Anterhaltungsblatt des Uonvärts Nr. 91. Dienstag, den 10. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) Der Srfjiffsjmrge. 17] Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorifirte Uebersetzung von E. Brausewetter. XIII. Morgens fünf Uhr am Weihnachtsabend. ..Auf. Jungen!" Benn erwachte in seiner Koje und sah den Wachwrann, Jens Christian. „Ja, ja. nun komme ich... nun bin ich wach... nun kannst Du ruhig gehen und Dich hinlegen." murmelte Benn schlaftrunken. Jens Christian folgte seinem Wort, und bald hörte Benn ihn in der Koje schnarchen. Der Junge sollte jeden zweiten Morgen hinauf, um den Boden zu waschen, und er mußte fertig sein, bevor er zu- sammen mit den Leuten auf Deck zur Llrbeit antrat. Der Reif lag weiß und glänzend auf der Wolldecke, in die er sich eingehüllt hatte, und große, blanke Wassertropfen rannen an den Wänden der Koje herab. Die kleinen Fenster waren völlig und dick befroren, so daß das dämmernde Tages- licht nur schwach hindurchscheinen konnte. Die Lampe unter dem Oberlichtfenster flackerte unruhig. Es fehlte darin an Oel. Benn blieb noch einige Minuten liegen. Die Kälte hatte ihm sogleich in schlechte Laune versetzt. Er entsann sich, daß heut' Weihnachtsabend sei, und mußte an die Heimath denken. Und das bedrückte ihn, machte ihn unruhig. Seit dem Ausgang mit Merry konnte er sich nicht mehr so bei dem Gedanken an zu Hause erfreuen, ihn nicht mehr so ge- nießen, wie früher. Er schob die alten Erinnerungen bei Seite und ermahnte sich selbst, endlich aus der Koje herauszuspringen und sich in die Kleider zu werfen. Er streckte die Arme unter der Decke vor, und die Kälte durchrieselte seinen ganzen Körper. Da riß er sie mit einem Ruck herunter und sprang hinaus auf den Boden. Die Zähne klapperten ihm im Munde, und seine Glieder zitterten, sodaß er sie kaum in die Kleider hinein bekam. Er nahm den warmen Südwester und seinen zwei Ellen langen Shawl und lief hinaus. Das Deck und die Takelage waren mit Eis bedeckt, blankem, klarem Eis in den verschiedensten Formen, und ein beißend kalter Luftzug vom Meere her schlug ihm entgegen. Das Licht der Laternen und der Leuchtthurm kämpften mit dem hervorbrechenden Tage. Es war kein Leben zu sehen, kein Laut zu hören. Er eilte in die Kambüse hinein und machte unter dem Kaffeekessel Feuer. Es lag noch einige Gluth vom Feuer des Wachtinanns im Herde. Dann kletterte er auf das Roofdach nach dem Bootshaken, sprang auf Deck herab, lief nach dem Schöpfkübel und Wascheimer, legte sich über die Reling und stieß mehrere Male mit dem Bootshaken unten in das harte Eis, um ein Loch zu schlagen. Er fluchte halblaut vor Un- geduld. Der Schöpfkübel war zugefroren, so daß er nur wenig Wasser aufnahm, und der Strick daran war ein einziger langer Eiskluinpen, der schniolz, wenn er ihn durch die Hände gleiten lies. Sie brannten vor Kälte. Er fühlte sie schließlich gar- nicht mehr, bekam Angst und schlug mit ihnen wieder und wieder gegen die Reling. Dann holte er den Schöpfkübel auf und ab, auf und ab mit einer Geschwindigkeit, welche die Angst hervorrief. Vielleicht waren seine Hände bereits er- froren I Endlich hatte er den Wascheimer voll Wasser und Eis- klumpen und sprang nun in die Roof hinein, von derselben Angst gejagt. Hier warf er sich auf eine Kiste nieder und rieb seine Hände wie ein Rasender. Sie waren schmutzig, roth und ge- schwollen. Der Schmutz war an der dicken, arbeitszerrissenen Haut festgefroren. Er bekam kein Leben in sie, und seine Angst nahm zu; vielleicht endete es damit, daß sie für sein ganzes Leben ver- dorben waren! Und die Erzählungen der Kameraden von kaltem Brand und anderem Matroscnelend fielen dem armen Jungen ein. Er steckte seine Hände in den Wascheimer und hielt sie lange darin. Als er so eine Weile gesessen hatte, begann er die Käme- raden zu betrachten. Sie lagen mit Hosen und Jacken und mit Decken darüber. Ihre behaglichen Stellungen unter den warmen Decken und ihre tiefen, gemeßenden Athemzüge er- bitterten ihn, ließen ihn noch stärker seine Einsamkeit, feine Angst und seinen Schmerz empfinden. Endlich begannen seine Hände warm zu werden. Er hatte in ihnen ein Gefühl, wie wenn tausend Nadeln prickelten, und seine Angst verschwand. Er legte sich auf die Kniee und wusch den Boden auf. Seine Stimmung wurde aber nicht besser, sondern immer schlechter, weil feine Hände schmerzten und so häßlich waren — weil er nicht länger froh und hoffnungsvoll an zu Hause dachte, weil er in den Weihnachtstagen an Bord nichts Anderes als graues Einerlei zu erwarten hatte, und weil er über Weihnachten Merry nicht treffen sollte. Das alles lastete und drückte auf ihn wie eine einzige große Last. Er dachte lange an Merry. Zwei ganze Tage waren seit ihrem letzten Beisammensein verflossen. Er hatte es von ihr so hart, so egoistisch gefunden, daß sie sich in den Weihnachts- tagen so sehr dem Gesellschaftsleben hingab. Aber das war ja dumm von ihm... Sie mußte wohl die Einladungen an- nehmen, die sie erhielt. Als er mit seiner Arbeit fertig war, lief er in die Kambüse hinaus nach warmem Waffer und Soda und wusch sich ordentlich und lange die Hände. Dann rieb er sie mit Lilien- milch ein. Merry hatte ihm das angerathen, und er hatte sie für einen Theil des Dollarscheines gekauft, den er von ihr bekam. Er hatte ihr das Geld noch nicht zurückgegeben. Er steckte die Flasche wieder unter fein Kojenpolster und ging achter, um den Steward zu wecken.