HlnterhaltungsUatt des vorwärts Nr. 53. Mittwoch, den 16. März. 1898. (Nachdruck verboten.) isz Anr hÄnslichen Nord. Slomnn von Iwan Franko. Zwar konnte sie so geschrieben haben, blos um ihn zu schonen, um ihm die Unruhe zu ersparen. Aber diese bis zur Manie, bis zu hysterischen Anfällen ausartende Angst um die Kinder konnte doch nicht seit heute oder gestern ihren Ursprung baden, sie mußte schon seit geraumer Zeit entstanden und sich stufenweise gesteigert haben. Und da war es kaum glaublich, daß all das in ihren Briefen so gar keinen Widerhall ge- fnnden hatte. Sonderbar und räthselbaft schien ihm auch die Eindringlichkeit, mit der sie ihn zur Quittirung des Militär- dicnstcs ztt bewegen trachtete, und ihr Plan, auf dem Lande zu wohnen und die Kinder zu Verwandten nach Wadowice zu geben, schien ihm vollends mit ihrer übertriebenen Sorgsalt um die Kinder in Widerspruch zu stehen. All' das zusammen genommen beunruhigte den Haupt- mann in hohem Grade. Wie dem auch war— die heftigen Ncrveuanfälle Angela's waren unbestrittenes FaktNni, und schon der Plan, aufs Land zu ziehen und die Kinder fremden Händen anzuvertrauen, zeugte von einer Abirrung ihrer Ge- danken und Gefühle— von einer Krankheit, die sie aus ihrem seelischen Gleichgewicht brachte. Als der Hauptmann im Schlafzimmer am Schreibtisch Platz genommen hatte, begann er ruhig und angestrengt nach- zudenken, trachtete, sich von allem, was er gehört und gesehen Rechenschaft abzulegen und einen verständigen Plan seines iveitereu Vorgehens zu entwerfen. Angela ist nnzweifelhaft krank, obwohl ihr Organismus gesund zu sein scheint. Was mag das für eine Krankheit sein? Die Erscheinungen, deren er soeben Zeuge gewesen, wiesen darauf hin, daß die Krank- hcit seit längerer Zeit bestehe. Eine länger andauernde Krank- heit, und wäre es auch nur eine hochgradige Nervosität, hätte ans Angela's Organismus einen mehr oder minder nachtheiligen Einfluß üben müssen, hätte Appetit, Schlaf, Verdauungs- vermögen beeinflußt. Von all dem war nichts zu sehen. Es handelte sich hier also entweder um eine rein psychische Krankheit, die ihren Sitz in einem der kleineren Nerven- zeutreu hatte und auf die gewöhnlichen organischen Funk- lionen nicht reagirte— oder aber—... Der Hauptmann dachte an Angela's Briefe, die, besonders in den letzten Jahren mit der größten Ruhe, klar und verständig in kühlem, beinahe kaufmännischem oder Reporterton geschrieben waren. Dieser kühle Ton nahm nur dann Lebhaftigkeit, Farbe und Wärme an, wenn von den Kindern oder von ihm die Rede war. Nein, eine geistig oder psychisch kranke Person wäre nicht ini stände gewesen, solche Briefe zu schreiben und dazu so oft und so regelmäßig. Sie hätte vielleicht durch einige Zeit ihre Krankheit verbergen können, aber ihr krankhafter Geistes- zustand hätte sich doch früher oder später durch ein Wort, oder einen unlogischen Gedankensprung im Laufe einer Erzählung oder eines Satzes vcrrathen. Der Hauptmann strengte sein Gcdächlniß au, doch konnte er nichts finden, was in den Briefen seiner Frau etwas derartiges verrathen würde— und er hatte sie mir großem Interesse, mit großer Aufnierksamkeit und zu wiederholten Malen gelesen. Er liebte Angela mit ganzer Seele, mit jugendlicher Gluth, besonders jetzt, nach seiner Rückkehr von Bosnien fühlte er, daß die Gewißheit ihrer Krankheit ein schrecklicher Schlag für ihn wäre, und dennoch prüfte er alles gewissenhaft und würde sich auch die kleinste Beobachtung, die von ihrer Krankheit zeugen würde, nicht verhehlen. Aber er hatte solche Beobachtungen nicht auf- zuweisen— außer der räthsclhaften Anfälle während seiner Erzählung über Baron v.Renchlingen. Der Baron! Ein ängstlich- scinnerzlichcr Gedanke flackerte in seinem 5kopfc ans. Sollte doch zwischen seiner Erzählung und den Nervcnanfällen irgend ein Zusammenhang bestehen? Nein, nein, das ist unmöglich! Angela hatte ihm so aufrichtig, so ruhig, so ohne jede Ver- legenheit, mit so kindlicher Unschuld die Versicherung gegeben, daß sie von keiner Geschichte etwas weiß— daß eine entgegengesetzte Annahme geradezu eine Profanation, ein Verbrechen an seiner Liebe, an seinem Familienglück wäre. Nein, nein! Die Geschichte Reuchlingcn's hat mit Angela's Krankheck nichts zu schassen! Sonst müßte er ja annehmen, daß sie log, Komödie spielte, und zwar mit uuvergleich» licher Meisterschaft spielte. Der bloße Gedanke daran erfüllte ihn mit Entrüstung, und er stieß ihn auch von sich nut der ganzen Gewalt seiner Liebe. Was könnte das auch für eine Geschichte sein, daß die bloße Erwähnung Angela so großen Schrecken einzujagen vermöchte? Sein Geist weigerte sich, hiiiabzutauchcn in den Abgrund monströser Kombinationen, wo auch nicht die geringste Hoffnung vorhanden war, eines konkreten Faktums habhast zu werden.