Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 75. Sonntag, den 17. April. 1898. (Nachdruck verboten.) Der Schiffsjunge. IJ Eine Seegefchichle von Peter Egge. Einzig antorisirte Ueberjetzung von E. B r a u s e iv et t e r. I. Oktober. Es war zwischen sechs und sieben Uhr abends. Der Ausluger aus der Bark„Merry Schnor" starrte von der Back*) hinaus. Zwischen der Schute und der Nebelmasse, die weit draußen die Aussicht versperrte, sah er nur die Wellen, die in ein- sörniigem Wechsel kamen und gingen, und die Wolken darüber groß, grau und schwer. Auch luvwärts**) nur Wellen, Nebel und Wolken. Aber leewärts*1*) lag ein schwarzer Streifen Land. Er war nur dünn und wurde imnler dünner: das be- wirkte der Nebel, der sich lzerabsenkte. Ein paar Wiövcn erschienen plötzlich dicht vorn, als ivären sie aus der See aufgetaucht. Sie segelten auf unbeweglichen Schwingen, bald luvwärts, bald leewärts, ließen sich jetzt herabfallen, hoben sich dann wieder empor«nd schrien laut und aichaltend einander zu. Der Ausluger spuckte leewärts in die See. „Teufel, ivie lang man warten muß, bis man das bischen Essen kriegt!" Gleich darauf hörte er hinter sich schwere Seemannsstiefel und den schrammenden Laut der geölten Hosenbeinlinge, die sich aneinander rieben. „Geht die See über?" „O ja. Daran fehlt's nicht, Dil kannst Deine Oelkleider schon anziehen." � Sobald der Auslugcr abgelöst war, stieg er von der Back herunter und ging hinunter in die Roof-i-) Sieben von der fünfzehn Mann starken Besatzung saßen auf ihren Schiffskisten um den Tisch und aßen Abendbrot. Es waren alles junge Leute, der älteste kaum über sünfund- zwanzig Jahre. Für den Achten— Benn— war kein Platz am Tische. .Er tag mehr als er saß auf seiner Schiffskiste, einem Koffer, in der Ecke bei der Thüre und war in dem matten Lampenlicht nur undeutlich zu sehen. Er war lang und sehr inager, ohne jedoch jungenhaft auszusehen. Das bleiche Gesicht .und die großen, grauen Angen verliehen ihm ein krankhaftes Aussehen. Sein Blick war schwermüthig, fast kummervoll, und er hob ihn selten vom Boden empor. Die Füße hatte er gegen den Boden gestemmt, um nicht vom Koffer hinunter zu rutschen, und er nagte unverdrossen au seinem Schiffszwieback und trank seinen schwarzen, lauwarmen Thee, ohne sich um die Kameraden zu kümmern. Alle schienen hungrig zu sein. Man aß stumm. Nur hie und da vernahm man ein paar Worte und ein kurzes Lachen. Plötzlich rief Joknm, ein neunzehnjähriger Leichtmatrose: „Nein, guckt mal, den Angclwurm! Liegt er nicht da und streckt sich so lang aus, wie die ganze Schute!" Die Männer kicherten. Benn fühlte, daß alle Gesichter auf ihn gerichtet waren und Hohn, Mitleid oder Neugier ausdrückten. Er starrte seinen Schiffszwieback und den Tbee an und versuchte so ruhig wie möglich, sich in eine mehr sitzende Stellung aufzurichten; aber fast in demselben Augenblick legte die Schute um, und er wurde plötzlich gezwungen, sich noch mehr hinten über zu beugen und die Beine noch fester gegen den Boden zu stemmen, um nicht hcrabzngleiteu. Da dröhnte eine schmetternde Lachsalve von den Wänden und der Decke wieder. Das Lachen der Leute erschien Benn immer roh und höhnisch. Aber noch schlimmer hier drinnen zwischen den engen Wänden und unter dem mannshohen Dache. Es kam ihm vor, als machte es den Leuten Spaß, den Jammer in feinem Gesicht und die Unbeholfenheit in jeder seiner Bewegungen zu sehen. Er schluckte die Thränen mit aller Kraft hinunter. •) Vordertheil des Schiffes. "1 Die Windseite. »»') Die dem Winde abgelehrte Seite des Schiffe?. f) Mannschastslajüle. Sie sollten nicht wieder Gelegenheit finden, ihn ans« znlachen! Er mußte doch endlich begreisen, daß es die Ge- wohnheit dieser Leute war, über jedes Unglück eines anderen zu lachen; es war so dumm von ihm, sich ihre Unverschämt- heiten zu Herzen zu nehmen. Wie lachten Sie nicht, als Joknm bis auf die Haut naß wurde von einer Welle, die heute über Bord ging, obgleich sie seine besten Kameraden waren. Aber nun war er trotzdem wüthend auf sie. Er fühlte, wie er ihre Arbeit, ihre Gewohnheiten haßte, am meisten aber ihr Lachen. Er lag noch immer wie vorher und blickte nicht auf, sagte aber auch kein Wort. Er wollte ganz ruhig essen, ihnen zeigen, wie wenig er sich aus ihnen und ihrem Spott machte. „Ach du lieber Himmel," fuhr Joknm leise fort. Es lag eine Spur von Mitleid in seinem Ton, und dies hätte Benn's Thränen beinahe zum Hervorbrechen gebracht.