Anterhaltlmgsblatt des vorwärts Nr. 85. Sonntag, den 1. Mai. 1898. (Nachdruck verboten.) Der S�iMsjutrgv. 11� Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorisirte Uebersetzung von E. Brausewetter. vm. Einige Stunden später war der Himmel wieder klar. Die Wolken hatten sich unten am westlichen Horizont gesammelt: eine Masse glühender Brände, die nach und nach erloschen, während die dunkelgrünen Wogen sie in vielen kurzen, glitzernden Blinken widerspiegelten. Eine Weile, nachdem die letzte Gluth erloschen, sank die Asche zu einem grauen Streifen zusammen. Die Dunkelheit trat sehr schnell ein, und Himmel und Meer wechselten die Farbe. Große, weiße Sterne traten an dem dunkelblauen Gewölbe hervor. Das Meer, das kleine Wellchen hatte, be kam helle Streifen. Aber der Luftraum war ein träum- schwangeres Dunkel, das kühlend wirkte nach dem heißen Tage. Benn ging nach seinem Kopfkissen und legte sich auf eine alte Matte an Backbord nieder. Schon mehrere Wochen hatten die Leute wegen der schrecklichen Hitze nicht in den Kojen oder in Kojendecken liegen können. Sie schliefen gern unter freiem Himmel, auf dem Roofdach oder unter der Back. Benn wälzte sich auf dem Rücken herum und starrte in das leuchtende Sternengewimmel hinauf. Je länger er hinsah, desto mehr wurden ihrer, und desto heller ihr Glanz. Und das Meer wiegte ihn weich und sauft und summte seine monotone Weise dazu, wundersam ergreifend, bezaubernd. Er hatte in diesem Augenblick eine unbestimmte Ahnung, daß er sich einst, wie sehr er jetzt auch das Seeleben verabscheute, danach zurücksehnen würde, nach dem Meer in den stillen Nächten, an klaren Tagen, zum Meer in Freude, in Trauer und Roth. Er verlieh seinen Gedanken nicht einmal in seinem Innern Worte,' er ließ sich nur in etwas Süßschmerzliches hineingleiten, in etwas, dem er nicht widerstehen konnte, wenn er auch gewollt hätte. Er legte sich auf die Seite und schloß die Augen. Die Thränen perlten in ihnen hervor, und er ließ sie fließen, wie sie wollten, über das Gesicht und den Hals herab... Liebe, gute Mutter... ich habe keinen größeren Wunsch, als daß Du verstehen möchtest, was ich nun fühle... ich bin nicht mehr derselbe, siehst Du, wie damals, als ich von Hause fort- reiste, vor ein paar Monaten... Du lächelst: aber ich bin doch nicht mehr derselbe... Ich bereue, nicht gerade, weil ich bestraft wurde... aber ich bereue... vielleicht, weil ich Dich betrübte. Heute bin ich so froh gewesen... Jemand ist gegen mich gut gewesen, wie Du es immer warst... Ach, ich hätte Lust, ihr zu danken... ganz still auf den Kniecn zu ihr hin zu kriechen, dort, wo sie sitzt, und die Wange ganz leicht an ihr Knie zu schmiegen... ohne mich dagegen zu drücken, ver- stehst Du... nur weil sie so gut ist, so gut, wie Du... Liebe, liebe Mutter, Dich würde es erfreuen, wenn ich es thäte... Ich weiß. Du sagst: sei gut auch gegen sie und auch gegen alle diejenigen, die Dir nichts Gutes gethan haben ... Ach. Mutter, wenn ich sie doch froh machen könnte, denn auch sie ist nicht glücklich... „Du schläfst nicht, Benn. Worauf denkst Du?" Es war Oivind. der Wache hatte. Benn drehte sich auf den Rücken herum und blickte hinauf. Die Sterne flössen ihm infolge der Thränen ineinander. „Woran denkst Du?" murmelte Benn, um ettvas zu sagen. Oivind setzte sich auf das Deck und sagte flüsternd:„An die Schiffersfrau. Ist sie etwa nicht schön?" Benn anttvortete nicht. „Allzu schön für einen Seenmnn," murmelte Oivind. Kleine Pause. „Du findest sie vielleicht nicht besonders hübsch, Du?" Hub er wieder an. „O doch!" Oivind schwieg und dachte:„Er ist wohl so an feine, schöne Damen gewöhnt." Benn legte sich aui die Seite herum schloß die Augen und wünschte, schlafen zu können. Er fühlte, den Faden in seinem Brief an die Mutter würde er doch nicht wiederfinden.— IX. Die warmen Tage und die sanft kühlenden Nächte folgten einander im Passat so regelmäßig, wie die Wogenschläge in einer stillen Nacht auf dem Meere. Der Junge lebte sein eigenes Leben. Er war mit seiner Verliebtheit beschäftigt und mit seinen Briefen an die Mutter. Sie kamen bisweilen über ihn wie eine Inspiration, wenn er allein am Steuer oder auf Auslug stand, und sie wurden oft zu einer warmen Lobrede auf Frau Merry. Er wußte, daß er so nicht an seine Mutter schreiben konnte; aber so hätte er am liebsten geschrieben. Seine Verliebtheit bereitete ihm mehr Freude als Trauer. Ein Lächeln oder freundliches Nicken von ihr genügte, um ihn für einen ganzen Tag froh und heiter zu machen. Etwas anderes, das ihn auch in dieser Zeit beschäftigte, war die Natur. Es war, als wenn eine neue Fähigkeit in ihm emporgewachsen wäre, oder als wenn eine wenig entwickelte einen kräftigen Stoß.vorwärts erhalten hätte. Manchmal stand er ganz ergriffen und starrte auf das Meer hinaus. Da gab es Nächte mit dem