-- Infolge der Kälte bekamen die Leute an diesem Tage keine andere Arbeit, als Taueseilen unten auf dem Zwischen» deck. Das Deck zu spülen, davon konnte keine Rede sein, denn das Wasser fror, bevor man es nur zur Reeling hinauf- bekam. Und in der Takelung konnte auch nicht gearbeitet werden, denn die Finger wurden so steif, wie Nägel, bevor man zum Mastkorb hinaufkam. Die Leute versammelten sich in dem Lichtstrcifen, der durch die Vorderluken hineinfiel, die einzige Luke, die bei dieser Kälte offengehalten wurde. Uebrigens war es im ganzen Zwischendeck achtcrwärts stockfinster. Eine frohe, gespannte Erwartung hatte alle ergriffen. Nur nicht Benn. Sie schwatzten von den Weihnachtsbriefen, die einige gestern bekommen hatten, andere heute erwarteten. Sie hatten vereinbart, daß keiner den Brief von der Liebsten vor Abend nach der Grütze öffnen dürfte, dann sollte er laut vorgelesen werden. Bisweilen ließ einer von ihnen sein Tau los und hüpfte im Dunkeln achterwärts bis zur Großluke und focht mit den Armen, um sich zu erwärmen. Dann legte er wieder Hand an die Arbeit und redete von dem Brief seines Mädels. Müde und erfroren stand Benn mit den Stricken zwischen seinen rothen, steifen Fingern und trampelte mit den Füßen. Oivind hatte versprochen, ihn zu einer Weihnachtsgesell- schaft bei einer norwegischen Familie mitzunehmen. Aber der Gedanke daran bereitete ihm keine Freude. Die Dunkelheit ringsum und das frohe Geschwätz der Kameraden war ihm gleich zuwider. So oft es ging, machte er, sich auf Deck zu schaffen. Es war ihm eine wahre Erleichterung, dort oben zu sein. Die große rothe Wintersonne war am Himmel hervor- gekommen und ihre Strahlen durchbrachen das Eis an der Takelung, so daß es m allen Farben funkelte. Von Mittag ab waren die Leute frei. Sie wuschen sich sorgfältig und besserten ihre Kleider aus— alles unter Geschwätz und Lachen und einem gegenseitigen Behilflichsein. infolge dessen sich Benn noch einsamer und überflüssiger fühlte. Er hatte zu nichts Lust, aber putzte sich doch heraus. Die Kameraden sollten nicht sagen können, der„Lord" wäre so träge, daß er sich nicht einmal zum Fest waschen und putzen mochte!-- Die Lampe war angezündet und alle fühlten, daß das lange erwartete Weihnachtsfest herannahte. „Ich bin doch neugierig, ob der Schiffer an so'nem Abend 'was draufgehen läßt, sagte Jens Christian. Er saß steif da und mit glänzendem Gesicht. „Der hier ist nicht der schlimmste," meinte Michel. „Der, mit dem ich voriges Jahr fuhr, ließ einen der- hungern; aber am Weihnachtsabend hatt' er doch etwas spendirt, Rosinen und auch Zwetschgen. Aber dafür wurde er hernach auch umso knausriger... Jeder kriegt nur eine Erbse in die Suppe," wußte Jens Christian wieder zu berichten. „Da hatt' ich's schlimmer Weihnachten vor zwei Jahren, als ich mit der„Olivia" vor Cardiff lag und an zehn Tage kreuzte, ehe wir'reinkamen," fuhr Michel ruhig fort.„An Kartoffeln, Fleisch und Mehl waren wir ganz kahl. Wir waren so hungrig, daß wir des Schiffers Schimpfworte zum Abend verzehrten, ja, und dann etwas wurmstichigen Schiffszwieback und ein bischen Wasser." Oivind kam aus der Kambüse herein. „Ich finde, es dauert lange, bis wir dasZbischen Grütze kriegen," warf er überlegen hin, als erwartete er nicht viel Freude davon. „Er muß wohl noch Kaneel auf die Grütze streuen. Du Guckindiewelt," meinte Jokum. „Halloh, boys," brüllte der Steward von der Kambüse her.„Holt Eure Suppe! H— o— I— t Eu— re Su— pp— e I" sang er, wie ein Priester im Chor. Als wenn eine Bombe unter sie gefallen wäre, sprangen sie aus. Oivind stürzte hinaus, um das Essen zu holen. Benn ging ihm ruhig nach. Die anderen nahmen ihre Messer, Gabeln und Teller vor. Der Jungmann war zuerst mit zwei kleinen Schüsseln voll Zucker und Butter drin. Er schleuderte sie fast auf den Tisch und lief wieder hinaus. „Tod und Teufel!" sagte Jens Christian.„So flott mit Zucker und Butter, na, dann wird er ja Wohl auch mit dem übrigen flott sein." Benn kam mit der Grütze herein. „O, Hurrah, da sind ja mindestens zwei Teller pro Mann," rief Jokum.