Anterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 56. Sonntag, den 20. März. 1898. (Nachdruck verboten.) 15] häuslichen Heed. Sioman von Iwan Franko. „O Sott!' ächzte er mit schwacher Stimme.„Was ist mir geschehen, wo bin ick?* »Nichls wichtiges. Sie sind hier auf dem Glatteise aus- geglitten.* „Ach so, ich habe mir den Kopf verletzt. O Gott!* „Nun versuchen Sie, ob Sie aufsteheil können,* sagte der Hauptmann ihn ausrichtend. Doch der Alte wackelte und wäre wieder gefallen, wenn ihn die Anwesenden nicht gehalten hätten. „Nein, nein, es gehl nicht, mir fehlt die Kraft dazu!" ächzte der Alte. In diesem Augenblicke nahte der Polizeimann, md als er von dem Unfall hörte, schickte er schnell nach einem Wagen, um den Alten ins Spital zu bringen, notirte den Namen des fahrlässigen Hausmeisters und sich dann an den Hauptmann, als den Hauptzeugcn wendend, bat er um seinen Vor- und Zunamen. „Hauptmann Anton Angarowicz! Ich wohne hier in der Bäckergasse Nr. 4.* Während der Polizeimann notirte, begann der Alte bei der Nennung dieses Namens sonderbar zu zittern. Er wackelte mit dem Kopfe, wie ein kleines Kind, das zu weinen beginnt, bewegte die Lippen, als wollte er sprechen, doch die Stimme versagte ihm. Wiederholt versuchte er sich aufzurichten, doch es gelang nicht. Bon den Anwesenden bemerkte niemand diese Zeicheil, die Allfmerksamkeit aller wurde vom Hausmeister in Anspruch genommen, der mit weinender Stimme dem Polizeimann die Sache auseinandersetzte und gleichzeitig seine Frau mit gemeinen Schimpfworten überhäufte, iveil sie vorgeblich seinen Befehl, die Straße mit Sand zu beschütten, nicht ausgeführt hätte und daher an allem Schuld wäre. Unter dieser Schaar von Leuten, die die Neugier, die Spektakel- und Skandallust hier versammelt hatte, saß der Greis mitteu auf dein Troltoir ganz unbeachtet da. Sein bleiches, elendes, blutbeflecktes Gesicht hatte den Ausdruck einer verzweifelten Anstrengung, etwas thun oder sagen zu wollen und zugleich des Schreckeils darüber, daß er es nicht thun konnte. Er hatte das Aussehen eines Mannes, der an einer menschenleeren Stelle in einen tiefen Brunnen gefallen, und genau wußte, daß er ohne fremde Hilfe nicht hinaufkommen kann, zugleich aber einsehen mußte, daß all sein Rufen vergeblich war. „Sie sind der Hauptmann Anga...." „Ja, Angarowicz. Kennen Sie mich?* Der Greis be- tvegte verneinend den Kopf und machte dabei mit der Hand eine krampfhafte Bewegung, daß er sprechen möchte, es aber nicht vermöge. „Wo haben Sie sich verletzt?" fragte der Polizeimann, zu dem Alten tretend. „O, da, da!* ächzte der Greis, auf Gesicht und Stirne weisend, wo jetzt eine große blutunterlaufene Beule zu sehen war. „Sind Sie ein Hiesiger?* „Nein, kein Hies....* „Wie beißen Sic?* „Mi— Mi— Michael' Ten Faniiliennainen konnte er nicht mehr alissprechcn, da er nochmals ohnmächtig wurde. „Bringen Sie ihn schnell ins Spital,* sagte der Hanpt- manu zu dem Polizeimann gewendet,„sonst stirbt er uns hier auf der Straße. Er ist augenscheinlich sehr schwach, vielleicht sogar hungrig, sollte er etwas benöthigen, so bitte kaufen Sie cs für ihn.* Und er gab dem Polizeimann einen Gulden. Die übrigen legten auch etivas Kleingeld dazu. Inzwischen fuhr der Wagen vor, der Polizeimann ließ den armen Ohnmächtigen in den Wagen heben, setzte sich nebe» ihn und ließ sich nach dem Spital fahren. Dieses Abenteuer, das übrigens auf dem Lcmberger Pflaster nichts Ungewöhnliches war, lenkte die Gedanken des Hauptmanns in eine andere Richtung. Das Bewußtsein einer erfüllten Nächstenpflicht gab ihm neue Kraft und frischen Muth. Trotz der bereits angebrochene» Dunkelheit ward es Heller in seinem Gemüth, und er begann sich bereits Vorwürfe darüber zu machen, daß er vorher seine Familienverhältnisse durch eine schwarze Brille betrachtet und Geheimnisse und Räthsel dort vermnthet hatte, wo keine vorhanden waren. „Das wird sich alles geben, Anton!*— sagte er im Selbstgespräch,—„alles wird wieder gut werden, vielleicht sogar besser, als Dn's selber hoffst. Nur Ruhe, und keinen unnöthigen Lärm schlagen! Nur nichts überstürzen! sagte der Töpfer, als ihm der Wagen mit den Töpfen in den Straßengraben umstürzte. Bor allem mußt Du Dich selbst hüten, etwas zu thun, was Dn später bereuen müßtest!" Auf diese Weise philosophirend und moralisirend wandte sich der Hauptmann von der Bäckerstraße gegen die Stadt. Er wußte zwar nicht, wohin er sich wenden sollte, doch zum Nachhauscgehcu fühlte er weder Lust noch Verlangen. Am Bernhardinerplatz wandte er sich in die Haliczergasfe, kam dann weiter auf den Ringplatz, die Tribunalgasie und bei der Hauptwache vorüber aus die Karl Lndwigstraße. Er wählte die Straßen, die am hellsten beleuchtet und die belebtesten waren. Von der Karl Lndwigstraße kam er auf den Marine- platz, dann anf die Akademie- Gasse und nachdem er eine Stunde so hernmspaziert, die Schaufenster