Knterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 88. Donnerstag, deit 5. Mai. 1898. (Nachdruck vkrbotcu.) Der Schiffsjunge. 14Z Eine Scegeschichte von Peter Egge. Einzig autorisirtc Ncbcrsctzung von E. Brause Wetter. „Ist bei Dir zu Hause vielleicht etwas Trauriges passirt." „Nein." „Sei nicht so schwermüthig Junge. Morgen gehen wir achter zum Kapitän und kriegen Geld. Und dann gehen wir ans Land und amüfiren uns." Benn sagte nichts. „Komm, geh mit hinein!" „Ich möchte hier noch ein Weilchen stehen. Ich komme bald nach," fügte er hinzu, um den andern loszuwerden. Oivind ging hinein und Benn blieb zurück. Der Abend erschien ihm so schön, und der Mond strahlte noch immer mit derselben trostreichen Klarheit, wie früher. Die Kajütenthüre öffnete sich. Er drehte sich herum und sah den dicken, breiten Steward in Morgenschuhen dahergcwatschelt kommen. Als er zu Benn hinkam, blieb er plötzlich stehen und guckte ihm mit feinen kurzsichtigen Augen blinzelnd ins Gesicht. „Halloh, Benn! Stehst Du hier? Liest Dn nicht Deine Briefe, Kerlchen? Tu bekamst ja eine halbe Million!" „Ich habe sie gelesen!" „So, na, wie steht's denn daheim!" „Danke, gut I" „Und willst Du nicht heut' Abend schreiben?" „Nein, ich glaube, ich schiebe es bis morgen auf." „Du"— er senkte die Stimme—„willst Du mir bei eineni kleinen Zcttelchen an meine Frau helfen, dann nimmt es der Kapitän morgen früh mit." „Ja. gern." Dann gingen sie in die Kambüse hinein. „Ich backe bald, Benn, und dann sollst Du einen Kuchen für Deine Mühe haben." Der Steward klappte seinen Bäckertisch von der Wand herab und setzte den Ständer darunter. Dabei redete er un- aufhörlich, weihte Benn in seine häuslichen Verlältnisse ein, erzählte lang und breit von seinem Sohn Ole und von seiner Frau Martha, die so brav wäre. Das Meiste hatte Benn schon früher gehört. Als die Schreibgeräthschaften vorgesucht waren, ließ er Benn den Brief der Frau lesen, dann gab er ihm jeden Satz an, der geschrieben werden sollte und ließ ihn Venn formen, wie er wollte. Sic blieben noch sitzen, lange nachdem der Brief fertig war. Der Steward ward dessen gar nicht müde, ihn durchzu buchstabiren. Als er endlich mit dem Lesen fertig war, rief er: „In Jesu Namen, was willst Du, der so schön schreibt, auf der See? Es kann ganz fein sein auf See, so lange man jung ist; aber man wird selten glücklich dabei. Ja, ja, das ist wahr!" Es trat Stille ein. Benn zog den Brief der Mutter hervor und las ihn. Dann steckte er ihn wieder in die Tasche. Seine Seele war nun ruhig und leicht, und er dachte mit Freuden an die Briefe, die noch ungelesen in der Koje lagen. Der Steward war in Gedanken versunken und blies große Rauchwolken in den Rauni hinein. Benn dachte sich, seine Kameraden müßten nun zur Ruhe gegangen sein, es war so still auf den: Schiff. Nur den Michel, der in der Koje zunächst der Kambüse lag. hörte er eine schwermüthige, wehmuthsvollc Weise summen: „O, Seemann, der auf dem Ozean fährt, Halt stets Deinen Sinn dem Herrn zugekehrt!" Als Benn später in die Roof hineinkam, schliefen alle. Nur Jens Christian, der die Wache hatte, saß aus seiner Kiste und nickte im Schlafe. Als Benn hineinkam, fuhr er auf, setzte sich aber wieder, als er sah, daß es nur Benn war. Der Junge zog sich aus und kroch in seine Koje. Dann nahm er seine Briefe vor. Er legte sich mit der Hälfte des Körpers auf die Kiste hinaus, mn besser sehen und sie alle durchlesen zu können.— XII. Am Tage darauf arbeitete Benn im Zwischendeck. Der Ballast sollte heraus. Um 2 Uhr kam der Steuermann zu ihn? hinunter: „Na, Beim, zieh Dir'ne feine Joppe an. Du sollst mit der Frau an's Land, um ihr tragen zu helfen. Zieh' Deinen Landanzug an!" Ein fast ängstliches Gefühl des Glücks durchströmte Benn: Sie hatte ihn also nicht vergessen! Er hatte sich gestern nicht geirrt, als sie ihm zunickte. Er sprang in die Roof hinauf, wusch sich und zog sich in fieberhafter Eile an. Die ganze Zeit sah er in Gedanken sie in ihrem schweren Pelzmantel in der Kajüte sitzen und auf ihn warten. Er brauchte keine zehn Minuten, sich umzu- kleiden. Sobald er fertig war, betrachtete er sich schnell im Spiegel. Seine Haut war feiner und weicher geworden, weil er sich nicht täglich mit dem salzigen Wasser gewaschen hatte, und sie hatte eine bräunlichere Farbe bekommen, als früher. Er legte die Hände auf seine heißen Wangen. Gott! loic heiß er war! Dann drehte und wandte er sich, um zu sehen, wie sein neuer blauer Anzug ihm von vorn und hinten stand. Es war so lange her, seit er ihn angehabt hatte, daß er ihm ganz neu erschien. Die weiten, eleganten Beinkleider hatten im Koffer oberhalb der Knie Falten be- kommen. Er streckte und zog an ihnen, um die Falten fort zu bekommen. Die Schuhe