Nr. 80. Sonntag, den 24. April. 1898. (Nachdruck verboten.) Der Schiffsjnnge. KZ Eine Seegeschichle von Peter Egge. Einzig autorisirte Ueberjetzung von E. Brausewetter. Venn hörte alles; aber es machte keinen Eindruck auf ihm. Oivind näherte sich ihm und schrie ihm in die Ohren: „Nun treiben wir gewiß nach Holland hin, Venn!" „So/ erwiderte der andere, ohne zu erschrecken. „Wir haben keine Ahnung, wo wir sind, bis eS wieder Tag wird." Warum weinte er nicht? Er sollte vielleicht sterben, ehe noch der Morgen kam. Mutter wurde für viele Jahre nn- glücklich werden, vielleicht für ihr ganzes Leben. Sie würde vielleicht einen Schlaganfall bekommen, wenn sie in den .Zeitungen las, er wäre mit„Merry Schnor" untergegangen. Er mußte schrecklich hartherzig sein, daß er so ruhig sein tonnte. Das war so unbegreiflich häßlich von ihm.. Schließlich versank er in einen Halbtranm imd fühlte instinktiv, daß er sich nicht ohne Hilfe erheben könnte. Er mußte bestimmt in die Roof hineingetragen werden, oder vielleicht konnte er hineinkriechen, aber sich auszuziehen— das vermochte er nicht!... Er blieb eine Weile sitzen, bis er aufgehört hatte zu denken. Das Heulen des Sturmes und das Brüllen des Meeres vernahm er, ohne daß es ihm zum Bewußtsein kam. Die Wellen, die hineinbrachen, gingen über ihn hinweg, wie er dort unter der Äuvwart-Recling saß. Plötzlich vernimmt er einen Laut, als wenn Holz beim Spalten zersplittert. Die Schute legt sich furchtbar ans die Seite; die See schlägt hinein; er gleitet nach Lee hinab, er fühlt, wie ihn das Wasser trägt. Eine Angst, die er nicht sogleich begreift, durchzieht ihn. Einen Augenblick sieht er das Hundehans ivie eine kleine Hütte auf Deck hcrnnischwimmen, Rufen und Geschrei und Krachen dringt zu ihm hin; aber durch all' den Lärm vernimmt er das herzliche Lachen einer Dame... „Was für ei» abscheuliches Frauenzimmer," denkt er und fühlt fast in demselben Augenblick einen stechenden Schmerz im Hinterkopf— und dann nichts mehr.., „Tragt ihn in die Roof!' Es war der Steuermann. V. Einen Tag später. Sonntag morgen. Zwischen acht und neun Uhr. Ben» lag in der Koje, und niemand sonst war im Roof. Die Thüre und alle vier Fenster standen offen. Die Sonne schien durch sie hinein nnd bildete goldeile Vierecke ans dem Boden lind an den Wänden. Das milde Wetter war soeben in die Koje hineingckomnien, und er kam sich fast glücklich vor: bald waren sie im Passat, und da gab es nur gute Tage, sagte Oivind; denn da blies ständig ein gleichmäßiger Ostwind, und dann kamen sie bald nach Neiv-Iork. Und dann ging's auf den Heimweg von New-Uort! In drei Monaten war er in Europa— daheim. Er fühlte, ivie er jetzt da lag. keine Schmerzen. Als er aber gleich darauf die Wunde am Hinterkopf berührte, that es etivas weh. Er erhob sich, sodaß er in der Koje aufrecht saß nnd blickte zur Thüre hinaus. Das Stück, das er vom Deck übersehen konnte, die Spiren und Recling lagen in starker Sonne da, und es lockte ihn, erzählte, ivie hell»ind hübsch heut' alles draußen war. Das Meer mußte ganz ruhig sein; denn die Schute wiegte sich nur ganz sanft nnd leise. Er blickte durch das Oberlichtfenster hinauf und sah alle Segel am Großmast iveit sich vollblähen ivie in Freude über die schöne Brise und das hübsche Wetter. Oivind kam in die Roof hinciugcschlendert. „Na, nun sind wir aus der bösen Nordsee hiuauS." „So!" „Wie geht's Dir denn heut?" Thut der Kops noch weh?" „Ach nein, es ist nun fast vorbei� glaube ich-!* „Zieh Dich an und komm hinauf ans Deck. Wir sind nun an der Dogger Bank vorbei. Junge. Eine große Menge Fischerboote streichen vorbei, mindestens drei- bis vierhundert und es kommen wohl noch mehr." Benil kroch aus seiner Koje. Der Kopf war ihm noch ei» bischen schwer, nnd ihm war ganz schwindlich. „Heut' Nachmittag ivill ich wieder arbeiten," sagte er. Das sollte eine Art Entschuldigung sein, daß er nun auf Frei- wacht hinausging, ohne mit den anderen heute Nacht gearbeitet zu haben. Die beiden kamen bald auf Deck. Vorn auf der Back saßen und lagen die Kamerade» nnd sonnten sich, satt vom Sonntagsessen nnd froh über das gute Wetter. Sie rauchten ihre schwarzen Thonpfeifen und unterhielten sich über das Leben rings uni die Schute. Danipfschifsc, kleine und große, eilten dahin, durchfurchten die Wasserstäche leicht und scharf in hohen, lichten Wogen." Der Rauch war ein schwarzer, wagerechtcr Strich vom Schornstein ans. Die Scgclschnten hatten alle Lappen ausgesetzt. Sie wollten sich an der Seite der Dampfschiffe halten, blieben aber doch nach und nach zurück. Ein zahlloses Gewimmel von Fischerbooten mit großen lohfarbenen Segeln nnd Löotsenknitcr mit großen iveißen Segeln, die fast den kleinen Rumpf verdeckten, sanften eilig davon, so daß der Schaum um den Bug spritzte. Und inmitten des