Unterhallungsblatt des Horwärts Nr� 76. Dienstag, den 19. April. 1898. (Nachdruck verboten) Der SchiTsjunge. 2) Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorifirte Uebersetzung von E. Brausewetter. Venn fühlte die Unzufriedenheit der ganzen Mannschaft wie eine Last auf sich lagern; aber er hatte nicht die Kraft, sich zusammenzunehmen und seine Arbeit besser zu machen. Er fühlte seine eigene Schlaffheit und wünschte instinktiv, sie wäre noch größer, sodaß die Scheltworte ihm nicht wehe thaten. Mechanisch, nur hier und da mit energischen Bemühungen, sich zusammenzunehmen, fetzte er seine Arbeit fort, lief von einem Ende zum anderen, von Luvart nach Lee und wieder zurück. Sein Laufen war ein ängstliches Tasten mit Armen und Beinen. Er wußte, wenn er fiel, würde es Jubel erregen, wen» er sich dabei auch noch so sehr stieß. Die Kameraden gingen ruhig umher und machten Witze über fein jämmerliches Gezappel. Nur Oivind, Michel und ein paar andere ließen ihn in Ruhe. Beständig fühlte er sich von der Neugier der Kameraden verfolgt; beständig empfand er den Druck der Seekrankheit ans der Brust; ein fortwähren- des Bedürsniß, sich zu übergeben. Seine Glieder, besonders seine Füße mit den plumpen Seestiefeln, waren schwer wie Blei und seine Gedanke» voll Trauer und Wuth. Es schlug 8 Uhr, gleich daraus war man fertig. Er setzte sich wieder aus seinen Kofferdeckel in der Roof und zog sich aus. Die Kameraden plauderten und lachten; einzelne kauten an einem Schiffszwieback, mit dem sie nicht fertig geworden waren. Benn's Glieder waren so steif, daß es ihm schwer fiel, seine Kleider auszuziehen. Am schlimmsten war es mit den Eeestiescln und Hosen. Er schwitzte und keuchte und mußte sich mehrmals dabei ausruhen. Die Oeffnung zu der Koje war klein und sein Rücken schmerzte ihn, wenn er sich bog, um hineinzukriechen. Seine Koje hatte er sehr gern, obgleich es die schlechteste war. Sobald er nicht Wache hatte, kroch er dort hinein, obschon die Kameraden ihn Siebenschläfer nannten. Dawar er in seiner eigenen Welt. Hier hatte er die Kleinigkeiten verborgen, um deretwillen die Kameraden ihn geneckt hätten, wenn sie ihnen zu Gesicht gekonimen wären. Der Koffer durfte nämlich nicht abgeschlossen sein und war nicht sicher genug. In der Koje konnte er mit sich und seinen Gedanken an die Heimath und die Zukunft allein sein. Er dachte so gern; aber es war so schwierig, auf Deck dazu Zeit zu finden. Immer war dort etwas zu thun. Und noch schlimmer war es um die Essens- zeit. Die Kameraden lärmten so sehr, und außerdem mußte »r das Effen herein- und hinaustragen und dafür sorgen, daß aus dem Tisch nichts fehlte. Sobald er sich zugedeckt hatte, streckte er seine Glieder mit einen» Gefühle der Müdigkeit und Schwere. Er genoß diese Schwere. Eine eigene Wärme, eine Mischung von See- wasserfeuchtigkeit und seinem Schweiß, machte ihn schläfrig. Er schloß die Augen und fühlte, wie die Thränen aus ihnen hervorperlten .Warum trägst Du den Kaffeekcssel nicht zum Steward hinaus? Sollen wir morgen vielleicht keinen Kaffee haben?" Benn hörte an dem befehlenden Ton und an der Frage selbst, daß er angesprochen wurde. Herr Gott, auch das noch! An was er auch alles denken sollte? Er richtete sich mühsam in der Kose halb aus und sah Joium, fast ausgezogen, auf seiner Kiste sitzen. »Ich werde ihn hinaustragen". Es war Oivind, der sich in die Roes hineingeschlichen hatte, um seine Pfeife anzu- zünden Benn legte sich wieder in die Koje zurück, und ließ nun seinen Thränen freien Lauf. .Ter Junge kann unmöglich seine sünf Sinne beisammen haben", sagte Jens Christian mit seinem tiefen Baß. Er stand in Unterhosen auf der Kiste und wollte gerade in seine Koje hinein. .Es ist der dümmste, mit dem ich noch gefahren bin", fuhr Jokum fort. .Der Junge ist noch nicht d'ran gewöhnt und die See bekommt ihm noch nicht recht." Es war Mich.!, der in der Koje lag und!große Rauchwolken wie ein falulireuder.man ok rvar" aussandte. Tann trat Stille ein. Michel's milde Worte thaten dem weinenden Benn wohl. Es Zbereitele ihm eine Erleichterung, zu weinen. Einnial mußte er doch wohl auch wieder heimkommen?... Wenn sie nur solchen Wind bekamen, daß sie endlick nach Nero- Aork gelangten. Er würde nach Hause schreiben, so- bald er ans Land gekommen war. Er wollte von all' seinem Unglück und all' seiner Reue und all' seiner Liebe, von Allem erzählen: Liebe, liebe Mutter— mir geht es so schlecht— wenn ich nur wieder nach Hause kommen könnte. Du wirst sehen, Mutter, wie artig und tüchtig und fleißig ich sein werde. Es ist ganz gleich, Mutter, was ich werden soll, wenn ich nur nicht mehr Seemann zu sein brauche. Liebe. liebe Mutter— ich habe früher niemals gewußt, wie sehr ich Dich und Euch alle lieb habe. Die Leute hier an Bord sind gewiß in ihrer Art nette und brave Menschen; aber ich bin ihnen fremd und verstehe nicht, mich mit ihnen gut Freund zu niachen. Das Essen vertrage ich auch nicht, und schrecklich gc- fährlich ist es, hinaufzuklettern, und ich, als Schiffsjunge, muß