machten ihn halb verrückt vor Freude: Sie waren noch gerade so blank, wie damals, als er sie in Arendal eingepackt. Und dann dazu der breitkrempige Hut! Den hatte er gekauft, um so seemännisch, wie möglich, auszusehen. Er warf noch einen kurzen, flüchtigen Blick in den Spiegel. schleuderte ihn dann in die Koje hinein und lief zur Thüre hinaus. Als er zum Mittelschiff kam, entstand eine Verwunderung und ein Staunen unter den Kameraden. Er schritt über alte Planken, Taue und Kloben davon. „Seht nur den Venn an! Wie flott der ist I" „So fein, wie der Schifier selbst!" „Und den Hut hat er in die Augen gedrückt!" „Ja, wie all' diese Studentenlaffen!" „Du triffst die Frau oben bei dem Steamkarsen," sagte der Steuermann und lachte und nickte ihm zu. Benn war bald am Lande und lief. Einige Kameraden sahen ihm fast neidisch nach. Einer rief: „Sie ist noch an Bord!" Venn blieb einen Augenblick stehen. Aber da lachten sie alle laut los, und er lies weiter. Es war kalt. Kleine Tümpel, tiefe Löcher und Pferde- spuren lagen festgefroren da. Der Junge glitt mehrmals aus, ohne jedoch zu fallen, sprang über die alten Bretter, die auf- gestapelt waren, und über die Anker- und Drahttaue, die von den Schiffen ausgingen. Als er um die Ecke bog, wo die Straße begann, hörte er plötzlich auf zu laufen: Dort ging sie auf und ab und wartete auf ihn. Er versuchte seine Athemzüge zur Ruhe zu zwingen, be- vor er sie erreichte. Sie kam ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: „Na, Benn, haben Sie heute geweint?" „Gew-- eint? Nein." Er wurde verlegen und ein wenig erstaunt. Sie gingen ruhig im Promcnadenschritt dahin. „Ich meine, ob Sie noch immer schwermüthig sind?" „Nein, seit Frau Kapitän mir versprachen--" „Sagen Sie mir, Sie haben doch wohl mit den Leuten nicht von der Abniustermig gesprochen?" „Nein." Er fühlte sich fast gekränkt, daß sie so etwas befürchtete, und fügte in etwas affektirt belcidigtein Ton, ohne sie anzusehen, hinzu: „Ich bin nienials indiskret, Frau Kapitän!" Sie lachte, als hätte sie das Gekünstelte in seinen Worten gefühlt. Das Lachen verdroß ihn. Er fühlte sich gedeinüthigt, kam sich klein vor in den Augen der Geliebten, und die Thränen traten ihm in die Augen Sie sah es und sagte: .,�ein. titetn Gott! Gelen Sie wieder gut! Jcki weiß ja. Sie sind ein braver Mensch I" Sie zog ihre behandschuhte Hand aus ihrem?.icuff heraus und reichte sie ihm hin! „Sind Sie wirklich so empfindlich? Dann Passen Sie aber wirklich nicht dazu, unter Seeleuten zu leben." Sie hielt seine Hand fest in ihrer warmen und drückte sie einige Male, so dag ihre Wärme ihn durchströmte. ES entstand eine kleine Pause. Er versuchte das Weinen zu unterdrücken und wischte die Thränen. so still wie möglich, fort. (Fortsetzung folgt.) �Nachdruck verboten.) Orv Erfmdc!,'. Novelle von Harry Alis. Deutsch von Wilhelm Thal. I. Der Eingang zum Handelsministerium wird von einem Manne von militärischem Aussehen behütet. Dieser„Hüter" bat dem Ruhm einst ein Vcin gcopscrt, und das schadet der Majestät seines Ganges; doch, wenn er auf seinem Posten sitzt und auf die Besucher auspatzt, verleihen ihm seine Medaillen, sein martialisches Gesicht mit dem stolzen Schnurrbart ein imposantes Aeutzere. Ein hochgewachsener alter Herr und eine kleine alte Frau sind unter das Thor getreten. Sic schienen in dem Ministerium bekannt zu sein, doch jedenfalls schüchterte sie der fragende Blick des Portiers ein. denn der Mann blieb stehen und fragte mit der deutlichen Ab- ficht, den Zweck seines Besuches mitznthcilen: „Das Patentbureau, bitte?" „Treppe l) im zweiten Stock!" Sie gehen weiter und steigen die Treppe(? hinauf. Hier sind die Burcaux für die Erfindungen. Es gicbt in Paris keinen Ort, der äutzerlich einen so alltäglichen Eindruck macht: ein grotzes, mit viereckigen Kartons vollgepfropftes Zimmer, das in einer Ecke durchbrochen ist und in andere genau ebenso ausgestattete Zimmer führt. In der Mitte des ersten liegen auf einem riesigen Tische die Patentkatalogc; einige daran sitzende Personen blättern darin. Zeichner kopiren Modelle für Patcntbureaus und machen sich ganz leise über die Besucher lustig. Das sind die Getreuen des Patentamtes. Man sieht aber auch Gelehrte und Reiche. Allerdings sieht man sie nur selten, denn sie nehmen hauptsächlich die Hilfe von Vcr- Mittlern in Anspruch. Manchmal aber wagen sie sich doch hierher, und dann hallt das Zimmer wieder von ihrem scharfen, entschiedenen Organ. Sie tragen im Winter Gehpelze und im Sommer Blumen im Knopfloch. Das sind die Günstlinge der Göttin„Erfindung". Doch die grotze Anzahl der Getreuen sieht anders aus: das sind schlcchtgeklcidete arme Teufel, die von Sorgen und Ar- muth niedergedrückt, scheu und dcmüthig