gespensterhasten Schein des Mondes über der Himmelswölbung oben und über dem Meere unten, gleich einem unheimlichen Gespenst bewegte sich der Ausluger vorn auf der Back hin und her. Das Takelwerk und die Reeling zeichneten ihre schwarzen Silhouetten auf der See neben dem Schiff ab, und diese halbe Schute segelte lautlos dahin, ohne abzufallen oder vorbeizueilen. Und dann gab es Nächte ohne Mond und Sterne. DaS kalte, blanke Perlmutter des Heeres durchschnitten schwarze, geheimnißvolle Furchen. Aber rings um die Schutenwände glitzerte das silberweiße Meerleuchten, eine tiefe, schäumende Fcuermasse. Vorn auf Luvwart sprühten große Funken hinein, fielen rieselnd aufs Deck, zerbarsten, und es sprangen viele ganz kleine Fünkchen wie leuchtende Johanniswürnuhen nach Lee hinüber. Es gab Tage mit Sturm und Tage mit Stille, Tage mit weiß und blau und grau.-- „Seht den Venn, wie er da wieder steht und glotzt," rief Jokum. Venn schlug sogleich den Blick nieder. „Er glaubt, wir haben bald Land," meinte Jens Christian, der eine sehr geringe Meinung von Benn's Ver- stand hatte. „No, er glaubt sin Moder kommt auf dem Steamer." Der Engländer zeigte hinaus, als sähe er ein Dampfschiff am Horizont. Einer seiner Kameraden gaffte in der Richtung hinaus, in die er zeigte und Tom rief: „Seht, der erwartet ooch sin Moder auf dem Steamer," und lachte in seiner heisern Weise. „Nein, Benn bewundert die Schönheit der Natur, aber davon versteht Ihr Thranjacken natürlich nichts", sagte Jokum höhnisch und mit gemacht wichtiger Miene. „Teufel auch!" murmelte Jens Christian.-- Eines Morgens auf Tagwache. Die Sonne stieg roth und rund. groß und strahlend aus der Tiefe enipor. Das Meer und die Wolken flössen in Feuer und Blut, und der ganze Osten war ein einziger großer, brennender Krater. Eine matte Brise füllte die Segel, und die aufgehende Sonne goß eine eigenthümliche braunrothe Farbe über sie aus, sodaß sie lohfarben zu sein schienen. Die ganze Wache bis auf den Steuerer spülte Deck. Die Leute hatten die Hosen aufgekrempelt bis zu den Knien und klatschten barfuß in dem lauen Wasser umher. Das Kratzen der Schrubber und das Spülwasser, das durch die Speigatten in die See hinaus lief, war der einzige Lärm an Bord. „Benn, geh' in meine Kammer und hole zwei Schiffs- besen. Von den kleinen. Du weißt, die wir dazu gebrauchen, um die Malerei und das Glas abzuttocknen. Mach' aber � keine nassen Flecke auf den Boden und geh' leise, sodaß Du niemand weckst," sagte der Steuennann. Er hielt Benn an der Blousc fest, damit er nicht davonlaufen sollte, bevor er alles gehört hätte. Venn ging und trat so leise wie möglich in die Messe. Die Thürcn zu den verschiedenen Kabinen waren verschlossen, ausgenommen diejenige, welche zu der des Steuermannes 338— Athcn�üge der das laute Ticken zusammengehalte Stirn und zu di führte. Der Junge hörte die schweren Schlafenden durch die dünnen Wände und der Uhr oben im Oberlichtfenster. Dann ging er in die Kabine hinein. Während er noch nach den Schifssbefen suchte, wurde langsam und still eine Thüre geöffnet. Er guckte durch die Thürspalte und sah die Frau des Kapitäns den ktopf in die Messe hineinstecken, als wollte sie sich vergewissern, daß sich dort niemand aufhielt. Dann trat sie rasch, aber vorsichtig mit einem Wasserglase in der Hand herein. Der Junge stand, ohne sich zu rühren, mit zurückgehaltenem Athem. Sie goß sich aus einer Karaffe, die auf einem Brett am Besanmast stand, Wasser ein. Ihr üppiges schwarzes Haar wurde von einem Netz hinten im Nacken ten, während ein Theil unordentlich über die zu den schlaftrunkenen Augen hinab hing. Ihre weiße Nachtjacke hatte einen breiten Einsatz von weißen Spitzen über der Brust, und ihr weiches volles Kinn ruhte anmuthig auf den Spitzen. Der Unterrock war kohlschwarz und reichte nur bis unters Knie. Ihre nackten Füße steckten i» rothen Pantoffeln. Der Junge sah sie schnell ein Glas austrinken und sich ein neues einschenken, das sib in drei bis vier langsamen Zügen leerte. Dann verschwand sie durch die Kasütenthüre, so stich wie sie gekommen war. und der Junge hörte nichts weiter, als die schweren Athemzüge der Schlafenden und das scharfe Ticken oben im Oberlichtfenster. Noch eine Weile blieb er klopsenden Herzens stehen, als erwartete er, sie sollte wieder kommen. Dann entsann er sich feines Auftrages, ergriff die Besen, schlich sich schnell davon uud riß aus Versehen mit der einen Hand eine Karte vom Speisetisch herab. Das Geräusch jagte ihm Schreck ein. Er stürzte hinaus, als hätte er ein wildes Thier sich erheben ge hört, um ihm nachzusetzen. Die Thüre fiel krachend zu, und er kam athenüos und mit blutigrothem Gesicht auf Deck hinaus.