bunten Durcheinander der Schiffe nnd Boote das volle, blaue Meer mit blanken Sonnenglitzern: es lächelte ruhig nnd überlegen zu dem Spiel. Landwärts lag England, niedrig, aber klar im Sonnen- schein. Ein mächtiger Lenchtthnrm ragte am Strande empor. Er blickte mit seinen große», starren Glasaugen kalt auf das Leben hinab. Weiter hinein sah man Felder, die noch ihre frische, grüne Farbe hatten. Kleine Häuschen drängten sich hie und da zusammen, nnd ein paar riesige Mühlciiflügel streckten sich an einer Stelle ivie große Finger, die zum Schwur erhoben sind, empor. Der Junge blickte umher. Etivas so Schönes hatte er niemals gesehen. „Ja, im Kanal da ist noch ein Leben, Junge," sagte Oivind, der sah, wie ergriffen Ben» ivar. „Da haben wir ja auch den Kranken!" rief Jokum von der Back her. „Das arme Hühnchen!" sagte ein anderer. Der Stellermanu kam nach vorn zu Ben». „Na, bist Du»nn wieder ein Seemann geworden?" Die Mannschaft schaarte sich um sie. Alle mußte« die Wunde besehen und alle mußten wisse», ob sie schmerzte. „Noch nie so'» Kerl gesehen!" rief Jokum.„Halte daS nun'» Sinn, der Huudsbude nachznschwininieu?" „Henk' Nachmittag müssen wir den Kerl am Steuer pro- biren. Das Wetter ist so fein!" sagte der Stenenuann. „Dil bist dilliim, Jnuge!" schrie Jokum wieder.„Sobald wieder in Dienst zit treten! Hätt' ich mich so zerschlagen, hält' ich, hol' mich der Teufel, in der Koje gelegen, bis wir vor Long-Jsland verankert lägen. Das hättet Ihr wohl sehe» sollen, Stenerman»!" Der Stenerman» lachte mit den andern und ging nach rückwärts. Jokum begann sich in aller Freundschaft mit Tom zu prügeln. Sic rollten sich ans dem Deck herum, wie zwei Hunde, die im sonnenivarmen Sande spielen. Beim sah die Frau des Kapitäns auf Halbdeck spazieren gehen. Ob sie dort blieb, ivenn er am Steuer stand? Ihm begann bereits vor dem Nachmittag zu grauen. Oivind und Benn gingen auf die Back hiiiauf und setzten sich. Oivind bot ihm flott aus einer alten Geldbörse Tabak an. Er pflegte Rauchtabak zu kauen. Benn stopfte seiiie Pfeife nnd rauchte. Die beiden Freunde blieben eine Weile still sitzen. Dann sagte Oivind: „Weißt Du, was das hier für ein Ende ist?" und er zog an einem Tau, das er gerade noch erreichen konnte. „Nein!" „Das ist der Klyverherabholer. Merk' Dir das!" Und dann sagte er ihm die Namen der Taue und Geräth- schaften, die in der Nähe lagen. Benn mußte sie wiederholen. Oft konnte er sich nicht aus den richtigen Namen besinnen; denn er vermochte nicht recht zu folgen. Seine Gedanken weilten anderwärts. Endlich unterbrach er Oivind's Unter- Weisung und sagte: „Mir grant so vor meinem Stcnerdienste heut' Nach- mittag." „Hab' keine Angst, Junge! Wenn Du erst Angst hast, acht es noch schlechter. Wenn Du die Nadel stehen bleiben siehst oder kurz bevor sie stehen bleibt, drehst Du das Rad in derselben Richtung, in der sie gehl. Du mußt der Schute ent- gegenkommen, siehst Du." Er spuckte.„Wird der Steuermann wüthend und gebraucht das Maul, so gebrauchst Du auch Dein Maul. Läßt Du Dir alles gefallen, was Tu kriegst, so schimpft er auch zur Unzeit, stehst Du..." Venn sah achterwärts nach der Frau. Sie war noch nicht da. Er konnte Oivind ja nicht erzählen, daß er sich vor ihr fürchtete. Er fühlte, daß der Kamerad ihn auslachen würde. (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplAudevet. Wegen übergroßer Bescheidenheit und ängstlicher Enthaltung sind unsere Herren vom Osten noch nicht vorbestraft worden. Das weiß jedermann. Wenn man ihnen diese Eigenheile» als Tugenden im Spiegel vorhalten wollte, sie würden selber am lebhaftesten ent- rüstet thun. Sie betrachten sich selber wohlgefällig in dem Bild, das unsere Dichtung und unsere Kunst von ihnen zu entwerfen liebt. Es thul ihnen nichts, wenn sie in der Poesie auch ei» Bischen ruppig und gewallthätig erscheinen, wie der unwiderstehliche Junker Röcknitz des Ostpreußen Sudermann im Drama„Glück im Winkel". Ein wenig Tenfelei läßt man sich schon gern nachrühmen, nur der Schneid soll durchaus nicht fehlen. Etwas anderes ist es im werklhätigen Leben. Da läßt man daZ stolze Paradiren so manchmal bei Seite und hält es für klug angebracht, sich als kümmerlich und bedrängt zu geben. Es ist die alle Geschichte von den geflickten Strohdächern auf ostelbischen Herrschaflsgütern. Ach die Zlermsten! Sind sie es denn, die begehrlich austreten? Sie wären froh genug, wenn sie in alt- patriarchalischer Weise mit ihrem Gesinde Acker und Hof bestellen könnten, um nach gethaner Arbeit in friedlicher Geineinschaft Milch wid Brot zu verzehren, wie es Stall und Bode» hergiebt. Sie fügte» sich so gerne; aber das Gesinde wid die landwirthschaftlichen Arbeiter sind es. die vom modernen Geist der Unzufriedenheit erfaßt sind. Soll man sich da nicht ereifern, so wie