betrachtet, die Titel der in den Buch- und Antiquar- Läden ansgestelltcn Bücher gelesen, und eine Menge unverständlicher Gesprächsfragmente belauscht hatte, war er, ohne selbst zu wissen wie und wann, auf der Fredrogasse vor dem Offiziers- kasino angelangt. Jetzt erst erinnerte er sich daran, daß er eigentlich gleich beim Herauskommen auf die Straße den Vorsatz gehabt hatte, ins Kasino zu gehen, um voil Redlich eine Erklärung der ihm in seinem eigenen Hause zugefügten Beleidigung zu fordern. Es war kaum sechs Uhr. Das Kasino war noch beinahe leer, nur im Billardsaal spielten zwei junge Reserve-Offlziere eine Partie, die Karambolzahlen laut ausrufend. Beim Ein- treten des Hauptiuanns salutirten beide und! wandten sich gleich wieder ihrem Spiele zu, hörten jedoch mit dem lauten Rufen auf. Eine Leere wehte dem Hauptmann an aus den großen öden Sälen, mit den schablonartig auf- gestellte» Stühlen, mit den Zeitungsblätteru, die wie weiße Leichen im Leichenhause neben einander lagen mit den lackirten, rauchgeschwärzten Plafonds. Unmittelbar vor dem Eintritt des Hauptmanns hatte der Diener erst zivei oder drei Gas- lampen angezündet, so daß die Winkel des geräumigen Saales in Halbdunkel gehüllt waren. Der Hauptmann legre Mantel und Säbel ab, setzte sich an den Tisch und begann, die Blätter zn lesen, wobei er vor allem nach den Lemberger Zeitungen griff, die er seit fünf Jahren nicht vor die Augen bekommen hatte. Obwohl nichts Besonderes und nichts Interessantes darin zn lesen war, las er sie doch von A bis Z, nicht einmal die Annoncen auslassend. Er wollte ans diese Weise die Phisioguomie der Stadt, ihrer Einwohner, ihrer Geschäfte und ihrer Geschmacks« richtung in seinem Geiste auffrischen; er verglich die Gegen- wart mit der nicht weit entfernten Vergangenheit. Jeder Name, den er las, rief ihm etwas Bekanntes ins Gedächtniß, einen Freund, einen Schulkameraden, einen Professor, einen Arzt, eine Firma, einen Schuster, der ihn mit Stiefeln versah, einen Schneider, der ihm in seinen Universitätsjahren so häufig z» kreditiren pflegte, eine Obsthändleriu oder eine zank- süchtige Nachbarin, mit der er als kleines Kind Schabernack getrieben. Jeder Straßenname weckte neue Erinnerungen in ihm. Er lächelte ihnen zu, wie alten Bekannten, denen er unter Fremden begegnete. Indem er diese todten Buchstaben, Worte und Sätze las, trachtete er nicht einmal danach, ihren logischen Zusammenhang, ihre Bedeutung und ihren Inhalt zu erfassen, aber statt dessen durchlebte er, gleichsam im Kaleidoskop, die verschiedenen heiteren und traurigen, angenehmen und unangenehmen Episoden seines Lebens. Nach und nach begann sich das Kasino mit Offizieren zu füllen- Sie kamen gleichmäßigen Schrittes,„schneidig*, hoch aufgerichtet und anf preußische Art mit den Säbeln und Sporen klirrend. Sie begrüßten einander salutirend und mit kurzen Worten:„Servus!*„Wie gehtS Dir?* Die meiste» versammelten sich im Speisesaale, von da gingen sie entweder in den Billardsaal oder in den{av*?*- Schmalen, nrjt- grünen Tischchen dicht besetzten Spielsaal. Nur wenige traten in die Lesehalle. Da der Hauptmann mit dem Rücken gegen die Thür saß, so machten diejenigen, die hier eintraten, die Runde um den Tisch, um unter dem Vorwaude, daß sie die Blätter durchsehen oder etwas suchen wollten, ihm ins Gesicht zu schauen. Als sie ihn erkanuten, murmelten sie ein„Servus!", nahmen das erst beste Blatt und verzogen sich eiligst, ohne ihn anzusprechen. Später hörten sie damit auf, und obwohl sich in der Lesehalle schon viele Offiziere befanden, reichte ihm keiner die Hand, wie auch keiner von ihnen ihn anredete, oder sich zu ihm setzte. Einige entfernten sich mit den Zeitungen in andere Zinimer, andere setzten sich zu anderen Tischen oder in abgelegene Winkel des Saales.(Fortsetzung folgt.) Sonnkolssplauvevet. Nun hat es doch noch ein erfrischendes Frühlingsgewitter gegeben. Man denke, im ruhig sterbenden Parlament brauste es ein letztes Mal aus. Ein richtiges Gewitter, und die goldenen Rücksichtslosigkeiten sausten dicht nieder. Das war auch ein Trompetenton, der znr Sammlung rief. Es sonderten und sammelten sich die Geister, und der behutsamste Bennigsen könnte mit tausend Wenn und Aber nicht mehr die Klarheit, die geschaffen ist, verwirren. Es ist immer mißlich, sich nach rechts wie nach links verbeuge» zu wollen, wenn die Meinungen schroff aufeinanderplatzen. Man kann es August Bebel nachfühlen, daß ihn während der dreißig Jahre seiner parlamentarische» Thätigkeit keine Verhandlung mit solcher Lust er- füllte, wie die vom letzten Freitag. In fünfzig Jahre» nichts gelernt und nichts vergessen! Fünfzig Jahre, sollte man meinen, seien auch für die Rachsucht genug, daß sie sich erschöpfe, daß sie eine geschichtliche Nothwendigkeit nicht lieben, aber begreifen lerne. Und da fliegt das Wort vom Ge» sindel auf. Habt Dank für dieses