angeschlichen kommen. Wie jene Spiclprofcssoren, die man in den Salons von Monte Carlo trifft, haben auch sie eine eiserne Stirn und jenen zugleich leuchten- den und unstäten Blick, der dem Genie oder dem Wahnsinn eigen ist. Das sind die wahren Anhänger der Gottheit, denn ihnen be- reitet sie nur Qualen, und. doch hangen sie an ihr mit unerschütter- licher Treue. Als Burcaudicncr waltet in diesen Räumen ein dicker Mensch mit ewig schmunzelndem Gesicht; er tennt die meisten der Getreuen und entpfängt sie mit Nachsicht. Er hat Leute Millionäre Ivcrden, er hat andere im Jrrenhause enden sehen; doch er zitirt gern die erstcren, bei deren Erwähnung den Gläubigen die Augen funkeln, und die ihm einige Silbcrstücke einbringen.... An jenem Tage unterhielt sich der Burcaudiener mit einem kleinen, rothbäckigcn Mann mit ewig lächelnder Miene und einem Erfinder von etwa öv Jahren, der lange, wirre, ins graue spielende Haare trug. Der große alte Mann und die kleine alte Frau, die eben an dem Portier vorübergegangen waren, traten dcmüthig in das Heiligthum. Der Erfinder mit den langen Haaren sprach sie an: „Ah, sieh da, Herr Boruay I Guten Tag, Madame! Wie geht's?" „Sehr gut, Herr Burtin. sehr gut. Guten Tag, Herr Meyer!" Herr Dieyer war der kleine, rolhbäckige Mann. Es war noch eine andere Person da mit glattem Schulmeister- gcsicht, die in einem Bande blätterte. Herr Bornay begrüßte ihn, dann nahm er den Burcaudiener bei Seite und sprach ziemlich lange mit leiser Stimme und flehender Gcberde auf ihn ein. „O, das ist unmöglich!" versetzte der Beamte.„Wenn Sie wiederkommen wollen, ginge eS eher." Während dieser Unterhältung waren andere Personen eingetreten, «in Koloß mit langem Bart und dann noch mehrere Leute, die alle einander mehr oder weniger kannten. Plötzlich sagte Herr Burtin mit lauter Stimme: „Na also... Kommen Sie mit, eine Kleinigkeit trinkcir?" Meyer, Herr und Frau Boruay folgten ihm, während die Anderen nachzukommen versprachen. Einige Augenblicke später saßen sie olle in dem Hintcrzimmer einer kleinen Kneipe an der nächsten Straßenecke. Herr Burtin, der in Gebelaune zu sein schien, ließ Getränke kommen und sprach mit fieberhafter Aufregung:„Ich habe niit dem Verkauf meines Kolorir- Verfahrens für Kirchenfenster etwas Geld verdient. Aber ich bin fürchterlich übers Ohr gehauen worden. Nicht wahr, Meyer? Doch für meine neue Seife kann ich keinen Kapitalisten finden, und doch haben sie mehrere Dcputtrte dein Ministerium empfohlen." Ein armer, schäbig gekleideter Mensch, dessen grotze schwarze Augen im Feuer des Wahnsinns leuchteten, schien plötzlich in Wuth zu gcrathen. „Ach ja, die Deputirten, das sind die Richtigen! Ich habe ihnen 20 Petitionen zugeschickt, sie sollten mein Verfahren empfehlen.... Ich verlange nichrs für mich, es ist ja für die Menschheit I... Und da beklagen sie sich noch, daß sie stets Defizit haben!" Nun erklärte er seine Idee. Es handelte sich darum, die in den Bergwerken aufgespeicherte Erdwärme zu binden und nutzbar zu machen. Dort unten wäre sie den Arbeitern höchst lästig, da- gegen auf der Erdoberfläche könnte sie zu tausenderlei Dingen verwendet werden, und dabei würde man noch das Brennmaterial sparen. Er erregte sich beim Sprechen, stieß Drohungen aus und unterbrach seine Rede mit zusammenhangslosen Worten, wie:„Geduld... Geduld... man wird ja sehen... Ich werde es Ihnen schon zeigen!" Die andern hatten im Grunde genommen nur Mitleid mir dem Erfinder, für seine Entdeckung hatten sie nur sehr geringes Interesse, denn jeder dachte fortwährend an seine eigene. Ein magerer und schüchterner Mensch stimmte bald darauf dem Erfinder des unterirdischen Feuers zu und las eine Petition vor, die er an demselben Tage an die Kammer gerichtet; denn nach jahrelangen Bemühungen war es ihm gelungen, künstliches Gold zu fabriziren. Lange hatte er den Nutzen seiner Ent- dcckuung für sich behalten wollen, doch er fürchtete, der Tod könnte ihn überraschen, und seine großartige Erfindung der Menschheit ver- loren gehen. Darum bat er die Regierung, sie möchte ihm die Mittel bewilligen, seine Experimente mit Unterstützung von Fach- lcuten fortzusetzen und beschwor das Parlament schließ- lich, kein Gold weiter prägen zu lassen, denn dasselbe wäre ja mit seiner Erfindung nicht mehr von nöthcn." „Ganz mein Fall," unterbrach der Koloß mit dem langen Bart; ich wollte„sie"— man wußte nicht recht, auf iven dieses „sie" sich bezog— auf meine Hakcnschuhe aufmerksam machen. Rein unmöglich. Sic wollen nicht; ja, die Kapitaliften sind recht dumme Kerls!" Bei diesen Worten entstand ein allgemeiner Aufuhr. Zeder zittrte Beispiele für die riesige Dummheit der Kapitalisten, und nur Herr Meyer, der kleine Mann mit dem rothcn Gesicht blieb ruhig