immer am höchsten steigen, weißt Du, auf die gefährlichfteii Stellen, auf das oberste Seil. bisweilen sogar«mitten in der dunklen Nacht. Und dann das, siehst Du', daß ich niich niemand anvertrauen kann, mich niemals ausweinen, wenn ich am traurigsten bin. Niemals kann ich allein sein. Ich werde von all' diesem Lärm und diesem Durcheinander, Tag und Nacht, ganz müde— liebe— liebe— Mutter— II. Benjamin Frank war der Sohn einer Psarrerswittwe in einer größeren norwegischen Fjordstadt. Sie hatte eine Klein-. Kinderschule errichtet, um sich einen Zuschuß zu ihrer Pension zu verschaffen Zwei Söhne von ihr befanden sich in Christiania und studirten, der eine Iura, der andere Theologie. Sie waren äußerst fleißig und ordentlich, aber nicht sonderlich begabt, sagte man. Doch hatten ihre Fähigkeiten ausgereicht, daß sie soweit gekommeii waren. Außerdem hatte sie zwei Töchter, die noch kleine Mädchen waren, und endlich Benn, ihren Liebling, das Muttersöhnchen. Sie meinte, ohne jemand etivas davon zu sagen, daß Benn Kaufmann werden möchte, denn er war in seinem Acußeren und seinem Temperament nach deni Onkel Jakob, dem ver- storbenen Bruder der Frau, der Bankbeamter gewesen war, sehr ähnlich. Wie er. war auch Benn träge, aber so hübsch und herzensgut und so sehr begabt. Außerdem liebte er es, sich mit kleinen Mädchen herumzutreiben, gerade wie Onkel Jakob in seiner Entwickelnngsperiode. Aber es war ja keine Zukunft, an einem Komtoirpult zu sitzen. Sie hoffte, ihn doch schließlich studiren lassen zu können; denn das war doch das sicherste. Es kostete ja schrecklich viel Geld; aber wenn die beiden andern fertig waren, dann— Benn bestand mit Mühe und Roth das Mittelschulexamen. als er sechzehn und ei» halbes Jahr alt war. Der Rektor, mit dem die Mutler über Benn's Zukunft sprach, hatte leider Bedenken, ihr zuzureden, den Sohn studiren zu lassen. Doch wollte er dafür sorgen, daß Ben» seinen Freiplatz behielt, wenn er fleißiger und pünktlicher ivürde, nachdem er in das Gymnasium gekommen war. Die Mutter hatte geweint, und Benn, der keine Thränen sehe» koiiiite, weinte ebensalls und versprach Reue und Besserung. Im Gymnasium ging es ein paar Monate ganz gut. Er trieb sich zwar niit seinen kleinen Mädchen und seinen Käme- raden herum, aber ohne seine Schularbeiten allzusehr zu vernach- lässigen. Seine beiden jüngeren Schwestern bewunderten den Bruder in der Stille; aber sie erzählte» ihm nicht die Aeuße- rungen, die ihre Klassensreundinnen über ihren hübschen Bruder hatten fallen lassen. Das sollte die Strafe für seine Trägheit sei»! Da kam ein neuer Schüler in Benn's Klasse. Er war furchtbar sreigeistig und ein eifriger Agitator und erlangte bald großen Einfluß auf niehrere seiner Kameraden. Er de- gründete einen Gymnasiastcuverein, dessen Vorsitzender er selbst wurde, und begann eine handschristlich hergestellte Zeitung herauszugeben. In dem Verein hielt er Reden und las die Zeitung laut vor. fijeuu wurde von seinem begeisterten Kameraden mit fortgerissen und einer seiner eifrigsten Anhänger. Die kleinen Mädchen vergaß er in dieser Zeit ganz. Nun nahmen ihn ja auch ganz andere Dinge in Anspruch, als sich auf der Straße mit Mädchen herumzutreiben. Aber eines Tages kam der Rektor hinter den Geist des neuen Vereins; derselbe wurde sogleich aufgehoben, und das Blatt beschlagnahmt. Dem„Vorsitzenden" wurde mit Ausweisung aus der Schule gedroht, und Venn erklärt, daß er iunerhalb eines Monates seineu Freiplatz verlieren würde, wenn er nicht vom heutigen Tage ad fleißiger werden würde. Der„Verein" wurde aber neu gegründet und setzte sein Leben in einem Zimmer eines der Schüler des Gymnasiums fort. Die Redner wurden hier, wo sie sich sicherer fühlten, noch kühner, und mehr und mehr von den jungen Leuten be- kamen Muth, als Redner aufzutreten. Mau trank Bier, wenn ma»l des Redens müde war, und dann saß man dunlps und schläfrig über den Gläsern, während Einer etwas aus einem„sreigcistigen" Buche vorlas. Mit Benn's Fleiß>var es nur schwach bestellt, imd als das Examen vorüber war, zeigte es sich, daß er der Letzte in der zweiten Gymnasialklasse geworden.(Fortsetzung folgt.) Nundfchatu (DaS neue Glühlicht vonNernst; WaffergaSnach dem Verfahren von D e ll w i k.) Vor kurzem ging die Nachricht durch die Blätter, daß Professor Neruft, der berühmte Göttinger Gelehrte, dessen Forschungen sich uamentlich auf dem Grenzgebiete zwischen Physik und Chemie bewegen, ein wesentlich neues Versahren zur Erzeugung eines Glüh- lichtes erfunden habe, wodurch dem elektrischen Licht und dem bis- berigen Gasglühlicht eme starke Konkurrenz erwachsen werde. Die Zeitschrist für Beleuchtungswesen bringt jetzt nähere Angaben über das neue Verfahren, woraus sich ergiebt, daß es sich im wesentlichen um ein elektrisches Glühlichl handelt. Bisher wird hierfür ganz allgemein ein dünner, aus Pflanzenfasern her- gestellter Kohlesaden benutzt, der vom elektrischen Strome durchflössen in Helles Glühen geräth. Metallfäden haben sich für diesen Zweck nicht alS