„Der Schiffer hat heut Abend die Spendierhosen angezogen." (Fortsetzung folgt.) Spaziergange eines Uatnrfrenndes. Mai. Der Weg führte mitten durch einen Laubwald, der im vollsten frischen Frühlingsgrün prangte. Das Heer der Bäume bildete ein dichtes Blätterdach, zartgrün und doch unendlich reich und üppig. Die Begetatton war in vollem Zuge: Fülle und Kraft strömte aus dem Schöße der Natur. Im Wettbewerb um Licht und Lust drängten sich die Triebe der Bäume an einander, so daß die Sonne nur schwer durch das dichte Laubwerk drang und nur hier und da unregelmäßige Lichtflecke auf den grünen Waldboden warf. Da wo die' Sonnensttahlen den meisten Spielraum hatten, wucherte eine üppige Unterholzvegetatton hervor, besonders Hasel- büsche und Hainbuchengestrüpp, denen sich kleine Stämmchen von jungen Eichen, Birken' und Ebereschen zugesellten. Herr Tanzmann sah sich diese jungen Bäumchcn näher an. Es waren furchtbar verkrüppelte Wesen, die durch Hascnfraß und Fußtritte verstümmelt, strauchartig wuchsen und so weiter wachsen mochten, bis ein Stamm des Busches die Oberhand gewann und zum Baume, auswachsend, die Nebentriebe unterdrückte. Genau wie bei uns! dachte Herr Tanzmann; in der Jugend ein struppig individueller Kerl, den jeder Fußtritt nur noch wider- borstiger und energischer macht, und dann im Alter ein aalglatter Herr mit dem einzigen Aufblick nach oben! Es gab aber auch Ausnahmen, mächtige, knorrige Eichen mit weit ausladenden eigensinnigen Aesten und rauher, harter Borke; Eichen, die ihre stolzen Glieder behaglich und energisch ausstrecken, als ständen sie auf freiem Felde und nicht im geschlossenen Walde. Im allgemeinen trugen die Bäume überhaupt kein einheitliches regel- mäßiges Gepräge, uralte Riesen standen neben jungen Stämmen, dicke Linden neben schlanken Eschen. Aber gerade diese natürliche Mischung der verschiedenen Bäume gab den vollen Eindruck male- rischer Ursprünglichkeit und das in voller Triebkraft stehende und doch maicngriine Laub erzählte von neuem sein altes Lied von Jugend, Lenz und Liebe. Der Laubwald gehörte einer kleinen Stadt, die ihn in stüheren Zeiten, wo man die Rente pro Morgen noch nicht so genau be- rechnete, wild wachsen ließ. Später war der Ort gerade wegen des Waldes eine beliebte Aufenthaltsstätte für Sommergäste geworden, und damit hatte dieser in finanzieller Beziehung seine Daseins- berechtigung erwiesen. Diesem glücklichen Umstände verdankte der i2— schöne Laubwald, der sonst wie mancher andere vielleicht längst der Holzaxt anheimgefallen wäre, sowohl seine große Ausdehnung als seinen durch keine„rattonelle Forstwirthschaft" verschnittenen, wilden Charatter. Herr Tanzmann schlenderte langsam auf dem Waldwege dahin. der von Büschen begrenzt und von Aesten überwölbt, einem Herr- lichen grünen Laubengange glich. Mitunter kam er an einer zierlich belaubten Birke vorüber, dann blieb er stehen, um den frischen Dust der„Maienzweige" einzuathmen und eine Weile an die Frau Tanzmann zu denken, seine Mutter, mit der er früher als Kind jedesmal Sonnabend vor Pfingsten ausgegangen war, um Birkenzweige zu holen. Er hatte dann zugleich Kalmusstengel vom Seerande mitgebracht, mit denen sich eine herrliche, von der Frau Tanzmann steilich wenig ästtmirte Musik anstiften ließ. Sein Freund Mewis kam extra zu dieser Zeit zu ihm auf Besuch, um zusammen mit ihm zu musiziren. Er schnitzte grandiose Pfeifen aus Weidenrinde und blies darauf noch grandioser und mit einer Ausdauer! Die Frau Tanzmann verletzte dann gewöhnlich schnöderwcise die Gaststeundschaft und trieb schließ- lich Mewis wieder nach der Himmelsrichtung, von der er hergekommen war! Kurzum, es war eine herrliche Zeit? Der Waldweg führte wieder an anmuthigen Ebereschen vor- über, deren große weiße Blüthendolden einen berauschenden, etwas giftigen Duft ausströmten. Auf dem grünen Grasboden des Weges selbst standen gelblichgrün blühende Wolfsmilch- blumen in niederen Bouquets, blaue Kerzen des pyramidenförmigen Günsels und schneeweiße Stcrnmieren in weithin leuchtenden Trupps neben anderen weniger auffällig und vereinzelter blühenden Früh- jahrsblumen. Bunte Falter flogen gaukelnd unihcr in mannigfaltigen Arten und Farben. Und am Boden kroch ein metallisch glänzender Goldschmiedkäfer schnellfüßig über die Grashälmchcn dahin. Der ganze Wald war belebt vom Gesang der Vögel. Buch- sinken trällerten unermüdlich ihre kurze Melodie und Schwarzdrosseln und Rothkehlchen sangen in wunderbar modnlationsreichen, ausdrucks- vollen Tönen. Auch Herr Tanzmann fing plötzlich an zu singen, blieb leider aber mitten in seinem Licde stecken, theils aus Ungeübthcit, weil er nur im Mai zu singen pflegte, dann aber auch, weil er zu hoch ein- gesetzt hatte, so daß er in Töne überging, die es in der Musik gar nicht giebt und die alle Vögel verstummen machten. So