sitzen. Der Erfinder des künstlichen Goldes beugte sich zu Herrn Burtin hernieder und fragte ihn: „Wer ist denn das?" „Das? das ist einer von den Patentagenten, die uns unter dem Borwaud, Kapitalisten ausfindig zu machen, ausbeuten. Sie finden nie welche, aus dem einfachen Grunde, weil sie nie suchen, doch wenn sie überzeugt sind, daß die Sache gut, dann borgen sie Einem im Nothfalle IVO Franks und lassen sich 500 dafür wieder- geben...." Dann setzte er nach kurzer Pause hinzu:„ES ist aber immer noch ein Glück, daß solche Menschen überhaupt existircn." Die allgemeine Aufregung legte sich, es entspannen sich Privatunterhaltnngcn, und in einer Ecke saß die kleine alte Frau und erzählte einein blassen jungen Manne die Geschichte ihres Lebens. IL Früher hatte Herr Bornay in Lyon einen ganz andern Beruf ausgeübt, dem schon sein Vater obgelegen hatte; er war Bücher- rcvisor gewesen. Doch schon damals inlercssirte er sich für Maschinen und widmete der Mechanik alle seine Mußestunden: er fabrizirte Maschincnthcilc und Schlösser, die er veränderte, vereinfachte und mit Rädern versah. Auf diese Weise cutdccktc er das lange Zeit gesuchte Verfahren der mechanischen Fabrikation von Porzellan- gegenständen, wie Teller, Tassen und Schüsseln. Jetzt erst kain ihm der Gedanke, ans seiner Erfindung Nutzen zu ziehen. Doch dazu brauchte er Kapitalien und er bat reiche Verivandte darum, tzlbcr man lachte ihm ins Gesicht und behandelte ihn als einen Mann, der mit seinem Schicksal unzufrieden ivar und sich über die Anderen erheben ivollte. Diese Mißerfolge konnten den Glanben und das Vertrauen, das Bornay zu seiner Erfindung hatte, nicht erschüttern. Er machte alles, ivas er besaß, zu Gclde und reiste nach Paris. Dort konnte er wenigstens Kapitalisten finden, und man lviirdc ihn nicht gleich von vornherein für unfähig erklären. Doch ach, auch in Paris fand er die Quellen nicht, die er suchte, dagegen lernte er bald die Sorgen ums tägliche Brot kennen. Als sein Kapital aufgezehrt war, fand er mit großer Mühe vorüber- gehende Beschäftigung, die ihm gestattete, für den Unterhalt seiner Frau und seiner beide» Kinder zu sorgen. Wenn sie nicht die äußerste Noth kennen lernten, so verdankten sie das den Unterstützungen, die ihnen eine Schwester der Madame Bornay zu theil werden ließ. Bon der ganzen Fanülie hatte allein Tante Klara die Partei des Erfinders ergriffen; sie glaubte an sein Genie und bewunderte ihn rückhaltlos. In Erwartung der Millionen, die als Entgelt für die Entdeckung des Herrn Boruay nicht ausbleiben konnten, verausgabte auch sie ihr kleines Verniögen und nahm dann bei einem kranken alten reichen Mann eine Stellung als Gesellschafterin an. Sie war es, die die Kosten des Haushalts trug, die Kleidung, das Schulgeld herbeischaffte und im äußersten Nothfall sogar die Micthe bezahl! e. Verschiedene Male indes; hätte Herr Bornah beinahe Kapitalisten zur Ausbeutung seines Patents gesunden. Ein Kausmann stand im Begriff, mit ihm einen Verlrag zu schließen, machte aber vorher eine Reise nach Lyon, erkundigte sich und lernte dort Verwandte des Erfinders kennen, die ihm dringend abriethen, sich mit dem Aben- teurer einzulassen. Ein anderer Kapitalist starb am Tage vor der Unterzeichnung des 51ontrakts. Endlich zeigte sich ein Fabrikant aus Bordeaux geneigt, das neue Verfahren in seinen Werkstätten zu Probiren. Die Versuche glückten, aber trotzdem wurde nicht? aus der Sache, denn der Fabrikant nahm sein Wort zurück. In der Zwischenzeit übte Herr Bornay recht zweifelhafte und wenig einträgliche Berufe aus; er ivar Versicherungsagent, Stadt- reisender, Buchhalter, ja sogar Adressenschreiber. Seine Tochter Lisa wohnte fast beständig bei der Tante Klara, doch der kleine Junge war eine schwere Last für das Ehepaar. Damals lernte der Erfinder Herrn Meyer, den Patentagenten kennen. Endlich kam der Augenblick, da das Patent für die Porzellan- fabrikation Gemeingut wurde, und Herr Bornay, der ganz nieder- gedrückt war, versuchte, in das Leben zurückzukehren. Man machte ihm den Vorschlag, die Bücher einer Zuckerfabrik in Ord- nung zu bringen; die Kompagnons lagen im Prozeß miteinander und einer derselben bot 2(100ii Franks für diese Arbeit. Herr Bornay reiste mit seiner Familie ab und arbeitete über ein Jahr Tag und Nacht. Um seinen Eifer anzustacheln, schmeichelte der Fabrikant seiner Manie und versprach, rhm später beizustehen, wenn er eine neue Erfindung machen sollte. Als er mit seiner Arbeit fertig war, eröffnete er mit seinem kleinen Kapital eine Fabrik, bei der er seine Entdeckung nutzbar machen wollte. Bald darauf brach der Krieg aus, die Geschäfte horten auf— und er sah sich gezwungen, die Fabri- kation einzustellen. Der Unglückliche kehrte nach