gesehen werden konnte. Er soll von der lleberzeuguug durchdrungen gewesen sein, daß seine jeweilige Kleidung eine» bedeutenden Einfluß auf seine Musik ausübte. So kleidete er sich in der Zeil, da sein Lohengrin iin Entstehe» begriffen ivar, in die Tracht Ludwigs XV.: kurze.-, rosa Beinkleid, goldgestickte Si rümpfe und Schuhe>uit rothen Schleifen und hohen Absätzen in derselben Farbe. Hierzu kam dann ein elegaules Obcrkleid, dcsse» Beschaffenheit genau mit den musikalischen Juspiralione», von denen er beherrscht sein wollte, überemftimmen mußte. Um eine Liebesszene in Tönen wiederzugeben, tväblte er einen Schlafrock von weißer Seide mit rosa Schnüren und Besatz; wollte er. eine Mordszene darstellen, so hüllte er sich in eine» blulrothen Mantel u. s. w., und er versicherte, daß er mit diesem System stets seinen Zweck erreichte. Weiler berichtet die Zeilschrisl, daß am 10. März 1862, als Wagner sich besuchsiveise bei dem Bayernköuige Ludwig II. in München aushielt, die beide» Freunde in römischen Kostümen mit Rosenkränzen auf dem. Kopfe in einer Barke auf dem Schloßfee umhersuhren, indem sie Opernarie» sangen, die sie aus der antike» Lyra begleiteten.— — Ter Pcrlenrcichthuin Amcrika's zur Zeit der Entdeckung. Durch die Entdeckung Amerika's fiel de» L-pauiern eine Hunderl- jährige Perlenernte ln die Hände. Als. Kolumbus am 7. Aug. 1498 an der Küste des Golfs von Paria landete, traf er Indianer, die Perlenarinbänder trugen und ihm die Muscheln zeigten, ans denen sie die Perlen gewannen. Ans den Inseln Margarita und Cubagna vrauchten die Spanier nur gebramlie Töpferwaaren mit schöner Glasur zu zerbrechen und die Scherbe» unter die Indianerinnen zu veriheile», um dafür die schönsten Perlenhalsbänder von ihnen zu bekomme». In Peru dagegen standen die Perle» in so hohem Werth«, daß schon die äliesten Gesetze nur Personen von königlichem Geblüte da? Tragen von Perlenschmuck ge- stattete». Am größten war der Perlenreichlhiim in Mexiko. Der Tempel, in dem der König Monrezuma sein Abendgebet ver- richtete, war im Innern mit Goldplatlen ausgelegt und förmlich übersäet mit Perlen. Bei der Eiobernng von Florida aber waren die Spanier geradezu geblendet, als sie de» Tempel von Talomeco entdeckten; dieser war nämlich fast ganz aus Perlen erbaut. Perlen- gewinbe hingen wie Blumenguirlande» von der Decke bis auf den Boden herab; längs der Mauer standen mit Perlen eingelegte Bild- säulen von Krieger» und mitten im Tempel drei Reihen Pyramiden- förmig aufgebaute und mit Perlen gefüllte Vasen. Das ging noch über die Wunder von Tausend und eine Nacht! Jndeß waren in Florida die Perlen ausschließlich für die Todten bestimmt, und in jenem Tempel befanden sich die Gräber der Landesfürstcn. Die Perlen wurden also dort seit unberechenbarer Zeit aufgehäuft, und dies alles ward die Beute der Eroberer."— Theater. Ueber die italienischen Gäste im Berliner Theater ist vorerst nicht viel zu sagen. Die Virtuosenfahrten werdet« bei uns zur Plage, namentlich wen» es sich um eine Seyauspieleri».wie Tina di Lorenzo handelt, die vorerst»och keine Vollreife Künstlerin, noch keine souveräne Herrin ans ihrem Gebiet. Prophezeie», ob sie's wird,»ach einer einzigen Eröffnungs» vorstcllnug prophezeien, das ist hart. Ich getrau' inich's nicht. Um so schivieriger bei einem innerlich so todten, hohlblcchernen Theater» stück,>vie Ohnet's vielbeliebter„ H ii t t e n b e s i tz e r" ist. Und am