brauchbar erwiesen, da sie beim Durchfließen des Slronies «ine Zerstörnng erleiden und schnell durchgeschmolzen werden. Elektrische Glühlampen konnten daher erst aufkommen. alS es gelang, in den Rohlesäden ein haltbare? Material herzustellen. Als schwarzer Körper ist nun die Kohle fähig, alle möglichen Strahle» anszu- senden; es ist nämlich ein Naturgesetz, daß jeder Körper, iveuu er genügend erhitzt wird, Strahlen solcher Lichtarte» aussendet, die er in kälterem Zustande verschluckt. " Ein schwarzer Körper verschluckt alles auf ihn fallende Licht, eben deswegen erscheint er ja schwarz; nur durch das zurückgeworfene. nicht verschluckte Licht eulsteht die Färbung der Körper. Infolge dessen sendet ein schwarzer Körper in erhitztem Zilstande auch Licht jeder Art aus. Man sollte nun meinen, daß das ein ganz besonderer Vortheil des Kohlefadens bei den elektrische» Glüh- kampen ist. da aus diese Weise ein möglichst großer Theil von der- jenigen Arbeit, die zur Hervorbringung des Stromes aufgewendet wird, in der Form von Licht wieder gewonnen wird. Wenn man sich aber erinnert, daß außer den sichtbaren rothen biSvioletten Strahlen noch darüber hinaus die nllrarotheu und die ultravioletten vorhanden sind, die zivar starke chemische und starke Wärnwwirknngen hervor- bringen, aber dem Auge als Licht sich nicht verrathen, so erkennt man sofort, daß in dem elektrischen Glühlicht, welches diese gesaminte unsichtbare Strahlung mit enthält, ein sehr großer Theil der auf- gewendeten Arbeit als Licht nicht wieder erscheint, für d,e Belench- luug also verloren geht. Nernst hat daher versucht. Flüssigkeiten, sogenannte Leiter zweiter Klasse, durch den Strom weißglühend zu machen, und zwar, wie es scheint, mit gutem Erfolge. Gewisse Stoffe, wie Kalk. Magnesia«. a. werden bei dem starken Widerstande, den sie dem Strom biete», schon durch verhältnißmäßig schwache Ströme stark erhitzt, sodaß sie schmelzen und eine flüssige Leitungsbahn darbieten. Diese Flüssigkeit wird dann durch den Strom in die hellste Weißgluth versetzt. Steilich erleidet jede Flüssigkeit, sobald sie von einem elektrischen trome durchflössen wird, eine chemische Zersetzung, sodaß sie beim Durchgang des Stromes kein beständiger Körper bleibt und wegen dieser Eigenschaft zu Beleuchtungszwecken bisher nicht verwendet »verde» konnte. Um diesem Uebelstaude abzuhelfen, benutzt Nernst für de» Betrieb feiner Lampe"sog. Wechselströme, bei denen also die Richtung des Stromes alle Äugenblicke, in der Sekunde mehrere Hunderl bis tausendmal wechselt. Der chemische Prozeß, den ein Strom einleitet, macht bestimmte Stoffe an den Stellen frei, wo die Drähte i» die Flüssigkeit tauchen; wird die Stromrichtung die entiegengesctzte, so »Verden die Stoffe an den umgekehrten Drahtenden itej, wo sie die vorher entwickelten vorfinden und sich»vieder mit ihnen vereinigen. Geht z. B. ei» Strom durch angesäuertes Wafler, so entwickelt sich an dem einen Drahtende Sauerstoffgas, an dem andern Wasserstoff- gas; wechselt der Strom die Richtung, so tritt da? Wasserftoffgas jetzt a» dem Drahtende auf, an dem vorher Sauerfloffgas entwickelt wurde, und umgekehrt, und beide Körper vereinige» sich ivieder zu Wasser, dessen Zersetzung somit verhindert wird. Die groß- atttz,. Entwickelung, welche die Wechselstrom-Technik in den letzten IS Jahren erfahren hat, ermöglicht die ausgedehnteste Verwendung der Wechselströme, so daß dem Nernst'schen Verfahren von dieser Seite her bedeutende Schwierigkeiten nicht entgehenstehen. Noch von einer anderen Erfindung aus dem Gebiete des Be- lcuchtungswesens»neiden die Fachblätter, die sich jedoch nicht nur auf die Beleuchtung, sondern auf alle Verwendungsarten des Gases erstreckt. Es handelt sich um eine wesentliche Verbesserung in der Herstellung des Wassergascs, die dem schwedischen Ingenieur Dellivik gelungen ist. WassergaS ist in der Hauptsache ein Gemisch aus dem leichten, brennbare», aber beim Verbrennen fast gar nicht leuchtenden Wasserstoffgas, und dem schweren, giftigen Kohlenoxyd, das bei zu frühem Schließen von Ofenklappen in die Zimmer eindringt und schon manches Menschenleben vernichtet hat. Bei dem Verbrennen der Kohle entsteht Kohlensäure, die aber an die glühende Kohle etwas von ihrem Sauerstoffgehalt abgiebt, wodurch eben Kohlenoxyd gebildet ivird; in den Zimmeröfen kann man,»venu nur»och ausgeglühtes Brennmaterial darin enthalten ist. an dessen Oberfläche oft das Kohlenoxyd mit blauer Flamme verbrennen sehen. Wird durch zu frühes Schließe» des Ofens und seiner Klappe die Lust abgesperrt, so daß das Kohlenoxyd nicht verbrenne» kann, so dringt es durch die Ritzen des OfenS ins Zimmer,»vo es unter Umstände»» verderblich wirkt. Läßt man Wasserdampf über glühende Kohle streichen, so wird ihm sein Gehalt an Sauerstoff entzogen, der sich mit der Kohle zu Kohlenoxyd verbindet, so daß ein Gemisch vo» Wasserstoffgas und Kohlenoxyd entsteht, das mit stark leuchtender Flamme unter großer Wärme-Entwicklung verbrennen kau». Wegen seiner Herstellung führt