— Nein, nein, nein! Angela mußte krank sein, und dies um so bedenklicher, als ihr Zustand, und die Ursachen desselben vollständig in Dunkel gehüllt waren. Man wird so schnell als möglich ärztlichen Rath einholen müssen, vorläufig jedoch muß alles angewendet werden, um ihren Geist in Ruhe zu erhalten, nnnöthige Aufregung zu vermeiden, ihr Zerstreuung und angenehme Eindrücke zu verschaffen. Vor allem also mußte er ihren Wunsch erfüllen und das Gesuch um Dienstentlassung an das Generalkommando schreiben. Sie hatte ihn ja beinahe ans dem Zimmer gedrängt, daß er das Gesuch schreibe. Natürlich war das stürmische Verlangen, daß er den Dienst quittire, nur eine Wirkung ihrer Krankbeit, die Erscheinungsform einer krankhaften Manie, und er, der Hauptmann, müsse die Sache nicht so eilig erledigen. Aber das Gesuch konnte er doch gleich aufschreiben. Im Nothfalle kann man ihr sagen, daß es bereirs ein- gereicht worden, übrigens, wer kann es wissen, ob nicht morgen schon bei ihrem krankhaften Zustande ein anderer, gerade entgegengesetzter Wunsch in ihr rege wird.— Nach diesen Reflexionen nahm der Hauptmann Tinle, Feder und Papier und setzte nach allen vorgeschriebenen Regeln das Ge- such auf. Mit diesem Dokument begab er sich unu zu ihl� um ihr zu beweisen, daß er ihren Wunsch erfüllt habe. Im Salon fand er Julie, die bei seinem Anblick er- schrocken zurückwich und sich wie ein gefangener Hase benahm. Der Hauptmann war, ohne sie näher zu betrachten, dem Zu- fall dafür dankbar, daß Angela Gesellschaft hatte, und beschloß Julie nicht so bald fortzulassen. „Ah! Tante Julchen!" rief er freudig, trat näher und küßte die dargereichte Hand.„Wie befinden Sie sich? Warum kalten Sie nicht die Güte, uns gestern Abend zu besuchen? Da, Angela, hier das Dokument, von dem wir vorher sprachen. Blicke es durch, ob es Dir gefällt!" Er händigte Angela das Gesuch ein und wandte sich wieder zu Julie. „Nun, warum sitzen Sie nicht?" „Ich muß gehen, ich bin nur für einen Augenblick hier eingetreten." „Ta, ta, ta, ta! Ich muß gehen! Denken Sie gar nicht daran. Bitte gleick Hut und Mantel abzulegen!" „Herr Hauptmann," sprach Julie flehend.„Dringen Sie nicht darauf, niein Ehrenwort..." „Ich scheere mich nicht darum!" rief der Hauptmann und nahm ihr fast nnt Gewalt den Mantel ab.„Ich will solche Worte garnicht hören. Junge, schöne Damen haben keine Stimme und müssen— falls sie keinen eigenen Mann habeil, dem sreinden Manne gehorchen. Ich verhaste Sie."... „Nun, wenn es anders nicht sein kann," sagte Julie resignirt den Hut ablegend„was soll ich Arme thun? So bleibe ich denn, jedoch nicht länger als zehn Minuten. „Was heißt das? Empörung?" schrie der Hauptmann. „Wagen Sie es ja nicht, die Subordination zu verletzen! Wird der Tagesbefehl verkündet, so muß gehorcht werden. Sie bleiben, mit der zugetheilten Pflicht, an der Konversation theil zu nehmen. Wir speisen zusammen, trinken dann schwarzen Kaffee, ruhen ein wenig, erzählen einander lustige und unterhaltende Geschichten, und dann erst werde ich auf die breiten Finthen des Militär» lebens der Residenz hinaussegeln, während Sie in ihren stillen Wittwcnhafen einkehren. Halt! Da Hilst kein Widerstand, kein Protest! So lautet der Befehl, so muß es sein!" Julie hörte mit ungekünsteltem Schrecken die Rede des Haupimanus. Seine Gesellschaft ivar ihr schrecklich unangenehm. In ihrer ganzen gedrückten Gestalt malte sich der sehnlichste Wunsch, aus dieseni Hause so bald als möglich zu entkommen, der energischen, gewaltigen Stimme und den prüfenden Blicken des Hauptmamis zn entgehe». In seiner Gegenwart fühlte sie sich wacht- und rathlos. Sie wandte sich zn Angela. „Angela/ nieine Tbeure! So bitte doch für mich! Sage, daß es für mich ganz unmöglich ist, ganz unmöglich.. „Nein, nein!* rief der Hauptmann.„Gilt nichts! Da bringt Marie die Kunde, daß das Mittagessen fertig ist. Nicht wahr, Marie?" fragte er das in der Thür stehende Mädchen. „Jawohl, gnädiger Herr, das Mittagessen ist bereit." „Sind die Kinder da?" fragte Angela. „Ja, gnädige Frau. Gregor aniüsirt sie mit seinen Er- Zählungen; er ist ein komischer Patron/ „Nun, von Flucht ist also keine Rede mehr/ sagte der auptmann freudig.„Nicht wahr, Angela, wir lassen die ante nicht fort?" „Nein, Angela, ich bitte Dich, thue mir das nicht an!" bat Julie,„Du weißt am besten, wie unangenehm das für mich wäre/ „Ho, ho, ho! Fürchten Sie etwa, daß wir sie vergiften! O, solch ein Verdacht kann nicht ungestraft vorübergehen! Nun erst vergifte ich Sie absichtlich mit zwei Gläschen bosnischen Weines! �llong entautZ! Angela voran und wir beide hinterher!" „Nein Jnlchen, Anton hat wirklich recht!" sagte Angela. „Warum willst Tu fortlaufen? Komm, wir wollen speisen, dann plaudern. Deine Wirthschaft läuft Dir nicht davon/ (Fortsetzung folgt.) HenvUf Ibfen. (Zum 70. Geburtstag des Dichters.) „Ein Dichter grhört seiner Natur»ach zu den Weitsichligen." Dies Bekenutniß rührt von Ibsen her. Es könnte als Ueberschrifl und als der zusaminengedräugle Inhalt für sei» Lebenswerk gelle». Von»ationalistischec Romantik war Henrik Ibsen ausgegangen und im letzten Jahrzehnt ist er zn