„Von dem Jungen sind ja nur noch die Knochen übrig." „Ja, ihm thut's wohl leid, daß er aufs Salzwasser'raus- kam," meinte Michel ebenfalls mitleidig. „Ja, ja, so geht's, wenn die Herren Studenten zur See gehen," rief Joknm in übertrieben bedauerndem Tone. Er blickte sich um, um zu sehen, ob man über ihn lachte. Es lag etwas in seinem Ton, was Benn wieder wüthend machte. „Du solltest lieber fragen, ob Du nicht Aufwärter wer« den kannst bei der Kapitänsfran! Sie braucht einen Kerl, der ihr die Röcke trägt, wenn eS auf Deck naß ist, und den Regen- schirm, wenn es regnet." Die Lenke um den Tisch herum lachten unaufhörlich. Benn blickte nicht auf, sondern biß wüthend auf seinen harte» Zwieback los. Da that Joknm, als wenn er über Benn's Gleichgiltigkcit ärgerlich würde, blies sich auf und rief mit grober Stimme, wie ein alter Schiffer: „Ah, richt' Dich auf. Junge! Lieg' nicht so da! Ist das Sitte an Bord!? Du hast Dich wohl noch nicht ans Salzwasser gewöhnt, aber ich werd' Dich schon auf all' die Masten und Nocken der Schute'raufschicken, verstehst Du?!' Die Jungen brüllten vor Lachen. Einzelnen kam das Essen in die unrechte Kehle, und sie niußten husten. Niemand konnte Jokum's Witzen widerstehen. Selbst Oivind, der Jung- mann, der Benn's Freund und Rathgebcr geworden war, mußte laut auslachen, obschon er ihn dasitzen und mit dem Weinen kämpfen sah. Daß Benn auch gar keinen Scherz verstand! Benn dagegen empfand Oivind's Lachen als Verrath. Ach wäre es doch nur erst acht Uhr, daß er in seine Koje kriechen könnte! Es kostete ihm Anstrengung genug, nur so aufrecht zu sitzen, wie er es nun that. Er hatte ein Gefühl in seinem Körper, als wäre er windelweich geschlagen. Der zweite Steuermann stand in der Thür.„Wir müssen laviren, gleich!" Alle erhoben sich. „Herr Gott!" dachte Benn,„ist es denn noch nicht genug für heute?!" Tassen und Teller wurden in die Regale unter der Deck« hineingestellt, damit sie nicht auf den Boden herabgleiten sollten. Benn war der erste zur Thüre hinaus. Er wußte, daß das von ihm, dem Schiffsjungen, verlangt wurde. Hinter sich hörte er die Kameraden durcheinander reden. Sie schimpften auf den Wind und den Regen, der wieder begonnen hatte, und die Schute und die Steuerleute. Er fror in dem Oktober« stürm und dem kalten Regen. Das Verdeck war glatt vom Wasser, und er hielt sich an den Pflöcken luvwärts fest, um nicht zu fallen, indem er nach hinten zu den Brassen ging. Leewärts sah er den Steuermann. Benn beugte sich hinter das Geländer, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Wie lange das wohl noch dauern konnte, daß man laviren mußte! Bisweilen war es auf eins, zwei gemacht, und manchmal wieder konnte man gar nicht damit fertig werden, wie man sich auch plagte. Er begriff das nicht recht. Jedesmal, wenn es hieß, „laviren", wurde ihm angst; denn dann sollte alles so schnell gehen, als galt es das Leben, und dann zog er am verkehrten Ende oder machte das Tau am falschen Pflock fest, und dann schalten die anderen auf ihn und sagten, er wäre dumm und würde niemals was kapiren, obgleich er so schrecklich ziehen mußte, daß er Schmerzen in der Seite hatte. Das Laviren, das war die abscheulichste Arbeit an Bord— huh! Die ganze Mannschaft war nun endlich dazugekommen und der Kapitän übernahm das Steuer. Venn ermüdete seine gebeugte Stellung, und er richtete sich auf, um den Schmerz im Rückgrat auf eine andere Stelle des Körpers abzulenken, und das schien ihm eine Erleichterung. Es war auch merkwürdig, wie bald er müde wurde, seitdem er an Bord kam. Oivind stellte sich neben Ben», der das letzte Ende der Brasse hielt. .Siehst Du dort!* flüsterte er, damit die Offiziere es nicht hören sollten, und zeigte nach der Küste hin,»siehst Du, das sind die Thorunger vor Arendal".*) »Ach, nicht möglich,* sagte Beim. Er glaubte, der andere scherzte.„Wir sind doch wohl schon weiter. Es ist ja vier Tage her, seit wir dort vorbeikamen.* »Aber wir sind wieder so weit zurückgetrieben, siehst Du.* »Toppsegel halt!* Benn ließ die Hände so schnell wie möglich gleiten, um das Segel zu unterschlagen"), so' ild das Tau kam; aber er vermochte den anderen nicht zu folgen. Es weinte in ihm; noch nicht weiter gekommen, als vor vier Tagen— ach, Herr Gott, wieviel schwere Tage hatte er noch vor sich, bevor sie nach New- Jork hinüberkamen, und dann folgte noch die lange Rückreise nach Europa, und er hatte sich für zwei Jahre verheuert! Aber er brannte durch, wenn er wieder in einen europäischen Hafen kam, falls man ihn nicht abmusterte. Mutter mochte denken und thun, was sie wollte, diese Hölle hielt er nicht länger aus. »Fest dort!" »Was stehst Du und glotzt. Junge!* Es war Jokum, der niemals vergessen konnte, daß er zu dieser Tour endlich als Leichtmatrose geheuert war. Benn schlug das Braßende um einen Pflock, von dem er hoffte, daß es der richtige war. »Nicht dort!" schrie ihm Jens Christian zu. Oivind machte das Ende für ihn fest. „Goddam! Ob er well weiß, wo die Großbrasse steht?" sagte Toni, ein Engländer, der Leichtmatrose war. »Er ist nun schon vier Tage an Bord!