Nnterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 84. Freitag, den 29. April. 1898. (Nachdruck verboten.) Der Schiffsjunge. 10] Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autoriflrte Uebersetzung von E. Brausewetter, vn. Bollständige Windstille und eine schreckliche Hitze. Oben der Himmel blau und mild. Unten schlief das Meer blank und blau und ohne Kräuselung in der glühenden Mittags- sonne. ,Merry Schnor" war ei» kleines Fleckchen, der lebende Mittelpunkt in der großen, ausgestorbeneu Welt. Irgendwo am Horizont hoben sich ein paar schneeweiße Wolken grell gegen den Hintergrund ab, als wären sie von einer derben Hand dort ausgesprengt. Ans der anderen Seite lag ein schwarzer Ranchstreisen von einem Dampf- schiff, das seit langer Zeit verschwunden war. Er wurde immer matter in der Farbe, ganz grau und verschmolz schließ- lich mit dem Blau. „Merry Schnor" gehorchte heute nicht dem Steuer. So langsam, daß es gar nicht sichtbar war, ohne Rücksicht auf den Kompaß, trieb sie im Kreise herum. Alle Segel waren auf; aber sie hingen, ohne sich zu rühren, wie nasse Tücher, die zum Trocknen ausgehängt sind. Längs jeder Planke des Verdecks lag ein Streifen ge- schnlolzenen Peches, ans dem die darüber Gehenden ausglitten. Der Theer tropfte nnd rann langsam hinunter, und die An- malung bildete große Beulen, die sprangen, und alle Butter an Bord war flüssig wie Milch. Die glühende Hitze hatte alles Lebende zum Schweigen gebracht. Die Wiatrosen gingen ganz bedächtig, wenn sie das Deck überschreiten mußten. Plauderten sie bei der Arbeit, ge- schah es still und gedämpft, wie in einer Kirche. Auf jeden Laut wurden sie aufmerksam, als wärmer etwas Neues, Fremdes, und sie machten Bemerkungen darüber. Manchmal kam der dicke, breite Steward aus der Kom- büse, lehnte sich an die Wand und schüttelte energisch den Kops, so daß die Schweißperlen ringsum aufs Deck herabregneten. Dann wischte er sich Hals und Gesicht ab. Oder er kam mit einem Kübel Waschwasser oder Speiseresten augeschlendert und goß ihn über die Reeling, so daß es im Waffer platschte. Alle blickten auf. Selbst„Jack", der sich im Schatten des Kajütcngangcs verkrochen halte, hob das eine Auge ein wenig aus. Dann schlummerte er weiter, bis jemand über ihn hin- wegschreiten mußte, um in die Kajüte hinabzugelangen. Dann hob er wieder ein wenig das eine Auge und schlief weiter.-- Bcnn stand am Steuer, nur mit einem Hemde, einer Hose, Schuhen und einem alten Strohhut bekleidet, der von der früheren Mannschaft liegen geblieben war. Die Hitze hatte ihn stark angegriffen und erschöpft. Sein Gesicht und seine Hände waren sonnverbrannt; aber die Farbe ivar mehr kränklich, als frisch. Das magere, hohläugige Aussehen, das er während der vierzehn Tage, da sie in der Nordsee lagen, bekommen hatte, war noch nicht verschwunden. Wie er dastand und sich bald auf der einen Hüfte, bald aus der anderen ruhte, sah er fast wie ein Nekonvalescent aus. Vor ihm, sechs bis sieben Schritte entfernt, aus der Backbord- Seite lag Frau Merry Olsen und las. Sie hatte sich eine Matte untergelegt,»m nicht mit dem Pech in Berührung zu kommen. Ein mächtiger Regenschirm war über sie aus- gespannt. Mehrmals, wenn die Sonne sie traf, weil die Schute sich drehte, stellte sie den Schirm um, so daß sie wieder Schatten bekam. Ben» hatte cS aufgegeben, die Schute auf dem Strich zu halten. Er begnügte sich damit, das Steuer richtig zu stellen und überließ es dann ihm selbst, für den Kurs zu sorgen. Seit er zum Steuer gekommen, war- die Kapitänin für ihn hinter dem Schirm verborgen gewesen. Plötzlich drehte sie sich aber herum: die Schute war so sehr um die Runde ge- iricben, daß die Sonne sie traf. Und nun sah er sie da liegen und zu ihm hinaufgucken. „Heut' ist es leicht zu steuern!* „Es ist ganz unmöglich, Frau Kapitän." „Und dann ist das Steuern noch langweiliger, als sonst. Nicht wahr „O, ich bin noch so neu, daß mir nichts langweilig erscheint." Eine kleine Pause. Sie blickte zerstreut in ihr Buch. Ihre Augen suchten ohne Interesse die Stelle, wo sie aufgehört hatte. Sie las mit müder Miene einige Zeilen und richtete dann den Blick aus das Meer hinaus. Plötzlich blickte sie auf: „Es ist wahr, Sie haben mir noch nicht erzählt, warum Sie Seemann wurden." Sie lächelte so schlau, als wollte sie sagen:„Ich habe das nicht vergessen," und hielt den Blick aus sein Gesicht ge- richtet. „Darüber ist nichts zu erzählen," sagte er und sah bald hinaus, bald in den Kompaß hinab. Daß sie heute mit dieser Frage kommen würde, hatte er am wenigsten erwartet. Er fühlte, daß sie ihn anstarrte, daß ihr Lächeln schwand, ihr Blick ernst und forschend