internationatar Bedeutung ge- langt. Für die skandinavische Heimalh begann er zu eifern und wo er schalt, da schalt er ans Liebe; und trotzdem wurde er ein geistiger Führer selbst für die romanischen Lande. Sei» Geist rang in der Einsamkeit»ach freier indivi- dualistischer Kraft und so unversöhnlich seiir wissenschastlich anarchischer Standpunkt dem soziatisiischen Gedanken gegenübersteht, so hat der Sozialismus trotzdem Grund genug, dem bittersten An» klüger der Gegenwart, der schonungslos»»serer Herrengesellschaft den Spiegel vorgehalten hat, dankbar zu sein. Mit Groll im Herzen ist er dem Vaterlande entflohen und da er floh, hat er ihm das Kostbarste gegebe», was ihm zu geben vergönnt ivar. Nichts halte er vom Troubadour in seinen Mannesjahren an sich, wie nian sich derlei vorzustellen liebt. Er war kein Mann für die Flauen; und keiner neben ihm hat ans dem Hab gegen die- Unlerdrücknng empor solche Brandfackeln wider das uiannische Philiskerium geschlendert tvie er. Heber den Mann, der das Atieinsein suchte und üble und die Wege der Parteien nicht kreuzte, fielen sleis die Philister aller Parteien her; und mit der unabänderlichen Ausdauer, die den braven Mann so wohl kleidet, sind sie im Haß sich treu geblieben. Es ist unmöglich, an dieser Stelle eine so nierkivürdige Er- scheinung, wie die Jbsen's, anders als in großen Umrissen zu sasseu. Das scheinbar Gegensatzliche in ihm eriveist sich, wenn man näher zusieht, als eine Kette von geistigen Evolutionen, deren Glieder alle tncinander greisen, jedes neue Glied eine Folge von neuer Lebens- erfahrung. Was auf deni Markt der Eitelkeiten heute geschieht, wie Lite- raten, die sich gern heerdenivcis an einen Großen klammer», ans Banketten schwärmen, wie reklamegierige Theaterdirekiore» diesen Ibsen seicrn, soll»ns nichts kümmern. Wie des Mannes Wesen sich eulivickelt hat, das ist ein fesselndes Lebensbild. Zn Skien, einem Städtchen in Norivegeu, ist Henrik Ibsen am 20. März 1823 geboren. Er ist der Sohn eines kleinstädtischen Patriziers. Der skandinavische Literarhistoriker Henrik Jäger, ein trefflicher Biograph Jbsen's, hat sich viel»>» die Familiengeschichte des Dichters bekümmert. Bei diesen Unlersuchnngen nach der Blut- Mischung und deren Einfluß kommt viel zu Tage, was leicht zu vagen Berinnthnngen und Kombinationen führt. Eigent- lich norwegisches Blut findet sich bei Ibsen nicht, und doch will Georg Brandes in seine» Charakterköpsen gerade bei Ibsen Seele von norwegischer Seele erkennen. Dänisches und deutsches Blut mit einem schollischen Einschlag war auf Hcnrik Ibsen vererbt. Den speknlalive» Sinn wollen manche auf die deutsche Vcrwändlschast, den puritanischen Eiser i» einzelne» seiner Werke ans schottische Eigenheit zurückführen. � Auf realeren Boden führt die Kindheit Jbsen's. Seine Ellern bewohnten auf dem Markt von Skie» ein Haus neben der Kirche. Manches mußte aus die Phantasie des Kindes lebhaften Eindruck nach der schweren, düsteren Seite hin machen. Das alterthümliche Ralhhaus, der Thurm, der Pranger beschäftigten früh die Ein- bildung des Kindes. Das Tosen der Wasserjälle in der nordischen Landschaft, des Lange- und Klostervoß dringt gedämpft in die Stadt. Heitere Abwechselung durch Seiltänzer, englische Reiter und derlei mehr war nur spärlich geboten; I» Jbsen's achtem Lebensjahre war die Familie völlig verarmt; mit dem Wohlstand war's vorbei; man zog aufs Land und leicht konnte der Knabe erfahren, wie aus der Achtung von ehedem Gering- schätzung wurde. Noch schärfer lernte der heranwachsende Jüngling den Kastengeist des Kleinbürgerthums kenne», als er im winzigen Grimstad zu einem Apotheker in die Lehre kam. Auch in diesen weltfernen Winkel drang ein Athemzng von dem Achtundvierziger Sturm. Manche Demnlhigung, manche Bitterkeit mochte Ibsen empört habe», und es ivird vielleicht gerade in dieser Märzwoche eine Probe der damaligen revolutionäre» Schwärmerei Jbsen's inleressiren. Dem Magyarenvolk, das damals im verklärten Glanz vor Europa dastand, ividmet der zivauzigjährige Apolhekergehilse folgende Zeilen: „Ja, wenn kühn die jungen Geschlechter die Throne umringen, Wie ei» Herbftorkan die Pfeiler der Tyrannei bezwinge», Soll der Magyarenname, stolz auf die Heldenehre Als schöne Losung donnern voran dem siegenden Heere." Ans junger, unklarer Eehnsnchl, ans der Erbitterung über die Welt der Kaslendressur wuchs bei Ibsen der erste dramatische Ber» such, sein„Catilina" empor. Instinktiv reckte sich der Haß wider bonrgeoise Heuchelei; Catilina war nicht das Haupt der catilina- rischen Existenzen mehr, den der alle Cicero, als Hanptvertreier satter Moral in Grund und Boden schimpft, sondern ein tragischer Charakter. Nicht in seiner eruptiven Gewalt, sondern in seiner nnbewußten Anflehnung erinnert der Catilina an Schiller's „Räuber"; und so wie Schiller, so hatte der jugendliche Ibsen mit seinen» Erstling die schwärmerischen Freunde ge- ivonnen, die ihr Brot mit ihm theillen, die ihn stützten,»veil sie au ihn glaubten. Es gicbt Künstler, die, ivie die Nachtigallen im Frühjahr, in ihrer Jugend ausgeben,»vas a» Melodie in ihnen klingt; und es giebt sprödere Naturen, die spät reifen. Zn den spät Reifenden gehört Ibsen. Bon Grimstad ans ivar die Welt nicht zu erobern. 