ließ er es lieber sein und wandte sich Dingen zu, die er besser verstand. Er verließ den Weg und betrat das Dickicht des Waldes. Das erste, was ihm auffiel, waren zarte Maiglöckchenblüthen, die, aus breitem Grundblatt aufsteigend, einen lieblichen Dust verbreiteten. Er hatte auch das Glück, im schattigen Gebüsch kleine Waldmeisterpflanzen zu finden, pflückte ein paar ab, warf sie aber wieder>veg, da sie im grünen Zustande doch wenig dufteten, und auf die Bereitung eines Mai- tranks war bei den schlechten Zeiten auch nicht zu rechnen. Und als er nun vollends auch noch Morcheln entdeckte, wurde er ärger- lich über all die Leckereien, die hier ohne die Kochkunst der Frau Tanzmann brach lagen. Morcheln konnte sie vorzüglich kochen, sie seufzte aber jedesmal, wenn er ihr welche brachte. Na, das bilde Dir man ja nicht ein, sagte sie dann, daß Du mir da- mit einen Gefallen thust. Mit den Morcheln ist es gerade so wie mit dem Portemonnaie: Man muß etwas hinein- thun können, sonst hat's keinen Werth. Was sie nun für Zuthatcn nahm, wußte Herr Tanzmann zlvar nicht mehr, aber etwas Reelles war es sicher, denn die Frau Tanzmann war ein richtiges Natur- kind, das alle Surrogate haßte wie die Pest. Und obwohl wenig Geld im Hause war, herrschte bei ihr doch ein gewisser Ueberfluß. Sie wußte die Schätze des Waldes und des Gartens, des Kellers und der Viehställe zu heben, und eben diese prakttsche Naturwissenschaft verlieh ihrem Keinen Gutshofe einigen Wohlstand. Herr Tanzmann ging an den Morcheln vorüber und blieb an einer Buschgruppe stehen. Sein scharfes Auge sah auf den grünen Blättern eine Menge der verschiedenartigsten, meistens sehr kleinen Insekten sitzen, die sämmtlich grün gefärbt-waren. Wäre er nicht mit der Absicht an die Sträuchcr herangetreten, Insekten zu suchen, er hätte gewiß kein einziges gesehen. Ihre grüne Farbe verbarg sie ohne Zweifel vor den Vogel», ihren Feinden, denen sie mit Leichttgkeit anheimgefallen wären, wenn sie durch ein anders gc- färbtes Kleid von den grünen Blätteni abgestochen hätten. Der Wanderer schlenderte weiter durch den Wald, bis er au den Rand desselben gelangte, wo sich ein Dorf unmittelbar anschloß. Er hatte das Dorf einige Monate vorher gesehen. Da war es ein' trostloses Aneinander von kleinen Hütten, schmutzigen Wegen und kahlen, krummen Bäunien gewesen. Jetzt erkannte er es kaum wieder. Der Mai hatte es in einen vollen blühenden Park um- gewandelt, in dem hier und da ein idyllisches Häuschen aus dem Grün hervorlugte. Ganz vorn stand ein Trupp dickstämmiger Kastanien, deren runde, breite Kronen mit weißen aufrcchtstehenden Blüthenkerzen dicht besetzt waren. Die Obstgärten bildeten ein einziges, großes, schneeweißes Blüthenmccr, das einen wunderbaren zarten Dust nach bitteren Mandeln ausströmte. Als Herr Tanzmann näher herantrat, konnte er die. einzelnen Baumarten deutlich unterscheiden, die kleinen krummen Sauerkirschen, deren Hängeäste mit blendend weißen zierlichen Blüthen übersäet waren; nicht ganz so schneeweiß waren die Blüthen der Birnbäume, die mit aufrechtem, geradem Wuchs in die Höhe strebten, am wenigsten schön iahen die Pflaumenbäume aus, deren hervorbrechende Blätter dem ganzen Baum bereits einen grünliche» Schimmer gaben. Wunderbar aber leuchteten die großen Blüthen der Apfelbäume mit ihrem herr- Nchen Rosenroth. Auf dem Grasboden bildeten die abgefallenen Blüthenblätter einen weißen Teppich. In dem einen Garten rannten ein paar jttnder umher, jetzt schüttelten sie einen jungen Pflaumen- bäum, wobei einige Maikäfer jählings herunterfielen. Die Kinder sammelten sie auf und eilten damit zu den Hühnern im Hofe, die sie schnell vertilgten. Der Wanderer ging die Dorfstraße entlang. In den Hecken blühte der Flieder in lilafarbenen Sträußen. In den Gärten prangten Stiefmütterchen und Vergißmeinnicht neben Aurikeln und rothen Hänaeherzen. stolze, bunte Tulpen neben weißen Narzissen. Die gelbblühenden Goldbeersträucher und die weißen Spiräen bildeten anmuthlge Buschgruppen. Auch die Gemüsepflanzen waren in üppigem Wachsthum, nur Gurken und Bohnen, die Kinder des warmen Südens, streckten eben erst ihre fleischigen Keimblätter aus dem schwarzen Gartenboden hervor. Eine Stimmung radikalster Friedfersigkeit breitete sich über Herrn Tanzmanns Gemüth. Schweigen Sie, Herr Tanzmann, sagte er zu sich, reden Sie nicht davon, daß vieles besser sein könnte! Wunderherrlich ist dieser grüne blühende Frieden im Mai! Wenn die dummen Kerls freilich ein bischen Verständniß hätten, was für herrliche Sachen könnten sie nicht außerdem in ihren Gärten ziehen! Was hat uns Japan und Nordamerika nicht alles gegeben, was hier trefflich gedeihen würde, was hat uns— doch schweigen wir I Er schwieg nun wrrklich und sah den Schwalben zu, die ge- schästig