Hlnterhaltmlgsvlatt des vorwärts Nr. 83. Donnerstag, den 28. April. 1893. (Nachdruck oc, boten.) Dev Schiffsjunge. 9J Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig(tutorijirte Uebersetzung von E. Vrausewetter. Venn faßte ihre Worte als eine Zurechtweisung auf und stellte den Pantoffel verwirrt auf den Boden. „Ist das der Platz des Pantoffels?" Sie lachte wieder, hob den Pantoffel auf und zog ihn auf ihren kleineu schivarz- bestrumpften Fuß. Er war eifrig mit dem Schloß beschäftigt und blickte nicht auf. „Aber So erzählen Sie mir doch, ivarum Sie Seemann wurden." Und sie berührte leicht seinen Arm. „Ich kann das leider nicht, Frau Kapitän." Es kam ihm vor, das Gespräch begänne ziemlich peinlich zu werden. „Sie meinen, ich bin aufdringlich. Die Seeleute sind freier, als andere. Seeleute, die zusammen fahren, sind Kameraden. Haben Sie das nicht bemerkt?" „Ja... a.. Er war nicht sicher, daß es ihm ganz wahr erschien. .Finden Sie es nicht traurig. Seemann zu fein?" „O— ja." „So, Sie finden das auch." Pause. Er hatte die größte Lust, freier auszutreten, zu plaudern, selbst derjenige zu sein, der das Gespräch führte, so, wie er es daheim mit seinen Freundinnen konnte; aber sie war so un- berechenbar. Sie kam ihm zuvor, als er gerade ansangen wollte. „Ja, ich werde vielleicht später in Bergen wohnen, bei meiner Mutter, während mein Mann allein segelt. Benn schwieg, vor Erstaunen. Niemals hatte er eine Dame so offen und geradezu sprechen gehört. Pause. „Und Sie wollen Seemann sein, obschon eS so traurig ist?' „Nein," sagte er muthig und wandte ihr das Gesicht einen Augenblick zu. „Wenn der Herr Kapitän so freundlich sein würde, mich abzumustern, wenn die Schute nach Europa zurückkommt, würde ich meine Studien fortsetzen." „Darauf können Sie sich verlassen, daß er eS thut— wenn ich ihn darum bitte." Eine kleine Pause. Dann sagte sie in leisem Tone: „Die Leute sind wohl schlimm gegen Sie?" „Ach, jetzt nicht mehr, seitdem ich meine Arbeit so einiger- maßen machen kann," klang es sehr verzagt. Er war nicht ganz sicher, daß sie ihni wirklich Helsen wollte, abgemustert zu werden.„Aber sehen Sie," seine Stimme bebte ein wenig, „ich kann mit ihnen nicht vertraut werden... ich... verstehe nicht und dann sehne... sehne... ich mich..." Er verstummte, ärgerlich darüber, daß er seine Bewegung nicht zu unterdrücken vermochte. Er erwartete, sie lachen zu hören; aber statt dessen kam es sehr ernst:„O ja, das ist nicht so angenehm. Sie sind das erste Mal von Hause fort. Aber nun sind wir bald in Neiv-Aork, und dann kommen die Briefe!" „Ja. die Briefe!" entschlüpfte es ihm. als hätte er daran noch niemals gedacht. Es entstand, nieder eine Pause. Der Kanarienvogel hatte «ine Weile ihrem Gespräch gelauscht. Nun sang er. Und es kam dem Jungen vor, sie wäre stumm, weil sie dieser Musik lauschte. „Ich werde niit meinem Mann davon reden, daß Sie in Europa abgemustert werden können." „Vielen Dank. Frau Kapitän! Vielen Dank!" Er arbeitete weiter und fühlte ihren ernsten prüfenden Blick. Als er fertig ivar, suchte er seine Putzsachen zusammen, verneigte sich und sagte:„Adieu." Sie streckte ihm die Hand hin:„Adieu!" „Ich kann Ihnen nicht die Hand geben, Frau Kapitän." Er zeigte seine beschmutzte Rechte. „Na, adieu denn!" Sie faßte ihn einen Augenblick bei einem Ohr.„Und nun keine Schwermuth mehr. Und, es ist wahr, Sie dürfen an Bord niemand sagen, daß ich Ihnen Abmusterung versprochen habe." „Nein", sagte er und stürmte mit vor Freiide klopfendem Herzen hinaus. Ach, sie war großartig freundlich und so nett und so hübsch und so freundlich. Er nmchte sich eifrig und glücklich über seine Arbeit her. Er scherzte, wollte sogar in der saftigen Art der Leute witzig sein und lachte am meisten, wenn Jokum mit einer seiner Auf» schneidereien kam. Er stand mit vier bis sünfen von der Mannschaft zusammen, da sie Taue seilten. „Seht den Benn," rief Jokum,„der kann auch lachen i' „Das ist recht," meinte Jens Christian.„Du kommst schon noch einmal wieder zu Deiner Mutter nach Hause." Die Worte dieses Mannes. der Benn so hart und un- nachsichtlich erschienen war, thalcn ihm wohl. Er blickte aus seine Arbeit herab, fast verlegen darüber, daß die Anderen auf seine Lustigkeit aufmerksam geworden waren. „Im Ansang fürchtete er Dich wohl, Jens Christian?" meinte Jokum. „Ja, weiß der Teufel! Man konnte ja nicht wissen, ob es ein Lamm Gottes oder ein durchgebrannter Sklave war, mit dem wir zusammen gekommen waren. Man hörte ja kein Wort von ihm." „Hattest Du vor unS Furcht?" fragte Michel und lachte still. „O ja,— ein bischen," erwiderte Benn, etwas verlegen, ohne aufzublicken. „Die Seeleute sind gar nicht so schlimm, als sie ihr Maul gebrauchen," sagte Jens Christian in seiner derben Weise. „Du brauchst niemals Furcht zu haben. Junge. Will Dir jemand was zu Leide zu thun, so nimm einen Knüppel und gieb ihm eins ans den Schädel, bis er um gut Wetter bittet! Der Teufel soll dreinschlagen. So was habe ich noch nie gethan!" Und Jens Christian richtete seine Riesengestalt empor, was seine mächtige Stimme noch gewaltiger machte und ihu noch brutaler erscheinen ließ. Aber Benn empfand seit diesem Tage Zuneigung zu JenS Christian. Es erschien ihm nicht mehr verwunderlich, daß dieser Mann allein seine Mutter versorgte, obgleich er einen Bruder hatte, der in Amerika viel Geld verdiente.