Wnterhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 70. Freitag, den 8. April. 1898. sq Dlnr hiinslichetr Herd. Nomau von Iwan Franko. .Fürchterlich!' sprach der Hauptmann für sich hin. .Ihrem Familien- und Bekanntenkreise, ihrer Heiinath ent- risien, mit Gewalt in den Schmutz der Verderbtheit gedrängt, zu ewiger Sklaverei verurtheilt, der Vergessenheit, dem frühen Tode— oder, was noch tausend Mal ärger, dem grauenvollen Elend in der Fremde preisgegeben. Der bloße Gedanke an ein solches Schicksal könnte ja einen um dm Verstand bringen! Und diese Bestie von Weib hat sich dafür zahlen lassen!* Die Gesandschast hat die Sache nach Möglichkeit untersucht", setzte Hirsch seine Erzählung fort..Für junge, ganz unschuldige Mädchen pflegten die Türken auch hundert Dukaten zu zahlen, für andere weniger, je nach der Ver- einbarnng. .Und der Agent, der den Transport geführt, hat man den...V* »O, der sitzt fest!" sagte trinmphireud der Polizeirevisor. .Vor einigen Tagen wurde er in Pest verhaftet. Von der Pester Polizei liegt ein Bericht vor, daß eine Menge Papiere, Rechnungen, Quittungen und ein langes Verzeichniß seiner Helfershelfer— und Helferinnen bei ihm gefunden wurde. Das wird eine Arbeit für uns geben, Herr! Eine Spürjagd im ganzen Lande!" Der Hauptmann schauderte vor Ekel, als er in den Augen des Mannes eine wilde Freude aufblitzen sah, die bestialische�Freude des Wolfes, der eine ganze Heerde Schafe in dem Bereiche seiner Macht sieht und s fühlt, daß er sie nun alle nach Herzeuslust wird würgen und in Stücke reißen können, daß kein einziges ihm entgehen oder auch nur Wider- stand entgegensetzen kann. .Ich begreife Ihre Freude," sagte der Hauptmann,„ob- wohl meiner Ansicht nach mehr Grund zur Freude gewesen tväre, hätten Sie sich vorher einer größeren Wachsamkeit de- sicißigt und nicht so viele unschuldige Opfer sich vor der Nase »vegführen und dem Verderben ausliefern lassen." .Ist das uieine Sache?" fragte Hirsch, dem Braten, der ihm vorgesetzt wurde, tapfer zusprechend.„Habe ich hier zu befehlen, Herr Hauptmann? Die Polizei-Kommissare, die Re- visoren, sind wie Spürhunde: man zeigt ihnen die Spur des Wildes, man läßt sie los, ihre Pflicht ist es, das Thier ein- zufangen. Das Uebrige ist nicht unsere Sache, fondern Sache derjenigen, die die Jagd leiten. Wir haben ohnedies genug Arbeit. So viel Blühe, so viel Lauferei, daß uns keine Zeit zum Athcmholeu bleibt. Gestern Abend zum Beispiel! Werden Sie's mir glauben, Herr Hauptmann, daß hier in Lemberg, vor unseren Augen, im Zeutrilm der Stadt durch viele Jahre Aehnlichcs getrieben wurde, ivie mit dem Mädchen- Handel in der Türkei? Und keiner hatte eine Ahnung davon." .Was war denn das wieder?" fragte der Hauptmann. .Da ivohnte in der Dominikanergasse eine gewisse Frau Julie Szablinska, die sich als Wittive ausgab, eigentlich aber eine Geschiedene war; eine noch junge, recht anständige und gebildete Dame, die stets elegant gekleidet in bessere Gesell- schasten zu kommen pflegte. Seit einigen Jahren war sie Vorsteherin einer konzessionirten Erziehungsanstalt für junge Mädchen, die die achtklassige Bürgerschule beendet hatten. Sic sollten da Vorbereitnngsstudieu zur Matnritäts- Prüfung oder zu sonst was Aehnlichem durchmachen. Und denken Sic, Herr Hauptmann, vor einigen Tagen bringt die Polizei i» Erfahrung, daß diese Erziehungsanstalt eigentlich ein ganz gemeines Freudenhaus ist. Nur die Aristokratie, die reichen Junker, die höheren Offiziere werden da zugelassen, was aber in dieser geschlossenen Gesellschaft vorgeht, das übersteigt alle menschlichen Begriffe." Jedes Wort dieser Erzählung war ein schmerzlicher Dolchstich in des Hauptmanns Herz. Von kaltem Schweiß bedeckt, kaum athmcud, ivie unter schrecklichen Folterqualen, hielt er sich kann» noch auf dem Sessel, und fragte doch, bis an die Lippen erblaßt, mit kaum hörbarer Stimme: .Was zum Beispiel?" „Nun, das sagt man so zur Bezeichnung des Schrecklichen," sagte Hirsch, der mit dem Braten fertig wurde und sich häufig Wein eingoß, was natürlich seine Gesprächigkeit wieder steigerte. „Man kann doch unmöglich voranssetzen, daß die Herren vom Militär und ans dein höheren Beamtenstande, die ganze Jeit nichts davon gewußt hätten. Sie pflegten doch selbst das Haus zu besuchen. In der Stadt flüstert man sich die Namen von hochstehenden Persönlichkeiten zu. Und doch blieb solange alles geheim. Erst als einige von den Mädchen..im Spital starben, als von verschiedenen Seiten verzweifelte' Hilferufe ertönten, regte sich die Polizei. Gestern wurde die Dame sammt ihrer ganzen Anstalt verhaftet. Herr, was gab es da Anfangs für Lärm und Entrüstung, Ohnmächten und Zkomödienspiel! Eh, eh! Und ivieviel Papiere, Quittungen und Briefe wurden da erwischt! Da wird man schöne Geschichten erfahren! Ja, das wird aber alles vor dem großen Publikum