Paris zurück, wo er. nicht ohne Mühe, eine sehr schlecht bezahlte Stellung fand. Der kleine Junge wurde kraut und starb nach langem Leiden, seine Krankheit hatte das letzte Geld verschlungen. Herr Bornay sagte sich, nur eine neue Erfindung könnte ihn vor dem Elend retten, und er fing an, aufs neue zu grübeln und zu suchen. Da er wirkliches mechanisches Talent besaß, so erfand er eine neue Art von Schutzzcltcn für die Armee uud associirte sich mit einem gewissen Duval, der ihn in der schamlosesten Weise ausbeutete. Achnlich erging cS ihm bei einer anderen Erfindring, die er für eine lächerlich geringe Summe ver- kaufen mußte. Diese Mißerfolge erregten den Unglücklichen nur noch mehr und er ging wie im Irrsinn umher. Noch imnrcr glaubte er an seinen Stern und wiederholte häufig seiner Tochter Lisa:„Habe keine Furcht; Du wirst Millionen höben." Er glaubte das auch, und selbst Mißerfolge waren nicht im stände, ihn auf längere Zeit zu entmuthigen. Er fühlte sich wohl für den Augenblick niedergedrückt, doch bald trug das Gefühl seines Selbst- dewußtseins den Sieg davon. Lisa verheirathctc sich mit einem jungen Bildhauer, den sie bei der Tante kennen gelernt hatte; doch Schwiegersohn und Schwieger- vaier verstanden sich nicht, da der Erstcre zu den Erfindungen Bor- nay'S kein rechtes Vertrauen hatte. Er arbeitete fleißig, um für seine Lieben zu sorgen, weigerte sich aber hartnäckig, seiner Familie das Geld zu entziehen, um es den Chimären seines Schwiegervaters hinzuwerfen. Doch das Schicksal schien diese Unglücklichen zu verfolgen; eine Krankheit raffte den Bildhauer in wenigen Tagen hinweg und Lisa kehrte zu ihren Eltern zurück. Kurze Zeit darauf starb auch Tante Klara, und jetzt lebten sie alle drei freudlos dahin. In ihrer kleinen Wohnuilg gingen sie mit langsamen Schritten, ohne Geräusch zu machen,' als wenn sie fürchteten, das Echo vergangener Schmerzen wachzurufen. Rur Madame Bornay hoffte noch auf den Erfolg, dem der Er- findcr noch immer nachjagte. Er hatte jetzt eine Art Boot erfunden, das gegen Sturm und Wetter widerstandsfähig war und das— seiner Ansicht»ach— der Staat sicher erwerben würde. Unglücklicherweise hatte er weder die Mittel, ein Modell zu baucn.�noch auch nur ein Patent zu nehmen. Nach vielen nutzlosen Bemühungen nahm er das Anerbieten eines Patentanwaltes, eines gewissen Caffaret an. Er trat ihm gegen die Bezahlung einer kleinen monatlichen Rente und aller erforderlichen Kosten die Hälfte seiner Rechte ab. Alles ging zuerst nach Wunsch; die Experimente gelangen und es wurden die nöthigcn Schritte beim Marineministcriunr unter- nommcn. Dann weigerte sich Caffaret, der die mißliche Lage des Erfinders kannte, plötzlich, die monatliche Entschädigung zu zahlen. Er wußte die Angelegenheit auf gutem Wege und dachte, Bornay würde sie ihm gegen eine baarc Zahlung gänzlich abtreten. Umsonst flehte ihn der Erfinder an, seine Versprechungen zu halten, umsonst klopfte er an andere Thürcn. Es kam der Tag, da er das Patent erneuern mußte, und darum waren Herr und Frau Boniay nach dem Patcutbureau gekommen, wo man ihnen mitlheilte, mau könnte ihnen für die Erneuerung des Patents keinen Aufschub gewähren, (Schluß folgt) Vleinvsl ,3V Iii Hefe it. — Japanische„Zauberspicgel". In der letzten Sitzung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie legte Herr Dr. Milchner zwei auf sei> er Reise in Japan erivorbene japanftche Zauberspicgel vor. Obgleich das Eeheimniß dieser Spiegel bereits vor längerer Zeit durch Muni Oku enthüllt ist, bcreirct ihre Vorführung vor Mittheilung der Erklärung noch immer große Uebcrraschung. Man sieht einen kreisrunden Metallspiegcl von der Größe eines gewöhnlichen Tellers, hergestellt aus einer Legirung von viel Zinn und wenig Kupfer und deshalb beinahe tvie Silber glänzend. Beim Hineinblicken in den Spiegel, der ein 4,5— 5 Millimeter starkes Blech darstellt, er- kennt man ihn als einen gut geschliffenen und polirten Planspiegel, reflektirt man aber darauf fallendes Soimcn- oder Rampenlicht auf eine weiße Wand, so ist das entstehende kreisrunde Bild nicht etwa eine weiße Lichtschcibe, wie man annehmen sollte, sondern es erscheint bei dem einen Spiegel als Schattenbild ein Drache, den man als Hochrelief auf der Abseite des Spiegels findet, bei dem zweiten das scharf gezeichnete Schattenbild eines Buddha mit Strahlenkrone vor einem feingcrippten. großen Lotosblatte. Von letzterer Zeichnung ist auf der Rückseite des Spiegels nichts zu sehen. Der Spiegel in der Gestalt dieses zweiten, aus einem Buddha-Tempel stammenden Wuudcrspiegels ist die gebräuchliche Form, dem ersten fehlt nur die Deckplatte, welche bei dem zweiten sorgfältig in den ungebogenen Rand hineingeschoben und mit dem Rande verlöthet