Unterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 87. Mittwoch, den 4. Mai. 1893. (Nachdruck verboten.) Der SchMsjutrge. 13� Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorisirte Uebersetzung von E. Brausewetter. Ein Theil der Segel wurde eine Weile, bevor die Ein- fahrt erreicht war, geborgen. Die Brise erhielt sich frisch. Ein Licht nach dem anderen leuchtete im Dunkel auf. Sie nahmen an Zahl zu und wuchsen an Stärke, je näher „Merry Schnor" ihnen rückte. Das Land schloß sich hinter der Schute, umfaßte sie; und die Lichter wimmelten aus der Erde empor, und aus dem Wasser sowohl an Back- bord als an Steuerbord, sowohl vorn als achter- wärts. Kleine Dampffchiffe jagten dahin und zeichneten undeutlich ihre schwarzen Umrisse gegen das Land ab, so daß ihre hell leuchtenden Laternen von unsichtbarer Hand durch das Dunkel und über das Wasser hingetragen zu tverden schienen. Ein Licht stand höher als die andern und war auch größer Und weißer. Es schien ein riesengroßer Stern zu sein. „Da haben wir auch die Freiheitsgöttin", rief einer aus der Schaar, der auf der Bäk der„Merry Schnor" stand. „Heut Abend leuchtet sie gut", sagte Michel, mehr zu sich selbst, als zu den andern.— Am Morgen darauf, den siebenten vor dem Wcihnachts- tage, kamen die Leute nicht vor acht Uhr hinauf. Sie waren nach einem Tag ohne Freiwacht spät in die Kojen gekommen. Es war bereits hell. Das Land lag schneelos ringsum, und die Felder und Bäume schienen in Kälte erstarrt. Long Island und der Hafen hallten von der Arbeitsgeschäftigkeit wider. Die Eisenbahnen läuteten dumpf und ununterbrochen, wie Kirchenglocken, um die Passanten zu warnen, wenn der Zug durch die Straßen brauste mit einem weißen Rauchstreifen hinter sich. Fabriken mit riesigen Schornsteinen ragten hie und da empor und stießen ein dumpfes Stöhnen und Hämmern aus, über die Stadt und das Wasser hin. Es mischte sich mit dem Rasseln der Fähren und einem Gewimmel kleiner Dampfschiffe, der Schleppdampfer im Hafen. Aber über all' dem Lärm ertönte ein schwaches, fernes Brausen. Das war das arbeitende New-Iork, das weiter hinten in der Bucht lag. Benn saß oben auf der Toppraa und löste das Segel von der Stenge. Einige Kameraden waren unten mit den Segeln beschäftigt, andere takelten das Bugspriet ab. Alles mußte bis Nachmittag fertig sein, da die Schute dann nach Brooklyn hinanfbugsirt werden sollte. Ein kleines Dampfschiff legte neben ihr an. Gleich darauf kam der Kapitän und seine Frau aus der Kajüte und gingen an Bord desselben. Alle Arbeit auf Deck wie oben im Takcl- werk wurde unwillkürlich unterbrochen. Die Stimmung war eine fast feierliche; denn alle dachten daran, daß nun der Kapitän ans Land ging nach den Briefen. Benn starrte ans die Frau herab. Ihre hellgelben Hand- schuhe stachen so hübsch gegen das weiche, solide Pelzwerk ab. Leicht und sicher stieg sie die Strickleiter hinab, ohne sich um- zusehen, ohne auf jemand zn achten; und in Benn stieg ein bitteres Gefühl empor. Er war eifersüchtig auf ihre Schönheit und ihre schönen Kleider, die ihm seinen Arbeitsanzug noch geringer erscheinen ließen als sonst. Er war eifersüchtig auf ihr sicheres imponireudes Auftreten, das ihm seine Stellung mit bitterer Demüthigung bewußt machte, und auf die Frei- heit und Freude, zu der sie ging, ohne daß er— der Schiffs- junge— ihr auch nur in den Sinn kam. Er starrte noch immer auf sie herab, als das Dampf- schiff schon lange von Bord abgelegt und sich in Bewegung gesetzt hatte. Den Kapitän sah er im Gespräch mit einem Manne stehen. Da war es dem Jungen, als blickte die Frau nach der Takelung von„Merry Schnor" hinauf. Ohne recht zu wissen. was er that, schwang er einige Male seine Mütze. Vielleicht gab ihm das sichere Gefühl, daß die Kameraden ihn dort oben nicht bemerken würden, den Muth dazu. Als er aber die Frau ihren Muff zum Gegengruß schwingen sah, schwoll ein bittersüßes Gefühl in ihm empor. Seine Augen füllten sich mit Thränen, und seine Hände tasteten unsicher nach der Stenge. Für ihn bedeuteten ihr Gruß, der ihm dort vom Dampfschiff zugesandt wurde, viele verftändnißvolle Worte. „Ich sehe Dich, lieber Freund. Ich weiß. Du liebst mich, und bist nicht glücklich! Dennoch kann ich nicht mehr für Dich thun, als das, was ich versprochen habe, und Du weißt, warum ich es nicht kann."