sich' der livrirte Kutscher in den„Webern" über die Rebellen ereifert, die mehr„Lnhii haben wolle», die tnmme» Ludersch"? Wie ein gieriger Wolf frißt dieser Geist»m sich und treibt die Leute zur Flucht von dem angestammten Land- lord, von der vorbestimmlen Arbeit und von der heimathlichen Scholle. Wie bescheiden, wenn die Herrschaften trotz dieser Gefahren die Freizügigkeit nicht mit einem Axthieb fällen wollen, sonder» hübsch stückweise, wie der bekannte Thiersreund es mit dem Schwanz seines Hündchens hielt. Könnte eine Phantasie, die wirk- lich begehrlich ist, nicht aus ganz andere Mittel verfallen als auf den Tort, den man der Freizügigkeit anlhut? Könnte man das Gesinde nicht abstempeln, wie mau Hammel in der Heerde stempelt, daniit die Entlaufenen mit sanfter Gewalt wieder znr Pflicht heimgebracht werden! Wer wird aber in den Zeiten der Humanitätsduselei mit solchen Vorschläge» kommen. Man wäre ja so zufrieden, wenn nur die Freizügigkeil in der Weise durchbrochen würde, daß die Leute nicht der Heimalh entlaufen könnten, wie kalfaklernde Hunde. Die patriarchalische Vorsehung gedeiht doch am Ende zum besten der Arbeiter selber. Es zieht ein Mädchen in die Fremde. Im Bann ihres heimische» Gutsbezirkes war ihr jeder Strauch, jeder Halm vertraut. In ihrer Beschränkung lag Harmonie. Nun stürmt eine Anzahl»euer Eindrücke auf sie ein, wie soll das gute Ding sie bewältigen, so fragt sich der patri- archalische Besitzer in seiner gulmüthigen Besorgniß. Daheim hat sie wohl bisweilen eine oder die andere Züchtigung erfahren; sie hat sie aber in Geduld ertragen, wie man eben eine Schickung er- trägt. In der neuen Well indessen wird sie verwirrt. Bedürfnisse, die sich sonst nie gemeldet hätten, tauchen auf, mit ihnen kommt der gelbe Neid und der seelische Kummer. Oder man nehme zum Beispiel die rein physische Erscheinung. Wie demüthig wird ein Knecht um sich sehen, der bis zur Er- schöpfung abgerackert ist und nun froh wird, seine Liegerstatt zu erreichen. Sein Gang wird von schwerfälliger Gemessenheit, aber es drückt sich in ihni der erlistergebene und ge- horsame Sinn ans, der des dienenden Mannes schönster Schmuck ist. Wie anders oft sehen die lustigen Bürschchen in der Stadt aus! Da begegnet man Leuten, die mitunter den Kopf trotzig auswerfen und mit windig elastischen Schritten durch die Straßen rennen. Diese Menschen sind in, stände, alle Bande geheiligter Ordnung zu lockern und an Sonntagen ihr Glas Bier nngescheul an Tischen zu trinken, wo eventuell Bevorrechtete Platz genommen haben. Völlig verkehrt ist das idyllisch ländliche Bild. Wie wohl- thuend, wie fromm und naiv ist es dagegei?. wenn der Knecht auf de», Lande i» die Herrenstube des Gasthauses tritt, um etwa »jfie Meldung oder eine Bitte vorzubringen. Er lüftet fein Mutze oder Hut, spielt verlegen mit den Fingern an der Kopfbedeckung und bleibt gebückt und in gehöriger Entfernung vor dem Honoratiorentisch stehen. Da merkt man noch nichts von der ver- maledeiten Gleichmacherei; wie in guten alten Zeiten wird in allen Aeußerlichkeilen schon jeder Unterschied offenbar. Diese leidige Völkerverfchiebnng zwischen Stadt und Land, welche schweren Kümmernisse hat sie nicht schon den Agrariern aller Richtungen bereitet! Und wie ändern sich oft die Melodien, die gepfiffen werden! I» welchen düsteren Farben pflegte man sonst daS Elend der Großstadt auszumalen und nicht blos in den Jugendschriften der Nieritz und der Hoffmann. Da kam der Bursch vom Lande: ihn erdrückte das wüste, das grausige Häusermeer. Ein ewigeS Tosen und Hasten, ewige Unrast und Unfriede. Verlassen, todeseinsam irrt das Landkind im grauen Einerlei der Straßen. Wer achtet seiner, wer kümmert sich um sein individuelles Leid. Auf seine ängstlichen Fragen erhält er keinen Bescheid. Nie- mand steht ihm Rede und Antwort. Hart wieiihre Steine, sind die Seelen der Großstädter. Am Abend, wenn die Schatten nieder- sinken, kauert der unglückliche Bursch verzweifelt unter einem Brücken- bogen, und ohnmächtige Thränen rieseln über feine Backen. Heute lautet die Geschichte ganz anders. Heute sprechen die Herrschaften, als gäbe es nur ein eitles Jubel- und Lotterleben in der Großstadt. Und was man vorbringt, erinnert nicht selten an die Anekdote vom Unteroffizier, der seiner Mannschaft im verweisenden Ton zu- rief: Das herrliche Kommißbrot, das möchte Euch wohl schmecken, Ihr Leckermäuler, aber das Exerzircn nicht. Konnte man früher die Nöthe der Großstadt nicht herbe genug darstelle«, das trostlose Leid dessen, der tausendmal einsam ist in- mitten des lärmenden Gewühls: so heißt es jetzt, die Wohlsahrts- einrichtungeu in de» Großstädten seien übertrieben. So sprach wenigstens ein Minister im preußischen Abgeordnetenhause, um den empörten Landjnnkern ein wenig eiitgegenznkommen. Geht