Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 55. Freitag, deu 18. März. 1898. (Nachdruck verboten.) M]|BUtt häuslichen Heed. Nomon von Iwan Franko. „Er behauptete aber, daß er Sie kenne/ rief der Haupt- wann. „Ich weiß nicht, was ihm eingefallen ist/ antwortete Julie leise und mit gesenktem Blick. „Redlich lügt nicht!' sagte der Hauptmann streng. „Das Lügen ist auch nicht meine Gewohnheit/ erwiderte etwas schnippisch Julie. „Was also bedeutet das alles? Welches Räthsel!?' „Vielleicht hat Herr Redlich mich für eine andere Person gehalten, die ihn möglicherweise beleidigt hat/ sagte Julie dreister. „Hm, das kann wohl sein/ gab der Hauptmann nach- denklich zu.„Er ist kurzsichtig und solche Qni-pro-quo's pflegen ihm zu begegnen. Daß er sich aber soweit vergißt und mir in meinem eigenen Hause einen solchen Affront authut, das hätte ich von ihm nie erwartet!" Schweigend beendete man das Mahl. Es schien, als ob Rcdlich's Erscheinen und sein kurzer Aufenthalt in diesem Zimmer die hier herrschende Atmosphäre ganz verändert hätte. Frische, Heiterkeit und Ungezwungenheit verschwanden vollends. Alle saßen stumm, niedergeschlagen und traurig da. Sogar die Kinder wurden traurig und verloren den Appetit. Der Hauptmann kostete nicht einmal von seiner Lieblings- Mehl- speise, nur Angela verzehrte ihre Portion, Xund Julie, die das sah, fühlte sich auch gczivungen, ein wenig zu essen, doch that sie es mit der größten Anstrengung. Schwarzen Kaffee wollte niemand haben, und von dem Plauderstündchen, das dem Hauptmann vor dem Mittagessen so verlockend schien, und das er mit Anekdoten und lustigen Begebenheiten aus seinem bosnischen Leben würzen wollte, um Angela zu erheitern, war keine Rede mehr. Alle saßen in einer Stimmung da, als hätte so- eben die liebste Person ihren Kreis verlassen. Gleich nach dem Essen ging Julie fort, sich vom Haupt- mann kühl verabschiedend und von ihm nicht mehr zurück- gehalten. Beim Weggehen flüsterte sie noch unbemerkt Angela einige Worte ins Ohr. Der Hauptmann empfahl Angela, ins Schlafzimmer zu geheil und dort etwas zu ruhen, und er- -klärte, im Salon auch ein wenig ans dem Sopha ausruhen zu wollen. Die Kinder gingen zur Schule. VII. Als der Hauptmann gegen 4 Uhr nachmittags seine Woh- nnng verließ, warf er einen Blick in sein Inneres und erschrak selbst vor der großen Veränderung, die.seit gestern mit ihm vorgegangen war. War er doch erst gestern, nach jahrelanger Abwesenheit an seineu häuslichen Herd zurückgekehrt, und gestern dünkte er ihn ein Paradies, beranschle ihn mit unsag- barem Glück, enthüllte vor seiner Seele weite unfaßbare Horizonte von Glück, Liebe und Lust! Und nun?! Mit tiefer Beschämung mußte er sich gestehen, daß er mit einem Gefühl der Erleichterung ans diesem Hause, das sein Paradies und sein Glück enthielt, ans die Straße trat. „Wie schlecht, elend und undankbar bin ich!" kanzelte er sich selbst herunter.„Was ist denn eigentlich geschehen? Was hat sich in meinem Hause geändert, daß es mir plötzlich als ein dumpfes Gefängniß erscheint? Ist wirklich nichts ge- schehen, hat sich nichts geändert, gar nichts? Angela's nervöse Anfälle sind wohl eine unangenehme Sache, aber doch nichts Schreckliches. Sie sieht doch blühend ans und hat einen ausgezeichneten Appetit. Der dumme Auftritt mit Redlich? Nun, mit ihm muß ich Rücksprache nehmen, er muß mir Aufklärung geben. Vielleicht hat er mit dieser Wittwe eine Rechnung auszugleichen, denn augenscheiillich lügt sie, wenn sie behauptet, daß sie ihn nicht kennt. Aber was hat das alles mit mir und mit meinem Glücke zu schaffen? Und dennoch!..." Und wieder seufzte der Hauptmann tief auf; er fühlte, daß seine Brust etwas Schweres bedrücke, gleichsam die brutalen Füße eines unsichtbaren Feindes, der ihn unerwartet zur Erde ge- warfen und ihn nun vollends demüthigen wollte. Beim Ausgehen hatte der Hauptmann seiner Frau gesagt, er gehe jetzt ins Generalkommando und werde bald wieder nach Hause kommen. Er sagte nichts davon, daß er das Gesuch einreichen wolle, denn er wollte nicht ausdrücklich lügen, doch fühlte er, daß Angela diese Ueberzeugnng hatte und daß er, indem er sie in dieser Ueberzeugnng ließ, wenn auch nicht offenbar, so doch mit Absicht nud Bedacht log. Als er, ans dem Hause trat, wandte er beinahe unwillkürlich seine Schritte nach der ent- gegengesetzten Seite und die Bäckergaffe hinauf in der Richtung des Friedhofs. Die Straße ivar beinahe leer, nur hier und da gingen Passanten das Trottoir entlang, und einige Mägde mit Wasserkannen passirten im Schnee watend die Straße. Der Hauptmann ging, ohne sich aufzuhalten, in seine Gedanken vertieft, immer weiter und blickte vor sich hin, ohne etivas zu sehen. Der düstere, mit bleischweren Wolken bedeckte Himmel, der gegen Abend feine, glitzernde Schneeflöckcheu zur Erde herabsandte, die kühle