um die Häuser, um Ställe und Scheunen flogen m nimmer- müdem, anmuthigem Fluge. Mit den zierlichen Gabelschwänzchen steuernd, umkreisten sie Hern: Tanzmann in der furchtlosen Zu- traulichkcit, die diese Thiere von Alters her dem Menschen gegen- über empfinden. Auf den Dächern liefen Tauben gurrend auf und ab, Täuber machten in galanter Aufmerksamkeit den Täubchen den Hof. Und jetzt flog eine Schaar hinaus hinter die Gärten über das Feld, wo der Roggen bereits in Behren ging. Dort drehte die Schaar in jähem Bogen um, wobei man einige weiße Thiere im Sonnenschein flimmern sah. Sie kehrten wieder zurück nach dem Hofe, der an einer Seite durch einen morschen Bretterzaun von der Dorfstraße abgettennt war. Hier am Zaune wucherte bereits das Unkraut sehr stark; das gelbe Schöllkraut und die weißen Taubnesseln, die Freunde der Zäune, gediehen hier üppig und mahnten an kommende Arbeit, an den ewigen Kampf des Menschen mit der Natur.— Curt Grottrwitz. Vluiues Isenilleko» Woraus bestehen die Fischschnppen? In der.Zeitschrist für physiologische Chemie" verösientlicht Karl Mörner einen Aufsatz über die organische Grundsubstanz der Fischschuppen. Die„Chemiker- Zeitung" berichtet darüber: Bei den bis jetzt veröffentlichten Arbeiten über die chemische Zusammensetzung der Fischschuppcn ist die Frage nach der Natur der organischen Grundsubstanz ziemlich stiefmütterlich behandelt worden. Es giebt in den sämmtlichen bisherigen Unter- suchuugen eine durchgängige UnVollständigkeit: den bedeutenden Rest, der bei dem Kochen der Schuppen mit Wasser ungelöst zurückbleibt. hat man weder bemerkt noch näher untersucht. Mörner hat bei seinen Untersuchungen zunächst Wciske's, wie auch Berzelius� und Frvmy's mit einander übereinstimmende Angaben, daß wahrer Leim flUutin) beim Auskochen der Schuppen mit Wasser erhalten wird, konstatirt; er hat ferner gefunden, daß die bei der- arttger Behandlung erhaltenen Schuppenreste aus einer vom Collagen weit verschiedenen Proteinsubstanz, die er mit dem Namen lektk�lexidm bezeichnet, bestand. Als Haupttesultat seiner Unter- suchungen geht hervor, daß die organische Grundsubstanz der Fisch- schuppen eine mechanische Mischung von wenigstens zwei verschiedenen Protelnstoffen ist: thcils Collagen, rheils einem anderen, mit größerer physikalischer und chemischer Widerstandsfähigkeit ausgestatteten Proteinstosi— Ichthylepidin. Der letztere hat, obgleich er einen für die Fifchschuppen charakteristischen Bcstandthcil ausmacht, bis jetzt keine Beachtung gefunden. Herr Mörner hat die Löslichkeits- vcrhältnisie, Reaktionen, Zusammensetzung jc. der beiden obengenannten Substanzen genau untersucht.— — Die Bemme, die im Leipziger Kinderleben als Salz-, Butter-, Fett-, Käse-, Wurst-, Honig-, Syrups-, Quark- und Pflaumenmusbemme eine so wichttgc Rolle spielt, und die sich als „Bamme" im Niederdeutschen wiederfindet, ist griechischen Ursprungs. Die fahrenden Schüler der frühesten Humanistenzeit verstanden unter „Bamma" eine Zwischenmahlzeit in Form einer Tunke, Brühe, oder Brotschnitte in Brühe, endlich die Brotschnitte allein. Dagegen spricht der Berliner von der„Stulle", der Kölner vom„Bnttcrämmchen", der Meininger von„Wäsche", der Schweizer vom„Bräutli".— Theater. I m Central-Theatcr hat das Fiala-Ensemble am Sonn- abend ein VoUsstück von H e r m a n n H a a s,„Der D o r f l u m p" betttelt, zum ersten Male aufgeführt. Die Münchener Zensur hat die Komödie verboten und damit bewiesen, daß sie der Berliner Zensur an Aengstlichkeit vielleicht noch über ist. Denn es käme im„Volks- lumpen" eine Handlung vor,!die an die Ereignisse von Fuchsmühl erinnere, und das könne aufreizen. Aber Herr Haas, der Verfasser, 'denkt gar nicht daran, aufzureizen. Er reizt blos die Geduld des Hörers und den guten Geschmack. Sonst giebt er eine weinerliche Bauenikomödie niehr, mit der Krönung des Gerechten zum Schlüsse. Freilich muß der Gerechte vorerst viel leiden. Der alte Holzerhans hat als Bürgermeister um den Lehnswald seiner Gemeinde viel ge- fochten. Mein das geschriebene Recht war der Gutsherrschaft zu- gewandt; es' war sogar zu einem kleinen Aufstand gekommen, und Soldaten rückten gegen die Bauern aus. Das war vor zwölf Jahren, und der Autor, ohne Frage ein vorsichttger Herr, hütet sich, diese Zustände irgendwie veranschaulichen zu wollen. Es wird im Stücke davon, wie von etwas Entlegenem gesprochen. Die Gemeinde hat sich inzwischen mit dem Geschehenen abgefunden, nur der Holzerhans bleibt ein heroischer Dickschädel. Er prozessirt sich um Hab' und Gut, sinkt zum Dorflumpen herab, und immer noch schwebt ihm der Kampf ums Recht vor. Herr Haas kann keine Grausamkeiten leiden, also führt er den Holzerhans zum endlichen Sieg. Der oberste Gerichtshof hat ein Ein- sehen und giebt den Bauern, was den Bauern gebührt. Und der Junker ist ebenfalls ein guter, umgänglicher Mensch; am Ende heirathet er noch die stolze Tochter des Holzer- Hans, die früher eine Bettelprinzeß war. Wozu man mit solchen Stücken und einem mittelmäßigen Ensemble, aus dem lediglich die längstbcwährte, schlichte Kunst Hans N e u e r t' s vom Gärtnerplatz hervorragt, nach Berlin reist? Die leeren Häuser geben die Ant- wort darauf.