Hlnterhaltuttgsblatt des Horwärls Nr. 79. Freitag, den 22. April. 1398. «Nachdruck rerioten) vi Der Schiffsjultge. Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig cmtorisirte Uebersetzung von E. B ra u s e w e t t e r. Ter Sturm und die Wogen wurden einen Augenblick fast still, als sammelten sie Krasc zu einem neuen Angriff. Inzwischen ertönte draußen hitziges Gerede, schwere Seestiefel- schritte ans dem nassen Teck und eine Stimme, die brüllte. Die Thüre wurde ein wenig geöffnet und der Jnngmann steckte den Kopf herein: „Na, macht, daß Ihr kommt, sonst liegt sie mit dem Takelwerk auf dem Wasser." „Halt's Maul!" schrie Jens Christian wüthend. Die Thüre wurde wieder zugeschlagen. Und nun war es, als hatten die andern Luft für ihre Erbitterung bekommen. „Verdammte Schute!" rief Joknm.„Niemals giebt's Ruh' hier an Bord!" „Solch' ein Geplack und so'ne Schinderei Tag nnd Nacht wie auf der Schute Hab' ich mein Lebtag noch nicht gesehen, sagte Michel gedämpft, aber wüthend. „Lavieren und seilen und sestmache»! Weiter hört man nichts hier an Bord; aber wir werden schon nach New- Dork kommen, und dann bleib' der Teufel noch einen Tag länger an Bord!" Es ivar wieder Jens Christian's Riesenstimme. Beim gab ihnen im stillen recht: War es so, Seemann zu sein, wie hier an Bord, dann würden es wohl nicht viele werden. Dennoch wurde ihm bei ihren Flüchen und Verwünschungen ganz nnheimlich zn Muthe. Sie klangen fürchterlich, diese Flüche, und außerdem waren die Kameraden niemals so hart gegen ihn, als ivenn sie wüthend ivaren. Endlich hatte er seine Oelkleider an und war als erster zur Thür hinaus. Er schloß sie vorsichtig wieder hinter sich. Das Sieden, Brausen, Kreischen und Stöhnen schlug ihm sofort in dem Dunkel entgegen, in das er hinaustrat. Von einer so undurchdringlichen Finsterniß hatte er noch gar keine Ahnung gehabt. Er hielt sich fest und wechselte den Halt mit jedem Schritt, den er auf das Schiff hinaus that. Er legte den Kopf einen Augenblick zurück, damit der hinab- gedrückte Südwester ihn nicht hindern sollte. in die Höhe zn sehen: alle Lappen, welche die Wache ohne Hilfe fertig bekommen hatte, waren abgeschlagen. Nur das Großsegel und die Focke standen noch da. Die entkleidete Takelung zeichnete sich gegen die jagenden Wolken gleich vielen, schwarzen, wirren Strichen ab. Und es schien, als heulte der Sturm ans Wnth darüber, daß er die Verwirrung dort oben nicht noch größer machen konnte, daß er nicht alles zersplittern und zerreißen konnte, in so feine Stücke, wie den Schaum, der um Mast nnd Raaen tanzte. Während Bcnn sich nach dem Achter hinarbeitete, guckte er einen Augenblick über die Reeling. Tie Wogen waren große, schwarze Ungeheuer, die gegen die Schute anstürmten. Sie rannten gleichsam um die Wette, die ersten da zn sein; sie brüllten mit gierig, weit ans- gerissenem Schlünde, der von grünem Schaum erfüllt war, daher, und ihre großen, weißen Zähne leuchteten in der Dunkelheit. Er unterschied auf dem Mittelschiff einige Gestalten. „Ahoi! A-Halt! A-streckt!" Er drehte sich um nnd sah vier bis fünf seiner Kameraden, die auch endlich in ihre Kleider gekommen waren und hinter ihm herkamen. Da ließ er seinen Halt los und trippelte einige Schritte schnell über das glatte Deck hin. Aber die Schute legte sich ganz über, so daß er sich völlig hinüberbiegen mußte, uni nicht zu fallen nnd nach See hinunter zn gleiten. Dann wieder auf, wenn die Schule zurück wollte. Endlich bekam er ein Tauende zu fassen, an dem zwei zogen, und griff mit aller Kraft zu. „Laß los, Schasskopf, an der andern Seite!" schrie der eine wüthend. Bcnn ließ los, klammerte sich fest an die Pumpenräder. indem er weiter glitt, und lief trippelnd zu seiner Wache hin- über, die bereits in voller Arbeit war. Das Segel war bleischwer vom Wasser, und der Sturm spannte es mit solcher Kraft, daß es jeden Augenblick in Fetzen reißen konnte. Rafften die Leute sich zu einem gewalt- samen Ruck auf, um es aufzuhissen, setzte sich der Sturm noch stärker hinein. Jens Christian„sang" wie in Wnth„ans", und die andern bekamen Kraft von seinem taktfesten Schrei. Leises Stöhnen preßte sich bei jedem Ruck hervor, den die Arme machten. Sechs Mann hängte» sich an die Tauenden, so daß sie einen großen Klumpen bildeten, und die rollende Schute warf sie auf Deck hin und her, während die Beine, die in den Knieen gebeugt waren, mechanisch mittrippelten. Es war ein Ringen zwischen dem Sturm und den Menschen. „Gut! Hinauf und festgemacht!" rief der Kapitän. „Herrje, er ist ja selbst draußen!" hörte Venn Jokum murmeln. Beim stürzte durch das Dunkel davon, voll Angst, nicht der Erste zu sein: der Schiffsjunge sollte am weitesten hinaus auf die Raa. Der Schweiß tief ihm bereits am Gesicht herab, und er fühlte eine schreckliche Schwere in den Beinen, während er über dem Wasser hinauskroch. Es war, als wenn sie nicht weiter wollten. Unter ihm drängten die Kameraden ihm nach, und er durfte ihnen nicht im Wege sein. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn jagte. Er erwartete jeden Augenblick Schelt« worte zu hören, weil er nicht schnell genug hinauf kam. Endlich lag er ganz weit draußen außerhalb der Schute über der Raa. Diese Stellung erschien ihm anfangs fast als Ruheposten. Er blickte über die schnaubenden Ungeheuer hin- aus. Sie thürmten sich auf, als wollten sie dadurch größeres Gewicht erlangen, bevor sie sich über die Schute wälzte». Einzelne streckten ihre langen Zungen unter die Raa hinauf, um ihn hinunter zn lecken; aber sie reichten nicht hoch genug. Jedesmal in der Pause, bis so ein Ungeheuer kam, starrte er auf Deck hinab und auf die See dicht daneben, nnd es war ihm, als stände die Schute still, während das Waffer, weiß und grün, in rasender Geschwindigkeit achterwärts dahinjagte. Endlich lagen alle Mann auf der Raa nnd rollten das Segel auf. Sie thaten es mit einer gewissen Ruhe, als gälte es Kräfte zn sparen zu dem großen Griff: das Segel auf die Raa hinaufzuheben. Der Steuermann schrie: „Hinauf damit!" Und alle Mann zogen. Einmal ums anderemal ertönte der Ruf des Steuermanns, und ebenso oft zogen sie mit verzweifelter Anstrengung. Aber die nasse steife Masse rührte 'ich fast nicht. Beim hatte ein Gefühl, als wenn sein Körper auseinander- gesprengt würde. Er biß unwillkürlich seine Zähne so fest zusammen, daß sein ganzer Kopf schmerzte, und ohne sich dessen selbst bewußt zu lein, preßteer einen Fluch hervor, einen o gemeinen Fluch, daß er ihn sonst niemals ,n den Mund genommen hätte. Er klammerte sich an das harte Segel gefühllosen Fingern au voll Furcht, hinunterzustürzen. Er fühlte ständig sich. Er begriff, wenn er jetzt da Nacht, war er rettungslos verloren. Nicht eine Boje, nicht einmal ein Holzstück oder Tauende ivürden die Kameraden ihm nachwerfen. Sie würden an ihrem Segel schuften, als wenn nichts geschehen wäre, denn sie wußten daß hier Rettung unmöglich ivar. Das Segel wollte nicht aus die Raa hinaus und mußte estgesnrrt werden, wie es war. Bcnn lies hinter den Anderen aus das Deck hinab. Nun pllte das Focksegel hinauf. Er zog wieder an den Tauen und zappelie nnd fiel, wenn er gehen oder springen sollte. Seine Gemüthsstimmung war ein Hin- und Hcrwanken zwischen einer Wnth, in der er alles und alle verfluchte, und einer Selbstaufgabe, in der er weinend rufen mochte: „Herr Gott, macht mit mir, was Ihr wollt, werft mich über Bord, aber befreit mich nur davon, mich weiter so plagen zu müssen!" Aber er schrie nicht nnd weinte nicht. Eine Stunde, nachdem er auf Deck gekommen war, kroch er, müde zum Umfallen, vom Fock herab rrnd dachte: „Du weigerst dich, noch weiter hinaufzuklettern! Du mit seinen fast loszulassen nnd die Tiefe unter hinabglitt, heute weigerst dich! Tn läßt dich plötzlich aufs Teck fallen; dann dürfen sie dich nicht mehr hinausjagen! Da müssen sie glanbe», du märest krank!" Er stützte sich auf der Luvwart-Scite halb liegend, halb sitzend auf einen Spir. Die Kameraden stellten sich an ge- schützten Stellen weiterhin ans. Einige lachten, andere schimpften oder fluchten. Der Kapitän ging bleich und stumm mit dem Gucker in seinen zitternden Händen umher und starrte hie und da hinaus. Ter Steuermann stand in seiner Nähe und wartete auf Ordres. Der Sturm heulte und die See schäumte brüllend in die Schute hinein. „Wahrlich keiner von ihnen hat'neu Schimmer, wo wir nun sind," meinte Michel. „Holland und England ist gleich fett für sie/ rief Jokum mit Hohnlachen, in das einige Kameraden einstimmten. „Wenn wir nur nichr ins Mittclmcer hinabgetrieben sind," fuhr er fort. Da schrie Jens Christian so laut, daß die Offiziere es durch das Stnrmgcbrause und den Höllenlärm des Meeres mußten hören können: „Hol' der Teufel den ganzen Kasten! In den Grund da- mit! Dann entginge man wenigstens dem, sich hier zu Tode zu rackern. Eine Ursach muß der Tod doch haben!" (Forlsehnug folgt) (Nachdruck verboten.) Vev VevlnJTenr. Von(55 ii t) d e M a u p a s s a u t. Deutsch von Wilhelm Thal. (Schluß.) Vor dein Hause schrie Herr v. Rprcval:„Ist jemand da?" Ein Kind erschien; ein kleines Mädchen von»»gefähr zehn Jahren, das mit eiuem Heinde und einem wollenen Nock bekleidet war, mit nackten, schmutzige» Beineu und schüchterner Miene. Sie blieb i» der Thüröffnung stehen, gerade als wen» sie den Eingang verlheidige» wollte und fragte:„Was wollen Sie „Ist Dein Vater