Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 68. Mittwoch, den 6. April. 1398. (Nachdrui! verbstetr) 27] Am häuslichen Herd. Roman von Iwan Franko. »Vor vier Jahren habe ich niein ganzes Vermögen ver- loren/ fuhr er fort. »Vor vier Jahren?!* rief der Hauptmann, der seine Aus- reguug nicht benieistern konnte und sich unruhig im Sessel be< rvegte. „Ja, mein Söhnchen, vor vier Jahren/ bestätigte Kurter. ohne seine Aufregung zu begreifen.....Das ist eine lange Geschichte. Sie haben mich hintergangen, betrogen, haben mich um den letzten Bissen Brot gebracht... Ich mußte Kirchen- diener werden, das ist ein hartes Loos. aber was blieb mir anders übrig. Da dachte ich an Angela und an Dich. Ich erfuhr, daß Du in Bosnien feiest. Ich schrieb an Angela, erklärte ihr meine Lage und bat um Hilfe. Sie antwortete mir nicht. Ich schrieb noch- malS und erhielt wieder keine Antwort Dann wurde ich krank, verlor nieinen Dienst, wer würde auch einen alten ge- brechlichen Greis halten wollen! Ich mußte betteln. Da dachte ich.. es ist doch meine Nichte, ich habe sie groß gezogen. ausgestattet... sie wird mich doch nicht vor die Thür stoßen... Ich legte den Weg von Krakau zu Fuß. bettelnd, unter Hunger und Kälte zurück. Ach. mein Söhnchen! ich weiß ja. daß Gott mich für meine Sünden straft, aber wie bitter ist diese Strafe/ Ter Hanplmanu war wie auf die Folter gespannt t jedes Wort durchbohrte wie ein Nagel seinen Körper, jedes Ansstähnen des Alten verrenkte wie eine Schraube seine Gelenke, jeder Husten- anfall sengte ihn wie eine brennende Fackel. Er wendete sich von Kurter weg, um ihm seine Qual nicht zu verrathe». Der Alte hustete und fuhr fort. .Sie antwortete nicht, sie vergaß mich, und wollte sich meiner nicht erinnern. Vielleicht geschah mir Recht damit, habe ich doch auch Euch vergessen.., Aber das hätte sie mir nicht thun sollen.. Er wischte die schweren Thränen weg, die sich in de» Falten des Gesichts verloren.„Aber Du, Du wirst niich doch nicht von Dir stoßen! Du wirst mir Zuflucht bei Dir ge- währen für die letzten Tage meines Lebens, nicht wahr?" fragte er mit zitternder Stimme den Hauptmann. „Aber Väterchen/ rief dieser, seine beiden Hände er- greifend,„wie konntet Ihr einen Augenblick daran zweifeln?" Erholt Euch nur soweit, daß Ihr Euch von hier fortbegeben könnt." ,O ja. ich muß mich erholen, sagte Kurter schnell; ich fühle, daß Gott Dich gesandt hat. Deine Anwesenheit schon giebt nur Kraft und Gesundheit." Tann bewegte er den Kopf melancholisch und sprach: .Aber ich habe Angst vor ihr. vor Angela! Hüte sie mein Sohn! Sie war ei» gntes, verständiges, energisches Wlädchen. aber ich Unglückseliger habe ihre Seele vcrgislet. Ich habe ihr den Stolz beigebracht, die Verachtung der Arnien, Niedrigen und Gebeugten, die Angst vor der Armuth habe ich ihr eingeimpft, und u»n fürchte ich, daß dieses Unkraut die edleren Triebe in ihrer Seele erstickt hat. Sie antwortete nicht auf mein Schreiben, in dem ich ihr meine Armuth, meine Roth schilderte, sie tröstete mich nicht, reichte mir keine hilf- reiche Hand. Das ist ein schlimmes, ein sehr schlimmes Zeichen. mein Sohn! M>l derselben Waffe, die ich ihr i» die Hand gedrückt. schlug sie mich. Hüte sie. denn die Waffe ist ge- sährlich!" Blaß und zu EiS erstarrt blickte der Hauptmann wie ein Lebloser mit oerglasten Augen auf Kurter, dann stand er auf und begann, sich eiligst zu verabschieden. Er fühlte es, daß ein längeres Verbleiben an diesem Orte, ein längeres Anhören Kurter's, ihn in Wuth bringen, ihn wahnsinnig machen könnte. Von einer Angst getrieben, wie sie nianche Menschen vor einem Schlaganfall empfinden» trachtete er von hier fort und in die frische Luft zu kommen. .Du willst schon fort, mein Sohn?' fragte traurig der Greis.„Nun, geh', geh', ich weiß, Du bist beschäftigt. Du hast Pflichten. Aber besuch' mich wieder, wenn Tu Zeit hast. Und nachher, wenn ich gesund werde, bitte ich Dich bei allen-, was Dir heilig ist, mein Sohn, nimm mich zu Dir! Gönne mir einen Winkel in Deinem Hause und einen Bisten Brot! Lange werde ich Dich nicht stören! Laß mich nur nicht im Straßengraben zu gründe gehen!" XI. Also auch das Lüge! Alles Lüge! Der Gedanke bohrte sich in des Hauptmanns Hirn. Mit einem ganzen Lügen- netz hat sie mich umgeben. Wie kunstvoll hat sie ihre Rolle gespielt! Wie rein, wie heilig, wie unschuldig erschien sie mir! Meinen Kopf hätte ich dafür verbürgt, daß nie ein schlechter Gedanke in ihrer Seele Wurzel fassen konnte! Und sie... sie legte mir falsche Rechnungen vor. wohl wissend, daß ich im ersten Freudentaumel nicht im stände sein würde, sie genau durchzusehen. Sie legte mir falsche, von Dankbar- keit und Liebe überströmende Briefe des Großvaters vor, und die echten Briefe eines hungrigen elenden Greises ließ sie unbeantwortet. Welche Falschheit, welche Herzenshärte! Ist