-- Die Tage darauf. Sie war ihm durch diese Szene gleichsam näher ge kommen. Er kannte sie nun besser, als früher. Sie stand ihm nicht mehr so fern als die feine, hübsche Dame, in die er sich verliebt hatte. Ein Lächeln oder ein freundliches Nicken von ihr machte ihn noch froh und warm; aber genügte ihm nicht mehr. Seine Verliebtheit wurde eine nervöse Unruhe, eine schmerzliche Sehnsucht nach ihr. Sie brachte ihn gegen die Kameraden auf, gegen sich selbst und sogar gegen sie. -5(Fortsetzung folgt.) Äum Erflen Mai. Frisch auf zur Maienfreude 1 Die Sonne hat uns die lange. lange Zeit über nicht verioöhnt. Nun aber scheint es, als hätte auch sie ihre neubclebende Kraft nicht länger mehr griesgrämig ver- schließen wollen. Die Fruchtbäume sind mit voller Blülhrnpracht besäet; auf den Zierplätzen schießt das Grün in die Höhe, das trotz des übermilden Winters so lange auf sich harren ließ. Bis in die einförmigen Borstädte hinaus wirkt das Leuchten und Flimmern des Frühlings. In der Enge der Großstadt können wir nicht die hochstämmigen Maienbäume aufbauen, sie mit Fahnen umlvmden und sie um- tanzen. Die EntWickelung, die uns in die Frohn lörper- licher wie geistiger Ueberspannung gebannt hat. räumte auch mit der heiteren und gcmuthvollen Nawrshmbolik auf. Nicht einmal die geistlichen Eiferer in Zeiten asketischer Irr- thümer vermochten die lebendigste Freude, die einzige, die dem Menschen ewig treu bleibt, die Freude an der Wiedergeburt in der Natur, am wachsenden Licht, an der wärmenden Sonne so zu unter- drücken, als der stumpfe Mammonismus es vermochte. Aus den dumpfen Klosterschulen heraus drängte es zur Feier der Majales. Hörige Landleute durften aufjauchzen. Es kam doch Farbe in die Einförmigkeit ihres Lebens; kern Herrenwahn und kein kirch licher ZclosiSmus ging so weit, die Masten in ewiger Gebundenheft halten zu wollen und ihnen lein Aufathmen zu gönnen. Das war so bei aller überflüssigen Kraft und Nohheit oeS feudalen Junkerthums. Bei den Nachfolgern derselben feudalen Welt und bei jenen Ge- bildeten, die ihr gerne Lorspanndienste leisten, hat der Herrenwahn eine andere Färbung erhalten. Die Schwachen sollen niemals zum Lichte drängen. Man hat sich in gewissen, Sinne die Lehre vom herrlichen Ilcbermenschthum zu Nutze gemacht und predigt das hchonungslosc Niederhalten der Schwachen; darunter verstehen sie die wirthschaftlich beeinträchtigten Massen. Und wenn man diese aristokratischen Kraftmeier sich bei Lichte besieht, welche Ausgebläht- Heft oft und welche geistige Wirrniß findet man bei ihnen. Aber m unsere« Zeitläuften und in unserer Welt hat man sich daran gewöhnt, den Dingen mit der scharfen Leuchte wissenschaftlicher Erkenntniß auf den Grund zu sehen. Es sind Gespenster, die in uns umgingen, geschwunden; wenn Fürsten über die Weltbühne schreiten, erichauern die Völker nicht mcbr; und wo wären die Zauberer, die heutzutage eine neu werdende Mensch- heit in Angst und Bangen erhielten? Es ist ein Lieblingsvorwurf, der den Sozialismus von seinen Gegnern trifft, daß er das individuelle Dasein zu zerstören drohe. Nichts ist bezeichnender für die geistige Berwirrung unserer Herren- menschen, als dieser logische Fehlsprung. Sie haben entrechtet, sie haben zu Arbeitssilaven gemacht in den Fabriken, wie in den Berg- werken, auf dem Landboden, wie in den Häusermeeren der Großstädte. Sie haben tausende und abertausende individueller Keime, die in steier Naturentfaltung gediehen wären, zerstört; denn sie sind geizig und die Natur ist freigebig und reich Und sie sprechen imd predigen von Zerstörung des Individuums. Sie erfinden sich die Theorie von der unheimlichen Bestie, der Masse, die in Fesseln gehalten werden müsse; denn entfcsstft sei sie eine Kulturgefahr. Sie sind gierig bereit, noch die winzigsten individuellen Rechte, wie die fteie Bewegung von Ort zu Orr niederzutreten und so aus ungezählten menschlichen Existenzen einen Mastenbrei zu schassen und sie ver- kündigen einen Kukwruntergang, wenn der Sozialismus siegt? Zu spät I Die drohende Grimasse fchrettt nicht mehr! Die Menschen lasten sich nicht mehr zu einem Brei zmammenslampfen. Ein Licht ist entzündet; und blähte einer die Backen aus, daß sie platzen möchten, dies Licht wird er nicht mehr ausblasen. Immer zahlreicher werden die Reihen derer, die ihr Menschcnrecht erkennen, ihrer individuellen Persönlichkeit sich bewußt werden. Als Prometheus � den Menschen das Feuer brachte, hatten auch die Götter keine Macht mehr, ihnen die neue Kenntniß wieder zu nehmen. Das Fencr blieb bei den Menschen. Man kann heute keine geheimen Pricsterbiiiide und keine mhsti- scheu Zirkel gründen, in denen Erlemttniste und Wistcnsibast vor der übrigen profanen Menge streng gewahrt bleibe. Man konnte es im Gnmde niemals absolut so halten. Denn heute ist das Lesen keine Kunst, sondern eine allgememe Nothwendiglett. Errungen ist der Grundsatz der Freizügigkeft. errungen bei dem Einzelnen in der Masse die Ueberzeugung von seinem allgemeinen