dieses Gemisch eben den Namen Wassergas. Da man zur Herstellung von Wassergas niinderwerthige Brenn- Materialien verwenden kann, so kann man von Wasser» gas-Zentralen ans Industrie- Anlage» und Städte mit einem guten Heiz- und Leuchlmaterial versorgen,»vie es in Amerika schon seil den siebziger Jahre» in ziemlich starkem Umfange geschieht. In Europa hat sich das Wassergas erst langsam in den letzten 10— 15 Jahren Eingang verschafft; so ist beispielsweise der Mödlinger Bahnhof bei Wien mit Wassergas beleuchtet. Durch die Dellwi'.'sche Erfindung»vird das Eindringen des Wassergases in die verschiedensten Industriezweige»vahrscheinlich eine wesentliche Förderung erfahren. Bei feiner Herstellung unterscheidet man zwei verschiedene Phasen, das Anblasen und das eigentliche Gasmache». Beim Anblase» wird Luft i» de» Generator geblasen, in ivelchem sich die Kohle befindet. wodurch das Feuer angefacht und die Temperatur der Kohle auf 1000 bis 1200 Grad gebracht»vird. Beim GaSmachen»vird dann Wasserdanipf eingeführt, wodurch die Bildung von Wassergas vor sich geht. Die beim Anblase» entstehenden Heizgase»verde» nach dem neuen Verfahren vo» Dellwik durch eine entsprechende Kon- struktion des Generatorschachtcs im Generator vollständig verbrannt. wodurch in ihm eine größere Hitze entsteht. Dadurch ivird eine längere Zeildauer der Periode des Gasmachens gegenüber der Anblase- Periode ermöglicht, und gleichzeitig kann die Kohle selbst zur Er- zeugung von Wassergas vollständiger ausgenutzt»verde», so daß die Ausbeute eine größere ivird. Als Kohle für die Wassergasbereitnng dient hauptsächlich der Koaks,- kcher als Rückstand in den Gasaustalle» gewonnen wird. Bisher• derselbe nämlich leicht verkäuflich, da die Koaksfeuerung ziemlich iveit verbreitet ist. Je niehr jedoch das Leuchtgas auch zu Feuerungszivccken benützt»vird— und das ist ein durchaus ivünschens- werther Fortschritt in der Lebenshaltung auch der arbeitenden, also ärmere» Bevölkerung, den die Gasanstalten entschieden erleichtern sollen—, um so schwerer findet sich eine Veriveudung für die sich allmälig ansammelnden»»geheuren Quantitäten Koaks. Die Berliner Gnsdeputalion empfiehlt daher in den» Bericht über ihre Studienreise, auf jeder Berliner Gasanstalt auch eine Wassergasanlage zu errichten. Freilich führt der genannte Bericht hierfür nicht nur die bessere Verwerthung des überflüssig iverdenden Koaks a», sondern auch den Umstand, daß die Gas- erzengung dadurch von plötzlich auftretenden Zufällen, wie Arbeiter- bewegnngen(Streiks) unabhängiger»verde. Diesen fadenscheinigen Grund hätte sich die Deputation lieber spare» solle»; in einein gut geleiteten Uuternehnien— und das sollen die Berliner Gasanstalten doch sein— kommen überhaupt keine Arbeitseinstellungen vor, da bei anständiger Behandlung, guter Bezahlung und angemessener Arbeitszeit(acht Stunde») jeder Anlaß dazu fehlt. Diese drei Moment« schützen sicherer davor, als technische Einrichtungen zur«ventuellen Knechtung der Arbeiter. Abgesehen davon erscheint die Errichtung von Wassergas- Anlage» auf de» Gasanstalten durchaus rationell. Nach dem neuen Dellwik'schen Verfahren können aus jeder Tonne Koaks 2500 Kubikmeter Wassergas gewonnen werden, etwa doppelt so viel, als bisher. Dadurch ivird seine billige Abgabe für die verschiedensten Zwecke möglich; so kann es z. B. ein ganz vorzügliches Feuernngsmaterial ür Gasmaschine» bilde», die ihrerseits wieder als Antriebs- Maschinen für Dyimino's dienen können; es kann also auch die Er- zeugung von elektrischem Licht und elektrischer Kraft durch umfang- reichere Einführung des Wassergases erheblich verbilligt»verde».— Nlvines FeuMekotr Geschichte des österreichischen Zahleulottos. DaS neueste Heft der Mittheiluugen des österreichischen Finanzministeriiiius ent- hält die Geschichte des Zahlenlottos in Oesterreich, die Maßregeln zur Einschränkung des Spieles in deinselben und die Staiistik des Zahlenlottos. Wie die„Wiener Zeitung" der geschichtlichen Dar- stellung entnimmt, erfreuten sich die Glücksspiele bereits in alte» Zeiten in den Gebieten der gegenwärtigen osterreichisch-ungarischen Monarchie einer solchen Beliebtheit, daß zur Eindämmung der immer mehr um sich greifenden Spielleidenschaft schon im 16. und 17. Jahr- hundert staatliche Spielverbote erlassen wurden. Von diesen Verboten waren nur die„Glückshäfen" ausgenommen, welche bei gewissen An- lässen, wie Jahrmärkte», Kirchtagen ie., veranstaltet werden durften. Ende des 17. Jahrhunderts war man bestrebt, die unüberwindliche Spielleidenschast in den Dienst der Wohlthätigkeit zu stellen. So wurde durch ein Patent Kaiser Leopold's I vom 2. April 1896 ein Gliickshafen zur Errichtung eines Feld- und Soldatenspitales ein- geführt. Eine Verallgemeinerung dieses Spieles erfolgte durch ein Patent vom 18. März 1703. Mitte des 13. Jahrhunderts trat eine Wendung insofern ein, als das fiskalische Interesse an den Glücks- spielen den Hauptzweck bildete, und das Wohlthätigkeitsmoment völlig in den Hintergkunv gedrängt