sie mehr Teufelin, oder mehr Komödiantin! Dann kamen ihm Kurter's Worte ins Gedächtniß, daß er Augela's Seele durch Stolz und Verachtung der Armen ver- giftet hatte, und er begann ruhiger nachzudenken. Wohl wahr! Sie war an Reichthum und Ucberfluß gewöhnt, in engen, mittelalterlichen Ansichten erzogen, fern von den Kämpfen, den Leiden und dem Elend des wirklichen Lebens. Wie konnte sie da Theilnahme für die Armeil empfinden? Zu nützlicher Arbeit nicht angehalten verbrachte sie ihre Jugend damit, sich zur Puppe, zum Ideal, zum Übermensch- lichen Wesen, zum Spielzeug für die Männer heranzubilden. nicht aber um ein Mensch, ein nützliches Mitglied der Gesell- schaft zu werden. Sie hatte eine religiöse Erziehung erhalten, d. h. mau lehrte sie den Katechismus, die Ausübung der religiös-kirchlicheil Pflichten, doch die Erziehungsmethode, die ganze Lebenssührung, die traditionellen Anforderungen in Haus und Schule arbeiteten daraus hin, jede ethische Grund- läge für immer in ihr zu zerstören. Und so geschah dann, was geschehen mußte! Vom Krankenhaus wollte der Hauptmann durch das nächste Gäßchen auf die Bäckerstraße gelangen, um so bald als möglich nach Hause zu komme». Er zitterte bei dem bloßen Gedanken, daß er nun bald seine Frau sehen und mit ihr sprechen mußte, daß sie es mit neuen Ausflüchte», neuen Lügen nnd neuen Beweisen versuchen werde, daß er dieses elende Spinngewebe Schritt für Schritt werde zerreißen müssen. Er empfand einen furchtbaren Ekel vor diesem elenden Weibe, das seines Namen? so unwürdig war. Wie tief war sie in den letzten L4 Stunden in seinen Augen gesunken! Dies also war Angela, die Mutter seiner Kinder! Das war die Frau, die- seinen Namen trug und denselben ohne jede Skrupel in den tiefsten Schmutz tauchte! So war es nun um seine Ehre bestellt, der zu Liebe er das Leben seines einzigen Freundes geopfert hatte! Die Straße war leer. Um den quälenden Gedanken zu entgehen, trachtete der Hauptmann, die gleichgiltigen Dinge um sich her zu betrachten, las alle vergilbten und vom Regen halb ausgelöschten Aufschriften, zählte die Plaukenstäbe, heftete einen langen Blick auf das Madonnengesicht der Gipsfigur vor dem Internat der.Auferstehenden" und suchte in den Gesichtszügen eine Aehnlichkeit mit Augela's Antlitz zu ent- decken. Plötzlich, ohne sichtbare Ursache, beschleunigte er den Schrill und eilte, ja lief beinahe nach seiner Wohnung, als wäre dort ein Feuer ausgebrochen, und er müßte jemand vor Todesgefahr bewahren, oder als hinge überhaupt eine schreckliche Katastrophe in der Luft, die er durch sein früh- zeitiges Dazwischentreten abwenden könnte. Und jetzt erst, in diesem Augenblick der sinnlosesten Angst, der unerklärlichen Unruhe, des heftigen Herzklopfens, das sich noch steigerte in dem Maße, als er dem wohlbekannten grün angestrichenen Hause näher kam, in diesem Augenblicke erst erkannte er, daß er Angela noch immer liebte, trotz aller Leiden, trotz ihrer grenzenlosen Niedertracht, trotz des schrecklichen Unrechts, das sie ihm zugefügt, trotz der unaustilgbaren Schande, mit der sie seinen Namen bedeckt. Er liebte dieses schöne, heitere, energische Weib, ihre wunderbaren seelenvollen Augen, ihren rothcn Mund, ihre glänzenden, üppigen Haare, ihre elastische Gestalt, ihre Stimme, ihre Bewegungen. Was er nun beginnen sollte, daran dachte er jetzt gar nicht. Er fühlte das Herannahen der Katastrophe, hörte den Donner rollen, doch wußte er nicht, und versuchte es nicht, zu rathen, über wessen Haupte das Ungeivitter sich entladen werde. Als er in die Nähe seiner Wohnung gekommen war, be- merkte er, daß von der entgegengesetzten Richtung her aus der Herreustraßc eine sonderbare aus fünf jungen Mädchen bestehende Gruppe auf daS Haus zueilte. Die Kleidung der Mädchen war auffallend und verstieß gegen alle Gesetze der Farben- Harmonie, ihre Hüte waren reichlich mit Federn, künstlichen Blumenguirlanden, mit ungeheuren Bandschleifen verziert. Blicke und Bewegungen der Mädchen verriethcn sogleich die Art ihres Gewerbes. Sie lachten laut, warfen herausfordernde Blicke um sich und trachteten ans jede Weise die Aufmerksani- keit der Vorübergehenden auf sich zu lenken. Der einzige Mann, der sie begleitete, mar untersetzt, von mittlerem Alter, in ge- wöhnlicher Zivilkleidnug und zeigte den semitischem Gesichts- typus. Die Mädchen besichtigten die Häuser längs des Trottoirs, blieben dann vor dem Hause stehen, in dem sich die Wohnung des Hauptmanns befand, und riefen einmüthig, indem sie mit den Fingern hinwiesen:.Hier, hier ist's, in diesem grünen Hause!" Ter Mann mit dem semitischen Gcsichtstypus sprach kein Wort, sondern schickte sich an, die Straße zu passiren und in das bezeichnete Haus einzutreten. Die Mädchen gingen hinter ihm her kichernd und mit auffallender Koketterie ihre Kleider hoch hinaufhebend. Der Hauptmann, der auch schon am Hansthore stand, blickte erstaunt auf die sonderbare Gesell- schaft. Der Man» trat ins Vorhaus und hier erst erblickte erden Hauptmann. Er blieb stehen, zog nach kurzem Zögern den Hut und trat auf ihn zu. „Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann," sagte er mit der Kellnern und Polizeispitzeln eigenen zuvorkommenden Höflich- keit,„Herr Hauptmann wohnen vielleicht in diesem Hanse?" „Jawohl!" „Und würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, ob hier auch eine Frau Hauptmann wohnt?" „Nun, das versteht sich, meine Frau wohnt hier." „Nun, was habe ich gesagt?" wandte sich der Mann triumphirend zu den Mädchen, die am Eingang standen, ohne ins Vorhaus einzutreten.