-- Um sechs Uhr war die Schute an der Schiffsbrücke draußen vor der Thirtyfive-Strect angeseilt. Die Lampe in der Roof war angezündet, und die Leute gingen voll Spannung umher. Feder, Tinte und Papier waren hervorgesucht. Die Jungen wollten schreiben, sobald die Briefe gelesen waren» wenigstens an die Mädchen. Mehrmals wurde Beim ausgefandt, um über die Reeling nach deni Kapitän auszugucken. Er ging mehr als gern, und blieb jedes Mal lange draußen stehen. Als er meldete, daß der Kapitän das Fallreep überschritt, stellten sich die Leute in der Thüre auf. Ein Weilchen später kam der zweite Steuermann mit dem Pack Briefe, und alle eilten ihin voran ins Roof. Begierige Hände griffen nach den Briefen. Einige Jungen bekamen zwei, andere drei. Benn bekam sechs, Tom keinen. Er hatte kein Heim, keine Verwandten und Freunde. Der zweite Steuermann lief achterwärts zu seinen eigenen Briefen. Und nun herrschte in der Roof einige Augenblicke ein Durcheinander von Reden, Rufen und Lachen. Plötzlich schlug Anton auf den Tisch, und alle sahen er- staunt zn ihm auf und schwiegen. „Da soll doch der Teufel dreinschlagen!" „Bekamst Du keinen Brief von ihr, Anton?" rief Jokum. „Ich bleib' keinen Tag länger an Bord." Er war ganz bleich und starrte wild vor sich hin. „Ja, ich sagt' es Dir ja! Kümmere Dich nicht um sie, sagt' ich. Sie ist nur'ne Schusterbraut, sagt' ich." „Ich brenn' heut' noch durch, daß Ihr es wißt." Dann setzte er sich schwer auf seine Schiffskiste, ohne den einen Brief zu öffnen, den er bekam. Es wurde still drinuen. Alle lasen. Keiner hatte Zeit. sich mit seinem unglücklichen Kameraden abzugeben. Benn hatte sogleich den Brief der Mutter an der Hand» schrift erkannt. Er steckte die andern in die Koje und wollte hinaus auf Deck, um in Ruhe lesen zu können, besann sich aber schnell, daß es draußen dunkel war. So setzte er sich auf seinen Koffer, neigte sich tief vor, damit das Licht auf den Brief fallen konnte und las: „Mein inniggeliebter Sohn Benn l Du bist jetzt wohl sehr müde und traurig! Ich habe, seit Du fortreistest, mit mehreren Seeleuten gesprochen, um einen Begriff zu bekommen, wie es Dir geht, und ich be- greife sehr wohl, daß Du Dich als Schiffsjunge nicht glücklich fühlen kannst, selbst wenn Du es verhältnißmäßig gut hast. Du hast ständig in einem Familienheim gelebt, bei einer Mutter, der Du das Liebste warst, und nun kommst Du an Bord eines Schiffes, wo Du der Geringste von allen bist, wo Du eine Arbeit versehen mußt, die Dich ängstigen muß und die allzu schwer für Dich ist, der nicht an solche Plackerei ge- wöhnt ist. Dein Heuerkontrakt gilt für zwei Jahre, schriebst Dn von Arendal. Herr Gott, was für eine lange Zeit! Ich fürchte, Du wirst inzwischen alles vergessen, was Du gelernt hast. und auch Dein Vaterhaus. Lieber Venn, mein Junge. Du mußt daran denken, daß, wo Du auch umherirrst, sei es auf dem Meere oder in einem fernen Erdtheil, immer mußt Du daran denken, daß Du eine Mutter hast, bei der Du stets willkommen bist. Wie Du auch kommst, bist Du gleich will- kommen. Du wirst sehen, daß meine Liebkosungen noch die- selbe Wärme haben, wie jene, die Du als kleiner Junge bekamst." Benn konnte nicht weiter lesen. Von dem Augenblicke an. da er.den Brief zu lesen begann, hatte er die Thränen zurück- drängen müssen; aber es wurde immer schwieriger, je weiter er las. Er hatte ein Gefühl, als sollte seine Brust zerspringen. Er beugte sich tiefer über den Brief, damit die Kameraden seine Rührung nicht sehen sollten. Aber tropf, tropf, tropf fielen die Thränen auf das Papier, und man hörte es ganz laut drinnen in der Stille. M-hr-re sahen bereits von den Briefen ouf. Er fühlte es. Mit raschen! Entschluß erhob er sich und ging gesenkten Hauptes hinaus. Der Vollmond stand groß und rund oben an dem tief- blauen Himmel, er malte einen breiten, zitternden Streif ans das dunkle Wasser und verschleierte die Lichter der tausende von Häusern ringsum im Hafen. Die kalte Luft kühlte seine Stirn und beruhigte sein Gemüth. Er stand an der Reeling mit dem Taschentuch vor dem Munde und weinte sich aus. Das erleichterte. Ein Gefühl der Ruhe und Klarheit überkam ihn, und es schien ihm schließlich, als wäre er beinahe glücklich. Er starrte dem Monde ins Antlitz, und dieser strahlte die Schönheit des Trostes in seine Seele hinab und erfüllte sie mit glücklichen Zukunftsbildern. Einst!.. Einst! Da hörte er die Roofthüre gehen. Oivind's Schritte er- tönten laut in der Stille auf Deck. Sic kamen auf ihn zu. „Benn, warum weinst Du?" „Sich, nichts!" „Sie baten mich, hinauszugehen und nach Dir zu sehen, die anderen. Sie sürchten, Du könntest über Bord springen." „Ich?" sagte er bestürzt. „Ja, Jens Christian meinte, man könnte nicht gut wissen, warum Du zur See gegangen wärest." „Es gehen ja so viele zur See." „Slber das ist etwas Slnderes mit Dir, siehst Du,— Du, ein PsarrerSsohn, der studirt hat und achtzehn Jahre alt ist. Du degreifst wohl, daß das denen sonderbar vorkommt, die nicht Bescheid wissen,— wie ich." Benn schwieg. (Fortsetzung folgt.) Die Stnmmg des Mils/> Der Imigcrivogcne Plan einer Nilstauung soll endlich zur Aus- führung kommen. Drei Millionen Fässer Zement sind in Europa destcllt worden, so datz die Inangriffnahme des Riesenwerkes vor der Thür steht. Von den 935 3(X) Quadratkilometern Flächeninhalt des politischen Egypten sind nur annähernd 29 118 Ouadratkilomctcr für Boden- kultur