wurde. Mit dem Patente vom 13. No- vember 17S1 führte Kaiserin Maria Theresia das genuesische Zahlenlotto in den österreichischen Erblanden ein, das zunächst an Pächter vergeben wurde. Der Pachtschilling be- trug 400 000 fl„ welcher später anf 523 600 fl. erhöht wurde. Die letzten Entwicklungsphasc» des Zahlenlotto's zeigen die Tendenz der Staatsverwaltung, das Terrain der Pachtunternehmung ein- zuengen und de» Einfluß der Regierung zu erweitern. Mit dem Patente vom 21. Oktober 1787 fand sich Kaiser Joseph II. bestimmt, die Uebernahme des Lottos in staatliche Verwaltung auszusprechen und die Administration einer in Wien dazu bestellte» Kammer- Direktion zn übertragen. Schließlich erwähnt der Verfasser die in- folge des Dualismus eingetretene Veränderung in der Verwaltung des Zahlenlottos und die in Ungarn am 1. Oktober 1897 erfolgte Aufhebung desselben, sowie die Einführung einer Klassenlotterie. Seit dem 1. November 1787 bis Ende 1896 hat der Staat von den im Lotto gemachten Spieleiulaze» per 1 140 341614 fl. einen Rein- gewinn von 432 721359 fl. bezogen.— Theater. Volksschauspieler aus dem Norden und aus dem Süden zeigen zur Zeit ihre Künste in Berlin. Die Oberdeutschen „D'Tegernseer" im Thalia-Theater, die Nieder- deutsche», ein H a m b u r g e r- E n s e m b l e, im Zentral- Theater. Es lasse» sich indessen beide Truppen nicht vergleichen; die einen trieben ihr Handwerk ursprünglich aus Liebhaberei, die anderen faßten es von vornherein als Berus. Für Berlin bedeute» die Tegernscer nichts neues mehr. Wie ihre Nachbarn über',» Berg, die Schlierseer. folgten sie anfänglich der Theaterpassion, die im bayerisch- österreichischen Gebirge vielfach unter der Bauernschaft altheimisch ist. Es hat sich da eine gewisse Tradition ausgebildet; und wenn sich die Spekulation erst der Volksschanspieler bemächtigt, so hilft der dnrchgcbildetesFachmann nach: In Schliersee war's der Komiler und tücklige Regisseur Konrad Dreher, den der Schreiber dieser Zeilen bei der damaligen Arbeit zusehen durfte. Bei ihren Nachfolgern soll ein Regisseur vom Gärtnerplatz» Theater gedrillt habe». Als man für den Naturalismus schwärmte und immer Einer naturalistischer sein wollte als der Andere, da schrieen etwelche Lente bei der Banernspielerei: Jetzt ist das Ideal, der allerechteste Naturalismus, erreicht. Das war eine Verkennung der Bauern- spielerei sowohl, wie auch des Naturalismus. Die naive Liebhaberei der Bauernspieler war verschwunden, sobald sie zu reisenden Berufs- schauspielern wurden: und so sehr über ihrem Stoff, der Bauern- komödie, standen sie nicht, daß sie einen ungezwungen freien, echten Eindruck gemacht hätten. Das gelang nur selten«liiem, wie bei den Schlierseer» etwa dem tarier Terofal, der ans einem Metzger und Gastwirth eben ein wirklicher komischer Künstler wurde. Ein solcher findet sich in der Truppe der Tegernseer nicht. Die stehe» nicht mehr auf dem Standpunkt naiver Unbeholfcnheit, und noch nicht aus dem gereifter Routine. Manchem mag solch Ueber- gangsstadium reizvoll erscheinen;im strengeren, künstlerische» Sinn ist es nicht Fisch, nicht Fleisch, und selbst in die angebliche bäuerliche Echtheit kommt naturgemäß ein bewußt parodistischer Zug. Ein Beispiel wird das leicht klarlege». Es sitzt z. B. das Gesinde des Bauern bei der Morgensuppe und löffelt ans der gemeinsamen Schüssel, nachdem es sich im Gebet bekreuzigt hatte. Einem Berliner Publikum ist der Anblick ungewohnt, es findet in seiner übermäßig überlegenen Weisheit die Sache zu drollig und lacht und lacht und verführt dann die Banernspieler zu parovistischen Knnststückchen des Effekts wegen. In Wahrheil aber wird das Geschäft des Essens nach simpel» Ueberlieferunge» und andächtig vollführt. Die Bauernkomödie, in der die Tegernseer austreten, heißt:„Die ?»oberer" und ist von Michel Hirsch vom Gärtnerplatz nach aller- and BolkSstückreminiszenzen geschrieben. Eine richtige Schauspieler- komödie.„An Schivirzer(Schmuggler), an Wüldrer(Wildschütz) dain's oft scho' derg'langt(erwischt), an Haberer aber hat neamd no g'fangt." Dieser Ausspruch charakterrsirt die Komödie Der schuldige Haberer wird nicht gefangen, aber er stellt sich bußfertig selbst dem Gericht. DaS kam so. Ein weiblicher Dämon, die Gattin des Einödbauern, liebt den Stiefsohn ihres Mannes und haßl�deu Gatten. Sie schaudert vor der Umarmung des Alteruden. seine„Bußeln"(Küsse) schmecken ihr„z'hauti"(gar so bitter). Die schöne bäuerliche Teufelin stistct nun Unheil um Unheil. Fälsch- lich beschuldigt sie ihren Mann, jüngst ei»„Treibats", bei dem ei» Haberer von Gendarmen erschossen wurde, verralhen zu haben ('s Treibats Haberseldtreiben). Der Stiefsohn des Einödbancr» weiß nun, was seine Habererpflicht ist. Der Haberermeister fällt den Vergeltungssprnch und das Rächeramt fällt uiiseligerweise durchs Loos aus deu Stiefsohn des Bauer» selber. Er erschießt noch in derselben Nacht den vermeintlichen Verräther und hat den Unrechten getroffen. Die Teufelin wird ihrer Bestialität nicht froh, denn