1860 ging Ibsen dann»ach Christiania in Haltberg's„Studcnten- fabrik", wo„Bauernstudenle»" und andere arme Teufel auch sich des Lernens beflissen. In eine neue, auch politisch erregte Welt von jungen Leuten ivar Ibsen eingetreten. Als ein Agitator Horring ausgewiesen ivnrde, nahm Ibsen an einer Demonstration theil und soll sogar gesprochen haben. DaS ivar die einzige politische Dcmonstraliou im ganzen Leben Jbsen's. Im übrigen war er Mitherausgeber einer oppo- sitioncllen Zeilschrift, die sich aber auf keine Partei stützte und iiatur- gemäß am Abonncntenschivund litt. Mit dem Jahr 18SI fängt die eigentliche lilerarkünsllerische Thätigkcit Jbsen's an. Er wurde„Jnstrultor"(künstlerischer Leiter etiva) auf dem Theater zu Bergen. Das Theater ivar aus nor- wegisch-nationaler Begeisterung entstanden; und hier ivar es, Ivo Ibsen auf lauge Zeit hinaus zur»nlionalistischen Romanlik, zur Wiederbelebung des nordischen Volkslied- n»d Märchenstils, wie zur Wiederbelebung des Saga-Slils, der nordischen Heldensage, gelangte. Für die Bedeulung Jbsen's als eines' Führers im öffentliche» Leben, tritt diese Periode zurück. An dänisch-romantisch« Muster ist Ibsen gebunden, so im Hünengrab, in Olaf Lilienkrantz an den Geist Oclenschläger's. Der lyrische Grundton herrscht vor;»ur in seinen Zügen verräth sich der Seldständigkeitsdrang Jbsen's.„Die Heirin aus Oestrat" gilt als Höhepunkt dieser ersten Periode; das leichter wiegende„Fest auf Solhaug" brachte den ersten großen Theatererfolg. Die„Herrin von Oestrat" ist bereits eine Gestalt von düster- tragischer Größe nnd vor allen Dingen zeigt sie schon die Jbsen'sche Technik, die in der Folge dem niodernc» Theater so viel Anregung geben sollte. Das Handiverk in der Knust, das incisl so tief unter- schätzt wird, hat Ibsen in Bergen tüchtig erlernt. Er konnte es nützen, als er 18S3 nach Christiania ans»orivegische Theater kam. Es war die Zeit des gährendcn Dranges nach Selbständigkeit. Wie jetzt nach politischer Antonoinic, so strebte man damals nach literar-künstlerischer Loslösnng vom dänischen Einfluß. Man ivollte aus der norivegischen Volks- und Bauernsprache die norwegisch- dänische Schristsprache nc» beleben. Als Widerspruch gegen die dänische Schauspielerei in Cdristiauia ivar das origiiial-norivcgische Theater errichtet worden. Man wollte den skandinavischen Gemein- sinn nicht opfern, aber seine Stanunes-Originalität»in so energischer wahre». Das entsprach der damaligen Gesinnung Jbsen's; und so dichtete er seine Dramen im Sagastil, in dem markanten knappen Ausdruck germanischer Sage, in der die Leiden- schast wie in verhaltener Gluth, der Humor oft so herb sich ausspricht. Diese Knappheit war ebensalls ein wichtiger Gewinn für den späteren Ibsen. Zugleich iveisen„Die nordische Heerfahrt" sowohl, wie ganz besonders„Die Kronprätendenten" auf den Seelenergründer und den Meisler hin, der menschliche Charaktere gern bloslegt, wo sich i» ihren Abgründe offen- baren, wo ihre Handlungen von dunklen Willensregniige» bestimmt siird, über die sie selber keine Macht haben. Schon vernicngt sich hier romantisch- mysticislisches Wesen mit dem scharfe» Realismus des niodern-iveitsichligen Poeten. Allein es begannen bereits die hcimathlichcn Zerwürfnisse. Wer an sich glaubt, an seine Sendung, seinen inneren Berns glaubt, ist der Glückgcborene. Der Prophet wird erobern, der Skeptiker nicht. Diese ideelle Lehre in den Kronprätendeulcn ärgerte viele im Laude, die zwar gut protestantisch, aber rationalistisch zugleich empfanden und auf den gesunden Menschenverstand schmoren, der natürlich ihrer eigenen Erkenntniß glich. Darum zeterte man wider Ibsen, drohte nnfläthig mit Stockprügel, ja man that das Böseste, ivas man thnn konnte: Man nannte ihn eine» heimlichen Katholiken. Nicht besser wurde es, als das Reimspiel„Die Komödie der Liebe" erschien(1862). Es wagten sich die skeptisch-ironischen Klänge hervor, die später mit so manchem konventionell heiligen Gut, mit so uiancher zärtlich gehegten Lebenslüge aufräumen sollte. Di»»vagst es, unsere sentimentale Liebe zu besndeln, riefen gerade jene Kreise am lautesten, denen die Ehe bis auf den heutigen Tag ein flott- betriebener Schacher ist. Schläge rvecken den Gegcnschlag; und als politische Umwäl- zungen dazu kamen, reiste die Erkenntniß Ibsens; sein Horizont wurde größer; er selbst wurde iveilsichtiger; er entfernte sich ans der heimalhlichen Enge; er mochte sie dadurch objektiver zu fassen, und iveltbttrgerliche Fragen begannen ihn zu beschästigen. Die Wege zu solcher Reife sind mit bitteren Enttäuschungen ge- pflastert. Auf 1884 reicht»vohl die starke Lebensivendung zurück. Es zerrannen im