— — ä. Die Neue Freie Volksbühne bot ihren Mitgliedern am Sonntag Nachmittag Arthur Schnitzler's:„Liebelei". Das Stück wurde unter der Regie von Klaudius Merten gegeben, der nach längerer Pause wieder die Vereinsvorstellungen leitet. Die weibliche Hauptgestalt wurde von Fräulein Olizar mit erschütterndem Ernst dargestellt. Der innige keusche Adel dieses Mädchens durchpulste jeden Ton, jede ihrer Bewegungen. Die schau- spielerische Höhe erreichte dieKünstlerin in der letzten Szene, als Christtne erfährt, daß ihr Geliebter im Duell um eine verheirathete Frau ge- fallen ist. Ihre Freundin Mizi gab Fräulein S e ß l e r. Solche Gestalten, die auch auf dem Berliner Boden üppig gedeihen, können nur zu leicht in eine gewisse Schnoddrigkeit hinübergezogen werden, die ihrer Drolligkeit schadet. Christtnens Geliebter wurde im ersten Theil von Herrn I a r e y zu düster gegeben. Ein Mensch, der sich zu übermüthigen Tändeleien verführen läßt, der immer mehr passiv ,st, geht doch etwas mehr in der Sttmmung seiner Umgebung auf. Sein Freund und Führer Theodor(Herr Reimann) war immer der sichere, kühle Schwerenöther. Ebenso vorzüglich waren Herr Eg geling als Christtnens Vater und Therese Thiemann als die Kleinbürgersstau Binder. Eine prachtvolle Leistung bot Claudius Merten als strenger, zorniger Ehemann. Auch die Ausstattung war diesmal gut.— Kunst. — Die Kunst„in Schurzfell und Kittel". Unter diesem Titel veröffentlicht die„Frankfurter Zeitung" folgendci, Be- richt, der ihr aus München zugeht: In den hiesigen Künstler- kreisen hat die Ku nst d e b att e bei Berathung des Kultusetats in der Abgeordnetenkammer große Bewegung hervorgerufen. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit wird sie erörtert, und es zeigt sich dabei wieder, welch ttefer Riß durch die Künstlerschaft geht, Ivie viel Groll auf der einen, wie viel Selbstherrlichkeit auf der anderen Seite vorhanden ist. Es ist nicht das erste Mal, daß man weite Künstlerkreise klagen hört, es mache sich mehr und mehr ein Künstler-Rina bemerklich. Es giebt thaffächlich arge Uebel- stände im hiesigen Kunstleben. Wer nicht mit gewissen Zirkeln s i ch g u t st e l l t, der komntt schlecht weg. Gunst und Mißgunst wird in kleinem Kreise vertheilt, und eS ist charakteristisch, wie das K u n st- u n d H o f l e b e n ineinandergreifen. Was gegen- wärttg die Kunstdebatte der Abgeordnetenkammer so interessant ge- macht hat, waren die Enthüllungen über das Schicksal eines großen plastischen Werkes von Professor Roth, das auf der vor- jährigen Jahresausstellung war. Die Gruppe ist in Lebens- größe. Ein Mann im ledernen Schurzfell, ein Schmied, vielleicht nicht einmal ein„Arbeiter", vielleicht ein Kleinmeister, sitzt auf einer Bank und hält in einem Bettstück ein sterbendes Kind. Davor kniet die Mutter. Mit beiden Händen hilft sie das Kissen halten und beobachtet angstvoll das Antlitz des Kindes. Ernst blickt auch der Mann auf das Kind. Tiefe Furchen haben dem Manne Arbeit und hartes Schicksal ins Gesicht gemeißelt. Die Frau ist keine üppige Niobe. Sie ist ein abgearbeitetes Weib, der des Lebens harte Last die Formen genommen. Abgearbeitet sind ihre Kleider. Aber in schönem Schwung ist die Gestalt entlvickelt. Das Leben hat dem Manne und der Frau wohl nicht viel Rosen auf den Weg gestreut, aber hier nimmt es ihnen das Liebste... Man sagt, die Gruppe habe un ersten Augenblicke, als nur Bevorzugte sie sehen konnten, Aussichten gehabt, für die Staatssammlungen angekauft zu werden. Man sagt, sehr hochgestellte Personen seien von der Gruppe gerührt, bewegt gewesen. Aber da kamen die Matadore der Kun st pflege, und mit der Gruppe war es vorbei. Der eine erklärte, die„Kunst in Schurzfell und K i t t e I"j lasse er nicht in die Glyptothek hinein, ein anderer wendete sich enttüstet von der Zumuthung ab, sich für so g e- wöhnliche Leute wie das Arbeitcrvolk inter- e s s i r e n z u s o l I e n u. s. w. u. s. w. Die Gruppe wurde von den Tonangebenden in Acht und Bann gcthan, die anderen im heiligen Ringe nickten ehrfurchtsvoll. Die Plastik wird hier in München als Stiefkind behandelt, das ist eine alte Sache, llnd gerade die Plastik krankt unter den Wirkungen gewisser Ring- bildnngen. Daß man aber in der Kunststadt München ein Werk deshalb uou der Glyptothek ausschließt, weil es heutige Menschen, so wie sie find, allerdings in erschütternder Situation darstellt, ist «ngeheuerkich.