sie verliert die Zuneigung des jungen Einödbauern, den sein Gewissen drückt. Er haßt die Bäuerin. die seine Mitschuldige geworden. und liebt ein unschuldiges Kind. Die Bäuerin aber höhnt: An andere? G'srieß (Gesicht, Fratze), an ander's G'riß(Reißen, Werben). Die Sache, wird innner verwickelter, bis sich der Schuldbeladene selbst stellt als ein unschuldiger alter Haberer für ihn verhaftet werden soll. Einfacher und besser haben es die Hamburger im Central- Theater. Die geben sich als das, was sie sind. Sie sind keine hervorragenden Könner, wie es Kinder und Lotte Mende einst waren, aber sie sind insgesanunt fertige Schauspieler, ein paar dar- unter sogar trefflich durchgebildete Talente. Sie wollen mit ihren Schivänken in aller Harmlosigkeit erheitern, und das gelingt ihnen be- sonders da, wo sich i» dem plattdeutsche» Sammelsurium, das sie vor- führen, noch etwas vom breite», behäbigen, plattdeutschen Behagen, ein Stückchen Eulenspiegelei, vorfindet. Das„alte luftige Hamburg" heißt ihre Bolksposse, die sich von Massenaufzllgen, Damenparaden und ähnlichen Reizungen der modernsten Berliner Posse fernhält. Ein junger Bauer aus Wienbarge ist auf dem Hamburger Weihnachts- markt einer hochstapelnden Dirne inS Netz gegangen und nun machen sich die Wienbarger Bauer» anf die Socken, mn nach dem ver- loreue» Hansen zu jagen. Dabei werden sie selbst in den Großstadt-Trubel verwickelt und erleben allerhand Schwank- abenteuer. Alt- Hamburg'sche Erinnerungen werden wach- gerufen; so taucht der urkomische alte Schmierendirektor Mattier aus und er spielt selber de» Mephisto in dem drolligsten aller Theater. Die männlichen Kräfte des Hamburger Ensembles sind de» Damen dkr Truppe anscheinend iveit überlege». Die Herren Schultz(Bauer Klaas) und Biel sind Bauerndarsteller von wohl- thuender Einfachheit und Komik und Herr Seybold(Direktor Mattler) ließ sich ebenfalls nicht verführen, aus feinem Schmierennbelden «inen grotesken Klown zu machen. K Kunst. — hl. Der Norweger Edvard Münch hat bei K e l l e r ». Reiner eine Ausstellung von Bildern, Radirungen, Litho- graphie» und Holzschnitten veranstaltet. Munch's Name wurde i» Berlin weiteren Kreisen bekannt durch einen heftigen Streit im Verein Berliner Künstler im Jahre 1392. Die alten Herren waren entsetzt über sein« Werke, die ihre» akademisch geschulten Augen als wahr« Greuel erscheinen mußten, und warfen fie brüsk hinaus. Heute hat sich zivar die Form des Streites gemildert, aber die An- jchaiiungen über den Werth der Kunst Munch's stehe» einander noch ebenso schroff gegenüber. Vom Spott bis zur Beivnnderung machen sich alle Stufen der Kritik geltend. Münch ist gleichgillig gegen jede Kritik seinen Weg gegange». Vielleicht, daß die Geringschätzung der Meisten ihn»och eigenwilliger und trotziger gemachl hat, daß er nun erst recht seine Eigenart durchsetzen will. Münch wird aber dem viel zu sagen haben, der'Achtung vor dem Küustler genug besitzt, auf feine Absichten zunächst einzugehen, ehe er sie ver- urtheilt— auch wenn sie ihm aus den ersten Blick noch so abstrus erscheinen. Münch ist der ausgeprägteste Vertreler der psychologischen Richtung in der modernen Kunst. Er sucht nicht die äußere Schönheit der Form, die gefällige Kompo- silio», ihm ist die charakteristische, ihr Wesen erschöpfende Wiedergabe einer Erscheinung alles. Sein bestes Können steckl da- her im Porträt. Mit genialer Schärfe faßt er die Züge eines Gesichtes auf, in denen sich das Innenleben widerspiegelt, in wenigi» flüchtigen Strichen erstehl in seinen Radirungen sein lebensvolles Bild eines Menschen. So hat er sich selbst porträlirt. Aus einen» schivarzen Grunde«ritt das bleiche Gesicht heraus, von enier er- greifenden Wehmnth in den zarten Zügen, in dem müden, ver- schleierten Blick der Augen. Es ist das Bild eines in sich gekehrten Künstlers, dessen Seele von ivilden Kämpfen erschüttert»vurde. Geniale Charakteranalysen sind ferner vor allen die Portraits Strindberg's, Jägcr's, Hamsnn's. Gnnnar Heiberg's und des Franzosen MaNarme.— Die ungeheure Leidenschaftlichkeit des Empfindens Ist das ivesentliche Merkmal der Kniist Mnttch's. Seine Bläiier haben oft etivas Fascinircndes, Gransenerregendes. Man fühlt in jedem von ihnen, daß hier ein Mensch gerungen hat, ein Erlebniß. das ihu i» seinen Tiefen erschütterte, künstlerisch zu ge- stalten. Und das scheint das einzige Kriterium für diese Art der Klliist zn sein, daß sie so, wie sie sich giebt. ehrlich e m p f Ii n d e n ist. Munch's künstlerische Mittel sind anßerordeiillich einfach. Er ist nicht etwa Symbolist in dem Sinne, daß er komplizirte Gedanke»» gange darzilstcllen suchte, die zn enträlhsiln oft schwer hielte. Biel- leicht ist das Berständniß seiner Arbeilen vielen gerade deifhalv so »ckiwer, weil sie nach solchen Geheimniffen suchen. Daran hat der Künstler nicht gedacht. Seine Motive sind vielmehr einfache That- fachen der Empfindungswelt, allerdings aus einem Seelenleben von furchtbarer Impulsivität. Die Eifersucht z. B. stellt er dar nur durch