denn in Euch, Ihr übermülhigen Großstädter! Ihr überhäuft ja Eure Armen mit Segnungen. Muß dies Beispiel nicht die Arbeiter vom Lande weglocke»? Uebertriebene Wohlsahrtseinrichtungen! Niemandem wird dies Wort wohlgefälliger ins Ohr eingehen, als deni Philisterium der Großstadt selber. Wenn ohnedies übergenug geschehen, wozu sich dann zu weiteren Pflichten oerbinden? Dies selbe Philisterium hat sich ohnedies jede geringe Abschlagszahlung zur Steuer sozialer Roth mühsam abringen lassen. Ja, ja, der Großstadt geht es verteufelt gut; und wenn einer oder der andere dennoch aus der Straße zusammenbricht, nachdem er wie ein Windhund um Arbeil gejagt hatte, so ist eben der Starr- sin» des betreffenden daran Schuld. Wir haben ja so übertriebene Wohlfahrtsaiiftalleu. Es bleibt nur merkwürdig, wie trotz alledem bei uns die Leute in stickigen Kellerräumen zusammen hocken möge», wie unsere Pennbrüder nicht verschwinden, unsere Gesängnisse über- füllt sind und die Prostitution über alle Gassen huscht. Der Kriegslärm, der jetzt jenseits vom Meer zu uns herüber- tönt, wird das nicht übertäube», was in der Jnnkerkammer an ge- Heimen Wünschen und offenen Hoffnungen für die Zukunft kund wurde. Hier droht ein innerer, hartnäckiger Kampf, bort vollzieht sich eine längst vorbereitete Katastrophe. Wieder hat das europäische Konzert, die vorsorgliche Tante, zu beschwichtige» versucht; und wiederum war der Liebe Müh' um- sonst. Ob man de» Krieg satanisch nennt ob nicht: in unserer Staateugesellfchaft tritt er selbst dort in fein Recht, wo sich ein historischer Auflösungsprozeß so kraß vollzieht, wie es mit de» Resten der einstigen spanischen Weltmacht geschieht. Selbst dieser Prozeß konnte nicht zu Eude gehen, ohne daß«ine kriegerische Er- schütteruug vorausgegangen iväre. Vielleicht haben die ersten Feindseligkeiten anf dem„Völker- verbindenden Meere" um die kostbare Antilleu-Jnsel bereits begönne»; und niemand weiß noch, welche wirlhschaftliche» Schwierigkeiten und Verwickelungen sie nach sich ziehen werden. Ans der einen Seile stehen die kämpfenden, auf der anderen die lauernde» Parteien. Unter dem Ruf:„Ein neuer Kulturkampf" wird das Sternenbanner entrollt, für Ehre und(Eroberer-) Recht ziehen die Spanier aus. Auf der anderen Seite horchen ängstlich die großen Handels- interessenten. was aus dem Kriegstrubel iverde; oder sie folgen gespannt, ob für sie aus den Wirren und Wunden Fremder nicht ein neues Profilchen zu schöpfen sei. Das ist ein Bild unserer Humanität, moderner Humanität. Schon verkündigen unsere Groß. rheder zu Hamburg durch die gefügige Preffe leise Erwartungen, die in ihren reichen Seelen gehegt werden. Ein wichtiges Stück Konkurrenz ist lahm gelegt, vielleicht läßt sich da irgend ein Vortheil ergattern. Sie trommeln bereits, wie die Ausrufer, und die Presse ist ihr Instrument: Nur Muth, meine Herrschaften, für uns wird die Sache nicht schief gehe». Nur Much und Vertrauen. Wir Hamburger Rheder mache» alles. Trotz Kriegsfurie und ähnlichein Spektakel.' Wir wollen unser Möglichstes thun. um unsere Kunden und Auftraggeber zu befriedigen; die höchste Sicherheit bei den Hain- burger Rheder». Und so weiter. Man kann ja sonst im Konventikel und im Klub über Kriegs- gräuel, Kaperrecht und ähnliche Erscheinungen zetern so viel man will: wenn man nur zum Schluß sich kreuzvergnügt die Hände reibt, des Sprichworts eingedenk:„Was des Eine» Eule, ist des Andere» Nachtigall."_ Alpha. Mleines Xcnidcfon. — d. A» der Haltestelle. Auf dem Asphalt rolle» Troschke», Lastfuhrwerke und Omnibusse vorüber. Einzelne streifen mit ihren Rädern die Bordschwelle. Der Knäuel Menschen, der sich um die Tafel der Straßenbahn gesammelt hat. drängt dann in die dichten Reihen zurück, die gleichmäßig, wie bei einer Maschine der Treibriemen, vorüberschieben. Fast alle sehen stumm dem von der Brücke nach dem Platz herabkonimenden Wage» ent- gegen. Eine grüne Laterne schwank! von dort herab. Ihr Schein taucht schwach und dürftig in die helle Belenchlung des Platzes, die aus den hohen Spiegelscheiben der elegante» Waarenhänser strahlt, hier und da reich und vornehm, manchmal auch ansdringlich. Sie verdrängt und überscheint das letzte Tageslicht, von der Dämmerung ist nur ein leichter Dunst und der erblassende. hellblaue Himmel zu erkennen, der nach und nach einen grauen, von unten durchlenchtetcn Schimmer annimmt. Der Wagen mit der grüne» Laterne kommt Schritt für Schritt näher. Mehrere Damen huschen durch das Wagengcdränge auf ihn z». Sie hittterlassen einen feinen Vlumengernch. Das junge Mädchen, das einen schwere» Ballen in schwarzem Kattun gegen die Tafel stützt, sieht beim Einsteigen ihre mit Spitzen besetzten, seidenen Unterkleider. Sie zieht unwillkürlich den durchstoßenen Daumen ihres Handschuhes ein, als sie neben sich hört:„Ja, wunderhübsche Handschuhe, echte Seide."