Luft, die die Menschen ans der Straße erschauern und sie eilends einen warmen Winkel suchen ließ, die reizlose Aussicht auf die lauge, beinahe leere Straße, die in den Friedhof mündete, der oben am Hügel lag und zu dieser Stunde beinahe voll- ständig in Abeuddunkel getaucht war, die ganze traurige, düstere und graue Umgebung wirkte niederdrückend auf des Hauptmanns Gemüth und versenkte ihn immer tiefer in eine melancholische Stimmung. „Ich fühle mich heute nicht mehr so glücklich als gestern/ überlegte er wieder. „Ich kenne nicht die Ursache, doch fühle ich genau, daß es so ist, daß ein böser Dämon über unserm Hause schwebt, daß es irgendwo schmerzliche Stellen giebt, deren bloße Berührung alles Glück und alle Freude, jede Harmonie und jede Helligkeit vernichtet. Was für schmerzliche Stellen das sind, wo sie sich befinden, wie sie entstanden und wie mau sie heilen könnte, das ist mir absolut unbekannt. Sie kommen zum Vorschein, wenn nrnii sie am wenigsten erwarten würde. Schon die Ungewißheit,, dieses Herumtappen im Dunkeln, quält mich, quält Angela, und gestaltet unser glückliches Zusammenleben zu einem nnglttcklichen. Und doch habe ,ch die Empfindung, daß zur Entdeckung des Geheimnisses, zur Aufklärung des Zustandes Angela selbst nichts thun will, oder nichts thun kann.— Wird überhaupt wirklich etwas vor mir geheim gehalten, oder ist nur meine eigene Ungeschicklichkeit Schuld daran? Fünf Jahre zigeuuer- hasten Lagerlebens könnten mich wohl entwöhnt haben vom Zusammenleben mit fein-organisirten, zartfühlenden und empfindlichen Naturen, wie Angela eine ist. Vielleicht habe ich sie in mancher Hinsicht ganz unbewußt und unwillkürlich be- leidigt! Ist das aber hinreichend, um die sonderbare Disharmonie, die ganze nervöse Gespanntheit, die sich in unser Verhältniß hineinzustehlen beginnt, zu erklären? Weiß sie es doch, daß ich sie liebe, und wie sehr ich sie liebe! Und auch sie liebt mich, liebt unsere Kinder, und so eine Liebe ver- zeiht doch und vergißt so manches. Nein, es muß doch etwas dahinter stecken! Aber was? Wäre es möglich, daß Angela ein Geheimniß vor mir verbirgt? Sollte der nervöse Anfall Angela's während meiner Erzählung vom Baron seinen Grund etwa im Bewußtsein einer häßlichen Geschichte haben, die der Baron niir hätte entdecken können, wäre sein Selbstmord nicht dazwischen gekommen? Das wäre schrecklich! Aber nein, ihre Freude bei meiner Ankunft, die Ruhe und Heiterkeit des Gemüthes. die sie gestern zeigte, und daS Bewußtsein einer so schlechten That, daß die bloße Möglich- keit einer Entdeckung einen nervösen Anfall Hervorries— diese Zusammenstellung war zu ungeheuerlich, zu unwahr- schcinlich!".„• s. j.» Sein Gedankenlauf wurde von einem kleinen, durchaus nicht iingewöhnlichen Zufall unterbrochen. Vor einem großen Hausthore war der Schnee auf der Straße stark ausgetreten, die Dienstboten hatten beim Wassertragen den Schnee ganz mit Waffer begossen, so daß das Trottoir an dieser Stelle von einer spiegelgatten Eiskruste bedeckt war. Auf diese Weise war auf der glatten Straße eine gefährliche Maschine entstanden, die in der Mechanik unter dem Namen„schiefe Ebene" bekannt, in der Praxis die Bezeichnung„Lemberger Halsbrecher' ver- dient. Es besteht zwar die Vorschrift, solche halsbrecherische Stellen mit Sand, Asche oder ähnlichen Dingen zu bestreuen, dergleichen Vorschriften werden jedoch nnr in der inneren Stadt ausgeführt, verlieren aber im Verhältniß zur größeren Entfernung an der Peripherie ihre Geltung, und in der Bäcker- gaffe werden sie erst dann beachtet, wenn eine der Personen, die dieser verrätherischen Stelle zum Opfer gefallen, eine energische, unbeugsame Natur besitzt und an die Polizei appellirt, oder wenn eines der Opfer so schwer beschädigt wurde, daß ein Skandal und Lärm auf der ganzen Straße entsteht, und die Polizei nicht mehr schweigend darüber hinwegsehen kann. Der Hauptmann näherte sich soeben der Stelle niit dem Glatteis vor dem Thore. Er war noch etwa zwanzig Schritt davon entfernt, als sein Blick auf einen alten gebückten Mann fiel, der in einem alten schäbigen Pelzrock stak, eine Bären- mütze mit Ohrlappen trug und, sich auf einen Stock stützend, von der entgegengesetzten Seite auf eben diese Stelle zuschritt. Kaum hatte er jedoch einen Schritt auf dem Eise gemacht, als der Stock ausglitt, der alte Wiann das Gleichgewicht verlor und mit dem Gesichte gegen das Trottoir fiel. „O Gott!" rief der Unglückliche und blieb sodann stumm und bewegungslos auf der Straße liegen. Der Hauptmann war schnurstracks zu ihm geeilt, um ihm aufzuhelfen, doch der Greis rührte sich nicht. Er hob seinen Kopf in die Höhe. Gesicht, Schnurrbart und Bart des alten Mannes waren mit Blut bespritzt, das ihm aus Nase und Wange sickerte. Auf der Wange war eine tiefe Wunde zu sehen, die ihm von einem kleinen spitzen