Ende haben wir in Deulschland nicht zu prophezeien, ivas aus einer italienische» Schauspielerin werden kann. Wenn sie eine Erste geivorde» ist, sei sie uns«villkoiumen. Ein schöner, ausdrucksvoller Kopf mit blitzenden Augen unter edler Stirn,— große Schauspielerinnen mit reicher, geistiger Arbeit sind fast nie so schön— nnlcrstützt jetzt Frl. Tina di Lorenzo. Dazu hat die llteklame sehr viel für die junge Schauspielerin gethan. Ein ungarischer Politiker und Zeitungsschreiber, Herr v. Pazmansky, hat ihr eine Abenteuerlichkeit, eine türkische Haremsgeschichte nach- gesagt. Das ivar albernes Gelrätsche. Aber es machte Sensation. Die„ritterlichen Magyaren" klirrten mit den. Sporen, und beinahe wäre es zu einem Duell gekommen.— Trotz dieser Geschichten bleibt es doch wahr: Tina di Lorenzo hat Empfindung, Kraft und schauspielerischen Verstand. Aber zu einer ersten Nummer ist sie aufgebauscht worden. Erstklassig, eine runde schauspielerische Erscheinung, in sich sicher, voll von schlichtem Lebe» und innerer Wärme ist ihr Partner A n d o. Er ist vom Gastspiel der Duse her bekannt und gab den bürgerliche» Industriellen Derblay, der seine widerspenstige Aristokratin in Liebe bändigt,—ff. — d. I n der Neue» Freie» Volksbühne wurden am Sonnlag Nachmittag z,vei Jugendarbeiten Goethe's aufgeführt. Die Darsteller gäbe» sich außerordentliche Muhe um die beide» Werke. Sie hatte» sie mit einem lobenswcrlhen Eifer einstndirt. Dennoch wollte es ihnen nicht gelingen, über die Schivierigkeiten der alt» väterische» Alexandriner in den„M i t s ch u l d i g e n" glatt hinweg- zukommen. Sormeo, der de» Alcest spielte, konnte nicht die Eleganz des Vornehme» herausbringe», der um feine ehemalige Geliebte, die an den Schlemmer und Fanllenzer Söller ver» heiralhcl ist, buhlt. Auch Sophie, die von Jenny Lenz dargestellt wurde, konnte die Tugendhaftigkeit ihrer Rolle nichl mit der Zierlichkeit vereinen, die diesem kalt- schlüpserischen Versspiel zum Leben verhelfe» muß. Am sichersten war Waller als Wirlh. Er machte seine Person, diese abstrakte Neugier, mit angenehmer Vorsicht zur Karrikatur. Der ganzen Auf- führung aber fehlte jener altmodische Duft französelnder Spielerei, der sich Goethe vor seinem 20. Jahre hingab, und die noch nichts von seiner natürlichen Ursprünglichkeit au sich hat. Am wenigsten kam der Charakter des Stückes in der letzte» Szene zum Ausdruck, in der bewiese» wird, daß kein Fleckchen ans Sophie's ehelicher Treue hastet. Mit der natürliche» Sprache des Einakters„Die Geschwister". fanden sich die Schauspieler dagegen sehr gut ab. Die Marianne des Fräulein Holger erhob sich sogar bedeutend über das ge- bräuchliche Maß von Schauspielerei. Sie besitzt eine glückliche Be- gabung für natürliche Liebenswürdigkeit. Ihr fein abgetöntes Spiel kam am besten in der Szene zum Vorschein, da sie Wilhelm, ihren vermeintlichen Bruder billet, sie bei sich zu behalten; sie könne keinen andern heiralhen. Auch die Ausstattung dieses Stückes war ansprechender, als die der„Mitschuldigen", für die man nicht ein- mal genügend Rokokomobel aufgetrieben Halle. Die beide» Stücke wurden mit dem Beifall aufgenommen, der in diesem Verein üblich ist. Nur nach dem letzte» Fallen des Vorhanges gab«in deutlich vernehmbares Zischen dem Beifall einen schärferen Accent.