—„Und nur zwei Mark?" —„Ja, und die neuesten Farben. Ich habe gleich ein halbes Dutzend gekauft. Und denn ein paar Hulsagons für die Kleinen." —„Und das tragen Sie? Warum lassen Sie sich das nicht schicken?"—„Das ist auch wahr... nächstens. Es ist wirk- lich unbequem. Da kommt meine Bahn. Adien, Frau Direktor! Adieu!"-„Adieu!" Auch das junge Mädchen nimmt seinen Ballen hoch. Dabei verschiebt sich der alte Hut mit dem neuen rolhen Band. Ein junger Mann faßt niit zu. Sie sehe» einander einen Augenblick an, ohne ein Wort zu sprechen. Sie ist ganz blaß geworden. Er lüftet den Hut, während sie in den Wagen klettert. Eine helle Rothe haucht über ihr Gesicht— vielleicht sieht er ihren alten billigen Rock— und die reich besetzten Röcke der Damen!" „Adieu!— Adieu!— Grüße» Sie!" Ei» Kutscher flucht. Der junge Mann steht noch an der Tafel, er war heule zum zweiten Male dort. Ein neuer Knäuel sammelt sich an der Bord- schwelle, an der die Droschken, Lastfuhrwerke und Onuiibusse vorbei» streifen.—— — Ungezogene Kinder. Wer klagt bei unS, in der zivilisirten Welt nicht über die Ungezogenheit der Kinder? An der Thatsache, d. h. daran, daß die Kinder sich der häuslichen und sonstigen Ordnung nicht fügen, läßt sich nicht zweifeln. Aber dieses Rebellire» ist nicht die Schuld der Kinder, sondern die der häuslichen nnd sonstigen Ordnung, gegen die, weil sie unnatürlich ist. die Natur der Kinder rebellirt. Da, wo solch unnatürliche Ordnung, die sich„zivilisirt" nennt. nicht vorhanden ist, da hören wir auch nichts von Ungezogenheit der Kinder. In einem höchst interessante» Aufsatz von Dr. Karl Weule, in der„Bossischen Zeitung" vom 20. d. M., lesen wir über„Babys(kleine Kinder) in Afrika" wörtlich: „Alle Beobachter afrikanischen KinderlebenS stimmen darin ü b e r e i n, daß es unartig« Negerkinder überhaupt nicht giebt." Hört Ihr Mütter und Pädagogen der zivilisirten Welt-- hört und lernt!— Theater. Goethe-Theater. Für die jüngste Novität des Goethe- Thealers, das Schauspiel„Onkel B ö n k o sl", ivurde die Reklame- trominel überaus eifrig gerührt. Die Enttäuschung am Freitag war darum nicht gering. Das Stück, in dem Engels eine Charakter- fiudie nach Art des Kollege» Crainpto» schaffe» sollte, rührt von einem Juristen her, der sich unter dem Pseudonym Georg Sa- b i n u s verbirgt. Es gehört zur Uebersülle von Dilettantenarbciten, die unsere Direktoren in ihren Röthen uns auftischen. In unfrucyt- baren Theaterjahren wird die wilde Maffenhafligkeit des Berliner Theaterwesens geradezu zur Karrikatur auf jegliche Art von Kunst- pflege. Zur Zeit sind für die Salonschlangen auf unserem Theater rolhe Haare modisch. Wenn ein iveiblicher Rothfnchs aus der Bühne erscheint, so kann der Hörer gleich annehmen: das ist ei» Dirnchen oder ein sogenannter Dämon. Im„Onkel Bönkosi" ist die Rothe der iveibliche Dämon. Sie saugt den Männern das Mark aus den Knochen und das Blut aus dem Herzen. So verrichtet sie ihre Vampyrarbeit an dem liederlichen Sohn eines ostprcnßischen Gutsbesitzers und ist zugleich nach dem jüngeren Sohn deS Haufes lüstern. Wer weiß, was das Weib nicht»och angerichtet hätte. wäre der Onkel Bönkost nicht da, der dem Frauenzimmer gehörig dient(einmal sogar mit dem Prügel.) Dieser Bönkost ist der gute deutsche Polteroukel, der sich zwar»n die Hand schneuzt, iveil er uumanirlich ist; im übrigen aber hat er ein Herz von lauterem Gold, nnd wie«in richtiger Hansköter merkt der keifende Alle, od ein Feind, ob ein Freund sich naht. So wird der Brummbär der richtige Haussegen. Die alte Erfahrung, daß Schauspieler die Fähigkeit zu urtheilen verlieren, sowie ihre Rollen in Frage kommen, hat sich wieder eni- ' mal bewahrheitet. Weil Engels eine..Bombenrolle" gefunden zu haben glaubte, merk!« er den kläglichen D'.leltanlismiis des Verfassers nicht. Er gab sich mit dein Onkel Bönkost, tneser klichirten Tdeaterfizur, die redlichste Mühe: Aber selbst ein so echter Charaklerkomiker, wie Engels, versagt, wen» ein Dichter ihn nicht erregt, oder wenn nicht wenigstens ein Schriftsteller von Geschmack ihm einen Weg vorzeichnet. Der„Kollege Crainpton" ivar von Hauptmann mit Liebe gesehen nnd Crainpton wurde die bedentendste Charakter- gestalt des»achschaffenden Schauspielers Engels. Den Allerwekts- Onkel Bönkost spieli man Herr» Eugels mit größerer oder geringerer Routine überall»ach.