Wort! Wo war jemals das Wort denen erspart, die ein« verrostete Welt aus den Angeln heben wollten? Und immer hat es gute Dienste gelhan. Juuuer war der innere Werth der Beschimpften ge> stiege» und Betlelkleider wurden zu Ehrengewändern. Es ist doch etwas Anderes um solche rückhaltlose Aussprache, als um de» Kampf wegen eines Opserkranzcs im städtischen Parlament. Oh, du staatsgefährlicher Kranz! Würdig ist die März- feier verlaufen, nicht nnr bei uns. Es war ein Erinnerungsfest und innerer Sammlung gewidmet; mit ernstem Gelöbniß. nicht in lärmender Sensation feiert man seine Tobten. Keine Ausschreitung ist irgendwo vorgekommen, und ma» hätte sie gewiß gerne gesehen und aufgebauscht. Aber die Stadt Berlin durfte offiziell keine» Kranz niederlegen, dieselbe Stadt, die vor fünfzig Jahre» zum ersten Male aus der Enge«iner Hof- und Residenz- stadt emporwuchs; dieselbe Stadt, für die damals das Fundament znr zukünftigen Größe geschaffen wurde. Die Wirkung läßt man gelten, weil man muß. Aber ««nnt nicht die Ursache, beileibe nicht die Ursache. Oh, magistratliche Herrlichkeit, ivohin bist du entschwunden! Man hat sich geduckt, ans Diplomatie! Und man wurde diploma- tischer von Tag zu Tag. Ma» lebt ja nicht ans einer Insel. Ma» muß ja doch mit den Behörden verkehren. Ma» beeilte sich nachzugeben, gewiß in der geheimen Hoffnung, daß auch die herrschende Bureanlralie dem Magistrat, der sich im Eilschritt nach rückwärts konzentrirle, einiges Entgegenkommen beweisen werde. Aber Jammer und Enttäuschung. Die Diplomatie war umsonst verlhan. Es war den Schlauen keine Demüthigung erspart. Die Geschichte vom gefährlichen Kranz der Stadt Berlin ist beinahe komisch zu nennen; sie ist im ganzen Verlaufe der Sache des satirischen Griffel? werth; sie ist witzblattreif, als Mahnzeichen einer allzeit beschwichtigenden Diplomatie, die vor lauter Be- schwichtigungsnmlh und vor lauter Bücklingen zum Schlnffe erst merkt, daß ihr ein Geßlerhnt aufgerichtet wurde. DaS ist wunder- lich; die«inen blase» zur Sammlung und mit anerkennenswerther Offenheit poche» sie auf ihr reaktionäres Recht. Die anderen möchten aber auf diplomatischen Sohlen daherschleichen nnd nur ja nicht unnöthig verletzen. Wohin das führt, daS hat nicht zum wenigsten die Geschichte vom gesährliche» Stadtkranz bewiese». Sie ist das lehrsam lustige Nachspiel zum Ausgange des Kalenderwinters und zum Beginn des Frühjahrs von 1S93. Es ist, als vereinigten sich die Herrschaften der Reaktion zu einem Ringelreihen, zu einem Bund. der wider das eigene Bewußtsei» und wider den eigenen Willen den vorwärtsdrängenden Kräften hilfreich beisteht. Ihr Scheltwort wird zum Preis, ihr Fluch zun, Segen. So manches ist lehrsam in seiner Komik. Während der traurige Ausgang eines Duells, der Tod des bürgerlich-radikalen Politikers Cavalotli in Italien eine heftige Bewegung gegen de» Zweikampf wachgerufen hat und die öffentliche Meinung dort andauernd beschäftigt, ist bei uns ein komischer Zwischen- fall passirt, den man nicht widersinniger sich denken kann. Der durchgefallene Schüler fordert den prüfenden Lehrer. Ist das nicht die Tollheil in der Methode der Duellirwuth? Das bat man von den besonderen Ehrbegriffen für Stände, die unter Aiisnahmebedingungen existiren. Bei folchen Ehrbegriffen bildet sich ein immer schärfer zugespitztes System ans. Ansnahmemensch zu sein, das schmeichelt und verleiht ein Höhenbewußtsein, das leicht zur Karrikalur wird. Bei einem Stand fängt es an, die Nachäffer sind bald zur Stelle. So ist es mit unseren gescheitelten Referendaren und Studenten gekommen; so gedieh ma» weiter zu den Forderungen, die von Angeklagten an ihre Richter ergingen; und mit der lächerlichen Duellforderung im Lehrsaal ist der Zustand einer Ueberreizung erreicht, die wie ein groteskes Zerrbild wirkt. Der Bramarbas und Eisenfresser auf der Schulbank hat unS noch gefehlt. Di« befreiende Komik rührt sich zur Zeit auch an anderen Orten;>md es ist possirlich mit anzusehen, wie die strengen Eiferer sich häutig verwandeln können. In, das srühlingsumrute Leben thut Wunder. Selbst die gallische Heiterkeit ist wiedererwacht, und die Todtengräber, die in deutsche» Zeitungen schon seit vielen Wochen bis zum Ekel erklärt haben, die Bevölkerung von Paris sei der Rohheit und deni Stumpfsinn unrettbar verfallen, wissen nicht, wie ihnen geschah. Um Mittfaste» in dieser Woche waren in Paris wiederum die lustigen Geister losgelassen. Also trauert ganz Paris doch nicht in Staub und Asche! Sieh, sieh, wer hätte derlei dem„stinkenden Pöbel" zugetraut, von dem wir Tag für Tag so greuliches lesen mnßten. Sodom und Gomorrha ist noch nicht voin Erdboden weg- gefegt, und die fanatisirten brüllenden Massen, die ini Zolaprozeß aufmarschirten, können sich ganz kanievalisiisch amüsiren. Und die leideuschastlichsie» unserer Herren Korrespondenten haben sie doch als das jammervollste