* fuhr Jokum höhnisch fort. (Fortsetzung folgt.) SonntsgsplsuveLer. »Die Gazetten sollen nicht geniret werden* Dies geflügelte Paradeworl wird Friedrich II. in den Mund gelegt und giebt innner den Trumpf ab, wenn irgend wer die wirkliche Geistesfreiheit des Preußenkönigs einer Kritik unterwirft. Die Zeiimige» sollen nicht genirt werden, wie prächtig sich das anhört, und an, Ende wieder- holt selbst Herr v. Metzsch in Sachsen diesen berühmt gewordenen Ansspnich, wenn er in gehobener Stimmung an irgend einem Fest- bankett theilnimmt. Die Gazetten, daS ist ein allgemeiner, unbestimmter Ausdruck. Etwas anderes ist es um dm Zeitungsschreiber, um das hergelaufene Literatengesmdel. Hier hat man einen Begriff, an den man sich halten kann; das war schon zu Zeiten des alten Fritzen so. Die Gazetten sollten nach einem frommen Wunsch nicht genirek werden. Aber die infamen Zeitungsschreiber, die aufzumuckm wagten und unbequem wurden. sollten mit Stockprügeln zur Raison gebracht werden. In der Theorie gab's da eine ideale Forderung. In der Praxis aber sah es unter dem ausgeklärten Absolutismus trübselig genug aus. Später schwärmte man für die freie Presse, und in den jungen Tagen der Konstitution war die Zeitungswelt wohl über Gebühr angesehm worden. Man bedachte sie mit einein Glorienschein, und Gustav Freytag schrieb das deutsche Lustspiel„Die Journalisten", das heute schon wie eine rühreud-naive Rückeriunerung an ver- gangeue und verträumte Jugendlage aussieht. Trotzdem hagelte es und nicht blos bei den Reaklionärei«— die alten Flüche, iveun das Federvieh sich erlaubte, unbequem zu werden. Alan entrüstete sich wohl öffentlich, wenn ein Haudegen behauplete, die achtnndvierziger Bewegung sei von zusammengelaufenem Literalengesindel angeregt worden; aber im nächsten Augenblick war man selbst gern bereit, in dieselbe Kerbe zu hauen. Seitdem sind manche schöne und minder schöne Gleichnisse über Zeitungen und Zeitungsschreiber gesunden worden. Man rühmte die„siebente Grobmacht", man sprach von den»Wach- Hunden der Zivilisation,"— und wie viele dieser armen *) Zwei Leuchthürme vor dem Hafen von Arendal. ") Das Straffziehen des Taues, um das Segel sestzuziehen. Hunde vergaßen zu bellen, wenn ihnen ein Brocken Fleisch hingeworfen wurde; man verglich die'Preßthätigkeit mit einem schwiegermütterlichen Beruf, wie«ine sorgliche Schwieger- mutier wurde sie verlästert und verhöhnt; und selbst im dunkelsten Ostelbien ward vermnthlich während einer Wahlperiode manch Zeitungsschreiberlein zu einer Respektsperson. Allein alles in allem: der Begriff Literatenpack behauptet bei uns sein angestammtes Bor- recht; und hätte auch irgend ein deutscher Bürgersmann oder seine liebende Hausfrau vom Literatenthum so viel Ahnung, als das Graulhierchen vom Lauteschlageu, das vogelfreie Lileratengesindil dürfen sie beschmeißen, so viel sie Lust haben. In Frankreich, da ist es ein wenig anders. Wen» da ein Mann kommt und er stellt sich dreist als domrao cko lettres vor, braucht er darum nicht roth z» werden vor Scham, und es ist bei- nahe so, als sei derselbe Mensch im Vollbesitz bürgerlicher Ehren- rechte. Bei uns fühlt sich das Federvieh gleichsam insgeheim schuld- bewußt, und vor Fremden gesteht man nur verschämt ein, welchem Beruf man angehöre. Diese Verschämtheit fand auch ihren klassischen Ausdruck in unserer Literatur. Der Romantiker Cleniens Brentano erzählt, eS sei ihm bange ums Herz, wenn er sich als Schriftsteller erklären solle. Ihm käme die Schriftstellerei wie eine Krankheit, wie eine Ueberfütterung vor; der Mann, der von ihr befallen sei, erinnere ihn an eine Gänse-Stopfleber, die doch auch einem Ent- artungsprozeß ihre Existenz verdanke. Darum erscheint es mir immer als lächerliches Gehaben, wenn unsere deutschen Schmierfinken zusammenhocken, wie die würdevollen Gesellen, und sich über Schelte aushalten oder entrüstet thuu. Und es wird immer schlimmer mit ihnen, feit sie sich gar in geselligen Vereinen oder in Klubs zusammenthun, als wären sie den ehrsamen Schneiderzünsten oder de» weniger ehrsamen Komödianten ebenbürtig. Die Ueberhebung ist in Wahrheit eine Zeitkrankheit. Da wurde in diesen Tage» vor dem Schöffengericht zu Schwarzenbek ein Prozeß verhandelt, dessen Eutstehuugsursache vorher bei allen Schmierfinken, die sich eine gewisse Würdigkeit anmaßen, einen kleinen Sturm verursachte. Der Held des Prozesses, der einmal in Friedrichsruh vom Grafen Rantzau, als dem Bismärck'scheu Familienvertreter, gehörig angeschnautzt worden war, Herr Brnns, Vertreter eines Tele- graphischen Bureau?, erhielt seine Genugthnung. Graf Rantzau wurde zu fünfzig Mark Geldstrafe vernrtheilt, weil er zu Herrn Bruns gesagt halle: Scheeren Sie sich weg; ich bin nicht dazu da, jedem hergelaufenen Literaten Rede und Antwort zu stehen. Also sollte— mit Verlaub zu sagen— das Schmier- finkenlhum. das Literalenpack