„Ich habe doch in der Polizei im Meldnngsregister nachgesehen! Hier wohnt keine Hauptmanns- wittwe." „Aber damals hat sie doch hier gewohnt," sagte resolut eines der Mädchen, dem Hauptmann einen provozirenden Blick zuwerfend. „Ich würde sie augenblicklich erkennen!" sagte die zweite. „Ich auch! Ich auch!" riefen die anderen. „Aber um was handelt es sich denn?" fragte der Haupt- mann.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Das Optevtaassvv. Kulturgeschichtliche Skizze. „Ostern, wann koinmt endlich Ostern? Welcher meiner Lieben koinmt mich zu begießen? Gieß« immerhin, begieße Haar und Köpfchen; Doch verschone mir dieses nene Röckchen!" (Slavisches Liebchen.) Ein nicht nur in allen Gauen Deutschlands geübter. sondern auch weit über seine Grenzpfähle hinaus reichender Festbrauch des Auserstehuugstages ist das Schöpfen des Osterwassers. Zwischen 1! und 12 Uhr der Osternacht— in mancher Gegend auch vor dem nächsten Sonnenaufgang— begeben sich die heiraths- luftigen Vertreterinneil des schönen Geschlechts an eine» nahen Bach, um das mit allen Wunderkräflen ausgestattete Oster- wasser in mitgesübrte Eimer, Töpfe oder Kannen zu fassen. Bei Ausführung der eigeiithümlichc» Sitte ist hauptsächlich zu beachten, daß einmal nicht dabei gesprochen werde» darf, und daß man ferner das vielverheißende Wasser nicht gegen den Strom schöpft, widrigenfalls der mit ihm verknüpfte Zauber unwirk- sam bleibt. Worin bestehen denn nun aber die gerühmten Vorzüge des Osterwassers? In Thüringen sagt man von ihm; es ist heilsam, vertreibt die Sommersprossen und macht das Gesicht überhaupt schön und glänzend.„Wer sich mit Osterwasser wäscht, kann von der Sonne nicht verbrannt werden und bekommt keine Sommer- flecken: auch läßt man das Federvieh davon trinke», iveil es dann bester gedeiht,"— wie die ländliche Bevölkerung Westfalens wissen will. Ueberbanpr scheint es. als ob man in Norddeutschland mehr von der Heilsamkeit des festlichen Zauberwassers überzeugt wäre. als in de» südlicheren Gemarkungen. Auch im Mecklenburgischen hole» die Mägde in der Frühe deS Anferstehungstages das Osterwaster, oder sie breiten abends zuvor ein Linnen im Garten aus und waschen sich den andern Morgen mit Than, Regen oder Schnee, der darauf gefallen ist. um sich da- mit das ganze Jahr hindurch vor Krankheit zu bewahren. Der Osterthau holt nämlich auf den ihn zum Waschen oder Abreiben be- nützenden Menschen dieselbe Wirkung wie das Osterwaster. Die glückliche Hand, die jemals mit dem heilsamen Osterthau benetzt war, verhindert das Blähen des„lieben Viehes", dem sie streichend über den Rücken fuhr. Ucberhaupt bleiben die nützlichen Hansthiere gesund und gedeihend, wenn man ihnen Wasser oder Than des Ostcrmorgens„ins Saufen lhnt." Werde» doch in der Saal- und Unstrutgegend, ebenso in den dentschböhmischen Dörfern, die Pferde am Auferstehungsmorgen von den Knechten in die Schwemme geritten, damit sie das Jahr über nicht krank werden, vielmehr augenfällig„zunehmen". Aber nicht nur krankheitsbesiegend, sondern auch liebeerweckend und ehefördernd ist die Wirkung des zauberbergenden Osterwassers. So schöpft z. B. im westpreußischen Werder das beirathslustige Mädchen vor dem Aufgange der Sonne drei Löffel fließendes Wasser, trinkt sie aus und spricht dabei:„Untergehn,— Aufersteh'n, — Immer treu,— Ewig neu!" Nun„kann der, an den man denkt. nimmer von einem lassen," wie es zuversichtlich glaubt. Im Eisenachcr Oberlande dagegen klopfen die jungen Burschen erwachsene Dirnen ans den Betten und bespritzten sie mit gesammeltem Oster- Ihau, ja nuweit Nordhause» wird dem Mädchen, das die Nacht ver- schlafen ha», das„Wasser eimerweise ins Haus gegossen". Jakob Grimm erzählt in seiner„Deutschen Mythologie" Aehnliches:„In Polen und Schlesien, vielleicht auch in einem Theile Rußlands. werden am zweite» Ostertage Mädchen, welche die Frühmelle ver- schlafe», von de» Burschen gewaltsam mit Wasser begossen und mit Birkenrnthen geschlagen; oft reißt man sie bei Nacht aus de» Bellen. schleppt sie i» einen Fluß oder Nöhrtrog, in eine wassergesüllle Krippe und läßt sie das Bad aushallen—. überall