Gesindel eingesargt. Und nun veranstaltet dies Gesindel nach alter Ueberlieferung die spaßhaftesten Umzüge! Man ist so vorurthcilsfrei, sich über Schwäche» im eigenen öffentlichen Leben lustig zu machen, und Paris lacht. Paris lacht wieder! Ganz nnd gar nngravitätisch. Das Gesindel hat wieder Humor, und sein Humor ist ziemlich dreist, das muß man sagen. Er wagt sich an die Gerichtsbarkeit und an den Säbel heran. Er ulkt auf offener Straße, in nachkarnevalistischer Laune über die Richter mit„ge- buudener Marschroute", über«in Verfahren, das die Geheimniß- krämerei fördert, anstatt der Oeffentlichkeit recht zu geben. Er ulkt über seine Offiziere, die sich's am Eidschwnr nicht genügen lassen, sondern vor Gericht pathetisch ihr Ehrenwort verpfänden, das be- sondere Ehrenwort eines Ausnahmestandes. Und der luftige Zug wurde von keiner absynlhdusteuden, heiser schreienden Pöbrlhorde umringt und attakirl, nnd der Himmel ist nicht eingestürzt! Nur die Polizei fand den Witz ungehörig. Ihr wurde es ein bische» ungemüthlich. Allerdings, die Polizei hat ei» uralt heiliges Vorrecht, das lante Gelächter und den tollen Spaß zu hassen. Die Polizei läßt sich nicht zum besten haben uud duldet es auch nicht gern, daß andere ernste Güter aiigeulll werde». Aber merkwürdig bleibt es doch: die Laubsrösche und die Zeitnngs- Propheten scheinen in diesem Jahre wenig Glück zu haben. Die berufene» nnd unberufenen Signalbläser zur„Sammlung" strenge» sich nebenher ebenfalls im Prophezeien fürchterlich an. Sie reklamiren„daS Volk" für sich. Sie zähle» im Geist schon die mächtigen Reihen der„Gesammelten". Mit Macht werde ihr Frühling komme», rufen die Agrarier und ihr« Ver- bündele,, bis zu den armen Bedrängten um Herrn von Bennigsen. Aber der Haß ist nicht selten ein schlechter Berather. Er brach so uugeberdig in diesen Tagen hervor, und nicht wenige verleugneten den Boden, in dem sie doch wurzeln, und ihre Vergangenheit so sehr, daß man wohl sich wundern dürfte, wie sie so verblendet sein konnten. S.e klagen andere der haßersülllen Ausbrüche an u»d sie selber verliere» die Fähigkeit,»»r halbivegs gerecht über jene Ereignisse zu denke», die zu de» Anfangsstadie» des modernen Staates geführt haben. Ihr Hab, den sie gerade zur Zeil der Märzivind« so deutlich knud- gegeben habe», ist ebeinalls ein Sammelrnf von Bcdentnug. Die Frühliiigsso»»« wird ja alles an de» Tag bringt.'»! Alpha. Dilrittes Frttillekon h. d. Lichkstrahleli. Das Dienstmädchen faßte seine Hand und zog ih» durch den dunklei, Vorflnr. Tan» stieß es eine Thür ans »nd schob ihn in das Zimmer.„Ach!" sagle Tante Agnes,„der kleine Paul!" Sie stand vom Slnhl am Feiister ans nnd kam ihm entgegen. Er ging aas sie z», ihr die Hand e»tgege»strecke»d. „Nicht auf de» Teppich." rief sie erschrocken.„Haft D» Dir de»n Deine Stiefel ordentlich abgetreten?" fragte sie freundlich lächelnd und klopfte ihm die Backen. Wie schön weich und ivarn» ihre Hände waren! Seine Ange» leuchteten vor Stolz auf. Es war seine Tante.„Ja. gewiß!" anlworlete er.„Na. dann laß Dieb doch'mal näher aufchancn!" sagte sie und führte ihn»ach dem Fenster. Dort saß ein junges Mädchen. Sie hatte die Stores und die darüberfallenden schiveren, dunklen Gnrdine» zurückgeschlagen, sodaß eine kleine Ecke des Zimmers, daS im laiien Dämmerlicht eines trüben Märzlnges lag, erhellt wurde. Auf ihrem Schooß lag eine krebsrothe Hilljorm, aus die sie mit schmalen, zarte» Fingern Federn und Blume» hielt. „Aber Paul!" sagte sie;„jeder Tritt von Dir ist ja zu sehen! Du hast Dir doch die Stiesel nicht abgetreten!" „Doch!" aiitworlele er. Er wurde ganz roth und zwinkerte mit den Augen. Die Schuhe sind aber eiilzw-i, und mi» kommt das Waffer heraus."„Na, ich versteh« Deine Eltern nicht!" sagte sie. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Nachdem alle ein Weilchen atschwiegen, fragte ihn die Taute:„Was hast Du denn da?' Er reichte ihr den Brief hin. den er i» der linlen Hand gehalten hatte. Tante AgneS sprach so lieb. Sie würde ihm gewiß die zwanzig Mark geben, um die seine Mutter in dem Brief bat. Dte Tante öffnete den Brief nicht gleich, sondern fragte:„Wie geht es denn zu Hause? Ist Deine Schivester noch nicht gesund?" —„Nein, der Arzt meint, es dauert noch mehrere Wochen, bis sie wieder nach der Fabrik gehen kann."„Unv Dein Vater?"„Der hat wieder Arbeit, aber er verdient jetzt blos achtzehn Mark in der Woche. Und nun ist Martha noch krank, und der Wirth will doch wenigstens di« Miethe vom vorigen Monat. Sonst exntittirt n uns." Tante Agnes schüttelte den Kops:„Ich verstehe immer noch nicht, wie Deine Mutter so einen einfachen Arbeiter Heirathen tonnte! Na. ich werde mal den Brief lesen, mein lieber Junge!" fügt« sie hinzu, indem sie ihm lächelnd über das Haar strich. Ihn durchschauerte es bei ihrer Liebensivürdigkeit. Gewiß, sie würde ihnen helfen! Bor Dankbarkeit und Unterthänigkeitsgefuhl hätte er beinahe geweint. Doch da kam ein großer, dicker Junge ins Zimmer gerannt. Der zog ihn an daS zweite Fenster und zeigte ihn: viele Bücher mit bunten Bildern. Er sah nur halb hin und lauschte auf dir Worte der Tante. Sie las ruhig den Brief und sprach dann mit ihrer Tochter, die meinte, fie müsse neue Federn auf den Hut haben.