unter förmlichen Gerichts- schütz gestellt werden? Muß da das deutsche Volk nicht stutzig werden? Der Minister im Parlament durfte von der Leber weg über daS Schmierfinkenthiun donnern, wenn ihm ein Dichterwort unbequem erschien. Der Spieß- bürger, der mit anderthalb Literatengedanken vor dem erstaunten Volk haustren zu gehen pflegt, durfte desgleichen zetern und wettern. Es war gewiffermaßen ein durch den Usus geweihtes Stammrecht. Und nun soll auf einmal der Literat und Zeitungsschreiber zart an- gefaßt werden? Wenn man noch dazu die Erregung des Herr» Grafen bedenkt! Und das moderne, wirklich nicht sehr appetitliche Zeitungsbandwerk des Interviews! Ja, wenn alle Aushorcher wenigstens freundlich, zuvorkommend und liebreich von Gemüthe wären! Wenn sie von den Lippen deffen, dem sie lauschen, nur das Süßeste entnähmen. Aber so stehen die armen Kulis in elender Froh». Sie gleichen den drefsirtcn Hunden, die ihrem Herrn getreulich apportiren müssen. Man liebkost sie, nahen sie sich schmeichlerisch und warten sie allen Eitelkeiten»schön auf". Man stößt sie barsch bei feite, kommen sie nur auf das Kommando ihres Zeitungsherrn. Der be- sagte Zeitungsherr freilich bleibt aus dem Spiel, nnd ob es dem Schmierfinken auch Freude mache, hin und her zu schießen, um das Endchen einer Nachricht etwa zu ergattern, danach braucht man nicht zu fragen. Warum mußte Bruns gerade kommen, als Friedrichsruh von Reportern überlaufen war? An die Fenster preßten sie ihre Nase», wie ein Bediensteter der Schlosses wahrgenommen haben will. Aeh! Für das deutsche Literatengesindel wäre es bedenklich, wenn mit altem Brauch gebrochen würde, wenn sich Formen einbürgerten, wie sie z. B. die gedruckten Zeugnisse des Herrn Reuß aufweisen. Mein lieber Theodor und darunter das lobende Bekeuntniß eines Bolschafts- Attaches, das macht sich nicht übel. Aber es verwöhnt den Zeilungs- schrciber und könnte ihn leicht übermüthig machen. Oder die Vereins- größe, wichtig und werthvoll als Zeilgenosse und Mitglied einer Bezirkskörperschaft, könnte dem Literaten mit mitleidiger Herab« lassung auf die Schultern klopfen und ihn eineS ver« traulichen Gesprächs würdigen! Es ist ja schön, wen» der Gerechte sich seines Viehes erbarmt, aber die richtige Distanz soll gewahrt werden. Auch radikal-politische Elemente, von stolzestem Werlhbeivußtsein erfüllt, pflegen ja an dem Grundsatz festzuhalten: Das Federvolk sollst Du gebrauchen, sonst aber verachten. Und diesen alterserproblen Grundsatz aller Selbstgerechten sollte man preisgeben? Beim Schmierfinken selbst ist das etwas anderes. Er hat die Arbeit anzuerkennen, wo immer er ihr begegne. Das ist seine ver- dämmte Schuldigkeil; und wenn er ein leidlich anständiger Mensch ist— Menschlichkeit giebt's ja auch unter dem Gesindel—, so wird «t«s gewih gerne thun. Aber feine eigene Arbeit ist für die meiste» Mitmenschen im Boll Der Denker und Dichter— ohne Siusnahme der Partei— Firlefanz, überflüssiger Tand, Lirum-Larnm.Dichlerei «nd, wenn sie unbequem wird, lückische Gemeinheit. Es liingt sehr gebildet und ist darum so wohl angebracht, wen» man kräftig und dröhnend bei jeder Gelegenheit, die sich nur bietet, ausruft: Unsere Presse hoch! Hoch das moderne Kampf- und Knlturmittel! Und andererseits giebt es dem Sprecher, der selbst sich von etlichen Zeitnngsphrasen nährt, kein größeres Ansehen nnd keine größere Ueberlegenheil, als wenn er die Preßbengel, diese Subjekte mit einem einzigen Ausruf von Ekel und Verachtung adlhut. Das sollten die vom Literatenstanim bedenken und nicht gleich winseln, wenn einem von ihnen auf die Hühneraugen getreten wurde. Denn erstlich, wie will Einer für Alle in seinem Korps einstehen, und dann, wie will man zugleich eine rauhe Schule der Abhärtung durchmachen und doch bei jedem„Scheer Dich weg, Literatenpack!" die gekränkte Leberwurst darstelle»? Das Literatenvolk hat durch Bedienlenhastigkeit„nach oben, wie nach unten" gewiß vielfach gesündigt und Schläge verdient. Darum allein sollte es nicht allzu empfindsain werden. Die eigenwilligen Literaten aber könnten bedenken: Es giebt einen starken Gegenreiz, nnd es schlägt sich besser, wenn man selbst geknufft wird, sei's von oben, sei's von unten, und es giebt kein krästigenderes Behagen, als gegenüber der verachtenden Ueberhebnng aufrecht da- zustehen und ihr gelaffen mit kaltem Hohn zu begegnen.