Mttterhaltmlgsblatt des Horwärts Nr. 57. Dienstaq, den 22. März 1898. (Nachdruck«erboten.) 16Z Am hänslilhen Roman vo» Iwan Franko. Der Hauptmann saß imnier noch isolirt da, inimer noch in die Leinberaer Blätter vertieft. So lauge er sich allein im Saal befand, fühlte er sich nn- befangen und ließ sich von der im gewissen Sinne poetischen Stimmung hinreiße», die jene Blätter, oder eigentlich die dort befindlichen Namen in ihm erweckten. Doch der Anblick der Offiziere, die sich sporenklirrend im Saale herumdrehten, mit dem Zeitungspapier raschelten und ihm ins Gesicht blickten, um danil nach verschiedenen Richtungen vor ihm davonzulaufen, raubte ihm bald seine poetischen Illusionen. Was bedeutete dieses Davonlaufen? War es absichtlich oder zufällig? Die Auge» immer aufs Zeitungsblatt gerichtet, ohne etwas darin zu scheu, trachtete der Hauptmann sich einzureden, daß fall war, daß die Offiziere als ihn in seinem fleißigen Lesen und deshalb sich von ihm fernhielten. über übten sie dieses Zartgefühl nicht. es ein purer Zu- zartfühlende Menschen nicht stören wollten Zwar anderen gegen- „_,. Da legt eben einem in die Lektüre vertieften Offizier ein Kamerad die Hand auf die Schulter, beginnt ein Gespräch mit ihm und hindert ihn am Lesen. Nun, zwischen intimen Freunden ist es etwas Selbstverständliches, aber wir sind ja in Wahrheit einander fremd, denkt der Hauptmann, und blickt mit einer gewissen Eifersucht auf diese Beweise einer intimen Bekanntschaft unter den für ihn so fremden Leuten. Es war, als flüsterte ihm etwas ins Ohr: Probir's, leg' die Zeitung weg, ob dann jemand auf dich zu- kommr. Aber in demselben Augenblicke wurde er von solcher Angst ergriffen, daß niemand es lhun, und der Skandal dann offenkundig würde, daß er nicht aufzublicken �wagte, sich noch tiefer über das Blatt bückte und es, wie einen schützenden Schild mit beiden Händen festhielt. Doch das Anstarren eines ihm gleichgiltigen Blattes, das Schweigen und heimliche Bc- trachten anderer Leute, war eine sehr unangenehme Sache, und wurde ihm für die Daner unerträglich. Er konnte nicht recht begreifen, was eigentlich mit ihm vorging. Was ihn so furchtsam machte. Warum er sich jetzt nicht von seinem Sitze erhebt und mit der unbefangensten Miene von der Welt auf jene Gruppe dort zuschreitet, die in der Nähe des Ofens Platz genommen, und soeben mit gedämpfter Stimme ein Gespräch beginnt. Bon der gestrigen Festlichkeit her kennt er beinahe alle ihre Physiognomien. Sie yatten ja Brüderschaft mit ihm getrunken, konnten ihn also unmöglich von sich stoßen. Was für Grund hätten sie auch, das zu thun? Und dennoch, trotzdem er sich mehrmals Mnth zusprach, trotzdem er sich Dummkopf und Feigling schimpfte, war er nicht im stände, auszustehen und sich der Gruppe zu nähern. Er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg, wie es ihm vor den Augen dunkelte, und seine Gedanken sich ver- wirrten. Nur sein Gehörsinn verschärfte sich wunder- bar, seine Ohren waren zu Spionen geworden, strengten sich an, um das Gespräch zu belauschen, das am anderen Ende des Saales geführt wurde. Das Ge- spräch ward immer lebhafter. Die Fluth der Worte wurde hie und da von zynischem Gelächter, groben Spähen unterbrochen, von Geflüster und bedeutungsvollen ab- gerissenen Ausdrücken der älteren und vorsichtigen Offiziere dnrchflochten. Der Kreis um den Ofen wurde immer weiter, zahlreicher, fast alle im Lesesaal Anwesenden warfen die Zeitungen weg und näherten sich dem Ofen. Ter Hauptmann saß wie auf glühenden Kohlen. Es schien ihm, daß das ganze Gespräch sich auf ihn bezöge, daß alle nach ihm hinschielten, verächtlich mit den Augen zwinkerten, mit Fingern auf ihn wiesen. Die abgerissenen Phrasen und Worte, die sein Ohr von Zeit zu Zeit auffing, machten auf ihn den Eindruck, als ob man zhn mit glühendem Sprühsand auf die bloße'Haut prickelte. Er litt unsäglich, sich vergeblich darüber den Kopf zerbrechend, warum und wofür er litt. Zuletzt begannen einige von den jüngeren Offizieren, die um den Ofen standen, einzelne Sätze und Ausrufungen ganz laut auszusprechen. „Das kann nicht sein! Das können wir nicht toleriren!* rief der Eine. „Aber er weiß wahrscheinlich von alledem nichts!' be« schwiciitigte ein Zweiter. „Was, ist er blind und taub, daß er nicht weiß, was um ihn vorgeht?' „Nein, einen solchen Herrn können wir nicht in unserer Mitte dulden!' „Man sollte sich doch vorher überzeugen, ihm die Möglich- keit geben, sich zu entschuldigen." Nun entstand ein allgemeiner Lärm. Die Situation des Hauptmanns wurde ganz unleidlich. Mit der größten Willens- anstrengung legte er die Zeitung weg, erhob sich und sich dem nächstehenden Lieutenant nähernd fragte, er höflich mit weicher, leicht vibrirender Stinime: „Entschuldige, 5tamerad, daß ich frage, aber von wem ist hier eigentlich die Rede?" Der Gefragte schaute verlegen zu ihm auf und er- widerte: „Oh, das... ist nichts..." „Wozu diese Ausflüchte, Lieutenant!" sagte ein Infanterie- Hauptmann von gewaltiger Gestalt mit kräftiger Barilonstimme. „Einmal muß er doch die Wahrheit erfahren. So wisse denn, Angarowi«, daß von Dir die Rede war!" Ein Donnerschlag bei heiterem Himmel hätte Augarowicz nicht so niederschmettern können, wie diese Worte; obgleich er es schon vorhin, ja schon gestern ahnte, daß die Offiziere etwas gegen ihn hatten, so hielt er es doch für eine Einbildung, für etwas Zweifelhaftes, dem man doch nicht Glanben schenken mußte. Doch nun hörte jeder Zweifel ans und die fürchler- liche Wirklichkeit schmetterte ihn nieder. Bleich und auf den Füßen wankend, stützte er sich an eine Stuhllehne und fragte init gebrochener Stimme: „Und darf mau ivissen, was die Herren Kollegen von mir gesprochen?' „Wir debattirten über die Frage, ob wir Dich noch länger in unserer Gesellschaft dulden können, oder nicht." „Mich!" rief Augarowicz.„Was habe ich denn gethan, daß Ihr mich in Eurer Gesellschaft nicht duldeil solltet?" „Sei nicht böse, Bruder," sprach der Jiifaiiterie-Hanpt- manu,„aber Du weißt ja, es kommen im Leben Fälle vor. die auf einen Menschen einen häßlichen Schatten werfen, ob- wohl er keinen Finger gerührt und auch mit keinem Gedanken an einer Missethat theilgenommcn." „So fällt also auf mich ein häßlicher Schatten?" fragte scharf der Hanptinann.„Bitte, mir zu erkläre», was das für ein Schatten ist." „Wir dachte», daß Du bereits weißt, um was eS sich handelt." „Ich könnte etwas derartiges über«»ich wissen und es ivagen, in Enre» Kreis zu kommen?" schrie Augarowicz. „Nun, Bruder, wir kennen einander wenig," sagte einer der älteren Offiziere,„und wenn Du in Miseren Kreis mit dem Bewußtsein kommen würdest, daß eine häßliche Geschichte auf Dir lastet, so ivärc das freilich nicht schön, aber auch nichts Unmögliches." „Für mich wäre es rein unmöglich!" „Na, es mag wohl so sein! Aber uns schien es ebenso un- möglich, daß Du's bis nun nicht wüßtest, mit ivem Du lebst und wie Du lebst." „Was, was, was?!" rief verwundert der Hauptmann. „Den Sinn dieser Worte verstehe ich absolut nicht." „Nun, ich bin nicht verpflichtet, sie Dir zu erklären," sagte Gefragte sich von ihm abivendend. „Wie so?" schrie voll Zorn Angarowicz.„Ihr verdammt mich, meidet mich, wie einen Verpesteten, mit einem Worte ihr sprecht das Todesurtheil über mich und schreitet gleich zu seiner Ausführung und wollt mir nicht einmal sagen, worin meine Schuld besteht?" Zorn, Entrüstung, die Empfindniig erlittenen Unrechts und die Furcht, daß dies Unrecht doch irgendwie motivirt sein mußte, und endlich ohnmächiige Verzweiflung beim Anblick der sich von ihm abwendenden Kameraden wütheten in der Seele des Hauptmanns. Er wußte nicht, was er zu thun, was zu beginnen hatte in dieser schrecklichen Kollision, in die er aus ihm selber unbekannten Gründen geralhcn war. Große, blntrothe fTccte flimmerten ihm vor den Augen, und er füdlte in den g�oeimeu Tiefe» seiner Seele das uubezwiug- bare Verlangen erwachen, leine Schande, das ihm zugefügte Unrecht reinzuwaschen im Blnle des Erstbesten dieser gesälligten, stolzen und für feine Leiden offenbar keinen Sinn habenden Leute. „Da kommt Redlich"— sagte einer der Offiziere und fügte zum Hauptmann gewendet hinzu:„Er wird Dir die Sache am besten erklären." „Ja wohl", riefen noch einige im Chor,„und wenn er es nicht thnn will, dann wird einer von uns Dir gerne zu Diensten stehen." (Fortsetzung folgt.) Spaziergänge eines Uatnrfvenndes. Mär». Der. Buchenwald vereinigte die Merkmale deZ Herbstes und deS erwachende» Frühlings. Herr Tanzman» stapfte d»r<-r das rostbraune Laub, das den Boden nichrerc Zoll doch bedecke und aus dem die silbergrauen Baumriesen ihre glatten Elänune kerzen- gerade in die Höhe streckten. Ihre vielverzweigten Kronen waren noch ganz kahl, und wenn man das Gesaininidild dieses Buchen- waldes niil seiner rostbraunen, raschelnde» Laubdccke und seinen hechtgrauen blätterleer«» Bännien ans sich wirke» ließ, so bekam man den vollen Eindruck des Herbstes. Aber Herr Tanzinau» ließ sich nicht irre machen. Um diese Jahreszeil war er immer sehr poelisch gesiinnnl und wie ein Spürhund darauf dedacht, die Zeichen des Frühlings zu er- spähen. Mit seinem scharsen Blick entdeckte er denn aiich sehr bald hier und da ein liebliches, hell veilchenblaues Leberblümchen, das sein zartes Köpfchen an» langem, dünnen Stiele au? der Lanbdecke hervorstreckte. Herr Tanzman» betrachtete diese Blnine mit be- sonderer Ziineignng. Sie gab ihm die Gewißheit, daß die Begelatw» jetzt mit Macht hervorbrach nnd sogar schon anmuthige bunte Blume» erblühen ließ. Freilich konnte eine Blume, die mitte» im dichten Walde wächst,»irr»u dieser Jahreszett blühen, wo die Bäume noch kein Lanvdach besitzen, daS alles am Boden befindliche beschattet nnd erstickt. Sie sehe» daraus, lieber Herr Tanzmann, sagte der