Steine, der auf dem Glatteise lag, zugefügt worden. Der Greis gab kein Lebenszeichen von sich. Auf der Straße war niemand zu sehen. Als der Hauptmann bemerkte, daß der Alte ohn- mächtig war, legte er ihn auf den Schnee, näherte sich darauf dem Hausthore und zog heftig die Klingel. Auf das Geläute erschien der Hausmeister, die Hausmeisterin, noch einige Frauen und auch ein Herr. Der Hauptmann trachtete den Ohnmächtigen zu sich zu bringen, einer von den Anwesenden eilte nach einem Polizeimann, die übrigen standen unthätig um den Haupt- mann und den Ohnmächtigen, schauten seinen Bemühungen zu und drückten mit Ach's und Oh's eher Verwunderung als Mit- gefühl aus. „Was stehst Du da'und gaffst. Du Lümmel?" schrie der Hauptmann den Hausmeister an.„Hilf mir doch wenigstens, den Unglücklichen zum Leben zu erwecken, der durch Deine Schuld den Tod davontragen kann!" „Durch meine Schuld?• antwortete entrüstet der Haus- meister. „Gewiß! Deine Pflicht war es, das Glatteis hier mit Sand zu bestreuen." Der Hausmeister leistete unwillig, aber sichtlich erschrocken dem Hauptmann die verlangte Hilfe. Endlich, nach einigen Minuten starken ReibenS und Schüttelns erwachte der Alte aus der Ohnmacht. (Fortsetzimg folgt) Dks Leben in Men-Nnlevonien. Im„Figaro" berichtet Emile Berr über«ine Unterredung, die er mit dein soeben aus Neu- Kaledonien zurückgekehrten Anarchisten C y v o c t gehabt. Cyvoet verbrachte sein« Strafzeit aus der Insel Nou. Die vier» bis sünftausend Sträflinge der„Xouvelle"(Cale- donie) zerfalle» in. zwei große Kategorie»: die ein«, die vier Fünfte! der Gesammtzahl umfaßt, wird auswärts in den Bergiverkeii oder bei de» Straßenbaute» verwendet, die andere bleibt auf der Jusel Nou, wo sie auf drei Lager, Camp Central, Camp Est und Camp Nord vertheilt ist. Im Zentrallager befinden sich die Werkstätten, daL Hospital und das Gefängniß. Im Osllager befinden fich die kränkelnden und die Kunstarbeiter, die für die kleine Flotte arbeite», und ii» Nordlager etwa vierzig Häftlinge, die für den Maisanbau und die Viehzucht verwendet werde». Cyvoct verbrachte den größten Theil seiner Strafe i» den Werkstätte». Die einzige Zerstreuung, die ihm geboten wurde, bestand in den Briese» der Seinige». Die „bagnards" dürfen keine Zeitungen lesen, und nur hier und da steckte ein Aufseher ihm ein Blatt, das sich mit ihm befaßte, zu. Die Bibliothek weist einige uralte Bücher, Allanten und wissen- schaftliche Werke auf, wie die„Revolution du Globe" vo» Cuvier. Das Lebe» im Bagno ist lange nicht so angenehm, wie die Zuchthäusler es sich vorstellen. Aus der Entfernung nehme» sich die Hütten recht sauber aus, in diesen selbst herrscht aber die größte Uureinlichkeit. Jede der Hütten nimmt fünfzig Insassen auf und enthält nur kleine Bretter an den Wänden, auf die das Brot gelegt wird, die Hängematten und zwei Kübel, deren einer schlechtes Trink- wasser enthalt. Der Regen dringt zumeist in die Hütte», und die mangelhaft gekleideten Sträflinge frieren in den kühle» Nächten. Die Kleidung ist eine furchtbare: der Kittel und die Hose aus Leinwand, die der Sträfling beim Eintreffen erhält, sind bald nur Fetzen, und die Schuhe fallen von den Füßen, so daß viele Sträf- linge barfuß gehen. Sie leben in einem ekelerregenden Schmutz, und so manche haben sich seit Jahren nicht mehr gewaschen. Im Meer zu baden, ist verboten, und das Brunnenwasser wird so spärlich vertheilt, daß es geradezu unmöglich ist, die Wäsche zu waschen. Die Nahrung spottet einfach allen Vorstellungen: die Sträflinge bilden drei Klaffen; der erste» gehören die befferen Elemente an, die schon die Hälfte ihrer Strafe oder, falls sie zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt worden sind, zehn Jahre verbüßt haben; der zweiten Klaffe gehören die besseren Elemente an,' die mindestens zwei Jahre in Neu-Kaledonien sind. Jeder Sträfling dieser beiden Klassen erhält täglich 200 Gramm Rindfleisch. Die dritte Klasse, der die ans Frankreich eingetroffenen und die un- verbesserlichen Sträflinge angehören, erhält nur 150 Gramm Fleisch. Das Abendesse» besteht für alle aus einer Schüssel Reis oder Bohnen, die aber zumeist so schlecht zubereitet sind, daß die Sträflinge sich lieber hungrig zu Bette legen. Das Fleisch der kaledonischen Rinder schrumpft beim Kochen zusammen und wird den Sträflingen halb roh gereicht. Um sieben Uhr wird es an die verschiedenen Küchen verlheilt und um neun Uhr gegessen. Nur wenn das Meer stürmisch ist oder bei Wirbelwinden erhalten die Sträflinge genießbares Fleisch. An diesen Tagen treffen die Schiffe mit dem Proviant nickt ei», die Sträflinge erhalten Gemüse zum Frühstück und für den Abend wird eine Kuh geschlachtet. Die Sträflinge haben keinen Zehrpfennig, mit dem sie sich die Kost aufbessern können. Früher erhielten sie einen Lohn, der später durch Kaffee und Wein