verborgen bleiben. Es giebt schon Leute, die dafür sorgen werden, daß nur das in die Oeffentlichkeit gelaugt, was ihnen taugt." „O Gott, Gott!" stöhnte der Hauptmann. Es schien ihm, daß etwas Schreckliches ihm das Herz zusammenschnürte, ihn an der Kehle würgte. Hirsch betrachtete das als Aufmunterung zu weiteren Mittheilungen, und nachdem er eine halbe Flasche Wein ge- leert hatte, setzte er schon ganz freimüthig, manchmal sogar in dozirendem Tone fort: „Und wissen Sie, warum ich Ihnen das alles erzähle, Herr Hauptmann? Damit Sie die Politik verstehen lernen. Denn sehen Sie, wenn der Baum in Blüthen steht und man den Baum rüttelt, daß die Blüthen herunterfallen, oder das grüne, unreife Obst herunterfällt, so ist das keine Politik. Aber warten, bis die Birnen reif sind und dann den Baum rütteln, daß die schönen, reifen, saftigen Früchte uns in den Schooß fallen, das ist Freude, das ist Verdienst! Und unser- einer kann auch gar nicht anders vorgehen, denn ein Ver- brecher, der sein Verbrechen noch nicht ausgeführt hat, ist ja noch kein Verbrecher! Was hätte ich zum Beispiel davon, wenn ich den Agenten damals erwischt hätte, als er mit dem Mädchen von Sranislau nach Czernowitz fuhr? „Sie hätten das Mädchen gerettet!" sagte der Haupt- mann. „Ach was, das Mädchen! Dem Mädchen ist's egal!' lachte Hirsch zynisch..Heute rette ich sie ans den Händen des Agenten und morgen kommt sie ohnehin auf den Hund. Und es frägt sich noch, ob ich sie überhaupt vor ihm retten könnte. Wenn er mir sagt, er habe sie in Dienst genommen, und sie be- stätigt es, wie kann ich ihm beweisen, daß eS nicht wahr ist? Er kann noch Klage gegen mich führen, und wenn sich das zwei-, dreimal wiederholt, so ist der arme Revisor nm sein Brot gekommen. So aber steht die Sache ganz anders. Jetzt haben wir den Faden in der Hand, wir haben Beweise, Zeugen- schasten, Geständnisse, Briefe! Wenn wir jeyt auf die Jagd gehen, so ivissen wir, wen wir suchen, wen wir einfangen müssen. Jetzt kann ich zum Beispiel hingehen und bei Ihnen. Herr Hauptmann, eine Hansrevision vornehmen— und Sie dürfen nichts dagegen thun!" Der Hauptmann sprang auf, als wäre er mit siedendem Wasser übergössen worden. „Bei mir? Sind Sie toll? Bei mir?" „Ha, ha, ha!" lachte Hirsch aus vollem Halse, denn der Wein hatte ihn ganz heiter gemacht.„Wie Sie erschrocken sind! Ha, ha, ha, ha! Nun, beruhigen Sie sich nur, ich sagte es nur zum Spaß— und so zum Beispiel." Der Hauptmann nippte langsam, tropfenweise seinen Wein, um ruhig zu erscheinen und die Todtenblässe, die seine Züge überzog, zu maskiren. Hirsch heftete seine kleinen blinzelnden Augen durchbohrend auf ihn; ein halb trunkenes, halb listiges Lächeln umspielte sein Gesicht und verzerrte die dicken Lippen, hinter denen große weiße Zähne sichtbar wurden, die bereit schienen, lebendiges Fleisch zu zerstückeln. „Herr Hauptmann haben also volle fünf Jahre in Bosnien gedient? „Ja wohl." „Ich erinnere mich, den Herrn Hauptmann vor Jahren noch als Lieutenant gekannt zn haben. Ich war damals Kellner im Kaffeehaus auf der Armeuier-Gasse. Erinnern Sie sich, Herr Hauptmann?" Mein, ich kann mich nicht erinnern/ sagte der Hauptmann und that, als ob er emsig im Gedächtniß nach jenem Kaffee- Hans und dem Kellner suchte. „O ja, Herr Angarowicz! Ich erinnere mich ganz genau. Alle Offiziere sprachen damals von Ihnen und Ihrer Fran; wie jung, wie schön sie sei, wie Sie einander lieben.. «Herr Hirsch!" rief der Hauptmann beleidigt,«behalten Sie gefälligst Ihre Erinnerungen für sich." «Aber, Herr Hauptmann, warum sind Sie böse?" fragte Hirsch, noch immer in seiner glückseligen Stimmung.„Habe ich doch nichts Schlechtes gesagt! Gott behüte! Ich wundere mich nur, daß Herr Hauptmann es so lauge in Bosnien ohne die Fran Gemahlin aushalten konnten." „Nun, der Dienst geht vor allem", entgegnete unwillig der Hauptmann.!(Fortsetzung folgt.) §pazin'grt«ge eines Uatmfveundes. April. Auf einer Berglehne, die sich beträchtlich über die umliegende Gegend erhob, stand Herr Tanzman» und blickte auf das Land zu seinen Füßen herab. Er sah aber nichts, gar nichts. Er konnte und wottle auch nichts sehen, denn ein mit leichtem Schnee untermischter Rege» prasselte unbarmherzig auf seinen eingezogenen Kops und seinen gekrümmten Rücken herab, so daß das Wasser von der Krempe des Kalabresers und de» Zipfeln des Jackets strahlartig herniederfloß. Herr Tanzmann sagte nichts anderes als das eine Wort: Entzückend! Bei der Gemülhsart des Herrn Tanzman» könnte dieses Wort falsch aufgefaßt werde». Er meinte es aber wirklich ganz ernst. Er war gerade auf seinem diesmaligen Spaziergange mit dem Wetter beschüstigt und es entzückle ihn, daß dasselbe sich in den »lannigfalligsten Abwechselungen erging. Frost, Kälte, Wärme. Schnee. Regen, Graupeln, Sonnenschein, ein Gcwitterschlag, altes halte es seit früh 6 Uhr, wo