Zlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 77. Mittwoch, den 20. April. 1898. (Nachdruck verboten.) Der Schiffsjunge. CJ Eine Seegeschichle von Peter Egge. Einzig(UitorisUte Ueberjehung von E. B r a u s e w e t t e r. Den Freiplatz verlor er, und da ging auch der Mutter die Geduld aus. Bei seiner Faulheit inachre er ja doch keine Karriere. Nun sollte er ins Komptoir! Aber einen solchen Platz fand sie nicht sogleich und Ben» bummelte bis zum September herum. Da überraschte ihn seine Mutter eines Tages, wie er ihr Dienstmädchen küßle. Nun sollte er in Arbeit! Wenn er noch länger so herum- bummelte, ging er zu gründe. In diesen Tagen traf Venn oft mit einem ehemaligen Schulkameraden zusammen. Er war ein paar Jahre alter als Venn, war znr See gewesen und nun bereits dritter Steuer- mann ans einem Dampfschiff. Beim machte große Augen, als er seine Uniform und sein vieles Geld sah. Das war etwas! Seemann k Das wollte er auch werden? In ein paar Iahren war er Steuermann und kam dann als selbständiger Mann nach Hanse. Die Mutter hatte gar keine Lust, ihn znr See gehen zu lassen; aber Ben» ivollte nichts von ihrer Furcht boren, daß er über Bord gespült werden könnte oder ans dem Takelwerk herabstürze. Er würde sich schon in acht nehmen! Je länger es dauerte, bis er fortkam, desto größer wurde seine Lust, znr See zu gehen. Schließlich dachte er an nichts anderes, als reisen zu können, und bat und bettelte die Mutter um Erlaubniß. Endlich gab sie nach. Im Stillen hoffte sie. er würde am Sceleben bald genug bekommen, und dann war er vielleicht srob, etwas anderes unteniehmen zu dürfen. Eines Abends gegen elf Uhr begleitete die Mutter und beide Schwestern ihn zum Kai, um ihn wohlbehalten an Bord zu sehen. Das Tanipfboot sollte um zwölf Uhr abgehen. Er wollte nach Arendal fahren, um dort Heuer zu nehmen. Die Mutter weinte. „Wo Du auch bist. Beim, Du darfst nie vergessen, daß Du ein Heini hast. Du mußt daran denken, daß Du dort immer willkommen bist." Beim wurde gerührt und bekam ein wenig Angst. Vielleicht war es doch übereilt von ihm, zur See zu gehen! Da sagte sie leise, fast flüsternd, indem sie den Arm um seinen Hals legte:„Wenn Dir das Seeleben nicht gefällt, Ben», so mußt Du au mich schreiben und es niir sagen. Ich werde dann thnn, was ich kann, daß Dn in«ine andere Stellung kommst." Einige Augenblicke später fuhr sie aufgeregt fort: „Du mußt Deine Familie nicht vergessen, wie es so mancher Seemann thut. Du mußt in den Häfen, in die Du kommst, keine Thorheiteu begehen. Willst Tu mir das ver- sprechen, Beuu?" „Ja, Mutter!" Er küßte sie und die Schwestern und sprang auf das Zwischendeck herab, wo er sich hinsetzte, um zu weinen. m. Es war zwischen neun und zehn Uhr in der Nacht, sieben Tage, nachdem„Merry Schnor" Arendal verlassen hatte. Michel stand am Steuer, und Beim neben ihm, um steuern zu lernen. Der erste Steuermann, ein breiter und untersetzter Mann ans Stavanger, ging oben in Luvwart mit gleich- mäßigen, ruhigen Schritten auf und ab. Er erschien halb wie ein Bauer, halb wie ein Seemann. Die Hände hatte er tief in die Hosentaschen gesteckt und die Schultern in die Höhe ge- schoben. Nicht ein Wort war ihm in der letzten halben Stunde entschlüpft, pud darum durften die Beiden am Steuer auch nichts sagen. Die See war schwarz wie Tinte, und die Brise nur mäßig frisch. Die Wolken schwer und grauschwarz, aber ruhig. Man sah keinen leuchtenden Punkt auf dem Meer, und das Ohr vernahm nur den Laut der matten Wellenschläge gegen die Schute, die gleichmäßigen Schritte des Slcncrmanus nnd einen gcdämpst rollenden Laut der Stcnertaljen, jedesmal, wenn Michel das Rad drehte. Benn hatte im Anfang eifrig die Magnetnadel und Michel's Arbeit beobachtet. Aber diese gespannte Anfmerk- samkeil ermüdete ihn schließlich, und sogleich waren seine Ge- danken daheim, immer dieselben Gedanken, mit denen er sich nun schon so oft beschäftigt, seit er zur See gegangen. Daß er darauf gebrannt hatte, zur See zu kommen? Was für ein Schafskopf er gewesen war! War das ein Leben für einen Menschen mit feinen Interessen und seiner Bildung, so Monat uni Monat auf dem Meere zu fei»,- Tau-Enden zu ziehen, auf den Raacn zu liegen nnd die schweren, nassen Segel hinaufzuziehen, so daß er sich jeden Augenblick verheben konnte; stehen und Auslug halten, wie ein Idiot, oder auf den Kompaß niederstarren; Tag und Nacht ans sein; niemals mehr als vier Stunden hinter einander schlafen! Am schlimmsten war eS aber doch mit der Tagwache; jeden zweite» Morgen auf den Knieen liegen und den Boden auf- waschen, wie eine richtige Scheuerfrau, oder das Deck spülen! Und dann sich von Matrosen kommandiren lasse», gemeinen Matrosen, nnd ihnen Handlangerdienste leisten! Er hätte doch gut ein paar Stunden am Nachmittag stildiren können. Mehr wäre nicht nöthig gewesen, um durchzukommen. Dann hätte er