— _ Alpha. Vleines Feuillekon. — Ueber die Wirthshäuscr in früherer Zeit plaudert ein Mitarbeiter des„Leip. T.": Das Entstehen der Wirlhshäuser reicht bis in die älteste Zeit der Feudalherrschast hinauf. Bereits unter Karl dem Großen wurden die Schäuken oder Reiswirthschafteu ein- gerichtet. Damals gehörte der Weiuschank in Deutschland der Herrfchaft, wie noch jetzt der Brannlweinschank in Rußland. Als aber die Städte größer und mächtiger wurden, und ihre Einwohner wegen der von außen koiumenden Gefahr und der innere» Interessen halber sich mehr und mehr zu einem feste» Orga- uismns vereinigten, als mithin zu dem adeligen und geistliche» Staude das Bürgerthum als ein dritter Stand hinzutrat, da wurde auch der Weiuschank zu einem bürgerliche» Gewerbe gemacht und der sogenannte Weinbann ansgehoben. Die Bürger saßen im Wirthshaus und überlegten bei einem Maß Wein ernst und reiflich der gemeinen Stadt Nutzen und Geschäfte, rathschlagtcn über das Wohl und Wehe der Familien, der Gewerbe, der Ge- meinde oder gar des heilige» römischen Reiches deutscher Nation. Die Patrizier schickten selbst ihre Söhne in die Trinkstuben, um sie von anderen Laster» abzuhalte». Im Laufe der Zeit wurde» die Wirlhshäuser unter die Aufsicht der Polizei gestellt, welche den Preis der Speisen und Getränke festsetzte und die Polizeistunde einführte. eine Stunde, die den alten Deutschen niemals geschlagen hatte. I» den Reichsstädten hatte jede Zunft ihr eigenes Tanzlokal und Zunft- Haus, in welchem die Handwerker fast täglich zusammenkamen und Ge- vatier Schneider nndHaudschuhmachereinen Klatsch über ihreNachbareu machten, dessen sich eine Versammlung von Kaffeefchweftern nicht zu schämen gebraucht hätte. Durch Gewohnheit bildete sich in diesen Häusern ei» förmliches Trinkrccht aus, ursprünglich ans der Harm- losen Sitte entstanden, einen Gast durch Darreichung eines Bechers zu ehre». Trinklieder, Trinksprüche, Trinkwitze, alles halte seine Gesehe, auf ivelche mit Strenge gehalten ward. Dazu gesellte sich das Zu- nnd Vortrinken, das Gesundheit- und Wetttrinken. Das Zechen ward zu einer Kunst, in der es zahllose Virtuosen gab. Der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam(1466—158(3) zeichnete in seinen„colloquia" mit drastischen Farben das Bild eines deutsche» Gasthauses in des 16. Jahrhunderts erster Hälfte. Eine Stelle aus jeuer Schrift lautet:„Die besser trinken, sind den Wirthen angenehmer, obgleich sie um nichts mehr zahlen als jene, die sehr wenig trinken; denn es sind nicht selten welche, die mehr als das doppelte im Wein ver- zehren, was sie für das Gastmahl zahlen. Es ist zum Verwundern, welches Lärmen und Schreien sich erhebt, wenn die Köpfe vom Trinken warm werden. Keiner hört und versteht den anderen. äustg mische» sich Possenreißer und Schalksnarren in diese» uinult; und es ist kaum glaublich, welche Freude die Deutschen an solchen Leuten finde», die durch ihre» Gesang, ihr Geschwätz und Geschrei, ihre Sprünge und Prügeleien solch ein Getöse machen, daß die Stube dem Einstürze nahe ist. Und doch glauben sie so recht angenehm zu leben, und man ist gezwungen, mit ihnen bis in die tiefe Nacht hinein sitze» zu bleiben."— Theater. Ein I n g e n d d r a in a Wilde nbruch'S,„D i e Herrin ihrer Hand", wurde am Freitag im Belleallianee- Theater zum ersten Male aufgeführt. Das Stück ist vordem nur in Breslau und in Frankfurt a. O. gegeben worden und in Buch- form im Jahre 1885 erschienen. Das Bellealliauce-Theater trat also gegenüber den großen Bühnen für Wildeudruch's Farben ein. Die großen Theater wurden aber nicht ins Unrecht versetzt. Ein hyperpathetisches, idealisirendes Schauspiels, trägt das Wildenbrnch'sche Drama zu viel jugendlich Ungereistes in sich, als daß es de» ernsten Sinn feffeln könnte. Förmliche Standpauken ivider Börsenjobber, Streber und Slellenjäger werden gehalten, aber es sind lauter rhetorische Sturzbäche und sie verdichten sich nicht zu künstlerischer Anschaulichkeit. Sie bleiben Worte, Worte. Und das ethische Problem in seiner Verallgemeinerung ist doch wieder nichts anderes, als die brave Ethik unseres deutsche» Frauenromans: Der Mau» strebt in die Weite, seinem Ehrgeiz nach; das Weib ist eitel Liebe und Selbstanfopserung. Wer wird nicht lächeln, wenn diese Dinge in solcher Allgemeinheit aufgestellt werden? Die Herrin ihrer Hand ist ein Fräulein von Steiuberg. Sie hat einen armen Schulgelehrten kennen gelernt, der für eine Wissenschaft- liche Entdeckung glüht. Leider ist er ein armer Teufel. Wo er anklopft, wird der unpraktische Phantast ausgelacht. Das edle Fräulein v. Steinberg aber glaubt an ihn und will ihm helfe». Da sie nicht selbständig über ihr Familienvermögen verfügen darf, so lange sie unvermählt ist. entschließt sie sich, dem arme» Gelehrten die Hand zu reiche» und Hohn und Spott ihrer Familie und ihrer bisherigen Gesellschaftskreise auf sich zu laden. Ader die Jdealistin erlebt Enttäuschung um Enttäuschung, die härteste, als ihr Ver» mögen dnrch einen Bankbruch verloren geht. Sie erkennt, wie ihr Verlobter mehr an seiner Entdeckung, an seinem Ehrgeiz hange, als an ihr selber und ihrer Liebe. Er zweifelt und ver- zweifelt fast; und so löst sie sich zum Schluß von ihm los und eilt in die Arme eines zweiten, harrenden Bräutigams, eines Mannes, der die Vorsehung in allen Dingen spielt. Dank seinem Einfluß ist nämlich eine fremde wiffenschastliche Akademie auf den jungen Gelehrten aufmerksam geworden und hat die Mittel zu dessen Forschungsreise bewilligt. So ist allen Schmerzen ein sriedsames Ende bereitet. Die überflüssige Vorführung war vom Belleallianee-Theater sehr wichtig genommen worden, und die Schauspieler, in erster Reihe Frl. Nilasson, standen in tapferer Anstrengung auf verlorener Schanze.