Bürgerrecht; und immer klarer wird es, daß der Einzelne die Errungem'chasten, die ihm geworden, um so tapferer vertheidigm kann, je stärker die Organisarion ist, in der-«r steht. Diese Erkenntnisse und Empfindungen kann man nicht mehr niederkämp'en und nicht rauben. Gewiß, man kmm hemmend ein- greifen wollen; um zu überwinden, müßte man aber eine völlig verzagte, stumps-entsagende. pessimistische Gesellschaft vor sich haben. Die sozialistische Erkenntniß aber drängt nach vorwärts; auf ihrem Grunde ruht die Hoffnung. Wollte der Sozialismus die Leute entsagen lehren, er riethe zur Weltflucht und Ergebenheft. Er aber ist des trotzigen Optimismus voll und erdensroh. Er weiß, daß auf wutterlickie Starre neues Kennen und Grünen folgt. Er ist bereit, und freudig bereit, das Erbe einer allmälig ver- sinkenden Gesellschaft zu empfangen und zu verwalten. Und diese innere Freudigkeit ist eS, die den proletarischen Maiseiertag schuf. Ein Stück der alten Naturshmbolik, der alten poetischen Empfindung verbündet sich in ihm mit zuiunstssroher, geistiger Erkenntniß. Er ist ein gemeinsames Gelöbniß, nicht zu verzagen, ein Ansporn, das Erkannte kämpfend zu bechätigen. Manchmal hat man über das Maifest gewitzelt und gespöttelt und die neunmal Klugen fragten: Wo bleiben nun die gewaltigen Massendemonstrationen? So hat man auch gewitzelt, als die Sozial- demokratie nach außen hin erst wenige parlamentarische Bertrcter hatte und Hindernisse wegzuräumen waren, die heute schon hinter uns liegen. Man hat alle vorhandenen Machtnnttel wider das Mai- fest in Bewegung gesetzt, man hat instinktiv empfunden: hier hat sich daS Proletariat ein neues Sinnbild seiner Hosimmgen erschaffen. und darum die schroffe Empörung über die Maifeier. Man wird aber das Sinnbild in seiner zulunstssteudigen Heiterkeft doch nicht todtschlagen können, wenn man noch so viele Schwierigkeiten m den Weg legt. Nach der Bolkssage werfen die Kobolde mit Steinen nach dem Acker, damit er dürr bleibe; wenn aber die starke Fruchtbarkcft sich in ihm regt, wird er der Steine Herr. Man kann Chilanen üben, aber dem Funken nicht verbieten, daß er von Seele zu Seele zünde. Es ist kein Zufall, daß sich an das Maiensinnbild des Prole» tariats bestimmte Forderungen, bestimmte Anschauungen von kommender EntWickelung lnüpfen. Das ist eben ein Gelöbniß mehr, nicht zu rasten, und ein Ausdruck der Hoffnung, zu erreichen, was man sich vorgesetzt hat. Ein neues Kämpfen, eine neue Willenskundgebung und ein er- neuter Protest wider die Herren, die schon so oft mit der Sozial- demokratie aufräumen wollten und an ihrem Geist doch zerschellten, 'teht bevor. Die diesmalige Maifeier wird sicherlich das Gemeinschasts- zefühl beleben. Je energischer der Protest ausfällt, um so lebhafter i st die Wirkung, die vom deutschen auf das ausländische Kampf- Proletariat ausgeht. Wer für eine fröhlichere Zukunfi einsteht, wird auch mit freudigerer Entschlossenheit streiten. Die UnVollkommenheiten, die allen mensch- lickicn Dingen anhaften, werden nicht weft gemacht, wenn man die- Hände in den Schooß legt und jammert: Ach die Welt, die elende, wird einmal nicht anders. Man soll jungen Ahnungen verttauen, wie der dampfende Boden im Mai der Morgcujpsvr vertraut. ES hat sich so vieles und so gründlich in der menschlichen Welt geändert, daß es ein Zeichen krankhafter Ohnmacht wäre, au der Zukunft zu verzweifeln. Manchen harten Strauß hat es gegolten' mancher Weg mutzte im mühseligen Zickzack aufwärts führen, aver die geistigen Befremngsthaten gelangen am Ende doch. Freilich ohne Ovrer, ohne Tapferkeit und vor allen Dingen ohne Arbeit nicht. Zu wissen allein genügt noch nicht für die EntWickelung. Man mutz auch mittheilen und bekennen. Ein weltkundiger Spanier, der berühmte Balthasar Gracian, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts geboren ivnrde und klassische Aphorismen schrieb, sagt an einer Stelle: „Wisienschast und Tapferkeit bauen die Große aus. Sie machen un- sterblich, weil sie sind. Jeder ist so viel, als er weiß und der Wissende vermag. Ein Mensch ohne Kenntniß: Eine Welt im Finstern. Einlicht und Kraft: Augen und Hände. OhneMuthi st das Wissenunfruchtbar." Alpha. Mlcittrs JTcinlTcfcm. — st. Rothe Wellen. Unter den hohen Stämmen des Föhren- Waldes wurde es kühler. Die abendlichen Schatten tauchten hier und da aus den dunklen Wachholderbüschen auf, und die Formen der Stämme schienen ineinander zu fließen. Es war so still und drückend, so schweigsam unter den Büschelkronen. Selbst den Schall der Tritte eines einsamen Wanderers saugte der mit tobten Kiefern- nadeln gepolsterte Waldboden auf. Der Mann ging langsam, wie wenn ihn seine Füße schmerzten. Es war ein gebeugter Mann, der den knickenden Gang der Bäcker hatte. Auch seine Kleidung verrieth, trotzdem der weiße Mchlstaub schon lange abgescheuert