Wanderer zu sich, daß man die passende Zeit zu». Blühen benutzen muß. Nachher kommt die Finsterniß und die Nacht. Sie haben es freilich in Groß-Berlin nun loiveit gebracht, daß sie auch in der Nacht blühen. Dafür lassen sie aber dann auch ain Tage die Köpfe und Nerven weit hänge» wie vertrocknete Kohlrüben. Nun sah er in einem Gebüsch von wildem GaiSblatt auch die zierlichen Anemonen i» voller Blüthe. Dabei schien die Sonne so mildwarm herab, daß Herr Tanzmann seinen großen Calabrescrhnl vom Kopfe nahm nnd sich von de» vielen Strahlen bescheinen t�ß. Früh ivar leichtes Froslivetter geiveseu, und weißer Reis hatte aus den Fluren gelegen. Aber die Sonne halle ihn schnell ausgesogen nnd oen Boöen weich gemacht. Nun war daraus das lieblichste Btärzenweller geworden, eine weiche milde Lust, die erschlaffte und beglückte, nnd die Sonne schien in zartem, sanslem Lichte aus dem weißverschleierten Blau des Himmels. Den wirklichen Eindruck des Borsrühlings bekam Herr Tanz- mann aber erst, als er den Rand de? Buchenwaldes erreichte, Ivo dieser in freies Feld überging. Am Waldrande entlang führte eine breite Fahrstraße mit tiefen grasbewachsenen Gräben. Hier brachen ans dem graugelbe» Rase» eine Menge grüner Standen mit den raannigsalltgst gestalteten Blätter» hervor. Blüthe» baue aber nur das Ganscblüntcheu, das den Graben mit sreundlichen weißen Sternen zierte. Der Waldrand war ein sehr gceigneler Standplatz sür eine Menge von Bäumen und Büschen, die»u Buchenwalde selbst nicht Licht und Lust genug gehabt hätten nnd andersivo den» mörderischen Beile de? Menschen längst zilin Opfer gefallen wären. An dem Waldrande bildeten sie eine dichte natürliche Hecke. Herr Tanzman» konnte benicrle», ivie die Knospen von allen diesen Gehölzen schon lebhast grünten. Die Haselnüffe halten lange, blühende Kätzchen, und als er mit der Hand an einen Zweig faßte, brach eine gelbe Wolke von Blülhenstaub aus den Kätzchen hervor. Ein fesselndes Bild bot eine alte gralistärnmige Espe, die dermaßen mit chenille- ähnlichen Kätzchenblüthen bedeckt war, daß die Krone des Baumes wie mit rolhbrauiien Wollsranzen dicht und phantastisch umwickelt schien. Den sollte man nach Berlin mitnehme», sagte Herr Tanzmann, ihn auf der Friedrichstraße aufstellen»nd jeden ralhen lassen, was das sei. Wie würden sich die Berliner wundern, daß der Baum nicht aus Brasilien oder ans Japan stammt oder gar aus Kiautschmi, sondern von einem Waldrande der Mark Brandenburg. Bon der andere» Seite des Weges her, über de» Fluren erklang der tiiieruiüdlich trällernde Gesang der Lerchen. Die Thicrchen schwebte» hoch oben in der blauen Lust in kaum sichtbarer Höhe, und ans ihre» Kehlen erscholl es wie ewiger Frohsinn nnd ewiger Frühling. In den Ackerfurchen liefen geschäftige Bachstelzen, mit den Schwänzchen auf und nieder wippend, dahin und suchten Liiselteii. Nu» erklang auch noch der siltsame Refrain eines Fliikeii- i mäniitbenS, da? immer wieder auf«inen entserntere» Baum der Landstraße flog, sobald Herr Tanzmann in seine Nähe kam. Während der Gesang der Lerchen ein ununterbrochenes Trällern war. sang der Fink eine kurze Melodie und wartete dann«in« Weile, um das Liedchen von neuem zu beginnen. Seltsam, backte Herr Tauzmann, könnte man nicht wirklich glaube», was die Dichter sagen, daß die Vögel nur dazu da sind. de» Menschen Lieder zu singen? Aber am Ende waren i» diesem Falle die Dichter prosaischer als die Wirklichkeit. Daß die Vögel Liebeslieder singen, um ihre Geliebten zu belhören, das ist ja srech und nnkirchltch, aber tief künstlerisch empfunden von der Natur! Di« Fluren, an denen der Weg vorüberfnhrte, waren theilS Roggenselder, deren junge Saat jetzt einem wunderschönen grünen Teppich glich, theils Sturzäcker, deren braune Schollen lange nnregel» mäßige Linien bildeten. Diese Aecker schiene» allen Pflanzenwuchses zu entbehren, als Herr Tanzmann aber näher zusah, fand er die Erde bedeckt mit den unzähligen unscheinbaren weißen Blüthen deS Hungerblümchens. Da können Sie scheu, Herr Tanzmann, meditirte der Wanderer für sick, es kommt ganz ans den Standpunkt an. Hält man die ■ Nase hoch, so sieht man nichts als ei» leeres Feld, bückt man sich . aber liebevoll herab, so jubeln Millionen blühender Existenzen einem . entgegen— freilich Hungerblümchen! Au der anderen Seite ging der Wald allmälig in eine ge« »tischte Formation über. Es waren viele Kiesern in die Buchen � eingestreut, und diese letzteren waren, da wohl der Boden etwas , magerer wurde,'»eniger stark entwickelt als vorher. Einzelne , weißstämmige Birken und Eberesche» standen wie Unkraut da« zwischen. In der Ferne hörte er einen Specht an einen Kiefern- � stamm klopien. Uno jetzt wäre er beinahe erschrocken. Mit krachen- . dem Sprunge halte sicti ein Eichkätzche» von einein Ast zum anderen � geschwungen, und als Herr Tanzmann nun in die Hände klatschte, , konnte er die Akrobalenkünste