Herr Tanzmann Berlin verlassen hatte, bereits gegeben. Nu» war nock Schnee und Regen zusammen ge- kommen. Kurzweiliger konnte keine Witterung sein. Tie Urania- Säulen hatten schönes Wetter prophezeit, die Zeitungen Regen, der Wirlh vom blauen Krug Schnee. Alle drei hatten vollständig recht gehabt in ihrer Art, und Herr Tanzmann konnte einmal wieder konftatiren, daß das Wetlcrprophezeihe» eine leichte und An- «rkennung bringende Sache ist für die Wissenschaft wie für den Laie», nur darf man nicht unbescheiden sein und glauben, daß die Prophezeiung durchaus in Erfüllung gehen nmßte; aber irgendwie und irgendwo trifft die Prognose schon einmal zu, darauf kann man Gift nehmen! Der Schneeregen wülhete weiter. Schwarze aufgelöste Wolken- Massen zogen, vom Westwind gepeitscht, in niedriger Höhe über die Erde hin und verfinsterten den Tag. Dann aber wurde es im Westen wieder hell,»»d nun sah Herr Tanzmann, wie sich das Un- gewitter nach dieser Richtung zu in gerodet Linie von dem blau erstrahlenden Westhimmel abhob. Dort unten lachte bereits die Sonne über den Fluren, und das Wetter wich medr und mehr nach Osten. Ei» paar Augenblicke und das Gewölk schüttele die letzten Tropfen auf Herrn Tanzman», dann zog es schnell davon. Der Wanderer folgte ihm mit dem Blick, wie es schattenartig nach Osten trieb und am Himmel eine breite Wand von regelmäßigen Wasserstreifen bildete. Jetzt erschien das Unwetter ganz klein, obwohl es vorher, während es noch über Herr» Tanzmann hcrniederprasselte. ausgesehen halte, als ob die ganze Welt in Wasser, Schnee und Finslerniß versinken wolle. Nun lachte die herrlichste Frühlingssonue am blauen Himmel. Die Lerche begann wieder zu singen, und ein gelber Zitronennogel- Schmetterling flatterte suchend umher. Der Wanderer überschaute die Gegend, die bereits im ersten zarten Grün des Frühlings prangte. Auf den Wiese», die unterhalb des Hügels lagen, war junges Gras hervorgeschoffen, allein es stach zu dieser Zeit doch wenig hervor, da jetzt die breiten Köpfchen des Löwenzahn und die offenen Blüihen der Sumpfdotterblume den Wiesen ein leuchtendes Gelb gaben. Aha, sagte Herr Tanzman», jetzt sind wir im Zeichen des Gelben, in einigen Wochen kommt dann das Weiße, später das flloih. Merkwürdig, daß die Pflanzen solche Masseneffekte lieben. Nichts weiter als Reklame, elendigliche Reklame! Und als Herr Tanzmann den öden, von noch immer schivarz- braunem Haidekraut bestandenen Hügel hinablief und an die Wiese herantrat, Hörle er ein Summe» von Bienen und anderen Insekten, die die gelben Blumen umschwärmten. Aha! Da sind die Kerls, sagte er, auf die die Reklame es ab- gesehen hat. Zmn Glück sind die Waaren in der Natur wenigstens nicht verfälscht. Und er sah, wie die Insekten auf den Vlütheii Platz»ahmen, wie sie sich förnilich hinein verkrochen und den Honig aus ihnen sogen, er sah, wie sie dabei mit den, Blüthenstanb ihren Körper ein- puderten, wie sie zn anderen Blüihen flogen, und der Staub dort auf den Narben der Stempel hängen blieb, so daß die Blnme» dadurch befruchtet wurden. Ja, die Natu? hat ihre Wunderlichkeiten, sagte Herr Tanzmann nachdenklich. Hier bei den Blumen ist die Berheirathung das reine Geschäft wie bei denen in Groß-Berlin. Die Insekten sind die Heirathsvermittler, und der Honig ist der Kuppelpelz. An der Wiese standen weißstämmige Birken, die mit dem erste» unendlich zarten hellgrünen Laub leicht behangen waren und in diesen, ersten Frühlingsschmuck ein überaus anmuthiges wohl« lhncndcs Bild boten. Die anderen Bäume, die ringsumher verstreut standen, hatten ihre Blätter noch nicht so weit entfaltet. Aber das Buschwerk, das einen am Hügel hinsübrenden Fußweg begleitete, halte sich auch bereits mit einem zierlichen Grün überzogen. Besonders der Hollnnder und die Hecken- rose hatten schon ihr volles Blattwerk bekommen. Und plötzlich blieb der Wanderer stehen. Ein wunderbarer Veilchenduft erfüllte die Luft. Und nun sah er nahe den Büschen im Grase verborgen die kleinen Blumen, denen es in ihrer schattigen Einsamkeit so wohl zn gefallen schien. Und ihr, ihr Bescheidenen, dachte Herr Tänzmann, ihr«erdet in das grelle Licht und das Gewirr der Großstadt gerissen und ,u- sammengebündelt, einen Sechser das Bouqnel, an die Herren der Friedrichstraße verkauft. Ja, ja, ein Päckchen Unschuld für eine» Sechser, so viel kann man dafür schon ausgeben. Als er den kleinen Fußweg weiter hinschlenderte, ließ sich von einem nahe» Laubwäldchen her der Kukuk vernehmen. Herr Tanz- mann zählte andächtig wie ein Kind die Rufe, indem er an die Fran Tanzmann. seine Mutler, dachte, die das auch immer that. So viel Rufe, so viel Jahre hat ma» noch zu lebe». Die Fran Tanzmann lebte darnach noch sehr verschieden lang. Wenn der Kukuk über 30 Mal rief, dann sagte sie freilich überlegen, wen» auch mit verhaltenem Glncksgefühl: Nein, Herr