noch Zeit genug gehabt, sich zu amüstren und Vorträge in seinem Verein zu halten; denn er hatte ein Recht dazu, was der Rektor auch sagte. Es war die Pflicht eines jeden, wenn er auch noch so jung war, die Bewegungen zu verfolgen, die in dieser Zeit obenauf waren, und die Schuldigkeit eines jeden, auszudrücken was er dachte nnd fühlte. Die Jugend das war die Zukunft. Die Alten gingen ab, mußten abgehen; denn sie konnten die neue Zeit nicht verstehen mit ihren Forderungen, ihrer Sehnsucht und... nnd... Der Schritt des Steuermanus entfernte sich mehr und mehr und verhallte schließlich ganz. Benn hörte es, nnd seine Gedanken nahmen eine andere Richtung. Michel drehte sich um und spuckte tüchtig in den Spuck- napf, der hinter ihm auf Deck angeschraubt war. Dan» sagte er ganz leise, damit niemand in der Kajüte hören sollte, daß am Steuer gesprochen wurde: „Na, wie gefällt's Dir. Seemann zu sein. Benn?" Diese Frage hatte der Junge in den letzten Tagen oft zu hören bekommen, bald mitleidig, bald neckisch oder auch höhnisch. „Ach, es ist ziemlich unbehaglich, mein' ich; aber das kommt vermuthlich daher, daß wir bisher so schlechtes Wetrer gehabt haben." Michel lachte im Stillen. „Nun lacht er wohl über meine Aussprache," dachte Bena- „Und die Schisserfrau? Wie gefällt Dir die?" „Ich habe sie noch so wenig gesehen." „Du solltest auf Achterdeck gehen und sie begrüßen, meine ich, ein so flotter Bursche, wie Dn bist!" Benn lächelte und zuckte die Achseln. Das war nun so die Art der Leute ans den: Volke, Witze zu niachen. „Uebrigens ist sie eine Sau, weißt Du!" „Ach, wer das glaubt!" Und in Gedanken fügte er hinzu: „So fein und hübsch, wie sie ist." „Ja, sie kaut Tabak." Benn lachte. Er wußte, daß die Matrosen den Schiffs- jungen dergleichen nnglanbliche Geschichten zu erzählen pflegten. „Michel, Du mußt nur nicht glauben, daß ich so un- erfahren bin, wie die fünfzehnjährigen Jungen, die sonst znr See gehen." Aber da lachte Michel, so daß er sich schüttelte. Und Benn mußte sogleich daran denken, wie die Mannschaft brüllend gelacht haben würde, wenn sie ihn so etwas sagen ge- hört hätte. „Wie alt bist Du denn, Benn?" fragte Michel u»- geheuer ernst. „Siebzehn und dreiviertel Jahr." Der Andere lachte wieder; aber Benn fühlte sich dadurch nicht beleidigt. Michel hielt ihn in einer so gntmüthigen Weise zum Narren, und außerdem waren sie unter sich. Dann hörten sie den promcnirendcn Schritt des Steuer» manns sich nähern, bis er am Rande stehen blieb. „Es ist wohl kein schönes Leben, Seemann zu sein, Benn, Ici Ncicht wie bei Tage gleich auf dem Posten/ sagte der Steuermann. Beim lächelte nur; er fürchtete, die Andern würden lachen, wenn er eine Autwort vorbrächte. „Er findet die Schifsersran sehr fein, sagte er," erzählte Michel. „Nein, das habe ich nicht gesagt!" „Er will morgen aufs Achterdeck und sie begrüßen!" Venn versichme eifrig, das hätte er durchaus nicht ge- sagt. Die anderen lachreu leise und mußten ihn zu leisereni Sprechen ermahueu. Beun wurde ärgerlich, daß er sich so sollte zum Narren halten lasse». „Es ist am besten, Beun bekommt nun das Steuer. Dann stehst Tu, Michel, daneben uutr weist ihn an!" Die beiden Steuermänner wechselten den Platz. Einige Augenblicke später hörte Beun seineu Kameraden dem Steuermann zuflüstern: „Da haben wir sie ja!" Ben» wagte nicht vom Kompaß aufzusehen. Ach, wenn «r nun so falsch steuerte, daß sie es merkte! Nervös drehte er das Rad hin und her, hielt die Zunge mitten im Munde und kniff das eine Auge zu, als wollte er von der Nadel nach der Scheibe hinüber zielen. Ob sie dem Kompaß' ansah, wenn die Nadel über den Strich hinaus war! Sie konnte ja steuern, wie man erzählte! Der Steuermann wandte sich um und ging ihr entgegen. „Wie glauben Sie, daß es zur Nacht wird, Steuermann?" fragte sie niit klingend hoher Stimme und sah über das Meer hinaus und zu den Wolken empor. „Es sieht nach allem Möglichen aus, finde ich." (Fortsetzung solgt.) Mcbev tms Mosen dov nnlknniMon Vonft*). Die vulkanischen Erscheinungen spielen in der wissenschaftliche» Forschung eine bedeutende Rolle, obgleich sie gegenwärtig sich nur »och als malte Nachklänge früherer, weil großartigerer Vorgänge darstelle». Denn daß der Vulkanisinns in de» vergangenen geologischen Epochen in die Gestaltung der Erdoberfläche weil ge- waltiger eingegriffen haben muß, kann für denjenigen keinem Zweifel unterliege», der z. B. mit den Forschungen über die ungeheuren Lavafelder Nordamerika's oder über die tertiäre» Basallergüsse ans dem Hochlande von Dekkan in Ostindien bekannt ist. Aber auch die heutigen Vulkane bieten, iven» sie in Thäligkeit sind, durch das Er- zittern des Erdbodens, die Auswürfe von Dampf- und Ascheiiniaffe», die den Tag in Nacht verwandeln, den Ausfluß glnheiid- flüssiger Lava und brüllenden Donner den großartig- furchlbarnen Anblick, der uns in der Natur