wurde, wie es oft der Fall war. „Seien Sie kein Geheimnißkrämer." Pause. Da drehte sie mit raschem Griff den kolossalen Regen- schirm herum, so daß sie ihm wieder verborgen war. Kein Wort, kein Nicken. Beleidigt! Puh!... Warum log er nicht? Es hatte doch keinen Zweck, sie zu kränken. Sie war doch wirklich so freundlich und ivohlwollend gegen ihn gewesen, etwas wunder- lich war ja ein solcher Einsall von ihr, aber all' dies« Menschen hier waren ja so wunderlich.... Wenn sie ihm nur noch einmal fragen wollte: Er wartete und wartete. Nein, sie blieb versteckt. Er wurde ganz verstimmt, fast ängstlich und war mehrmals im Begriff auszurufen:„Frau Kapitän!" Ein Weilchen später war sie genöthigt, den Schirm wieder umzusetzen, sodaß er sie wieder sehen konnte. Aber sie las nun eifrig, blickte nicht aus, und ihr Gesicht war hart und unzu- gänglich. Der Junge hatte ein Gefühl, als wäre der einzige Lichtpunkt in seinem traurigen Leben erloschen.� Dieses Er« eigniß schmerzte ihn und setzte ihn zugleich in Erstaunen. ES war so plötzlich, so unerwartet gekommen. Er konnte eS fast nicht glauben, daß die kluge, hübsche Dame sich durch ihn be» leidigt fühlte. Bald kam ein Matrose und löste ihn ab. Als Ben» fort« ging, hielt er ihr den Kopf zugewandt, so lange noch ein« Wahrscheinlichkeit vorlag, daß sie seinen Gruß bemerken könnte. Aber sie blickte garnicht auf. Daß sie so hart sein konnte! Es würde vielleicht lange Zeit vergehen, bis er wieder mit ihr reden könnte.... Er unterdrückte seine Rührung mit aller Gewalt und dachte ver« ivirrt daran, wie leicht ihm das Weinen kam, seit er sich an Bord befand. In der Roof saßen einige von der Freiwacht beim Kaffee. Er trank schnell eine halbe Tasse nnd ging dann hinaus, da er fürchtete, den Kameraden seine Bewegung zu verrathen. Aus Deck wußte er noch weniger, wo er hin sollte. „Benn, geh hinauf auf die Fockraa und nimm die Seisinger auf, die herabhängen," sagte der Steuermann. Der Junge kletterte hinauf. Während er über der Raa lag, hörte er Jokum bemerken: „Nein, seht den langen Gorilla da oben. Nehmt Euch in acht, sonst bekommt Ihr ihn noch auf den Schädel!" Alle lachten nnd guckten in die Höhe. Nun begannen endlich Beun's Thränen zu fließen. Er ivagte nicht achterwärtS zu sehen, ob sie noch dort lag und den Hohn seiner Kameraden hörte. Wieder überkam ihn das Einsamteitsgefühl, unter dem er in den ersten Wochen an Bord so gelitten hatte. In diesem Augenblick winkte ihm keine srohe Hoffnung. Auch das Ver- sprechen der Frau, für seine Abmusterung zu sorgen, konnte ihn in diesem Augenblick nicht trösten. Dann guckte er in die Höhe nach weiteren losen Seisingen und wurde eine ans der Marsraa gewahr. Er ließ sich gut« Zeit, damit seine Erregung sich erst legen konnte und di« Thränen fort waren, bis er hinabstieg. Eine leichte Röthe stieg am Horizont in Nord-Nord-Ost auf. Sie wurde immer dichter und breitete sich aus, wälzte sich dick und schwarz, wie von einer Feuergluth in der Tief« herauf. Die kleinen weißen Wollen waren groß nnd rauch- artig grau geworden. Ein schwüler Hauch kräuselte die Meeresfläche und schlug die Segel gegen die Raaen, so daß die Scholen rasselten. „Venn rauf, mach' den Großtopp fest! Jokum kann den Nortopp nehmen!" Wie er au den Wanten hinaufkletterte, bebte er vor Angst. Es war ihm einmal passirt, daß er bei starkem Winde das Segel nicht festbekommcn hatte, sodaß ein anderer nach und ihm helfen mußte. Er guckte einen Augenblick achterwärts und wurde gewahr, daß die Frau ausstand und in die Kajüte hinabging. So würde sie also nicht sehen, wie ungeschickt er war, und wie schrecklich die Kameraden ihn höhnten, wenn es ihm droben schief ging. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht herab, ehe er noch den Topp erreichte. Die Temperatur war in den letzten Minuten noch schwüler und drückender geworden. Er legte sich über die dünne Raa, schloß die Augen und fühlte die Schweißperlen ans seine Hände hcrabtröpfeln, während er fieberhaft schnell das Segel aufrollte. Ein Weilchen später öffnete er die Augen und maß mit einem Blick die schreckliche Tiefe. Wenn er fiel, würde er unlcn aus der Pumpe zer- schmetterr werden! Er sah dasselbe Bild vor Augen, wie das erste Mal, da «r hier oben war: eine blutige Masse auf dem Deck. Und grausend schloß er wieder die Augen. Er schwang sich auf die Backbordseite hinüber und guckte einen Augenblick achterivärts: vielleicht war sie wieder auf Deck gekommen! Im selben Augenblick schlug ein Wind- stoß die Besan zur Seile, und er sah sie durch das offene Oberlichtfenster zu ihm hinaufstarren. Sie entschwand ebenso schnell, wie er den Blick auffing, aber er