Tanzmann, nein, ich glaube es nicht, so lange lebe ich nicht mehr,»ein, nein. Wenn er aber blas einmal rief, dann war das Unglück groß. Du wirst sehen, Herr Tanzmann, dies Jahr gehe ich ein, jaivohl, ganz bestimnit! So schwankte sie von Freude zn Traner, mitunter mehrere Mal in einen. Tage. Während Herr Tanzmann daran dachte, zählte er bereits 5l Rufe. Das war ihm doch zn stark. Er nah», seinen Hut ab und klatschte ihn heftig anf die hohle Hand. Das Geräusch vertrieb de» allezeit schüchternen Kukuk sofort von seinem immerhin sehr entfernten Standorte. Herr Tanzmann sah de» dunkelen, taubengroße» Bogel jäh hinwegfllege» und i» der Ferne verschwinden. Im Westen zog von neuem ein Welter auf. Zunächst lag es als eine schwarzgraue Wand über de», Horizont. Aber allmälig breitete es sich ans und rückte näher herauf, während noch die Sonne in vollem Glänze schien. Man konnte aber schon deutlich die Wasserstreifen des Ungewitters sehen. Es waren gelblich weiße Wolken dabei, die auf nichts Gutes deuteten. Herr Tanzmann sah ganz genau, wie das Wetter heranrückte, wie es"einige hundert Meter von ihm bereits regnete und wie die Wolken- und Regen- masse, von eine», wüthenden Weststurm getrieben, näher und näher rückte und die ganze Landschaft i» ihre schwarze Finsterniß anf- »ahm. Herr Tanzman» klappte de» Jacketkragen hoch, zog die Krempe des Kalabresers nieder und duckte sich unter einen Hollunderbusch. Diesmal wird es wieder entzückend werden i dachte er. Es ivurde in der That entzückend. Das Welter ka», mit Blitzesschnelle heran, die Sonne verschwand, und der Rege» prasselte in Ströme» hernieder. Man konnte nicht zehn Schritt weit sehe», so groß war das Dunkel, das von dem Unwetter ausging. Die Blätter des Hollniiderstranches»ahme» die ersten Regentropfen anf,»ach kurzem aber ließen sie diese in gesammelter Älnsgabe auf Herrn Tanz», an» herabrieseln. Bei dem Regen ließ es das Aprilwetter aber nicht bewenden. Es folgten bald Graupeln, Schlosse» und kleine Hagelkörner, die so wüthend auf des Wanderers Kopf und Hinterseite prallten, daß dieser sich ganz i» das Geäst des großen Busches verkroch,»n» nicht mit blauen Flecken heimzukehren. Trotz alledem konnte er es sich nicht versagen, verstohlen nach de». Treiben des Wetters auszulugen. Die Hagcllörncr schlugen init surrende», Geräusch auf den Boden, der bald mit einer dünnen Schicht weißer Eiskugelche» bedeckt war. Sie waren stark genug, um die Blätter der Gebüsche unsanft anznsassen, zum Glück aber ging der Hagelschauer schnell vorüber, und die Ei:- körner zerrannen schnell in Wasser. Darum ließ der Regen freilich noch nicht nach. In Strahlen klatschte er anfdenBode» undspritztezerstänbend ei» Stück wieder in die Höhe. An der öden Berglehne rann das Wasser jetzt von verschiedenen Seiten zusammen, bohrte sich Rinne», die sich wieder vereinten und schließlich einen kleinen Bach bildeten, der gurgelnd herabfloß. Dabei schwemmte das Wasser die Erde mit sich fort, färbte sich ganz trüb und spülte de» Sand herunter a» den Fuß des Hügels. Offenbar hatte der Regen diese Thätigkeit seit einem undenklichen Zeiträume geübt, denn der Wanderer bemerkte jetzt, daß der Hügel nicht in einem gleichinäßige» Bogen zu den Wiesen herabfiel, sondern vor diesen sich in eine breite, rampenartige Bühne abflachte. Diese Erdbühne, auf ivelcher sich eben der Fußweg hinzog, war ohne Ziveifel der Schlemmsand, den das Regeuivasser von dem Hügel im Lause der Jahrtausende herabgespült hatte. So flacht sich nun die Erde allmälig ab, sagte Herr Tanzmann zn sich, wenn nicht einmal wieder eine große Revolution eintrilt. werde» wir nach und nach vlatt werden, wie eine russische Steppe: Unterdessen hatte der Regen»achgelassen. daS Wetter ivar wie vorher schnell davongeeilt, und die Sonne strahlle wieder vv' i blauen Himmel. Blätter und Blumen und Gräser glänzien wie im Morgenihau, und von den Sträuchen rollten noch lange schwere Wassertropfen. Der Wanderer schlenderte weiter an de» gelblichen- den Wiesen hin. Nach einiger Zeit jagte er einen Storch auf, der mit seinen langen Beinen im Grase neben einem Wiesengraben ge- standen und eben einen Frosch verspeist hatte. Der Bogel flog mit lang ausgestreckte» Beinen und gewaltig wuchtenden Flügelschlägen davon nach der Richtung, wo die Frau Tanzmann wohnen mochte. O weh, wenn die den Klapperstorch sieht! dachte Herr Tanz- mann lächelnd. In dem Punkte hat sie auch einen kuriosen Aber- glauben, obwohl sie jetzt Sö Jahre alt ist.... Und weiter ging Herr Tanzmann ans dem Fußwege, zur einen Seile die gelbblühenden Wiesen, znr anderen bald ein kleines Laub- gebüsch mit eben ergrünenden Bäumen und Sträuchern, bald ein Stück Kiefernwald, in dem die Heidelbeeren eben ihre jungen Blätter bekommen halte», bald ein saftig grünes Roggenfeld, dessen Halme bereits fußhoch emporgeschossen