„Ja gewiß, morgen gehen wir so wie so ein- taufen. Ick muß Papa'n eine» Ring zum Geburtstag schenken. Den wünscht er sich schon lange. Vierzig Mark muß ich schon anwenden." »Ja." Durch das gleichmäßig fahle Licht des Märztages bohrte sich plötzlich ein Sonnenstrahl. Er streifte die Tante und erleuchtete das Büffet. In dem Liqueur, der neben Kuchen und gelben Orangen stand, schimmerte es auf. Paul fröstelte es, trotz der lauen. dämmerigen Wärme im Zimmer. Er schluckte niehrmals unwillkürlich, doch der leere Magen zog sich immer krampfhafter zusammen, und die Nässe in den Stiefeln kältete so.„Ja, nicht wahr? Vierzig Mark? So dachte ich attch"; sagte Tante Agnes. Dann wendete sie sich zu Paul:„Ja, sag' nur Deiner Mama, es thäie mir sehr leid, aber es geht jetzt leider nicht. Wir haben so nothweudig« Ausgaben. Es lhäte mir sehr leid, sehr leid—" Der Sonnenstrahl strich über ihre Stint. Daun versank wieder alles in dem kahlen Gran des trüben Märztages.-- — Ter Gendarm und die— Mütze. In Dingsda— so schreibt man der„Tägl. Rundschau"—, eine», sehr kleinen Orte in einem sehr große» deutschen Staate, herrschte kürzlich nicht geringe Ans- regung. Der dortige Gendarm hatte vierzehn Tage Urlaub erhallen, konnte aber nicht reisen, weil er— keine Mütze Halle. Wie ist das möglich, frage» Sie? Auch ich wüßte keine Antwort, wenn mir nicht der Herr Bürgermeister folgende sachkundige Ausllärnng gegeben hätte: Unsere Gendarmen dürfen ihres Amtes nur im Helme walte». Selbst in dienstsreint Stunden ist ihnen das Tragen einer Mütze verboten, ja sie dürfen eine solche nicht einmal auf ihre eigenen Koste» anschaffe». Nur des Nachts im Bette darf der Helm abgelegt werde«, sonst schmückt er des Gendarmen Haupt von früh bis spät(und, wie ich hinzufüge, verräth de» Mann der gesetzlichen Ordnung schon von weitem allen Sündern). Anders dagegen, ivenn ein Gendarni in Urlaub geht; dann darf er keinen Helm, sondern muß eine Mütze tragen. Woher nun diese nehmen? Sehr einfach! Es ergeht in solchem Falle ein Dienstschreiben au das Konunando der Gendarmerie in der Hauptstadt, dem die Kopf- weite des Gendarmen beigelegt wird, n»d das Kommando sendet dann ans seinen Bestände» eine Miitze, die der Beglückte nach Wiedkrantritt des Dienstes fein säuberlich nebst Dienstschreiben zurück- reicht. Unser Dingsda liegt nun einige hundert Kilometer von der Hauptstadt, und so muß unser Gendarm etwas lange warten, bis er die Mütze erhält und den Urlaub antreten kann.— — Gefährliche Francuklcidcr. Den New-Dorker Zollbeamten lag kürzlich die Frage vor, ivte Gewebe, denen dnrch einen Ueberzng von Celluloid unter Bertvendnng von Seide ein seidenartiges Aus- sehe» gegebe» wird, zu klassifizire» seien. Man entschied sich dahin, von derartigen Stoffen, wie wenig Seide sie immer enthalten mögen, Seidenzölle zu fordern. Gleichzeitig wird aber von der Zollbehörde darauf hingewiesen, daß es für Frauen gefährlich sei. ZUeider aus den erwähnten Stoffe» zu trage». Komme eine Frau mit einem solchen Stoffe in den Liegen, so müsse sie gewärtig sein. daß es ihr vom Leibe falle, und komme sie einem Feuer oder auch nur einet» brennenden Streichholz zu nahe, so müsse sie bei der Leichtigkeit, mit der Celluloid explodire, gewärtig sein, in die Luft zu fliegen oder wenigstens, ehe ihr jemand Hilfe bringen könne, von einem Flammenmeer« eingehüllt zu sein. Theater. DaS Belleallianre-Theater wollte ebenfalls seine Jbsenfeier haben; und so führte es gleich das umfangretchpe Drama Jbsen's„Kaiser und Galiläer" aus. Stolz lieb' ich de» Spanier. Alles oder ntchls. sagt Direktor Drescher mit dem Dichter selber. Eine Seele, die für Freibillels dankbar ist. also eine gutmükhige und devote Seele, wird den stolzen Wagemnth des Direktors preisen. Es ist ein gutes Geschäft. Man zahlt pünktlich mit Reklame. Ei» anderer wird sprechen: Laß deine Hände davon! ES unrd so viel ekles Zeug bei der gegenwärtigen Jbsenfeier zu Tage gesördert, daß Blumenthai's Wortivitz: Bei mir wird Ibsen im.Weißen Rößl" (das Kassenstück des Lessinglheaters) gefeiert. alS Aufrichtigkeit erquickt. „Kaiser und Galiläer" ist eine dramatische Dichtung, di« mit Gedankensracht überladen ist. Man muß solchem Werk Gewalt au- thuii, will man's für«ine» Theaterabend zurechtschneiden. Warnt» dann also eine Feier, die das Gegentheil einer Ebrniig ist? Und welche inneren Berührungspunkte haben das Bellcalliance- oder das Schiller-Theater mit Ibsen. Das ist Großmannssucht. Im Mittelpunkt des Dramas steht die überragend« Gestalt Julians, des Abtrünnigen. Ein