— Musik. —er—, L i n d e n- T h e a t e r. Unter dem Titel„D« r O P e r n b a l l" haben die Herren Löon und Walsberg den viel- belachten Schivank„Die Rosadominos" als ein lustiges Libretto dem Wiener Musiker Richard Heu berger zurechtgezimmert. Vom Original ist kein Theilcheu der angenehm prickelnden Leichtfertigkeit, der zart durchsichtigen Anspielungen, der drolligen Mißver- ständniff« und Verwcchfelnngen. der erstaunlichen Szenentechnik der französischen Posse verloren gegange». Ist einmal die etivas gedehnte Exposition überivnnden, so entwickelt sich hierauf viel unverbrauchte Heilerkeil der Situationskomik. Heuberger's Musik krankt an der übertriebenen Scheu vor melodischen Nncksichlslostgkeitc», am Mangel einer natürlich humoristischen Behaglichkeit, an einer Ueberfeinerung des Geschmackes, für welche die Bühne sich stets recht undankbar erweist. Im Orchester wetde» hie und da Proben eines seinen Uebermuthes laut, gehe» aber in dem fortwährenden Bestreben nach einer etwas prätentiösen Eleganz der Jnstrnmentalsprache wirkungslos unter. Das Gesammtresultat dieser stilisirteu, sauber gearbeiteten und gut gesellschaftlich lächelnden Mnsik ist eine ehrbare, korrekte Langeweile, welche durch keinen vehementen musikalischen Ueberfall seitens eines gefunden Gassenhauers oder einer melodischen Trivialität gestört wird.— Die mangelnde Vertrautheit init dem dezenten Stile des musikalischen Lustspiels ließ das Darstellungspersonal des Linden-Theaters nur den Halberfolg erzielen, über den mit der An- erkennung des guten Willens und des hingebenden Fleißes der Mit- wirkenden quittirt werden kann. Frl. Marie E h r i ch allein bildete eine liebenswürdige Ausnahme im Reiche der verdienstlichen Mittel- Mäßigkeit; auf sie, eine fein abtönende Schauspielerin und Sängerin, fiel das hellste Licht des Abends.— Medizinisches. — Das Stechen von Ohrlöchern bei Kindern behufs Einhängitng von Ohrringen hat schon öfters Erkrankungen zur Folge gehabt. Neuerdings ist wieder in Wien ärztlicherseits ein Eall von Wundrose festgestellt worden, der von frisch gestochenen hrlöchern seine» Ausgang genommen hat. Die kleine Operation war, wie es häufig üblich ist, von einem Goldarbeiter vorgenommen worden, aber ohne die geringste Reinigung und Desinfektion der Haut. Der Wiener Magistrat hat ans diesem Anlaß den Mit- gliedern der Genossenschaft der Goldschmiede ein« Belehrung über die beim Stechen der Ohrlöcher zu beobachtenden Vorsichtsmaßregeln übermittelt. Danach soll diese Operation nur an ganz gesunden, von Hautausschlägen freien Kindern nach vorausgegangener Reini- gung der Ohrenmnschcl mit zweiprozentiger Karbollösung mit des- infizirten Nadeln vorgenommen, in den Stichkanal sollen nur sterilisirte Seidensäden eingelegt werde».— Aus dem Thierreiche. t. Musizirende Spinnen. Der bekannte amerikanische Gelehrte R. Pocock hat neulich im„Zoologist* einen Aussatz über die Lebensweise von Spinnen veröffentlicht, worin er hauptsächlich von der Familie der Niesenspinnen handelt, welche unter dem Namen Mpgale in der Wissenschaft bezeichnet wird; wegen ihrer Größe habe» diese Spinnen im Englische» auch den Name» Krabbe»- spinnen erhalten, in der deutschen und lateinischen Sprache nennt man sie nach dem Vorgange von Lamarck Vogelspinnen wegen. ihrer angeblichen Neigung, kleine Vögel zu fangen und zu verzehren. Der Name Avieularia ist noch heule für einige südamerikanische Arte» dieser Spinnenfamilie in Gebrauch. Früher gab man diesen Vogel- spinnen im zoologischen System nur den Rang eines Geschlechts, seit