da?" „Nein." „Wo ist er?" „Das weiß ich nicht!" „Und Deine Mutter?" „Ist zu den Kühen gegangen." „Wird sie bald zurückkomme»?" „DaS weiß ich nicht." Und plötzlich rief die alte Frau, als fürchtete sie. man wolle sie mit Geivalt fortbringen, mit hastiger Stimme:„Ich werde nicht fortgehe», ohne ihn gesehen zu haben." „Wir wollen ihn erwarten, liebe Freundin." Ztls sie sich umwandten, bemerkte» sie eine Bäuerin, die auf daZ Haus zukam und zwei Sichel» trug, die sehr schwer zu sei» schienen und auf welche die Sonne zeitweise mit weißlicher, leuchtender Flamme schlug. Sie hinkte ans dem rechten Bein und die Brust in eine braune, schmutzige, vom Regen ausgewaschene, und von der Sommerhitze gedörrte Trikotjacke gepreßt, machte sie den Eindruck einer arme», elende» und schmutzigen Magd. „Da ist Mama!" sagte das Kind. Als sie bei ihrer Wohnung angelangt war, betrachtete sie die Fremden mit böser und mißtrauischer Miene; dann betrat sie das Haus, als hätte sie sie garnicht gesehe». Sie erschien alt und hatte ein runzliges, hartes, gelbes Gesicht; das Holzgesicht der Bäuerinnen. Herr von Apreval rief sie an:«Hören Sie'mal, Frauchen, wir sind bei Ihne» eingetreten, um Sie zu bitte», uns zwei Gläser Milch zu verkmifei;." Die Bäuenn erschien wieder auf der Schivelle und murmelte, nachdem sie ihre Sichel» weggelegt:„Ich verkaufe keine Milch." „Wir haben großen Durst. Die Dame ist all und sehr ermüdet. Kann man nicht irgend etwas zu trinke» bekomme»?" Die Bäuerin betrachtete sie mit mißtrauischen und unruhigen Auge»; endlich aber entschloß sie sich und sagte:«Da sie eimnal da sind, werde ich Ihnen ivelche geben." Damit verschwand sie im Hause. Dann kam das Kind heraus und brachte zwei Stühle, die es unter einem Apselbanm niedersetzte. darauf erschien die Mutter mit zwei Näpfchen frischer Milch, die sie den Besuchcril in die Hände gab. Sie blieb vor ihnen stehen, als wollte sie sie überwachen und ihre Absichle» erralhen.„Sie sind aus Fscamp?" fragte sie. „Ja", erwiderte Herr von Apreval,„wir bleiben den Sommer über in Fscamp" Eine kurze Pause trat ei», dann fuhr er fort:„Könnten Sie unS nicht alle Wochen Hühner verkaufen?" Die Bäuerin zögerte, dann entgegnete sie:„Aber gewiß! Wollen Sie junge haben?" „Jawohl, junge!" „Wieviel bezahle» Sie denn dafür ank dem Markte?" Herr von Apreval, der das nicht wußte, ivandle sicki an seine Freundin:„Wieviel bezahlen Sie denn für Geflügel, liebe Freundin, für das junge Geflügel?" Sie stammelte, während ihr die Thränen in den Augen standen: „Vier Franks, auch 4 Franks 50." Die Bauernfrau betrachtete sie erstaunt von der Seite und fragte dann:„Ist die denn krank, daß sie weint?" Er wußte nicht, was er sage» sollte und stotterte:„Nein... »ei»... aber sie... sie hat unterwegs... unterwegs ihre Uhr verloren,«ine schöne Uhr. und das thut ihr weh. Wenn sie jemand findet, können Sie es uns mittheilen." Die Mutter Benedikt antwortete nicht, denn sie hielt das für Schwindel; plötzlich aber rief sie:„Da kommt mein Mann!" Sie allein hatte ihn kommen sehen, denn sie stand dem Zaun gegen- über. D'Apreval sprang auf, Frau v. Cadour aber fiel beinahe zur Erde und wand sich krampfhaft auf ihrem Stuhle. Vor ihnen, etiva zehn Schritte entfernt, stand keuchend ein Mann, der eine Kuh an einem Stricke zog. Ohne sich um die Besucher zu kümmern, sagte er:„Verflucht! solch Biest!" Die Tbränen der alten Frau waren plötzlich versiegt; und sie blieb entsetzt ohne Worte, ohne Gedanken. Ihr Sohn! das war ihr Sohn! Herr v. Apreval, den derselbe Gedanke durchblitzt hatte, fragte mit zitternder Stimme:«Das ist also Herr Benedikt?" „Wer hat Ihnen denn seinen Namen genannt?" fragte die Bäuerin mißtrauisch. „Der Schmied a» der Ecke der großen Landstraße," versetzte er. Dann schwiege» Alle und hielten die Auge» starr auf die Stall- thür gerichtet. Sie bildete eine Art schwarzes Loch in der Wand des Gebäudes. Man sah nichts darin, doch vernahm man wirres Geräusch, Bewegungen und Schritte, die durch das an der Erde liegende Stroh gedämpft wurde». Der Bauer erschien wieder aus der Schwelle, trocknete sich den Schweiß und lehrte mit großen, langsamen Schritten nach dem Hanse zurück. Wieder ging er an den Fremden, ohne sie anscheinend zu bemerken vorbei, und sagte zu seiner Frau:„Hole mir doch einen Krug Wein, ich habe Durst." Daun ging er in sein Haus, während die Bäuerin sich dem Keller zuwandte und die Pariser allein ließ. Betäubt und bestürzt stammelte Frau v. Cadonr:„Gehen wir, Henri, gehen rvir!" Herr v. Apreval ergriff ihren Arm, hob sie in die Höhe, hielt sie mit aller Kraft fest, den» er suhlte, sie iverde�sallen. und zog sie dann fort, nachdem er auf einen der Stühle ein Fünffranksstück ge- worsen hatte. Sobald sie aus dem Bereich des Hauses gelangt waren, begann sie zu weinen, ganz von Schmerz erschüttert und stammelte:«Oh! oh! was haben Sie ans ihm gemacht?" Er war sehr blaß und antwortete in trockenem Tone.