ersetzt wurde und jetzt ganz abgeschafft ist. Die„dagnards" habe» also nur das Geld, das sie stehlen. Der Kaffee, den Cyvoct zehn Jahre lang getrunken, besteht aus einem abscheulichen Gebräu, das mittels gerösteter Bohnen und Brodkrumen hergestellt und mit Staubzucker und Salz„gezuckert" wird. Der wirkliche Kaffee wird von den Köche» und deren Freunde» verzehrt. Cyvoct äußert seine Verwunderung darüber, daß die Verwaltung Sträflinge, die doch an Diebstahl und Raub gewöhnt sind, mit der Vertheilung der Nahrung betraut. Sogar die Arzneien werden von Sträflingen ausgegeben, so daß die armen Teufel, die kein Geld haben, nur noch abscheuliche Surrogate vo» Medikamenten erhalten. Das Hospital bleibt die einzige Zufluchtsstätte für die erschöpften Sträflinge und diese verstümmeln sich oft selbst, um nur einige Zeit dort verbringen und Kräfte sanunelu zu können. So sah Cyvoct, wie ein Sträfling sich selbst ein Bein mittels einer Hacke brach und wie vier andere sich«in Auge ausstechen ließen. Zum Schluß verweist Cyvoct auf die Lepragefahr, von der die Strafkolonie bedroht ist. Die schlecht genührten und im Schmutz lebenden Sträflinge werden davon leicht betroffen, in den Hospitälern dient die gleiche Pravazspritze für alle Kranken, die Belttücher werden in kaltem Wasser, das nnr alle acht Tage gewechselt wird, gewaschen. Und viele Sträflinge kehren nach Frankreich zurück. Obwohl die Lepra nicht ansteckend sein soll, hat Cyvoct doch einen damit behastelen Aufseher gekannt. Die Gefahr besteht also.— Elekkvisckze MnaHeitthelkcn. Dem Reichstage ist am 15. März der Entwurf eines Gesetzes, die elektrischen Maaßeinheiten betreffend, zugegangen. Der große Aufschwung der Elektrotechnik in den letzten Jahrzehnten sowie die damit verbundene umfangreiche Anwendung des elektrischen Stromes in der Industrie lasse» die gesetzlickze Festlegung dieser Einheiteil durchaus ivünschensiverth und zeilgemäß erscheinen, damit sich nicht etwa ein Znstand heransbildet, wie er in frühere» Zeiten auf dem Gebiete der Längen-, Rani»> und Geivichtsmaaße bestanden hat, wo bald nach preußischen, bald nach rheinischen, bald nach hessischen, bald nach Pariser oder eiiglisdien Fuß und Zoll gerechnet wurde und diese fünf verschiedene» Längen» maaße noch lange nicht die einzigen ivaren. UebrigenS hat sich in den Kreisen, die an der elektrischen Industrie iulerefsirt sind. sowie i» den wissensdiafilichen Kreisen die Nothwendigkeit einhcil- licher Maabbeftimmniigeu längst geltend gemacht, und die Einheilen. die jetzt gesetzlich fixirt werde» sollen, sino seit längerer Zeit bereits im Gebrauch. Schon im Jahre I8S4 tagte in Paris eine inter- nationale Elektriker-Konserenz, welche für die Praxis elektrische Ein- heilen einzuführen beschloß, die fich an das nietrisch« so» genannte absolute Maaßsystcm, das auf dem Cenlimeter. dem Gramm, der Sekunde als Einheiten für die Länge, die Masse, die Zeit beruht, anschlössen. Die hauptsächlichste» elektrischen Größen, welche zrniädist einer Definition bedürfen, sind die Stärke oder Intensität des elektrischen Stromes, die elektromotorische Kraft und der elektrische Widerstand, drei Größen, welche in der Weise mit einander verbunden sind, daß eine elektromotorische Kraft von bestimmter Größe in einem Leiter vo» bestimmtem Widerstand einen Strom vo» bestimmter Stromstärke hervorruft. Die Einheilen für diese Größen wurden zuerst von den berühmten Göltinger Gelehrten Gauß(1777— 1S55) und Weber(1804—1891) ans das absolute Maaßsystem zurückgeführt, die dadurch die Begründer des absoluten eleklro- magnetischen Maaßsystems geworden sind. Der Elektriker- Kongreß adoptirle diese Einheiten, indem er sie für den praktischen Gebrauch nur mit Potenzen von 10 multi» plizirle resp. dividirte; sür die Stromstärke wurde der zehnte Theil der absoluten Weber'schen Einheit gewählt und mit dem Lame» 1 Amper versehen; als Einheit der elektromoiorischen Kraft wurde das Hundertmillionenfache der absolnlen sehr kleine» Einheit gewählt und 1 V o l t genannt. Der Widerstand eines Leiters, in welchem die elektromolorische Kraft 1 Volt einen Strom von der Stärke 1 Amper hervorruft, wurde 1 O h m genannt; er beträgt das Tausendmillionenfache, also eine Milliarde mal so viel, als die absolute Widerstandseinheit. Bon der gesetzlichen Einführung dieser Einheiten, welche der Kongreß 1834 den Regierungen der verschiedene» Staaten vor- schlug, wurde damals überall Abstand genommen. weil die Bestimmungen infolge der unvermeidliche» Mängel der Meßmethoden noch mit kleinen Unsicherheiten behaftet waren, die eine gesetzliche Festlegung nicht wünschenswerth erscheinen ließen. Nachdem jedoch die Meßmethoden weiter vervollkommnet waren, wurden in den Bereinigten Staaten von Nord-Amerika, in Großbritannien und in Frankreich die genannte» Einheilen nach denjenigen