-- Benn bekam den letzten Wachdienst auf dem Auslug von halb sieben bis acht. Oivind kam zu ihm hinaus und leistete ihm Gesellschaft. „Ich brenne durch, wenn ich in Europa nicht abgemustert werde, aber ich werde natürlich abgemustert," sagte Benn. Ei kam ihm drollig vor, sich jetzt muthig zu zeigen. Früher hätte er nicht gewagt, Oivind seine Pläne bezüglich des Durch- brennens anzuvertrauen. „O, das ist noch nicht so sicher. Du kannst Dich ruhig auf das Durchbrennen vorbereiten," meinte Oivind,„denn ivenn Du Pfarrer oder Doktor werden kannst, müßtest Du ja ein Esel sein, wenn Du Seemann bleiben wolltest;" und er blickte Benn fast bewundernd an.„Ich werde Dir helfen, Deine Kleider ans Land zu schaffen. Wir stecken jedesmal, wenn Du Erlaubniß hast, ans Land zu gehen, ein paar Sachen zu unS und verbergen sie bei Jemand. Deinen Koffer mußt Du stets verschloffen halten, so lange die Schute im Hafen liegt, und dann legen wir Steine in den Koffer, damit der Stcuerniann nichts merkt, wenn er herunter kommt und ihn aushebt; denn der kann solche Dinge fast riechen, weißt Du!" Während Oivind von allen Einzelheiten des Durchbrennen? weiter plauderte, freute Benn sich im stillen darüber, daß er so sicher abgemustert werden würde, daß er nicht durchzubrennen brauchte; denn die Kapitänssrau hatte es ja gesagt, und sie... Als er in seiner Koje lag, und alles in der Roof still geworden war, versank er in Gedanken. Es war, als mußte er sich nach diesem schönen Tag sammeln. Er hatte geglaubt, sie wäre launenhaft und hartherzig und dergleichen. Pah! Weil sie in jener Nacht draußen vor Holland so furchtbar gelacht hatte? Sie konnte gut über das Hundehaus gelacht haben, es war gar nicht gesagt, daß sie ihn auch nur bemerkt hatte. Er schloß die Augen und ließ die Szene in der Kajüte an sich vorüber ziehen. Ein Strom von Dankbarkeit und SCcvIiebttjoit durchrieselte ihn. Daß sie ein wenig anders war, als die Damen daheim, war ganz natürlich. Herr Gott, sie nannte sich ja selbst„einen Seemann"! Wie' Mutter sich freuen würde, wenn er schrieb, daß eine gute und hübsche Dame ihm half!—(Forisetzung folgt.) Stektviplsxcs Fevnfehen. Die elektrische Uebertragung vo» Bildern ist schon ziemlich alt. »s existirl bereits eine ganze Reihe genial ersonnener Apparate, die es gestalten, eine Zeichnung, ein Schiiststück u. dergl mit mög- lichster Originaltreue ans beliebige Entfernung hin telcgrnphisch zu übermitteln. In die Praxis haben diese Apparate jedoch nicht Em- gang zu finden vermowl, weil sie weder zuverlässig genug, noch mit der Schnelligkeit arbeile», die der moderne Verkehr an den Tele- grapben-Zlpparat stellt. Während es sich bei den genannte» Apparaten, wie erwähnt, nur um die Uebertragung von Zeichnungen er. handelt, soll das elektrische Fernsehen geradezu die telegrapdische Uebertragung eines optischen Bildes von einer Person oder einei» Gegenstände aus große Entfernung hin ermöglichen. Mau will also beispielsiveise bei ciiiem telephonischen Gespräch die telephonirendc Person nicht blos hören, man will sie auch direkt vor sich sehe». Bei telcphonischer Bennittelung einer Oper oder eines Schauspieles soll ma» nicht blos hören, sondern auch sehen können. So alt aber auch schon der Wunsch ist, dieses Problei» der Elektrotechnik erfüllt zu sehen, so weit war man doch bisher vo» der Realisirung entsernt. Bereits Ende der siebenziyer Jahre sind allerdings Apparate kon- struirt worden, die das elektrische Fernsehe» ermöglichen sollte», aber die ans dem Papier so schön anssehendeii Konstruktionen habe» den Versuch der praktischen Verwerlhbarkeit doch nirgends ausgehalte». Im besten Falle ist es bei interessanten Laboratoriums- versuchen geblieben. Kürzlich ging nun die Nachricht durch die Presse, daß es dem Oestcrreicher Szczepanik gelungen sei, das alte Problem in befrie- digender Weise zur Lösung gebracht zu haben; wenn wir nun auch dieser optimistische» Ansicht nicht sind, so ist das in A»we»dnng kommende Prinzip interessant genug, um auf dasselbe kurz einzn- gehen. Wie alle bisher ersonnene» elektrische» Fernseher ist auch das Teleltroskop von Szczepanik auf der Eigenart des Selens, eines dem Schwefel verwandten Körpers, basirl. I», Gegensah zu andere» Körpern hat nämlich das Selen die Eigenschaft, seine elektrische Leitungs- fähigkeit zu ändern, je nachdeni es dem Lichte ausgeseht ist oder nicht. Und zwar wird die Leistungsfähigkeit geringer, je größer die Hellig. keit des auf