faustisches Dränge» lebt in ihm. und die Tragödie einer Uebergangsnatnr wird an ihm erfüllt. Er müht sich irrend und vergebens. Er glaubt, den Galiläer über- winde» zu können und wird selbst übenvnnde». Alle inbrünstige Sehnsucht nach dem„dritten Reich", das statt der Lehre der Ent- sagung Freiheil und Sonne bringen soll, kann dies Reick nicht ver- wirklichen. Die Zeit ist noch nicht reif, es zu erfüllen. Ein Schein- licht, ein Jrrflämnicheu ist es, das Julian zum sonnigen Heidenihin» der Hellenen zurnchuhrt. Das Kreuz hat gesiegt. Ich sah die zweite Borstellung dieses Dramas am Freitag. Das Haus war nur schwach besucht. Au dichterischem Reiz und an dichterischer Tief« steht es für mich dem„Brand" und dem„Peer Gynt" nach. Umfassend aber im weilesteu Sinn ist die geistige Umschau, die es gewährt. Was soll aber ein bescheideu-bürgerliches Durchschniltepubl.kum in unserem Theater damit. Es folgt mit dumpfem Gefühl und wird eigentlich mir bei den stark-dramatischen Momenten, die bei Ibsen trotz aller Reflexion durchbrechen, wach- gerüttelt. Der Gast, Herr Wieck« vom Dresdener Hoflheater, war der An- strengung nicht gewachsen. Er wurde im dritten Akt heiser. Und die Uebrige»? Sie leisteten ihr Bestes, wie es im Nürnberger Trichter für die Dutzcndkritiker und solche, die es werden sollen, ebenso praktisch als schön heißt. Wenn nur aber das Beste so blnt- wenig ist?—ff, Musik. —er— Konzerte. Händel's„Samson" bildete da? Programm d«S dritten und letzten diesjährigen Konzertes des p h i l- harmonischen Chores, dessen Leiter, Herr Ochs, die über die normal« Ausnahmssähigkeit weit hinausreichende Originalparlitnr so wohllhuend gekürzt hatte, daß ein nngekünsteltes Interesse der Ans« fiihnnig erhalten blieb. Den Titelhelden sang der Münchener Kammer- sänger V o g l mit rührender, hoheitsvoller Resignation, aber leider auch mit solch verivelklei» Tone und rhythmischer Breilspnrigkett, daß schließlich das Psalniodisch-Langweiliae das Würdig-Ernste weit überwog. Die Sopransolt waren Frau Herzog anvertraut, die stets vortreffliche musikalische Wirkungen erzielt und niemals Proben einer poetischen Gestallungsgab« liefert. Gefeilten Ziergesang, dem jedoch vollkoninie» eine dramatische Seele fehlte, ließ der Bassist Herr v. M i l d e hören, während die Altistin Geller-Wolter und der Baritonist Hermann Gnra sich durch eine keineswegs tmmt- s echtbare Gesangstechnik bemerkbar machten. Mit lebendigem Schwünge und bewundernSwerther Sicherheit in der Be- wältigung der Polyphomen führte der philharmonische Chor seine gewaltige, dankbare und schwierige Ausgabe durch. Den Wiener Konzertsänger Dr. Felix KrauS ließ sein Lieder- abend in der Singakademie als ernste» und ausgereiften Künstler erscheinen. Er sang Schubert, Schumann und Brahms mit Größe und Innerlichkeit der Empfinduiig, ohne anmaßende Kleinlichkeiten der Nüanrirnng und mit metalliger, nnveriveichlichler Baßbariton- Stimme. Für Schnbert's seltsam zerrissene Komposition des Schiller'schen„Taucher" wußte auch die hingebend« Interpretation des Herr» Dr. Kraus nur geringe Theilnahme zu erwirken.— Mit einem an Volumen geringem, aber mit kütistlerischem Ernst erzogenen Organ« saug Fräulein Adela Herrmann in der Singakademie Lieder von Händel, Mozart, Cornelius und Brahms, die in den üblichen Gejangsprograinmeu nicht allzu oft enthalten sind. Es sprach ans ihren Vorträgen mehr als landläufiger Geschmack und mehr als di« gezierte Geistreich«!» moderne» Konzertgesanges, aus welchem meist viel Selbstgefälligkeit uud wenig Ehrfurcht vor der Musik klingt.— Mit der meisterhaften Durchführung des G-moll. Konzertes von Bruch erzielle die jugendliche Geigerin Laura H e l b l i n g in der Singakadentie einen ungeivöhnlichen und. was mehr sagen will, sehr verdienlen Erfolg. Eine wahrhaft musikalische Natur gab da ihr Eigenstes wieder und stellte mit warmem, großem Tone, mit hiudernißloser Technik und freier, uiiverküinmnler Auffassung daS Werk ins rechte Licht. Als Partnerin hatte die Künstlerin Fräulein Anna Corver gewählt, eine Sopranistin, deren sympathische Stimmmittel besonders aus drei schlichten, volksliederartigen Gesängen von G. van Eyken viele diskrete Feindeiten hervorholten.— Im Bechsteinsaale verkörperten eine sehr, sehr jmtge Geigerin. Frl. Adelheid Nissen. und der Pianist F e r r i e r die geschmeidige und überflüssig« Mittel- Mäßigkeit. Es liegt wenig Achtung vor dem Publikum darin, wenn man dessen künstlerische Ansprüche so kies einschätzt, daß halbes technisches und geistiges Vermögen zu seiner Befriedigung hin- reichend scheinen. Muß denn der Ehrgeiz jeden Unberusene» aus den vier Wänden auss Podium jagen?