Definitionen, die aus dem inteniationalen EIckiriker-Kongreß von 1893 in Chicago festgestellt wurden, gesetzlich eingeführt. Es folgt jetzt Deutschland mit diesem Gesetzentwurf, dessen hanplfächlichste Bestimmungen jeden- falls in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt ausgearbeitet sind und im Reichslage zweifellos Annahme finde» iverde». Als O h m setzt er den Widerstand einer Quecksilbersäule von 106.3 Zenti- Meter Länge und einen Quadratinillimeter Querschnitt fest; als Amper die Stärke eines Stromes, der beim Durchgang durch eine wässrige Lösung von Silberuitrat in einer Sekunde 1,113 Milligramm Silber niederschlägt; als Volt ergiebr sich daraus diejenige Kraft, die in einem Leiter vom Widerstande 1 Ohm «inen Strom von der Stärke 1 Amper erzeugt. Die übrigen Einheiten, die sich ohne weiteres und ohne die Möglichkeit eines Mißverständnisses aus diesen drei Grundeinheiten ergeben, sind der Bestimmnng des Bundcsrathes vorbehalten; das- selbe ist mit den bei Wechselströmen zu verwendenden Einheiten der Fall, weil, wie in der Begründung sehr richtig ausgeführt wird, „die Schwierigkeit, für Wechselströme verständliche eindeutige Definitionen zu geben, von denen angenommen werden kann, daß alle betheiligten Kreise dauernd damit«inverstanden sind, und daß diese Begriffe also reif find, um einem Gesetze eingefügt zu werden, bis jetzt nicht gehoben ist." Auch die übrigen Bestimmungen des Entwurfes über die Be- glanbignng oder Kontrollirnng elektrischer Meßgeräthe durch die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, sowie die Strafandrohung ledig- lich für den gewerbsniäßigen Verkäufer elektrischer Energie bei Benutzung unrichtiger Meßgeräthe, werde» kaum auf Widerstand stoßen.—_ Mleknrs Ilettillekon km. Vom vorniiirzlichen Polizcistaat. Kurz vor dem Ausbruch der Märzrevolutio» wurde in Preußen ein Sirafgesetzentwnrs «ingebracht, der ans der Phantasie eines Metzgers heraus geschrieben zu sein schien. Der Gesetzentwurf wurde den Ausschüssen des Ver- «inigten Landtages zur Besprechung vorgelegt. Die Opposition in diesen Ausschüssen setzte es nun— wie Barnhagen v. Ense schreibt — durch,„daß die Schärfung der Todesstrafe durch Handabhauen, das Aufstecken des abgehauenen Kopfes, die Prügelstrafe und die Verniögeuseinziehilng verworfen wurde, trotz der Anstrengungen, die nebst Bodelschwingh der elende Savigny »nachte, nin dergleichen Barbarei und Ungerechtigkeit beizubehalten. Desgleichen blieb der Antrag der Regierung, aus bas bloße Be- rathe» einer Aenderung der preußischen Verfassung sowie der des Deutsche» Bundes die Strafe von einem halben bis zu sechs Jahren Arbeitshaft zu setzen, in der Minderheit. Allein andere grausame Strnsbestimmunge» über Hochverralh, Majestätsbeleidignng, Beleidigung hoher Beamten, Religionsverspottung»nd Gotteslästerung, besonders über Schmähung der Mitglieder des königliche» Hauses. sogar der längst verstorbenen, womit jede würdig« Geschichts- schreibnng unmöglich wurde, über Tadel der Obrigkeit und ihrer Maßregeln, wurden»ach dem Sinne der Minister festgesetzt. Als euch jede Unternehmung zur Auflösung oder Veränderung des Deutschen Bundes dem Hochverrathe gegen Preußen gleichgestellt, jeder Tadel des Bundestages und seiner Verordnungen zum Ver- brechen gemacht werden sollte, brach dieser Tadel heftig aus; die langvcrhaltenen Anschuldigungen gegen die zum Polizeidienst Preußens und Oesterreichs herabgesunkene Staatsbehörde wurden laut..." Trotzdem erklärte die Versammlung in namentlicher Abstimmung mit 66 gegen 23 Stimmen alle Unternehmungen zur Auslösung oder Umänderung des Deutschen Bundes für Hochverralh. Wenige Wochen später waren beinahe alle deutschen Fürsten, die ihre Hand zu einer grundstürzenden Veränderung des Deutschen Bundes er- hoben, mit dem Brandmal des Hochverraths behaftet...— — Raufende Grünlinge. In der letzten Nummer der „Wiener Rundschan" richtet ein Kritiker vernichtende Geschosse gegen «nie neue Wiener Wochenschrift in einer Notiz mit der Ueberschrist: „Wenn die Zeitungsschreiber symbolistisch werden." Was er da mit- iheilt, ist allerdings komisch genug, um Anspruch auf iveitere Ver- breitiliig zu haben. So heißt es unter anderem:„Was Bracco uns ziiin beste,» giebl, ist ein Eiertanz um(!) Instinkte!" Oder: „In der Narrenkappe, die Bracco den Frauen zu Füßen legt, liegt sein eigenes Herz."„Die Wahrheit des Lebens, das ist das verschleierte Bild zu Sais."„Ist nicht im Tiessten jeder Ge- danke ein Gefühl?"„Wir können im Ballet nur begreifen, was wir sehen." Und von einem Dichter wird gesagt:„Seine Menschen reden von(!) und gegen die Paragraphen."