den Ausdruck in dem Gesicht eines Mannes, der mit einge- »ogenen Schultern, wie fröstelnd, dasteht. Alles andere, das Weib und ein anderer Man», ist nur angedeutet. Aber man wird den «uSdruck des Entsetzens in diesem Gesicht nicht wieder vergessen können. In«inigen Slimmungslandschaften tritt der Mensch als Träger der Naturstimmniig auf. Den Kops in die Hände stützend, sitzt in einem düsteren Strandbild««in Mann in tiefem Sinnen; die Zeichnung ist nur so weit ausgeführt, daß die charakteristische Stellung klar herauskommt. Auf einem schönen vierfarbigen Holzschnitt„Abenddämmerung" steht ganz vorne ei» Weib. Ein tiefer melancholischer Ernst liegt ans ihren seltsam schönen Gesichtszügen. Die letzten genialten Bilder Munch's zeigen «inen großen Fortschritt gegenüber den früheren. Sie sind mit reicheren Mitteln sehr weich und malerisch gegeben. Besonders fällt dies im Bild«„Dst« ä Töte" ans. Die wilde Leidenschaftlichkeit ist »u einer ergreisenden stillen Melancholie gedämpft in einem stimmungstiefen Bilde„Mondschein". Ein Mann sitzt in einem dunkelen Zimmer träumend am Feiister. Um seine Silhouette spielt das bleiche Licht des Mondes, hell fällt es inS Zimmer und malt das Fensterkreuz auf die Diele». Weit draußen, ans dem im Mond- schein hellgrün schimmerndeii Meere, glitzern die Lichter vorüber- fahrender Schiffe.— Aus dem Thierlebe«. ---Schildkröten alsUngeziefervertilger empfiehlt „Reclani's Universum". Es handelt sich um die neuerdings aus Amerika häufig zu uns gebrachte Dosenschildkröte(Terrapene cari- nata), das Uebergangsglied zwischen Land- und Sumpsschildkröte. Die Dosenschildkröte legt in ein selbstgegrabenes Erdloch fünf bis acht Eier, aus denen die Jungen nach etwa lOV Tagen ausschlüpfe». Die Nahrung der ziemlich phlegmatischen Thiere besteht in allerlei Insekten, Kriechthieren, Beeren und rohem Fleisch. Man kann die Dosenschildkröte in der Gefangenschaft leicht hallen, muß jedoch für frisches Trinkwasser sorgen und sie vor der Einwirkung der Kälte schütze». Wie alle Landschildkröten, zeigt sie nur sehr geringe geistige Fähigkeiten, erfreut aber durch ihr hübsches Aeußere und wird bald so zahm, daß sie Leckerbisse» aus der Hand ihres�flegers entgegen- niuimt. In abgeschlossenen Gärten kann man sie während der warmen Jahreszeit zur Beseitigung des Ungeziefers benutzen. Man sieht sie dann während der Dämmerung und im Mondschein eifrig umherivandern und jeden ans ihrem Wege liegenden Gegenstand beriechen.— Aus dem Pflauzenlebe». — Naturalisation f r e ni d« r Holzarten in Deutschland. Inden preußischen Slaatsforsten sind seit IS8l umfangreiche Untersuchungen über die Naturalisation fremder Holz« arte» im gange. Dieselben erstreckten sich zu Anfang aus ein» größere Anzahl nordamerikanischer Holzarten, im Jahre lS8S begann man auch einige Arten der japanischen Flora heranzuziehen. Nach zehnjährigen Versuchen fand man, daß die Douglas-Tanne, eine Fichlenart(picea sitcbensis), ein Lebensbaum(Thuja gigantea), ei» Nußbaum(Juglans nigra) und zwei Hickory-Arten(Carya alba und C. arnara) gutes Gedeihe» versprechen und sich mit Rücksicht aus die Menge und Güte des von ihnen erzeugten Holzes zum Anbau in größerem Maßstabe eignen. Die Versuche haben serner die Anbauwürdigkeit der nachstehenden japanische» und amerika- Nischen Hölzer ergeben: Clarnaecyparis obtusa und pisifera, Fraxinus arnericana, Larix ieptolepis, Pinus Banksiana und Prunus serotina. Die preußische Staats-Forstverwaltung beabsichtigt »icht. große reine Bestände von ausländische» Holzarten anzulegen; dieselben sollen vielmehr in Einzelmischung, sowie gruppen- und horstweise mit einheimischen Hölzern gemischt Verwendung finden. Im Jahre 1830 umsnßte» die Bersuchskulturen mit diesen Holzarten bereits rund 600 ha.— Astronomisches. -- Interessante Ausschlüsse über die Beschaffenheit de? Orion- Nebels ergeben die photographische» Aufnahmen dieses Himmels- gebildes, die in dem soeben ausgegebenen elften Bande des astro- "h�fikalischen Observatoriums zu Potsdam veröffentlicht werden. Von dieser größten Nebelmelt besttze» wir bereits eine stattliche Zahl ausgezeichneter bildlicher Darstellungen, die gleichsam eine Geschichte der Leistungsfähigkeit der astronomischen Fernrohre dar- bieten. Die große unterm Gürtel Orions sich ausbreitende Nebelwolke ist durch ihre Größe und ihren Glanz bereits dem freien Auge erkennbar, die erste ausführliche Beschreibung der merkwürdigen Form und Struktur der Nebelmasse hat aber der Solländer Huygens 1659 in einer besonderen Schrift:„Systeme atnrnium" geliefert. Später habe» besonders die beiden Herschel mit ihren Riesenteleskopen, der Amerikaner Bond, ferner Lord Rosse u. a. zahlreiche Sterne im Nebel gemessen und auch bildliche Darstellungen der ganzen Nebelwelt geliefert, unter denen die Lord Rosse'sche besonders hervorragt, während Bond zuerst die merkwürdige spiralige Struktur verschiedener Partien des Nebels serkairnte und das flockige, nahezu fiernartige Zusammenballen der N-delualerie in der Mitte und