empfand doch eine unendliche Freude. Daß sie ihn im Auge behielt, sich um ihn sorgie, eröffnete seinem Blick eine ganz neue Perspektive. Er stieg die Wanten herab und streckte seine Glieder im Gefühl eines berauschenden Glückes. Nun durfte er flüstern: Sie hat mich gern, gewiß sie hat mich gern; das sieht man doch!... Sie stand aus einem Stuhl, um bis ins Oberlicht- senster hinauf zu reichen.... Vielleicht mußte sie noch einen Scheniel auf den Stuhl setzen.... Ha, ha, ha.... Die Oberlichlfenster und Luckfenster vorn und achter schlugen plötzlich mit klirrendem Laut, wie Glas zu. Die Leute sprangen von einem Segel zum andern und hißten sie auf, aber ohne sie festzumachen, denn die Wolken wuchsen ständig. Oben in Nord-Nord-Osten thürmten sie sich zu einer schwarzen Wand auf. Schwere Regentropfen fielen vereinzelt mit kurzem Platschen auf das Deck und das Kajütendach und mit leisem Plumpsen ringsum in das Meer. Dann kamen die Tropfen dichter und schneller: ein Sausen fuhr über das Meer hin, nahm zu und wurde zum Sieden und Brausen. Der Regen glich schwarzen, fingerdicken Stöcken, die pfeilschnell durch die Lust herabsausten, als würden sie aus den Wolken oben herausgestoßen. Sie wimmelten hernieder und spritzten vom Deck und Dach, von der Reeling und den Raaen wieder empor. Jeder Gegenstand, den der Regen traf, spritzte Wasser von sich. Die Schute begann ein wenig zu laufen, sich hin und her zu wiegen und kleine dunkelgrüne Wellen plätscherten gierig an den Seiten empor. Die ganze Mannschaft stand in Oelkleidcrn unter dem Dach des Roofganges und wartete darauf, daß der Regen vorübergehen sollte. Der Steuermann hielt sich im Kajüten- gange auf, machte aber mitten im Regen hie und da ein paar Schritte in Luvwart hinauf und in Lee hinab, um nach den Wolken zu sehen. Der am Steuer war der einzige Mann an Bord, der unter freiem Himmel stand. Den Kameraden vorn erschien er wie ein gelber Gegenstand von unbestimmbarer Form. Das Licht brach sich durch die dicke Wasserwand, sodaß die Linien verwischt wurden. Venu saß ganz hinten im Roofgana, völlig von seinem Glück erfüllt. Schlechtes Wetter hatte sonst immer seine gute Laune verdorben, seit er auf der See war. Aber jetzt achtete «r nicht aus die Kameraden, die einig darüber waren, daß nun aus dem Unwetter nichts würde, da Regen gekommen war. Er wußte nicht, daß er ein solches Wetter bisher noch niemals gesehen hatte. Er dachte nur daran, welchen Tag er wieder würde in der Kajüte Messing putzen müssen, und rechnete aus, wann sein Steuerdienst wie heute auf die Nach- mittagswache treffen würde. Er rechnete mehrmals nach, um ganz sicher zu sein.— (Fortsetzung folgt.) Die �eiee des!♦ Mai im Norden troe 300 Jahren. Der Valborgs-Tag. oder der I. Mai, ist im Norden schon in uralten Zeilen ei» Festlag zu Ehren des Frühlings gewesen. Das Valborgs-Fest wurde dadurch eingeleilet, daß am Abend vorher Feuer aus den Höhe» angezündet ivurden. Dieser Brauch ist noch heule in vielen Gegenden des Nordens allgemein üblich. Die Haupiznge des Festes waren in Dänemark und Schweden sol« gende: Vom frühen Morgen an waren Alle, sowohl in der Stadl, wie im Dorfe, aus den Beinen. Die ganze waffenführende Mannschast versanimelte sich an einer verabredeten Stelle. Der, dem die Mittel es erlaubten, erschien zu Pferde, die anderen zu Fuß. Sicherlich war es nur eine Ausnahme, wenn es in betreff der Frühlingsfeier im Jahre 1549 in Btalinö hieß:„Alle sollen sich zu Pferde einfinden, und zu Wage» alle diejenigen, welche nicht reiten können." Alle sollten bewaffnet,„wohl gerüstet," an dem bestimmten Orte erscheinen. Im Jahre 1569 liest man hierüber:„Der grüne Mai ward von 230 Personen unter vollem Gewehr eingeleitet, von welchen 31 Rüstungen lrugen, 52 mit Büchsen, 85 mit Hellebarden und Spießen bewaffnet waren." Auch die ülrmen konnten sich auf dem Sammelplätze einfinden.„Das arme Volk," heißt es,„welches sich kein Rüstzeug hallen kann, kann doch mit«palen, Acxtcn und Beilen am Feste theilnehnien." Auf dem Lande war der Sammelplatz einer der Bauernhöfe, den man dazil bestimmt hatte; in de» Slädte» trafen sich die Theil- nehmcr meist vor dem Hause eines angesehenen Bürgers. „Alle St. Knulsbrüder treffen sich vor der Thür des Alter« mannes", heißt es in Malinö 1549. Wenn die Schaar sich ver- sammelt hatte, ordnete sie sich zum Zuge. Das Ziel war der nächste Wald. Nachdem man dort angelangt war, mußte man erst einen Maigrafcn wähle». Gewöhnlich wurde derjenige für der geeignelste gehalten, der das meiste und beste Bier in seinem Keller halte. Sogar in Lund, wo man, wie es scheint, die strenge Gerechtigkeit walten ließ, die Maigrasen nur nach