der Glaube an die Heiligkeit des Osterbades." Wie ist nun der seltsame Brauch, bei dem das schlichte. einfache Master eine so hochwichtige Rolle spielt, wissenschastlich zu erkläre»? Weil das Wasser auflösende und zugleich auch schaffende Kraft besitzt, so ist es sowohl Symbol des Todes als auch des Lebens. Alles Zeitliche hat seinen Ansang im Wasser ge- nommen. Wo die Quelle mit unwiderstehlicher Kraft den dürren Fels- bode» spreng», da erschien den„Alten göttliche Lebenskraft, welche die ganze Natur hüt und trägt, am unmittelbarsten bezeugt". Quell- wasser war überhaupt»»berührt und galt als jungfräulich rein. Weil nach altnordischem Glauben Himmel und Erde aus dem Wasser hervorgegangen waren, so galt es als Urquell alles Seins über- Haupt, wie denn auch alles Ski» einstmals zu diesem„feuchten Ele- ment" zurückkehrt. Werden doch auch die menschlichen Seelen, laut heimischer Sagen und Märchen, ans dem fast überall vertretene» „Kleinkinderbrunnen" geholt, denn hier hatte die lebenspendende „Frau Holda" ihren vielumdichteten Wohnsitz. Nach altgermanischem Volksglauben besaß nun daS klare Quell- waster, das heutzutage»och im ivestfälischen Volksmunde Wyborn oder Wybrunn(d. h. geweihter Brunnen) heißt, und zu dem auch das hervorsprudelnde Brnnnenwaster gehörte, eine dauernd heilende Kraft, weil man de» Alt des Mürmelns und Hervorbrodelns für eine lante und sichtbare Aenßerung der sich offenbarenden Gottheit hielt, welche reine Vorstellung sich später in der allgemeinen Volks- ailsfaffung vergröberte und zur direkten Verehrung deS Wassers selbst führte, indem es gewissermaßen zur viclvermögende» Gottheit erhoben wurde. Jedes hervorquellende Wasser schien unsere» allen Vorfahren von der Gottheit selbst geweiht und wurde daher nicht nur als Symbol des Lebens, sondern auch als Sinnbild der Er- Haltung des Menschen nach dessen leiblicher und seelischer Seile hin angesehen. Die allen Deutschen unterschieden dreierlei heiliges Wasser: das zu bestiinmte» Zeilen geschöpfte, das hervorquellende und endlich das ans den Wolken fallende. Erfteres ist unter dem Namen bell- wSlc bekannt, was wörtlich„heilige Woge" bedeutet. Grimm ist nn» der Ansicht, daß doilvÄo jenes heilige Wasser bezeichne, das zu be- stimmten festlichen, goltgeweihte» Zeiten, so»amenllich in den alt- heidnische» heiligen Sonnenweiidtagen geschöpft und von der Galt- hei», der zu Ehren man die betreffenden Feste feierte, mit ganz bc- fonderer Heil- und Zauberkraft bedacht ivorde» sei. Dieselbe Be- dentnng scheint nun auch das segensreiche Osterwasser erlang! zu haben. Unsere heutigen Ostertage fallen nämlich in die heilige Zeit der altheidnischen Frühlingsfeierlichkeiten, die man ans purer Freude über die täglich größer werdende Sonnenbahn veranstallete. Die früh- germanische» Bräuche des HeidenthnmS sind dann lheilweise anf das christ- liche Aufcrstehuiigsfest mit übergegangen, so auch die hohe Meinung vom Osterwasser. Da nach Beda's Berichlen das altheidnische Jahr am 25. Dezeniber anhob, wo der lichte Tag sich zum ersten Mal wieder verlängerte, so mußte auch der Ostermvnal am 25. März beginnen, sobald die Befruchtung der bisher erstarrten Erde durch den warmen Schein und Hauch des Lenzes statifindet. Dieser Um- stand gewährt nns zugleich eine Erklärung der geheimnißoolleu Ostcrivafferkraft, indem„das im März, wo die Erde stark dünstet, «sammelt« Wasser feine* besonderen Eigenschaften balber die Kraft hat. der Fäulniß zu widerstehen, daher a»ch Tinte, die von Märze»- schuee angesetzt wird, nie schimmelt". Märziviisfer erhält sich in lAe- fäßen jahrelang frisch, wie denn auch die im März an die Lust und Eonue gebrachten Klcidung-stücke und Betten sehr gut„sich halten" und von Motten frei bleiben. Da nun Oster» ehemals in den März fiel, so verlegte man das Schöpfen der„heiligen Woge" auf dieses Fest, weil sich nun an de» Begriff der Heiligkeit jenes Wassers auch die Vorstellung von seiner lluverweslichkeii kuiipfle. Die heilsame und erhallende Wirkung des Osterwasscrs auf Menschen, Thiere und Pflanze» erscheint darum leicht erklärlich. Die anfängliche christliche Kirche behielt jenen überkommenen Wasserknlt getreulich bei und gestaltete ihn nur insofern um, als das zu kirchlichen Zwecken verwendete Waffer eine besondere Weihe erhielt. Jn beachtenswerlher Weise weiht heute noch die römisch-kalholische Kirche ihr für das ganze Jahr ben ölhigtes Taufwasser am Sonnabend vorOstern und Pfingsten, zum Andenken an die beiden ältesten Tanstermine. Die namen» und segeugebende Handlung selbst wurde ursprünglich des Nachts, später dagegen am Morgen vorgenommen, also i» jener Zeit, die heute noch zum Osterwafferholen auserschcn wird. Die mitternächtliche Stunde war altgermanischem Glanben zufolge von de»„guten Geistern"— auch den später gefürchleten Spnkmesen— zur vorübergehenden Heimsuchung des inenschenbeivohnten Erdreichs ausersehen. Sie enthielten dabei selbstverständlich dem fließenden Wasser ihre» segenspendendc» Einfluß nicht vor, und man mußte, um sie nicht zu verscheuchen, jede lautbare Aeußerung beim Schöpsen des heiligen Wassers möglichst vermeide».