das Selen ausiallenden Lichtes ist. Man ist infolge dessen im Stande, Helligkeilsnnterschiedc leicht in Stroniverfchiedenheilen «inznwandeln. Hat man beispielsweise Selen in den Slronikreis einer elektrischen Batterie eingeschaltet, der ablenkend ans eine Magnet- nadel einwirkt, und läßt man auf das Eelen-Licht von verschiedener elligkeit aussallen, so wird die Stärke des Stromes je»ach der ntensität des Lichtes mehr oder iveniger geschwächt nnd die Magnetnadel demznsolge weniger oder mehr aus ihrer ursprünglichen Lage abgelenkt iverde». Ebenso vermag man andere Stromwirkungen entsprechend der Lichtstürke zu variiren. Bekanntlich macht ein um ein weiches Stück Eisen herumgeleiteler Strom das Eisen zu einem Magneten, nnd zwar ist die Stärke des Maguelismns unter anderem von der Stromstärke abhängig. Denkt man sich nun einen elektrischen Stromkreis, in den Selen eingeschaltet ist, ans eine» Elektromagneten einwirkend, der den Hebel einer sogenannten Blende, ivie sie für photographische Apparate verivandl werde», anzieht, so kann man die Anordnung so treffen, daß bei Schivächung des Stromes die Blende geöffnet, beim Slärkerwerden des Stromes dagegen die Blende mehr oder weniger geschlossen wird. Ist nun hinler der Blende irgend eine beliebige Lichtquelle angeordnet, so wird demgemäß bei schwächerem Strom mehr, bei stärkerem idtroi» dagegen weniger Licht hervorbrechen. Sin» wisse» ivir aber bereits, daß die Stromstärke infolge Vergrößerung des Leitungs- Widerstandes des Selens in unserem Stromkreise geschwächt wird, wen» ein helles Licht auf das Scle» auffällt. Die Folge an der zweiten Stelle des Slronikreises ist dann das weitere Oeffncn der Blende und das Hervorbrechen eines hellen Lichtstrahles; fällt dann in einem zweite» Moment ein iveniger helles Lidit auf das Selen, so wird die Stromstärke weniger geschwächt, die Blende wird weniger weit geöffnet,»nd es bricht au der zivciten Stelle demgemäß auch ein weniger heller Lichtstrahl aus der Blende hervor. Wie ma» sieht, ist man also in der Lage, znnächst dic�Lichlschivaiikungen i» Stromverschiedenheiten, und dann weiter die Slromverschiedeiiheilen wiederinLichtschwankungen nmzuwandeln.Diesezweiten Schwankungen in der Lichtstärke entsprechen aber genau den ursprünglichen Licht- fchwanknngen, die de» ganzen Vorgang ausgelöst hatten. Es ist leicht ersichtlich, daß es mit Hilfe dieses Prinzips gelingen muß, ein beliebiges Bild an eine entfernte Stelle zu über« tragen, wenn man im stände ist, ein Bild in ein« einfache Auf- einanderfolge von Helligkeitsnnterschieden auszulösen, und anderer- seils die Anfeinanberfolge von Helligkeilsunlcrschieden wieder zu einem Bilde zusammenznsehen. Diese Auslösung von Bildern in die Zluseinanderfolge von Helligkeilsnnlcrschieden und ihre. Wieder- zusanimensetzung zu einem Bilde ist nun anscheinend dein Erfinder des Telektroskopes geliinge». Das Zerlegen des Bildes geschieht in folgender Weise: Von irgend einem Gegenstande wird mit Hilfe einer Linse in einer photo« graphische» Kamera ein Bild«rzengt, das mittels eines rotirenden Spiegels in Linie» zerlegt wird. Ein ziveiter Spiegel, der ebenfalls rotirt, zerlegt die Linien nun in einzelne getrennte Punkt». Fällt nunmehr der Lichtschein auf unser in den Stromkreis ein- geschaltetes Selen, so ipirken auf dieses in der That nur noch ein- fache Helligkeitsunterschiede in einer dein ursprünglichen Bilde e»t- tprechenden Aufeinanderfolge. In demselben Rqthinns nnn, in dein diese Helligkeitsnnterschiedo auf das Selen einivirke», werde» anch. nach dem oben Auseinandergesetzten, a» der ziveiten Stelle, die von der ersten beliebig weit entfernt sein kann, Schivaiikungen in der Lichtstärke der Hilss-Lichiquelle hervorgerusen. Läßt man die Licht- strahlen dieser ziveiten Lichtquelle ans einen rotirenden Spiegel ans- falle», so werden die einzelnen Lichtpunkte zu Linien znsaininengesetzt; nnd refleklirl dieser Spiegel auf einen iveiteren, ebenfalls rotirenden Spiegel, so werden die einzelnen Linie» wieder zu einem Flächen« bilde zusammengesetzt. Dieses Bild entspricht dein ursprünglichen Bilde genau, wenn die Geschwindigkeit in der Rotation der Spiegel durchwegs die gleiche ist. Die Schwierigkeit besteht nur noch in der Uebertragung der Farbe, aber anch diese Schivierigkeit scheint von dem Erfinder über- wunden zu sein. Ehe das Bild des Originales ans die Spiegel fällt, werden die Lichtstrahlen in ihre farbigen Bestandtheile ans» gelöst, was dadurch geschieht, daß man das Licht von dem Objekte durch ein Prisma hindurchgehen läßt. Es wirken dann die einzelnen Punkte, i» die das ursprüngliche Licht aufgelöst worden ist, je nach der relativen Wirksamkeit der einzelnen Grniidfarben ans die Selen» zelle, es richten sich also anch die Stroinschwankungen nach der Wirkung der einzelnen Farben. Ebenso ivird dann das Licht der ziveiten Lichtquelle vermittelst eines Prismas in seine