den letzten 50 Jahren aber hat sich unser Wissen von demselben derart erweitert, daß man sie zu einer Familie aufrücken ließ. Abgesehen von ihrer ungewöhnlichen Größe und ihrem plumpen Bau unterscheiden sich diese Spinnen von der großen Mehrzahl ihrer Stammesgenosten durch den Besitz von zwei Paaren von Lungensäcken»nd ferner da- durch, daß die Kieser wagerecht am Kopfe vorwärts stehen, während die Fangscheeren der Länge nach rückwärts gerichtet sind. Fast keine der Vogelspinnenarten bereitet Netze zum Fang ihrer Beute, die meisten leben auf der Erde unter Steine» oder in tiefen Löcher», die sie in den Boden grabe» und mit einer Lage zäher Seide auspolstern, damit die Wände dieser Behausung nicht einstürzen. Bei Anbruch der Nacht kann man die Spinnen am Eingang« ihrer Höhle auf vorüberziehende Insekten lauer» sehen. Während der Brutzeit ziehen sich die Spinnenweibche» in de» tiefsten Winkel der Grube zurück, um dort ihre Eier zn bewachen. Andere Arten leben auf Bäumen und webe» sich dort in einer Astgabel oder in Höhlungen des Stammes oder endlich in großen aufgerollten Blättern«ine seidene Wohnung. Ihre Hauptnahrung besteht zweifellos aus Insekten verschiedener Art, jedoch sollen sie auch zuweilen kleine Reptilien, Vögel und auch Säugethiere angreise». Beiläufig sei erwähnt, daß diese riesigen und für so viele Thier« furchtbaren Spinnen einem Feinde gegen- aber fast völlig wehrlos sind, nämlich gegen einigt große Wespen- arten, die sich auf die größten Spinnen stürze» und sie mit ivenige» Stichen tödten. Musikalische Organe wurden unter diesen Spinnen zum ersten Male von Professor Wood-Mason 187K entdeckt, und zwar zuerst an einer aus Affam in Indien stammenden Art, welche jetzt in der Wissenschaft unter dein poetischen Namen ilusazotes stridulans bekannt ist. Seither wurden solche Organe auch bei »iner größeren Zahl anderer Arten gefunden, d. h. nur in Asien und Australien. Letzthin hat nun Pocock auch an einigen afrikanische» Vogelspinnen solche musikalischen Organe entdeckt, die von denen ihrer Verwandten im tropischen Asien stark ver- schiede» sind. Einmal findet sich ein solche? bei der im Kap- lande wohnenden Art(Harpactira). Es handelt sich bei diesem Organ um eine Art von Schrillleiste, wie sie auch die Heuschrecke» besitzen, die bei der südafrikanischen Spinnengaltung zwischen den beiden Kiefern gelegen ist. Welchem Zwecke diese Organe dienen, ist noch nicht genügend festgestellt. Man hat an» genommen, daß der durch sie hervorgebrachte Ton ebenso wie bei der Heuschrecke und der Grille eine Beziehung zum Geschlechtsleben habe, jedoch ist dieS wahrscheinlich unrichtig. Einmal hat man keinen Beweis dafür, daß Spinnen überhaupt zu hören vermöchten, und zweitens finden sich die musikalischen Organe beim Männchen ebenso wie beim Weibchen, und zwar auch schon vor Erlmigung der geschlechtliche» Reife. Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß die Spinnen durch diese Töne ihre Feinde erschrecken wollen, geradeso wie die Klapperschlangen mit ihrer Klapper, aus demselben Grunde, aus dem manche Insekten mit einer warnenden Färbung versehe« sind.— Humoristisches. — Der verkannte Sänger. Ein melancholisch drein» schauender Basfist hat soeben mit seiner tiefsten Stimme in einer Matinee ein Solo vorgetragen. Da hört»ran plötzlich ein kleines Mädchen ausrufen:„Du, Mama, ist der Herr jetzt ganz fertig mit Gurgeln?"