ist. Das Buddha-Bild befindet sich als Hochrelief auf dem Rücken des Spiegels und ist gleichzeitig mit demselben durch kunstvollen Guß aus einem Stück hergestellt. Die Erklärung der Wundcrcrschcinung, womit die Buddha-Priester vor den Gläubigen so geschickt operiren. daß der Zauberspicgel in manchen Tempeln als das größere Heiligthum im Vergleich zu der nie fehlenden Gestalt des thronenden Buddha gilt, ist diese: Der Spiegel ist nur für das unbewaffnete Auge plan, in Wahrheit sind es die Stellen nur, welche dem hinten angelegten Hochrelief entsprechen, während die Stellen dazwischen sich leicht konvex gekrümmt zeigen. Diese Eigenthümlichteit ergiebt sich nach Herstellung und Erkaltung des Spiegels infolge niolekulnrer Spanuungsändcruugcn von selbst; erleichtert wird die Aendcrung wohl durch die geringe, auf kaum 1 Milimeter zu veranschlagende Dicke des Bleches an den sich konvex gestaltenden Theilcn des Spiegels. Trifft aus den so beschaffenen Spiegel Licht, so wird nur das auf die planen Theile fallende regelmäßig reflektirt, das auf die konvexen Stellen fallende dagegen konzentrirt. Es folgt hieraus, daß an der Wand ein Schattenbild entstehen muß von der Form der auf der Rückseite des an sich utidurchsichttgen Spiegels an- gelegte!» Hochreliefs.—(«Tägl. Rundsch.") Musik. —er—. O p e r n h a n s.„ A l a r'. Romantische Oper in einem Vorspiel und 3 Akten. Dichtung und Musik von G ö z a Graf Z i ch y. Auch für den musikalischen Fortschritt ist jene Pietät die förderlichste, tvclche iiber den großen Todten der begabten Talente der Gegenwart nicht vergißt. Nach Thuille's feinsinnigem„Lobe- tanz" und Bungert's höchstrebendcm„Odysseus" folgte in kurzem Zwischenräume die romantische Oper„ A l ä r" von Gvza Zichy, dem bekannten einannigen Pianisten. Als Dichter greift Zichy allerdings zu weit in jene vor-Mcycrbeerfche Zeit zurück, wo für bunte romantische Vorgänge nur Skizzen von Menschen nöthig waren und durchschlagende Charaktere außerhalb des ästheti- schen Systems eines für uns unerträglichen Geschmackes lagen. Hier der Inhalt des„Alär" in wenigen Worten. Die Sprößlinge der Häuser Voghelyi und Tömösi, Alär und Ilona, sind gegen den Willen des ersteren, der in heißester Liebe Elisabeth Drägfalvi zugethan ist, einander zur Ehe bestimmt. In sehr leicht- fertiger Weise tvird während der Jagd Alär von Jlona's Bruder, Bsla, zum Zweikampf gereizt, trifft diesen tödtlich und leistet, um Blutrache von seinen: Haupte abzuivenden, der letzten Bitte des Sterbenden den Schwur. Ilona zur Gemahlin zu nehmen. Die Zigeunerin Rumi, die Amme Belaus und Wärterin Jlona's, durch- schaut den ganzen Vorgang und das Wesen Alär's und schwört an der Leiche Bela's, den Mord zu rächen. Als nach Jahresfrist Alär auf Schloß Tömösi sich mit Ilona vermählt, wird er durch die beim Feste anwesende Elisabeth so verwirrt, daß er nach dem Pricsterscgcn der überraschten Versammlung mittheilt, er müsse. einem alten Schwüre getreu, dann einen Kreuzzug nach dem heiligen Lande anzutreten, wenn's seinem Herzen am fchwcrstcn falle, sofort aufbrechen. Heimlich erbittet er von Elisabeth noch eine letzte Zusammenkunst auf dem Wald- kirchhofe, die von Rumi und Lestär, dem Bormund der beiden Tömösi, belauscht wird. In: letzten Aufzuge kündigt der vom Heidenlande zurückkehrende Lestär den Frauen an, daß er Alär im Gotteskampfe erschlagen, worauf sich Elisabeth in den Ab- grund stürzt und Ilona den Schleier nimmt. Alär's Wunde war icdoch nicht tödtlich, er kehrt wieder und erhält von Ilona seine Freiheit zurück. In den, Augenblicke, als er nun Elisabeths ganz sicher zu lein glaubt, erfährt er deren Schicksal von Rumi und fällt eine Minute später unter dem Dolchstiche der Zigeunerin. Wir haben es also mit einer kalten Tragik zu thun, deren dekorative Spekulationen uns so unlebendig, so verschollen berühren. Die Requisiten der eingesargten Opera, seria, rauschende Ensembles, malerische Aufzüge, Liebcsduette auf zerfallenem Friedhofe und allegorische Ballette mit prächtigen Apotheosen schütteln ihren Staub ab und bemühen sich, ihrem Schartenwcscn mehr Ernst und Romantik z» verleihen als einer blos vorübergehenden Traumerinnerung aus e»t- IvichencrZcit. Vergebliche Mühe! Wir brauchen kein llebcrmaß von Selbst- gefühl, um einem Kunsttverk ohne individuelle Sprache und ohne Rücksicht ans den Fortschritt unserer drainatischen Bedürftlisse unsere Gcdnld und unser Interesse zu verweigern. Al» weit reicherer Geist erscheint Zichy. der Musiker. Er gehört zwar nicht zu den Künstlern von erbittertem Ernste und fanatischem" Ehrgeize, aber er hütet sich dafiir vor geschmacklosen Uedertreibuiigen. Seine Duette und Arien haben eine flicszende populäre Sangbarkeit der Melodik und gleiten sie