enigcgeiilritt. Die Probleme, die der Vntkanisinus der Forschung aufgiedl, sind überaus schivierig; schon weil die Borgänge, die sich in der Tiefe der vulkanischen Herde ad- spielen, uns unzugänglich bleiben, dann aber auch, weit Vulkane während ihrer Ausbrüche unnahbar sind, und selbst die Vorgänge während der beginnenden Erkaltung der weißglühenden Lavamafse» nicht unmittelbar untersucht werden können. So ist man denn»wer das Wesen und die Quelle der vulkanische» Kraft auf Verniuthimgeu und Hypothesen angewiesen, von denen freilich manche einander diametral entgegenstehen. Natürlich hat im allgemeine» eine solche Hypothese mnsomehr Werth, je größer der Bereich der Erfahrungen ist, auf die ihr Urheber sich stützt, und je mehr Thalsachen der Beobachtung dadurch erklärt werden. I» dieser Beziehung ist nun eine Reihe' von Betrachtungen über das Wesen der vulkanischen Erscheinungen Hochbedeutsani, die in jüngster Zeil Alfons Stübel, der Erforscher der Vulkanberge von Ekuador, veröffentlicht hat. Die Schlußfolgerungen, zu denen er gelangt, stützen sich auf die That- fachen der Veobachluug vulkanischer Erscheinungen der Gegenivarl und Vergangenheit, sowie auf Erkallungsvorgänge, die au Schmelz- Massen geringen Umfangs wahrgenommen wurden, während die Weltbildungstheorie von Laplaee, au deren Richtigkeit im großen und ganze» heule wohl nicht mehr zu zweifeln ist. den allgeiueiueu Ausgangspunkt bildet. Aus welcher Tiefe die glühende Lava zur Erdoberfläche empor- steigt, ist zunächst völlig unbekannt. Die Thatsache indessen, daß selbst nahe beuachbarle Vulkane so gut wie niemals gleichzeitige Ausbrüche habe», deutet darauf hin, daß das unterirdische Reservoir jedes Vulkans ein ziemlich begrenztes ist oder daß wenigstens die Ursache des Ausbruchs eine örtliche bleibt. Die früher allgemein angenommene Hypothese, welche die ausbrechenden Lavaniasseu unmittelbar aus dem liefen, gluthstüssigeu Erdinuern hervorquellen läßt, kommt dieser Thatsache gegenüber sehr ins Gedränge. Wäre die Erde ein einziger Glnlhball. den nur an der Oberfläche eine verhältniß- »näßig dünne erstarrte Kruste umhüllt, und ständen die Vulkane gleich- sam wie Kamine über diesem Gluthball, so würden beim Aufruhr der unterirdischen Gewalten die zahlreichen Schlote nicht immer *j Ans der„ K ö l ii i s ch e n Z e i t u ii g." unabhängig von einander arbeiten. Wären sie, wie einst Humboldt sich ausdrückte. Sicherheitsventile, so müßten wenigsten die einander benachbarten gleichzeitig abblasen, wenn die unterirdische Spannung ihr gewohntes Maß überschreitet. Dies ist aber keineswegs der Fall, vielmehr kümmert sich in seinen Eruptionen kein Vulkan um seinen Nachbarn. Bei der Eiuporhebung der Lava aus der Tiefe zur Oberfläche und bis zu den Krateröffniingen der Vulkane spielt, wie man schon lange annimmt, der Wasserdampf eine gewisse Rolle; aber es ist doch ziveiselhaft. ob feine Mitwirkung nicht eine nebensächliche ist. Die Thalsache, daß Vulkane häufig an den Rändern großer Senkung-gebiete austreten, hat andererseits zu der wohl etwas fcheinalischen oder grobsinnlichen Vorstellung geführt, die Hebung der Lava durch eine Art Empordrücken oder Emporquetschen derselben zu erklären. Mit solchen und ähnlichen Anschauungen wird sich der liefer Blickende nicht befreunden können. Weitaus befriedigender und den wirkliche» Vorgängen entsprechender stellt sich dagegen die Ansicht dar, welche Alfons Stübel vertritt und zu begründen unter- nimmt, nämlich, daß die gluihflüssige Masse selbst die Trägerin der vulkanischen Kraft ist. Er»'eist daraus hin, daß es in kleinem Maße Vulkane giebt, bei denen die Verbindung mit einem in die Tiefe reichenden Schacht, wo der Sitz der Kraft sei, völlig ans- geschlossen bleibt. Jeder Lavastroi», sagt er, den wir über einen Boden fließen scheu, ans dem wir vielleicht»och kurz zuvor ge- standen haben, ist ein solcher Herd. Die Boccas, die sich auf manchen Lavaströmen, besonders an solchen Stellen bilden, wo Anhänsungen des Materials in großer Mächtigkeit staltfinde» können, sind nichts anderes als kleine Vulkanberge. Als eines der gewichtigsten Bei- spiele dafür, daß innerhalb erkaltender Lavamassen Vorgänge statt- finden, die sich in ausbrncharligen Erscheinungen ans ihrer Oberfläche nutzer», sieht Stübel den mächtigen Lavaerguß an, der 1579 in Mexiko staltfand und mit der Bildung des Jorullo abschloß. Während dieser mit seinen Nebenkegeln den Auslritlspunkt der Lava kenn» zeichnet, die sich zu einem mit steilem Stande riugsum abfallenden mächtigen Plateau von 3 Kilometern Durchmesser anilante, legen viele Hunderle von kleinen Eruptionskegeln, die Hornitos, die sich über die Oberfläche des Plateaus(des Malpais) vertheilen. Zeugniß für die Vorgänge ab, welche sich innerhalb der Lavamaffe selbst voll- zogen habe». Nach Stübel sind die Reservoire, aus neue» die Lava- massen unserer Vulkane stammen, ziemlich oberflächlich gelegene, lokalisirte Herde, die mit feurigflüssigem Magma gefüllt sind, das bei dem Herabsinken von seiner hohen Temperatnr eine Vergrößerung seines Volumens erfährt und infolge dieser Schwellung nach oben hin ausbricht, sobald es ihm an Raum mangelt. Daß dabei auch der Gasgehalt des Magmas eine erhebliche Rolle spielt, ist selbst- verständlich.