— Soweit sehr schön. Nur sollte, wer im Glashause sitzt, nicht auf andere mit Steinen werfen. Es wirkt schon sehr drollig, wenn der hitzige Kritikus diese Dummheiten einen„bombastisch aufgedonnerten Kretinismus" nennt. Reizender noch sind die Scherze, die sich der ständige Theater- kritiker in derselben Nummer der„Wiener Nnndschali" in einer auf dem„Waschzettel" als„kurz, aber inhaltsreich" angezeigte» Arbeit über Ibsen«rlaubt. Da heißt es:„Ibsen versetzt alles in die letzte, äußerste Handlnngskonsequeuz, in der den Menschen kein anderer Ausweg mehr offen steht als die rasende Flucht in ihr eigenes Innere." Und weiterhin:„Nur im Weibe liegen»och die Qnalitätskeime einer entwickelungssähigen Zukunft; es muß daher auf die Suche nach dem„Wunderbaren" ausgehen. So ende» die charakteristischen Jbsen'schen Stücke unae» s ch l e ch t l i ch." Wenn endlich der Kritiker der Rundschau sich über den philosophischen und symbolistischen Uiisiun des Koukurrenz-Blattes aufhält, so darf man ihm wohl auch folgende Stelle aus seinem eigenen Blatte vorsetzen:„Je mehr das Wesen der Seelen enthüllt>v i r d, desto verhüllter erscheint der Charakter der Gesamnitmenschheit. Diese sendet nun wieder g e h e i m n i ß v o l l e N e b e l g e st a l t e n aus, die der Dichter durch seine symbolischen Figltren markirt."— Theater. Im Berliner Theater ist das Gastspiel der Italiener am Mittivoch zu Ende gegangen. Es brachte keine Ueberraschung mehr. Es zeigte keine ganz eigenthümliche künstlerische Physiognomie. Tina di Lorenzo und Ando verabschiedeten sich in Fron-Fr ou von M e i l h a c- H a l e v y; das ganze Gastrepertoire bestand aus- schließlich aus französischeu Allerweltsvramen. Tina di Lorenzo ist bis jetzt keine überragende Künstlererscheiiinng; aber sie hat von Rolle zu Rolle gewonnen, vie war nicht, was man sich unter der Frou-Frou vorstellt. Dazu besitzt sie einen Ueberschuß von Tempe- rament und Geist oder besser gesagt, ein ganz anderes Temperament, als das leichtbewegliche Pariser Persönche» mit seinen sensiblen Nerven, kapriziösen Launen und seinem lleinwinzigen ver- kümmerten Hirn. Ihr cholerisches Blut braust kraftvoll auf; wie käme das prickelnde Persönche» Frou- Frort zu solch leidenschaftlicher Gewalt? Das Publikum fragte nicht danach, was Frl. di Lorenzo darzustellen halte: es ließ sich von dem stürmenden Pathos berauschen. Da sich uin die Viriuosenrolle der Gilberte alles inr Stücke dreht,»rußte Herr Ando diesmal zurück- treten. Nun wäre es aber genug der reisenden Schauspielerei. Ein« spanische Truppe will uns auch»och in diesem Frühjahr beglücken. Das Gastspiel der Tina di Lorenzo war bereits materiell nicht besonders lohnend. Es wird den gastfahrenden Schauspielern allinälig doch klar werden, daß man nicht nur sehr Tücbtiges, sondern ganz Exceplionelles schaffen muß, will mau in Berlin, gegeuivärtig der bewegtesten Theaterstadt, allgemeinere Ausmerksam» keil erzwinge».——S. Phhsiologisches. t Künstlich« Farbenblindheit. Einen nach mehr als einer Richtung hochbedeutcnden Vortrag hielt im vorigen Monat Gg. I. Bnrch vor der königs. Gesellschaft in London über die Prüfung der Farbenempfindungen an 109 normalen Personen. Es wurde festgestellt, daß eine zeitweilige Rothblindheit entsteht, ivenu man das Auge im Brennpunkte einer Linse hinter einem rolheu Schirme dem hellen Sonnenlichte aussetzt, alsdann erscheinen z. B. scharlachrothe Geraniiimblülhe» schwarz und Rose» blau. In ähn» licher Weise kann auch eine zeitweilige Blindheit gegen Grün oder sogar gegen Violett erzeugt werden. Burch prüfte nun die Farben des Sonnenspektrums in ihrem Einfluffe auf das menschliche Auge der Reihe nach durch, indem er diese Farbe» im Glänze intensiven Sonuenlichies auf das Auge wirken ließ. Bei vier Abschnitten des SonnenspektrumS entstehe» ganz bestimmte und von einander nnlerscheidbare Wirkungen auf das Auge,»velche anzeigen. daß jede der entsprechende» Farben eine besonder-, Empfindung in»nfereni Sehorgan hervorruft. Dieses sind die Farben: Roth von den Linien A bis B des Spektrums, Grün in der Nähe der Linie E, Blau zwischen den Linien E»nd Gr, Violelt auf»»d jenseits der Linie BL In jedem einzelnen Falle ist »ach der Einwirkung der betreffenden Farbe auf daS Auge dieses außer stände, die betreffende Farbe ivahrznnehmen, aber der Beob- achter ist sich einer deslinnnle» Nachwirkung jener Farbe bewußt, wodurch der Ton aller übrigen Farbe» verändert wurde, jedoch ist die zeitweise Zluslöschung der Empfindung für eine Farbe ohne Einfluß aus die Stärke der übrige» Farbeiieinpfiuduugen. Es ist besonders interessant, daß zwei oder gar drei von den verschiedenen Farbenempfindungen gleichzeitig oder nacheinander ausgelöscht werde» können. Burch äußerte die Ausichl, daß seine Unter- suchuugen mehr mit der Theorie von Joimg und Helmholtz, als mit der von Hering Lbereiiistinuueu, daß sie aber das Vorhanden, sei» einer vierten Farben empfindung außer Roth, Grün und Violet� beiveise», nämlich von Blau.