„Ich habe getha», was ick, konnte. Seine Besitzung hat eine» Werth von 80 000 Franks. Das ist eine Mitgift, wie sie nicht alle Bürger- linder besitzen." Ganz leise, ohne ein Wort hinzuzufügen, gingen sie nach Hause. Sie weinte noch immer. Tie Tbränen stürzten ihr aus den Auge» und rollten nnanfhörlick, ihre Wangen herab. Endlich blieben sie stehen, nnd sie trocknete sich die Thräne» ab. Herr von Cadour erwartete sie zum Diner. Als er sie bemerkte, fing er an zu lachen nnd rief:„Schön, meine Frau hat einen Sonnenstich bekomme». Ich bin eutzückt. Ich glaube wahrhaftig, sie verliert seil einiger Zeil de» Kopf!" Niemand antwortete ihm, und»ls der Man», sich die Hände reibend, fragte:„Habt Ihr wenigstens einen hübschen Spaziergang gemacht?" erwiderte d'jlpreval:„Einen ganz reizende», mein Freund. einen ganz reizenden."—_ Vleinos Fenillckon — o— Störende Klänge. Pastor Diestelmar stand auf von seinem Sitzplay hinter dem Pult. Er hatte sich ganz heiß geredet. Mit seinen weiche» Händen zupfte er seinen lauge» Bart,»>ähre»d seine blaugrauen Augen mit zornigem Blick über die Konfirmanden glitten. Dieser Blick wollte gar nicht recht stimmen zn de», gut- müthige». weichen Ausdruck des Gesichts, das trotz des großen wallenden Bartes nichts Rücksichtsloses an sich hatte. Die Knaben sahen denn auch iveniger furchtsam, als verwundert zu ihm auf. Es waren echte Gewächse der großstädtischen Weich- bildgrenze. Einzelne zeigten die Schüchternheil der Kinder ehemals ivohlhabcnd gewesener Ellern, die zwar wenig Essen, aber reichlich gute Lehre» erhalte» halten. Andere konnten ihre, trotz Hunger nnd Elend hochgeschossene Frühreise nicht verbergen. Nur wenige wiesen bei der richtigen Körpergröße auch kräftige Formen nnd rothe Backe» auf- Die meisten von ihnen blickten herausfordernd»in sich. I» den erste» Reihen saßen einige bessergekleidete Jungen, die theils geweckt, lheils eingebildet aussahen— die Söhne der Haus- besitzer nnd Kaufleute, Gymnasialschüler. „Uttd nun hoffe ich. daß Ihr Euch vertragen werdet." sagte Pastor Diestelmar. Er kam langsam hervor und ging ge- messene» Schrilles nach dem Harmonium. Er schämte sich. daß er sich zu der Drohung, jede», der wieder bei einer Schlägerei erwischt werde, nicht zn konfirmiren. halte hinreißen lassen. Durch den gemessenen Schritt ivollte er seine Erregung ver- bergen. Als er sich aber am Harnionini» niedergesetzt halte und in die Tasten griff, konnte er nicht anders, als seine Gefühle in einem machtvollen Vorspiel austönen lasse». Die Jungen drohte» einander. Einer von den Bessergckleideten zeigte den anderen einen Guuiinischlauch, ein zweiter eine Hunde- peitsche; die Herausgeforderten drohten mit ihren allen zerstoßenen Mappen und Hausschlüsseln. Als der Pastor mit dem Lied einsetzte, sangen nur wenige mit. Er merkte nicht, daß es so dünn klang, da er mit Gefühl spielte und sich von de» Tönen, die in dem hellgeslrichene» Zimmer feierlich durch einander ivogten, beruhigen ließ. Dann stand er a»f und sagte mit freundlicher Stimme:.Und nun vergeßt nicht, daß Ihr bald Bürger eines christlichen Staates werde» sollt. Ihr sollt als Erivachscne in das iverklhätige Leben des Staates eintreten, der die Religion erkoren hat, die verlangt: Liebet Eure Feinde!... Nun gehl friedfertig nach Hause!" In die letzten Worte seiner Rede hatten sich helle Klänge ge> mischt. Die Jungen stürmten mit großer Haft hinaus. Er folgte ihnen. Als er ans dem Platze vor der Kirche stand, deren neue Mauern iveit über die uniliegenden brachen Felder ragte», wurde auch er das läriucnde takimäßige Geschmetter gewahr. Jenseits des grünen Platzes, anf dessen Bänken mehrere alte Arbeiter und Bc- schäfligungslose saßen, zog ein Bataillon Soldaten vorbei. Das Blinken der Blechinstruments und der Waffen stach dein Pastor in die Augen. Er ging mit großen Schritten in die Kirche»»d murmelte innner und immer wieder:.Liebet Eure Feinde!... Liebet Eure Feinde!"... Aber auch in der Kirche hörte er»och lange die schmetternde» Klänge.