zuweilen auch aus das Tiesniveau Knab, wo aus dem erste» Takte auch der letzte crrathen werden kann, sind sie doch Zeugnisse einer einsachen, ausrichtigen Natur, die viel- leicht trivial werden kann, aber niemals mit harmonisch modulatorischen Kniffen und instrumentalen Schminken uns belügen will. Die Effekte der überaus dankbaren Stimmsübrung verdankt Zichy wohl dem ge- nauen Studium Meyerbeer'schcr Partituren, und auch die Kraft des Ausdrucks, der Ernst deklamatorischer Betonung, die Contravunkte, Polyphonieen und Jnstrumentalbcredsamkcit verlaßt selten das Gebiet, welches von: Schöpfer der„Hugenotten'" Schmuck und Bedeutung erhielt. In der Balletmusik offenbart Zichy ein besonders zierliches und feines Talent; zwei Walzer haben zu Pathen jene Wie- nerische Anmuth, in welcher das Genie Johann Strauß' lebt.— Den ehrlichen Erfolg der sorgsam vorbereiteten Ausführung führte das glänzende Ballet des zweiten Aktes zum Höhepunkte. Herr Sommer sAlüri und Frl. Hiedler(Elisabeth! sangen mit dem vollen Aufgebote ihrer ergiebigen Organe und bemühten sich auch schau- spielerisch, den Schemen etwas'wie Leidenschast und geistige Substanz zu verleihen. Frau Götze(Rmnil ivar ob ihrer in dci: höheren Lagen unzureichenden Mittel die Ausfüllung der Kluft zwischen Erstrebtem und Ausgeführtem nicht möglich. Zweite Parnecn waren von Frl. E g l i(Ilona), den Herren M ö d l i n g e r(Lestär), B a ch m a n n, S t a m m e r und Kraja zu möglichster Bedeuttmg erhoben. Dr. Muck brachte im Orchester alle Jnrentionen der Partitur zur befriedigenden Erfüllung und darf sein Bcrdiem't an der warmen An- theilnahme in Aisivruch nehmen, für die zu danken Zichy nach den Aktschlüssen wiederholt Gelegenheit gegeben wurde.— Kunst. — Berlin hat endlich eine„Sezession." DaS Treiben der Jury in der Großen Berliner Kunstausstellung scheint diesmal doch zu toll gewesen zu sein. Einem Maler wurden z. B. seine Bilder zurückgewiesen, während Arbeiten seiner S ch ü l e- rinnen Aufnahme fanden. Die Bilder von Walter L e i st i k o w find zwar nicht, wie zuerst gemeldet wurde, abgewiesen, aber sie waren zunächst von der Mehrheit der Jury abgelehnt, und erst dem energischen Erntreten einiger Mitglieder derselben gelang es. nach- träglich ihre Aufnahme zu erzwingen. Dasselbe Schicksal hatte eine Landschaft des Karlsruher Malers Hans v. B o l k n: a n». eines unserer besten Landschafter. Eine Anzahl abgewiesener Künstler haben mn Montag eine Versammlung abgehalten und beschlossen, gemeinsam vorzugehen. Ihnen schlössen"sich bedeutende Künstler an, die zwar nicht selbst abgewiesen worden, aber doch die gleichen Anschauuiyzcn über das Vorgehen der Jury haben. Es wurde eine Art von Verein ge- gründet, der sich an der Ausstellung im nächsten Sommer nur bethei- Ilgen will, wenn ihm eigene Jury und eigen eSäle bewilligt werden. Max Liebern: an n, Walter Lei st iko w.Franz Skarbina, A. Normann, Ose. Frenze!, Phil. Franck, Ludw. Dettmaun, H. Loo scheu, Curt Herr mann, Martin Brandenburg, Hans Baluschek, Paul Horniger, Max Uth und viele Gleichgesiimte gehören diesen: Verein an. Wir werden also in Zukunft einen Berliner Saal in der Kunstausstellung haben, der sich neben den Sälen anderer deutscher Kunststädte sehen lassen kann. Das hätte schoi: längst sein können. leider waren die Bilder der genannten Künstler bisher ivrancr unter den anderen so verstreut, daß sich kein guter Gesammteindrnck ergeben konnte. Und wenn die Oede der Werke derer, die jetzt in der Jnrv die Macht hatten, ebenso wie bei der Münchener Kunst- genosseuichaft, um so deutlicher hervortritt, wenn sie ganz unter sich jüid, so haben sie ihren verdienten Lohn.— (8 esundheitspflege. — lieber nervöse und psychische Störungen bei Gummi-Arbeitern sprach auf der dritten Versammlung mitteldeutt'cher Psychiater und Neurologen Dr. La udenheimer- Leipzig. Der Redner machte auf die Gefahren aufmerksam, die der beim sogen. Bnlkanifiren(Elastischmachcn) des Gummis verwendete Schwefelkohlenstoff dem Arbeiter bringen kann. In den Leipziger Gummifabriken sollen, obwohl dort, namentlich gegenüber Berlin und Bayern, relativ strenge gewerbehygienischc Vorschriften bestehen, inner- halb 13 Jahren über bv Schwefelkohlenstoff- Vergiftungen vor- gekommen sein. Wenn diese Vergifttmgen auch großenthcils voniber- gehender und heilbarer Natur sind, so sind dem Redner in seiner Praxis doch eine Reihe schwerer Geistesstörungen vor- gekornmen, deren Zusammenhang mit der Vulkanifirarbett nicht zu bezweifeln ist. Laudcnheimer schlägt eine Anzahl hygienischer Maß- regeln vor, welche die Einathmung der gifttgen Schwefelkohlenstoff- dampfe von feiten der Arbeiter verhindern sollen. Einige dieser Maßregeln, die auf Anregung der Lerpziger Jrrenklinik hin von der Gewerbe-Jnspektion vor mehreren Jahren angeordnet wurden, haben den erfteulichen Erfolg gehabt, daß in den letzten drei Jahren der Prozentsatz der geisteskrank gewordenen Gummi-Arbeiter auf den zehnten Theil der in den 80er Jahren erreichten Erkrankungsziffer gesunken ist.