——ff. — r. Im Zentral-Theater war am Freitag Abschieds- Vorstellung der Direktion Schultz. Zur Feier des Tages gab es ein Ragout aus den Zugstücken der letzte» Jahre; von den' Ausstattungspossen:„O. diese Berliner",„Berliner Fahrten", „Tugendfalle" und„Tolle Nacht", wurde je ein Akt servirt. Zum Schluß großes Ballet und dann ein Epilog, verfaßt vom Regisseur Julius Freund und gesprochen vom Direktor Richard Schultz. Bei so einem Abschied geht es natürlich nicht ohne die direkt aiks beweglein Herzen hergeleitete Sentimentalität ab; immerhin war Herr Schultz vernünftig genug, sich ausdrücklich dagegen zu ver- wahren, daß er irgendwie sein Publikum habe höheren Zielen zu- führen wollen. Das Publikum würde ihm ein solches Vergehen auch übel angerechnet haben. Nachdem das übervolle Hans stürmisches Entzücke» kundgegeben hatte, wühlte Herr Emil Thomas sich ans einem Berg von Lorbeerkränzen heraus, um seinen Direktor und sich selbst ein wenig zu preisen. Mit begreiflichem Earkasmns streifte er die Zeit seiner eigenen Direktionssührnng.„Schwamm drüber!" meinte der Komiker. Bezeichnend genug. Er, der große Faxenmacher, konnte mit der alten Berliner Posse nichts erziele», während Herr Schultz mit dem lieber- trumpfen der Adolf Ernst-Posse vorzügliche Geschäfte machte, die ihm gestatten, sein Handwerl aus»och breiterer Basis im Linden- Thealer fortzusetzen. Wird er dort nächsten Herbst mehr Glück habest, als die früheren Kuustverderber?— ,— Musik. —er—. Konzerte. Mit Chernbini's„Anakreou"-Ouvert»re, einer i» Formen und Gedanken lebendige» und zu fein-heiterer, poetischer Wirkung sich steigernden Arbeit, begann das zehnte und letzte dieswinterliche S y m pH o u i e k o n z e r l der königlichen Kapelle. Das Orchester schien bei diesem Stücke keineswegs bei krästigem Humor zu sei» und tauschte bei der nächsten Nummer, Schubert's unvollendeter h-rnoll- Eymphonie, diesen Mangel geradezu in lederne Stimmungslosigkeit um. Vom melodischen Schwung und der bewunderungswürdigen thematischen Plastik der beiden Schubert'schen Sätze blieb nichts übrig als die üble Erinnerung an Noteufolgen voll Rauhheit und Leere. Das künstlerische Mißgeschick des Abends erreichte seiuenHöHe- puukt im Finalsatze der 9. Symphonie Beethoven's, wo der männliche Halbtheil des Soloquartetts, die Herren Domsänger Rolle und Dr. W ül lne r, ob seiner unzureichenden Mittel und gesangstechuischen Uu- reise empfmdlich verletzte. Die beiden Opernsängerinuen Dietrich nnd N o t h a u s e r, sowie der Opernchor, der durch seine Ausstellung hinter dem Orchester eindringlicher Klangkraft beraubt wurde, kämpfte» sich dnrch ihres ungewohnten Ausgaben mit achtungs- werthem Eiser durch. In den drei ersten Justrnmenlal- sähen gab es arge Sünden bei den Bläser- und Schlagwerkgruppen und im ganzen eine herablassende Gleich- giltigkeit, welcher am Schlüsse einer Saison selbst die„Symphonie der Symphonien" keine dynamische Delikatesse, keine huldigende Schwunghastigkeit, keine hochauswallende iuterpretirende Phantasie zu entringen vermochte. Man schied Heuer von den Symphonie- konzerten ohne anregende künstlerische Gedanke». ohne inustk- poetischen Nachhall.— Der Liederabend des Herr» Eugen R o b e r t- W e i ß in der Singakademie ließ uns eine» in allerlei kleinem Virtuosenkram machenden Baritouisten hören, der aus dem melodiöse» und geistige» Material einer Komposition zumeist nur einen ganz schale» Süßholzextrakt herausdestillirt. In Liedern von Schubert und Schumann hörten wir technisch ausgeklügelte Pianoabtönuugen und tempozerstörende Gefühls- überschivänglichkeitcii, vermißte» jedoch ein IragfnhigesOrgan.dieTechnik einer wirkliche»»lusikalischenJndividunIilät nnddieAusdnicksslihigkeil, mannigfachen Gedanken und Empfindnngen Anschaulichkeit zu ver- leihen.