waren. Schließlich gelangte Herr Tanzmann an einen kleinen, weißglänzenden See, dessen Ufer mit schwärzlich grünen Kiefern bewachsen waren. Im Uferwasser stand noch das gebleichte dürre Schilf des vorigen Jahres, aber bereits kamen die hellgrünen Sprosse der jungen diesjährigen Pflanzen über den Wasserspiegel hervor. Ein wirres Gespllle von allen Pflanzen- stengeln, Bruchholz, leeren Muschelschalen lag am Strande, aber schon schwammen die dicken, keimenden Wurzelstücke des Wasser- ampfers, junge Pflanzen der Wasterscheere und des Froschbisses am Ufer umher. Und zwischen de» leeren Molluskenschalen krochen lebende Schnecken in mannigfaltig geformten Arte» hin und her. Aus. dem Schilf flogen mit viel Ge- sckniatler wilde Enten ans, die nahe am jenseitige» Ufer sich wieder niederließen. sich jagten und bald über das Wasser rauschten, bald in die Höhe flogen in wechselndem Liebesspiel. Uebcrall wurden die Spuren des ver- gangenen Winters durch kräftig sich regende Zeichen des vollen Nalurerwachens verdrängt.— Curt Grotte tvifv Vletnes Feuillokott. — Die Osterrumpel. Ach, wie lange ist das schon wieder her! Das Eiertippeu war ja schön, besonders wenn man schlau war, beim Zuschlagen den Fingernagel vorschob und mit ihm die Eierschale euidrückle. In einer halben Stunde halte man all« Taschen voll Eier und konnte sich an den hartgesottenen Dingern nach Herzenslust den Magen verderbe». Das„Ratschen" war auch nicht ohne. Klapperten die Ministranten mit einem Schlage los, dann wurde der junge schüchterne Kaplan vor Schrecken käsweiß. Geschah ihm recht: Er ließ sich bei der Messe stets de» ganze» Inhalt des Weinkännchens «ingieße». Und nach der Kirche raste der Spektakel durch die stille Dorfstrabe. In ganzen Kolonnen ging's dahin, daß die sanft- müthigsten alten Weiber mit den Köpfen ans den Fenstern fuhren und trotz des heiligen Tages losflnchlen wie Landfuhrleute. Das größte und feinste Vergnügen aber war das Rumpeln. Da mußte einer schon von guten Ellern sei», um zugelassen zu werde»: Sohn eines Großbauern oder wenigstens Neffe des Kantors und„Nnfwartbnb erster Klasse". Der letztere hatte als„halber Pfarrer" die Führung. Hinter der Orgel ging's die steile Stiegenleiter hinauf, über den russigen Kirchenboden hin, an der Uhr vorbei über die Thurmleiter hinauf bis zu den Glocken und Schalllöchern. Und in das Schallloch, durch das man ans das Dorf hinabsah, wurde die Rümpel gezwängt. Ein uralter Holzkasten war sie. so groß wie eine Drehorgel, eine Kurbel hatte sie, und wenn man an dieser drehte, dann flogen ein Dutzend Holzhämmer auf und nieder und schlugen aus den hohlen Holzkasten, daß es klapperte. rumpelte und pumpelte— in meinem ganzen Lebe» habe ich kein ähnliches Geräusch mehr gehört. Jedesmal wurde ausgemacht, daß jeder, der mit durch die Kirchenthür kam, auch mitrumpeln dürfe. I» Wirklichkeit stellte sich die Sache etwas anders. Wer die Kurbel erwischte, rumpelte darauf los, so lange er konnte— bis die Ge- schädigten sich znsanunenlhateu, über de» Kontraklbrecher herfiele» und ihn von der Rümpel wegrissen. Während des Ranfens durfte die Kurbel nicht einen Augenblick still stehen, und dee Raufenden schwebten beständig in Gefahr, entweder durch den Thurmschacht in das Gangwerk der Uhr oder mit der Rümpel durch das Schallloch auf den Friedhos zu fallen. Und dennoch kenne ich einen, der sich während einer ganzen Mitlagsrnwpelei nicht von der Kurbel trennte. Am anderen Morgen war ihm freilich der Kopf ganz verbeult, der Buckel brau» und blau und die Hand über und über zerkratzt. Am Ende der Charwoche trat die Osterrumpel wieder in de» Ruhestand. Erst zur Zeit, wenn die ersten Frühbirnen reifte», fand sie wieder etwas Beschäftigung. Die Feinschmecker unter den Schulbuben füllte» sie mit Steine» und zogen sie schnell über die zum Kirchenbodeu führende Fallthür, wenn ein neugieriger Bauer nachsehen wollte, wer den» soeben anS seinem Obstgarten in die Kirche gelaufen.— t. Die Wcinprodnktion der Welt im Jahre I8t>7 giebt der französische„Moniteur vinicole". I» der Gesammtheit hat sich die Menge des produzirten Weines im vorigen Jahre etiva auf der- selben Höhe gehalten wie IS96. Die Gesanimlprodnktion wird auf rund 119 Millionen Hektoliter geschätzt, während dieselbe 1696 auf 123 366(XX> Hektoliter angegeben wurde. Nach der Menge der Produktion sind die Wein erzeugenden Länder in folgender Reihenfolge zu neuneu: Frankreich, Italien, Spanien, Algier, Rumänien, Chile, Portugal, Rußland, Deutschland, Oesterreich, Türkei und Cypern, Argentiilien, Schiveiz, Ungarn, Griechenland mit seinen Inseln. Bnlgarieu, Serbien, Brasilien, Azoren und Kanare» inkl. Madeira, Kap der guten Hoffnung, Australien, Tunis, Mexiko und Persien. Frankreich erzengt etwas mehr als den dritten Theil des gesammten Weines. Die Prodtiktio» hat freilich in den letzte» Jahren erheblich