den Jahren, in welchen sie in den St. Knutsvcrband eingetreten waren, zu wählen, ließ man doch einem Ehrenmann mit gnlem Bier ein Pförtchen offen, indem man hinzufügte:„soweit nicht derjenige, an welchem die Reihe ist, der Ehre halber einem Adeismanne, oder einer anderen geachteten Person, die Mai» grafenwürde anbieten will." Das Bier, welches so von den betreffenden zum besten gegeben wurde, war allmälig der für die Maigrafenwahl bestimmende Punkt geworden. Nicht umsonst wurde derselbe am Vormittage der erste Mann auf dem Festplatze— dafür sollte er am Abeud traktr.en. An mehrere» Orten gab es auch eine bestimmte Taxe, wieviel gespendet werden mußte, z. B.:„Eine halbe Wagenlndmig guten, deutschen Bieres, Bezahlung für Becher und Spielleute, sowie für sämmllichen Maistaat für den Festzug und zur?lus« schmückung des Hauses." So kounle unter Umstände» die Mai- grafenwürde theuer genug zu stehen kommen. Viele suchten sich auch derselben zu einziehen, indem sie wichtige Geschäfte auf diesen Tag legten, oder solche vorgaben, so daß sie das Dorf oder die Stadt verlassen mußten»ud so nicht an der Wahl theilnehmen konnten. Man wußte sich jedoch solche„Drückeberger" aus ver- schiedene Weise zurückzuhalten. I» Malmö wurde 1549 beschlossen, daß diejenigen, welche sich ohne gillige» Grund von der Feier aus- schlösse», eine Tonne Bier als Sirase erlegen mußleii, und a» einem anderen Orte wurde einige Jahre später besthinnt:„daß jemand, der am Valborgstage nicht erschiene, doch ivohl zum Maigrafen ge- wählt werden könne; man solle nur den Maikrnnz an seiner Thür niederlegen und seiner Frau das Bier abfordern." Als Zeichen seiner Würde empfing der neugeivählte Maigraf nämlich draußen im Walde einen Kranz, welcher entweder vergoldet ivar und um den Hut getragen wurde, oder sehr weit ivar und über der Schulter hing. Die erste Handlung des Maigrafen draußen im Walde scheint, wenigstens in mehreren Gegenden, die gewesen zu sein, eine„Mai- gräfin" zu wähle». Hierauf wurde ein jeder der übrigen Theil» »ehmer des Zuges mit einer Maibraut versehen. Das äußere Zeichen dieser zusälligen Verbindung bestand in einem kleinen Blume»- kränze, der ihr von dem Manne überreicht wurde. Diese Kränze wurden am Abend vorher, am Valborgs-Abend, gebunden, und die ledigen Frauen hierzu besonders eingeladen. Sie hatten eine sinnbildliche Bedeutng und bezeichneten„Jungfernkränze". Nachdem die Mai- braute so gewählt ivaren, gab der Maigraf den Befehl, daß alle sich zur Heimfahrt rüste» sollten. Was dieser Befehl zu bedeuten hatte, sollte der Wald bald empfinden: Alle Mai-Feier»de» brachen um die Wette die jungen Zweige und Schößlinge von de» Bäumen. Mit diesen in de» Händen rückte der große Zug unter Gesang und Jubel, Pfeifen- und Trommel- klang nach der Stadt oder dem Dorfe; der Zug bot aus der Ent- fernung einen Anblick, als käme der ganze junge Wald aus dein Wege daher. Diese„Heimfahrt" war es, welche den Mittelpunkt des Festes bildete und ihm diesen Namen gegeben hatte. Beiderseits in de» Ortschafte» am Oeresund hieß es:„Den Mai ins Dorf reiten." Der Sang, der von allen Theilnehmern des Zuges angestimmt wurde, war das sogenannte Mailied. Es existiren keine sicheren. zuverlässigen Angaben, wie dieses Lied im 16. Jahrhundert gelautet hat. SS giebt nur eine Sammlung späterer Aufzeichnungen. Das Mailied war unendlich insofern, als es sich beständig durch neue Zudichtungen verlängern ließ. Der Prediger Jens Madsen Geltorp erzählt selbst, wie er, als er im Jahre 1613 in Landskrona Lehrer war, jedes Jahr neue Reime hinzu dichtete, die an den Maisesteu abgesungen wurden.— Sobald der Zug zurückgekehrt war, herrschte in der Stadt oder im Dorfe eitel Freude und Jubel. Diese Stimmung reichte bis tief in die Nacht hinein und äußerte sich auf ungleiche Weise: in dem Tanze der Jugend um die errichtele„Maistange", in Scherz und Spiel, und vor allem in dem großen Maigrafen- Feste, das in dem Hause des gewählten Maigrafen abgehalten wurde. Dieser war selbst Vorsitzender bei dem von ihm gehaltene» Biergelage und hierauf Vortänzer im Saale. Tanzte er mit einer »ehrlichen, ehrenwerthen Frau", so sollte» alle anderen auch eine solche auffordern..Nimmt er dagegen ei» Mädchen, so sollen alle mit Mädchen tanzen; derjenige, welcher anders thut, büße dafür jedesmal vier Schillinge". Um so viel wie möglich den guten Ton aufrecht zu erhalten und aleichzeilig eine höchst»olhwendige Hilfe zur Anschaffung des vielen Bieres zu haben, setzte man für alle Verstöße gegen die Regeln des Anstandes Strafgelder fest. Je reichlicher diese einfloffen, desto reicher war auch die Bewirthnng. Mau bekommt eine Vorstellung von