geeignet und von diesen fallen 27 688 Quadratkilometer auf das eigentliche Nilthal— die grüne Oase, welche sich zwischen kahlen Wüsten von den Grenzen des Mahdi-Reiches bis zum mittelländischen Meere erstreckt. Diesem altehrwürdigcn Thalc, der Heimath des ältesten Kulturvolkes, schwemmt der Nil alljährlich allen Regen, alle Fruchtbarkeit zu in Gestalt seiner labenden Welle und seines fruchtbaren Schlammes. Im Monat Juni beginnt der Nil zu steigen und erreicht im Monat Oktober seine höchste Höhe. Dann fällt er langsam wieder, so daß der niedrigste Wasserstand nur während ein paar Wochen im Mai eintritt. Mitte August ist in Kairo ein wahres Jubelfest, wenn der Strom so hoch gestiegen ist, daß die Schleuse des großen Kanals geöffnet werden kann. Das Wasser verbreitet sich durch das Kanal- netz und überschlvemmt bald alle Felder. Ende September bietet das Nilthal alsdann einen überraschenden Slnblick dar. Kein Fluß, kein See, sondern ein Meer entfaltet sich vor den Blicken des Bc- schauers. Aus den Fluthcn blitzen hundert kleine Jnselchen auf und gewähren mit ihren mit Palmen und Minarcts geschmückten Städten und Dörfern ein großartiges Bild. Die Oasen der den Stil begleitenden Wüsten nehmen ebenfalls Antheil an der Siilschwclle, da ihre Brunnen mit dem Nil in unterirdischer Verbindung stehen. So bald der Stil steigt, treibt auch dort das Wasser mit Gewalt empor, so daß es zwischen hohen Dämmen, gestaut und auf die benachbarten Felder geleitet werden kann. Zieht das Stilwasser sich zurück, so wird dem abgelagerten Schlamme das Samenkorn anvertraut, und über Stacht sproßt eine üppige Vegetation empor. So sagt schon Amru, der arabische Eroberer: „Erst Staubgcfild, dann süßes Leben, dann Blumenbeet." Die Haupt- Produkte des cgyptischen Ackerbaues sind: Zuckerrohr, Baumwolle, Mais, Sicis, Weizen, Bohnen. Klee. Das Klima ist auch dem Wein- stock sehr günstig. Seit aber die Mohamedaner, denen jedes geistige Getränk untersagt ist. in Egypten eingezogen sind, und die südeuropäischen Länder ihre Weine zu billigen Preisen einführen, hat der, im Slltcrthum im großen Umfange betriebene Weinbau er- heblich nachgelassen. Da nun das Gedeihen dieser sämmtlichen Pflanzen in allererster Linie von der Nilschwcllc abhängt, und die Thätigkcit des Vaters Nil als Scgenspcnder für alle seine Anwohner fortwährend mehr in Frage gezogen wird, so sind Wohlstand und Blühen des Landes einer künstlichen Bewässerung anheimgestellt, und der vorliegende Plan der Nilstauung ist im Grunde nur eine durchgreifende Lösung der Existenz- frage des fruchtbaren Stilthales und seiner Bewohner. Geologische Spuren im Nillhale weisen darauf hin, daß der Fluß sich seit etwa *) Aus.der„ K ö l.n i s ch e n V o l k S z e i t u n g 4000 Jahren um acht Meter tiefer in die Erdrinde eingesägt hat. Durch die Schlammablagerungen sind anderseits die Felder wieder erhöht worden, so daß die Auslichten für eine genügende Bewässerung von Jahr zu Jahr vermindert werden. Dazu erfordert heute die egyptische Bodenkultur eine möglichst regulirbare Bewässerung, da besonders die Baumwollenstauden gegen Ueberschwemmungen zur Unzeit sehr empfindlich sind. Die günstigste Höhe der Nilschwelle ist für die Landwirthschast etwa 12 Meter. Bleibt sie unter zehn Meter zurück, so herrscht in Obcr-Egyptcn Dürre und als Folge Hungers- noth. Uebersteigt sie zwölf Meter, so werden im Delta die Felder ver- wüstet. In den Jahren 1877 bis 1890 war die Flulh fünfmal un- genügend, viermal gerade ausreichend und nur fünfmal wirklich gut. In solchen mittleren Jahren, wie überhaupt sür viel Acker- land, das für die regelmäßige Uebcrschwemmung zu hoch liegt, muß von der Aussaat bis zur Ernte die künstliche Bewässerung Ersatz schaffen. Einstweilen wird dieselbe im Nilthal auf vierfache Art betrieben. Ihre einfachste Gestalt sind die schon im grauen Alterthum bekannten Körbe aus Dattelblättern. Weniger mühselig arbeiten schon die pharaonischcn Ziehbrunnen, welche mittels geflochtener Eimer das Wasser einer Rinne übergeben, die es auf den Acker leitet. Als drittes System finden wir das Schöpfrad in seinen verschiedenen Formen. Große hölzerne Räder bis zu neun Meter Durchmesser bc- fördern das Wasser in Eimern auf die dürren Felder. 35 009 solcher Räder sind jetzt noch im Gebrauch. Da Egypten auch seine„oberen Zehntausend" hat, so ist in den Feldern der Großgrundbesitzer die Dampfkraft an die Stelle der mühevollen, unzureichenden Fcllah- Arbeit getreten. 