„Die vulkanische Kraft," sagt Stübel.„ist somit allem Anscheine nach eine Erkaltungserscheinung der senerflüssige» Materie, deren Vorhandensein für geivisse Tiefen unter der Erdoberfläche nicht in Abrede gestellt werden kann. Und in der unter hohem Druck erkaltenden und sich ausdehnenden Materie sehen wir alle Bedingungen für eine Kraslenlfaltung erfüllt, welche sicherlich ans- reicht. um schwere Schmelzmasse» aus großen Tiefe» emporzuheben und ihnen den verivorieneu Weg durch alte, längst verlassene Ans- bruchskanäle neu zu bahnen, jedes Widerstandes Herr zu werden, ja selbst jüngere, mächtige Gesteinsadlagerunge» zu durchbrechen". Diese Vorstellung giedl gleichzeitig eine Erklärung für alle verschiedenen Grade der Bodenerschüllerung von der geringsten, kaum noch fühl- baren bis zu der hefiigsten, die größten wie die kleinsten Erschütre- rnngskreise gleichzeitig umfassend. Die Arbeitsleistung, die als eigentliche Ursache der Eruptionen anzusehen ist, liegt also nach Stübel in der Materie selbst und ist als eine Bolumvermehrung der der Erkaltung zu betrachten. Daß unter diesen Umständen that- sächlich eine Volumvermehrung statisiudet. ist nicht allei» durch die Beobachtung des Schwiimuens fester Lava auf flüssiger erwiesen, sondern auch durch Wahrnehmungen an künstlichen Schmelzmassen, worüber Stübel eingehende Mittheilungen macht. Aber wo ist die Quelle der Wärme zu suche», die uns in der iveißglühenden Lava entgegentritt? Wer diese anzugeben weiß, hat den Schlüssel zum gesammle» vulkanischen Problem in der Hand. Die Schule der frühere» Bulkanisten, Humboldt und Buch an der Spitze, hat es sich in dieser Beziehung etwas leicht gemacht. Man nahm an, daß die Lava unmittelbar dein glühend flüssigen Erd- inner» entstaiiimle, einem gewaltigen Gluthballe, der»ur von einer verhältnißlnüßig dünnen erkalteten Kruste umhüllt werde. Der Bedenken gegen diese Niinahine find aber mit der Zeit so viele und gewichtige erHobe» worden, daß man sie nicht mehr aufrecht erhalten kann. Als eines der wichtigsten, worauf wir oben schon hindeuteten, führt Stübel die Häusling der Vulkanberge an ge- wisse» Oertlichkeiteii, wie Ecuador, Bolivien, Chile, Mexiko, ans den Aleuten und de» Inselgruppen des Atlantische» Ozeans, an, denn es sei einleuchtend, daß der in unermeßliche Tiefe hinabgerückte zentrale Herd seine überschüssigen Eruptivmassen nicht durch viele enge Kanäle herausgeschafft, sondern sich geiviß an jeder dieser Oertlichkeiteii eines einzigen Förderschachles bedient und diese» für die ganze Zeitdauer einer Eriipliouspcriode offen gehalten haben würde. Die Bildung so vieler Eiuzelberge, sagt er, die alle»ur eine ephemere Thäligkeit bekunden, würde in hohem Grade unwahr» scheiulich sein, wenn ihr Herd in eine Tiefe von vielen hundert Kilometern verlegt werden müßte, vielmehr geivinne man aus der Art der Gruppirung der Vulkanberge den Eindruck, daß dieselben nur mit einem in geringer Tiefe gelegene», lokalisirten und daher »rschöpfliche» Herde tu Verbindung stehen, und dieser Eindruck werde noch dadurch erhöht, daß die Mehrzahl dieser Berge eine sich wiederholende, vermittelnde Rolle für Aeußerungen der vulkanischen Kraft offenbar nicht gespielt hat, sondern daß die letztere mit der Bildung des Berges selbst ihren Zweck erreichte und dann an dieser Stelle auf immer erstarb. Andererseils aber sehen wir ausgedehnle Vulkangebiete sowie einzelne Vnlkanberge und Vulkane über die gesammte Oberfläche der Erde verbreitet, so daß allem Anschein nach auch die Ursache, der sie ihre Entstehung verdanke», der ganze» Masse des Erdkörpers vom Bequator bis zu de» Polen rnnegewohnt haben muß. Die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung erhält aber eine besondere Bestätigung durch die Thatsache, daß sich ans dem Vergleich der vulkanische» Bildungen vorgeschichtlicher Zeit mit denen der Gegenwart eine Abnahme der Intensität ganz bestimmt feststellen läßt, eine Erscheinung, die weiter nur aus den Er- kaltungsprozeß zurückgesührt werden kann, den die Erdmasse im großen und ganzen von Anbeginn bis auf den heutigen Tag durch. gemacht hat. Diese» anscheinenden Widerspruch löst Stübel sehr glücklich durch die Annahme lokalisiricr vulkanischer Herde inner- halb der Erstarrungsrinde, welche Herde von dem sehr viel tiefer liegenden zentrale» Hauptherde durch die bei ihrer Enlstehung gebahnten Ausbrnchkanäle gespeist wurden. Diese peripherischen Herde werden im einzelnen eine ungeheure Größe besitzen, und uuermeßliche Zeilränine ntüffe» erforderlich sein, bis die Gluth in ihnen völlig erlösche» kann. Die Ausbrüche aus solchen Herden haben die geivalligen Kraterberge aufgeworfen; ja, Slübel hält es mit Recht für wahrscheinlich, daß viele jüngere Bildungen getvissermaße» Reaklione» dritter Hand sind. So erklärt sich, daß es größere und kleinere Kraterberge giebt, die nur ans todtcm Material, aus Schlacke» oder Tuffen aufgeworfen sind, aber flüssiges Gestein niemals zu tage gefördert habe». Wir sehen in ihnen die letzten Aeußerungen der ersterbende» Kraft lokalisiricr Herde.