dem damaligen Gesell- fchaftston, wenn man diese Slrafbcstimniungen durchliest. So kostete es z. B. eine Tonne Bier, wen» man sich betrank und Haus oder Hof verunreinigte; zwei Tonnen Bier, wenn man etwas Un> schickliches sagte oder eine Frau oder ein Mädchen beim Tanze hoch emporhob. Für den passenden Ton unter den Männern war durch Strafen, wie diese, gesorgt: „Wer einem Bruder flucht oder ihn hinwirst, erlege»ine Tonne Bier." „Wer einem Bruder eine Ohrfeige giebt, oder ihn hart an der Nase nimmt, bezahle vier Tonnen Bier." „Dasselbe bezahle derjenige, welcher im Zorne das Messer oder Schwert zieht." „Schlägt aber jemand einem Bruder mit dem Becher oder das Bier ins Gesicht, der bezahle sechs Tonnen" u. s. w. So gestaltete sich in früheren Zeiten im allgemeinen das Lebe» am ersten Mai.— RudolsGrüne. Vlrittvs Fcltillekon. eck. Der erste Klient. Im Hanse eines reichen Kaufmanns fand«ine glänzende Gesellschaft statt. Einer der Gäste, ein be- rühmter Rechtsanwall, machte den Anwesenden inlereffante Mit- theilnnge» über seine glänzende Karriere. „Als ich meine erste Vertheidigung übernahm." bemerkte er unter anderin,„besaß ich nieine jetzige Ruhe und Kaltblütigkeit»och nicht, ich war im Gegentheil äußerst nervös und ausgeregt. Es war freilich auch ein verzwickter Fall. Mein Klient war nämlich «in durchtriebener Schurke, ei» Hallunke, von dessen Schuld ich selbst so überzeugt war, wie jeder andere. Indessen er stanimle ans einer angesehenen Familie. Nun, ich war damals ei» Anfänger, aber ein Feiiergeist, ich übernahm den Fall, setzte meine beste Kraft daran und schwindelte den Lumpen glücklich durch. Was später aus ihm geivorde» ist, weiß ich nicht. Mir ist er nicht mehr unter die Finger gekommen."-- 'Als die Tafel eben aufgehoben werde» sollte, traf noch ein verspäteter Gast ei», der soeben von außerhalb angekommen war, eine stattliche und respektgebietende Persönlichkeit mit sehr viel Selbstbewußtsein, die der Hausherr als seinen besonderen Intimus bezeichnete und seinen übrigen Gästen vorstellte. Als ihm die Namen der letzteren genannt wurde», und die Reihe an den Ziechtsamvalt kam, bemerkte der pompöse Mau» mit gönnerhafter Miene und wichtiger, weithin vernehmlicher Stimme: „O, uns Beide brauchen Sie nicht miteinander bekannt zu machen, wir haben schon einmal im Leben miteinander zu thun gehabt. Ja. ich darf wohl sage», mir verdankt der Herr seine ersten Lorbeer». Wer weiß, ob er das geworden wäre, wa? er jetzt ist, wen» ich ihm nicht zu einem glücklichen Anfang verholfen hätte. Ich war nämlich sein erster Klient."-- — Ans den westindischen Insel» ist die weiße Rasse sichtlich im Verschwinde» begriffen. Die Insel Martinique hatte 1848 noch 25 000 weiße Bewohner; im Jahre 1888 suchten nur noch 8000 Kreolen gegen 160 000 Vollblut- und Halbblut-Neger mühsam einigermaßen das Gegengewicht zu erhalte», heute sind auch diese dezimirt. St. Vincent ist verlasse»; Tobago eine Ruine; St. Marlin liegt halb in Trümmern; St. Christopher ist unwerthig geworden; Grenada von Weißen fast entblößt; St. Thomas,«inst der be- fuchieste, verkehrsreichste Hafen, ist im Zerbröckeln begriffen; vielleicht kann sich Trinidad noch einige Zeit halte», weil sehr große dort hineingesteckte englische Kapitalien ihre Ein- siüsse ausüben, und eine zahlreiche Kuli-Einwanderung den Afrikanern gegenüber noch mächtig zu sei» scheint. Sonst aber dürften die einstigen Sklaven-Rassen dazu destimmt sein, Herren der Inseln zu werden und statt der einst so grausam ver- tilgten Urbewohner, der Indianer, jene Landstriche in Zukunft zu beherrschen. Denn während das tropische Klima die Willenskraft und Energie der nordischen Raffen lähmt, ja oft völlig zur Er- schlaffung bringt, bchagl es der Natur der Neger»ach jeder Rich- tung; und während die mit so viel Heroismus und Verbrechen her- gestellte Kultur und erbauten Städte in Trümmer gehe», erwachsen dem Erdbode» aus den Ruinen jene zahllosen Hütten der sich mit erstaunlicher Fruchtbarkeit vermehrenden afrikanischen Stämme. Die Natur, mit ihren wiederholten Erdbeben, furchtbar wüthenden Orkanen und ihrer mächtigen vegetabilische» Kraft hilft ohnehin das Zerstörungswerk vollenden, so daß Bauten, die in kälter» Gegenden Jahrhunderte überstehen, hier in eben so viel Dezennien in Trümmer hinabsinke».—(„N. Pr. Z.") Literarisches. —I.— Alvide Prydz:„Gunvor auf Haerö". Autori- sirte Uebersetzung von Ernst Brausewetter. Leipzig 1897. Georg H. Wigand.— Das vorliegende Buch ist eines jener nordischen Literaturerzeugnisse, die durch Einfachheit der Sprache und plastische Klarheit der Schilderung«inen so vornehmen Eindruck aus- znübe» wiffen. Gunvor aus Haerö, die letzte ihres Stammes. ist ein starke? und zugleich eigenartiges Mädchen, voller Klugheit und Herzensgüte. Sie hat ihre Neigung dem jungen Mediziner Sven Torgersen geschenkt, der in leicht- sinniger Weise mit der Liebe und dem Gelde seiner Braut umgeht. Als Gunvor einen Einblick in das Prival-Leben ihres Verlobten bekommt, löst sie das Verhältniß zu ihm auf. Es kommen Tage und Wochen einer einsamen, stillen, doch nicht weichlichen Traner, bis der Hardesvogt de» finsteren Bann löst und Gunvor's Liebe gewinnt. Aber auch diese Neigung soll nicht ausreifen; Gnnvor entdeckt, daß der Hardesvogt dem Trünke ergeben ist. Nach langen, schweren Kämpfen sagt sich das Mädchen von ihm los, um wenige Tage daraus durch einen Sturm ei» Grab in den Wellen des Meeres zu finden.— Die etwas breit angelegte Geschichte weiß, trotz der flotte» und stimmungsvollen Uebersetzung, doch nicht in dem Grade zu interessiren, wie eS die Nordlandsgeschichten gewöhnlich thun. Die Details sind allzu sehr mit Vorliebe behandelt und sorgfältig ausgepinselt, so daß das eigentliche Thema gewissermaßen nur so nebenbei mit unterläuft.— Archäologisches.' — Interessante archäologische Funde sind vor einiger Zeit in Umbrien in den Ruinen einer noch in ihre» Umfassungsmauern kenntlichen antiken Stadt bei Civita Alba gemacht worden. Es wurden, wie die„Verl. Phil. Wochenschr." nach einem ausführlichen Berichte in den„Not. degli scadi" mittheilt, zahlreiche Reste von Straßeupflaster, Hansmauern. Kunst- gegenständen, besonders große Terrakottagruppe» gesunden, die einiges Licht über jene noch namenlose antike Stadt verbreiten. Danach scheint die Stadt keine römische Gründung, aber vor dem Jahre 293 v. Chr. erbaut zu sein. Die bemerkeiiswerthesten der ge- sundene» Terrakottafiguren sind drei Gruppe», von denen die erste die schlafende Ariadne, von Satyrn überrascht— süns Figuren, wie «ine Giebelkrönung angeordnet— darstellt, die zweite eine» ähn- lichen Gegenstand, nur anders komponirt, während die dritte Grnppe ei» ganz nenes Motiv darstellt, indem zivet weibliche gc- flügelle Figuren zwei Zipfel eines großen Tuches heben und so eine Art von Umrahmung für eine Figur in der Mitte, die nicht erhalte» ist, bilde». Ueber der Mitte erscheint schwebend eine drille Flügel- figur, die wohl einen Kranz über die sehlende Figur hielt. In diesen Gruppen, welche die Giebelkrönungen eines Tempelchors ge- bildet haben mögen, wurde eine zweite Reihe kleiner Figuren gefunden, die zu dessen Fries gehört zu haben scheinen. Sie stellen einen Kampf gegen Gallier dar und bieten interessante Vergleiche mit den Pergamenern. Dargestellt sind Gallier aus dem mit zwei Pferden bespannten Streitwagen. Fußsoldaten mit dem viereckigen Schilde und langem Haare, Barbarenköpfe mit Adlernasen, die Leiber nackt oder nur wenig bekleidet, dazwischen eine Figur der Artemis, in der ganzen Haltung der Artemis vom Pergamener Altar so sehr entsprechend, daß es wahrscheinlich ist, daß der Meister von Civita Alba den Pergamener Altar gesehen habe. Die Gallier sind als Plünderer dargestellt, zum theil mit geraubten Gefäße». Die Skiilpture» sind jünger als der Pergamener Altar aus dem zweite» Jahrhundert v. Chr. Künstlerisd, gehören sie zur italisch-etruSkischen Skulptur der alexandrinischen Zeil. Die Gallierstaluen sind be- deutend durch die Gesichtsbildung, die Tracht und durch das dar- gestellte Ereigniß. Von besonderem Interesse sind die Giebel- krönungen mit Dionysos und Ariadne. Die Darstellungsart ist malerisch, d. h. die Figuren auf verschiedenem Niveau, zum theil hinter einander. Dionysos wie Ariadne und die Niederlage der Gallier sind in italo-etruskischen Denkmälern noch nie in so alter Zeil gesunde». Die erwähnten Funde sind bei einer zufälligen Grabung für eine Baumpflanzung gemacht worden.— Medizinisches. —„Theorie Schenk". Aus Wien wird gemeldet: Das Werk des Professors Schenk über die Beeinflussung des Geschlechts- Verhältnisses ist unter dem Titel„Theorie Schenk" erschienen. Pro- fessor Schenk führt aus: Zuckerkranke Frauen bekommen fast durch- schnittlich weibliche Nachkommen. Es haben nun genaue Harn- Untersuchungen ergeben, daß es Frauen giebt, die, ohne zuckerkrank zu sein, nur weibliche Nachkommen haben; doch fanden sich in deren Harn ganz minimale Zuckerspure». Schenk versuchte, diese minimalen Zuckerspuren zu entfernen, indem er diesen Frauen kohlenstoffreiche Nahrung soviel als möglich entzog und dafür eine große Menge Eiweißsubstcmzen(Fleisch. Fische u. s. w.) zuführte. Ei gelang i» mehreren Fällen, den Zucker ganz zu entfernen und männliche Nach- kommen zu erziele». Weitere Untersuchungen ergaben, daß