de- flinken Thieres betrachte», welches fliehend mit wunderbarer Geschicklichkeit von Ast zu Ast, von Bann, zu Baume sprang. Als darauf fürchterlich schnatterndes Geschrei ; in der Lust ertönte, da wußte Herr Tanzmann schon genng, nock ehe er die Radaubrüder sah. Ada, die wilden Gänse— natürlich! , Er mußte wieder an die Frau Taiiznimin denken, seine Mutter, die von Ende Februar bis Ende März, bei jedem neue» Zug von Wild- � gänscn tagte: Gieb acht, was ich Dir sage. Nun kommt der Früh- � ling in? Land! Er kam auch jedesmal wirklich, darin halte sie recht; einmal früher, einmal später. Nun flogen die wilde» Gäine, in regelmäßiger Keilform, ein Gänserich an der Spitze, schnatternd über ocn Hinunelsbogen dahin. Grüßt Andrec von mir, sagte Herr Tanzmann. wenn ihr wieder in eure nordische Heimath zurückkehrt, nnd gewöhnt euch das ab- scheuliche Schnattern ab, das partout zum Frühling nicht paßt! Bester paßl« dazu schon das Gaukelspiel eines F»chs-L metler- lings, den die wanne» Märzloge zu einem vorzeitigen Auostng veranlaßt haben mochten. Er schien einer der windigste» Gesellen seiner Art zir sei». Ohne Beständigkeit sah er sich ein Paar Gänseblumen am Wegrande an, dann flog er an Herrn Tanzmann's Nase vorbei nnd dann in weitem Bogen über den h.-eg nnd dann war er verschwunden. Er war absolut nickt niehr aufznsinden, obwohl Herrn Tanzmann's Augen ihre ganze Ehre einsetzten, ihn zu entdecken. Ohne Zweisel hatte er sich in? Gras gediick!, die Flügel mir den glänzenden Ober- feiten znsamniengeklappt, daß er aussehen mochte, n>>« ein welkes Blatt. Nun sollte ihn einer unter de» lausende» von Blätter», die im Grase des Wegrands lagen, deranSflnden! Beim Suchen im Grase bemerkte Herr Tanzmann, daß auch das kleine Gelhier schau lebendig geworden war. Schivarze Spinnen huschten über das geloe Gras, und an- der Oeffnnug eines lleinen sandigen Erdbügels trugen kleine geschäftige Ameisen Sandkorn»in Sandkorn heraus. Da wo der Wald zu Ende ging, stand ein alles FörsterhauS, mit dem civc Gastwirihschafl und eine Schmiede eine kleine A». siedelnng bitocten. Ter Garten des Försterhanses zeigte bereits?ie ersten Spuren der Bestellniig. Er war sauber ansgeräumt und die Beete frisch gegraben. Aus den, schivarze» Erdreich guckten bereits die ersten Blätter der Erbsen und Radieschen hervor, die vor einigen Wochen gesäet sein mochten. Herr Tanzmann mnßle lebhast an seine Kindheit denken. wo er jeden Tag einige junge Radieschcnpflanzen auegertssen hatte, uin nachziiseden, od sie schon eßreis waren. Ehe es aber wirklich soweit kam, waren gewöhnlich die RadicSchen zum Entsetzen der Frau Tanzmaiin schon alle herausgezupft. Sie glanble dann, die Eng-rlinge hätte» sie nbgesresjen, setzte die Brille aus. was sie immer bei jeieriiche» Gelegenheilen thai und sagte: E? kommt eben, wie es kommt. Und kommt nichts, na so koinnit eben nichts! An den Rändern oer Beete standen buschige Stachelbeer« stränchcr. die bereits im zarten Grün der Blätter prangte». Die Jvbannisbeeren waren nock weit zurück, aber auch an de» Flieder- sträuchern halten sich die ersten kleinen Blätter aus den Knospen- trieben abgewickelt. Das Aiisjälligste an dem Garten aber waren die schönen btaiien Sclllabtnthen und die gelben Krokus; die anderen Zwiebelgewächse, die Tnlpc» und Hyazinthen, die Kinder wärmerer Gegenden, kalten nur eben erst ihre dicke» Triebsprosse» aus der Erde gesandt. Das Försterhans ivar mit Ephen nnnvachsen und von allen hohen Tanne» umrahmt, die diesem Heim Sommer und Winter dasselbe malerische, ein ivenig ernsthafte Aussehe» verliehe». Eine flIU ehrwürdige Ulme, die an der Straße stand, und die jetzt blühte, bot mit dem zarten hellbraune» Schimmer ihrer Aeste ei» merk- würdiges Gegenstück zu den düstereu Tannen. Herr Tanzmann stand bewnndernd vor diesem alten Baume, dessen Krone jetzt, ohne daß sie Blätter hatte, doch vollständig dicht mit unscheinbaren, aber sreilich sehr zahlreichen Blüthen besetzt war. Es ist doch seltsam, dachte Herr Tanzmann, daß niemand imsere Laubbäume zu ihrer Blüthezeit malt. Sollten die Maler nie blühende Ulnien und Pappeln gesehen haben, oder sollten sie wisse». daß jeder, der so etwas auf dem Bilde zum ersten Male sehe» würde, sagen könnte: Bäume mit rehfarbene», purpurnen und grauen Blättern! Der Kerl ist wohl verrückt! In den Zweigen der Ulme führte» ei» paar schwarz-weiße Elstern ei» fürchterlich skandalöses Gezänk auf, so daß die Spatzen aus dem Stakelenzann des Försterhauscs aushorchten und ein paar Rothschwänzchen sich in die Dachluken siiichteleu. Das fehlt blos noch, sagte Herr Tanzmann entrüstet, daß solches Galgcnzeng hier»och die Singvögel und den Frühling vir- treibt und entstellt. Im ersten Frühjahr war er immer sehr empsindlich und ver- langte nur leise Töne und leichte anmulhige. Farben. Es half ihm aber nichts. Kaum war er aus der Ansiedelung hinaus, so ver- »ahm er von neuem ein aufdringliches Schreien und Schnattern. Und in regelmäßiger Neilsorm, ein Männchen an der Sp>tze, zog «in neuer Schwärm Wildganse nordwärts über den Himmelsbogen dahin.