— _ F. N u n z e. ZUomes» Feuillekon — w— Nltc Blätter. Bleiche Frühlingssoniieiistrahleii zittern durch die Lust. In dem Gewirr der Bäume des Thiergartens schimmert es lichtbraun. Unter den Stämmen, ivo die wilden Eträuchcr stehe», wird es grün. Die jungen Gräser dringe» ans den verwelkten, verwesende» Blättern hervor und überwuchern sie. Auf dem Fußweg hellgekleidete Amme» in weile» Röcken und bunten Tüchern. Sie schieben blanke Kinderwage», ans deren weiße» Kiffen und gestickten Decken kleine Kinderköpfe blicken. Nebenher trippeln kleine Kerle. Sie haben in den dralle» Händen Netze mit großen Bällen. Sie lausen vorauf und schwenken die Netze mit den großen Bällen. An einer Bank bleiben sie stehen. Neben ihr hockt«in anderer kleiner Kerl, der mit einem zerbrochenen Löffel Sand in eine alte Blechschachtel schüttet. Die Kinder mit den Netzen legen die Bälle fort und bücken sich zu dem Kleinen mit dem Löffel. Er sieht sie verwundert mit seinen malten Augen an. In sei» bleiches Gesicht steigen rothe Flecken. Er richtet sich auf seine» Beinen auf und drückt den zerbrochenen Lössel und die Sandschachtel an seine beschmierte, geflickte Jacke, aus der seine hageren Arme weit Heransragen. Die Kinder, die ihre Bälle fortgelegt haben, langen nach seinem Löffel. Erst iveichl er einen Schritt zurück, sein Gesicht verzerrt sich vor Angst. Doch im nächsten Augenblick droht er mit dem Löffel:„Na!" Die andern trotze», laufen aber fort, als er ihnen einen Schritt näher tritt. Er sieht ihnen nach, seine Schachtel und seinen Lössel fest- haltend. Sie trippeln wieder«eben den Ammen mit den weilen Röcken und bunten Tüchern. Lustig schivenken sie die Netze mit den großen Bällen. Dann verschwinden sie hinter de» wilden Slränchern, über denen es lichtbraun in allen Zweige» schimmert. Nur die Acste einer Eiche, die zwischen den« Netz der Zweige steht, sind noch dunkel. Aus ihnen dringt noch kein Keim als Zeichen der Kraft und der kommenden Reise. An einzelnen Zweigen flaller» noch ausgedörrte Blätter vom vorigen Jahr in den bleichen Frühlings- Sonnenstrahlen. Bald wird der Wind sie heruiiterreißen und sie auf den Boden werfen.-- — Hessische FreihcitSguldcn. In diesen Tagen waren es 50 Jahre, daß die sogenannten hessischen Prebsreiheitsgulde» in Umlauf kamen. Sie trugen anf ihrer Vorderseile das Bildniß des späteren Großherzogs Ludwig III. mit der Umschrift:„Ludwig, Erbgroßherzog und Mitregent von Hessen". Die Rückseite zeigte die Worte:..Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgericht, Religion»- sreiheit, Deutsches Parlament. 6. März IS4S." Später wurde das Geldstück wieder eingezogen beziv. gegen das Vicrzigfache seines Knrsiverthes von der Regierung wieder anfgekanst. Heute kostet dieser Gulden im Münzhandel etwas über 40 M.— — Langwierige Prozesse. Ein im Jahre>210 zwischen dem Grafen de Nevers und der Gemeinde der Einwohner von Donzy begonnener Prozeß wurde erst 1848 durch eine richterliche E»t- scheidnng beendet. Ein ziveiler Prozeß, dessen Streitobjekt der Wald von Monrgueil(Hautes-Pyrönses) bildete, wurde im Jabre 1254 von der Gemeinde Campan gegen die Gemeinde von Bagneres-de- Bigorre angestrengt und danerle bis 1882, während eine dritte von derselben Gemeinde Campan ebenfalls im Jahre 1254 eingeleitete Besitzklage gegen die vier Dörfer, die nnler de» Namen Q»atre- Vezianx d'Aurel vereinigt sind, bis znui heutigen Tage der lichter- lichen Lösung harrt. Im letzteren Falle handelt eS sich um einen Komplex Weideland.— Erzichnitg und Unterricht. — V. Ein nutzbringender pädagogischer Wink. Das„Bünden. Tagebl." berichtet über folgende» Fall, der sich in der Nähe der Malajahöhe in Oberengadi» zugetragen hat. Ein Knabe wurde von einer Kreuzotter in den Zeigefinger gebissen. Kaum hatte er die Verletzung verspürt, so sagte er zu seinem Kamerade», der ebenfalls am Boden lag:„Eine Biene hat mich gestochen."„Nein," erwiderte der andere,„ich habe soeben eine Viper davon huschen sehen." Der Kamerad zieht einen Bindfaden aus der Tasche, und nacki Anweisung des Lehrers— im letzten Winter hatte er diese Behandlung in der Schule gelernt— nnterbindel er den Finger recht stark. Man führt den Gebissenen zum Arzt des Knrsales; dieser erklärte, wenn keine Unlerbindung stattgefundeii hätte, wäre der Arm und wahrscheinlich auch der Knabe verloren gewesen, weil die Vipern im Monat August besonders ge- fährlich sind.