geschivankt, sie belief sich 1387 ans nur 24 Millionen Hektoliter, 1693 auf SO, 1894 auf 44>/2 und 1897 auf etwa 40 Millionen Hektoliter. Italien hat im vorigen Jahre 4>/2 Millionen Hektoliter mehr geerntct als 1896, Spanien und Algier haben sich etwa auf gleicher Höhe gehalten, jenes auf rund 18, dieses aus rund 4 Millionen Hektoliter. Eine ungemein starke Abnahme der Produktion hat Rumänien aufzuweisen, das von 7>/2 Millionen im Jahre 1896 nur etwas über 3 Millionen im Jahre 1897 gewann und hinler Algier zurücktrat. Dagegen stieg die Weinproduktion Chiles von 1�/« Millionen auf fast 3 Millionen, und dieses südamerikanische Land rückte in der Rangliste der wein- erzeugenden Länder von der 12. an die 6. Stelle, indem es Portugal, Rußland, Deutschland, Türkei und Cypern. Oesterreich und Griechen» land überholte. Deutschland steht 1897 erst an 9. Stelle hinsichtlich der Menge des erzielte» Weines und wurde von Rußland, trotzdem auch dieses Land eine Abnahme der Produktion zu verzeichnen hatte, überholt. Ein allgemeiner Ueberblick über die Stalistik zeigt als Ergebniß, daß die Weinernte in den meisten Ländern der Welt 1897 eine an Menge geringe war und vielfach hinter dem Vorjahre be« deutend zurückblieb.— — Zarte Riirksicht. Als nach dem Jahre 1843 die Beziehungen zwischen Preußen und Rußland besonders eng waren, wurde einem rusflschen Zensor in Warschau ein Lehrbuch der Chemie vorgelegt, das auch den früher übliche» Ausdruck„.Axiclinn borussicum* (Preußische Säure) enthielt. Der Ausdruck mußte getilgt werden. „denn," so sagte der Bescheid,„es ist durchaus»»statthast, ein Gift mit dem Namen eines Staates zu bezeichnen, der mit der Regierung Sr. Majestät des Zaren so innig befreundet ist."— Theater. —„Die Tegernsee'er" iverden am Id. April im Thalia-Theater mit der Novität„Der Zimmerfestel vom Tegernsee" von A. Schäfer ihr Gastspiel eröffnen. Später sollen noch die„Die Haberer" von M. Hirsch,„Nnf'm Wendelstein" von Fuchs und„Der Bürgermeister" von Erwin Resch zur Aufführung gelangen.— Völkerkunde. — Die Araber der tunesischen Sahara. In der geographischen Gesellschaft zu Algier hielt unlängst der Schweizer Ingenieur V. Cornetz einen Vortrag über die Reisen, die er drei Jahre lang, von 1892— 94, als erster Europäer in der tunesischen Sahara, der Gegend zwischen den Schotts und Ghadames und nach letzlerer Stadt selber unternommen hat. Er reiste daS erste Mal zu Pferde mit nur zwei Begleitern, als Araber gekleidet, später als Führer einer kleinen Karawane, mit welcher er sich monatelang nomadisirenden Stämmen. ihr Leben theilend, auf ihren Wanderungen in stets wechselnder Richtung anschloß. Er sludirte das ganze große Gebiet in geographischer. geologischer und physikalischer Beziehung gründlich, fertigte genaue Karten an und hatte reiche wissenschaftliche Ausbeute. In seinem Vortrage berichtete Cornetz einen Jrrthum, der bei Reisenden, die vorübergehend Gäste der Nomaden waren. durch die Kürze ihres Aufenthaltes unter ihnen entstanden ist. Die Etikette der Gastfrennd- schnft bei diesen Völkerschaften erfordert, daß der uuter einem Zelte aufgenommene Fremde die ununterbrochene Gesellschast seines Gastfremides und Zellbesitzers genießt. Dieser unterbricht sein ge- wöhnliches Leben, feine täglichen Beschäftigungen vollständig und er erscheint so als ein beständig seine Pfeife rauchender Müßiggänger, der de» Frauen die ganze Last der nöthigen Arbeiten ausbürdet. In Wahrheit ist der Nomade, im Winter wenigstens, stark beschäftigt, insbesondere mit Ueberivachung seiner Heerde» und Zlnssnchung der Kameele, für die das freie Umherstreifen zwischen den Dünen Bedingung ihres Wohlbesindens ist. Reisende, die diese Sitte kennen, vermeiden es deshalb, das Zelt der Nomaden, mit denen sie Geschäfte haben. zu betreten, um ihre Freiheil nicht zu beeinträchtigen; sie lassen sich in der Nähe nieder, um sie bei sich selbst empfangen zu könne». Die Frau ist viel weniger mit Arbeit überbürdet und auch nicht so unglücklich, so sehr Sklavin, wie man gewöhnlich glaubt. Aller- dings muß sie sich dem Willen ihres Vaters bei der Wahl deS Gatten sügen, der für sie einen mehr oder weniger großntülhigen Preis zahlt. Doch hat sie, um sich eines ihr unliebsamen Gatten zu entledigen, zwei wirksame Mittel. Sie kann sich zunächst ihrem Herrn und Gebieter so unangenehm mache«— und die Bewohnerinnen der Sahara scheinen Meisterinnen in dieser Kunst zu sein— daß er sie, um Rnhe zu haben, ihrem Vater zurück- schickt. Dann kann sie sich in wohlvorbereiteter Weise, meist mit Unterstützung einer Negerin, entführen lassen. Der»ach ihrem Geschmack erwählte Entführer holt sie in Abwesenheit ihres Garten «u? dessen Zelt und bringt sie nicht etwa in sein eigenes Hein», luiidnn zu einem angesehenen Siammesgenossen. Der zurück- kehrende, anfangs umtheude Gälte ergiebt sich bald in sein Schick- sal, das dadurch weniger traurig gemacht wird, daß er ändert- halbmal den Betrag der gezahlten Mitgift zurückzufordern de- rechtigt ist. Die große Menge der vorkommenden Ehescheidungen in der Sahara beweist, daß die Frauen, wenn sie schön und klug sind, auch hier die Herrinnen ihrer Person und ihres Geschickes sind.