— Curt G r o t t e w i tz. LNcinesl.Xcuillotem. — Jnr Vlrschichte der Buchdruckcrkunst. In Brügge soll ein tvichirges Doknmenr zur Geschichte der Buchvrnckerkunst entdeckt worden sein, nämlich ein vor der berühmten Mainzer Bibel des Johann Gulenberg(1487 erschienen) gedrucktes Buch. Ein kürzlich erschienenes»mfangreichcs Werk des Brügger Archivars Gilliodts van Severe» beschreibt ein bis jetzt unbekanntes, in der Pariser Bibliotdeque Ätalionale befindliches Buch, das mit bewegliche» guß- eisernen Buchstaben gedruckt und allein Auscheine nach älter sei als die Bibel von Guteuberg. In diesem Werke: I/ouvro de Jean Brito, führt der Verfasser ans, daß das Pariser Uuicui» 1445 zu Brügge durch Johann Brito— der sich ans dem Umschlage als „Bürger von Brügge, Buchdrucker und Erfinder" vorstellt— unter dem Namen„Doctrinael"„zur Belehrung aller Christen" gedruckt wurde. Im Archiv der Stadt Brügge wird Brito„Meister" ge- nannt.— Zlehiiliche Bersuche, Denkmäler der Buchdruckerkunst über Gulenberg hinaus nachzuweiie», sind bekaunllich schon ost gemacht worden, aber stets gescheitert.— c. e. Der Kampf mit dem Uiibcgrcislichcii. Für einen Europäer ist es bekamillich sehr schwer, richtig chiiiesjsch zu schreibe», aber fast ganz nninöglich ist es für ihn, die chinefilche Sprache richtig zu sprechen. Man weiß ja, daß diese Sprache hauptsächlich aus einsilbigen Worten besteht, die je nach der verschiedene» Alzen- ruirilng, der Alhemsverlheilung, der Abwandelung und anderen Sliiumverändernngen einen andere» Sin» erhalten. Dieselbe Silbe kann sogar nach 15 verschiedene» Arten ausgesprochen werde» und bat dann imnier eiiie andere Bedeutung Wie soll also ein Europäer sich hier zurechtfinde»? Dr. Masters, der bekannte englisch- Philologe, der alle Geheiinnisse der chinesische» Sprache ergründet zu haben glaubte, mußte schließlich-lngestehen, daß er i» dieser Hinsicht manche Enttäuschnng erlitten habe. Eines Tages befand er sich aus einem Felde in der Nähe von Peking, und als er eine» Bauer vor- übergehen sah, sagte er ihm einige Worte, die einen herzlichen Gruß bedeute» sollten; aber der Gelehrte hätte für seine Freundlichkeit beinahe Prügel bekomnien. Glncklicheriveise gelargte mau zu einer Verständigung; der Philologe halte einen Accent an die unrichtige Sielle gesetzt, und sein Gruß hatte sich auf diese Weise in eine schreckliche Verivünfchuiig verwandelt. Noch merkwürdiger war das Ätesullat, das ein junger englischer Missionar erzielte, der die Geduld balle, i»(Santo» ncht Jahre lang die chinesische Sprache zu stndire». Als er sie vollständig zu beherrschen glaubte, riet er die Gläubigen ziisainine» und hielt eine Predigt im reinsten Chinesisch, oder viel- mehr in einer Sprache, die er für Chinesisch hielt. Die Zuhörer hörten andächtig zu, aber sie schienen sehr erstaunt und überrascht zu sein. Endlich sagte einer von den Anwesenden zu seinen freunden:„Sonderbar! Habt Ihr nicht bemerkt, daß die englische Sprache hin und wieder einige Worte aufweist, die dem Chinesische» gleichen?"— Theater. In» Schiller-Theater wurde am Sonnabend zur Feier Jbseu's das dramatische Gedicht„Brand" aufgeführt. Das iväre die erste Aufsührung von„Brand" i» Deutschland. Warum gerade das Schiller-TKealer die überflüssige Führung übernahm, ist schwer zu begreifen. Das Publikum des Schiller-ThealerS besteht vorzugs- »eise aus jenen Elcnienteii, über die Ibsen selbst seinen grimmigen Hohn ergoß. Alich im„Brand". Da? tatirische Widerspiel zum hoch- griiiilthen Pfarrer Brand wurde iu derAufführuiig des Schiller-Theaters allerdings nur auf ein paar Andelltungen beschränkt. Fiir Ibsen selbst, der doch das Theater auch ein ivenig kennt, war nie dramatische Form im„Brand" wohl»ur ei» Mittel, um von Fragen»nd Gedanken, die auf ihn einstürmten, im Gedicht sich zu befreien. Die Noriveger nenne»„Brand" ihre» Faust. Nun giebr eS ja der Fauste so viele, wie es bei Landichailen die Bezeichming Schweiz giebl.(Märkische Schweiz.» Auch die Ungarn nennen die„Tragödie des Menicheii" von Madach ihren Faust, und doch ist dies dra- malische Gedicht im Wesen e»ie klavperige, rhetorische Allegorie. An die siuusiche Fülle, an den bestrickende» lyrische» Glanz in der Gretchen-Trugödie darf man»nn freilich bei Jbseu's„Brand" nicht denken. Aber mächtig durch glühenden Kampfeseifer bleibt Jbseu's Werk als tiefgreifende, selbnändige Gedaiikeudichluiig besteheil; und im vierte» Akt, der auch das Publikum mu lebhasleiten fesselte, ist sie getränkt mit überquellend warmer lyrischer Empsiudung.