Grundsarben zerlegt. I» Wirklichkeit hat man dann also an der zweiten Stelle die Älnseiiiauderfolge von Lichtblitzen verschiedener Helligkeit nnd verschiedener Farbe; dadurch aber, daß diese Ans- einanderfolge anßerordenllich rasch vor sich geht, so rasch, daß das Auge den einzelnen Eindrücken nicht mehr zu folgen vermag, werden in dem Bewußtsein die einzelnen diskreten Lichleindrücke zu einem Bilde vereinigt, das genau dem Bilde des ursprünglichen Gegen- standes entspricht. Anscheinend ist es also nicht so schwer, ans telegraphischem Wege Bilder von beliebig weit entfernte» Gegenständen in die Ferne zu übertrage», so daß nian von elektrischem Fernsehen sprechet» kann. Die p r a k t i s ch e i» Schivierigkeilen erscheinen uns aber so groß, daß anch diesmal die Frage dcS elektrische» Fere.sehens noch nicht gelöst zu sein scheint. Diese Schwierigkeit beruht zunächst darin, daß das Selen i» Wirklichkeit doch nicht so rasch, wie er- forderlich, den Schwankungen der Helligkeit zu folgen vermag, nnd daß weiter auch die gleich rasche Notation der erwähnten Spiegel durchaus nicht einfach erreicht zu werden vermag. Also auch dies- mal scheint trotz der Genialität des beschriebenen Nppa- rales die Lösung des Problemes, mit Hilfe der Elek- trizität in die Ferne sehen zu könne», noch nicht end- giltig gelöst zu sein; aber wenigstens der Weg, den man znr Lösnng zu beschreiten bat, scheint gefunden zu sein nnd das ist für die heutige Zeit, die inechnnische Schwierigkeiten noch immer zu überivinden gewußt hat, schon genug. Auch hier heißt es:„Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!" Oder ins Kapitalistische über- setzt: wenn sich ein wirkliches Bedürfniß danach herausstellt, das elektrische Fernsehen zu renlisire», so iverden die rein mechanischen Schwierigkeiten leinen Hinderuiigsgrnnd mehr bilde», wenn nur erst die prinzipielle Lösnng der Frage gefunden worden ist.— Ix. • MsrifoPt�Svituttgen. Das Blatt, welches die deutsche Partei znr Maifeier 1698 heransgegcben hat, ist in seinem literarischen Theil von großer Reichhaltigkeit. I» einem einleitendeii Aussatz wird in großen Züge» ein Bild der gewaltige» Entwickeliing enlivorien, welche die 'Arbeiterklasse in den letzten 50 Jahren„von der Znnstbeivegnng zur Massenbewegung" durchgemacht hat. Mit dem Achtstundentag beschäftige» sich mehrere Beiträge. Ein Gedicht will anfenern, den Maitag mit dieser Losung festlich zu begehen, zwei kleinere Arbeiten gebe» Aufschluß über die praktischen Forlschritte der Achlstunden« bewegnng und den Riesenkamps der englischen Maschinenbauer, den größten, der bisher um den achtstündigen Arbeitstag geführt wurde. Frisch geschrieben ist ein kurzer Aussatz über den 1. Mai 1848 in Berlin, der von den Wahlen, die an diesem Tage zum ersten Male stattfanden, nnd von einein Streik der Buchdrucker in der ersten Maiwoche jenes Jahres erzählt. Daß wir jetzt im Zeichen der Wahle» stehen, daran erinnert eine Darstellung des allgemeinen Wahlrechts nnd seiner Bedeutung für die Lage der Arbeiterklasse; die drohenden Acußerungen einiger Junker und Osfiziösei» über die Nolhwendigkeit einer Aenderung dieses Wahlrechts, die an einer anderen Stelle des Blattes als zeit- gemäße Erinnerung zusammengestellt sind, müssen wohl beachtet iverden. Ein hübsches Märchen ist aus dein Russischen übernommen: Wie es zuging, als der Tenfel nach den« tausendmal geäußerte» Wunsch der geplagten Fabrikherren endlich einmal die Arbeiter ge- holt hatte. Der Bölker-Maienniorgen wird von Ernst Klaar in An- lehnung an das große doppelseitige Bild behandelt.— Mit diesem Bilde wird man sich allerdings nicht einverstanden erkären könne». Auf dem Erdball ringt ei» junger, nackler Riese mit einer Sphinx, ihre Klauen graben sich in seinen Körper, die Schlangenschwönze umringeln ihn, aber schon läßt die Kraft des Widerstandes bei der Sphinx nach, sie sinkt zurück. Hinler dem Erdball steigt die Sonne empor, als strenges schönes Weib verkörpert, mit einer bremiende« Fackel in der Hand. die Nebelschivaden weichen zurück. Ein zerbrochenes Geschütz und Goldstücke liegen auf dem Erdball. Der Gedanke der Allegorie ist klar: Der Sozialismus, der den Kapitalismus endlich überwindet. Aber wir glauben nicht, daß diese Art der Symbolistruiig, die mit Vorstellungen aus einer fremden Sagenwelt arbeitet, dem Empfinden unserer Genossen entspricht, sie zu begeistern vermag; wir denken dabei gar nicht an die künstlerischen Unzulänglichkeiten des Blattes. Eher wird das Titelbild von Marcus gefallen. Hinten der Mai- festzug, die Göttin der Freiheit wird ans einem Throne mitgeführt. Vorn lehrt ei» jugendlicher Arbeiter altes Gerümpel, Privateigen- thum, Polizeiveibot, Dividenden u. s. iv. fort.