-- — Wie Nauscus Schiff„Fram" aus dein Polarcis her- anökain. Der Erzählung..Wir Framleule" von Nordahl, die imt Lieut. Johanscns Bericht„Nansen und ich ans 86° 14"' den Inhalt des soeben bei F. A. Brockhans in Leipzig erschienenen Siipptemenl- bandes zu Nansens.In Nacht und Eis" bildet, entnebinen ivir folgende Schilderung der Besreinng des Schiffes„Fram" ans der nordischen Eiswüste: Eine von uns an» 19. Juli angestellte Beobachtung zeigte, daß wir»»s ans 82° 51' nördlicher Breite befanden. Wir beschlossen, das Eis jetzt zu jor- ciren, wenn es sich machen ließe. Als sich später n»i Vormittag der Nebel verzog, fanden wir auch eine Oeffnnng, durch die wir uns hindnrchzwängcn konnten. Mehrere Tage blieben wir bei dieser Art des Vordringens. Einige Stunden lang kamen wir langsam und allmälig vorwärts, dann aber zog sich das Eis wieder dicht und fest zn einem ununterbrochene» Wall zu- saniinen. Wir mußte» also wieder Halt macheu und warten, bis es von neuem locker wurde und sich ei» wenig theilte. Es kamen Tage, an denen wir wohl acht- bis zehnmal stoppten, gingen und wieder stoppten. Eben so wenig hielte» wir immer direkt snd- lichc» Kurs. Ach nein! Anf der Karte sah unser Kurs ungefähr ans wie die Fußspuren der Hniide in frisch gc- sallenem Schnee: er beivegte sich im Zickzack. Aber vorwärts kamen wir doch, tvenn auch auf Nniwege». Am 27. Juli passirlen wir auf diese Art den Breitengrad, de» Nordenskjöld seinerzeit in offenem Wasser erreicht halte. Wir waren noch immer von dichtem Packeise umgeben. Es war also klar, daß die Eisniasse» sich in diesen» Jahre bedeutend iveiter nach Süden erstreckten, als sie es sonst vielleicht zn thu» pflegten. Das Wetter»var äußerst nnangenehi»;»vir halten nnausgesetzt Regen und Schnee, und das Thermometer stand ungefähr auf 0». Wir hätten unseren früheren arktischen Winter entschieden vor- gezogen. Auch der Wind»var ungünstig. Er preßte die Eismassen um uns herum so zusaminrn, daß nichl ein- mal eine Mücke hätte bindurchschlüvfc» können, viel »veniger die.Fram". Co ging es Tag für Tag. Was bisher mich seinen Theil dazu beigetragen Halle, uns die Benrtheilnng der Größe des uns umspannenden Eisgürlels. durch den»vir»ns hierdurch z» kämpfe» halten, zu erschiveren,»var das neblige, t»ü>>c Weller. Am 12. Anglist nachmittags verzog sich jedoch endlich der Nebel, und»vir glaubten, im Süden das blaue Meer zu erblicken. Doch ganz koniilc» »vir uns nichl darauf verlassen, daß unsere Angin uns nickt ge- täuscht hatten, dazu»var die Lust nicht klar genug. Das Blaue konnte eine größere offene Stelle, es konnte aber auch das Meer sein. Und es»var das Meer! Als»vir, die»vir gleich darauf die Wache ablöse» sollten, am Morgen des 13. August gegen 4 Uhr unser erstes Frühstück ein- »ahmen, hörten»vir die Wachthabenden in ein donnerndes Hurrah arisbrechen. Und gleichzeitig merkte»»vir, daß das Schiff mit einem Mal eine ganz andere Beivegnng angenommen halle als die bis- hcrige schrammende, die»vir nur allzu gut kannten. Wir vergaßen das Essen und alles andere und stürmten anf Deck.„Hip, hip. hip! Hnrrah, Hurrah, Hurrah!" In.»vohl konnte» wir jetzt Hurrah rnse», daß es iveilbin schallte! Den» dort, hinter uns, lag der Eis- gürtet, und um uns herum rauschten die frischen Wogen des Eis- riieers und schäumten munter um de» Bug der„Fram". Und die „Fram" schaukelte sich so»vodlgcfällig, als begriffe sie das Ber- gangene. O, dieser Jubel! Wie Verrückte rannten»vir hin und her und wußten vor Freude nicht, auf welchen» Fuße»vir stehen sollten. Selbst die, welche sich früher den trübsinnige», dnslere» Stiiiiniiingcn an»»»eisten hingegeben hallen, sahen anf ein- u,al ans, als»vären ihre Gesichter»vie von einer Fest- Jllnininatio» erhellt. Schnell Inden»vir die Kanone» und sparten»vahrhaftig»ichr an» Knalleffekt. Wir sandte»» de» hinter uns immer mehr verschwindenden Eismassen eine» so donnernde» Abschiedsgruß zu, daß uns die Ohren summten. Dann schickte der Koch sich sofort an, uns ei» dem Anlasse eilt- sprechendes Frühstück zuzubereiten. Bier und Branntwein hatten »vir ja nicht, nicht einmal Kaffee, da der letzte Rest unseres Kaffee- vorralhes leider schon früher draufgegange»»var, und»vir uns am Morgen des letzten Johannistages die letzte Tasse des göttlichen Tranks zu Gemüihe geführt hatten. Es»vnrde also nicht, was man daheim„ein recht opulentes Dejeuner" nenne»»vnrde, aber»vohl nie hat an Bord der„Frain" eine mehr ans den» Herzen kommende Fröhlichkeit geherrscht als an diesem Frnhstückslische.— Literarisches. — Den» Schriilsteller Arne Garborg hat da? Storthing als Anerkennung für seine schriftstellerische Thätigkeit und für sein Wirken für die nonvegische Dialektsprache eine jährliche Sninine von 2400 Kronen bewilligt, die bis auf»veilercs zur Auszahlung kommt.— Ans der Vorzeit. — Nach einer Miltheilmig an den„Uckerm. Kur." in Prenzlau ist ein sehr bemcrkenswerther vorgeschichtlicher Bronze- fund, sog. Depotfund, ganz vor kurzen» in der Nähe von Viesenbrow bei Greiffenberg i. Uckerm. beim Pflügen zn tage gefördert ivorden. Außer einer bei der Aufsindung zerstörten lhönerne» Urne»vnrde» ein Bronzegesäß mit doppelten» Hängegriff („Hängcgefäß") und in diesem eine große Anzahl von Bronze- gegenständen: 1 gut erhaltenes flaches Gesäß mit vielfach geivundene». schlaugenarligen Ornamenten. 