— Im selben Saale gab tri. C e c i l e C h a m i n a d e. di« Muse der modernen französischen alonlyrik, einen gransam langen KompofitionSabend. Die Dame pro- dnzirt jedenfalls fleißiger, alS es ihre einseitige, auf bizarre Effekte aus- gehende Begabung verträgt. Ans den unaufhörlich gesuchten Hat- monieu uud den lletneu verkrüppelten Einfällen sehnte man sich tnth nervöser Unrnke nach einer korrekten Melodie, mochte sie sich anch trivial aussprechen. Fräulein Chamiuade servirle drei volle Stnnde» ätzende Geivürziugr-dieiizieu, denen selbst die widerstandssähigst« Musiknatur unterliegen niußle. Kunstgewerbe. — Ei» Fries aus Porzellan. Der Generalkommissar der Pariser W e l t a u s st e l l u n g von 1900 hat bezüglich des großen Frieses, der den größeren der beiden Kmistpaläste in der Champs-Elisses schmücke» soll, Maßnahmen getroffen. Di« Zeich- nungeir dafür wurden von dem Justitutsmitgliede Josef Blanc an- gefertigt. Sie stelle»«ine Kiliistgeschichte aller Zeiten dar und solle» nun von der Porzellanmanusaktur in Esvres in Porzellan aus- gesührt werde».— Geographisches. is. Key West. Mancher Leser wird sich fragen, in welcher Verbindung er diesen Namen doch in letzter Zeit hat nennen höre». Seit drei Jahren findet er häufig« Erwähmiiig in der Tages- geschichte als derjenige Platz, von dem die nordamerikanischen Flibustier-Schaaren nach Kuba abgingen zur Unterstützung der dortige» Sliifständischen. Den Namen Key West trägt die lvestlichste unter den bewohnbaren Inseln der Pine Islands im Golfe von Mexiko, westlich von der Südspitze von Florida, und die auf der Insel liegende Stadt, eigentlich Key West-Cily, auf der Nordseite gelegen. Die Insel besteht aus Korallenbaute» und hat eine Größe von etwa 9 mal 3 Kilometer, fie ist sehr niedrig, so daß sich die höchsten Punkte nur S bis 6 Meter über den mittleren Meeresstand erheben. Wie der Name anzeigt, ist die Insel eben nur ein Key(Caye) oder ein Korallenriff. Der Name mit dieser Bedeutung ist übrigens nur zufällig entstanden und ist eine Berderbniß des spani- scheu Namens Cayo Hueso(Knochenkopf), der der Insel wegen der an den Kopf eines Schinkenknochens erinnernden Form gegeben sein soll. Key West ist berühmt wegen seines ge- silnden und angenehmen Klimas, es hat eine mittlere Jahres- lemperatur von 24 Grad Celsius und im Sommer nicht über 23, im Winter nicht unter 2t Grad. Der Boden ist mit Kokos und anderen Palme» bedeckt. Die Stadt ist sowohl nach Bevölkerungs- zahl als»ach Verkehr die bedentendste des Staates Florida. Sie hat etwa 12 000 Einwohner und besitzt einen tafen, der einer der größten Marinestationen der Vereinigte» taalen ist und Schiffe von 7—3 Meter Tiefgang aufnehme» kann. Der Hafen hat zweimal im Monat Dampferverbindnng nach Balti- more, New-Orleans und Havana und in weniger regelmäßigen Slb- ständen mit verschiedenen anderen Häfen des mexikanischen Golfes. Zu diesem ständige» Schiffsverkehr kommt zu gewissen Zeiten noch die Versammlung der amerikanischen Kriegsflotte. Von Industrien ist besonders die Fabrikation von Zigarre» und Zigaretten bedeutend, außerdem gewinnt man Salz durch Verdampfen von Seewasser an der Sonne. Unter der Fischerei steht besonders die Erbeutung von Schwämmen und sogenannte» grünen Schildkröten, die wegen ihres feinen Geschmackes hoch bezahlt werden, in Blüthe. Der Strand der Insel ist sehr gefährlich, und tnfolgedeffen ist der Rettungsdienst vollkomme» zu einem Gewerbe geworden. Die Per- sonen, welche sich dieseui Berufe widmen, werden mit dem bedenk- lichen Name» Wreckers(Strandräuber) bezeichnet. Während der Secessionskriege blieb Key West beständig in den Händen der förderative» Flotte und diente als Stützpunkt für die Biolade der Südstaale».— Gesundheitspflege. t. Woher stammt der n n a n g e n e h>» e Geruch in offenen Wasserbehältern? Diese Frage wird von den Wasserbautechnikern als eine solche von hervorragender Wichtigkeit anerkanut, und ist natürlich auch für die Gesundheitspflege von Be- deutung. Man hat einen derartigen Geruch oft auf Zersetzung organischer Stoffe im Wasser geschoben, die? kann anch gelegentlich die Ursache fei», jedoch giebt es auch winzige Lebewesen, welche durch ihr Wachsthum allein derartige Gerüche ausscheiden und der Ober- fläche des Wassers mittheilen. Man kennt bereits eine lange Liste solcher Lebewesen, die übrigens auch den Geschmack des Wassers beeinträchtige», es fehlte aber»och eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung derselben. Nun haben zwei amerikanische Forscher, Jackson und Ellnis, in„Technology quarterly" ihre Untersuchungen über«ins dieser winzigen Lebewesen veröffentlicht. welches .Amibasii» circinalis heißt und zu den Blaualgen(Cya- nophyceen) gehört. Diese winzige Alge ivurde in zahlreichen Fällen gefunden, wo sich ein Wasserbehälter durch besonders nnangenehmen moderigen Geruch auszeichnete. Nach den Experimente», die mit diesen Organismen vorgenommen wurden. zeigte sich, daß dieselbe» während ihres Wachslhums in einem be> ftimmten Stadium desselben gewisse chemische Verbindungen von der Natur essenzieller Oele ausscheiden, die