oder von Erde und Sand überzogen Ivar, immer noch den Bäcker. Der Mann war noch nicht alt, nur war seine Gestalt und sein Blick gebrochen. Seine Haare waren fast filzig, so vernachlässigt hatte er sie. Plötzlich lichtete sich der Wald. Hinter einer niedrigen Schonung, deren frische Triebe schon handhoch emporgeschossen waren, zog ein mäßig breiter Fluß vorbei. Als der Wanderer an das Ufer kam, versank drüben die Sonne hinter den Baumkronen. Die dunklen Wolkenstreifen glühten. Selbst die Luft war von der Rothe des Sonnenunterganges erfüllt. Um die Stämme und durch die dunklen Zweige, von denen sich einzelne Sträuchcr in ihrem frischen Laub hell abhoben, zog ein röthlichcr Dunst. Die Wellen des Flusses, auf dein ein weißer Personendampser sich aufwärts arbeitete, wallten wie Blutströme vorbei. Sie drängten sich ivuchtig dahin. Das Flußbett schien ihnen zu klein zu sein. Sie schoben und drückten sich gegen- seitig, ein Sinnbild der Kraft, die milde, aber unerbittlich vor- wärts geht. An der Stelle, wo der Wanderer stand, machte der Strom eine Biegung. Aufwärts ragten dicht am Flusse die nackten, rauch- geschwärzten� Mauern einer Fabrik. Stromabwärts zogen sich eine Reihe Sommergärten hin, ihre gelben Tische waren dicht besetzt, hier und da wehten rothe Fahnen. Abgerissene Töne der Fröhlichkeit trug der kühle Abcndwind Herüber. Bor einer Erhöhung zog sich «ine dichte Menge zusammen. Mit einem Male klang es, als der Wind eine Minute herüberwehte: „Ein Sohn des Volkes will ich sein— und— bleiben I" Der Wind mutzte eine andere Richtung genommen haben, die Töne brachen ab. Der Wanderer schauerte zusammen-- die Arbeiter feierten heute den ersten Mai. Es war noch nicht lange her, da hatte er deshalb Leute entlassen. Und als es ihnen schlecht ging, da hatte er gesagt:»Jeder ist seines Glückes Schmied!" Und seine Freunde feierten ihn als den tüchtigsten Meister— bis sein Geschäft nicht mehr gehen loollte, und er ohne einen Pfennig hinaus mußte. Da sagten sie:„Jeder ist seines Glückes Schmied I" und freuten sich, einen Konkurrenten weniger zu haben. Keiner wollte ihn, den ehemaligen Selbständigen, als Bäcker be« schästigen. Und zu einer anderen Arbeit dünkte er sich zu gut. In die Fabrik gehen? Rein, mit den Fabrikarbeitern stellte er sich noch lange nicht auf eine Stufe. Auf den Bau? iviit den Bauarbeitern wollte er erst recht nichts zu thim haben: die waren ihm viel zu derb und rücksichtslos. Und das Andere? Nein, das war alles nichts für ihn. Er brauchte sich nicht so befehlen zu lassen. Er verstand ja etwas Besseres, hatte ja selbst befohlen. Schließlich war er verbummelt und hatte schon Chaussecsteine karren müssen. Aber er wollte immer noch nicht aridere Arbeit annehmen. Er war sich immer noch zu gut dcuu. In diesem Augenblick, als er jenseits die vielen geputzten Menschen sah, die sich alle vergnügten, als er zu den Eingängen der Lokale unaufhörlich neue Menschenmassen hereinströmen sah, kam es ihm zum Bewußtsein, dah er zu ihnen gehöre, daß auch er einer von denen sei, die auf die Zukunft hoffen. Dort, jenseits der rothen Wellen, lag seine Zukunft-- — 2WflS ein Geschwader kostet. Der Pariser„Gil Blas* schreibt: Das Personal eines Panzerschiffes mittleren Tonnen- gehaltS erheischt an Sold eine Monatsausgabe von etwa 30 000 Fr.. das eines Kreuzers 6—7000, das eines Torpedo-Avisos 4000 Fr. WaS die Verpflegung anlangt, so ist die Rechnung eine sehr leichte, da die Tagesration eines Matrosen an Brod mit 1,1b Fr. berechnet wird. Demnach kommt die Verpflegung der 600 Mann eines Panzerschiffes auf rund 21000, die der 75 Mann eines Torpedo- Avisos auf 2S00. die der ISO Mann eines Kreuzers auf bOOO Fr. zu stehen. Aber all diese Summen find verschwindend gering im Vergleich zu den Kosten für die Ausrüstung der Schiffe. So kostet eine 10 Zentimeter-Kanone 6200 Fr., eine 27 Zenri- meter- Kanone 80 000 Fr. und eine 31 Zentimeter- Kanone 147 000 Fr., wozu allerdings noch die Ausgaben für die Laffetten kommen, deren Preise zwischen 3500 und 60 000 Fr. schwanken. Auch die Kanonenschüste werden nicht zu Schleuder- preisen abgegeben. Ein Schutz aus einer 14 Zentimeter-Kanone kostet blos 66 Fr., der aus der 27 Zentimeter-Kanone bereits 1350 Fr., der aus einer 34 Zentimeter-Kanone 2500 Fr., der aus einer 37 Zentimeter-Kanone 4270 Fr. und endlich der aus einer 42 Zentinretcr- Kanone ein kleines Vermögen: 6010 Fr. Die Torpedos kosteten ehedem bei dem Erfinder Whitehead in Fiume 10 000 Fr., sind aber jetzt für 7000, und bei größeren Bestellungen für 5000 Fr. zu haben. Zu guterletzt erwähnt der»Gil Blas" noch die Kosten der Heizung. Ein Panzerschiff verbraucht unter ge- wöhnlichen Umständen etwa 40 Tonnen Kohlen per Tag, was bei einem Durchschnittspreise von 35 Fr. per Tonne eine Tagesausgabe von 1400 Fr. ausmacht. Soll aber das Panzerschiff mit vollem Dampfe fahren, so ist da doppelte, ja dreifache Kohlenkonsum noth- wendig.— Literarisches. — hh Dir Mai-Nummer des»Süddeutschen P ostill o ns" ist am Freitag erschienen. Das doppelseitige Haupt, blatr trägt die Unterschrist»Heil Dir, Du Tag des Maien, Du großer Weltentag!" In starker Bewegung schreitet ein Weib nach links. In der Linken trägt sie einen mächtigen Palmenzweig. Mit Posaunen- fanfaren rrtst sie die Arbeiter zum Freiheitskampf auf. Von der Arbeit aufsehend wendet sich ein jugendlicher Arbeiter ihr entgegen. Ein einIcitenderAufiatz unterrichtet über einzelneJllusttationen früherer Maifestblätter. Zeichnungen von Walter Crane, die diesem Zweck gedient haben, find dem Artikel beigegeben, autzcrdcm eine französische, eine holländische und eine belgische Zeichnung. Die letztere von I. Maus fällt auf. Ein leicht verständlicher Gedanke: Den Göttinnen der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit jubeln die Arbeiter, die im Arbeitskostüm mit ihren Werkzeugen ausgeriistet vorüberziehen. Die Zeichnung ist kräftig und sicher, die Iveiblichen Figuren zeigen eine lebhafte Bewegung, es geht ein frischer Zug durch das Ganze. Ferner nehmen ein Maiemnärchen von Ernst Klaar, ein Gedicht»Menschheits-Frühliug" von Franz Held auf den 1. Mai bezug.— Theater. — r. DaS plattdeutsche Ensemble, welches gegen» wärtig im Zentral-Theater zu Gast ist, trat gestern mit dem Paradestück des ftüheren St. Paulianer Variete-Theaters hervor. Die Reklame, daß die»Familie E g g e r S" in Hamburg SSO mal aufgeführt fei, büßt ein wenig an Bedeutung ein, wenn man von dem etwa fünfzehnjährigen Alter des„Lebensbildes" er- fährt; immerhin ist aber nicht zu leugnen, daß das Stück vor Zeiten ganz„bannig" Furore gemacht hat. Dies mag der wirklich prächtigen Zeichnung einiger Hamburger Volksthpen zu danken fem, die von Herrn Schulz und den Damen Frey und Brinkmann vor- züglich verkörpert wurden. Sie bewegen sich hart an der Grenze, wo das Proletariat ins Luinpenproletariat hinüber« greift. Der grogklüstcrne Ewerführer, der nie Arbeit. aber wenigstens„Utsichten" hat. die Fischfrau, deren Ehe« gatte in Untersuchungshaft sitzt, weil er dem Bibelwort. daß man dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden soll, eine ettvas weite Auslegung gegeben; diese Gestalten sind an der Waterkant bekannt und genossen wenigstens früher eine gewisse Volksthümlichkeit. Zum Unglück läuft neben der ungezwungenen Charakterschilderung einfacher Leute eine Art Schauergelchichte im Stile der Kolportageromane. Nach der hier und da noch geehrten Traditton der Borstadtbühnen redeten die Darsteller der tragischen Rollen ein so übergeschnapptes Deutsch und brachten das rollende „R" mit so ingrimmiger Betonung hervor, daß die Tragik des Dramas auf das pietätlose Berliner Publikum fast noch erheiternder wirkte, als seine prächtige, aber den, Hochdeutschen oft nicht recht verständliche Komik. So kam es denn, daß das Hamburger Eiffembl« mit seinem zweiten Stücke nicht zum besten abschnitt.— Musik. — er— Oper und Konzerte. Mit allen reizvollen Eigen- schaffen feingebildeten Künftlertyums setzte Herr Jean Lassalle sein Gastspiel als„Nelusco" in Mevcrbeer's„Aftikaueriu" fort und beendete es unter allgemeinem Beifallsjubel als Mephistopheles in Gounod's»Faust".— Grausamste Ueberflüssigkeit war das Resultat deS Gastspiels eines Frl. Dvorak vom böhmischen Prager Landes- Theater. Sie sang dre Margarethe auf der Bühne unseres Opern- Hauses. Herr N a v a l sang den Faust mit allzu weichlichen Accenten und koketten Gesangspielereien. Selbst der Faust Gounod's mutz noch die Gedankenwucht, die leidenschaftliche Phantasie, so» zusagen die Muttersprache der Goethe'schen Gestalt, durchhören lassen.— Von den.letzten" Konzerttrenden ist der Violinist Marcel Her- wegb aus Paris crwahnenswerth, der sich in der Singakademie in Stucken von Schubert, Saint-Saens, Wagner u. s. w. als mehr zierliches, denn stark leuchtendes Geigertalent zeigte. Sein Ton ist klein, aber weich; seine Technik hübsch entwickelt, aber ohne über- zeugenden Glanz; seine Bogenführung von leichter Eleganz, aber ohne das Feuer eines elementaren Ungestüms; sein Vorttag von meist einschmeichelnder Süßigkeit, aber ohne die Kraft einer Persön- lichkeit, die sich in eigener Bahn bewegt! kurz ein Virtuose vor großer Aninuth und kleinem Charakter.— Jni gleichen Saale ließ Fräulein Rosa Olitzka eine der schönsten und zugleich eine aufs unkünstlerischeste behandelten Altstimmen hören. Das Organ klang zuweilen wie dunkle, ticfleuchtende Musik und bewegte sich in einem selten ausgedehnten Umfange. Aber alle Schatten mangelhafter und willkürlicher Tonbildung, alle eigen- sinnigen Geschmacklosigkeiten freizügiger Bühnenthätigkeit, alle un- statthaften Eitelkeiten eines virtuosen Primadonnenthums verdunkelten das Wohlgefallen an diesem Prachtmatcrial. In zwei Arien aus Bruches„Achilleus" und Meycrbecr's„Prophet" ließ ein zweifellos mächtiges dramatisches Talent die Schwächen der Sängerin wenigstens nicht störend hervortreten; aber der Liedervortrag schwelgte in komödiantischer Manier, düsterster Vokalisation und zuweilen be- leidigcnd nasaler Tongebung. DaS Aufsehen einer ungewöhnlichen Persönlichkeit mit bedeutenden Vorzügen und noch stärkeren Mängeln erregte demnach Frl. Olitzka in jeder Beziehung.— Kunst. — D i e Große Berliner Kunstausstellung 1898 ist am Freitag mit der üblichen Feier eröffnet worden. Der Katalog zeigt, daß bis jetzt die Kunstausstellung von deutschen und aus- ländischen Künstlern mit 1137 Gemälden und 337 Bildwerken be- schickt ist. Zeichimngen, Stiche und Radirungen sind durch 43 Aus- steller mit 89 Nummern, das in diesem Jahre zugelassene Kunst- gewerbe durch 30 Aussteller mit 61 Nummern verrrcten.— Medizinisches. — Ein Messer stück zwölf Jahre im Oberkiefer. Ueber einen interessanten und seltenen Fall der operativen Entfernung eines vom Bindehautsack des rechten Auges bis in den Oberkiefer- knochen eingedrungenen Fremdkörpers berichtet in den„Dr. gehender- scheu klinischen Monatsblättern für Augenheilkunde" Dr. Heinrich Zenker. Nach der Untersuchung des Patienten im Januar d. Js. wurde das Vorhandensein eines Fremdkörpers im Oberkiefer tonstatirt und erst nach eingehender Befragung über allenfalls erlittene Ver- lctzungen konnte sich der Patient erinnern, daß er vor 12 Jahren einen Messersttch am Auge erlitten hat. Es entstand damals eine oberflächliche Wunde an den Augenbrauen, die er mit kalten Umschlägen be- andelte; nach zwei Tagen konnte er schon wieder mit der Arbeit eginnen. In den letzten Jahren nun machte sich eine immer mehr zunehmende Eiterung des Auges und dadurch bedingte Abnahme des Sehvermögens bemerkbar, die den Pasienten denn auch veranlaßte, ärztliche Hilfe aufzusuchen. Durch Sondimng und Abziehen des Lides wurde alsbald ein zwei Zensimeter langes, im Knochen steckendes Eisenstück sichtbar, dessen Entfernung mit der Zange jedoch mehrmals vergeblich versucht wurde, so daß die Nothwendigkeit klar wurde, den jsilöchen theilweise zu entfernen. Der Fremdkörper konnte nunmehr mit der Zange fest gepackt werden, und nach längeren, ziemlich an- strengenden Versuchen, wobei er erst durch andauerndes Rütteln nach rechts und links gelockert werden mußte, kam ein 6,2 Zentimeter langes, 2 Zensimeter breites und am Rücken 2 Millimeter starkes Mesierstück zum Vorschein, dessen Rückseite starken Rostansatz zeigte. Nach nur fünfwöchigem Aufenthalt in der Anstalt konnte der Patient mit reizlosem Auge und normalem Sehvermögen wieder entlassen werden. Auffallend ist hierbei, daß der Pasient während dieser zwölf Jahre nie eine Wahrnehmung von dem Vorhandensein eines solchen ungewöhnlich großen Eisenstückes machte.— Aus dem Thierreiche. — Eine neue Fledermausart. Das Pariser natur- historische Museum hat, wie der„Mcigdeb. Ztg." geschrieben wird. unlängst ein Exemplar einer neuen Fledermausart zum Geschenk er- halten, die der französische Forschungsreisende und Kolonialarzt Dr. Maclaud auf der Insel Konakrh in Französisch-Guinea entdeckt hat. Professor de Busargues hat das neue Thier zuerst Wissenschaft- lieh untersucht und ihm zu Ehren des Entdeckers und zum Unter- schied von dem Rhinolophus luctus Indiens den Namen Rhinolo- phus Maclaudi gegeben. Noch kein Forscher hat bisher ein Exemplar dieser Flcdermausgattung nach Europa gebracht. Dasjenige im Museum ist in Spiritus gesetzt und ein Weibchen, das beim Säugen seiner Jungen erbeutet wurde. Da? Hauptmerkmal, wodurch sich die neue Fledermaus von ihren Verwandten unterscheidet, besteht in einer absonderlichen Bildung der Nase und in übermäßig großen, zu ihrem Körper in gar keinem Verhältniß stehenden Ohren. Das Thier mißt 96 Millimeter, die Ohren sind allein 44 Millimeter lang.— Aus dem Pflanzenleben. t. Die Empfindlichkeit des Ahorn? gegen Schläge. In der Nawrforscher- Gesellschaft der russischen Uni- vcrsität'Charkow hat W. Talieff eine merkwürdige Eigenschaft einer unserer gewöhnlichsten Ahornarten, des Acer platanoides, besprochen. Dieser schöne Baum zeigt eine große Empfindlichkeit gegen heftige Berührung. Wenn man einen blühenden Zweig kräftig schlägt, so neigen sich die Blüthenssiele sofort herab und zwar in der Richtung nach der getroffenen Stelle. Befindet sich bereits junges Laub an den Zweigen, so bewegen sich auch die Blätter in derselben Weise. Es laßt sich beobachten, daß die Blätter mit ihren Flächen sämmtlich die gleiche Stellung einnehmen, nämlich diejenige, in der die Blatt- flächen von dem gettoffenen Puntte den gesingsten Abstand haben. Die Bewegung erfolgt dadurch, daß sich die Blüthenstengel bezw. die Blattstiele beugen und daß sich die Blattfläche durch eine Drehung der Stiele in ihrer Lage verändert. Der russische Pflanzenforscher erklärt dieses Senken der Blüthen und Blätter durch die Annahme, daß die Steiaekrast des Saftes in der dem Schlage zugewandten Seite er- schlafft. Diese Erklärung wird wahrscheinlich das'Richsige treffen. Die Empfindlichkeit ist nach dem Alter und der Individualität des Baumes verschieden. Wenn man einen Zweig mehrmals hinter einander an verschiedenen Puntten schlägt, so kann man die Lage der Blätter sich rasch verändern sehen, jedoch tritt diese Wirkung allmälig immer langsamer ein. Nach einiger Zeit zeigt dann der Ast wieder sein gewöhnliches Aussehen. Der Ahorn ist sogar so empfindlich, daß auch ein starker Regen dieselbe Wirkung hervorbringen kann wie ein Schlag. Es ist übrigens nicht unwahrscheinlich, daß der Ahorn diese Eigenichast noch mit einer größeren Änzahl anderer Pflanzen theilt, sicher festgestellt ist dieselbe nämlich auch bei den Blumenblattern de? Schöllkrautes(Esisllckonimu majus).— Meteorologisches. — Neues über den Regenbogen. Aus Wien wird be- richtet: Direktor der meteorologischen Zentralanstalt Professor I. M. Pernter hat beobachtet, daß die Bildung des Regenbogens sowie dessen Farbenfolge und die Lage und Breite derselben einzig von der Größe der Regenttopfen bedingt ist. Ein Regenbogen entsteht. wenn die Sonnensttahlen in die Regentropfen einbringen und nach ein- oder mehrmaliger Reflexion wieder austteten. Hierbei werden die Sonnensttahlen gebrochen und in Farben zerlegt. Diese Reflexion erfolgt nicht nur zweimal, wie es den Anschein hat, weil wir nur zwei, den Haupt- und den Nebenrcgenbogen, sehen, sondern auch zwanzigmal und es bestehen auch eben so viele Regenbogen: wir können sie nur nicht wahrnehmen theils wegen der Schwächung de? Lichts, theils wegen der Blendung durch die Sonne. Im Expesimensir- saale hingegen gelang es, auch noch den neunzehnten Regenbogen zu erkennen.— Humoristisches. — Schwer zu sagen. Hannes:„Da hat mir Einer gerathen, ich soll für mein Gliederreißen Wachholderthee trinken, ein Änderer, daß ich mich mit Dachsfett einreiben soll. Vier Wochen sind schon'rum und noch nicht ist's besser!.. Jetzt weiß ich nicht, hat mir der Thee nichts geholfen oder's Dachsfett?!'— — Dilemma. Bräutigam(dessen Verlobte Klavier spielt): „Jetzt weiß ich wahrhafsig nicht, was ich machen soll I L o b' ich ihr Spiel, dann spielt sie mir sicher noch etwas vor, und sag' ich gar nichts, dann— spielt sie erst recht!"—(„Flieg. Bl") — Bequemer Ausweg. Polizei-Inspektor(zu einem Deteksiv):„Nun, haben Sie den Mörder?" Detektiv:„Bis jetzt noch nicht. Aber wir haben dem Kerl einen so fürchterlichen Schreck eingejagt, daß er völlig von der Bild- fläche verschwunden ist!"— Vermischtes vom Tage. — JnLünernbei Dortmund erschoß ein Gutsbesitzer seinen Knecht, mit dem er des Essens wegen in Stteft ge- rathen war.— — Bei einer Lanzenübung entfiel einem Husaren auf dem Exerzierplatz in Strieß bei Danzig die Lanze so, daß die Spitze nach oben kam. Das Pferd ging vorwärts, und die Lanzenspitze durchbohrte dem Soldaten das Herz, sodaß er auf der Stelle todt war.— — In Kalk bei Köln ergoß sich der Inhalt einer e x p l o» direnden Benzinflasche über die Kleider einer Kaufmanns- stau und eines Dienstmädchens. Letzteres lief in den brennenden Kleidern auf die Sttaße und brach dort zusammen. � Es ist seinen Verletzungen erlegen. Die Frau wurde leicht verletzt.— — In H o ch st e i n(Pfalz) stieß ein Lehrjunge bei einem Stteit einem anderen ein glühendes Eisen in den Leib.— — In Roth bei Karlsruhe wurde ein Ehepar, das während eines Gewitters am Fenster stand, vom Blitze erschlagen.— — Die bayerischen Behörden sollen die Recherchen über Theil- nehmer an ftüheren Haberfeldtreiben fortsetzen. Die Be- völkerung lebt in großer Unruhe. Einzelne Einwohner wurden be- reits, da sie eine Verhaftung befürchteten, flüchsig.— — Bei einer HochzeitSfeier in Metz fiel die Braut auf dem Standesamt in Ohnmacht, weil sie zu stark geschnürt war. Dem konnte abgeholfen werden, und man zog in die Kirche. Hier fiel nun der Bräusigam in Ohnmacht, weil— seine Ssiefel zu eng waren und ihn fürchterlich drückten.— — Ein Igjähriger Uhrmacher in Mülhausen i. E. versuchte seine Geliebte aus Eifersucht durch einen Revolverschuß zu tödten und erschoß sich darauf selbst. Das Mädchen liegt hoffnungslos dar« nieder.— — Im katholischen Ländchen Obwalden(Schweiz) wurde ein junger Ehemann mit 60 Franks Buße bestraft, �weil er drei Monate nach der Verehelichung Vater wurde! Das„Vergehen" war nicht einmal im Halbkantonlein Obwalden, sondern im Kanton Luzern begangen worden.— — In Simferopol fing die Polizei eine Diebesbande ein, deren Führer ein ehemaliger Polizei-Offizier war.— Veranliportlicher Redaklenr: August Jarobey in Berliu. Druck und Verlag von Max«adiug i» Berlin.