5 Armspange», 2 Gcwanduadel» kFibeln), 12 Schildbuckel, 8 Armringe n. s.»v. aufgefunden. Die Fundsachen gehören»vahrschciulich der Hallsladtperiode(1500—500 v. Chr.) an und stelle» in ihrer Gesammlheit ein äußerst i»erk« ivürdiges für die untere Odergegend charakteristisches, seltenes Vor- komme» dar, insbesondere ist das Hängcgefäß eine große Sellendeit; ist doch ein derartiges Bronzegeräih in der Uckermark bisher über- Haupt noch nicht gefunden ivorden; im Steltiner Provinzialmuseum ist es nur in einem Exemplar vorhanden. Der Fund ist vom Märkische» Museum in Berlin erworben ivorden.— Geographisches. — Die Staaten Oregon und Washington sowie Britisch Columbia»verde» von einer»vunderbar schönen Alpenkette, den sogenannten Ka ska d en- G e b i rg e n durchzogen, die, in ihren» Zuge dem Lauf der Küste folgend, eine ganze Anzahl stolzer. zuckerhutsörmiger Erhebungen besitzen, die niit ihren schueebedeckle» Kuppen rings auf hnnderle von Kilometern sichtbar sind. Es sind die Gipfel der Mounts Shasta, Jefferson, Hood, St. Helerls, Adams, Rainier, Baker u. a., die in ihrer Höhe sämmtlich zwischen der Höhe des St. Gotthard und des Moni Blanc wechseln. Mau hatle oiese Bergriesc», die»nzweiselhasl vulkauischen Ursprungs sind, lange Zeil hindurch zn den erloschenen Vulkaiie» gezählt, während der letzten Jahre aber hat sich ivicderholl gezeigt, daß ihre Thätigkeit doch noch nicht als abgeschlossen betrachtel werden kann. Des östere» hat man beobachtet, daß von» Gipfel des cliva 4000 Meter hohe» Mount Hood Rauchsäulen aussteigen; jetzl auch ist der 3000 Meter hohe Mount St. Helens iviedcr in Thätigkeit getreten. Während der letzten Tage entsteige» den beide», 800 Meter»uterhalb seines Gipfels gelegenen Krater» des Berges mächtige Ranchivollen. Mail nimmt a», daß sich«i» deftiger Ausbruch vorbereitet. Die letzten stärkere» Ausbrüche dieses BergeS ivurden in de» Jahren 1843 u»d 1854 beobachtet. Damals chlenderte der Blilka» grobe Massen von Älsche empor, die sich auf hunderte von Kilonielern im Nmtreis verbreitete.— Astronomisches. — Die Lyra, den. In der Zeit vom 19. bis 25. April palsirt die Erde einen Meteore» ström, der in den» Slernbilde der „Lyra" zn enlspriiige» scheint. Das Sternbild geht»lin S UHr abends am nordöstlichen Himmel auf n»d erhebt sich dann in sehr hohe Breite». Faßt man den hellsten Stern der Lyra, Bega genairnt, ins Auge, so merkt»in» bald, daß Sternschnuppen von ihm sich abzu- löse» scheinen,»velche ihren Lauf gegen die Erdbahn unter einen» Winkel von nahe 80 Grad nehme». Unter allen»ns be- kannte» Meteorenströnicn sind die Lyraiden die allerältesten. Die chinesischen Aniialt» ans dem Jahre 687 v. Chr. cnt- halte» Angabe» über ihr Erscheinen; diese Meteore habe» aber merkwürdigerweise in dieser ganzen laugen Zeit keinerlei Beräudermig hinsichtlich ihrer Bahnlage gezeigt, ivährcnd' doch die Bahnen der»»eisten Meteorenströine von Epoche zu Epoche eine Verschiebung ihres Knolens, d. i. des Punktes,»vo sie die Erdbahn schneiden, erfahren. Der ganze Lyraidenstrom bildet einen Ring, der»im die Sonne herum gelegen ist und sich liin diese von Westen gegen Osten dreht. Eine Uindrehnng dauert 415 Jahre. Aber nicht jede Stelle des Ltiiiges hat die gleiche Menge von Meteoren,»veshalb man denn auch nichl i» jedem Jahre die gleiche Häufigkeit von Sleriischiiuppensälleii beobachtet. Nach M. R. Wolf iviederhole» sich die Maxima der Meteorenerscheiniliig der Lyraiden nach je 42 Jahren. In Europa wurden sie zuerst von Arago 1835, dann von Benzenberg in den Jahre» 1838 und 1539 und von M. Newton 1863 beobachtet. Die Lyraiden wandeln in der Bah» des Komele» 1861 I, eine Thalsache, welche znerst Prof. Dr. Weiß. Direktor der Wiener Stermvarte, angekündigt hat, und die später von den Astronomen bestätigt worden war.