— .Der iv a h r e I a k o b" nimmt in seiner letzten Nummer ans die Maiseier bezng. Auf einem bmilfarbige» Blatt auf der ersten Seile entbietet ein Mädchen mit einem Maiglöckchenstranß «inen Maiengrnß. Das Blatt enthält weiter ein Gedicht„Eherne Maiglocken" und eine illuslrirte Erzählung„Sein letzter Maientag", außerdem auch eine Reihe von anderen Beiträgen, die nicht mit der Maifeier in direktem Zusammenhange stehen. Der Finanzminister Miquel wird mit einem guten Witze bedacht; da er, wie eine Zeichnung veranschaulicht, a» der Kasse vor dem Maifeftplahe sitzen darf, ist die Polizei von einer ausgezeichneten Höflichkeit und salutirl sogar vor dem Festzug. Das Maiseslblall der L st e r r e i ch i s ch e n Partei zeigt aus dem Titel die Freiheit, die eine mächtige wehende rolhe Fahne trägt und in der Rechten Maiglöckchen zum Gruß darbietet. Ein großes doppelseitiges Beiblatt ist unserer Forderung: „Die Waffen nieder!" gewidmet. Ans schwarzen» Roß, mit der Sense zum Schlag ausholend sprengt über ein Feld von Gebeinen Erschlagener der Krieg heran, in einem Mann mit großen Flügeln verkörpert. Hinter ihm lodern die Flammen. Ihm tritt, im Glänze der Sonnenstrahlen, die die finsteren Wollen ver- scheuchen, die Freiheit entgegen— er muß zurück. Unten ziehen die Arbeiter im Festzuge vorüber und jubeln ihrer Göttin z». Das Blatt»vird gefallen.— Joses Köhler hat ein Gedicht„Zum ersten Mai!" beigesteuert, Wilhelm Ellenbogen behandelt den Einfluß der achtstündige» Arbeitszeit auf die Lebenshaltung der Arbeiter. An- schaulich erzählt Jgnaz Dasczynski ein Erlebniß aus dem agitato- rischen Kleinkriege. Auch die übrigen Beiträge von Schuhmeier, Steiner und Höger zeichnen sich durch Frische des Tones ans. Auch die Wiener„Neuen Glühlichter" haben ihre laufende Nummer als Mainunimer ausgestaltet. Auf dem Titelbild bat der junge Held Sozialismus die Fesseln gesprengt und den Stein von der Höhle, die sein Gesängniß war, fortgewälzt, Soldat, Beamter und Psafs nehmen schleunigst Reißaus. Das doppelseilige Mittelbild ist ans dem„Simplicissimns" bereits bekannt. Der Drei- bniid, wie er ist: drei Krieger, ein Deutscher, ein Oesterreicher und ein Italiener in Waffen ans dem Schlachtfeld; unten in einer Predelle fahre» Geschütze über die Leichen Verwundeter— und wie er sein wird: ein Arbeiter, ein Schnitter, ein Gelehrter, die sich die Hände reichen; hinten Ernteland und Erntearbeit, rauchende Schlote; in der Predelle fährt ein schwerbeladener Erntewagen über den verendende» Drache» der Zwietracht. Dieses Bild giebt auch das Thema für ein Gedicht.— Von Hans Resel sind vier kleine an- sprechende Skizzen da, wie er als Junge, als Lehrbub»nd als Mann unter Genosse» den Maitag verbracht. Ein Maienlied be- gleitet das Titelbild.—_—hl. Vloincs Feuilleton c.e Nebcr den spanisch amcrikanischcu Krieg plaudert einer im„Eolothurner Tageblatt": Die Gesandten haben ihre Dienst- büchlein bereits gelöst, soivohl der zu Madrid wie der bei den Amerikanern und den ersten Zug genommen wacker Hans. Also kann der Krieg losgehen alt' Stund'; ist vielleicht schon losgegangen dört änen nn» das Kuba, zn Wasser und zu Land. Es wird viel Pulver kosten und wahrscheinlich auch viel' Leul', und dort wo das Wetter anen zieht, großen Knltnrschaden anrichten. Auf dem Waffer geht's noch am wohlfeilsten zn, wenigstens das Begraben. Während- dem sie ciuander hauen, werden die Mächte mit ihren Flotten zu- langen und dazu ihr berühmtes Konzert anfspielen. wie sie's bei den Türken und Griechen gethan. Wäre der Hüninger Kanal gebaut, könnten wir nun ebenfalls einige bewaffnete Barke» ins Meer hinansschicke», um unseren Käshnndel zu schützen und höhere Preise zn erzivingen. Aber diese Herren Basler sind gar zu langsam im Baue». Dieser Krieg zwischen den frommen Spaniolen und den tugendhaften Nordamerika»«» könnt', wenn nicht gut aufgepaßt »vird, leicht noch weiter um sich greifen, wer weiß? Es liegt so ein verdächtig Pulvergerüchlein in der Luft. Man lugt nur,»vie alle Gestaatcn rüsten. Auch wir Schweizer machen uns auf alles gefaßt. Man lese nur, wie sich die Herren Ossiziere wegen den Achselstücken, der wichtigste Theil unserer Kriegsbereitschaft, henimstreile»,»velche »ämlich den Kindsmägden am meisten in die Augen steche». Jeden- falls werden wir, mögen unsere Weibervölker ansbcgehrcn, wie sie »vollen, mit dem Anstreichen des neuen Garlenhages noch znivarlcn — denn wie bald wär' so ein Gartenhag von übersäunigen SoldaieN inngerannt und tremolirl?— Eine botauischc Karte von Frankreich herauszugeben beab- sichtigt Ch. Flahauti. Professor für Botanik an der Universität Montpellier. Eine Probekarte, die das Gebiet von Ronssillon(Dep. Jsere) umfaßt, ist, wie oer„Globus" berichtet, in den„Annales de Geographie" erschienen und zeigt in Farben und mit Bezeichnung der Anfangsbuchstaben die Verbreitung folgender Pflanzengruppen: Küstenzone(halophile Pflanzen): Stein-Eiche, Kork-Eiche, Roth» Eiche, Kastanie, Rothbuche, Seefichte, Lärche,?Inus sylvestris, Tanne(sapin), Krummholzkiefer, Alpenwiesen. Wo zwei typische Elemente in einander übergehen(wie z. B. die Stein-Eiche und die Kork-Eiche), ist dies durch Parallellinien in beide» entsprechende» Farben angedeutet.