—__ Verantwortlicher Liedakteur: Riignst Jacobey in Aus dem Thierreiche. — Die Bogelfauna von Grönland. Als im Jahre 1713 der nortvegischc Missionar Engede in seinem Buch die ersten Mtthcilungen über die grönländischen Vögel gab, wcren nur wenige Arten bekannt. Fabricius führte 1780 schon 49 Arten, Hollboell 1820 aber 87 Arten, Newton 1875 123 Arten, Hagerup 1891 138 Arten mW H. Winge sogar 143 Arten an. Von diesen gehören drei Viertel der palacarktischeä Fauna an und nur 38 deuten auf amerikanischen Ursprung. 30 Brutvögel stehen 26 Zugvögeln und 90 Jrrgästen gegemiber. Ein doppelter Zug ist zu bemerken. Wenn im Herbst viele Arten nach Süden ivandern, erscheinen aus dem Innern die auf Grönland brütenden Strandvögel an der Küste.— Humoristisches. — Anerkennung. Seit 5 Jahren litt mein Mann an Rheumattsmus und Asthma und konnte oft wochenlang das Bett nicht verlassen. Von diesem Uebel ist er jetzt durch das unübcrtreff- liche Anttrhcuma so vollständig geheill, daß er regelmäßig erst früh gegen 4 Uhr nach Haufe kommt. Frau Klotilde Leidenskelch. — Merkwürdig. Nichts kann ein junges Mädchen heiterer stimmen, als ein Mann mit e r n st e n Absichten.— („Lust. 831.») — Einer, der zu bedauern ist. Der Lehrer einer ab- gelegenen aargauischen Gemeinde hat im nächsten Krcishauptorte Einkäufe gemacht für seine zahlreiche Familie. Sein Heimweg führt ihn durch einen Wald, und es begegnet ihn: ein Räuber.„Lön mi lo goh, Ma, i bi jo de Lehrer vo R.», meint der erschrockene Er- zicher.—„'W as.Du bisten aargauische Lehrer? So lauf. Du bist z' b i d u u r e g n u e»; sprachs und verschlvand im Dunkel des Waldes.— Vermischtes vom Tage. — Ein Berliner Theater versendet folgende Reklamenotiz: „Im T-Thearer sind jetzt allabendlich fast nur noch Damen im Zuschauerraum anwesend, welche herbeieilen,:ln: die s e n s a- tsi o n e l l e echt p a r i s e r i s ch e Frisur und die wunder- baren Toiletten zu bewundern, die Fräulein U- zur Schau trägt.»— — Der dreijährige Sohn eines Schlossers in V e l v c r t fand ein beim Umzüge achtlos fortgcworfcnes Fläschcheu mit Schwefel- säure und trank den Inhalt. Er starb nach kurzer Zeit.— — I n: M n n ch e n c r st ä d t i s ch e n L c i h h a u s e weiß man sich nicht zu retten vor— Fahrrädern. Die Zahl der dort ver- pfändeten Fahrräder bettägt bereits etwa 1400.— — Berichterstatter-Phantasie. Die Wiener B o m'b e n n o t i z des„Herold» stellt sich als arge Uebcrtreibung heraus. Die„Bombe" des Attentäters war eine mit Schießpulver gefüllte Schnupftabakdose, die der Mam: auf den Ladentisch stellte und mit der brennenden Zigarre entzündete. Nicht die Kleider des Juweliers wurden in Brand gesteckt, sondern nur die Haare wurden ihm versengt. Zudem war es kein Tischler, sondern ein ehemaliger Kammerdiener, der bereits 5 Jahre Zuchthaus hinter sich hat.— — Die„Neuen Tiroler Stimmen», ein höchst frommes Blatt in Innsbruck, wurden am Sonnabend wegen eines ein- zigen Wortes konfiszirt. Dabei handelte es sich um eine Bemerkung über ein Ereigniß, das 100 Jahre zurückliegt.— — Ein neues Pasteur-Jnstitut soll in Florenz er- richtet werden zur Behandlung nicht nur der H u n d s w u t h, sondern auch des Schlangenbisses. Letzterer ist in Toskana, wo die Mehrzahl der Bevölkerung mit Landbau beschäftigt ist. be- sonders häufig. Derartige Institute bestehen in Italien bereits in Rom, Neapel und Mailand.— — Zwei französische Kandidaten, die sich beide um das Mandat der Stadt Auxerrc in Burgund bewerben, betteiben die Agitation. um an den Kosten der Wahlkampagne zu sparen, gemein schaft- l i ch. Sie fahren zusammen auf einem Wagen durch den Kreis, halten gemeinsam ihre Versammlungen ab und entwickeln dann in diesen nacheinander ihre einander entgegengesetzten Programme.— — ZJn einigen Theilen Rhode sia's richten, wie auslKapstadt gemeldet wird,' Heuschrecken furchtbare Verheerungen an. Bei Hopefontein schwärmen sie in Millionen. Die Obstbäume sind so kahl, wie in nördlichen Gegenden im Winter. Bon den Bananen- bäumen sieben nur noch die nackten Stämme. Die Heuschrecken fressen sogar die Rinde der Bäume ab. Jedes Jahr wird die Heuschrecken- plage in Rhodesia schlimmer.— — 36000 Mark fordert ein Mann für eine Briefmarke! Es handelt sich um eine als Seltenheit bekannte Post o f fic e- Marke der Insel Mauritius aus dem Jahre 1847, die jüngst in alten Briefschaften auf der Insel gefunden w:rtde.—_ itliv Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.