— Meteorologisches. ie. Ein März-Nordlicht. Am IS. März wurde in Eng- land ein segencinnter magnetischer Sturm beobachtet, d. h. heftige Störungen der Magnetnadel, wie sie sonst nur bei der Erscheinung von Nordlichtern aufzutreten pflegen. Jetzt kommt die Meldung, daß in der schottische» Stadt Aberdeen thatsächlich ein schönes Nordlicht beobachtet iverdc» konnte. Gegen 8 Uhr abends an dem genannten Tage leuchtete ein glänzender Lichtstreife» aiu nordöft- Ilche» Horizont ans, der hinter einer Wolke in einer Höhe von 45 Grad über dem Horizonte hervortrat und sich etwa 38 Grad nach Südwesten ausdehnte. Dieser Lichtstreifeu »mg von manche» Beobachtern irrthnmlich für das Licht eines Scheinwerfers gehalten worden sein, er halte aber die für Nordlichter eigenthümliche grüne Farbe und zeichnete sich an den Räudern scharf gegen den Himmel ab. Nach fünf Minuten langem Verweilen verbreiterte und verkürzte sich der Streifen derart, daß er zu einem leuchtende» Fleck wurde, der bis zum Ende der Erscheinung am Himmel stehen blieb. Dagegen dehnten sich die Lichlerscheinnngen weiterhin über de» nördlichen Simmel nach Westen ans, wo ein zweiter leuchtender Fleck erschien. egen S Übt bot der Himmel«ine» großartige» Anblick: die beiden glänzenden Nordlichtsonnen im Osten und Weste» und gerade darüber die Spitze einer Parabel, von der fortwährend Lichtstrahlen nach Norden strömte». Schaute man nach Süden, so sah man zuweilen gelblichrothe Lichtblitze. Gegen 10 Uhr schien sich die ganze Pracht des Lenchtens ans die beiden Flecke» zu konzentriren, zivischen denen große Lichtblitze hin und her schössen, dann nah», der Glanz allmälig ab. Während des Höhepunktes der Erscheinnng war das Licht so siark, daß die grauen Granitmassen der Hänser von den Lichtblitze» erhellt wurden.— Technisches. u. Dauerhafter Anstrich von Holz werk ini Freien. Zum Anstreichen von Latten, Glashansläde». Warmbeet- kästen, Slakelenzänneu. Brettereinfriedigungen und ähnlichem dauernd im Freie» befindlichen und daher allen Unbilde» der Wilterung aus- gesetzten Holzwerk wird nach praktisch bewährten Proben folgen- ver, leicht herzustellender Anstrich empfohlen: Man nimmt frische», gut verschlossen aufbewahrten Zement von bester Qualität und reibt ihn mit Milch auf einem Reibstein wie Oelfarbe so, daß die Mischung die Dicke der gewöhn- lichen Oelfarbe erhält. Das Holz, welches angestrichen werden soll, darf vorher nicht glatt gehobelt werde», sondern muß eine möglichst rauhe Oberfläche erhalten, weil der Anstrich in eine solche viel besser eindringt. Dieser Anstrich muß zwei- bis dreinial ausgetragen werden, sichert aber tan» das Holz nicht nur vollständig gegen de» schäd- lichen Einfluß der Witterung, sondern schützt es auch vor dem Ve>- brennen. Man muß ganz besonders darauf achten, daß das Holz- werk, bevor es mit dem beschriebene» Anstrich versehen wird, gehörig ausgetrocknet ist.— k. Eine elektrische Schmalspurbahn. Der Per- sonenverkehr innerhalb der Großstädte wird schon jetzt zu einem sehr großen Theile von elektrische» Bahnen vermittelt, und in abseh- barer Zeil ivird der elektrische Betrieb den Pferdebahn- und Dampf- betrieb völlig verdrängt haben. Nicht so rasch gewinnt er Eingang beim Eisenbahnverkehr, speziell zni» Transport von Gülern. Jnuner- hin sind auch hier manche Erfolge z» verzeichnen. Außerdem dringt der elektrische Betrieb siegreich bei der Berwendung von Fabriks-, Feld- und Grubenbahnen vor. Nebe» seinen sonstige» Vorzügen, fortwährende Betrtebsbereilschast, leichte Bediennng, leichte Ueberwindnng von Steigernnge» u. a. tritt hier die Verringerung der Betriebskosten namenllich dann deutlich hervor, wen» Tynamomaschinen, die zur Beleuchtung dienen, tagsüber zu Transportmittel» ausgenutzt werden können. Die holländische Zuckerfabrik Groenendijk läßt seil etwa einem halben Jahre auf einer kleinen schmalspurige» Bahn von 60 Zentimeter Spurweite mittels einer elektrischen Lokomotive die Rübe» aus den Schiffen von dem etwa ttyz Kilometer entfernten Hasen nach der Fabrik bringen. Die Loko- Motive, ivclche bei einem Gewicht von 3300 Kilogramm 16 Pferdestärke» besitzt, schleppt 12 mit Rübe» beladene Wagen, so- genannte Slahlmuldenkipper, in 10—12 Minuten vom Hasen zur Fabrik, ivo die Rüben in die Nübeuschwemine» gekippl werde». Uulerdesse» rangirt die Lokomotive an das andere Ende des Zuges und fährt init den leeren Wagen in 8 bis 10 Minuten zurück, wo sie eine» unterdesse» gefüllten neuen Wagcnzug vorfinde. Auf diese Weise werden täglich in sieben Arbeits- stunde» 175 000 Kilogramm Rüben aus den Schiffen»ach der Fabrik gebracht. Eine Dampflokoinotive würde, wenn sie längere Zeil betriebsbereit sei» soll, also große Räume für Feuerungsmaterial besitzen iiinß. an Gewicht entsprechend zunehmen und demgemäß «inen viel stärkere» Oberbau der Bahn verlangen. Schon aus diesem Grunde iväre ein so forcirler Betrieb mit einer Dampf- lokomolive a»f dein leichten Geleis-— 65 Millimeter hohe, 7 Kilo- grannn pro Meter schwere Vignolschienen— nicht möglich, während der elektrische sich als durchaus rationell erweist.