—_ Kleines Ilenilleton te. Die Island-Fischer. Unter dem Titel des berühmten Romans von Pierre Loli»Die Jsland-Fischer" veröffentlicht Sisco in dem Februardefle der»Archives de medecine navale" eine htzgienische Studie über das Leben der normännische» Fischer, die gerade vor«inigen Woche» auf das Meer gen Island hinanszogen. um dort ihre Jahresarbeit zu vollende». Das Bild, das Sisco von dem Leben dieser Leute schildert, ist kaum weniger ergreifend als der Inhalt jenes Roinanes. In der Ausrüstung, der Fangart und Zu- bereituug des Stockfisches, der die alleinige Beute bildet, sowie in de» Absatzwege» ihres Gewerbes unterscheiden sich die vlämischen Fischer, die vorzugsiveise in Dünkirchen und der Umgebung dieser Stadt zu Hanse sind, von de» normännischen Fischer» wesentlich. Mit beziig ans ihr Leben auf dem Meere selbst gleichen sie sich jedoch vollständig, wenigstens insoweit, als der vollständige Mangel der eleiiienlarsten Gesundheitspflege und das ständige Uebermaß in der Trunkenheit beiden im höchsten Maße eigenthümlich sind, wofür freilich die Rheder, die die Fischer und ihre Fahrzeuge nnterhalle», in erster Linie verantwortlich zu machen sind. Es giebt an der uordsranzösischen Küste etwa 4(X>l1 solcher Fischer, die all- jährlich in den Häfen von Dünkirchen, Bonlogne. Calais, Gravelines. Fecnmp, Granville, Painpol, Binic, St. Brienc, St. Malo und Brest sich einschiffen. Ihre Schiffe, die sogenannten Goeleite». zeichnen sich durch die Mißachtung der emfachncn Regeln der Reinlichkeil aus. Ans dem Vordertheile, wo sich die Mannschaft anshält, herrscht ein unglaublicher Schmutz und eine dauernde Nässe, die denselben noch unangenehmer macht. In das Innere des Schiffes gelangt uian hier durch«inen einzigen Zugang in Form einer kleinen Luke und steigt dann aus einer steilen Leiter hinab, die von Salzwasjer. Schmutz und Fischresie» klebt. Der innere llianm selbst ist entsetzlich enge und angefüllt mit nassen Kleidern, allerhand Mundvorrath, tranken und gesunden Männer», dem dichten Rauch eines eisernen Ofens, dessen Feuer niemals ausgeht, und allen möglichen Dünsten. Ans beiden Seilen des Raumes befinden sich die Koje», besser gesagt Höhlen, wo die Männer ausruhen. Jede dieser Höhlen ist� für zwei Fischer bestimmt, die sich stets angekleidet und ohne die Stiefel abzuziehen, niederlege». Feuchtigkeit, Schimmel und Ungeziefer sind die ständigen Attribute dieser Schlasstellen. An die Absonderung von Kranken an Bord dieser Fahrzeuge ist garnicht zu denken. Die Nahrung besteht ans gekochten Stocksischköpsen und Karioffel», d. h. aus letzteren nur, wenn sie nicht vollständig verfault sind, ferner Schiffszwieback und zwei bis dreimal wöchentlich als Festspeise Speck. Den Mangel an Nahrung ergänzt ausschließlich der Alkohol. Er ist die große Allerweltsmedizin, die der Eigenthiimer des Schiffes den Fischern mit der größten Freigebigkeit gegen alle Gebreche» des Leibes und der Seele überläßt. Die tägliche Ration wird für jeden Mann ans Liter bemcsie». Im allgemeinen nehmen die Kapitäne für jeden Fischer K0 Liter Branntwein mit auf die Reise, so daß bei einem Aufenthalt von 7 Monaten auf dem Meere auf den Tag eliva Ve Liter kommt. Der eigentliche Fischfang dauert aber fast niemals über sechs Monate, zuweilen nicht eininal fünf. Demgemäß erhöht sich die tägliche Branntweinralion des einzelnen Mannes bis auf>/s Liter täglich, denn jeder Kapitän hält es für eine Ehrensache, nicht einen Tropfen Alkohol tlitgetrnnken an Land mitzubringen. Natürlich ist dieses sogenannte.Getränk" von sehr schlechter Qualität, und man wird auS all diese»» verstehen, daß die dadurch beivirkte Körpervergistung der Fischer geradezu eine Gefahr für die Bewohnerschaft dieser Küste wird, denn zu der Wirkung des'chlechien Alkohols an sich kommt noch der schwächende Einfluß einer eintönigen und»iiginügenden Ernährung. Sisco schließt seinen Ülnssatz mit folgenden Worten: „Es scheint, daß die norinännischen Rheder an Menschen diejenigen Experimente anstellen wollen, die man im Laboratorium an Tdieren macht, nämlich mit bezug aick die Wirkung des Alkohols, und es wäre interessant zu ersabren, wie viel Epileptische, Irrsinnige, Verbrecher und menschliche Ungebencr ans einem früher so kräftigen Menschenschlage durch diese Wirthschaft dauernd hervorgehen, bis derselbe vernichtet sein wird."