— Die künstliche zeitweilige Farben, blindheit wird übrigens wohl schon jeder einmal an sich selbst be" obachlet haben, wenn er z» lange in die untergehende Sonne sah. � — 2 Medizinisches. — Die LinkZhändigkeit n» d die Hypildsr Für die Bchandlniig der Linkshäuvigkeit, schreibt d>rS„?tene Wiener Tagblalt". hat die Hypnose einen neuen Weg gezeigt. Bei einem vierjährigen Mädchen, Meiches linkshändig war, inachte der Arzt den Versuch, die Linkshäudigkeit durch eine bypnotische Suggestion zu llnlerdrücken. Die Hypnose war leicht bewerkstelligt: es wurde sodann die rechte Hand des Kindes gefaßt und man befahl ihm, von nun an nur mehr diese zu gebrauchen. Die Wirkung der Suggestion war eine überraschende, da das Mädchen von jetzt an häufiger die rechte Hand zu gebrauchen begann und seit der nach wenigen Tagen vorgenommenen dritten Sitzung dauernd rechts- händig war und jetzt nach dritlhalb Jahre» noch geblieben ist. Ganz abgesehen, heißt es in einem Referate der Wiener klinische» Wochen- schrift, von dem therapeutischen Erfolge, ist dieser Fall deshalb von besonderein Interesse, weil ans dem Effekte der Behandlung einer Linkshändigkeit durch Siiggeflio» die Thatsache sichergestellt zu sein scheint, daß auch da, wo sich die Linkshändigkeil gleich im Kindes- alter entwickelt hat. ursprünglich eine gleichwerthige Anlage beider Hirnhemisphären bestehen kann. Dieser Fall spricht aber nicht nur gegen das Uebergewicht der rechten Hirnhälste als Ursache der Linkshändigkeit, sondern auch dafür, daß es jedenfalls der Erziehung möglich sein muß, gleich von Beginn an einer Linkshäudigkeit vor- zubenge».— Aus dem Thierreiche. u. E i tt e aussterbende Riesen-Schildkröte. Aus einem Sumpf auf den Egmoilts-Jnsel», im Rorden Madagaskars, wurde vor einiger Zeit eine Riesen-Schildkröte gefischt, ivelche bei 4 Meter Panzernmfang und l2/3 Meter Körperlänge 250 Kilogramm wiegt. Diese Schildkröten kamen noch am Ende des 17. Jahr- Hunderts ans den Inseln des Indischen Ozeans so massenhaft vor, daß— nach dem Ausdruck eines Reisenden— die Menschen nicht wußten, wohin sie den Fuß setzen sollten. Aber der Wohlgeschmack des Thieres wurde ihm zum Verderben: Es wurde massenhaft nach Mauritius geschafft, und zwar so stark, daß in 18 Monate» 30 000 Stück verfrachtet wurden. So verheerenden Angrisse» konnte die Schildkröte nicht widerstehe». Diese Thierspezies wurde völlig ver- »ichtet, so daß das auf den Egmonls-Jnseln gefangene Exemplar das einzige lebende der ganzen Spezies iväre, wen» nicht im Jahre 1810 einige Soldaten ein solches in ihre Kaserne in Port-Louis gesperrt hätten, ivelches jetzt noch lebt, und dessen Alter gegenwärtig auf 200 Jahre geschätzt wird— Schildkröte» werden bekanntlich nn- gemein alt. Aber dem mörderischen Angriff des menschlichen Appetits gegenüber kann, wie man hier wieder siebt, auch die größte Lebenszähigkeit ganze Thierllassen nicht am Ausslerben hindern.— Aus dem Thierlebe». --- Springhasen fang durch Erschrecken. In „Natur und Haus" theilt Kustos Paul Matschie mit, wie die Hottentotlenknaben in Deutsch- Südwestafrika den Epringhasen sangen. Zur Vollmondzeit streifen sie, wie Dr. Gürich beobachtete, in größere» Schaaren durch die Büsche. Sobald sie nun eines seinem Erdloche entschlüpfenden Springhasen ansichtig werden, werfen sie sich auf den Boden und fangen an, mörderlich zu schreien. Das Thier wird vor Schreck starr und ist nicht im stände, zu ent- fliehen. Die Knaben rutschen am Boden an das Thier Hera», der vorderste faßt es beim Schwänze und schlägt eS mit einem Knüppel todt.— Geologisches. — I» der belgischen astrononiischen Gesellschaft zu Brüssel theilte der Professor der Physik Lagrange mit, daß der Verwallungs« rath der Gesellschaft auf seinen Antrag und im Einklänge mit dem internationalen Komitee beschlossen hat, ungesäumt in Belgien vier seismographische Stationen behuss planmäßiger Beobachtung der Bewegungen des Erdbodens zu errichten. Die Brüsseler Station tritt sofort in das Leben.— Technisches. — In London ist am 15. März der Ingenieur Henry B e s s e m e r im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine Erfindung, auf rasche und wohlfeile Art Roheisen in Stahl zu verwandeln, hat seinen Namen zn einem weltberühmten gemacht, und die ungeheuere Entwickelung der Stahl-Jndustrie in der ganzen Welt verursacht. Im Jahre 1356 theilte erder British Association seine Erfindung der Flußstahl-Erzeugung mit. Bis dahin waren in England jährlich blos etwa 50 000 Tonnen Stahl erzeugt worden, und der Preis der Tonne betrug SO bis 60 Pfund Sterling. Nun werden in England »veit mehr als zwei Millionen Tonnen ighrlich produzirt, und die Tonne kostet blos etwa S Pfund.