— Literarisches. — In freien Stunden. Eine Wochenschrift. Romane und Erzählungen für das arbeitende Volk. Berlin. Buchhandlung Vorwärts. IL Jahrgang. Heft 1—15. Preis pro Heft 10 Pf.— Etwas später als in Franken und Schwaben brachen 1525 die Bauern in Tyrol los. Am Pfingstlag griffen sie Brixen an, verjagten des Bischofs Räthe und schloffen mit den Bürgern der Stadt Waffenbrüderschaft. Am Tage vorher hatten sie Michel Gaismayr, eines Knappen Sohn aus Stcrzing, der zuletzt das Amt eines bischöflichen Zöllners in Klausen versah, zu ihrem obersten Hanplmann erwählt. Gaismayr war ein geborener Kriegsführer, wie sie in bewegten Zeilen aus dem Volke austanchen, ein guter Redner, ein kluger und vorsichtiger Mann. Ein von seiner Hand herrührender, aufbewahrter Spiuch lautet:„Langsam geht man weit". Ter Aufstand, an dem sich Deutsche, Wälsche und Ladiner in voller Eintracht bclheiligte». verarbeitete sich mit großer Schnellig- keit. In»venige» Wochen waren die Bauer» Herren des Landes. Jetzt zeigte sich Gaismayr auch als großes Verwallungstalent. Als der Ans- stand in Franken und Schwaben schon im Blute der Bauern erstickt war, waren die Tyroler noch immer im Vordringen. Sie kamen ihren Brüdern in Salzburg zu Hilfe, erhielten Zulauf aus Jnnerösterreich. Hin und her»vogt« der Kampf. Endlich erlag auch hier die Sache der Bauern der vor keiner Schandthat zurückschreckenden Uebermacht der Herren. Mit dem Rest seiner Gelrenen schlug sich Michel Gaismayr über das verschneite Hochgebirge»ach Veneticn durch. Noch 1530 suchte der Unermüdliche seine geknechteten Brüder aber- »»als zum Kampfe aufzurufett. Alle Vorbereitungen zur Erhebung waren getroffen, da wurde Michel Gaismayr von zwei Spaniern, die sich das auf seinen Kopf gesetzte Blutgeld verdienen wollten, meuchlings erschlagen.— Das der Stoff, der dem historischen Roman „Der Zöllner von Klausen" von Johann von Wilden- r a d t zu gründe liegt. Die Leitung der Wochenschrist„In freien Stunden" hat einen guten Griff gethan, als sie die Arbeit zur Ver- öffentlichung wählte. Dem Roman sind eine große Anzahl von Illustrationen beigegebe». Es sind Originalarbeiten des in München lebenden Künstlers E. M. Lilien. Mancher wird in einzelnen Bildern die Perspektive vermiflen, er wird sich dafür um so mehr an der Charakteristik der einzelnen Gestalten, an der gewissenhasten und sauberen Zeichnung und Arbeit erfreuen. Und dann,»vas hier geboten»vird, ist etwas Neues,»venigstens bei uns,»nid das»viegt schon etwas. Wir können den vorliegenden Roman»md die Wochen- schuft„In sreien Stunden" überhaupt nur empsehle».— Musik. — Wie ans Wien gemeldet»vird, sind dort in einem Archiv- schranke der Pelerskirche Manuskripte S ch u b e r t' s und Beethoven's aufgesunden worden, die von allen Mnsikforscher» übereinstimmend bisher als»verthvoll bezeichnet»vurden. Von Schubert wurden nenn Lieder, darunter„Poseidon",„Gehcilnes", serner eine Messe, eine vierhändige Phantasie»nd ein vierbändiges Rondo gesunden, von Beethoven ei» Chorwerk mit vollständiger Orchester-Parlitnr. Die Manuskripte sind gut erhalten.— Kunst. Die große diesjährige K u n st a u s st e 1 l u n g»vird am Freitag eröffnet. Am Mittwoch»vurde den Mitgliedern der Preffe ein Vorbesnch gestaltet. Es hat sich nun eilimal der Mißbrauch der Vorbestchtigunge» eingebürgert; und bei einer Vorbesichtigung,»vie der diesmaligen, ist es fast»»möglich, auch nur ein oberflächliches Gesammtbild darzu- stellen. Noch»vird an der Aufstellung der Skulpturen geschafft; der sogenannte Ehrensaal ist»och ziemlich kahl, und viele Kojen und einzelne Säle stehen ganz leer. In der äußeren Anordnung hat sich im Ausstellungspalast gegen die Vorjahre nichts»vesentlich geändert. Es scheint, daß die Ab» theilung sür Skulpturen diesmal reicher, und im einzelnen»verth- voller sei als im Vorjahre. Wenigstens fallen etliche kraftvolle Werke der Niederländer auf. An Gemälden hat die Ausstellung vorerst nicht die verwirrende Fülle»vie sonst. Im allgemeinen hat die gesammtc Kunstschau nationalen Cha- rakter und selbst das in beschränktem Sinne. Denn das aufstrebende Karlsruhe und Dresden sind, soweit sich vorläufig erkennen läßt. nicht als gemeinsame Körperschaften erschienen. Vielleicht wird sich das als Jrrthum eriveisen, wenn die Ausstellung erst fertig ist. Vielleicht gravitirten diese Städte diesmal nach Wien, wo zum Jnbilänm des österreichischen Kaisers eine„Jnbiläums-Ausstellung" eröffnet»vurde. Ein Hauptst« ck, wie im Vorjahre der Liebermann- Saal war. fehlt diesmal; und so ivird der Eindruck des überwiegenden Mittelmaßes— trotz der 1300 zurückgewiesenen Gemälde— noch eintöniger. Ein Gewinn gegen das Vorjahr ist dagegen die Kollektiv- Ausstellung der Mmuchcner. Man kann gegen die geistreich, manchmal gesucht geistreiche Manier