— Theater. Im Schalt spielhause wurde am Montag der Schwank . A u n o d a z u mal" von C a r l o t R e n l in g zum ersten Male ausgeführt. Mo» kennt die wohlseilen Novitäten des Schauspiel- Hauses, und so wird es nicht erst uöthig. darauf besonders hinzu- weisen, daß di« neneste Komödie einen harmlosen U>ik darstellt. Nicht ins gesammte Leben vor Achtmidvierzig greift der Schwank ein, er hält sich vielmehr an die Müitärspielerei in einer alten freien Reichsstadt, ei» Thema, dem mau oft genug noch in den „Fliegenden Blättern" begegnet. Mancherlei Anekdoten sind da ver- einigt worden, die hauptsäct lichste stellt das Gerüst der Handlung dar. Der Major der Bürgcrwehr, der ehrsame Buchbinder Peter Winckelhnber in Frankfurt. ist in sein junges Mündel, die Grethe, verliebt. Die Grelhe will aber vom Alten nichts wissen und hält sich an den Sohn, den schmucken Gesellen Fritz, der zu» gleich Jäger bei der Bürgerwehr ist. Als der Alte dahinterkommt, wird er bös nnd kujonirt als Koinmandirender der Bürgerwehr „seinen Lausbuben". Der verläßt in seiner Verliebtheit sogar die Thorwache, wo er Posten steht, als seine Grelhe kommt. Er wird erwischt und vor ein lächerliches Kriegsgericht geführt. Der alte Buchbinder will den Bnilns spielen und an seinem Sohn«in „Exempel ftatniren", als es aber ernst wird, kriegt's der falsche Brutus mit den Aengsten; Kriegsgericht bleibt Knezsgericht, und Fritz kriegt seine Grethe.— Lustig waren die beiden Winckelhnber. Herr Vollmer und Herr H e r tz e r. und nach diu» zweiten und dritten Akt wurde der Verfasser gerufen.— Erziehung und Unterricht. — Die„botanische Abtheil uug" des Humboldt» h a i ii S wird vom Donnerstag dieser Woche ab den Berliner Lehr- anstalten die für den natiirknudlichen Unterricht während des Sommers bestimmte» Blüthenpflanzen— je 100 Stück einer Art— durch Fuhrwerk zustelle». Jede Schule soll dann wöchentlich zwei- mal frische Sendungen, nnd zwar 4—8 verschiedene Pflanzcnarten erhallen. Da der Schulgarten an der Bninnenstraße den gesteigerten Ansprüchen, trotz sorgfältigster Ausnutzung seines Geländes, allein nicht mehr genügen kann, so sind zur Deckung des Bedarfs noch an anderen Stellen städtische Anzuchlgärlen eingerichlel worden. Für Nalursrennde wird der Schnlgarlen Mittwochs und Sonnabends von 1— 6 Uhr nachmittags geöffnet sein, doch kann auch an anderen Tage» der Eintritt nach Meldung bei dem zuständigen Obergärtner ausnahmsweise gestallet werden, ebenso die Bksichtigung des Frei- land-Vivariums, der geologischen Wand, sowie der Palmen- und Treibhäuser.— Volkskunde. — Ueber das Ost er da llsin g en in der Altmark wird ans A r e ii d s e e geschrieben; Am zweiten Osterfesttage zog am frühen Nachmittag die Schuljugend mit den Konfirinirten durch die Stadt und machte vor jedem Hanse, worin ein im letzten Jahre getrautes Ehepaar wohnt, halt. Hier sangen alle »ach allhergebrachter Kinderweise:„Hier steh'» wir Knäblciu alle und singen uns den Balle, und will Se uns den Ball nich' geb'n. so will» wir Er den Mann wegnehm', en Tunpahl will» wir Er denn geb'n. Grön Low, grön Low, junge Frau, schmiets den Ball herut!" Worauf dann ans dem Fenster ca. 20—40 kleine Bälle hinausgeworfen wurden, während die Kinder riefen: Hierher, hier- her! Schließlich wurde dann der Bräuligamsball in der Größe eines Kinderkopses unter die Kinder geworsen, nnd jeder suchte ihn zu sangen. Nachdem sämintliche Bälle zusammengesungen waren. gingen die Kinder mit den Bällen in den Wald, woselbst Spiele veranstaltet wurden.— Kulturhistorisches. — Die Wein Verfälschung wurde schon früh praktizirt, mochten die Obrigkeiten den Misselhälern noch so scharf zu Leibe gehen. Die Schenkwirthe kauften geringe Jahrgänge, um sie durch Ziilhaten in theure zu verwandeln. Der deutsche Hansatag beschloß 1447 nach Köln, Bingen, Frankfurt a. M. zu schreiben,„daß man gefälligst die Plumperei einstellen»nd den Wein ganz so lasse» möchte, wie Gott ihn wachsen lasse". Von großartigem Zorn be- seelt war der Magistrat der wnuderschöiien Stadt Straßburg;«in Dokument aus den Jahren 1433—1441 hat sich noch im städtischen Archiv erhalten. Man müsse leidcr hören, heißt es darin, daß im Elsaß.I welches doch die famoseste Sorte im deutschen Reich hervor- bringe, der„Win" unsäglich gefälscht und„gekränkt" werde. Es sollen deshalb solche, welche andern Leuten verderbten Wein vorsetzen, in das Halseisen gestellt und auf der Stirn„mit der Stadt Zeichen" gebrannt werden. Ja sogar Ausstechen der Augen ist angedroht. Auch die Ulmer verstanden keine» Spaß; 1487 mußte jeder Schenk- wirth beschwören, daß seine Weine echt seien, und weder er noch sei» Weib noch sein Knecht noch sonst jemand in seinem Namen ein ..Gemacht� von weidaschiger Lauge. Kalk. Senf, Scharlachkrant, Springkraut. Bleiweiß u. s. w. verfertigt habe. Es scheine» nette Gewohnheiten im Schwange gewesen zu sein. Und als 1706 dem Stuttgarter Wirth Erni nachgewiesen wurde, daß etliche Personen sich den Tod an seiner Buche getrunken hatten, fackelte der Rath nicht lauge und ließ Er»» köpfen.