— — L i t h o i d. In Italien macht, wie man der.Köln. Ztg." schreibt, gegenwärtig eine neue Erfindung viel von sich reden, die von einem russischen Architekten Amelung gemacht worden ist. Nach den bisherige» Mittheilungen soll das Lithoid von großer Be- deutung für das Baugewerbe und andere Zweige der Technik sei». Das Lithoid ist eine Flüssigkeit, deren Darstellung von dem Er- finder noch als Geheimniß behandelt wird. Ihre Bereitung soll aber leicht und billig fein, und es sollen dabei als Nebenprodukt etwa SO Prozent Kohlensäure gewonnen werden. 20— IWeu» mit dieser Flüssigkeit, in bestimmten Verhältnissen, ! mit oder olmc Druck, zerkleinerte Ueberreste von Steine», Sand, Sägemehl, Papierstaub, lkohlenstaub, Schutt aller Art gemischt werden, so bildet sich in kurzer Zeit ein fester Körper, dem man von vornherein jede beliebige Form und Farbe geben kann, und der in bezug auf Widerstandsfähigkeit und Festigkeit Stein und Eisen über- trifft. Die Bruch- und Zertrümnierungsproben, die vor einigen Wochen im mechanischen Laboratorium des Jngenieur-Jnstituts zn Petersburg vorgenommen wurde», habe» höchst befriedigende Re- sultate ergeben. Die künstliche» Lithold-Erzeugnisse haben den Borzug großer Billigkeit und könne» in der Form, in ivelcher sie gebraucht werden, gepreßt oder gegossen werden. Im Aussehe» und in der Dauerhaftigkeit des Glanzes sollen sie den natürliche» Materialien gleichkommen. Die Mnstersamnilung, die römischen Fachleuten gezeigt wurde, enthielt z. B. Mühlsteine, Bausteine, grobe architektonische Verzierungen, wie Gesimse». a. aus gewöhnlichem Sand; Konsolen, feinere Gesimse und sonstige ornamentale Bausteine aus Ziegelstaub, Gips, Marnior- staub, Flnrplatten und Wandbeschläge von großer Schönheit, die kostbare Steinarte», Majolika und dergleichen nachahmen, aus allen möglichen Abfällen, Sand»nd Kohle; nachgeahmte Holzschnitzerei für Kunstmöbel ans Sägemehl gepreßt; Leitungsröhren von größter Dauerhaftigkeit aus Inte und Drahtreifen; Wölbungen aus Stein» masse gegossen, die den stärksten Druck aushalten, und anderes mehr.— Humoristisches. — Unter Eheleuten..Nun, gehst Du denn beut nicht aus?"—„Nein, ich Hab' entsetzliche Migräne; der Kopf ist mir schiver wie Blei."—„Aber liebes Kind, nimm Dir doch das Haar ab!"— — Vorsicht ilnd Feigheit. Lehrer:„Billy, kannst Du mir den Unterschied angeben zivischen Vorsicht und Feigheit?" Billy:„Ja. Wenn man selbst bange ist, so ist das Vorsicht; wenn aber der andere bange ist, so ist das Feigheit."— — Darum. Sie:„Schaue» Sie nur die wunderbaren Zähne, die Mrs. Highsea hat!"— Er:„Sehr liebenswürdiges Kompliment, gnädige Frau!"— Sie:„Oh. Pardon! Sie sind wohl ihr Man»?"— E r:„O»ein; nur ihr Zahnarzt."— („Jugend".) BermischteS vom Tage. y. Der Lehrer auf der Hallig Nordstrandisch-Moor muß zum 1: Mai versetzt werden, da in dem Ort zur Zeit keine schulpflichtigen Kinder sind.— — In Oepfershausen in Thüringen ivnrde vor der Ge- meindeansschuß-Wahl durch Ausschellen Folgendes bekannt gegeben: „Wahlberechtigt ist jeder Deutsche ohne Unterschied des Alters und Geschlechts."— — In der Nähe von A d e r b a ch(Schlesien) t ö d t e t e sich ein Bergmann durch eine Dynamitpatrone, die er in den Mund steckte und entzündete.— — In dem im Prater-Lnsthanse in Wie n anfliegenden„Buch für Radfahrer" wurde dem 13. März 1813 am Henrigen Jahrestage folgender Vers gewidmet: Man kannte iveder Waffenrad, Kaum recht die Eisenbau», Doch schaffte mau mit Waffen Rath Und mit dem Eise» Bahn.— — In einem Züricher Bierdepot gerieth ein Knecht zivischen zwei Fässer und wurde todtgedrückt.— — Unter den Rekrute», die sich jüngst in Paris zum Militär« dienst stellten, befand sich ein junger Mann, der nicht iveuiger als 34 G e s ch w i st e r auszuweisen hat. Davon kommen 12 aus erster und 22 aus zweiler Ehe.— — Die englische Regierung soll»ach einer Meldung der„Revue encyclopsdique" in de» ägyptischen Gefäng« nisse» falsche A l t e r t h ü m e r durch die Sträflinge an- fertigen lassen, die hauptsächlich nach Deutschland und Amerika verlauft würde».— — In allen Theilen Algeriens und Tunesiens haben am letzten Sonntag und Montag furchtbare Unwetter ge- wüthet. Die Flüsse überschwemmten eine große Anzahl von Thälern; Menschen«nd Vieh kamen dabei um. in Suk-el-Arba allein 3300 Thiere. Drei Legionäre ersroren in einem Schneesturm. Viele Gebäude ivurde» dem Erdboden gleichgemacht. Im Hase» von Algier strandeten drei Dampfer.— — Die englische Bark„British Prinzeß" ist bei Lowes- tost am Mittivoch früh mit einem unbekannten Dampfer zusammen- gestoßen. Der Dampfer sank sofort; man befürchtet, daß die Besatzung umgekommen ist.— — Eine reiche junge Witlwe in St. Louis in de» Vereinigten Staaten begnügt sich nicht damit, ihren eigene» Körper mit Diamanten zu überladen, sondern hat es auch für nöthig befunden, ein Paar Schrauben-Ohrringe, in die echte Diainante» gesaßt sind, durch die Ohrläppchen ihrer Lieblingskatze bohren zu lasse».— Beranlivortlicher Redakteur: Augnst Jarobcy i» Berlin. Druck und Verlag von Max Badiiig in Berlin.