— Medizinisches. ie. Ein Zusammenhang zwischen dem Erd- Magnetismus und epileptischen Anfällen scheint durch Beobachtungen in der Irrenanstalt Udelnaja bei St, Pclers- bürg entdeckt zu sein. Daß die epileptischen Anfälle mit dem Wechsel der Witterung zusammen hängen, ist eine naheliegende Vermuthung, daß aber gerade der Erdmagnetismus eine hervorragende Wirkung darauf ausüben solle, ist eine böchft überraschende Neuigkeit, Es wurde an den epileptischen Insassen der genannten Anstalt das Ein- trete« der Anfälle mit den Schwankungen der einzelnen meteorologischen Elemente verglichen. Von dem Lustdruck ist es nicht ganz sicher, ob er überhaupt auf Epileptiker von Einfluß ist, jeden- falls ist die Einwirkung nicht scharf ausgesprochen und höchstens bei den äußersten Schwankungen des Barometerstandes erkennbar. Die übrigen Elemente der Witterung zeigen jedes für sich allein keinen Zusammcnhaug mit den Anfällen der Krankheit, wohl aber wenn sie untereinander in gewisser �Wechselbeziehung stehen wie z. B, in den einzelnen Jahreszeiten, So erscheint der Winter als ungünstigste Jahreszeit für die Epileptiker, mir wenig hinter ihm zurück steht der Sommer, während der Herbst und besonders das Frühjahr günstige Jahreszeiten sind. Die allermeisten Anfälle er- eignen sich im Jamiar und stn Juli, die wenigsten im November und namentlich im Mai. Den ersten Platz unter allen meteorologi- schen Kräften, denen ein Einfluß auf die Häufigkeit der epileptischen Anfälle zuzugestehen ist, nimmt mm aber der Erdmagnetismus ein, und zwar sowohl in dem normalen Verlaufe seiner Intensität als in den täglichen und jährlichen Schwankimgcn derselben. Mir diesen Schwankungen schemen die epileptischen Anfälle durchaus parallel zu gehen, in der Weise, daß bei geringster Intensität und bei geringster Schtvankung des Erdmagnetismus die Anfälle am zahlreichsten sind und umgekehrt, als ob also der Erdmagnetismus auf diese Krankheit gewissermaßen eine hemmende Wirkung ausübte. Wie man sich eine solche zu erklären hätte, darüber fehlt noch jeder Anhalt. Daß ein Zusammenhang aber dauernd besteht, wird von den russischen Aerzten als unzweifelhaft angesehen.— Aus dem Thierreiche. Im Berliner zoologischen Garten ist jetzt eine Wildziege zu sehen, die schon deshalb eine besondere Aufmerksamkeit verdient, weil gewisse Hausziegenraflen unverkennbar von ihr abstammen. ES ist die sogenannte Schraubenziege, der Markhur, Oapra ckalconen, die in drei. nach dem Gehörn verschiedenen Abarten den westlichen Himalaya und Afghanistan bewohnt. Sie hat ihren Namen wegen des mächtigen, korkziehcrförmig nach oben und außen gewundenen Gehörns erhalten; diese Hornform findet sich auch bei der Kaschmir- und Angoraziege, weswegen man annehmen muß, daß der Markhur z«r Entstehung dieser Rassen viel beigetragen hat. Im Winter trägt die Schraubenziege eine weiße Hals- und Brustmähne. Das Kinn?st mit einem mächtigen Bocksbart versehen; über die Ruckeumitte verläuft eine kurze Mähne. Der Kopf dieses Steinbocks szwischeu Wildziegen und Steinböcken ist zoologisch ein Unterschied nicht fepzustelleu) zeichnet sich durch sehr charakteristische Züge aus.— Meteorologisches. ■—Große Treibeismassen sind in diesem Jahre in der Höhe von Island beobachtet worden. Nach Meldungen, die von dem Befehlshaber des isländischen Postdampfers„Vesta", Kapitän Eorfitson, übermittelt wurden, befanden sich in der Zeit vom 27. März bis zum 8, April längs der ganzen Rordküste derartige Treibeisgeschiebe aufgestaut, wie sie in den letzten 1ö Jahren von keinem Nordlandsfahrer beobachtet worden sind. Die Walfänger, die in derHöhe des Kap Nord kreuzten, hatten alle Mühe, eine Durchfahrtsriime für ihre Fahrzeuge offen zu halten. Als am 12. April die„Vesta" von Styklisholm in See stach, stand ein starker Südwcststurm gegen Island, der die gewaltigen Äsberge alsbald in Bcwegimg setzte und in nördlichem Kurse mif das Meer hinaustrieb. In schwedischen wissenschaftlichen Kreisen betrachtet man dies zeitige und umfang- reiche Auftreten großer Treibeismengen im Atlantffchen Ozean als eine Nachwirkung des letzten Winters, dessen anormale Milde auch in den skandinavischen Ländern unausgesetzt zum Ausdruck kam. Ge- wiegte Meteorologen hatten daraufhin bereits im Februar prognostizirt, daß infolge dieser Verhältmss« die alljährliche Treibeislisftre dcs At- lantischen Ozeans einen außergewöhnlichen Umfang gewinnen würde und ihrerseits wieder eine ungünstige Herabstimmung der mittleren Sommerwärme im Gefolge haben müsse. ES gelvimit den Anschein, als ob diese Borhersage ihrem ganzen Inhalte nach in Erfüllung gehen sollte. Auch die Aindrichtting ist— als ein weiterer Beweis für die obige Theorie— im Norden neuerdings eine kontinnir- lich nördliche und die Witterung in anbetracht dessen erheblich rauher, wie sie sonst der skandinavische Frühling mit sich zu bringen pflegt. Daß diese Schwankungen in den klimatischen Verhältnissen auch auf Deutschland sich fortpflanzen werden, dürfte keinem Zweifel unter- liegen.