— Geographisches. — Ueber die Ergebnisse seiner Studienreise nach Trans» k a s p i e n und T u r k e st a n sprach unlängst in der Gesellschaft für Erdkunde zu Köln Professor Rein aus Bonn. Born Uralflnß und vom Kaspischen Meere, das 2ö Meter unter dem Spiegel des Schwarzen Meeres gelegen ist, steigt das rufsische Zenlralasien nach Osten empor bis zu den Gipfeln von 1000 Meter Höhe. Das Klima des großen Gebietes ist kontinental mit großen Gegensätzen zwischen strengen Wintern und heiße» Sommer», zwischen der Hitze des Tages und starker Abkäblnug bei Nacht; es ist ferner sehr trocken mit Beschränkung der Niederschläge ans die kältere Jahreszeit. Im Zusammenhange hiermit flehen die groben Temperatnrrxtreme, die von einer Sominerwäruie von+ 45 Gr. in Merw bis zu einer Winterkälte von—38 Gr. in Petrowsk gehen. Neben unsrnchlbarer Wüste finden sich Stätten größter Fruchtbaikeit, wie die Oase von Fergana. deren ans Löß und Lehm bestehender Boden Reis. Weizen, Gerste, Maulbeerdäiiine zur Zncht der Seiden- ranpe, sowie Baumwolle hervorbringt. Da die einheimische Bauin- wolle ihre Kapseln nie öffnet und infolge dessen wohl eine kurz- stapelige Faser erzeugt, hat man nordamerikanische und egyplische Sorten eingeführt, mit solchem Erfolge, daß jetzt ein Drittel des nicht gerade geringen russischen Baumwollbedarfs gedeckt werden kann. Wichtig ist für die Erzeugung solcher Ernten die Benutzung der Flüsse, die hier die unigelehrle Rolle spielen wie sonst. Während im allgemeinen ein Wasscrlans die Aufgabe hat, das dnrchfloffene Gebiet zu eutwässern, und dementsprechend um so stärker wird, je länger der Lauf ist, nimmt hier die Wassermenge mit der Läng» des Laufes ab, da es die Ausgabe des Flusses ist, das Land zu bewässern, und dementsprechend nach allen Seiten Kanäle von ihm abgehe». So entsendet der gewaltigste Gletscher Asiens, der in 3000 Meter Höhe befindlich« Serafschan, einen Fluß gleichen Namens, der 50 Kilometer vom Amn-Darja schon versiecht. Obschon dieser Fluß nur«ine Länge wie etwa die Weser erreicht, entsendet er doch 85 Kanäle, die mit 2500 Kilometer Länge tiu Gebiet von 480 000 Hektar bewässern.— Medizinisches. t. Ein neues Mittel gegen die Hnndswuth hat der bekannte rnmänische Physiologe Bades in der Einimpsnng von Rervensubstanz gesunder Thier« gefunden. Schon I38S machte er die Beobachtung, daß Personen, die von tollen Hunden gebissen und nebenbei a» Nervenschwäche, Epilepsie oder Melancholie litten, in- folge der Pasteur'schen Behandlung zum theil auch von de» letzt- genannten Nervenkrankheiten geheilt wurden. Er versuchte daraufhin schon damals, gewisse Nervenkrankheile» durch Eininipfnng von Nervensubstauz besonders ans dem Gehirn des Hammels oder des Kaninchens zu behandeln. Er erzielte einige Erfolge, die durch spätere Bersnche bestätigt wurden 1895 stellte Babes fest. daß der gegen Hundswnth wirkende Stoff in den Thieren nur im Blute und im Nervensystem vorhanden ist und zwar besonders in der Flüssigkeit des Gehirns und des Rückenmarks. Bon der Kenntniß ausgehend, daß die Nervenzellen eine» Stoff ausscheide», der den Starrkrampf bekämpft, dachte er. daß die gesunde Nerven- zelle auch einen Stoff enthalten würde, den man als Heilmittel gegen die Hundswnth benntzen könnte. Infolge dessen versuchte er den Ausbruch der Tollwuth oder die bereits vorhandene Erlranknng dadurch zu bekämpfen, daß er dein Betreffende» ein« gewisse Menge von Nervensubstauz ans dein Gehirn oder Rückenmari gesunder Thier«, die noch zu keinem anderen Versuche gedient hatten,»in- impfte. Die Versuche, zu denen hauptsächlich Schafe benutzt wurden, waren von bedeutendem Erfolge sowohl bei Hundswuth wie bei Starrkrampf. Es ist wahrscheinlich, daß Heilungen mit demselben Verfahre» auch bei anderen Nervenkrankheiten erzielt werden können, und die Versuche werden in dieser Richtung fortgesetzt werden. Die vorstehenden Ailssühriingen ivurde» in der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Wiffenschasten vorgetragen.— Zlstroiioinischcs. -«». Zwei neue Metalle in der Sonne sind gelegent- lich der letzten totale» Sonnenfinsterniß im Januar d. I. entdeckt worden, indem die für sie charakteristische» Linien in den Photo- graphien des Eonnenspektruins gefunden wurden. Das eine ist das seil 1830 bekannt« und auf der Erde häufige Vanadium, welches bei «ns eine vielfache Verwendung in der Technik findet, z. B. zur Fabrikation von Tinte und Farbstoffen. Das andere Element ist das Scandium, das sehr selten vorkommt und technisch unwichtig ist, für die Wissenschaft aber ein hohes Interesse besitzt, da es eines der- jenigen Elemente ist. deren Vorhandensein von dem russischen Eheiniker Mendelejeff in seinem berühmten System der Elemente richtig vorausgesagt wurde.