3600 Schöpfwerke, meistens Zcntrifugalpumpen, sind dort im Betrieb. Bon Alters her war es nun das Bestreben der egyptischcn Regierung, die Slilfluthcn möglichst zurückzuhalten und zu rcgu- lircn. Besonders in Unter- Egypten finden sich Spuren von Sammelbecken und Kanalbauten, welche aus der frühesten Kultur- Epoche des egyptischcn Volkes stammen dürsten. Später ver- fielen diese Anlagen durch Mißwirthschaft und Kriege. Erst unter der Siegicrung Mchcmcd Ali's(1811— 1848) wurde wieder mit Energie an denselben gearbeitet. Mit ungeheurem Aufwand von Arbeit und Kosten wurden die alten Wasserstraßen wieder her- gestellt und neue bedeutende angelegt. Aber auch diese Anlagen konnten ihren Zweck nur dann erfüllen, wenn der Wasserspiegel des Nil die erforderliche Höhe erreichte, und um dieses zu bewerkstelligen, wurde ein Unternehmen durchgeführt, welches bis jetzt einzig auf der Welt dasteht. 22 Kilometer nördlich von Kairo wurde näm- lich das große Stau- und Schleusen- Werk des Nils an- gelegt, zu welchem bereits Mehemcd Ali den Plan entworfen hatte, das aber erst 1890 dem Betrieb übergeben werden konnte. Die beiden Brücken über den Rosette- und den Damictte- Nil sind 440 und 500 Meter lang, mit 53 bczw. 68 eisernen Fallthür- Schleusen. Oberhalb des Schlcuscnwcrkcs ist ein Kanal angelegt worden, der den Wasserstand der beiden Nilanne ausgleicht. Trotz der großen Kosten und Anstrengungen haben aber die Leistungen dieser Anlage die Erwartungen enttäuscht. Der Nil- ström sollte auf vier Meter Höhe gestaut werden können, darf aber jetzt nicht höher wie ein Meter gebracht werden, da wegen des un- sicheren Untergrundes das Bauwerk einen größeren Druck nicht aus- halten würde. Um nun den Zweck dieses Stauwerkes doch zu erreichen und dem immer dringender werdenden Bedürfniß nach einer aus- reichenden Bewäsierungsaulagc abzuhelfen, hat die egyptische Stcgicning beschlossen, oberhalb des ersten Kataraltcs ein großartiges Sammelbecken anzulegen. Von den englischen Ingenieuren wurden dazu vier Pläne entworfen und schließlich einigte man sich zur Llus- sührung des sogenannten Philac-Planes. Die Insel Philac liegt südlich von Asstian mitten im ersten Ril-Katarakt. Der Nil ist dort nur 1 Kilometer breit und in seinem Bett liegt felsiger Boden (Sandstein) zu tage, so daß die Fundamente des Dammes von selbst gegeben sind. Da der Nil nur ein geringes Gefälle hat, wird er durch einen solchen mächtigen Damm weit nach Ober- Egypten hinauf in die Höhe gestaut werden können und auch unterhalb Asstian wird die Bewässerung erheblich leichter sein.(Man spricht auch schon von einem zweiten Damm lveitcr nördlich bei Assint, der den Nil im Sommer stauen soll, um die Kanäle in Mittcl-Egyptcn zu füllen.) Zunächst rief dieser Plan bei seiner Veröffentlichung eine Meinungsverschiedenheit zwischen Franzosen und Engländern hervor. Die französischen Ingenieure hatten ihren eigenen Plan cnlworscn: ein offener Damm auS einzelnen schmalen Pfeilern von 80 Fuß Höhe mit Schleusen von 16 Fuß Weite. Die Engländer machten ihnen Vorstellungen wegen der Ansicht der Bc- völtcruug. die sich im Jutcicssc ihrer Sicherheit dafür bedanken würde, eine Waffermassc von drei Millionen Tonnen hoch über ihren Häuptern gestaut zu sehen.„Nichts ist unmöglich!" sagten die Iran- zose».„Panama!" entgegneten die Engländer. Eine zlvcitc Schwierigkeit, an welcher lange Zeit das Projekt zu scheitern drohte, lag in der Gcsährduug der Insel Philac. Die Fluß- dank des ersten Kataraktes, auf welcher der Damm ausgebaut werden soll, liegt nämlich unterhalb der Insel. Durch die geplante Stauung würde dieselbe nun aber während zwei Monaten im Jahre fast ganz unter Wasser gesetzt werden. Als der Entwurf bclannt wurde, erhoben sich die AltcrlhumS« forscher aller Länder, um diesem„VandakisinuS" zu steuern. Philae besitzt eine Menge werthvoller alter Bauten, darunter die vor Jahr- lausenden errichtete Tempel von Isis, Horus und Osiris� Gleicht die Insel auch heute nur mehr einem Trümmerseld, so gilt sie doch als ein Kleinod der Urgeschichte und dies nicht zum wenigsten wegen der zahlreichen Inschriften, die sich an manchen Gemäuern vorfinden. „Very well", sagten die Söhne Albions, wir heben die Gebäude für die witzbegierige Welt um 80 Futz, so datz sie jederzeit dem Einfluh des Wassers entzogen bleiben— ein Vorschlag, gegen den der Danimbau als Kinderspiel erscheint! Nun haben sich aber endlich beide, Alterthumskundige und Eng- länder, zu einem vernünftigern Plan geeinigt. Zunächst soll das Sammelbecken bedeutend umfangreicher angelegt werden, so datz die Ruinen während der Stauung sämmtlich über dem Wasser- spiegcl liegen, und ferner soll Phiiae durch eine Mauer noch bc- sonders gegen unvorhergesehenen höheren Wasserstand geschützt werden. So wird denn nun ein Unternehmen begonnen werden, das für Egypten von unabsehbarem Nutzen sein wird. Die Kultur und der Wohlstand des Landes haben seit den ältesten Zeilen aus dem Ackerbau beruht. Wir sehen im Alterthum, der höchsten Kulturepoche des Landes, auch den Ackerbau in höchster Blüthe! in späteren Jahren hält die Verwüstung der Felder und Bc- wässerungsanlagcn mit dem Kulturverfall gleichen Schritt. Nach- dem Jniier-Asrila erschlossen war, bahnte sich allerdings dorthin ein reger Handel an, der aber nun ebenfalls gänzlich stockt, seitdem das Mahdi-Reich als undurchdringliches Bollwerl den Sudan absperrt. Ebenso geht seit Erösinung des Sucz-Kanals der südasiatische Handel nicht mehr von Alcrandricn über Kairo ans Rothe Meer und von dort zurück, sondern an Egypten vorbei durch den Kanal. So ist denn der Wohlstand dieses einst so blühenden Landes ernstlich ge- sährdet, wenn der Vater Nil nicht gezwungen wird, wie in Urzeiten seine segenspendende Welle über die Felder zu senden.