— Geschichtliches. c. e.?l n s der Geschichte der Verschickung nach Sibirien veröffentlicht der„Tjureinuy Westuik" inleressanle Daten. Die Verschicknng der Verbrecher nach Sibirien«xistirt in Rußland schon inehr als 200 Jahre. Schon uuter der Regierung des Zaren Sllexei Michailowitsch, als die Todesstrafe abgeschafft wurde, ivurde» die Verbrecher mit der Peitsche geprügelt; dann rvnrde ihnen ei» Fiuger der linken Hand abgehackt, worauf sie mit Weib und Kind„auf ewig« Zeit'»ach Sibirien verschickt wurden. Peter der Große ließ. gleich dein Zar Feodor, den Verbrechern nicht nur die Hände und Füße, sondern auch die Ohre» abschneiden; die also Verstünunelteu schickte man nach Afow zur Festnngsarbeit. Wie sie ohne Hände und Füße arbeite» konnten, bleibt unerfindlich. Als Asow auf kurze Zeil in die Hände der Türken fiel, wurden die Verbrecher nach Schlüsselburg und Petersburg verschickt. Gegen das Ende seiner Regierung kam die Verschickung nach Sibirien wieder auf. ivische» 1730 und 1740 wurden 20 000 Adlige und Beamte nach ibirien verschickt. Im Zeitraum von 75 Jahren, von 1623 biS 1807, sind 907 244 Menschen»ach Sibirien verschickt worden, denen 212 343 Familienglieder freiwillig gefolgt sind. Der vierte Theil der Bevölkerung Sibiriens besteht aus Verschickte», und zwar lebe» sie meistentheils in den Gouvernements Tobolsk, Tomsk, Jenisseisk und Jrkutsk und in den Gebieten Jakutsk, Trans- vaikalieu und dem Küstengebiet. Die meisten Nachkommen der Ver- brecher sind im Gouvernement Tobolsk.— Geographisches. ie. Eine Szenerie a n S der Negerrepnbli! Liberia schildert in lebhafter Erzählung ein kürzlich eingegangener Brief eines jnnge» Afrikareisende». In dem Orte Einou(Sinae), an der Mündung des gleichnamige» Flusse? gelegen, wurden wir, so lauten die Worte des Briefes, von dem Vertreter einer Hamburger Firma empfangen. Wir bummelten durch Einou, ei» erdärmliches Rest, von Liberianern(Krunegern) bewohnt, schmutzig und sandig. Die Hänser sind kleine, allerdings nach enropäischem Muster gebaute Holzhänser, zum theil ans Pfählen stehend und bunt beinalt, meist sind sie von einem Hofraum umgeben und stehen stets sehr weit »useinander. Dazivische» die denkbar üppigste Vegetation, besonders Kaffee, Zitrone», Apfelsinen, Brolsrucht und ungezählte tropische Uu- kräuter. Auf de»„Straßen' trieben sich Schweine, eine kleine eigenthüm» lich aussehende Ziegenart und Hühner und Enten uuiher. Wir gingen zur„Post', einer Holzbaracke, so schief, daß sie jeden Augenblick einzufallen drohte: Sie umfaßt inwendig einen einzigen Raum und in diesem Räume«inen Tisch. Vor Schmutz konnten wir es innen nicht aushalten. Irgend welche Bücher, Stempel oder was sonst nach«»serer Meinung in ein Postamt gehört, gab es. nicht. Der Postmaster, ein älterer Neger, ist ständig betrunken und hat von einem Weltpostverein ie. keine Ahnung. Einen Telegraphen giebt es hier sowie im ganzen übrigen Staate nicht. Der Leiter der deutschen Faktorei machte uns über die Postverhältuisse von Siuo» folgende Angaben. Der Postmaster bekommt ab und zu auS Monrovia eine Sendung von Marken und Postkarten, diese tauscht er sofort ans de» beiden am Platz befindlichen Faktoreien, der deutschen und holländischen, in Waare um, diese Waare besteht natürlich zum größte» Theil« in Gin und Ruin. Die Fakloreien »nache» dabei ein gutes Geschäft, denn nun kommen die Leute zu ihnen, um ihre Briefe srankire» zu lassen, wofür die Faktoreien sich mit baarem Äelde bezahlen lassen. Auch der Poststempel befindet sich in den Händen der deutschen Faktorei; wenn nun ein Dampfer kommt, so wird die gesammte Post im Faktoreiboote weggebracht und geholt. Briefe an Liberianer gehen da»» an den Postmaster, ob sie je an ihre Adresse gelangen, ist zum mindesten Zweifelhaft. Das sind Postverhällniss« in einem Staate, der zum Wellpostverein gehört!... Aus der„Stadt" gingen wir die Küste entlang bis zu dem etwa «in Kilometer enlfernlen Fishtown, einem von Kru's bewohnten Negerdorf«, dessen Bewohner sich nur vom Fischfang nähren. Die Hütten des Dorfes waren leidlich sauber, die Neger gehen dnrchiveg nackend. Es sind äußerst geivandte Seeleute, die in ihren Kauoes, ganz schnialen Einbäume», meilenweit in das Meer hinaus fahre», als Ruder dienen schaufelförmig« Paddeln. Wenn ein Dampfer sich zeigt, so ist er von unzähligen dieser Boote umschwärmt. Alle Augenblicke kippt eins»m, aber es dauert kaum 2 Minuten, so ist eS wieder umgedreht, das Wasser beranSgeschültet, und die Leute sitze» wieder darin. Ihr Schwimme» ist geradezu beivundernsiverth.