(Leider störte in diereu» Akt die unleldltch seiitinieulalische Weise einer thrüuenseligcn Schauspielerin.) I» der Heimath des Dichters wird gewöhnlich dieser vierte Akt für sich, losgelöii vom Ganzen, das nun eben lischt in eine» Theater- abend gepreßt iverden kann, gegeben. Tort allirdings ist„Brand" ei» BoUsouch, sein Problem jedem bekannt. Dies Problem ist ewiger Natur. Es steigert das individuelle Bewußtsein bis zu den änß.riie» logische» Folgermigen»nd setzt es in Widerspruch init der Gesellschaft, mit der gemeinen Wirklichkeit der Dinge. Daß das Problem in religiöse Belenchumg gerückt ist, daß Brand, der Wahrheitssncher, ein Pfarrer wird, berührt nach Jbseu's eigenem Bekeniilniß nicht das Wesen der Tichlmig. Ebenso gut hätte ein Künstler oder ein Forscher in die Tragödie gestellt werden können. Wir habe» eine denlsche Dichtnng, deren ethisches Problem an daS deS„Brand" erinnert. Die Komödie Grillparzer's„Weh' dein, der lügt." Es ist ethnographisch iilleressant, zu beobachten, wie das Probien« in weicher, Wiener Lust von Jbseu's Art abweicht. Milde I-ächelnd giebt der Bischof bei Grillparzer Absolution für die Lüge. Er schließt ei» Komproiniß und ist froh, tveim nur„das Unkraut nicht de» Weizen überwuchert". Wo der Glelscyerwind iveht, sind die idealistischen Dränzer auch eifernde Geister. Alles oder nichts, sagt Pfarrer Brand. Sich selbst durchsetzen oder fallen. Daß er den Weg nicht findet, daß er trotz allem zum Kompromiß gedrängt wird, wen» er seine »ene Kirche aufbaut, ist Brand'? Tragödie. Die Mutter, sei» Weib und Kind hat Brand dahiugegebe», und er hat doch nicht die Macht, aus sich aNein zu stehe». Er versucht, eine nette Gemetnde uin sich zu sammeln. Gedichte, wie„Brand" werden inerkivnrdige Denkmale unserer Epoche bleiben. Ihre Helden sind von t c Unrast. Nie kominen sie dazu, zum Augenblick zu sage»: Verweil', du bist so schön! Irrend haben sie sich bemüht und ivenn es ans Sterben geht, so ivird da?'Auge nicht durch eine» Blick auf gelobtes Neuland er- qnickt. Von uniidertrefslicher Meisterschaft ill der Kritik der be- stehende» Gesellschaft weisen diese Gedichte nicht iu die Zulunst. Sie sind der bitteren Frage voll: W»? soll das werden? Und sie gebe» keine Antwort. Dns sino Merkmale einer Zeit, i» der UN- nachsichtig ausgeräumt und»och»ichl nach festen Pläne»»eu ge» banl wird. Man konnte in den Soinitagsblättern lesen, wie feierlich es im Schiller-Theatcr gewesen sei nud wie die Hörerschaft mit be« geisterler Andacht den Versen Jbseu's gefolgt sei. Nu» ja, etwas wie von dumpfer'Ahnung, daß ein bedeulnngsschiveres Gedicht vorgetragen iverde, lag über der Hörerschaft, die zudem selbst im trivialsten Blatt gelesen hatte,„Brand" gehöre zu den größten Prodnklivne» der Gegenwart. Aber von dieser«»bestiinnlten Ahnnng bis zum deutlichen Gefühl ist noch ein iveiter, weiter Weg; viel zu weil für«in engbrüstiges Publiknni. Ans die Darstellniig war man sonst im allgeineineu mit Eiser bedacht. Der Brand deS Herrn v. Winterstein war sogar eine sehr«rnsthasle Studie, und Work und Vers>var eindringlich gemeistert.——1k. Im Neue» Theater wird der neueste Sardou schwerlich alt werden. Voltaire ist a»S der Mode, dafür sind Spnkgeister und Gespenster m oder». So»ngefähr kennzeichnet der Naisoiinellr in S a r d o u' S„Spiritismus", der jüngsten Novität des Neuen Theaters, die öffeniliche Lage. Dagegen legt Sardo» im liberal«- sirende» Aiistlärungsetser ein« Lanze ei». Er wollte de» SpirUismns wohl lächerlich machen nnd aufzeigen, wohin er einen Menschen treiben ka»». Darnm verfaßte er eins der kläglichsten Dramen, das ans der bankrott gewordenen Fabrik Sardon hervorgegange» ist. Es ist«ine seltsame Ironie, daß diese Ptippenlpielerei gerade am Geburtstage Jbseu's gespielt wurde, des Mannes, der die schiverften Hiebe gegeil die Puppenkunst ge« führt hat. In Paris wurde Sardon's„SpiritiZuuiS" niedergelacht. Darnm bat»rnii bei uns dem Stück iu der»rsprünglichen Fassung das Genick gebrochen»nd einen andern Kopf aufgesetzt. Das macht dieser Sorte von Stücken nichts weiter, da sie ja doch keine lebendige Seele haben. Der gehörnte Ehegatte bei Sardon steckt derart tief im spiritistischen Wahn, daß er daS reuige Weib, das>»» Verzeihung fleht, für ein Wesen der vierten Dimeiisioil hall.(Er»»ihre nämlich annehmen, sie sei bei einem Eisenbabn-Unglück getödtel worden, ivahrend sie in Wahrheit bei ihrem Liebhaber weilte.) Der deutsche Bearbeiter meinte, so närrische Spiritisten giebt es nicht, nnd so vergiebr der betrogene Gatte auf gewöhnlichent Wege. Kehre zurück, Hnlda, es sei Dil? alles verziehen! EZ roat einer der martervollsten Abende in diesem Theaterjahr. Das Sonntagspublikum applaudirte trotzdem nach den beiden erste» Alten uneutivegt; der Schluß wurde matter anfgenomuie». Sein bischen Schadenfreude hat man übrigens doch. Unsere Thealcrdirektoren kämpften in gieriger Konkurrenz um den neuesten Sardou. Sardou's Ernte wird aus dein Halm gekauft, und nun das Ergcbuiß!—S. Kunstgewerbe. — Das Preisausschreiben für Stollwerck-Bilder hat zu folgendem Ergebniß geführt. Eingelaufen waren 887 Ent« würfe. Je einen gleichiverthigen ersten Preis von 1000 M. erhielten die Maler M ü» z e r(München) nnd Z w i n t s ch e r (Meißen); je einen z iv e i t e n von KOV M. erhielten 5 Künstler, je «ine» dritte» von 300 M. 10 Künstler. I» Forin einer ehrenden Anerkeniinng wurde» anßerdenr 38 Enlivl'irfe der Finna znm Ankauf «inpfohlen. Di« Entivürfe sind in Berlin vom 19. bis 3l. März im großen Saale des alte» Steichstagsgebändes öffentlich ausgestellt.— Psychologisches. — Geisteskranke und ihre Neig»ii gen. In einen» kürzlich erschienenen Buche:„Geisteskranke und ihre Passionen" theilt ein englischer Nervenarzt einige Fälle von eigenthümlichen seelischen Aeußernngen Geistesgestörter mit. So hatte eil» Patient, der sich bereits seit dreißig Jahre» in der Anstalt befand, eine aus- gesprochene Leidenschaft für die„Banknotenfadrikation". Taga»»s, tagein arbeitete er init größtem Fleiß an der Herstellung seiner ge- liebten„Wertkpapiere". Er ging dabei sehr sinnreich zi» Werke, indeu» er ein Stück»veißes Papier von der Größe einer Banknote zuerst mit einem„hübschen Rand",»vie er es nannte, versah. Diesen Rand erlangte er dadurch, daß er die Kanten des Papiers auf die erhabenen Nandverzierungen eines Buchdeckels legte nnd mit einem grauen, blauen oder braunen Slist so lange darüber hin- und herstrich, bis sich die Verzierungen reliefartig durchgedrückt hatten. Di« mittlere Fläche der Banknote stillte er dann mit Figuren und Arabesken aus, zu denen ihn» die verzierten Deckel einiger Blechschachteln als Unterlage diente». Zuletzt schrieb er in großen Ziffern eine beliebige Zahl von SO bis 100 in die Mitte des schöne» blauen oder braunen Scheines, und die»verthvolle „Banknote" war fertig. I»» Laufe der Jahre hatte sich der Vorralh an„Werthpavieren" dermaßen angesainnielt, daß ein großes Repost- torium im Zinlmer des Kranken damit angefüllt»var. Man halte es einmal gewagt, einen Theil dieser Papiere heimlich beiseile zu bringen, doch»var die Verziveislnng des Irre», als er seinen Verlust entdeckte, so groß, daß es niemand»nehr übers Herz brachte, dem harmlosen Banknotenfabrikanten einen ähnliche» Kuinmer zu bereiten. Der merkivürdige Fall von„Leidenschaft" zeigte sich bei einen» Kranken, der»ach dein jäh erfolgte» Tode eines nahen Angehörigen »vabnsinnig geivorden»var. Dieser Patient hatte erst»vochenlang i» tiefster Schivermnth vor sich hingebrütet: eines Tages jedoch be- merkte»na», daß sich sein Gesichtsansornck jedesmal ausfallend ver- änderte,»veun er im Garte» der Anstalt einem bestimmte» Kranken begegnete. Ein freudiges Lächeln verklärte die schmerzverzogene» Züge des Irre», sobald sein Blick auf die Gestalt des Mannes fiel, der ihn» in kurzer Zeit eine»»begrenzte Zuneigung einflößte. Auf Schritt und Tritt folgte der Kranke dann seinem„Ideal"; kann» ins Freie gelangt, spähte der Unglückliche so lange suchend umher, bis er de» Gegenstand seiner Schivärmerei gesunden hatte. Befand sich dieser zufällig in einen» andern, durch Mauern begrenzte» Theil des Gartens, dan» verstand der seltsame Irre sehr geschickt, seine Wärter zu »änschen, kletterte geivandt über die Mauern, die ihn von seine», „Ideal" trennten, und es gelang ihn» auch stets, dieses endlich aus- ffudig zu»lache». Die beiden Irren»vcchselten nie«in Wort mit einander, auch blieb die eigenthümliche„Schnwirmerei" völlig einseitig, da sich der andere Kranke— ein Idiot— seinem Beivun derer gegenüber äußerst gleichgiltig verhielt, überhaupt gar nicht zu bemerken schien, daß ihn» stets jemand»vie sei» Schatten folgte und all seine Handlungei» nach- ahmte. Steckte der Idiot seine Hände in die Tasche», so that der treue Verfolger dasselbe! gähnte, nieste, hustete oder lächle der eine, so»vurde die Handlung sofort von den« ander»»viederholt. Der Stand der Dinge blieb über zwei Jahre unverändert, bis der Idiot eines Tages schiver erkrankte»»»d starb. Sein Verfolger snchte i» offenbar größler Seelenaugst tagelang nach dem Verschivundenen, und als er ihn»icht sand, verfiel er in Tobsucht und starb inner- halb»veniger Woche».— Meteorologisches. -- Ei» Nordlicht»st am lb. März abends?>/« Uhr i» O st e r o d e beobachtet worden. Der„Königsb. Allg. Zeitung"»vird darüber berichtet:«Seit 7V» Uhr habe ich heute hier ei» Nordlicht beobachtet. Es reichte etiva 30°»ach Osten und 60° nach Westen. Der Horizont erschien nnten dunkel,»vie mit dunkle» Wolken bedeckt, in denen jedoch ab und z» an»vechselnden Stellen lichte Stellen aus- tauchten,»»»» plötzlich tiefen» Dunkel zu»veichen. Darüber lag«in milchiges Segment,»»» NNO bis zur Bega, in NNW bis zur halben Höhe der Cassiopeia emporreichend. Die hellere» Sterne des Schivan und der Andromeda hoben sich scharf daraus hervor und durchschimmerte»» auch deutlich die tiefsten dunkle» Schichte»; zeitweise»var die dunkle Schicht breiter, zeilweise die»nilchige. Der schnelle Wechsel