— Mloittes Isouillefon — Karstlandschaft. Unter dem Namen Karst stellt man sich gewöhnlich eine vegatationslosc�Sternwüste vor. Dieser Typus trifft jedoch nicht auf das ganze Gebiet des Karstes zu, wie in dem Vor- trage des Herrn Emmcr in der letzten Sitzung der Alpenvereins- scktion München nachgewiesen wurde, in dem der Vortragende seine Tour auf den Krainer Schneeberg von St. Peter aus schilderte. Die Fahrt geht durch hochstämmigen Wald bis zu dem vier Stunden von Grafcnbrunn entfernten Forsthaus Maschun. Dieses Waldgebict umfatzt 15 Quadratkilometer und gehört dem Fürsten Schönburg. Von hier auS steigt man wieder durch Urwald, aus Eichen und Buchen bestehend, zwei Stunden aufwärts, bis man �dic zuletzt mit Latschen bedeckte, dann baumlose höchste Kuppe(1796 Meter) erreicht. Die Aussicht ist weitumfassend, denn in einem Um- kreise von 1 Kilometer erhebt sich kein höherer Berg und der Blick dringt bis zu den Hochgipfcln der Dolomiten, den Schucegipfcln der Julischen Alpen und nach Südosten zu den in Blau verdämmernden Bergen Bosniens u. s. w. Auch der Nicderblick in das Waldgebirge und auf das Karsiplatcau ist sehr schön. Darüber hinaus aber dehnt sich in unabsehbare Ferne das weite Meer. Der Redner schilderte dann seine Wanderung zur Fiumaner Stratze und auf den Monte Maggiore, der gleichfalls sehr aussichtsreich ist. Wohl ist der Unter- schied gegenüber der Alpcnlandschast grotz, aber der Farbcnzanber der südlichen Landschaft und der Blick auf das Meer cmschädigl hier- für in vollstem Matze. Der Vortragende gab dann noch interessante Ausschlüsse über die geologischen, meteorologischen u. s. iv. Verhältnisse dieses Thciles des Karst. Charaktcrisfisch ist die grotzc Wasser- qrnruth, hier rauscht kein Bach, keine Quelle: nur sumpfige Tümpel giebt es hier; der autzcrordcntlich durchlässige Boden besteht aus Kalk, der sehr zerklüftet ist und stellenweise in Steilwänden aussteigt. Dennoch ist der Karst das Gebiet der höchsten Niederschläge; es fallen ganz bedeutende Rcgcnmcirgcn infolge von Gewittern und im Herbste; die schönste Jahreszeit ist der Frühling. Charakteristisch für den Karst ist die Bora. Dieser autzerordentlich heftige und ge- fürchtete Wind entsteht dadurch, datz die von Tiefebenen kommenden Winde an dem Bcrgwall airstauen, bis sie über ihn abflietzcn und nun mit furchtbarer Gewalt in gewissen Thalsurchcn abstürzen. Die Bora ist ein Fallwind wie der Fön, aber nicht hcitz wie dieser. Auch sie bildet die als Fönmaucr bekannte Wolkenbank, und deren Er- scheinen zeigt die rasch nahende Bora an. Die Flora des Karst ist eine Fundgrube für den Botaniker, auch die Fauna ist hochinteressant; hier haust' noch der Bär(der zu Jagdzweckcn geschützt wird), Luchs, Wildkatze und Wolf. Literarisches. -I- Richard K I o st e r s ch ü l e r:„Der Krüppel und andere Novellen". Wien 1898. Erste Wiener Volksbuchhandlung.— Die drei Novellen, die in diesem Bücke vorliegen, führen uns i» die traurigen Verhältnisse des Arbeitcrlebens, wo durch cingcirclcncn Betriebsunfall die thcilweise oder gänzliche Jnvalidilät durch das Ilnsallversichcrungs-Gesetz anerkannt werden mutzte. Mit gewandter Feder versteht es der Verfasser, die ganze Tragik aufzudecken. welche durch die Unvolllommenheiten des Gesetzes gegenüber der betroffenen Person entstehen mutz. Leider sind die Motive nicht recht glücklich gewählt; es giebt gerade auf diesem Gebiete Fälle, denen man nur allzu oft im Leben be- gcgncr, die zu einer poetischen Behandlung besser geeignet gewesen wären. In der dritten Novelle schlietzlich,»Der Lumpendoktor", wirkt die übermätzig lang ausgedehnte Stelle von der philosophischen Be- trachtung über den freien Willen ciwaS langweilig. Im übrigen ist die Darstellung flott und unterhaltend.