——ff. Musik. -er- Oper und Konzerte. I» Herrn Jean Lassalle, dem französische» Gaste unserer Oper, bilden romanische Kunst- elemenle die Unterlage, Kraft und Eigenthümlichkeit seines Wesens. Mit ihnen ist er dein R'o s si n i' scheu„TeU" vielleichl näher ge- komme», als dies einem deulschen Sänger, welche»» die heroische Sagen- gestalt ans dein germanischen Geiste heraus genau vorbestimmt ist, gelingen kau». Des Italieners Held singt nnd spielt die Kühnheit eines kräftigen Geistes mit dem effektvollen Enthnsiasnilis und de» pnthelischen Posen der„großen Oper" ans, und von dieser Schein- drnmatik wird auch die Darstelluiigsknnst und Dellamalionsbreite des Pariser Gastes beeinflußt. Schon ans dem Kostüme, welches ob der doppelfarbigen, landsknrchtarlig maskeradenhaften Beinkleider»nd dem wallenden Berschwörerniantel die Traditionen eines gute» malerischen Geschmacks angreift, spricht ein Zwang, der sich mehr drm verfälschten Gewohnheilsrechtc eines OpcrnpubliknmZ als der Wahrheit nnd vielleichl besserer eigener Ueberzeugung fügt. So machte Herr Lassalle aus dem Tell einen berevtsamen, von einer mächtigen Persönlichkeit nnterstützten Opernvcrschwörer.dem mnii jedoch gerade' am Gipfelpunkte seiner traurigen Heiuisuchungen. dem Apsel- schuß, blos jene Theilnahme spendete, mit der sich selbst die vollendetste schauspielerische Routine begnügen muß. Die einst glänzenden Slimmmittel des Künstlers haben wohl an Vermöge» verloren, aber eine außerordentliche Schule läßt sie noch heule über die nnangenehme Zufälligkeit des Aeltcrwerdens triumphiren. Herr Lassalle fordert stimmlich nnd darstellerisch nie mit brutalen Mitteln zum Beifall« auf, errrcgl in uns aber auch nicht den Ansriihr einer ans ursprünglichen Quellen schöpfenden Künstler- natur; er ist ein Meister vornehmer Bnhncnbescheidcnheit. Neben ihm bestanden in Ehren Herr Sommer als„Arnold" ob seiner leichten nnd klangvollen Höhe, nnd Frau Herzog, ein Gemmy von sympalhischer Energie.— Zn gnnsten des Baufonds für ein gemeinsames Monument des klassischen Tnas Haydn- Mozart-Veelhovcn spielte vor dem dicht gefüllte» Saale der Philharmonie nochmals das Joachim- Quartett. Wer sich für Kammermusik de» Sinn der Einfachheit und Natnrseüihcil erhalten hat. konnte bei allen blendenden Einzel- heilen selbst dieser berühmten Quartettgenossenschast nicht z»sti«i»en, daß sie die überaus zarten Reize der vorgeführten Werke und ihres Spieles de» Zwecke» einer gröberen Einnahme opferte. In dem klangverzehrenden Räume blieb von den duftigen, poetische», von intimen Seeleiiergüsse» erfüllten Schöpfungen der klassischen Meister des Streichqnarletis nur ein unbestimmtes, verrauschendes Echo ohne Umrisse, ohne Charakter, ohne Lebe» des Originals übrig. Für den Beifall des dankbaren Publikttins schien die Bedeutung der Quartettmilglieder maßgebender zu sein, als die thatsüch'iche künstlerische Genußsumme. In dem letzie» populäre» Konzerte des p�h i l h a r m o n i s ch e n Orchesters kain in einem„Vom tapfere» Schneiderlein" betitelten Stücke von Ernst Otto N o d» a g e l all' die flatternde Willkür, die sich genialisch geberdendl' Formzersahrenheit, die aufdringlichen Witze eines nichtssagenden Orchestergeistreichlhums zur alles Maß überschreitenden Erscheinung. Das zum Ueberdrnß in der Partitur abgehetzte volksmelodische Thema„Wenn der Schneider reiten will" und das Motiv(Herr Nodnagel nennt es in gespreizter Phrasen- hastigkeit„Symbol") des Helden Siebeutodl besitzen nichts weniger als Vollberechtignng zur thematischen Ausbeute, nnd die Auswendung komisch seltsamer Techniken erhöht nur den Ein» druck dieser sorcirle» Musik-Doiiquixoterie. Auch die Jnstru- mentatiou, welche doch am ehesten oberflächlich« Gemüther über den Mangel an Inspiration und Empfindung zu täusche» vermag. klingt stumpf n»d physioguomielos. Es ist traurige Prograntm-Mnsik ohne inneren Antrieb einer künstlerisch überlegenen Seele. Die Zuhörerschaft gab ihrem absprechenden Urlheil eine» derb wahrheilllcheu Ausdruck.— Geographisches. — I» der Hamburger Geographische» Gesellschaft sprach un- längst Dr. G r v t h e- München über T r i p o l i t a n i e». Das Land gliedert sich in vier Regionen: 1. die Küstenregiou, anbaufähig, aber nur iveuig besiedelt; 2. die Sahara- Vorberge mit fruchtbaren, kultivirlen Thälern; 3. die Hamada, d. i. Sand- und Steinwüste; 4. das Oasen- Hinterland, mil friedlicher Bevölkerung, die von Aiehzucht und Ackerbau lebt. Die Bewohner sind Berber, Araber, Türke», Juden, Neger und Aethiopier(Nubier). Städte giebl's nur weuige: Tripolis, That, Rhadames nnd Murzuk. Tripolis ist das Zentrum des Handels mit dem Auslände und der Industrie; hier sind«ine jüdische, eine europäische und eine malusischc Kolonie. Der Kara- ivaueuhandel liegt dauieder, seit der Raubsürst stiabak die Sudan- länder Born», Bagirmi und Wadni heimgesucht hat. Die Malteser- Kolonie besteht aus Kleinbürgern, wie Handwerker». Trödler». Köchinnen, Näherinnen. Die Kolonie bau nur bis liSöri Seelen anwachsen. Die Mitglieder der jüdischen Kolonie sind für die Ein- geborenen die Vermittler im Geld- und Waarenverkehr. Bagavondi- rend, vom Znfall lebend, ist die Negerbevölkernng; Negersklaven finden sich»nr noch im inneren Gebirgslande. Glücklich wären die Oasenbewohner, denn die Oase trägt eine dreifache Ernte: Zu oberst die Dattel, darunter die Südfrüchte, zn nntersl herrliches Gemüse und Kor», wenn das Volk nicht durch die türkischen Beamten ausgesogen würde. Die Steppe ist von wenigen Nomaden- familien bewohnt, sonst nur durch Karawanen belebt. Die Gebirgs- bewohner lieben die Unabhängigkeit, haben ihre Sprache bewahrt, sind nicht Araber, sondern eingeborene Berber. Die Bewohner der Oasen Rhadames und Andjila sind anch Berber, während die süd- lichen Oase» von einer Mlschrasse aus Berbern, Negern, Tibbn be- wohnt werden.