deutsch- dänischen Krieg die nationalistischen Träume Ibsens. Er rief nach Sk»lde»arl die Männer Nonvegens an, den skandinavischen Brüdern beizustehen; aber sie gingen ihrem Profitchen nach und überließen Dänemark den preußisch-leutonische» Schaaren, die Ibsen, der Sch'värmer für individuelle Kraflbethälignng, aus feiner Anschauung heraus immöglich schützen konnte. Dieser teutonischen Schaaren und der preußischen Vernichtung des freien Individuums, ivie er es nennt, gedenkt Ibsen in seinen Gedichten öfter. Selbst als Gast des KKedive in Egypten erinnert er sich des Gewinnuels der»amenlose» Hausen, die den Göttern auf Königsthronen schivitzend die Pyramiden auslhürmeu mußten. Und er meint,— das»var im Dezember 1870: „Wieder müh'n sich alle Schichten Pyramiden aufzurichten; Siröme Btntes mit Tedenm; Thränenflutke», Seufzer, Wimmern Sagen,»vie die Menschen zimmern Des Gollköuigs Mausoleum." Das Erivachen aus einem Trauin, sein bisheriger Lebens- irrlhm», das Ausleben seines eininenl sozial-kritischen Geistes, die Höhe männlicher Schaffenskraft, die um das vierzigste Lebensjahr herum erreicht zu»verde» pflegt, diese Momente trafen zusammen, nni die beiden dramatischen Dichtungen entstehen zu lassen, die im poetisch- künstlerischen Sinn das Tiefste sind,»vas Ibsen zu erreichen möglich war. Es ist das„Brand" und„Peer Gynt". Sie sind für die skandinavischen Lande der theuerste Besitz aus der Gegenivart. Sie sind Volksbücher und Kullurelenienl in des Wortes»»»»»sassendem Sinne geivorden. In ihren geflügelten Worten und Sinnsprüchen denkt»»an,»vie»vir i» den Worten unserer Klassiker denken. Das sozial-kritische Genie Ibsens beobachtet darin den»ntionale» Charakter, die nationale» Zustände und dennoch ist das dichterische Gestaltungsvermögen so stark, daß die Typen in i» ihrem Menschlichen und Allzuiiienschlichei» von aller Welt, begriffen»verde»» könne», soivie in den» spanischen Ritter Do» Quixote eine Seile aller Menschlichkeit«ingeschlossen ist. Das ist Peer Gynt besonders, der Typus des Rorivcgcrlhunrs, das unserem Dichter so viel Enttäuschungen bereitet hat. Stets ist Peer Gynt sich selber genug, nie er selber. Kann» einer, der sich besser belügen kau»,»vie er, und sich an seinen eigenen Phantasie»» berauscht. Man möchte meinen, er köi»nte es niit siebe» dösen Gelslern auf einmal mlsnehinei», aber allen widrigen Kämpfen »veichl er aus. Er gehl um das Haus hernin, anstatt es gerade zu durchschreite», sagt Henrik Jäger sehr bezeichnend. Er kann senli- »ucnlal sein bis zur Thränenseligkei» und ist dennoch ein flacher Scldstling.— Wer von uns allen kennt unter feinen Bekannten niit dcnlscheu» Namen,»»it blondem Haar und blauen Angen nicht Menschen, aus die Peer Gyut'S Porirailskizze überraschend paßte l (Schluß folgt.) Mleine,? Isemliekou. — DaS noble Geschenk eines Geizhalses. Von einen» in der Londoner City»vohldekannten Großkausinan», dessen Knauserei in bezng aus Geschenke, die er zu machen gezimingei» ist, schon hänsig bespöttelt»vurde, erzählt man sich neuerdings ei» nettes Geschichlchen. Besagter Herr befand sich vor kurzem»vieder einmal in der für ihn recht unbehaglichen Lage, einem inlinien Bekannten eine Anfmcrk- samkeit zi» eriveisen. Bei einem Geschästsfreunde. der ihm ebci» erst einen großen Dienst geleistet hatte, sollte ein»vichtiges Familien- ereigniß geseiert»verde», und Mr. Miser fühlte die moralische Ver- pflichtnug, diesmal»virklich elivas tiefer in die Tasche zu greifen und ein anständiges Geschenk zu beschaffe». Als ihm die Sache schon viel Kopszerbrechen verursacht halte, kam er endlich durch einen Zufall darauf,»vie er ein überaus nobles Präsent machen könne, ohne seinem Herze» eine»» allzu empfind- liche» Stoß versetze» zu müsse». In der Absicht, sich«tivas an- zusehe», was er eventuell kaufen könnte, botrat er eiiieS Vormittags das Geschäft eines Kunsthändlers in Regentstreet. Der Man» schien eben großen Aerger gehabt zu haben, und es dauerte auch nicht lauge, da erzählte er seinem ziemlich unschlüssig umherblickenden Kunden, daß vor»venigen Minuten auf ganz unerklärliche Weis? eine»verlhvolle Statue herabgefallen sei und in uiindestens SO Stücke zerbrochen»väre. Dabei»vies er auf einen Haufen Trümmer in einer Ecke. In Mr. Miser's Älugen leuchtete es auf.„Was»vollen Sie für die Scherben haben?" fragte er hastig. Der Händler sah ihn erstaunt a».„Nun, als Statue»var das Ding Iö0Lstrl.(3800 M.) »Verth, jetzt natürlich wäre ich froh,»venu ich die Siücke, die sich schließ- lich»vohl noch zusammensetze» ließe», für 30 Shilling los ivürde," meinte er dann zögernd.„Gm, Sie solle» die Summe habe»," rief der Käufer und zahlte das Geld sofort ans den Tisch. Dann bezeichnete er die Adresse, an die die zerbrochene Statue mit seiner Visitenkarte geschickt werden sollte, und ging heimlich vor sich hinlachend mit leichleren» Herzen als er gekommen»var seiner Wege. Sein Freund — dachte er bei sich— ivürde selbstverständlich überzeugt sein, daß die prachtvolle Figur, deren Kunstwerlh sich an den zerbrochenen Stücken noch sehr gut erkenne» ließ, beim Transport enlziveigegangei» sei. Wie groß»var jedoch Mr. Miser's Ueberraschung und Verdruß, als er nach zivei Tagen ein kurzes, aber an Deutlichkeit nichts zu iviinschen übrig lassendes Briefchcn erhielt, in den» es hieß:„Lieber M....— ich bestätige hiermit de» Empfang Deines kostbarm Geschenkes und sage Dir meinen besten Dank. Weshalb hast Du Dir aber nur die Mühe gegeben, jedes Stück der herrliche» Statue besonders einzuivickeln?--" Literarisches. — Die Gesannntsumiue der von der S ch i l l e r- S t i f t u n g im Jahre 1897 geivährlen Verivilligungen erreichte im ganzen de»» Betrag von 4S 250 M. Davon entfielen auf lebenslängliche Pensionen 13 600 M., ans vorübergehende(auf ei» oder mehrere Jahre beivilligte) Pensionen 23 825 M., einmalige B e r w i l l i g u n g e n 7025 M.— Theater. — Die Gäste vom Londoner Lyce» in-Theater haben Shakespeare's„M a c b e t h" als Abschiedsvorstellung geivählt; deutlicher»och, als an de» vorhergehenden Abenden, konnte nian erkennen,»vorin die Stärke der englischen Schauspieler besteht. Nicht das Genie des Einzelnen macht es. sondern ausdauernde Kunst- arbeit und der große Werth, der der äußeren Szenerie als be- dentendem Kunstmittel beigelegt»vird. Hier»valtet sicherlich Knnst» gcschuiack, mit feinem Takt gepaart. Was das auf der Bühne zu sagen hat,»vird ein Beispiel sofort klar mache». Macbeth kommt. Die drei Hexen stehen da an einen Felsen gelehnt. In ihren grau- schiminernde» Geiväudern, in ihrer starren Unbeiveglichkeit sehe» sie aus, als»väre» sie mit dem verivitternden Gestein verivachsen, als »väre» sie selber phantastische Felsgebilde, ein Stück jener unheim- lichen Natur, i» die Macbeth«iulritt. Das giebt Stimmungen, die »vir allerdings auf unserem Theater nur äußerst selten erreicht sehen; und der Grund ist auch klar. Das englische Theater besitzt nur eine»lud die andere Bi'chne, die ernst zu nehmen ist. Alles übrige ist den» Spektakel verfalle». Die»virkliche Bühnenknnft braucht darum nicht der tödtlichen Konknrrenzjagd zu verfallen, in die»vir geralhen sind. Wenn das Lycenm-Thealer ein Shakespeare- Drama»ifzenirt. so weiß es: Dieser Neu-Aussührung ist in der Regel eine langc Reihe von Wiederholungen gesichert. Eine »vidersinnig lächerliche Novilälenhetze i» unserem Sinne giebt es nicht. Man kann also seine Kräfte konzentrire». Geniale Schau- spieler lassen sich nicht aus der Erde stampfe»; aber mit feiner, auf- uierksamer Knnstarbeit erreicht man am Ende auch viel. Es»vird da unermüdlich geprobt. Aufs minutiöseste»verde» Dekorationen, Ausstattung, Requisiten beschafft. Hier geht keine Lüderlichkeit durch. Stellungen, Gruppe»»verde»»»»»»»er aufs neue angeordnet, bis die befriedigende bildliche Wirkung erreicht»vird. In der Ar- beit also liegt das Verdienst unserer englischen Gäste, nicht an dem Genie des Herr»» Robertson oder fder Frau Campbell; bei aller Hochachtung vor der ergreifenden Studie der Frau Campbell als nachlivandelnde Lady Macbeth.——5. — Theater-Erinnerungen von 1348»verde» in der „Nat. Ztg." veröffentlicht. Ende Febrnar 1343 erließ der General- inlendanl der königlichen Schauspiele in Berlin, von Küstner, eine Theaterverordnung, daß in der Gegenivart gekrönter Häupter auf der Bühne stets der Hut abgenommen»verde»»»nüsse. Er halte nämlich von Friedrich Wilhelm IV. eine» Vcrweis erhalten, der ii» der Aufführung des Trauerspiels von Karl Werder„Colinnbus" mißfällig bemerkt hatte, daß einige Choristen in Gegenivart des Königs von Spanien den Hut ans den» Kopfe behalten hatten. Aber i» den königlichen Schauspieler» halte»» die Ereignisse ii» Paris auch schon ein Echo geivcckt. In der Vorstellung des„Don Carlos" nah»» Mauer als Gras Lerina vor König Philipp trötzdem de» Hut nicht ab und sagte Herr» von Küstner auf seine Mahnung, er habe unter Jffland»»id dein Grafen Brühl nie den Hut abgenommen und brauche dies auch nicht in der Rolle des Obersten der königlichen Leibivache. Im Anfang März»vurde der Besuch der königlichen Theater täglich schivächer. Au» 15. März hörte man in» Schauspielhause von der Brüderstraße her Schüsse falle», und alsbald verließ die Hälfte der Slüivesenden das Theater. Am 17. März traf von den» Polizei- Präsidium der Befehl ein, säinmtliche Waffen der königlichen Theater fortzuschaffen. An» 19. März las man ai» den Thülen des Schau- spielhauses die Kreide-Jnschrift:„Heute»vird nicht gespielt"; am 20. März riß man die Theaterzettel ab, und am 21. März gab mmi im Schnuspielhanse„Nathan der Weise", im Opernhause führte man Mozart's„Ziequiem" zum Besten der Verwundeten und der WiUive» und Waisen der im Kampfe Gefallenen auf. Von de» Theaterzetteln verschwanden fortan die Titel Madame und Made- moiselle, an ihre Stelle traten Frau und Fräulein. In der Vor- stell»ng des„Nathan" trugen am Abend des 21. März alle Künstler schwarz-rolh-goldene Bänder und Kokarden. Als„Die Herzogin" von I. L. Klein einstudirt wurde, erschien der Verfasser, ein ge- boreuer Ungar, mit Schleppsäbel und schwarz-roth-goldener Schärpe ans der Probe. Aber das Theater zog nicht mehr. Die Einnahmen deckten nur selten die Tageskosten, Sonntags konnte man nur in einem Hanse spielen. Selbst bei Dönng's Wiederauftreten nach achtwöchcntlicher ZIbwesenheit hatte das Schauspielhaus nur IS Thnler Einnahme, am 10. Mai sogar nur 14 Thaler.— Aus der Pflanzenwelt. — Heilpflanzen gegen Schlangengift. Daß manchen Naturvölkern, ebenso wie den Schlangenbeschwörern Indiens, pflanzliche Mittel gegen den Schlangenbiß bekannt sind, die seine verderbliche Wirkung, sei es durch Anflegen ans die Bißstelle, sei es durch innerliche Einverleibung, mildern oder ganz ausheben, ist sehr wahrscheinlich, wenn es mich den Bemühungen der Wissenschaft bisher noch nicht gelungen ist, ein solches zu entdecken. Auch Thiereu, insbesondere Affen, schreibt man Keuntuiß von Kräutern z», deren Genuß Schlangengift uu- schädlich macht. Werden diese Thiere einmal von einer giftigen Schlange gebissen, so sollen sie schleunigst jene schützenden Pflanzen aussuchen und werden durch ihren Genuß gerettet, gehen dagegen elend zu gründe, wen» sich in der Oertlichkeit die be- treffenden Kräuter nicht finden. Die Annahme, daß manchen Pflanzen eine Schutzwirkung gegen das. Gift der Schlangen innewohur, findet liittl eine merkwürdige Bestätigung durch neuere Versuche von Dr. Phisalix, einem französischen Forscher, der in den letzten Jahren mehrfach Studien über die Natur des Schlangengiftes ge- macht hat. Er fand zunächst, daß Gallenfett(CKoiestcarin), das sich in der Galle und den Nerven, dem Blute der höheren Thiere, dem Eigelb u. f. w. findet, eine bemerkenswerlhe Schutzwirkung gegen- über dem Schlangengift entfaltet. Und dieselbe Wirkung hat auch das pflanzliche Cholesteariu, das von Armand in der Mohrrübe entdeckt worden ist, und das auch im Getreide und in jungem Pflanzengrün vorkommt. Auch in den Säften anderer Pflanzen ge- laug Phisalix der Nachweis von Stoffen mit ähnlichen Kräften. Das Tyrosin z. B. ist ein Stoff, der sich namentlich in altem Käse (daher der Name, denn Tyros heißt auf griechisch 5käse), aber auch im Pflanzenreich, z.B. in der Melaffe, und namentlich in den Knollen der Georginen(Dahlia) und in einem Pilz, dem schwarzen Täubling, findet. Nach Phisalix kann nun Thiere», die mit einer Aufschwemmung von Tyrosin in Wasser geimpft sind, nach 24 bis 43 Stunden eine Menge Schlaugengift eiugespritzl werden, die für Kontrollthiere schon»ach 5—6 Stunden tödtlich wirkt, ohne daß die geimpfte» die allgemeinen Semizeiche» einer Vergiftung bemerke» lassen. 5 Milligramm Tyrosin geüngcu, um «in Meerschweinchen gegen Schlangengist zu feien, doch ist die Giftfestigkeit und ihre Daner mehr oder weniger von der Größe der Gabe abhängig. Im allgemeinen ist mit 10—20 Milligramm schon nach 24 Stunden eine ausgesprochene Immunität zu erreichen, die 2S Tage anhalten kann. Gleichzeitig mit dein Schlangengift an einer anderen Körperstelle eingespritzt, vermag das Tyrosin den Tod wohl mehrere Stunden zurückzuhalten, doch ist es nicht im stände, ihn abzuwehren. Es ist also kein echtes Gegengift, auch nicht im chemischen Sinne, denn mit Tyrosin gemischtes Schlangengist behält seine gefährliche Wirkung. Trotzdem muß aber das Tyrosin als ein neuer chemischer Schutzstoff gegen Schlnugengist gellen, und was das wichtigste ist, auch der Saft der Pflanzen, z. B. der Georginenknolle», die Tyrosin enthalten, bringt die Schutzwirkung zu stände. Ein bis zwei Knbikzentimeter des frisch ausgepreßten Saftes einer Georginenknolle genügen, um ein Meerschweinchen gegen eine sonst lödtliche Menge von Schlangengist zu schützen. Verschiedenes spricht nach Phisalix noch dafür, daß auch das Tyrosin nicht der einzige Stoff ist, welchem im Georgiuensaft die schützende Kraft innewohnt, sondern daß die Gcorginenknolle aller Wahrscheinlichkeit nach außerdem noch Stoffe enthält, die allein stärker sind, als Tyrosin. Immerhin ist aber die Thatsache außer- ordentlich interessant und wichtig, daß diese Versuchsergebnisse Phisalix' das erste bekannte Beispiel dafür liefern, daß gewissen Pflanzensästen eine Schutzkrast gegen Schlangenbiß innewohnt.