— Technisches. t. Die Hebung des Kriegsschiffes„Victoria� mit Elektromagneten. Man wird sich entsinnen, daß das große englische Panzerschiff„Victoria" noch immer auf dem Boden des Mittelmeeres liegt. Es taucht jetzt, wie der„Elektrotechnische Anzeiger" erfährt, ein neues Projekt zur Hebung des gesunkenen Kolosses auf, von dem es fteilich noch nicht sicher erscheint, ob es zur Ausführung gelangen wird. Die Anwendung der Elektromagneten zur Hebung gesunkener Metallmassen ist nicht neu, jedoch hat man bisher immer nur einzelne Metallplatten oder Aehnliches auf diesem Wege Ivieder ans Licht gefördert. Hier soll das ganze Schiff, ein Gewicht von etwa 140 000 Zentnern, auf diese Weste gehoben werden. Der Unternehmer will von einem geeigneten Fahrzeuge aus Elektro- magnetcn von je 100 Tonnen Zugkraft in das Meer hinablassen, wovon also mindestens 70 nöthig sein würden. Diese würden sofort von der Eisemuasse des Schiffes angezogen werden und sich fest an den Schiffsrumpf heften. Haben alle Elekttomagneten gefaßt, so soll das Schiff mit hydraulischer Vorrichttmg über Wasser gehoben und ausgepumpt werden. Der aufgestellte Kostenanschlag beläuft sich ans etwa IV, Millionen Mark, und da wird es sich die englische Regierung wohl doch noch überlegen, ob das gesunkene Schiff so viel Werth ist.— Humoristisches. — Ein M n n ch' n e r Kindl. Bekannter:„Na. was macht beim Dein Kleiner? Kaim er schon Papa und Mama sagen?" Vater:„Das Vicht— aber Bier."— — Boshaft.„Gegenwärtig, Herr Kapellmeister, komponire ich wieder an einer neuen Oper." „Geben Sie nur acht, daß Sie nicht einmal erwischt werden I"— („Flieg.®L") — Aus der Schule. In einer Schule zu Oschcrsleben wollte der Lehrer den ABE- Schützen den Begriff des Zählens beibringen, rief einige Kinder auf und ließ nun verschiedene an der Rechenmaschine die Kugeln abzählen. Als er nun weiter fragte: „9hm, wer von Euch will hier diese Kugeln noch abzählen und weiterschieben?" rief ein kleiner Knirps leck:„Dau Du man o k w a t I"— Vermischtes vom Tage. — Bei dem Kem nader Hafen im Lennethal ging am Soniiabend ein Wolkenbmch nieder. Die Lenne steigt rapide. Felder, Gärten und Häuser stehen schon unter Wasser. Brücken wurden fortgerissen. Ueberschiveminungen werden auch aus dem Wesergebiet gemeldet. Der Sckaden für die Industrie und die Landwirthschaft ist bedeutend.— In den Alpen ist, wie aus Zürich gemeldet wird, starker Schneefall eingetreten.— y. In Hamburg kenterte am Sonntag auf der Elbe ein Segelkutter. Die drei Insassen ertranken.— kr. In dem großen Straßenbahnbetriebe Ham- b u r g s wird jetzt' ausschließlich mft elektrischer Kraft ge- fahren.— — Von Fischern aus Arendsee bei Warnemünde wurde ein in der Ostsee seltener Fisch, ein sogenannter Seewolf, gefangen. Es war ein junges Thier von 45 Zentimetern Länge. Der Scelvolf wird 1— 2 Meter laiig. Er wird verfolgt, weil er großen Schaden anrichtet.— — Die Maikäfer treten in diesem Jahr in manchen Gegenden m ungeheuren Mengen auf, so daß in vielen ländlichen Gemeinden die Schulknaben zum Einsammeln der Käfer aufgefordert werden. In Z e l l h a u s e n bei Seligenstadt ivurden z. B. von 33 Knaben an zwei Vormittagen 52 Gießkannen voll Maikäfer, das macht fast 200 000, gesammelt.— — Auf der internationalen A u s st e l I u n g illustrirter Po st karten in Leipzig find 200 Aussteller mit 11 000 Karten (photomechanisches Verfahren, Dreifarbendruck. Steindruck ec.) vertreten.— — Vom Landgericht in Memmingen(Schwaben) wurde ein Tagelöhner vcrurthcilt, der einen Kindersarg auf dem Friedhof aus- gegraben hatte, um aus den verrosteten Sargnägeln Finger- r in g e als Heilmittel gegen den Krampf zu machen.— — Ein furchtbarer Brand hat tn Sosnowice eine Maschinenfabrik zum großen Theil zerstört.— c. e. Eine ganze Schafheerde ivurde auf der W l a d i- kawkas-Bahn von einem Zuge überfahrcu. Ein Schaf, das sich auf dem Geleise befand, gerieth unter die Räder der Lokomotive. Darauf stürzte sich die ganze Heerde von mehreren himdert Stück unter den Zug, der nicht gleich zum Stehen gebracht werden konnte. — Als dem Fürsten von Rampur, einem indischen Vasallen der Engländer, eine Tochter geboren wurde, schrieb eine Zeitung in Bombay:„Dem Naval ist ein Mädchen geboren, und große Freude herrscht im(ganzen Land. Wegen des freudigen Er- e i g n i s s e s ist jedem Staatsbeamten das Gehalt einer ganzen Woche— in Abzug gebracht worden.—__ Acranlivortlicher Redakteur: Angnst Jarobey in Berlin. Druck imd Verlag vo» Max Bading in Berlin.