— Theater. Das Schauspielhaus kam uns noch vor dem Schlutz der Saison mit cincnr grotzen dramatischen Gedicht„M o h a m ni c d" vonZO t t o v. d. P f o'r d t e n. Das heitzt„grotz" ist das Gedicht nur dem Umfang nach. Herr v. d. Pfordten hat sich schon einmal an eine welthistorische Persönlichkeit gehalten, den ersten Napoleon in dem Preutzenstück 1812. Hier ging es eher mit dem geschichtlichen Anekdotenstil. Napoleon in seinem Niedergang wird der„uationalpreutzischen Be- wegung" gegenübergestellt, und der theatralische Effekt stellt sich leicht ein. Mohamnrcd aber, der Stifter einer Religion, der Prophet, das ist ein ungleich verwickeltercs und tieferes Problem. Wie fanatischer Wahrhcitseifcr zu verzweifeln beginnt; wie der ver- zweifelnde Eiferer, nur um aufrecht zu bleiben, sich selbst suggcrirt, datz die himmlischen Stimmen zu ihm gesprochen haben; wie der Mann, der sich gleichsam selbst hypnotisirt hat, nun plötzlich hypnotisirende Gewalt über die Massen erhält; wie Wahr- heit und Trug seltsam durcheinander verwoben werden: das alles lätzt sich mit grotzer Poesie erfüllen. Ohne Zweifel. Aber Otto von der Pfordten ist der Poet nicht und sein Gedicht ist von trockener Absichtlichkcit erfüllt; sein Wollen hat sich nicht in künstlerisches Leben verwandelt. So sehr drängt sich die trockene Absichtlichkcit in den fünf Geschichtsbildern vor, datz zum Schlutz des vierten Bildes die Stimmung im Publikum bedenklich heiter wurde. Mohammed ist mit seinen Beduinen als Sieger in Mekka eingezogen; er will den Sieg befestigen und thcils aus kluger Politik, thcils aus wirklicher Verliebtheit begehrt er die schöne Ajischa, die Tochter des Schcilhs vom mächtigen Stamm Korejisch zur Frau. Ajischa aber will von dem gereiften Mann nichts wissen; ihr Herz hängt an Mohammeds jugendlichem Freund Ali und da„arbeitet" Mohammed wie ein moderner Hypnotiseur etwa arbeiten würde. Er versetzt Ajischa in„magischen" Schlaf und be- fiehlt ihr, nach dem Erwachen ihn als Propheten zu begrützen und liebend zu umfassen. Ajischa ist ein treffliches Medium, und das Kunststückchen des Hypnotiseurs gelingt vor Ajischa's Vater und der wundergläubigen Menge. Das ist denn doch zu kleinlich vernünftelnd, und so lätzt sich poetisch der Zauber nicht erklären, der von einer mächtigen agita- torischen Persönlichkeit ausging. Rechtschaffen quälte sich Herr M o l e n a r mit diesem Propheten; aber die dröhnende Stimme drang nicht zum Gcmüth; die Er- schüttening blieb aus. Nicht gerade originell, aber hübsch gezeichnet ist die Gestalt eines witzigen, aber seilen Dichters. Sie ivuroe von Herrn Heine mit einem gewissen Spitzbubeuhumor gegeben.— -ff. — r. Im Zcntral-Theatcr sind die Hamburger von einer Gesellschaft abgelöst worden, die in stcirischer Mundart ein Stück, Karl M o r r e s'„'s N u 1 1 c r l" spielt. Eine Erörterung über den Werth dieses Bühnenwerkes erübrigt sich wohl. Fiala- Ensemble nennt sich die im Zcntral-Theatcr austretende Gesellschaft. ES ist zu unterscheiden zwischen den eigentlichen Mitgliedern und denen, die blos als Gäste mitwirken. Die wirklichen Mitglieder sprechen den stcirischcn Dialekt meist naturgetreu und verleiten so die Damen im Parkett zu unwilligen Bemerkungen über die UnVerständlichkeit dei Handlung. Ihre Rollen spielen sie schlecht und recht, ohne datz sich irgend einer besonders hervorlhäte. Der übliche starrköpfige Grotzbauei patzt genau in das Schema, das auch anderswo für diese lliollen- gattung vorgeschrieben ist, und der Naturbursch lätzt gleichfalls nicht von der Gewohnheit, seine Nolle ein wenig ins klowuhafte zu ver- zerren. Etwas mehr Beachtung darf wohl der eine der beiden Gäste beanspruchen, welchen das Ensemble bescheiden die Hauptrollen über- lassen hatte. Der bayerische Hofschauspielcr Hans Ncucrt spielte das Nnllerl. Sein Rullerl ist geduckter als die Figur, die Schweighoser in seinen letzten Jahren gern darstellte. Herr Rcuert bringt das Gejühl der Hilslosigkeil und Abhängigkeit in dem alten Einlieger scharf zum Ausdruck; minder glückt ihm die Schelmerei, die dem verstorbenen Wiener Künstler so vielen Beifall cintnlg. Paula W i r t h, welche ebenfalls in das Ensemble hincingerathcn war, schien indispoirirt zu sein. Sie gab die kraule Gabi übernratt und that den Berlinern den Gefallen, ein ihnen verständliches Hochdeutsch zu sprechen.— Kulturhistorisches. — Im späten Mitlelalter und am Beginn der Neuzeit wurde in Dculsckiland sehr viel gebadet. Späterhin kam eine Zeit, wo man sich trotz äutzcren Prunkes sehr wenig um Körperreinlichkeit kümmerte. Das beweisen die W a s ch j ch ü s s c I u aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die kaum grotzer als ein Suppenteller sind. Herzog Johann Friedrich von Württemberg hat Aufzeichnungen hinterlassen, in die er alle merkwürdigen Ereignisse eintrug. Mitten unter Staatsjachen steht die Bemerkung:„Hab mir heut den Kopf waschen lassen, hat mir recht wohl gethan." Gesundheitspflege. ie. Ein Augcnschntz für Radfahrer und andere Per- sonen, die dem Wind und dein Staub bcjondeiS ausacietzl iiud. wurde von Dr. Mirowitsch in einer Mittheilung an die Französische Hygienische Gesellschaft beschrieben. Derselbe besteht aus einer dünnen Schale aus Horn oder einem anderen durchsichtigen Stoffe. Auf der Vorderseite sind Oeffnungen vorhanden, in die einfache Gläser oder Brillengläser mit der für die Person passenden Vergrößerung eingefügt werden. Der äußere Rand der Hornschale