— („Tägl. Rundsch.") Geologisches. — Erdbeben-Beobachtungen. Durch einen Erlaß des niederösterreichischen Landesschulrathes vom 13. Januar d. I. wurden sämmtliche Lehrpersonen zu Beobachtungen über Erb- beben aufgefordert. Angeregt durch die in den letzten Jahren auf- getretenen Naturereignisse, insbesondere durch die Erdbebenkatastrophe von Laibach im Jahre 1395, hat die mathematisch-naturwissenschaft- liche Klasse der Akademie der Wissenschaften eine ständige Kommission aus Fachgelehrten eingesetzt, welche mit der Aufgabe betraut wurde, in den österreichischen Ländern ein intensiveres Studium der Erd- beben-Erscheinungen anzubahnen. Diese akademische Kommission hat durch eine Organisation von Erdbeben-Stationen bereits wesentliche Erfolge erzielt und strebt mm die Erweiterung und Verdichtung des Beobachtungsnetzes an. Der Unterrichtsminister hat durch einen Erlaß vom 29. November 1337 angeordnet, die Lehrerschaft an den Volks- und Bürgerschulen von der Errichtung der Erdbeben- Stationen zu verständigen und zur regen Mitwirkung au diesem Unternehmen anzueifern. � Hunioristisches. — Der verhexte Wald. Aus der Lahngegend wird be- richtet: In dem Orte W. hat sich die Sage erhaiten, daß in früheren Zeiten in einem Prozeß mit der Gemeinde N. wegen des Eigenthumsrechts an einem großen Waldkomplex ein Ortseinwohner einen falschen Eid geleistet habe, und der Wald infolge dessen zu Unrecht der Gemeinde als Eigenthum zugesprochen worden sei. Seit jener Zeit soll nun der Geist des Meineidigen, der keine Ruhe finde» könne, in diesem Walde Hansen und von Zeit zu Zeit feinen Spuk treiben. Namentlich in der letzten Zeit hatte sich der Geist, wie viele Einwohner auf dem Nachhauseweg in später Abendstunde beobachtet hatten, wieder sehr bemcrtlich gemacht, indem er an verschiedenen Stelleu des Waldes in feuriger Gestalt Umgang hielt. Der ganze Ort kam in große Anfregung und es wagte kaum mehr jemand des Abends allein den Wald zn passire». Das Wirthshans- gespräch drehte sich fast ansschließlich um den bösen Geist und es wurde hin und her beratheu, wie demselben beizukommen sei. Man beschloß, eine Depnlation an den Herrn Pfarrer zu senden und mit diesem zu berathe», wie der Geist zn bannen sei. Der Beschluß wurde ausgeführt und der Herr Pfarrer sagle seine Hilfe zur Ver- treibung des Geistes zu. Etwa 20 entschlossene muthige Bürger versannnelten sich eines Abends in einer bestimmteu Wirlhschaft und diese zogen dann, mit dem Herrn Pfarrer und dem Herrn Lehrer an der Spitze, bewaffnet dem Walde zu. Es dauerte auch aar nicht lauge, so sahen sie au einer entfernten Stelle des Waldes Feuerschein sich hin und her bewegen; der Geist ging also in der That wieder gliibend um. Mulbig ging's voran, und als man in die Nähe des Geistes kam, war man nicht wenig erstaunt, zu sehen, daß dieser nicht mehr umherirrte, sondern au einer und derselben Stelle feurig wie gebamit verblieb. Mit Hurrah nahmen 4>ie Beherzte» den feurigen Punkt ein. und was zeigte sich ihnen? Einige noch brennende Pechfackelu, die am Verglühen waren, lagen zu- saiiimengeivorfeil da! Es trat nun Todesstille ein, und dadurch konnten die beherzlen Männer in der Ferne im Walde noch das Rascheln des dürren Laubes vernehmen. Es halte» sich einige halb- wüchsige Biirfchen von W. ziisammeiigefuude» und heimlich diesen Spuk getrieben, bis sie au jenem Abend gestört wurden und schleunigst davonliefen.— Vermischtes vom Tage. — In Magdeburg t ödte te ein 22 jähriger Schneider seine Frau, von der er getrennt lebte, und dann sich selbst mit Revolverschüssen.— — Am Sonntag wurde in der Pfarrei zn Goczalkowitz (Kreis Pleß) ein Raubmord verübt. Die Köchin wurde schwer ver- mundet, eine größere Geldsumme entwendet.— — In Breslau wurde ein Zahntechniker wegen fahrlässiger Tödtmig z» sechs Monate» Gesüngniß ver- urtheilt. Er hatte eine Patientin ohne Hinzuziehung eines Arztes narkotisirl. und diese war während der Starkose gestorben.— — Freilag Nacht sind in W i l k o iv y(Schlesien) von einer Familie zwei Personen erstickt; zwei desiudeil sich noch in Lebensgefahr.— — In Paris hatte die Polizei den Tod eines Greises fest- znstelleu. der scheinbar in bitterster Armuth gelebt und oft von den durchaus nicht reichen Nachbarn dankbar Unterstützungen an- genommen halte. Der Greis war aus Hunger und Eiitbcdrnuge» hilflos und verlassen in seiner elenden Kammer gestorben. Bei der Durchsnchuug fand der Beamte einen kleinen Koffer mit 300 000 Fr. in gnleu Werthpapiere»!— — Der Lenchtthurm am Hafeueingang von S y r a ist am Montag vom Sturm zerstört worden.— c. e. In Barcelona fand bei dem Brand einer Petra» l e n m- N i e d e r l a g e eine Wiltwe mit ihren drei Kindern den Tod.— — Ein Riese ngeschäst. Das eben jetzt in eine Aktien- gesellschast verwandelte Thee- und Delikatessengeschäft L i p l o n in London besitzt 2ö0 Zweiggeschäfte in England, 3000 Slgeiitnren in 36 Staaten, eigene Ceyloner Theeplanlägen und eine Transport- flotte. Lipton's Zollrechuniig für Thee-Jmport beträgt an manchen Wochen in England allein 50 000 Psimd.— — New-Jork. d. h. das jetzige Groß-New-Nork, hat im letzte» Jahre über 14 Millionen Mark siir feine Feuerwehr bezahlt, viermal so viel wie London. Der Lohn eines New-Iorker Feuer- tvehrmannes ist etwa doppelt so hoch wie der eines Londoner. Bei einer New-Iorker Fenersbriinst werden durchschnittlich 19 000 Gallonen Wasser verwandt, gegen 10 000 in London. Das ist sehr erklärlich, da die Häuser New-Iorks durchschnittlich viel höher und größer sind, als die in London.— Verantwortlicher Redakteur; August Jacobcy in Berlin. Druck mid Vertag von Max Bading tu Berlin.