eiuen scharfen widerlichen Geruch besitze». Dieselbe Alge wird aber auch durch ihren Zerfall für die Eigenschaften de? Wasser? höchst unangenehm, indem sie Gase ausscheidet, die nicht nur beträchtliche Mengen von Stickstoff, sondern auch von Wasserstoff und von Echweselverbindungen ent- halten, auch der eigenthümliche Schleim, der aus der Zersetzung dieser kleinen Pflänzchen entsteht, enthält viel Schwefel und außer- dem Phosphor. Man wird sich jetzt nicht mehr darüber wundern. baß diese iiiikroskopilchen Lebewesen bei einer Entwickelung derartiger Gase wie Wasserstoff-, Schwefel- und Phosphorverbindungen ein von ihnen eingenommenes Waffer vollkommen verpesten können. Weiter« Untersnchunge» iverden dann hoffentlich auch Anhaltspunkte ergeben für die Maßnahmen, durch die man sich gegen diese winzigen Feind« des Süßwassers zu schützen vermöchte.— Astronomisches. —ss— Ein räthselhafter Himmelskörper ist von dem besonders als Beobachter von veränderlichen Sternen bekannten Astronomen Espin an der Wolsingham-Sternwarte in England be- obachtet worden. Derselbe steht etwa eine» Grad nördlich von der Mitte der Verbindungslinie zwischen den beide» Sterne» Capella im Fuhrmann und Algenib im Perseus. Er hat elliptischen Umriß und gleicht eher einer dunklen Masse als einem Nebel. Espin beob« achtele dasselbe am 16. Januar und an einigen folgenden Tagen. Es ist bei dieser Gelegenheit daran zn erinner», daß sich auf Photo- graphien der Milchstraße, die von dem deutsche» Astronomen Wolf und dem amerikanischeu Astronomen Barnard mit Fernröhren von kurzer Brennweite ausgenommen wurden und auf denen sich einige große Nebelmassen finden, auch einzelne merkwürdige baumförmig verästelte dunkle Regionen abgebildet haben, in denen die Astronomen das Vorhandensein irgend welcher lichtverschluckender Massen im Welträume vermulhete». Die Entdeckung Espin's hat dieser Ber» mnlhung neue Nahrung gegeben.—, Humoristisches. — Der Parvenü. Sie:„Was Du nur immer an mir zu mäkeln hast. Hannes!.. Kehre doch vor Deiner eig'neu Thür!* Er:„Sag' wenigstens:„Laß kehren!'— — Der verkannte Dreisitzer. Bauer:„Jetz' weiß i' »et: Hab' i' so an Mordsrausch, oder sitzen da wirkli' drei Radier droben?!"— — Merkverslein. Es ist kein Röslein ohne Dorn Auch das Rhinoceröslein hat auf dem Näslcin ein Hör».— „Flieg. Bl■ Vermischtes vom Tage. — Bei der Aushebung in Wesselburen fand sich, daß bei einem der junge» Leute das Herz auf der rechten Seite lag. Der Bursche hatte davon garnichts gewnßt.— — In T i e g e n h o f sind die Pferde eines mit Hochzeit?- gasten besetzten Wagens durchgegangen. Das Gefährt stürzte in einen Graben. Eine Besitzersfrau ivurde getö dtet, eine andere lebensgefährlich verletzt. Ein Ülrzt und der Ehemann der um- gekommene» Frau erlitten leichte V-rletznnge».— — Aus Scheu vor der Schule sprang«in läjähriger Knabe in Elberfeld aus dem Fenster, als ihn der Schnldiener, wie schon oft, zur Schule holen wollte. Er erlitt so schwere Verletzungen, daß er im Laufe des Tages starb.— — Iii Kaiserslautern verstarb der vierzehnjährig« Sohn eines Schneiders an Gift, das ihm seine Stiefmutter ein- gegeben halte. Zwei andere Söhne konnten noch vom Arzt« gerettet werden.— — Ein junger Bursche i» V a d n a(Ungarn) ermordete seinen eigene» Großvater. Er hatte diesem tödiliche Rache ge- schwore», weil er durch die von ihm erlittenen Mißhaudlungeu in den Kinverjahren cpitepliscb geworden war.— — Ein katholischer Pfarrer ans Le»»i>lgen wurde von der Straskanimer in Luxemburg ivegen Beleidigung(unter Verletzung des Beichtgeheimnisses) z» 14 Tagen Gesängniß u»d einer Geldstrafe vernrlheilt. Er harte in einer Predigt erzählt, ein näber be- zeichneles junges Mädchen aus dem Dorf habe sich vor ihm im Beichtstuhl einer Silteiivcrletzniig bezichtigt, die er dann mit allen Einzelheilen beschrieb.— — In der holländischen Gemeinde Belling wolde lebte seit ca. 30 Jahren ein Mann„unter der Erde". Seine Hohle war ei» Loch im Boden, nicht größer, als daß ungefähr 2b Hello- liter Kartoffeln darin Platz gefnndcu hätte»; sie halte nur eine Oeffnung. Der Einsiedler ist jetzt im Alier von 70 Jahren ge- storben.— — Nach einer Meldung au? Brüssel soll der belgische Aviso„Stadt Antwerpen' mit 07 Mann unter« gegangen sein.— — Der Bundesralh in Bern genehmigte den Ankauf der Liegenschaften in Windisch, auf denen sich das römische Auiphi» theater von Windonisfa befindet.— — Acht berühmte Radfahrer mußten in Frankreich als untauglich zum Militärdienst erklärt oder zurückgestellt werde»; vier wegen Herzkrankheit, einer wegen einer Bein- Verletzung, drei, darunter der„Weltchampion' Bourrillon, wegen— schlechter und f ch>v a ch e r K o n st i t u t i o n.— — Der Achtundvierziger Karl v o n R o t t« ck ist in New-Iork gestorben.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobry in Berlin. Druck und Verlag von Max«ading in Berlin.