kann leicht so geschnitten werden, daß er überall auf den Gesichtstheilen in der Umgebung des Auges hastet, mit Ausnahme der Schläfengegend, wo in der Hornschale eine Grube bleibt. Diese ist nöthig, um den Zutritt frischer Luft zu der zwischen Auge und Glas gebildeten Kammer zu gestatten und zu verhindern, daß das Glas durch Verdunstung von innen her beschlägt. Es ist anzunehmen, daß für größere Touren dieser Augenschutz von großer An- nehmlichkcit und bedeutendem Nutzen sein und sich daher bald einführen wird, umsomehr als ein schädlicher Einfluß des Radfahrens auf das Auge öfters festgestellt ist. Das Radfahren verursacht eine Ermüdung der Sehnerven und der Netzhaut sowie eine chronische Unempsindlich- keit gegen Licht. Durch Blutandrang zu den Augenlidern und zu den Häuten des Augapfels sowie durch Ermüdung der Augenmuskeln entsteht häufig Kopfweh. Besonders schädlich ist das Fahren bei weit vorgebeugtem Oberkörper, weil das Aufwärtswendcn der Augäpfel eine dauernde Zusammenziehung der oberen Augenmuskeln mit sich bringt. Ferner wird ein richtiger„Kilometerfresser" natürlich seinen Augen mehr zumuthen als ein gemäßigter Radfahrer. Neben den: ve- schriebenen Augenschutz ist daher das Tragen sorgfältig ausgewählter Korrektionsgläser und, wenn sich bereits Beschwerden im Auge ein- gestellt haben, Müßigung im Fahren dringend anzurathen.— Aus dem Thierreiche. — Von springenden Ameisen berichtet der ungarische Naturforscher Ludwig Biro im letzten Heft der„Berliner Entomolog. Zeitschrist":„Weit drinnen im Urwald von Lemien, bei Berlinhafcn in Neu-Guinea, fand ich in dem von hohen Bäumen beschatteten Dickicht, unter morschen Besten und herabgefallenem Laub ein Nest von eigenthünilichen Ameisen, mit zahlreichen Weibchen und auch einigen geflügelten Männchen. Wenn man diese Ameisen durch Aufrühren der Erde oder durch Beuteln des daheim auf Papier ausgebreiteten Materials beunruhigt, so ducken sie sich regungslos meder. Ihre Kiefer sind ungewöhnlich weit geöffnet, zur Vertheidiguug bereit und weit nach hinten gehalten. Sowie man sich ihr mit einer befeuchteten Stecknadel oder einem Holzspahn nähert, ertönt ein leiser Knall, und die Ameise ist im Augenblick vetzchwunden,— gleich einem Floh ist sie davongchüpft. Die Jagd auf den kleinen Ausreißer— fährt Biro fort— wurde erst dann erfolgreich, als ich den ganzen Tisch mit weißem Papier belegte. Nun war es nicht schwer zu sehen, wohin sie fielen und weshalb sie nach dem Sprunge unsichtbar wurden. Die nichtgelungencn Sprünge lieferten den Beweis dafür. Wenn sie nach dem Sprunge auf das Papier fielen, so blieben sie zusammengekauert, regungslos liegen, jedoch niemals auf dem Bauche, sondern stets seitlich, weil die eigen- thümliche Stellung ihrer Kiefer auf der glatten Fläche eine andere Lage nicht zuläßt; dagegen wird auf der Erde oder einer staub- bedeckten Stelle die Anpassung der Ameise zur Farbe ihrer Um- gebung vollkommen, denn sie braucht mir noch die glänzenden Kiefer zu verbergen, damit ihr glanzloser brauner Körper zwischen den Sandkönichen gänzlich»»bemerkbar werde. Ebenso neigt sich auch der Hinterleib herab, welcher sie durch seine lebhafte Farbe verrathen könnte. Der Sprung aber, welchen diese kleinen Ameisen mit Hilfe ihrer Kiefer zu machen im Stande sind, ist für ihre Verhältnisse sehr groß. Die meisten machten Sprünge auf 20 bis 35 Zentimeter Entfernung hin; ein Sprung betrug sogar 17 Zentimeter. Nimmt man den Sprung im Durchschnitt mit 20 Zentimeter an, so kann dies 3 Millimeter lange Thierchen das Hundertfache seiner Körperlänge springen; der größte Sprung in- dessen war über 150 mal so groß. Von den Weibchen sprang keins davon. Ein Weilchen bleiben sie regungslos, dann fangen sie rasch zu laufen an, um beim Nahen einer Gefahr sich aufs neue un- beweglich hinzukauern.— Ans dem Thierleben. äfer und Wanzen als Fischfeinde. In den: letzten Hefte der französischen„Ksciculturo pratique" macht Dr. Wiet auf die Gefahren aufmerksam, denen junge Fische seitens gewisser Schwimmkäfer und Wasserwanzen ausgesetzt sind, die be- sonders an einzelnen Zuchtfischcn, namentlich jungen Lachsen Ge- fallen finden. Besonders zu fürchten ist der Fadenschwimnikäfer svyticus). Jedermann kennt diesen großen länglichen Käfer mit seinen starken kurzen Vorderbeinen und seinen langen breiten als tüchtige Ruder dienenden Hinterbeinen. Die Flügeldecken dieses Käfers glänzen im Wasser mit einem schönen Olivgrün, mit einem breiten hellbraunen Bande um das Brustschild. Sowohl der ausgewachsene Käfer als seine Larve stürzen sich mit einer unersättlichen Gier auf lebende Beute. Be« sonders die Larve saugt alles aus, was ihr unter die Kiefer fällt: Würmer, Mollusken oder junge Fische. Mit ihren kräftigen Zangen schneidet sie in die Haut ihres Opfers ein Loch, durch das sie alle Flüssigkeit aus dem Körper aussaugt. Der Kolbenwasser- Käfer