— Medizinisches. k Jahresverbrauch von Arzneimitteln tn England. Besser als durch nachstehende Aufstellung kann die Vorliebe des Engländers für möglichst ausgiebige Anivendung von Arzneimittel» nicht charakterisirt werden. Die Apothekerrechnuug vo» Guy's Hospital in London weist für die poliklini'schen Patienten im Jahre 1897 die Kleinigkeit von 73 742 Rezepten auf. 536 000 Pillen, 54 531 Pfund Salbe und 10 832 Ellen Pflaster wurden verbraucht und 379 Pfund Abfühnnittel verschluckt. Bei Typhus wurde reichlicher als früher Moschus verordnet, sodaß z. B. mancher Kranke für über 100 M. verschluckte. Um die Schmerz- empfindlichkeit zu vermindern, wurden 430 Pfund Chloroform, 534 Pfund Aether und 90 Pfund Alkohol verschrieben. Außerdem dienten 11000 Pfund LustgaS und 50 000 Pfund Sauerstoff zu leichten Narkosen. Für autiseptische Mittel wurden im Jahr« 1397 allein 30 000 M. verausgabt.— Humoristisches. — Eine trostlose Mutter. Auf dem Polizeianrt. „Ach! Herr Kommissar, ich bin trostlos: mein Rad ist mir eben ge- stöhlen ivorden."—„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! Wie sah denn die Maschine aus?'— Die Dame giebt eine umständliche Be- fchreibung bis in die kleinsten Details.—„Und sonst halte daS Rad kein besonderes Merkmal mehr?'—„Ja! Ja! Das halt' ich ganz zu sagen vergessen: Mein kleines Baby saß vorn an der Lenk» stange."— — Merkwürdige Charge. A.:„I woaß net: der olti Jager-Sepp macht so a ehrwirdig's und grundehrlich's G'sicht— aber aus'n Augen schaugt er wia a Spitzbnb'!'— B.:„Jo, jo. Ma mecht halt soag'n. er schaugt aus wie a p e n s i o n i r t e r Wilddieb!'(.Jugend'.) — Klassisches Beispiel. Lehrer:„Das Wort „lakonisch" staunut vo» de» Laledämoniern her, die im Allerthum wegen ihrer kurzen und schlagende» Antworten berühmt ivareu. Was z. B. antwortete König Leonidas bei den Thermopyle» auf die Aufforderung bei Perserkönigs, ihm die Waffe» auszulieferu? Nun, Meyer?' Meyer(nach kurzem Besinnen):„Stuss!'— vermischtes vom Tage. — Die Ausstellung von K ü u st l e r- L i t h o g r a p h i e n im Lichlhose des Kunstgewerbe-Musenms wird nicht, ivie ansänglich gemeldet ivurde. den ganzen April hindurch, sondern nur bis zum 12. d. M. geöffnet bleiben.— y. Zwei Kinder eines Werftarbeiter? in Hamburg im Alter von drei und vier Jahren tranken in Abwesenheit der Eltern au? einer Flasche so viel Kümmel, daß das jüngere Kind an Alkohol- v e r g i f t»» g bald darauf starb, während das andere schwertrank darnieder liegt.— — Im Riesengebirge tobten am Mittwoch bei grimmiger Kälte bestige S ch n e« st ü r m e. In ganz G a l i z i e n herrschte gleichfalls in den letzten Tagen großer Schneefall.— — Der Sport mit i l l u st r i r t e u P o st k a r t e n hat in der kurzen Zeit seines Bestehens einen riesigen Umfang erreicht. Eine internationale?l u s st e l l u» g i l l u st r i r l e r Post- karten wird in der Zeit vom I. bis 31. Mai d. I. in den Räumen des Knnstgewerbe-Museuius in Leipzig stattfinden.— — Ans Rache erstach ein Italiener am Mittwoch einen Wirlh i» Malst« tt-Burbach.— — Durch Vermittelnng eines Wü rzbnrger Kommissionärs wurde ein junges Mädchen unter dem Versprechen, es solle eine „gute Stelle" erhalten, von dort nach Heidelberg in ein ver- rufe n es Hans gelockt. Als die Angehörigen keine Nachricht er- hielte», ließe» sie polizeilich nachforschen und fanden das Mädchen dort krank wieder.— — Nicht iveniger alS drei tödtliche Verletzungen durch leicht- sinniges H a» t i r e n mit geladenen Schußwaffen werden ge- meldet: In R u s f e n b e r g bei Landau erschoß auf diese Weise ein 14jähriger Bursche eine» Knecht, in K i r ch t n r» e»(Kanton Bern) ein Man» seinen Schwiegervater, in Livorno ein Fabrik- direkror seine junge Frau.— — In der Gemeinde B l n t o w bei Knttenbera(Böhmen) grub ein Arbeiter die Leiche eines wegen Wiithkrankheit erschosseneu »»des aus und bereitete daraus eine» Braten für sich und seine inder.— — Auch i» Bosnien und Herzegowina herrscht H u n g e r s» o t h. Für Brot werden alle mögliche» Surrogate genommen. Im Bezirk Nevesin leben die Leute größlentheils von Baumrinde. Selbstmorde und Todesfälle durch Verhungern werden von überallher gemeldet. Die Behörden suchen auch hier alles zu verheimliche». Ein Hilfskomitee, das sich in Mostar bildete, wurde sofort verbole». Die Viehsteuer wird unbarmherzig eingetrieben.— — In S a v i g l i a n o wurde ein Osfizier von einem anderen im Duell lödllich verletzt. Sie halten eine» Streit wegen eines Mädchens gehabt. Das Duell war von de» Vorgesetzten vor- geschrieben worden.— — Die Meldung über die Ankunft Andr-t's in Klondyke begegnet allenthalben starken Zweifeln. Weitere Nachrichten siud bisher nicht eingetroffen.— Verantwortlicher Redakteur: Niignft Jarobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.