— Der„ V e r e i n zur Förderung d e r K u n st" gab i» einem„Lieder-Novitäten-Abend" im Saale des Hotel de Rvme siebe», kaum der Oeffentlichkeit bekannten Tonsetzern Gelegenheit, in 37 Lieder» und Gesängen die Werthe ihrer Begabung erkenne» und bemessen zu lassen. In drei Liedern des Mnnchener Komponisten Wilhelm Mauke spricht sich eine feierlicle Kraftgeuialilät ans, die i» ihrer lauten und pompösen Manier alles deklamatorisch an- faßt. In zivei geistvollen, einem musikalische» Charakter entstammen- den Liedern von F e r d. P f o h l und in S Gesängen voll kühner Leidenschaftlichkeit von Karl Gleitz, den traurige Lebensnoth aus einem Berufsmusiker zum Fabriksarbeiter machte, waren wohl die Begabteste» der siebe» Tonsetzer zu vernehme». Melodische Ehrlichkeit, sangliche und deklamatorische Bedeutsamkeit und das Fehlen modulalorischer Exzesse zeichnen sie aus. was sich den Arbeiten der Herren Otto Feller(Bliiiichen), Er» st T i e s l e r(Dresden), James R o t h st e i n(Berlin) und Eduard S ch i l s k y(München) nur in sehr geschmälertem Maße nachsagen läßt. Natürliche Erfindung steht da neben reflektirten Stimmungsräthsel», technische Freiheit neben kühlen Geschraubtheiten, und neben dankbarer Gcsangsproduklion drängt sich krankhafter Eigensinn vor. der mit ängstlicher Scheu aller Natur und musikalischer Anstäudigkeit ansiveicht, neben liebenswürdiger Bescheidenheit belästigen, zerbrochene, verbogene und verkrümmte Jdeenstücke.— In einem populären Konzerte des Philharmonischen O r ch e st e r s erregle eine„Luits vaiara- ture",„Liebesnovclle" von Otto Flörsheim ob ihrer sorgsamen technischen Mache mehr als vorüberrauschendes Interesse. In den kurzen 6 Sätzen herrscht eine bunt schillernde Bewegtheit von Melodie und Rhythmik. Und eröffnet diese Musik auch keine gewaltigen Perspekliven.so erfreut sie doch durch Anuinlh kleiner Einfälle, durch reiche Jnstrumenlalmalerei ohne schreiende Ausdringlichkeil.— Der Chikagoer Orgelvirtuose C l a r e n c e E d d y ist zweifellos ei» ganz hervorragender Künstler seines Instrumentes. Die ganze virtuose Sicherheit seiner Manual- und Pcdaltechnik, sowie die vornehme Kunst des Regiflrirens konnte er allerdings weder auf der klangmonotone» Orgel der> Philharmonie, noch in Kompositionen von Gnilmant und Saint-Sasns bewähren. Es steckt in des Erstereu ä moll- Symphonie für Orgel und Orchester ivohl jene schwere Arbeit, der mau eine theilnahmslose Beivunderung zollt, die aber niemals die starken Reize zu ersetzen vermag, welche uns wie die eigenlliche Muttersprache eines ninsikalischen Geistes enlgegenlöncn. Für die grüblerischen Absurditäten der Saint-Saöns'schen Phantasie wird auch der gläubigste Enthusiast des französische» Tonmeisters nicht den Mnlh der Anerkennung finden. Die gesangliche Mitwirkung des Fräulein Rose E t t i» g e r brachte in die Elimmungskühle des Publikums leine Bcisallsermnthigung.— Geschichtliches. —„ W i l d f a n g." Die Ellern, die ihren übermüthigen Kindern „Wildfang" zurufen, dürften wohl zumeist keine Ahnung haben von der früheren Bedeutung dieses heute harmlosen Mahuworles. Wild- fang ist eine aus dem tiefsten Mittelalter überkommene Bezeichnung kür uneheliche Kinder und zugelaufene Leute unbekannter Herkmift, über die sich die Landesherren, besonders in der Pfalz und in Württeniberg, das Siecht der Leibeigenschast aneigneten. Die Wild- fänge mußte» den landesherrliche» Schutz mit dem Fanggulden (Fahngülden) bezahle», nach ihrem Tode fiel das„Besthanpt"(das schönste Stück Vieh im Stalle) dem Fangherr» zu. Verschiedene Uebergriffe in der Ausübung dieses uralten Schutzrcchtes verwickelten im Jahre IK6S den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz in er- bitterte Streitigkeiten mit seine» fürstlichen Nachbarn, so daß nicht einmal die Intervention Kaiser Leopolds I. die Feinde zu trenne» vermochte. Erst der Einsprache Frankreichs und Schwedens als Garantiemächle des westfälischen Friedens gelang es, de».Wildsang- streit" aus der Welt zu schaffen.— Psychologisches. t. A l k o h o l i st i s ch e r S o m n a m b u l i s m u s. Profeffor Francotte veröffentlichte neulich im.Journal de Neurologie" einen höchst interessanten Aussatz über die Entstehung von Somnambulis- Inns. Der somnambulistische Zustand, in dem während völliger Be- wußtlosigkeit folgerichtige Handlungen ausgeführt werden, deren sich die betreffende Person nachher nicht erinnert, war bisher nur be- kannt bei hysterischen, bei epileptische» und bei hypnotisirten Personen. Francotte macht daraus aufmerksam, daß auch übermäßiger Alkohol- genuß solche Folgen haben könne. Er erzählt von einem Manne, der wegen seines aufsehenerregenden Benehmens auf der Straße verhaftet wurde. Man brachte ihn weder dazu, die an ihn gestellte» Fragen zu beantworte»,»och überhaupt zum Sprechen, und er schien völlig geistesabwesend zu sei». Nichts deutete aus Trunkenheit, aber am nächsten Morgen gab er bei der ärztliche» Untersuchung an, daß er an einem Orte, der von der Stelle seiner Verhastung sehr weil entfernt war. eine groß« Menge Alkohol zu sich genommen hätte. An das, was während der daraussolgenden 43 Stunden mit ihm vorgegangen war, konnte er sich durchaus nicht erinnern. Er bekannte, bereits früher einem ausschweifenden Alkoholgenusse sich hingegeben zu