sKzcdaropbilus) ist in ausgewachsenem Zustande weniger gefährlich, da er sich vorzugsweise von Pflanzenkost ernährt, aber seine viel- gliedrige häßliche Larve haust kamn weniger schlimm als die des Dyücus. Sie ist leicht kenntlich an ihrem großen, hornartigen, mit zwei starken und gezähnelten Kiefern bewaffneten Kopfe und an den hornigen Platten, die die drei ersten Leibesringe bedecken. Ein dritter Feind der jungen Fische ist der Rückenschwimmer, eine eigen- artige Wanzengattung, die auf dem Rücken schwimmt und in dieser Stellung einem kleinen dreirudrigen Boote gleicht. Die als Ruder dienenden Füße sind, besonders die Hinteren, stark verlängert und mit Borsten besetzt. Weniger kräftig als die Larven der genannten Käfer sind sie der Fischbrut kaum weniger gefährlich, da sie in ihrem Stachel ein Gift besitzen, durch welches sie mit einem Stich junge schon ziemlich kräftige Lachse tödten können.— Humoristisches. — Aus dem Frage- undAntwortspiel der Schule werden der„Deutsch Z." folgende unfreiwillige Scherze mitgetheilt: Lehrer:„Um das Jahr 449 v. Chr. setzten die I ü t e n, Angela und Sachsen nach Britannien über. Welche Sprache haben sie dorthin verpflanzt?" Schüler:„Hebräisch und Sächsisch". — Lehrer(bei Besprechung von Rückerts Gedicht„Barbarossa"): „Was heißt das: Der Stuhl ist elfernbeinern?" Schüler: „Der Stuhl hat elf Beine."— Lehrer:„Wer ist ein M u s e l- mann?" Schüler:„Ein Mann, der viel freie Zeit hat". — Lehrer:„Was bedeutet das Wort„M ä r e" in den Versen von Schillers Ring des Polykrates:„Mich sendet mit der frohen Märe— Dein treuer Feldherr Polydor?" Schüler:„Einen alten Gaul".— Lehrer sin der Bibelstunde):„Die Menschen begannen sich zu vermehren. Da aber der Herr sah, daß die Bosheit ihrer Herzen groß ivar, rcuete es den Herrn... Worin bestand die Bosheit?"— Schüler:„Weil sie sich vermehrten".— Lehrer(bei Lesung der Siegfriedsage):„Wodurch unlerschied sich also Brunhilde von anderen Jungftauen?"— Schüler:„Dadurch, daß sie keinen Mann haben wollte."— — Immer nobel. Kellner:„Wünschen Sie Hecht, Stein- buttc, frischen Lachs oder Goldfisch, mein Herr?" Silberstein:„Selbst- verständlich— ml— Goldfisch I"— Vermischtes vom Tage. — Ko st spielige Bahnhofsanlagen. Von' den be- deutenderen deutschen Bahnhöfen hat der Frankfurter 35 Millionen. der Kölner 24, der in Hannover 20, in Mainz 18, in Düsseldorf und München je 16 Millionen Mark gekostet. Die kostspieligste Bahnhossanlage ist die Dresdener, bei welcher der Anschlag von 34 Millionen wahrscheinlich um 60— 70 pCt. überschritten wird. Der Umbau des Wiesbadener Bahnhofes kostete 24, der des Stcttincr und des Schlesischen Bahnhofes in Verlin fast je 10 Mill. Mark.— — Ein Athlet, der im Zirkus zu L i p P st a d t zwei Knaben an zwei auf der Brust gehaltenen Staugen Turnübungen machen ließ, verlor plötzlich die Kraft und stürzte nieder. Die beiden Knaben fielen herab und waren sofort todt. Der Mann liegt schwer verletzt darnieder.— y. Die Bahnstrecke I lf e l d- N e tz k a t e r der Harzquerbahn ist dem Verkehr übergeben worden.— y. Ein Ruderboot mit drei Insassen kenterte auf der Obertrave bei Oldesloe. Ein junger Manu ertrank.— — Im Dorf Kühndorf bei Koburg wurden die Frau und die S ch w i e g e'r m u t t e r eines Landwirthes erwürgt auf- gefunden.— — In Pohlitz bei Gera hat ein � Schmied seine Schwägerin erschossen und hierauf einen Selbstmordversuch gemacht.— — Einem Kameraden bei einer Rauferei die N a s e v o I l- ständig durchgebissen hat in Giersdorf(Schlesien) ein angetrunkener Erdarbeiter.— — Bei einer nächtlichen Waldparthie bei S p'c y e r geriethcn einige jugendliche, durch Biergemiß erhitzte Burschen von L i n g e»- f e l d und Mechtersheim in Streit. Zivci der Streitenden haben das Leben eingebüßt.— — Ein Bergmann in G e l s e n k i r ch e n hat seinen Vater bei einem Streit durch einen Messerstich tödtlich verletzt.— — Aus Wien meldet das Depeschenbureau Herold unterm 3. Mai: In dem Vorort Hernals versuchte ein arbeitsloser Tischler- geselle die Ausraubung eines Juwelen- und Uhrengeschäfts. Er warf gegen den Geschäftsinhaber eine Bombe, welche explodirte und die Kleider des Juweliers in Brand steckte. Passanten gelang es. den Räuber zu überwältigen, trotzdem derselbe mehrere Personen durch Revolverschüsse verwundete.— t. Ein großer botanischer Garten soll auf Kosten eines Privatmannes in der Umgebung der Stadt Nantes nach dem Muster der englischen Gärten in Kev bei London geschaffen werden. Er soll wie dieser die Aufgabe haben, die wissenschaftliche Untersuchung und Zucht ausländischer Pflanzen zum Vortheil der französischen Kolonialbesitzungen vorzunehmen.— — Cnne große Bisquitfabrik in Saronno bei Mailand ist völlig a b g e b rannt. Der Schaden ist groß.—_ Veranlwortlicher Redakteur: August Jucobey in Berll». Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.