Habermann's, gegen die Portraitkunst Samberger's und gegen andere mehr so manches auf dem Herzen haben, im allgemeinen zeigt sich die Münchener Kunst doch ungleich individueller, stärker, als die Berlinische aus der Ausstellung. Die Mnnchener bringen mehrere Stücke, die schon in ihrer Heimalh zu sehen waren; für Berlin ist indessen das Meiste neu, und von der Münchener Sammel-Ausstellung werden die Besucher entschieden noch am ehesten angeregt werden. Franz Lenbach ist anch mit einem Fraucnbildniß gekommen. Düsseldors ist eine konservative Kunststadt geworden. Man bleibt dort bescheiden, ruhig und anspruchslos. Es wird nicht viel von den Düsseldorfern zu sprechen sein. Berlin nimmt natürlich den Hanplraum für sich in Anspruch und demgemäß kommt es anch am stärksten mit sogenannter Markt- waare. Das wird bei beschränkt nationalen Kunstausstellnnge» nie anders fei». Denn noch immer ist die diesjährig« Ausstellung massenhaft genug, inid wo sollten denn Jahr für Jahr die mäch« tigeren Zleoßerringen herkomm«? Es ist eben der alte Jammer der Massenüberproduktion. Vou Ansläudern find ei» paar Spanier und Italiener gekommen. Ein Spanier stellt ein Koloffalgeuiälde, eine„Prozession" aus. Von Eugländern ist ein interessanter Brangwyn da. Alles i« allem, die Kunstphilister werden sich nicht ärgern. An Erregungen, an Keckheiten ist die Schau arm. Ter Hang zur Märchenfyinbolik, der in den letzten Jahren in unserer Literatur als Rückschlag gegen den Naturalismus so deutlich wurde, tritt bei unseren Malern nicht entfernt so stark auf. Der Müncheuer Julias Exter huldigt ihm in einem große» Triptychou, dem verzauberten Wald. Di« Historienmalerei scheint fast völlig ausgestorben. Selbst das Gemälde„Ave Maria der Tiroler nach der Schlacht auf dem Jselberg" von Egger-Lienz in München ist im Grunde ein um- fassendes Genrestück und in seinem Wesen doch idyllisch gehalten. Der Neigung zur weichmülhigen Idylle, zur kaurpfmüden Stimmung, die anch unser literarisches Leben der jüngsten Periode kennzeichnet, begegnet mau dafür aus Schritt und Tritt, im Genre, wie in der stark vertreteneu religiösen Malerei. Sie hat, selbst wo sie Be- lrübuiß schildert, gern einen Stich ins Süßliche. Ganz vereinzelt in dem zahlreichen Geiire„für die gnt-bürgerliche Stube" taucht ein und das andere Gemälde mit sozialen» Hintergrund auf, so ein Bild„Ju der Wärmehalle". Von Gemälden, die der reinen Sensationsgier dienen könnten, scheint die Ausstellung ziemlich frei zu sein. Selbstverständlich fehlt aber der Dieffeubacher nicht mit seiner gemalten Schlierseer Bauer»- lragödie; diesmal ist es ein erschossener Schivärzer, den er bringt. Ins Sensationelle greift auch eine Darstellung hinüber, die„Im Hexenwahn" betitett ist. Vor den Nichlern ist ein junges Weib ge- foltert worden. All' diese Bemerkimgen drängten sich bei einem flüchtigen Besuch in den»veilen, noch ungeordiielen Säle» des Ansslellungspalastes auf. Sie könnten darum in der Folge noch manche Berichtigung erfahre». So viel ist»vohl gewiß, zu weit ausgreifender Kunst- belrachtuiig»vird die diesjährige Schau i» Moabit leinen rechlen Anlaß geben. Es sehlen Kampf, Leidenschast und Schwung. Was will dagegen die mittlere Solidität oder selbst Pikanlerie und geistvolle Anffassnng im einzelnen besagen?—ff. — Ter am Montag in Düsseldorf verstorbene Maler Benjanii» Vantier»var neben Ludwig Knaus der bekannteste Vertreter der Genremalerei in Dentschkand. Er stammte aus der französischen Schweiz, erhielt aber seine künstlerische Aiisbildnng hauptsächlich in Düsseldorf. Knalls hat ans seine Entwickelung großen Einfluß ge- uomwen;>vie dieser holte er feine Stoffe ha»lplsächlich aus dein Leben der Bauern. Bilder wie die„Tanzstlinde",„Am Krankeiibelt" ans der Berliner Nalionalgallerie, vie„Tanzpailse" und viele andere von ihm sind weithin belaiinl. Geschichtlich haben diese eiujachen Bilder ihre Bedeilinng. Sie lenkten zuerst wieder den Blick aus die Reize des alltäglichen Lebens und bereileten so die moderne Malerei mit vor, die dairu freilich in der getreue» Wirklichkeitsschilder, mg sehr viel energischer vorging. Man hat sich heule von dieser geiiiiilhüchen Art, Geschichtche», Witze. Anekdoten in Bildern zu erzähle», abgewandt. Man ivill nicht mehr eine Fülle von kleinen Zügen in der Darstellung hälifen, aus denen der Beschauer sich das Geschichlchcn zufan»iiensabi>lire» können. Es ist den modernen Künstlern vielmehr um die reine Kunst zu thuil; init ihren eigentlichen Mitteln, durch Farbe und Zeichnung, wollen sie wirken, nicht durch den Witz der Erfindluig. Freilich ist nicht zu verkeniieii, daß die Genreknnst sich der größeren Beliebtheit im breiten Pnbtiknm erfreut. Ebenso wie die Kunst in ihren geschicht- lichen Anfängen von der fast ausschließlichen Werthschätzung des Inhalts der Kmistwerke ausging, so ist auch jetzt»och der Inhalt eines Bildes das erste, was einem najven Betrachter an ihm auffällt. Vautier's Bilder rufen daher immer noch große Freude hervor. Seine Auffassung des Bauernlebens müßte dabei zi»» e»t- schiedene» Widerspruch reizen. Bei ihm geht«S stets harmloS zu, es ist alles eitel Freude; und in diese» Bilder»,»n denen sein Humor sich aus drücken kan». wirkt er noch am besten. Wo er aber ernste Stoffe behandelt, tritt der Ernst des Lebens nicht schroff, eher sentiineiital, thränenselig hervor. Nach Vautier sind andere ge- kommen, die im Bauernleden nicht Stoffe zu friedlichen Idyllen, sondern Bilder von schwerer Arbeit und düslerem Ernst fände»».