— Technisches. — Das F a s e r n p a p i e r. Von sachkundiger Seite wird den„Leipz. St. 31." geschrieben: Anläßlich des sensationellen Falles Grünenthal ist in der Presse öfters auch des Wilcox-Papieres, auf dem die Noten der Reichsbank sowohl als auch die Reichskassen» scheine zu 5. 20 und 50 M. in der Reichsdruckerei gedruckt werden, gedacht worden. Dieses dein Amerikaner Wilcox patentirte Papier trägt das Merkmal an sich, daß in die auf der Papiermaschine laufende Papiermasse zahlreiche gefärbte Fasern eingearbeitet sind. Dieses Wilcox-Papier hat aber weder in Slinerika noch in Deutschland irgendwie Fälschungen von Papiergeld erschwert, noch verhindern können; im Gegenlheil hat die Erfahrung bewiesen, daß es den Papiergeld- Fälschern drüben und in Deutschland in den allermeisten Fällen ge- lnngen ist, den Eindruck, den das echte Fasernpapier aus den Beschauer macht, durch verschiedene Manipulationen ans ihren Falsifikate» geschickt wiederzugeben. Bei de» vielen knrsirenden ge- fälschten 5- und 50-Markfcheinen, die von vielfachen Fälschungen herrühren, hat sich das Publikum, das diese gesälschien Scheine unbedenklich in Verkehr genommen halte, in erster Reihe öfters durch die gelungene Wiedergabe der Faser» im Papier täuschen lassen.— HttuioristischeS. — Pech. S p i r i t i st i s ch e s Medium:„Nun, da Sie mit dem Geist Ihres dahingeschiedene» BruderS in Verbindung ge- standen haben, werde» Sie wohl endlich überzeugt sein. Oder haben Sic noch irgend eine Einwendung zu machen?" Skeptiker: „Keine— ausgenommen, daß meine Arüder alle am Leben find."— — Genaue Auskunft. Junge Frau:„Glaubst Dil wohl, daß es jemals einen Mann gegeben hat, der mit ehrlichem Ge- wissen seiner Frau sagen konnte: Du bist da? einzige Weib, dem meine Liebe gehört hat?" I u n g e r E h e m a n n:„Ich wüßte nur einen, von dem man das dehanplen könnte." Sie:„Wer? Du, Liebster?" Er:„O nein, Adam!"— — P f e r d e h a n d e l. Bauer:„Wos? Wia r'i den Gaul vo dir kaast Hab. hast»et g'sagt: Paß aus Hosbauer, was das sür a Gaul is? Jetzt hab'n i drei Täg, und des Schindervieh is auf oan Aug blind und ans zwoa Haxen kriimb. Wos? Hast»et g'sagt: Da wirst schaug'n, Hofbauer, was das für a Gaul is.. Hast g'sagt?"— Pferdehändler:„No, was schreist» so? Haste«ich geschaut?"(„Simplicissimus�y Vermischtes vom Tage. — Die Schnigg„Gloria" ist am Montag in der Kanal- mündung in Kiel nach Kollision mit dem Leitwerk der Schleuse gesunken.— — Bei einem Wortwechsel wegen Lohndisserenzen ging ein Ar- beiter aus den Inspektor des Gutes G r o ß- W e s s» l u bei Elbing los. Der Inspektor zog daraus einen Revolver und schoß den Zlrbeiler nieder.— — In Gronau ist, wie ans München- Gladbach gemeldet wird, eine Druckerei und Appretur total nieder- gebrannt.— — In der Nähe von Uebersee wurde in der Achen auf einer Sandbank die Leiche eines Mädchens mit 15 Stichwunden am Halse aufgefuiiden.— — Das Kaiserbad in Karlsbad ist zum theil nieder- gebrannt. Der Betrieb der Anstalt hat nicht gelitten.— — In der S t e p h a n s g r u b e in Chemnitz brach am Dienstag Feuer an?. Die Grube und die dazu gehörigen Gebäude wurden stark deschädigt.— — Die National- Bibliothek in Belgrad ist ge- sperrt worden, weil— keine Bücher mehr vorhanden sind. Vor einigen Jahren hatte sie 40 000 Bände. Jedermann entlieh Bücher und keiner brachte sie wieder. Einzelne Prosessoren sollen ganze Kollektionen enilehnt haben.— — Gegen eine Hnidiikenbande von a ch t Personen, welche die Umgebung B e I g r ad s unsicher machle, verhandelte das Bel- grader Stadtgericht zwölf Tage lang. Wegen 24 Mord- und Rand- ansälle wurden zwei zum Tode, die Übrigen zu lebenslänglichem bezw. 20 jährigem Kerker verurtheilt.— — Durch den Einsturz von drei im Van befindlichen Häuser» wurden in Gent siinf Arbeiter tödtlich verletzt.— — In Nancy stand ein Reservist wegen Fahneuflnchl vor dein Kriegsgericht. Als er gefragt wurde, ob er noch elwas vorzu- bringen Halle, erwiderte er:„Lassen Sie jedem der Herren da ei» Bündel Heu reichen!"— — I» Nizza hat sich die Herzogin Gauthier de Pirsigny erschossen. Sie war seil 4 Monaten von ihrem Manne geschieden. Man redet von einem Alpenjäger---- Lientenant. — Zwischen Moskau und Saratow fuhr eine Hilss- Maschine in den Zug, dem sie Hilfe bringen sollte. Acht Passagiere wurden schwer, fiins leicht verletzt.— — Um die Nainr der Polarregione» künstlerisch zu studiren, wird der russisch« Maler Borissow im Jahre 1899 eine Expedilion nach der Insel 3toivaja-ScmIja veranstalten.— t. Von einem Klnb in den Bereinigten Staaten, der rassereine Bernhardiner Hunde züchien will, wurde ein Hund sür 51 000 und zwei Hündinnen für je 25 000 Franks angekansl.— Aeranlworllicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.