— Huuioripisches. — Zuvorgekommen. Ehemann(beim zweiten Hahnen- schrei von der Zlneipe heimkehrend, zu der eine höchst bedrohlicke Haltung einnchnienden Gattin):„Ja, ivie gesagt, Eulalia, ich ivciß schon, ich bin ei» rechtes Unthier, ich habe Dein ganzes Lebe» ver- biltert;'s ivar ein wirkliches Malheur, daß Du je niit mir bekainit wurdest; hättest Du richtig gehandelt, so wärst Du schon seit langem in's Wasser gegangen und hättest Dich ertränkt, aber nur um der armen Würmer willen hältst Du aus, und wenn's nicht anders ivird, so schreibst Du Deiner lieben Mutter...! So, Gott sei Dank, nun habe ich Dir ja wohl alles von der Leber herunter geredet. Ich kann also gleich einschlafe»!''— — Die sieben thörichten Bycycle-Jungfrauen. Sonntags-Schullehrer:„... und was geschah mit den sieben thörichten Jungfrauen, die lein Oel auf ihre Lampe gegossen?" — Fritz Schulze:„Die sind vom Polizisten aufgeschrieben worden!"—(„Jugend".) — Mark T w ai n- An ek d o t e. In einer Gesellschaft machte Mark Twain gegen feine sonstige Geivohnheit einige Be- merkungen, über deren Humor die Anwesenden bis zu Tbränen lachen mußte». Da erhob sich ei» gewisser Mr. Evarls, ein Rechts- anmalt, der in dem Rufe steht, die Kunst des„Rupfens" in bczng ans seine Klienten in ganz hervorragender Weise zu verstehen. Beide Hände tief i» die Taschen seiner Hosen vergrabend, meinte der Jurist lachend:„Fällt es den geehrten Herrschaften nicht als eine große Sellenheil ans, daß ein Humorist mit der Feder auch in Ge- sellfchasl Witze reiße» kann?" Mark Twain wartete geduldig, bis das allgemeine Lachen, das diesen Worten folgte, einigermaßen ver- hallt>var, dann kam es langsanr und pathetisch von seinen Lippen: „lind dürfte es de» geschätzlen Anwesenden nicht als euvas besonders Kurioses auffallen, daß ein Rechtsanwalt auch nial seine Hände in seinen eigenen Taschen hält, anstatt in denen anderer Leute?" Vermischtes vom Tage. — E!» Nachtwächter in N o t h e n b n r g a. d. Oder trank üch in einer Nacht eine» gehörigen Rausch au, belästigte Radfahrer, fing i» einem Lokal Skandal an, beleidigte den Wachtnieister u. s. w. Mit vieler Mühe wurde er in Gewahrsam gebracht. Da erinnerte sich der fidele Mann plötzlich seiner Pflicht und pfiff ans den« Fenster seiner Zelle pünktlich die Stunden ad.— — Nach in Geestemünde eingetroffenen Nachrichten ist die gesaninite Besatzung des Fischdampfers„Präsident Herwig" gerettet.— — Die Einfuhr von norwegischem Eis dauert in H a m« bürg ohne Unterbrechung fort.— — Ans dem Standesamt in Habelsch werbt(Schlesien) wurde ein Brautpaar aufgeboten, von den» der ein« Theil 79, der andere 73 Jahre all ist.— — In Obergloga n ist dieSchloßbrauerei nieder» gebrannt.— — In G autsch bei Leipzig warf ei» lljähriger Schnljnng« ein zweijähriges Kind in den Mühlgraben nnd ging seines Weges. Das Kind ertrank. Als Motiv gab der Junge an, der Kleine hätte ihn geschimpft.— y. Durch das Umfallen und Explodiren einer Petroleumlainp« brach in Naundorf bei Leipzig ein Feuer aus, bei dem eine 69jährige Sprachlehreritt verbrannte.— y. Ein Maurer in Bar m e» hat bei einem Streit seine Frau erschlage».— — In der Gegend von L e i t m e r i tz(Böhmen) fanden in den letzten Tagen vielfache Erdrutsch nnge» statt; Wiese», Hopfen- gärten, Ackergrüude und Straße» wurden zerstört.— — In Finnland ist einer Frau gestattet worden, als Lehrling in eine Apotheke einzutreten.— — In der Stadt Nowogrod(Rußland) sind durch eine Feuersbrnnst 150 H ä n s e r eingeäschert worden. Fünf Personen sind verbrannt.— — Auf der soeben eröffneten Genter internationalen B l u m e n a u s st e l l u n g sind P a l m e» v o» d en Se s ch e l len- Inseln ausgestellt, von denen ein Exemplar 6000—10 000 Franks kostet.- — I» Paris starb der 7Sjähr!ge berühmte Maler G u st a v e M o r e a n.— — Unter den Vorschlägen für die Pariser Weltansstellnng von 1900, über die dem zuständigen Ansscniiß Bericht erstatlei ivnrde. befindet sich u. a. der Plan eines Kaffeehauses aus dem Meeres» gründe und einer an einem gefesselte» Lnslballon 1000 Meter über Paris schwebenden Stadt.— — Michelau gelo's„Medizinbnch" wurde in den Archiven des Vatikans anfgesunde». Michelangelo war in den letzten Jahren seines Lebens augenkrank und schrieb alle Heilnültel, die man ihm empfahl, zur gelegentlichen Benutzung znsamme».— — In L o» d o n hat sich eine Gesellschasl gebildet, die vier» tausend Droschken zum Preise von 6 ck(50 Psennig) für kurze Strecken fahren lassen will. Bis jetzt zahlt man in London für die kürzeste Strecke I üb.(1 Mark). In London herrscht das System, daß die Droschkenkutscher sich eine Droschke für so und so viel den Tag miethen. Ihre Einnahme ist deshalb höchst ungeiviß. Die neue Gesellschaft will ihre Kulscher zu bestimmtem Wochenlohn verpflichten.—___ Die nächste Nummer des Unlerhaltnngsblalles erscheint Sonntag, de» 24. April. Beraiiiwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.