darunter hervorhob. Eine ganz eigenthümliche Erscheinung zeigten die Nebelmassen um das bekannte Trapez im Orion; sie traten um diesen mehrfachen Stern bei der Betrachtung mit allen Fernrohren überraschend zurück, so daß das Trapez von der Nebelmaterie ganz frei blieb und so die Form dieses Theiles des Nebels einem geöffnete» Thierrachen glich. Die Größe des Nebels konnte auf sechs Quadrat- grade verfolgt werden. Ein ganz verändertes Bild zeigte diese Nebel- weit aber aus der photograpyischen Platte. Schon Barnard konnte auf der Lick-Sternwarte mit einer einfachen Porträtlinse den Nebel über ein Areal von 30 Graden verfolgen, so daß die bisherige» Darstellungen nur den hellsten Theil des Orionnebels betreffen. Ferner hat der Engländer Roberls aus seinen prächtigen Aus- nahmen des Gebildes bereits gefunden, daß auch die Partie um das Trapez in dichten Nebelmaffen steht, die nur bei der direkten Beobachtung durch eine Blendung des Auges durch die hellen Sterne verschwindet. Endlich erkennt man auf der Roberts'schen Photographie, daß der Nebel ein riesiger Ringnebel ist, dessen zentrale Partie allein dem Auge als der Orionnebel erscheint. Die Potsdamer Ausnahmen von Professor Scheiner sind nun mit Expositionszeiten von 2 Minuten bis R/, Stunden gewonnen. Dabei hat sich ergeben, daß bei 2—5 Minute» Exposition die Nebelparlhie um das Trapez noch nicht auf der Platte erschien; selbst bei 15—30 Minuten Belichtung treten die helleren Nebelknoten noch merklich über die matte Nebelmaterie um das Trapez hervor. Bei Belichtung über«ine Stunde kommen die matteren äußeren Nebelpartien zu besserer Geltung, während die zentralen bereits überexponirt erscheinen. AuS diesen Potsdamer Aufnahmen, welche eine große Menge von Sternen und anderen Details im Nebel kennen gelehrt haben, ergiebt sich mit Zuversichtlichkeit, daß das Trapez des Orion mit dem Nebel in einem physischen Zu- sammenhang steht, indem ein direkter Uebergang des Nebels zu de» Sternen sichtbar gemacht ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Sterne aus der umgebenden Nebelmaterie gebildet sind, und daß dadurch die umgebenden Nebelpartien an ihrer Leuchtkraft etwas eingebüßt haben. Dieselbe Erscheinung ist bei mehreren anderen Sternen im Orionnebel erkennbar, so daß wir hier wohl die Bildung von Sternen ans ungeheuren glühenden, leuchtenden Gas- massen vor Augen haben. Die Entfernung des Orionnebels ist daher nicht größer, als die der Orionsterne selbst.— („Voss. Ztg.«) Humoristisches. — DieErschaffung desMenfchen. In einer Schule bei Straubing sollte ein Junge die Erschaffung des Mensche», wie er sie in der Neligionsstunde gehört, nacherzählen. In der Genesis heißt es: Gott bildete aus Erde einen Leib und hauchte ihm eine Seele ei». So wurde der erste Mensch. Der Junge aber erzählte: Gott nahm ein Stück Erde, bildete daraus einen menschlichen Leib, haute ihm ein« Schelle(Ohrfeige) nein; so wurde der erste Mensch.— — Aus der Schule. Lehrer:„Was weißt Tu mir vom Rohr zu sagen, Franz?«— Franz:„Das Rohr ist eine Pflanze, welche, wenn man nicht artig ist, spürt man sie."— — Anzeige.„Der fremde Herr, welcher gestern im Hau?« flur, Breitestr. II, ein Dienstmädchen geküßt hat, und dem sie ver- sehentlich eine große Wurst zusteckte, wird ersucht, da Jrrlhum vor» liegt, dieselbe beim Portier wieder abzugeben!"— «ermischtes vom Tage. — Ein Supplementband zu Nansen's„In Nacht und Eis" wird dieser Tage bei Brockhaus in Leipzig erscheinen. Er enthält Berichte Nordahl's und Hjalmar Johansen's, zweier Theilnehmer an der Expedition Nansen's. Zahlreiche Illustrationen sind dem Buche beigegeben.— — Richard Strauß, der bisher in München als Kapell- meister thätig war, ist vom nächsten Herbste an von der O p e r m Berlin mit einem Gehalt von 20 000 M.«ngagirt worden.— y. Ein Kanalarbeiter in B r a u u s ch w e> g hat seine Frau, von der er getrennt lebte, aus der Straße erschossen und dann sich selbst durch einen Schuß schwer verletzt.— — Das Segelschiff„Helene", das Tis von Schweden nach Emden führte, ist in der Nordsee untergegangen.— — In Hildesheim deging die 33jährige Schauipielerin Elsa D i t t m a r ans Berlin Selbstmord aus Liebeskummer.— — In L a i b a ch wurde am Sonntag nachts ein starkes, zwei Sekunden dauerndes Erdbeben verspürt.— — Der berühmte Sanskritforscher Bühl er, Professor an der Wiener Universität, ist auf einer Kahnfahrt aus dem Bodense» er- trunken. Der Leichnanl ist noch nicht gesunden.— — Ein«nächtiges Schadenfeuer zerstörte eine große K a m ni g a r n- S p> n n e r e i in C a t e a u.— c. e. Die Zahl der P a r l a m e n t ls- K a n d i d a t e N in Frankreich beträgt jetzt schon 2225.— — Neue Telegraph« nli nie» sollen in Russisch- Asien angelegt werden. Namentlich sür Sibirien und Turkestan sind große Linien geplant, während ander« sür die Hauplverkehrs- orte ergänzt werden sollen. Noch dieses Jahr soll eine neu« Telcgraphenlini« von Nowokiewsl nach Wladiwostok fertig gestellt werden.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.