— Dieser Fall zeigt, wie nützlich es ist, wenn von Lehrern anläßlick des nalnrkniidlichen Unterrichts auch auf diese oder jene Hilfeleistung bei Unglücksfällen, so z. B. bei Vergiftungen, sowie auf diese oder jene Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Unglücksfällen, z. B. Verbrennungen, Bedacht ge- nommen wird, wie ja überhaupt gerade bei den Naturwissenschaft- lichen Fächern dem praktischen Lehrer überaus reiche Gelegenheil gegeben ist, seine Lehren mit nützlichen Anwendungen für das praktische Leben zu verbinden und dieselben so den Schülern noch interessanter und iintzbriiigender zu machen.— Archäologisches. — Interessante archäologische Funde sind in V e v e y bei der Aufdeckung eines alten Friedhofes gemacht worden. Bisher wurden 27 Gräber entdeckt. Einige haben bei der Aufdeckung so stark gelitten, daß ihr Inhalt nicht mehr festziistellen ist. In den anderen fanden sich die Skelette von 7 Frauen und Mädchen, 6 Männern und 8 kleinen Kindern. Die Mehrzahl davon waren in hölzernen Särgen, die freilich zu Staub verwandelt sind, bestattet worden. Der Friedhos gehört nicht der römisch-helvetischcn. sondern der keltischen, also der rein helvetischen Epoche an (3. und 2. Jahrhundert vor I. Chr.). Es wurden zivei Ketten aus Bronze gesunden, die von den helvetischen Frauen nicht nm den Hals, sondern um die Taille getragen wurden. Drei goldene Ringe, 4 ans Bernstein und aus Bronze, 16 Spangen und Agraffen ans Bronze. 13 ans Eisen, 6 Armbänder aus verschieden- farbigen Glasperlen und 3 ans Bronze vervollständige» das Ver» zeichniß der bisher aufgefundenen Schmuckstücke. Wie die Frauen mit ihren Zierrathen, so wurden die Männer, wenigstens die Krieger, mit ihren Waffen in die Erde gebettet; leider sind die beide» Schiverler und die Lanzenspitze, die zum Vorschein kamen, vom Roste stark initgeiiommcn worden. In der Hand eines der Frauenskelette fand sich eine silberne Münze mit dem Bild der Diana auf der eine», einem Rad und den Buchstaben>l. A. auf der anderen Seite. Derartige Münzen sind auch schon anderivärts, in Bremgarten (Bern) und Horgcu(Zürich) gefnndeit worden; sie stammen ans Massilia, dem alten Marseille.— Völkerkunde. ie Die ältesten Einwohner Italien?. Der italienische Gelehrte, Professor Sergi, bereits bekannt durch seine Arbeilen über die Geschichte der Völker im Mitlelmeergebiet. hat neulich eine nene Schrift veröffentlicht, in der er die Frage zu be- antworten sucht, iver die ältesten Beivohncr Italiens waren. Er kommt zu dem Schlüsse, daß die ältesten Stämme dieser Halbinsel, Pelasger und Ligurier, zu derjenigen Völkermasse gehörten, die in einer ganz frühen Zeit ans I n n e r- A f r i k a nach Norden vordrangen. Viel später erst wanderten die Arier von Norden her in Italien ein, ursprünglich aus Asien kommend, und brachten verschiedene indo- europäische Mnndarlen mit, besonders den umbrischen und den oskanischen Dialekt(letzlerer von den Oskern, der tampanischen Landbevölkerung, gesprochen). Noch später kamen die Etrusker nach Italien, deren Abslammnng unbekannt ist, jedenfalls gehörten sie aber auch zu jener ursprünglich afrikanischen Völkcrfamilie. Sie kamen von den östlichen Mitielmcerküsten und landeten etwa 800 v. Chr. an der Westküste Italiens. Sergi gründet diese Vermulhungen meist anf die Untersuchung der Schädelformen der alten Völker, daneben auch auf archäologische und sprachliche Beweise.— Geographisches. — In der letzten Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde sprach Prof. Dr. Regel aus Jena über seine 1896 und 1897 ansgeführlen Reisen im» o r d w e st l i ch e n K o l u m b i a. Einem Bericht der„Voss. Ztg." über das Referat entnehme» wir Folgendes: Es handelte sich bei diesen Reise» um Fortführung der von Alexander v. Humboldt, Karsten. Zieiß, Rubel, Hettner und Sievers begonnenen Durchforschung der Kordilleren. Die Bereifung des Landes stößt infolge der spärlichen Bcsicdelung ans große Schivicrigkeite». Obscho» Koluinbia anderthalbmal so groß ist wie Deutschland, hat es doch höchstens vier Millionen Einwohner. Nach Angabe der Kolnmbianer sollen von diesen die Hälfte Weiße sein. Thalsächlich mache» die Weißen nur ein Zehntel der Bevölkerung ans, 40 v. H. sind Mischlinge vo» Weiße» und Indianern, 35 v. H. Indianer, 15 v. H. Neger. Auf seiner Hin« reise nach Columbia machte Vortragender eine Reihe von Abstechern. Zu den genußreichsten gehörte eine Fahrt auf der Bahn nnch Carac.rs, die den großartigsten Gebirgsbahnen zuzurechnen ist In Baranquilla wurde die Fahrt den Rio Magdalena hinauf angetreten. Während Alexander v. Hninboldt noch ök Tage gebrauchte, um Honda, de» Endpunkt der Schifffahrt auf dem Strom zu erreiche», läßt sich jetzt die Strecke in K bis 7 Tagen zurücklegen. Prof. Regel verließ�de» Strom bereits unterhalb Jslitas und wandte sich von hier nach Westen. Zunächst konnte er noch eine langsam ihrem Ausbau entgegengehende Bah» bis Monas benutze». Dann ist sür de» Europäer gewissermaßen der Endpunkt der Zivilisation