— — Sie wünschte, sie hätte nicht gesprochen- Mutter zu ihrem fünsjäbrigen Söhnchen:.Ja, Freddy, Du darfst heute zum Dessert herunterkommen, aber das Du keine Benrerkung über Onkel Alwins rothe Nase machst, hörst Dil?" Freddy(bei Tisch, nachdem er feinen Onkel lange angestarrt hat):„Du, Mama, Onkel Alwins Nase ist ja gar nicht so roth, wie Du ge- sagt hast."- — Hausfrauen ertheilt die„Schwyzer Ztg." folgenden guten Rath:„Kommt euch jemand nach Hause, von dem ihr ineint, daß er ei» Gläschen zu viel gehabt habe, so macht die Probe: Heißt ihn Lvmal schnell, laut und deutlich nacheinander sprechen: z' Schwyz schniits z' Schivyz schniits z' Schwyz schniits" u. s. w. tat er nun einen Zungenschlag, so zwitschert er blas einmal:„z' chwi tschwi"; hat er aber keinen,— so braucht's eine spitzige Zunge, sonst kann er's doch nicht."— Vermischtes vom Tage. —„Ich habe nicht schlafen können, ich habe die ganze Nacht gehaßt," sagte Bismarck eines Morgens zu v. Tiede- mann, dem ehemaligen Chef der Reichskanzlei, wie dieser in seinen jüngst veröffentlichten Erinnerungen erzählt.— — In England wurde» im Jahre 1397 ISKZWX) Hekto» liter Schnaps, SK 999 000 Hektoliter Bier, 720 000 Hektoliter Wein und ebenso viel Most getrunken. Gekostet haben diese Getränke 3106 Millionen Mark, was pro Kopf der Bevölkerung über 77 M. für das Jahr macht.— y. Die Untersuchung des P o st p a ck e t s, das ans dem Bahn» hose Rothenkrug explodirte, hat ergeben, daß die für eine Radfahrhandlung bestimnlte Sendung K n a l l b o m b e u für Rad» fahrer enthielt.— — Wegen Nahrungssorgen versuchte in Itzehoe ein Ehe» paar sich und seine vier Kinder mUtels Schweseldämpfe zu t ö d t e n. Die Kinder erwachten jedoch von dem erstickenden Qualm und riefen rechtzeitig Hilfe herbei. — Ein Sträfling des Zuchthauses in M ü n st e r. der die Flucht ergriff und ans de» Hnltruf des Postens nicht stehen blieb, wurde von dem Soldaten erschossen.— — Ein Maler verwundete in B r e in e n die Tochter eines Postbeamten, die ihre Verlobung mit ihn, ausgehoben halte, durch vier Revolverschüsse schwer. Darauf nahm er Gift und schoß sich selbst in die Schläfe.— y. In Hadenersleben(Kreis Wanzleben) ist der fiskalische B o h r t h u r n, niedergebrannt. Unter den Trümmern wurde die verkohlte Leiche des Thurmwächters gesunden.— — Bei M y s l o w i tz ertranken zwei Schmuggler, die verschiedene Maaren nach Rufsisch-Polen einznschmuggeln suchten, auf der Flucht vor Grenzkosaken im Przemsafluß.— — Nach einem Streit verfetzte ei» dem Trunk ergebener Reiß- zeugmacher in N n r n b e r g am Sonnabend seiner Braut und deren Mutter lebensgefährliche Dolchstiche und schnitt sich dann selbst die Kehle ab.— — Die norwegische Regierung hat den» Etorthing soeben einen Gesetzvorschlag bezüglich der F e u e r b e st a t t u n g unter- breitet. Die theologische Fakultät in Christiania hat gleichzeitig die Erklärung abgegeben, daß vom Gesichtspunkt der kirchlichen Lehre aus gegen eine Beftattungsart, durch welche die Auflösung des Leichnams in schnellerer, mehr humaner und sanitärer Weise als bisher vor sich geht, absolut nichts einzuwenden ist. Auch die norwegischen B i s ch ö s e haben sich im allgemeinen sehr entgegen» kommend geäußert.— — In Groß-Vecskerek(Ungarn) hat eine Gutsbesitzerin aus Verzweiflung darüber, daß ein Nachbar ihr Gewalt angethan hatte, ihre vier Kinder erdrosselt und sich selbst erhängt.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.