auch ein Gewicht auf dir sogenannten reduzirenden Substanzen(Harn- säure, Harnfarbstoff, Kreatinin) zu legen ist. Schenk fand, daß diese reduzirenden Substanzen im Harn sich in jenen Fällen. wo eS sich um einen männlichen Nachkommen handelte, ver- mehrt zeigten, so daß er zu der Schlußfolgerung gelangte: Um männliche Nachkommen zu erzielen, darf im Harn kein Zucker sein; die reduzirenden Substanzen aber muffen vermehrt sein. In solchen Fällen, wo Harnzuckcr nicht eutfernbar ist, ist es nach Schenk's Ansicht unmöglich, einen Einfluß auf das Geschlecht zu nehme». Hat mau, sagt Prof. Schenk, die Grundzüg« dieser Lehre vor Auge», so ist es begreiflich, daß man in gewiffen Fälle» in der Lage sei» kann, männliche Nachkommen durch unsere Einflußnahme zu erziele». Der Wunsch aber, weibliche Nachkommen zu erhalte», bleibt eiue Forderung, für die man bisher keine direkte Weisung geben kann. Schenk führt dann ans, seine Methode wirke um so sicherer, je früher sich die Frau der Behandlung unterziehe. Diese Behandlung soll mindestens zwei Monate vor der Befruchtung beginnen und bis zum dritten Mouat der Schwangerschaft forlgesetzt werden. Es sei nothivendig, daß die Frau in dieser Frist sich sortgesetzt de» ärztlichen Rath- schlügen unterwerfe. Die Ernährung des Weibes richte sich»ach der Art der Verarbeitung der Nahrungsmittel und hänge nicht allein von diesen ab; ob und ivie Nahrmigsmittel in entsprechender Weise beim Verbrennungsprozesse ausgenutzt iverden, bleibt für den Zweck von Wichtigkeit.— Aus de»» Thierlebe«. — u. Sim uliren de Schlangen. Die bei gefangenen Käfern und anderen Insekten so bekannte Erscheinung, daß sie die Füße an sich ziehen und unbeweglich bleiben, als ob sie todt wären. eine Erscheinung, die man übrigens auch bei kleinen Vögeln und sogar bei kleinen Säugethieren beobachten kann, ist jüngst, und zwar gleich von drei Beobachtern, unabhängig von ein- ander, auch bei Schlangen wahrgenommen worden. Findet die gefangene Schlange kein Mittel, zu entfliehen, so fällt sie schlaff zusammen, öffnet den Rachen und läßt die Zunge unbeweglich Heraushängen; es nützt nichts, eine so todt scheinende Schlange irgeudwie zu reizen. Hebt man sie in die Höhe, so läßt sie den Kopf und Schwanz herabhängen; wird das Thier aber in ein Gefäß mit kaltem Wasser gebracht, so wird es sofort wieder lebendig. Es ist noch unentschieden, ob die Schlangen sich absichtlich todt stellen oder ob sie sich in einein eigenartigen Nervenzustand befinden. Einige Biologen meinen, die Thiere verstellen sich, um sich vor Feinden, welche keinen Kadaver fressen, zu schützen, andere Forscher aber traue» den Kriechthieren ein« so weitgehende Heber- legung nicht zu, sondern erklären das Ganze für eine Art Starr» krmups, der die Thiere infolge des plötzlichen Schreckes befällt.— Aus dem Pflauzenlebe». — Nachtdnftende Pflanzen, die bei Tag mehr oder weniger geruchlose Blülhe» habe», giebt es in großer Zahl; die Nachiviol« ist eine der bekanntesten davon. H. Theulier berichtet im „Jardin". daß zu denselben auch eine Dickpflanze Crassula lactea gehöre, die bisher für dustloS galt, aber nachts einen sehr feine» und starken Duft ausströmt, der zwischen Nelken». Heliotrop-, Nor- ziffen- mtd Jasminduft eingereiht werden kann. Die Pflanze ist be- sonders merkwürdig durch die Leichtigkeit, mit der die Blüthen auch bei Tage zur Dustentbindung gebracht werde» können, sobald man sie kurze Zekt an einen dunklen Platz stellt. Nirgends zeigt sich die unmitielbare Beziehung zwischen Belichtung»nd Dustunierdrückiliig so anfsällig wie hier. Der Dust dient solchen Nachlblühern be» kanutlich hauptsächlich dazu, Däinmerungs- und Nachisalter anzn- locken, welche fremden Blnmenstaub mitbringen und die Pflanzen be- fruchlen.—(„Prometheus.") Mineralogisches. ie. Prüfung von Kohle mit Röntge n'schen Strahlen. Eine Entdeckung von ganz außerordentlicher Trag- weite soll nach„Industries and Iran" Caryl D. Haskins in Phila- delphia gemacht habe», wonach sich der Brenniverth der Kohle durch eine Untersuchung mit Rüntgen'schen Strahlen sofort ermitteln läßt. Der Brenniverth der Kohle steht in einem zuverlässigen Zlisammenhange mit dem Aschengehalt derselben. Ei» Kohle, die viel Asche zurückläßt, hat natürlich einen verhältnißmäßig geringeil Gehalt au breiinbaren Bestandtheilen und umgekehrt. Eine Äe- stimmiing des Aschengehaltes der Kohle kau» nun»lit ziemlicher Genauigkeit bei einer Diirchleuchtiing mit Röntgen'schen Strahle» gewonnen werde». Der Schatle», den ein Stück Kohle von gegebener Größe und Dicke ans dem fluoreszirenv«» Schirm hervorruft, steht hinsichtlich seiner relative» Tiefe in direktem Zusalnineiihange mit der Menge des aschcerzeugenden Stoffes, der in dem Kohlenstück eiilhalten ist. Wenn man vo» einer Reihe von Kohlenprobe», deren Aschengehalt bekannt ist, den Schatten daneben auf einen Schirm fallen läßt, so kann man leicht ermitteln, welcher dieser Proben die zu untersuchende Kohle in ihrer Zusammensetzung am nächsten steht. Man kann durch dieses Verfahren, das an die Bestimmung des Zuckergehalte? der Rüben durch das Polariskop erinnert, sofort de» Aschengehalt der Kohle auf den Zentner mit einer ziemlichen Genauigkeit angeben, ohne erst langwierige Heizversuche anstellen pi müsse».