— Medizinisches. —88— Kahlköpfige Kinder. Neulich stellte in einer amerikanischen medizinischen Gesellschaft«in Arzt einen 12jährigen Knabe» vor, der mit einer merkwürdigen Krankheit behaftet war. Der kleine Patient war in Frankreich gebore» und hatte dort bis zu seinem sechsten Lebensjahre gewohnt. Im Alter von 4 Jahren be> kam er Maseru und Kenchhufte», und etwa 3 Monate später begann ihm das Haar am Hinterkopfe in runden Scheiben auszufallen. An einzelne» Stellen ivrichs das Haar wieder, siel aber dabei an anderen von neuem aus. Der Haarverlust war besonders stark im Sommer, während das kalte Welter ihn hemmte und das Wieder- »vachsen der Haare beförderte, so dah am Schluß des Winters der Kops wieder nahezn vollständig mit Haaren bedeckt war. Die neuen Haare waren aber von den alte» zn unterscheide», indem sie weicher und von hellerer Farbe waren. Dieses abwechselnde Ausfallen und Wiederwachsen der Haare dauerte bis zum lt. Lebensjahre, seit- dem wurde das Kind immer kahler. Nicht nur das Kopshaar wurde immer lichter, fondern auch die Augenbraue» und Augenivimpern fielen aus. Sonst war der Knabe ganz gesund und zeigte auch keine nervöse Veranlagung. Die meisten Aerzte sind der Ansicht, daß in jugendlichem Alter die Aussicht«» für de» Verlauf der Krankheit ziemlich günstig seien und empfehlen die An- wendung einer Behandlung mit dem elektrischen Strome, andere enthalten sich überhaupt einer Boranssage, da die Entstehnng der Krankheit noch ganz unbekannt ist. Einmal waren zwei Geschwister im Kindesalter davon befallen, ohne in irgend einer Weise erheblich belastet zu fein. Das Mädchen bekam später sein Haar wieder, während sein Bruder dauernd an völliger Kahlköpfig- keit litt. Ob die Krankheit auf einen Parasiten oder ans ein Nerven- leiden zurückzuführen sei, darüber sind die Meinungen der Aerzte in allen Ländern noch gelheilt.— Aus de», Thierleben. 1 D i e S ch w i m m k n n st des E l e p h a n t e n. Im all- gemeine» wird der Elephant für einen ausgezeichneten und daher auch freudigen Schwimmer gehalten, der sich trotz seiner ungeschlachten Größe mit einer wahren Lust dem feuchten Elemente anvertraut, unbekümmert um dessen Tiefe. Der Engländer Sanderson, dem wir so viele werthvoll« Mittheilungen über das Leben des in- dischen Elephanten verdanken, erzählt, daß er einmal 79 zahme Elephanten nach einem anderen Landestheil zu versenden hatte, die auf ihrem Wege den unleren Ganges mit seinen vielen Armen kreuzen mußten. Einmal mußten sie ans ihrer Reise sechs Slunden hinler«inander in einem Wasser schwimmen, wo sie keinen Grund fanden, hielten dann ein« kurze Rast ans einer Sand- dank und schwammen dann noch weitere drei Stunden. Diese Leistung, die dem plumpen Elephanten wohl wenig andere Land- Säugelhiere nachmachen würden, schien der Heerde nicht viel ans- zumachen, wenigstens ging kein einziges Stück verloren, oder zeigte auch nur eine sichtliche Ueberinüdung. Die ganz kleinen Elephantenbabys werden von ihrer Mutter beim Schwiimnen mit dem Rüssel getragen, während die größeren der Frau Mama auf den Rücken kriechen und ans diese Weise ihre Wasserfahrt zurücklegen. Znweilen läßt sich der Elephant so tief ins Wasser hinab, daß nur das Ende seines Rüssels, durch den er Lust holen miiß, über Wasser zu sehen bleibt und seinen Auf- «nthaltsort an,eigt. Gerade diese? Verhalten des Ele- phanlen im Wasser hat den englischen Afrika- Reisenden Sntherland. wie er dem„Scottish Geographical Magazine' mittheilt, zu der Ueberzeugnng gebracht, daß der Elephant gar nicht so besonders gern schwimmt und sich deshalb so lange als möglich auf dem Bode» zu erhalten sucht. Gewöhnlich versucht er das Bett eines Flusses zu durchschreileu und giebt den Boden erst dann auf, wenn das Wasser so tief wird, daß er mit seinem Rüssel nicht mehr über dessen Spiegel hinaufreicht. Der Elephantentreiber muß dann nebe» ihm her schivimmen und sich nach dem ans dem Wasser ragenden Rüssel richten. Auch Sutherland giebt aber zu, daß manche Elephanten gerne ins Wasser gehen, was aber mehr einem individuellen Geschmack als einer Neigung der Gattung entspreche. Freilich giebt es ein unfehlbares Mittel, einen Elephanten ins Wasser zu treibe»,»änilich da? Anzünden von Feuer. Vor einer brennenden Fackel nimmt nämlich der größte Elephant sofort Reißaus und läuft in das nächste Wasser. Dieses Gebahren wird vielfach zum Fange von Elephanten benutzt, indem man sie auf diese Weise mit Fackeln bei Dunkelheit in ein seichtes Wasser treibt und dort um» zingelt.