haben, auch war ein ausgesprochenes Zittern in den Händen und der Zunge festzustellen. Eine Schwester von ihm hatte eine Geisteskrankheit durchgemacht. Prof. Francotte kommt, nachdein er noch mehrere ähnliche Fälle erwähnt hat, zu dem Schlüsse, daß es eine Art von alkoholistifchem Somnambulismus giebt, in welchem Zustande sich der Patient allem Anscheine nach auf normale Weise benimmt, aber doch ohiie Bewußtsein ist, sich wenigstens seiner Handlungen nachher nicht erinnern kann. In Wirklich- keit sind während eines solchen Zustande- gewisse Besonderheiten des Benehmens vorhanden, die aber nur einem scharfen Beobachter ausfallen. Diese Art des Somnambulismus findet sich nur bei ent- artete» Personen oder wenigstens bei solchen, die eine geistige Schwäche ererbt haben. Da derselbe wegen des mangelnden Be- wußtseins die Verantwortlichkeit der Person für ihre Handlungen aufhebt, so ist die Erkenntniß desselben durch die Wiffenschast von großer Bedeutung für die gerichtliche Medizin.— Medizinisches. k Als neuestes Mittel gegen Keuchhusten, das sich vorzüglich bewährt haben soll, wird in der„Pharm. Ztg." das Cypr essen öl bezeichnet. Schon wenige Tage nach Anwendung des Mittels tritt bei dem Patienten eine Lindernng des Hustenreizes ein und der Verlauf der Krankheit ist, falls keine besonderen Kam- plikationen eintreten, schnell und mild. Angewendet wird das Cypressenöl, indem man einige Tropfe» desselben auf das Kissen des Patienten träufelt und im Krankenzimmer häufiger Zerstäubungen vornimmt.— Httiuorisiisches. — Verfehlter Beruf.„Aber, Herr Apotheker, warum haben Sic denn Ihren neuen Lehrling schon wieder fortgeschickt?" —„Hab' ihn nicht brauchen können! Der Kerl l>a> so große Hände gehabt, daß er mir beim Pillendrchen immer die reinsten Knödel gemacht hat"— — Die absolute Majorität. Bart hl:„Du, Sepp, da steht ablvln e Majorität! Wa- ist denn das?"— Sepp (Bursche beim Major):„Absolute Majorität?!.. Das wird wohl die Frau Major in fein!"—(„Flug Bl") — Der Grüble r. Karl:„Mama, ich glaube doch nicht, daß Du alles besser weißt, als ich."— Mama:„Doch, doch, mein Junge. Ich bin ja auch viel Klier als Du."— Karl:„Na, dann sag' mir einmal fünf aufeinander folgende Tage, in denen kein einziges a vorkommt."— Mama:„Die gicbl's ja gar nicht, mein Junge!"— Karl:„Doch Mama: Vorgestern, gester», heute, morgen und übermorgen! Siehst Du, Du weißt doch nicht alles besser als ich!"— VcriuischteS von« Tage. — Zwei junge Leute wurden bei Kiel in einem Segelboot vom Sturm überrascht und auf die offene See Hinansgetrieben. Der eine wurde von einer Vöe über Bord geworfen, der andere wurde im treibenden Boote völlig erschöpft von Fischern ausgefunden.— — Ei» G e e st e in ü n d e r F i s ch d a in p f e r, der am Ll. März nach Island ausfuhr, ist seitdem verschollen.— — Freitag früh sind in Greiz fünf Häuser nieder- gebrannt. Eine Kellnerin wird vermißt, sie ist verninthlich ver- brannt.— y. Ein Besitzer in Ahlfeldt bei Wilteusee hat von einem Schafe in fünf Jahre» 25 Lämmer erhalten.— — Ein Dominialschäscr in Kalinowitz(Oberschlcsie») hat anscheinend i» geistiger Uninachtung seinen zivei kleinen Töchtern und da»» sich selbst mit einein Rasirmesser de» Hals bis auf die Wirbel durchschnitte».— — Ein Architekt i» Mülheim a. R h. wurde an einem Neubau von einem schwebeiidcn Balken, gegen den ein Wagen an- fuhr, so schwer am Kopfe getroffen, daß er sofort starb.— — Drei Kinder eines Polüeikommissars in Brüssel find zu- sainine» mit ihrer Wärterin durch Leuchtgas e r st i ck t. Ei» Kind konnte durch Einspritzungen gerettet inerde».— — Ju A n l w e r p e n wurde am Doiuierstag ei» i» t e r- n a t i o n a l e r K o u g r e ß für H a» d e I s w i s s e» s ch a f l mit über 200 Theilnchmcru eröffnet. Deutschland ist als einziger größerer Staat nicht vertreten.— — Ei» russischer Priester i» O s u r g e t y(Gonv. Kntais im Kaukasils) erschoß seinen hochbetagten Anitsbrudcr. Er hatte aus dessen Amt gerechnet, war aber zu giiufte» des Sohnes des Er- mordeten zurückgesetzt worden.— — SKmmtliche 500 S l a d t p o l i z i st e n der Stadt Neapel sind mit G e h a l t s e n t z i c h u n g für fünf Tage bestraft worden, weil einige von ihnen, die man nicht hat ausfiildig»lachen können, den neuen Kommandanten ausgepfiffen haben.— — An der englischen Küste ist der Dampfer„L e e ch m e r e" mit der ganzen aus IS Mann bestehenden Besatzung unter- gegangen.— — Der Lloyd-Dampfer„Saale" hat ans der Fahrt»ach New- Bork zwei Mann von dem bei Sturm untergegaiigenen englischen Schiff„Marlborongh" in einem Boot treibend gefunden. Die übrigen 15 Mann der Besatznng, die aus eine». Floß umhertriebe», starben durch Kälte und insolge von Erschöpfung.—_ Verantwortlicher Redakteur: August Jarvbey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.