— Volkskunde. — Der Wachtelschlag im Volkshumor. Der tranliche Dreischlag der Wachteln, der aus den stillen Weizenfeldern herüberschallt und immer freudige Gefühle in der Menschenbrust iveckt. hat die verschiedensten Deiilungei» gefunden. In der„Köln. Ztg."»verde»» einige zufaiiilnengestellt. Im Regen ruft die Wachtel: „Werd' ich naß!" Ans Sandboden:„Hartes Bett! Hartes Bett!" Kommt der Jäger, vor dein sie sich in Friede» weiß, sagt sie: „Fürchl' mi»il! Furcht' rni nit!" Nahe» die Schnitter, fleht sie: „Wehe mir, iriit mi nit!" Vom Stoppelfeld, über das mm der Wind frei weht, klingl ihr wehmüthiges„Ist mir leid! Ist mir leid!" Bein» Nahen des Herbstes klagt sie:„Harte Zeit! Harte Zeit!" Der charakteristische Wachlelschlag hat auch im Kinderlied seine Nachahmung gefunden, z. B. in dem bekannte»„Pickdewick, mein Mann ist Schneider" it, oder„Käs und Brot schmeckt mer nett, schmeckt mer nett!" Ju der Mark heißt es, die Wachtel rufe:„Pack Tabak! Pack Tabak!" Die Bauern i» der Ernte aber sagen, sie rufe:„Bück' den Rück! Bück' den Rück!" Ii» Frankreich prägt sie zur selben Zeit, da der Segen des Aehrenfeldes den Scheunen im schwerbeladeneu, schwaiikenden Erntewageii zugesührt wird, dein Bauern den Spruch ein: „Lais tss ciettss! Lais tss ästtss!"(Bezahl dein« Schulden!) Die deutschen Präceptores des Mittelalters, die Alle? nur mit lateinischen Augen ansaheii, erklärten ihren Discipulis auch den fröhlichen Wachtelschlag mit„vis, cur hic?"(Sprich, warum Hier?) Hier und da heißt die Wachtel deshalb auch der DickrickS« vogel.— Im Egerlaude sagt man, um den jähen Glücks, vechsel zu charakterisiren: „Acht mal acht— hat d' Wachtel g'sagt; Neun mal neun— ins Vogelhäns'l'neiu!— Humoristisches. — Leiser Wink. Herr:„Ihr Herr Papa ist ein recht freuiidlicher Mann, mit den» plaudere ich sehr gern." Fräulein:„Mit meiner Mama läßt sich auch sehr gut spreche»!"— — Gut g e n» e i n t. A.:„Verzeihen Sie. es»var mir nicht möglich, der Beerdigung ihrer Frau Schwiegermama beizuivohneu." B.:„Bitte, das lhut nichts. Vielleicht ein ander Mal!"— — Aus der Schule. Lehrer:„Weshalb hielten die Athener den Diogenes für einen Sonderling?" Schüler:„Er ging immer mit der Laterne ohne das Fahrrad durch die Straßen."—(„Lust. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In der Roininler Haide sorgt mau für die V er» n» e h r u n g der Störche. Man tritt dadurch den» Ueberhand» liehmen der kkreuzottern entgegen.— — In Hall« a. S.»var eine Fuge unter einer Thür deS städtischen Sitzmigssaales undicht. Diesem lästige» Umstand hätte bald abgeholfen werden können. So schnell macht es aber der B u r e a» k r a t i s m u s nicht. Vielmehr wurde erst eine Meldu>»g aiisgenonniien, diese Meldung ivauverie insianzenmäßig von Hand zu Hand, bedeckte sich mit einer Reibe von Gutachten und gelangte nach vollen fünf Wochen an den Hausmann— er solle namens des lllalhs eine Matte vor die Thür legen.— — In K l ü d e»(bei Gardelegen) schlich sich die junge Frau eines Arbeiters»nit einem scharje» Beil an das Bett ihres Mannes mid schlug den» Gallen den Kops ein. Am Abend vorher war zwischen de» Eheleuten ein Sireil gewesen.— — Die Eröffnung der ersten deutschen Handels» Hochschule Deutschlands in Leipzig hat an» Montag stallgesunden.— — In T e p l i tz(Böhmen) hat sich eine Greisin wenige Tag« vor ihren» hundertsten Geburtstage ertränkt. Sie hatte vorher wiederholt geäußert, sie erlrage ei» so langes Leben nicht, sie»volle nicht Hunderl Jahre alt»verden.— — Die Versteigerung des Nachlasses der Schauspielerin Wolter in Wien hat im ganzen 113 000 st. ergeben.— — Ueber P« t r i n j a(bei Agram) ging vor einigen Tagen ein stundenlanger Aschenregen nieder, der aus milrollopilch kleiner Pflanzenasche bestand— — Der Redakteur des„Journal de Lausanne" Rochat ist bei einer Boolsfahrl ans dem Genfer See ertrunken.— — Ei» neuer Skandalprozeß steht in Brüssel in Aus- ficht. Die Polizei hat einen der„feinen" Zigarrenläden geschlossen. in dene» von den Inhabern, meist zweiselhasten Mädchen und Frauen, unsaubere Geschäste verhandelt werden. Die Untersuchung hat bereits arge Enthüllungen gebracht.— — Bei einem Einbruch»vurden einein Brüsseler Bilder- Händler 300 000 Franks in Aktien gestohlen.— Veranlivortlicher Redakteur: Angnst Jarobey in Berlin. Druck»ind Verlag von Max Vading in Bertur.