erreicht Von Monas ging Vortragender nach Medellin. das er zum Aus- gaugspunkte seiner Exkursionen machte. Medellin ist in neuerer Zeit zum Hauptorl der Provinz emporgestiegen an Stelle des am Rio Cauca gelegene» Antioquia. Die Fruchtbarkeit der Ehen in diesen Gegenden ist außerordentlich groß Frauen mit 18 bis 20 Kindern sind gar nichts Seltenes. Professor Regel selbst lernte eine Frau kennen, die 32 Kindern daS Leben geschenkt hatte, von denen die»»eiste» am Leben waren. Um eine andere, erst z>vanzig- jährig« Frau schaarten sich bereits siebe» Kinder. Bei seine» Streif- zügeu konnte Professor Regel auch eine Reihe von Eriverbungc» sür das Museum sür Völkerkunde machen. Leider mußte er Verzicht leisten auf den Ankauf einer goldenen Nüstiing, die aus einen» Gräbersund stammte,»veil die ihm zur Versügnng gestellten Mittel hierzu nicht ausreichten. Eine Reise uilternahi» der Forscher auch über de» Rio Cauta hinüber i» die West- kordiUeren. Es»var ihm indessen nicht möglich, die Schneeberge z» erreichen. Ein anderer Ansflug führte ih» von Zaragoza, dein Greuzpunkte der Schiffbarkeit des Rio Rechi, durch den Urivald bis »ach Caceres am Rio Cauca. Dies« Tour»var außerordentlich an- strengend, und dabei die»vissenschastliche Ausbeute gleich Null. Der Gelehrte kehrte malariakrank nach Biedellin zurück und mußte hier zivei Monate zu seiner Genesung venveilen. Ei» späterer Versuch, gegen S»~lde>i über Mani» Zales am Ruiz vorzndriuge». mußte schließlich auch,»vie überhaupt jeder»vettere Reiseplan aiisgegebe» »verde»», da Professor Regel auss neue von der Malaria ergriffe» »vurde. Slns den» Thierlcben. —ss— Das Kaineel im Dienste der europäischen Lan d»v irr h s ch a f l. Die Versuche, das Ka»neel ans seiner eigentlichen Wüstenheimath in Asien und Afrika ivegen seiner vielen nützlichen Eigenschaslen auch in anderen Gebieten anznsiedel», haben eine alte Geschichte. Das Kameel gedeiht in Länder», deren iklima und Bodenbeschaffenheit nicht allzmveit von denen der halbtropischen Heimath verschiede» sind, recht gut. Das beste Beispiel»st das' Vorkommen der Kameele in Ober> Italien.»vobin st« bereits im Jahre IS22 durch den Fürsten Ferdinand II von Mcdicis von Toscana eingeführt»vurden und sich bis heute »vohl erhalten haben. Von dieser Heerde aus ivnrden fast sännnt- liche Thiergärten und Menagerien mit Dromedaren versehen. Ber- suche mit der Ansiedelung der Kanieele in Sizilien,»vo sie in den Schweselbergwerken als Lastthiere benutzt»verde» sollten, schlugen fehl, ebenso sind die Kameele in den Vereinigten Staaten, wo sie 1858 eingeführt wurden, allmälig verschwunden, so daß sich nur noch»venige in verivilderten» Zustande in Kaliforiiien und Süd-Arizona umher treiben. Günstige Aussichten soll dagegen die Einbürgerung des Kameels in Südspanien haben. Neuerdings kommt eine Nach- richt über das Eindringen dieses Thieres in das südliche Rußland und z»var zwecks Berivendung im landivirthschaftlichen Betrieb als Zugthier an stelle des Rindei oder des Pferdes. Die Anregung dazu ging von den Provinzen in der Hingebung des Kaspischen und Asowschen Meeres aus. und gegenwärtig findet man bereits Dutzende und Hunderte von Kameele» in den Provinzen von Kien'. Pollaiva- Penfa u. f.>v. Die Einführung des Kameels ist durch eine Aende- rung im Gespann sehr befördert»vorden; an stelle des Jochs, das früher ausschließlich benutzt wurde, hat man ein biegsames Riemenhalsband gesetzt. Das Kameel dient auf diese Weise zu alle» möglichen Feldarbeiten. Der Hanptmarkt für Kameele befindet sich »n Orcnburg.»vo sie für 80— 70 Rubel gehandelt werden. Die A»> spruchslosigkeit und Gelehrigkeit machen das Thier zu einen» an- genehmen Arbeiter. Es erträgt auch Kälte ziemlich gut, und endlich besitzt auch seine Wolle, die zu gewisse» Geweben verarbeitet wird. «inen nicht unwesentliche» Werth. Die Milch des Kameels»vird nach Angabe» von einer Seite geschätzt, dagegen behaupten andere. daß sie wegen ihres zu großen Fettgehalts und ihrer dicken Konsistenz dein Genuß»vidersteht.— Mineralogisches. «.Die Entdeckung großer Korundlager i n K.»- nada wird von den.Cheinical Neivs" gemeldet. Der Korund ist eines der geschätztesten Mineralien, ganz abgesehen von den zu ihm gehörigen Edelsteine» Sapphir und Rubin wird der Korund ir Pulverform und besonders i» seiner als Schmirgel(oder richtiger Smirgel) bekannten Abart»vegen seiner Härte als ei» vorzügliches Schleifinittel benutzt und flndet ferner ivegen der gleichen Eigenschaft in der Uhrenfabrikatio» Verwendung. Vor 30 Jahren noch waren ein paar Flußwäschereien in Indien die einzigen Bezugsquellen für Korund»n größeren Mengen, daneben kam er nur noch hier und da in zerstreuten Krystalle» vor. 1889»vurde er dann von Thomson im nördlichen Theile des Staates Georgia in größeren Mengen aufgefunden, seit 1838 aber scheint erst ein neuer