von hellen und dunklen Stellen machte an der Scheide- grenze des dunklen und hellen Segments einmal zehn Minuten lang den Eindruck, als ob es»vetterlenchlete. Die aus dein Segment hervorbrechende Slrahlnug»var meistcus gering. An» stärksten zeigte sie sich zu beiden Seiten der Cassiopeia, deren Höhe sie er- reichte. Auch links von der Bega sah man einige Male stärkere Strahlenbündel. Nur ganz kurze Zeit schien das ganze Segment zu lohe». Alles»var nlilchiveiß. nur ziveiinal, um'/s8 und°/«S Uhr zeigte sich an» oberen Rande des hellen Seginents und in den Strahlen unter der Cassiopeia ein schivacher röthlicher Schinnner. Später verschivand der dunkle Horizont und das Segment»var durchiveg »lilchiveiß. Um lO'/a Uhr»var es noch ca. 15 Gr. hoch uild ohne jede Strahlung."— Humoristisches. — Da? feltsaine Geiverbe. Dem„Elsäffer" wird folgende Schnurre erzählt: Ein Militärmnsiker ist»nit einer Schönen aus einem elsässischen Orte verlobt. Die Hochzeit soll in Bälde stattfinden. Jüngst besuchte unser Musiker seine Braut und deren Ellern. Im Laufe des Nachmittags ging er zun» Standesbeamten, um die zur Anfertigung des Aufgebots»öthigen Angaben zu machen. „Was sein» Sie?", fragte ihn dieser.—„H oboist", antwortete der Gefragte.—„Hoboist! Hm! Was esch denn des sor a Ge- iverd?". fragte der vorsichtige,»n der Führung seiner Akten sehr geiiaue Mann.—„Ein Hoboist ist ein T o n k ü n st l e r ," antwortete lächelnd der Mnsikerbränligam.—„Hm, hm!", fing»»ser Alter an. schob seine groß« Brille znrecht und betrachtete de» vor ihm Stehenden, in den» er(»veil in Zivil gekleidet) weder einen Mars-»och einen Musenjünger erkenne» konnte,„hm! hin! Also a Tho— onkünstler senu Sie. Na» leiver Mann, rede Sie doch nit so verblneutt un sage Sie frank von der Bruscht»veg, daß Sie G' s ch i r r m a ch e r oder Hafner senn; s'esch jo a Haudiverk.»vo»»er»Ich derweje»et zu schäme brttcht, un »»er derfs deshalb bim rechte Name nenne."— — Verböserte Eva.„Sie könne» sich garnicht vorstellen, »vie boshaft meine Frau ist! Von der hätte Adam eine» Galt- a p f e l bekommen!"— Vermischtes vom Taste. — Vom„Narre» schiff" ist bereits der ziveite Redakteur über Bord. Max Osborn theilt mit, daß er zurückgetreten ist,„da ein Zusammenarbeilen niit den derzeitigen Verlegern dieses Blaties, den Herren Carl Predeck u. Co., Papier on Zros. leider völlig unmöglich" ist.— y. In der Ortschaft Uigschen(Ostpreußen) erschlug der 22 jährige Sohn eines Stellenbesitzers seinen Vater»ach«inen» Wort- »vechsel niit einer Hand spritze.— — In Wenoisch-Musta(Kreis Saga») sind zivei Kinder einer Dimstmagd durch Ofenrauch erstickt.— — Der Berg K a m« i k bei Teplitz(Böhmen) ist 20 Meter»veit gerutscht. Der Ort W s ch e ch l a b»st von ihm bedroht. Zwei Häuser sind eingestürzt.— — In Budapest»vnrde dieser Tage ein Juivelendieb ver- haftet.'Außer originell konstrnirten Diebesiverkzeugen fand man 200— Visitenkarten mit seinem Name» nnd folgenden gedruckten Versen: Hier bin»ch gewesen,— Hier steht es zu lese»:— Jssing Franz bin ich genannt,— Ungarn»st mein Vaterland.— Ich reise durch die ganze Welt— Und bleibe,»vo es mir gefällt.— Wenn einst in späteren Zeiten— Mein Name»vird genannt.— So denk' an mich und sage:— Den Lnuipen Hab' ich auch gekannt.— — I» T u r i n, vurde ein Professor von feinem früheren Diener überfalle» und durch Messerstiche getödtet. Der Mörder erstach sich darauf selbst.— — In Nizza ist,»vie dies fast jedes Jahr zu geschehen pflegt, der Jinpresario des Opernhauses d n r ch g e b r a ,»>».l. Die Stadt zahlt für die Opernspielzeit eine Beihilfe von 100 000 Fr., außerdem»nacht der Impresario bei den Maskenbälle» während des Karnevals Rieseneinnahnlen, aber in der Fastenzeit sind die Ein- nahmen mager, und da brennen dann die Herren Jmpresari in der Regel durch.— — In V e u o s a bei Neapel erschlug ein Grundbesitzer aus Eifersucht seinen Bruder,«ine» Priester, und seine Frau mit der Axt.— — Ueberfälle von Zügen, besonders Güterzügen sind jetzt im russischen W e i ch s e l g e b i e t eine häufige Erscheinung. In einer Stacht»vurde» drei Güierzüge beraubt.— — Der 70. Geburtstag Henrik I b s e n's»vurde in C h r i st i a i» i a mit großen Festlichkeiten gefeiert. Der Dichter empfing Glückwünsche von» Storthing, von zahlreichen Deputalionen, Vereinignngen und Privatpersonen.— — Die„Petites Asfiches", das verbreitetste französische Annoncenblatt, enthalten folgende Anzeige: Prinz Philipp von Kobnrg iiiacht bekannt, daß er für die Schulden seiner Frau, geborenen Prinzessin von Belgien, keine Ver- antivortung überninimt.— — Die längste direkte T e l e p h o» l i n i e»vurde jetzt zivischen C h i k a g o uno N e>v« f!) o r k vollendet. Sie bat eine Länge von 1520 Kilometern nnd.jt oberirdisch a» 42 000 zivölf Meier hohen Pfählen hingeführt.— Verantwortlicher Redakteur: Angust Jacobcst in Berlin. Druck und Verlag von Max Tading in Berlin.