— Astronouiisches. — Die Massen der Planetoiden. Neue Unter« suchnngen von Roßel, Ravens und Harzer führen zu dem Schlüsse. daß die Tolalmaffe der kleinen, zwischen de» Bahnen von Mars und Jupiter kreisenden Planeten, deren Zahl am 27. August 1897 423 betrug, zusammen nur den zehnten Theil der Mondmasse, oder 13/ioooo der Erdinasse ausmache. Da die Entdeckungen sich jetzt ver« langsamen, so ist anzunehmen, daß die Mehrzahl der Planetoiden, soweit es sich um Sterne bis zur vierzehnten Grüße handelt,«ut« deckt sei. HumorifiischeS. — Wichtig für alle Interessenten. Für im Rede« nicht geübte Minister sind seit einiger Zeit gedrnckte Formulare in Anwendung gekommen, die sich bei den Versammlungen der ver» schiedensten Jnteressenverbände vorzüglich bewährt haben. Die Formulare haben folgenden Wortlaut: M. H.l Sie dürfen sich versichert halten, daß die Re« gierung die Entwickelnng �............ nach wie vor mit größtem Interesse verfolgt und ein warmes Herz für die Bedürfnisse �'........... hat. Treten Sie mit Ihren Wünschen an die Regierung heran und Sie werden finden, daß die Forderungen, einer wohlwollenden Prüfung unterzogen werden. Die Zettel sind nur so groß, daß sie zur Roth in einem Cylindn bequem untergebracht werden könne».— — Ein frommer I r l ä n d e r.„Patrik"— sagte ei» Priester zu einem Jrländer.—„wie viel Hen hast Du gestohlen?" „Ach, Ehrwürden, da will ich mich gleich zu dem ganzen Schober bekennen, denn in der erste» finster» Nacht werde ich mit meiner Frau de» Nest doch noch holen."— — So find d i e Menschen. Wenn ein Pessimist ein Haar aus seiner Zigarre zieht, flucht er ganz sicher; der Optimist betrachtet es mit Schmunzeln und sagt:„Na,'s ist demnach also keine Maschinen-Gemachte!"—(„Jngend.") Vermischtes von» Tage. — Der Literaturhistoriker der„Post" schreibt:„Anzen« grnber kann am 29. d. M. ein Jubiläum seiern. An diesem Tage vor fünfundzwanzig Jahre» trai derselbe zum erste» Male mit einem Bichnemverk, dem Schauspiel..Elfricde" in die Oeffenilichkeit, welches einen Mißerfolg hatte."— Bekanntlich ist Anzengruber im Jahre 1889 gestorben, und„Elfriede" ist nicht sein erstes Bühnen« werk.— — Eine sonderbare Anfgabe stellte sich eine französische Sängerin in H a m b n r g. Sie wollte, um Aufsehen zu erregen, ein Kopie der Avelte Guilbert in Stimme, Bewegung und Vortrag geben. Es soll ihr aber sehr wenig gelungen sein.— — Im Dorfe B n s ch e n bei Wohlan braiiiiten 7 Gehöfte nieder. Als der Brandfliftiing verdächtig wurde ein Stellenbesitzer verhaftet.— — Zwei Landwirlhe auf Krägeloh bei Zurstraße geriethen mit einander in Streit, als die Kühe des einen ans das Gebiet des andern übertraten. Der Besitzer der Kühe zog dabei einen Revolver und schoß mehrere Male auf seinen Gegner. Letzterer erlag kurz darauf seinen Verletznugen.— — Ans H a i n b a ch bei Wien wird berichtet, daß die Schwalben erst zwei Wochen nach dem Kuckuck und gegen andere Jahre um drei Wochen verspätet angekommen sind.— — Der bisherige Bezirksleiter vo» Sissck, Badovinac, reiste am Tage vor der Uebergabe des Amtes an seinen Nachfolger nach Wien ab und vergiftete sich in Steinbruck. Er hatte, wie darauf festgestellt wurde, Defraudationen in der Höhe von 20 000 bis 30 000 fl. verübt.— c. s. In Warschau hat die Mode, grüne Schuhe und Ha nd schuhe zu tragen, plötzlich aufgehört, da sich das Gerücht verbreitete, daß die grüne Farbe besonders während der warmen Jahreszeit leicht Blnlvergiftnng hervorrufen köniie.— V e. Säiiimllicheii Anhängern der im Kaukasus ansässigen Sekte der D u ch o b o r e n ist mit Ausnahme der im wehrpflichtigen'Alter stehenden Jünglinge gestattet worden, ins Ausland auszuwandern. Vorher müssen sie schriftlich auf ihre Rechte auf Land verzichten.— — In Glasgow wurden mehrere große Waarenbänser durch eine Feuersbrunst zerstört. Der Schaden beträgt 3 Millionen Mark.- Die nächste Nummer des Unterhaltuiigsblaltes erscheint Sonn- tag, den 1. Mai._ BeranlworU icher Redaklenr: August Jarobeq in Berlin. Druck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.