Auf- schwung von großer Bedeutung für dieses Mineral zu beginnen' Bor kaum 2 Jahren fand ein Mitglied der Geologische» Landes« Untersuchung namens Ferrier in der Grafschaft Hastings der kanadischen Provinz Outario ein Korund-Lager, untersuchte dasselbe und brachte eine Anzahl Proben nach der Hauptstadt Ottaiva, wo er dem Direktor der Landesuntersuchung Mittheilung vo» seiner Entdeckung»nachte. Dieser, der berühmte Geologe Dawson, berichtete sofort an die oberste Bergiverksbehörde, und da der Fundplatz aus Krongebiet lag. so wurde sofort die Verfügung erlassen, daß in gewissein Umkreise um den Fundort keine Ländereien verkauft werden dllrften. Nun ging man an eine gründliche Untersuchung der ganze» Gegend, und im vorigen Sommer»vurde das korundsührende Gestein auf eine Strecke von 30 englischen Meilen von Carlow im Weste» bis Eebastopol in» Osten verfolgt. Die Fläche, nuf der das »verlhvolle Mineral vorkommt, erstreckt sich aus etiva 100 englische Quadratmeilen, und wahrscheinlich sind die Lager noch ausgedehnter. als bis jetzt bekannt geworden ist. Die Entdeckung hat ziemliches Aufsehen im östlichen Kanada erregt, und Probe» des Korund. dessen Gestein hier und da auch Zinn enthält, wurden im Parla» mentsgebaude der Hauptstadt öffentlich zur Schau gestellt.— Humoristisches. — Lnada bleibt Lnada. Major(zum Bursche»): .Sag' mal. Laver, wie sängst Du das eigentlich an, daß Du immer dicker wirst? Ich lebe doch weit besser und magere dabei immer mehr ab."— Bursche:„Ja,»vissen's. Herr Major, des is bei uns.»via bei de Ross'. Was a dürr's Lnada is. leibt sie net, kannst d'»ei fnattern,»vas d'»nagst."—(„Simplicissimus.") — In den B r a h in s- E r i» n e r u n g e»» des Komponisten und Sängers Henschel findet sich folgender Scherz: Brahms liebte es, sich über die„Hochgeborenen" lustig zu machen. Einmal kam die Rede ans die Kompositioneu eines„hohen Herrn", über die sich Henschel abfällig äußerte. Da sagte Brahms:„Hören Sie. Henschel. man kann in der Benrtheiluiig der Musik eines Fürsten nicht vorsichtig geinig sein; denn man k a u n nie wisse», »versieeigeitllich gemacht hat..."— — W i e reimt sich das zusammen? Das„Leuten» berger Kreisblall"(Nr. II) meldet:„Der gestrige Viehmarkt war mit Ochsen. Schweinen nnd Musikanten gut besetzt."— Vermischtes vom Tage. — Die Frau«i»es Fabrikarbeiters in Haddenbach bei Remscheid stürzte sich mit zweien ihrer Kinder, die sie fest an sich gebunden halte, in einen Teich. All« drei ertranken. Drei ältere Kinder, die sie auch tödte» wollte, ivaren davongelansen, als sie ihre Absicht merkte». Die Frau hatte sich die Beschuldigung einer Nachbarin, sie habe Obst gestohlen, zu Herzen genonimen.— — In» Unter harz hat es am Sonnabend so stark ge- schneit wie im ganzen letzten Winter nicht. Der Schnee liegt fast meterhoch.— y. In Rendsburg drang in der Nacht zum Montag ein Manu in die Wohnung eines Lokomotivführers ein und versuchte dessen Ehefrau mit einer Schlinge zu erwürge». Er»vurde durch herbeieilende Hausbelvohner rechtzeitig vertrieben, erbeutete aber 180 Mark.— — Im Krematorium in Gotha wurde» im März 18 Leichen durch Feuer bestattet.— — Zur Feier des 150. Geburtslage? Goethe's(28. August 1899), beabsichtigt man. den, Dichter i» Leipzig ei» Denkmal zu errichten, das ihn als Studenten darstellt. Eine Skizze dazu hat der Leipziger Bildhauer Karl Seffner bereits enlworfe».— — Im„Freiburger Wochenblatt" vom 18. März macht Heinrich Ahrens in Wctterdeich bekannt:„Gegen diejenige», welche die falschen Vornamen Peter Christian und das ehren- kränkende Wort Großvater noch einmal»vieder zu meine»» SohneWilhelm.derbeiDr.Hoppezu Süderdeich dient.aussprcchen. werde ich gerichtlich verjähren."— Im„Sladlauzeiger" der„Köln. Ztg." von, 21. März wird bekannt gemacht:«Hose mit I» h a l i ge- funde». Näheres durch die Agentur d. Bl.. Ehreuseld. Mahle»- straße 18."— — Ein Ulaneukadell gerielh in Wien am Sonntag wegen eines Mädchens i» Streit mit Radfahrern. Hierbei zog er seine» Säbel und spaltete einem Mechaniker den Schädel.— — I» der Gegend von Weliki-Popovacza(Serbien) fand drei Tage nacheinander ein heftiges Erdbeben stall. Es bildeten sich große Erdspalten. Viele Häuser sind ein- gestürzt, sehr viele geborsten.— — Eine Lawine ging am Montag vor A n d e r in a l 1 am St. Gotthard nieder und begrub zehu Mann. 2 Personen sind todt, s gerettet, 4»och verschüttet.— — Ein Zug der Dampslranibah» Mailand-Monza verunglückte durch einen Balken, der über die Schienen ge»vorsen»var. Die Lokomotive stürzte um, Führer und Heizer»vurde» leicht verletzt— — In A I h e n ist wieder eine deutsche Schule eröffnet worden. Eine frühere»var eingegangen. Es sind 80 deutsche Familien mit etiva 150 Kindern im Schulalter dort ansässig.— Aeraulivortlicher Redakteur: August Iarobey i» Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.