— — Von der Lebensfähigkeit eines Walfisches zeugt die folgende vom„Prometheus' gebrachte Mittheilnng:„Vor kurzem erlegre die Mannschaft des Dampf- Walfischsängers Beluga ans Newyork ans der Heimkehr vom Behringsmeer einen riesigen Walfisch, in dessen Fleisch eine Harpmie sich befand, auf welcher, wie dies Brauch ist, der Name des Schiffes eingravirt war, von dem sie geschleudert worden war. Es war dies der Walfischfänger Monrezuma, ein Schiff von New-Bedford, weiches die amerikanische Regierung während des Secessionskrieges kaufte, um es mit andere» alten Schiffen bei der Blokade von Galveston zu benutzen. Etwa fünfzig Jahre hatte demnach die Harpune im Leibe des Walfisches sich befunden, und das riesige Thier würde sie wahrscheinlich noch weit länger mit sich herumgetragen haben, wenn es nicht zufällig erlegt worden wäre.— Humoristisches. — I m Z o r n. Professor(zn seinen Schülern):„Wenn Sie meinen, Sie können mir hinter meinem Rücken auf der Nase herumtanzen, dann sind Sie aber sehr im Jrrlhum!'— — Im Zweifel. Gast(der zum ersten Mal in seinen» Leben von einem Hansknecht aus einem Wirthshaus hinansgeworfeu wurde):„Wie ist das eigentlich— giebt man da dem Manne ein Trinkgeld?!'—(„Flieg. Bl.") — Der Zweck heiligt die Mittel..Jeff'. Mari und Josef, Lnckl. wia klimmst denn Du daher?'— „O inei, mir Hain halt onus truuk'n für Gott, König und Vater- land.'— „Aber do kriagt ma do koan soleban Rausch?"— „Dös nöt, aber es ivarsii zwoa da. die hab'n uns Opposition g'macht und dö Hain ma niederg'snff'n!'—(„Simplicissimns.") Vermischtes vom Tage. — Im Friedrichs hain(Berlin) hält sich gegeuwärtig eine Schwarzdrossel auf. deren Kops schlohweiß ist.— — In G r u m b e l n(Ostpreußen) brannten während eines Sturmes IS Gebäude nieder.— — Nach der„Tilsiter Zeitung' hat ein russischer Grenz- soldat in der Nacht einen kontrollirende» russischen Oberst, dessen Parolewort im Winde verhallte, erschossen.— — Ein Bierbranereibesitzer in Diez fiel in den mit siedenden» Wasser gefüllten Braukessel und starb unter qualvollen Schmerzen.— — Die neueste That des W i e n e r Z e n s o r s— der Herr heißt Wagner von Kremsthal— ist die Korrektur einer Ibsen- s ch« n D i ch t u n g. In der„Wildente' dürfen die Worte:„ D e r Herr sei gelobt!" nicht gesprochen werden, und anch ein Satz des Zweifels an der Gerechtigkeit der Weltordnung ist dem Stist des Zensors zum Opfer gefallen.— — Ein ISjähriger Student verletzte in einem Wiener Vorort«ine Köchin, mit der er ein Liebesverhältniß unterhielt, durch einen Schuß tödlich und erschoß sich darauf selbst.— — In ganz O b e r- I t a l i e n gehen seit einigen Tagen abermals unausgesetzt heftige Negengüssc nieder. Der P o und seine gesmnmten Zuflüsse sind stark angeschwollen und theiliveise schon ausgetrelen.— — Ans dem Postmiiiisteriinu in R o in wurde eine S a in m- l n n g italienischer Briefmarken im Werth« von über 199 999 Lire g e st o h l e n.— — Ein Italiener will ein Papier ersunden haben, von dem Schriftzüge nicht abpholographirl iverden können. Es soll sich daher auch besonders zur Herstellung von Banknolen eignen, da diese oft aus photographische»! Wege gefälscht werden.— c. e. Ein fünfjähriges Mädchen in Neapel jagte einem vierjährigen Knaben, mit deni es ivährend de« Spiels in Streit gerielh, einen Nagel in den Leib. Dem Knaben wurde die Leber durchbohrt. Er starb bei der Operation.— — Der belgische Bildhauer K o n st a n t i n M e u u i e r. der mit seinen Darstellungen aus dem Leben der Arbeiter auch in Berlin fo großes Aussehen erregte, ist mit einem großen Denkmal der Arbeit beschäftigt, das er ganz ans eigenen Mitteln be- streitet.— — Nach einer Depesche der„Noivoje Wremja' ans Rofiow am Don haben ans den Stationen Kawkas, Beßla» und Chassawjurt der Wladikawkaser Eisenbahn Ueberfälle durch Ränder slaltgefunden, bei welchen mehrere Personen verwundet wurden. Die Ränder versnchlen seiner einen Güterzug und eine Kontrollkasse zu berauben.— — In ZI m e r i k a ist die„B r a n t j u n g f e r n s ch a f t' zun, Geschäft geworden. Es giebt junge Mädchen, die sich ihr„Ehren- amt' bis zu 199 Dollars bezahlen lassen. Eine Dame, die wegen ihrer Schönheit sehr gesucht ist. soll bereit? bei mehr als 299 Tran- nngen als Brautjungfer sigiirirt und sich in kurzer Zeit ein Ver- mögen von 199 999 M. erworben haben.—__ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlm.