5Th. 92. Mittwoch, den 11. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) Oer Silziffsjtmge. 18] Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorisirte Ucbersetzung von E. Brausewetter. Oivind keuchte athenrlos und feuerroth im Gesicht mit dem Rinderbraten in einer Blechschüssel herein. Dann griff er nach dem Messer, der Gabel und dem Teller und siel über das Essen her. Venn setzte sich auf seinen Koffer in der Ecke und sah, mit welch' fieberhaftem Eifer sie sich versorgten. Der lockende Dust von frischem gebratenem Fleisch errcgie ihn. Es war so lange her, seit er dergleichen gegessen. Aber er hielt sich doch zurück. Er wußte, daß der Brauch an Bord dem Schiffsjungen vorschrieb, sich als letzter zu nehmen. „Immer Geduld, Oivind! Der Weihnachtsabend ist noch lang, Gott sei Lob," sagte Michel. „Sowas Hab' ich noch nie gesehen— Junge I Wart', bis die Erwachsenen sich erst versehen haben!" rief Jokum.„Seht seine Augen— akk'rat wie bei'ner Eule!" Er ließ sich mit einem wohl versehenen Teller auf seinen Kasten niedergleiten. Dann nahm er einen großen Zuckerklumpen von seiner Reis- arütze, warf ihn nach Oivind und traf ihn mitten auf die Nase. Der Klumpen zerfiel, und der Zucker umsprühte ihn wie ein Staubregen. „Maul auf I" schrie Zökum gleichzeitig. Oivind schnappte furchtbar, rieb seine Augen und beleckte mit feiner langen, spitzen Zunge den Mund, um nicht des Zuckers verlustig zu gehen. Die Roof hallte von so gewaltigem Lachen wider, daß nran hätte meinen können, sie müßte auseinanderspringen. Es wollte gar kein Ende nehmen. Mehrere, die mit ihren Tellern auf dem Schoost da saßen, mußten sie auf den Tisch setzen, unl sich auszulachen. Zökum schrie durch all' das Lachen hindurch: „Laß den Zucker in die Augen fließen, dann wirst Du so klaräugig, daß Du hernach gerade durch Deine Hirnschale hindurchsehen kannst." „Seht, wie er grinst, seht, wie er grinst," rief Tom. Benn lächelte ebenso sehr über das Lachen der Kameraden,>vie über Oivind's Gesicht. Er hatte die Empfindung, der einzige Nüchterne in einer Schaar betrunkener Menschen zu sein. Endlich trat Stille ein, wurde aber wseder und wieder von einem unterbrochen, der in dem Gedanken daran, wie lächerlich der Jungmann aussah, als er sich den Mund beleckte, wieder auflachte. Eine ganze Weile vernahm man keinen anderen Laut, als das Geräusch der Messer und Gabeln auf den Tellern. Dann sagte Michel und schielte wohlwollend nach der Ecke hin, wo Benn saß: „Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Jungmann und dem Schiffsjungen hier an Bord." Benn fühlte, daß ihn alle ansahen. Er starrte auf seinen Teller herab, der in seinem Schoost stand, und aß ruhig weiter. „Ja, er macht nicht zuviel Spektakel." lachte emer. Benn hörte einen anderen seinem Nebenmann zufliistern: „Hat er sich auch ordentlich Essen genommen?" Da erhob sich Jens Christian im Gefühl seiner Würde als Aeltester in der Roof, sah Benn an und ließ seine starke Stimme ertönen: „Hast Du Dir Essen genommen, Venn? Wenn nicht, dann komm'ran! Es ist genug da, Junge I" „Danke, ich bin versehen!" Benn sah nicht auf. „Iß nur," rief Jokum,„desto kräftiger wirst Du, Junge!" Noch fühte Benn die höhnischen, neugierigen und lachenden Gesichter auf sich gerichtet. Jens Christian's Worte rührten ihn. Erfühlte, die plumpe An, in der sie hervorkamen, ver- deckte eine steundliche Gesinnung, der Jens Christian keinen anderen Ausdruck zu geben vermochte. Er gerieth in eine weiche, unsichere Stimmung. Er setzte seinen Teller auf den Tisch, satt und schwer von der ungewohnten Kost, und begann in der Koje nach einer Flasche Sherry zu suchen. Sie war eigentlich für ihn und Oivind bestimmt, wenn sie an den Weihnachtstagcn allein an Bord blieben. „Habt Ihr Lust auf ein Glas Sherry?" «Ja. ja!" „Her damit!" „Benn ist noch ein Junge!" Die Flasche machte die Runde, und jeder bekam ein Glas. Es waren noch zwei bis drei übrig, als sie zurückkam und die trank Venn aus. Einige Kameraden begannen plötzlich eifrig durcheinander zu reden. Es klang wie der heftigste Streit, obwohl eigent- lich alle einig waren. Schließlich erklärten sie, Benn wäre der einzige vernünftige Kerl in der Roof; denn nur er sei schlau genug gewesen, am Weihnachtsabend etwas spendiren zu können. Der Wein belebte Venn. Er hatte Verlangen nach mehr — immer mehr. Wenn er doch trinken und sich amüsiren könnte heut' Abend, sich so amüsiren, wie er es noch nie in seinem Leben gethan hatte! „Seht her, Leute! Der Steward stand in der Thürs und hielt drei Flaschen in die Höhe. Ein Freudenruf von allen rings um den Tisch be- grüßte sie. „Zwei Wisky und ein Portwein. Feine Sachen, Jungens!" „Das ist wirklich der nett'ste Schiffer, mit dem ich noch gefahren bin," sagte Jens Christian mit Ueberzeugung.„Aber erst soll der Steward ein Glas haben!" „Danke, aber das muß schnell geschehen; denn ich Hab' wenig Zeit!" Er goß es auf einmal hinunter und eilte dann davon. „Frohe Weihnachten!" Die Flasche machte die Runde, bis jeder einen Schnaps und ein Glas Portwein bekommen hatten. Benn fühlte den Branntwein wie Feuer durch die Kehle fließen. Er drückte sich in eine Ecke und legte die Berne auf seinen Koffer. Er wünschte, die Kameraden möchten einen recht tollen Einfall bekommen, sie möchten tanzen, sich auf den Kops stelle» oder dergleichen. Man schob die Teller auf dem Tische zusammen und zündete die Pfeifen an. „Na, es ist wohl am besten, wir nehmen nun die Briefe von den Mädels vor," sagte Jokum. Er war ein wemg stolz darauf, daß alle von seiner Verlobung wüßtem„Lies Du erst, Jens Christian." Er wußte, daß der Kamerad mit dem Brief ohne Hilfe nicht Wohl zurecht kam. „Nein, ich will nicht zuerst lesen." „Na, denn Du, Michel!" „Nein!" „Na, ich werd' denn man lesen!" sagte Jokum. Und dann las er mit lauter Stimme, aber mit kleinen Pausen dazwischen, denn die Buchstaben ivaren nicht immer deutlich: „Geliebter Jokum. Ich danke... Dich villemals für Deinen Brief, den ich be» kommen habe, worin ich sehe.. Du bist wohl und... gesund... sowie auch ich und meine Mutter, mit welcher wir müssen..» Gott danken dafür..." „Das ist wirklich hübsch geschrieben von so einem jungen Mädchen," sagte Jens Christian aufrichtig.„Sie hat gar nicht so wenig Verstand!" Jokum wurde ganz stolz und gerührt. „Das Hab' ich ja auch immer von Anna gesagt." „... Es geh'n schreckliche Nachrichten um.. von Sturm und Unglück und... der Jonas Olsen, Du weißt... der, mit dem Du fuhrst.. Damals, als Du.. Deckjung warst ist über Bord gegangen..." „Nee, der Deckjung, nun ist er über Bord gegangen I" „Nein, so was!" „Na, da kriegt er genug zu trinken, wo er nu liegt." „Ja, er trank, was er kriegte, der Kerl!" Es entstand eine kleine Pause, ehe Jokum fortfuhr. „... ist über Bord gegangen im... Kanal und d'rum kann ich nicht froh genug sind, daß Du in New-Jork bist, lieber Jokum... Du mußt Dich.. vor Bier und... Branntwein in Acht nehmen... Weihnachten, daß Du Dich nicht... besäufst, wenn Du an Bord sollst... denn dann fällst Du ins Wasser... wie es so vielen Seeleuten geht. Ich freu' mir schon auf den Sommer, denn dann bist Du.. ini Hause und gehst in die... Sägmühl und dann mn... Sonntag gehen wir dann auf's... Land und kochen... 5laffee und tanzen..." „Ja, das wird lustig werden, Jungens!" rief Jolum. Aller Augen rings um den Tisch funkelten. „Ja, den ganzen Somnier zu Hause und in die Säge- mühte gehen. Nicht ein Maul voll gesalzenen Seewassers vor Oktober," sagte Jens Christian und schlug auf den Tisch, sodatz alle Teller in die Höhe sprangen.„Dann wollen wir jeden Sonntag nüt nnsern Mädeln auf dem Lande sein." „Denkt, Jungens, wenn wir im Mai nach Hause kommen, dann ist alles grün," rief Jokum, und die Begeisterung stieg, „und alle Mädchen gehen in hellen Kleidern— solchen, wie sie sie nur im Sommer tragen. Wenn wir unter feiner Brise an den Torungern vorbeikommen, kommen die Mädchen uns in Boten entgegen, oder sie stehen am Strande— wie es in dem Liede heißt." Dann sang er, und die anderen stimmten mit voller Kraft ein: „Die Mädchen steh'n am Strand. Sie winken mit der Hand. Und ihre Tchränen fließen leise: Sei uns willkommen hier anr Land, Mein frohgemuther Schiffersrnaiin Von Deiner langen Reise Auf diesem weiten Ozean!" „Jens Christian, soll die Flasche nicht noch einmal um- gehen „Jawohl, her mit dem Whisky!" Es wurde nun fast still. Alle warteten darauf, daß sie an die Reihe kommen sollten, an dem erregenden Getränk zu nippen. Da sagte Michel in seiner stillen Weise: „Ja, wir können wohl davon reden, daß wir den ganzen Sommer zu Hause bleiben wollen; aber find wir nur acht Tage dagewesen, dann stinken wir uns schon vor Widerwillen und finden nicht eher Ruhe, als bis. wir an Bord von so einem Kasten find und uns wieder zu schänden schinden und allerhand Unbill erdulden l" „Du ja," sagte Jokum mit tiefer Verachtung,„der nichts anderes hat, woran er sich halten kann, als die große Bauern- trine. Nein, zum Teufel, schaff' Dir'ne feinere Sorte an, dann kriegst Du wohl Lust, daheim zu bleiben, ein Mädel, wie die Anne zum Beispiel, das ist'n Mädel, die hat Schlüssel und Schloß. Junge!" „Ach, Unsinn, man kriegt doch niemals Ruhe, bis man über Bord mit der Nase im Wasser liegt." „I verlob' mir mit der Nikkeline, wenn i to Arendal come," rief Tom lustig. Er hatte das Mädchen noch niemals gesehen, sondern sie nur vom Steward rühmen gehört. „Du!" sagte Jokum,„glaubst Du. die will einen Eng- länder haben?" „Sie dankt God, wenn sie bekommt a englischmann." „Wenn Du wenigstens nicht so klein wärst, wie Du bist! Du mußt ja auf den Zehspitzen stehen, wenn Du sie küssen willst." „I kann steh'n auf stool!" Die Jungen warfen sich hintenüber vor Lachen. Tom selbst lachte am meisten. . Nun kam Jens Christian an die Reihe zn lesen. Jokum setzte sich neben ihn, um ihm zu helfen. Jens Christian lachte und nickte glücklich, wenn er sich ohne Hilfe durch- buchstabirte. Es wurden dieselben Stadtgeschichten und See- Unfälle erzählt, wie in Jokum's Brief und denen der andern, aber alle wurden nnt großem Interesse gelesen und angehört; denn immer folgten Betrachtungen darüber vom Briefschreiber. Die. Flaschen gingen um die Runde, und die Stimmung stieg immer mehr.. Die Gesichter strahlten bisweilen durch den Tabaksranch hindurch, der dick über dem niedrigen Raum lag. Die Lampe leuchtete matt, wie ein Leuchtthurm in starkem Nebel.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) HtuJVve Slszvrft. Es ist ein weiter Weg von gewissen schriftartigen Anordnungen— die Eingeborenen der Osterinscl erkeiinen nach Form und Stellung der Stcire auf einein Grabhügel, wer darunter liegt— von«cn mühsam in Stein oder Holz geritzten, in Thon gepreßten Zeichen, Runen und Schriftbildern, bis zu den zierlichen Buchstaben, die der moderne Mensch mit flinker Hand hinschreibt, mit Blitzesschnelle der» vielfältigt. Bei den alten Peruanern war eine Knotenschrift in Gebrauch, und ähnlich verzeichneten früher die Indianer Nordamerikas ihre Verträge durch aufgereihte Muscheln, wohl nur, weil dieses„Schrift- stück" leichter zu handhaben war, als eine Tafel mit Bilderschrift, der fie sich ebenfalls bedienten. Die sogenannte Keilschrift einiger asiatischer Völker sollte richtiger Pfeilschrift genannt werden, denn sie besteht aus gruppirten Abbildungen von Pfeilspitzen, die hier, ähnlich den Zeichen unseres telegraphischen Morse-Apparates, Buchstaben be- deuten. Ihr Urheber soll das turanische Volk der Alka der gewesen sein, und wir finden sie ebenso bei den arischen alten Persern, wie bei den semitischen Assyrern, Völker, die als Bogenschützen berühmt waren. Alle diese Schreibarten, zu denen wir noch die germanischen Runen und manches andere reihen können, sind ungeachtet ihres hohen Alters zweifellos viel jünger als die Bilderschrift, die auch in unserer Schrift verborgen ist, was bei einer näheren Prüfling deutlich hervortritt, wie sehr sich auch die äußeren Merkmale im Wandel der Zeit verwischt haben. Die wichtigste Bilderschrift finden wir bei einem der schreib- seligsten Völker der Welt, bei den alten Eghptern, deren Hieroglyphen seit des ersten Napoleons Feldzug im Land der Pyramiden von scharfsinnigen Gelehrten großentheils entziffert wurden. Von diesen dürste sie den Semiten überliefert worden sein— sofern nicht eine viel weiter zurückliegende gemeinschaftliche Quelle anzu- nehmen ist— vielleicht jenem Volksstamme, der schon vor Abraham's Zeit in Egyptern erobernd einbrach und dort mehr als ein halbes Jahrtausend herrschte. Thatsachc ist, daß die mittlerweile zur Laut- schrist gewordenen sinnbildlichen Schriftzcichen, die von den semi- tischen Phöniziern zu den Griechen kamen, ihrem Stamm und Geist nach vollkommen das Gepräge dieser Völkergruppe tragen. Unrichtig scheint aber die von den Griechen ans- gehende Behaupwng zu sein, daß jenes Handelsvolk zuerst Schrift- zeichen gebrauchte. Selbst die von ihnen den Griechen übermittelten Buchstaben rühren sicherlich von einem verwandten Ackerbau treiben- den Stamm her. Wäre es anders, so ivürdeii die Zeichen auf die See und die Schifffahrt hinweisen, während thatsächlich nur ein einziger Buchstabe— unser heutiges M, das ursprünglich nur ganz allgemein Wasser bedeutete— das feuchte Element versinnbildlicht; dagegen find zahlreiche Bilder dem Feldbau und der Viehzucht ent- nommen, was schon der erste Buchstabe selbst in seiner heutigen Ge- stalt noch zeigt. Stellen wir nämlich ein lateinisches A auf den Kopf(y), so sehen wir ungefähr die Umrisse eines Rindkopfes; und in der vom Hebräischen nur dialektisch unterschiedlichen phönizischen Sprache bedeutete Aleph, das zum griechischen Alpha wurde, Rind. Die Hellenen nahmen also mit den Buchstaben auch deren semitische Namen an, die sie nur etwas präzisirteu; sie fügten ferner vier Buchstaben zu, wahrscheinlich in etwas späterer Zeit. Auch die Form der Buchstaben blieb ziemlich die alte, nur daß sie von diesem kunstsinnigen Volke verschönert wurde, was allerdings einige Aenderungen nöthig machte. In vielen Fällen erhielten auch die Zeichen eme verkehrte Form, was von der veränderten Schreibweise herrührte. Die Semiten zeichneten nämlich die Schriftfiguren mit nach links gewandtem Profil, wie es die ungeübte Hand gewöhnlich zu thun pflegt; dadurch entstand die bekannte Schreibart von rechts nach links, die auch idann noch im Brauch blieb, als die Bilderschrift zur Lauffchrist geworden, als die Zeichen möglichst vereinfacht wurden. Weniger von der Tradision beengt, zogen die Griechen bald die bc- quemcrc Schreibart von links nach rechts vor und kehrten demgemäß die Zeichen um. Wie alles Wesenlliche ihrer Kultur erhielten die Römer auch die Schrist von den Griechen, obgleich es sich an- nehmen läßt, daß die älteren italienischen Völker mit den Phöniziern unmittelbar in Berührung kanten und ebenfalls deren Schüler im Schreiben waren. Gewisse Einzelheiten im römischen A-B-C deuten wenigstens auf eilten derartigen Einfluß hin. Doch abgesehen davon: die römische Schrist ist die Tochter der griechi- schen, genau so wie die Schrist der heutigen cnropäisch-zivilisirten Welt die Tochter Roms ist. Praktisch wie in Allem, verwarfen die Römer die für sie bedeutungslosen Namen der Buchstaben, sonnten einige von diesen um, änderten, was ihren Sprachlautcn nicht genügte uitd benanitten die Buchstaben möglichst nacki deren Aussprache, wie es heutzutage noch geschieht. Bei den Konsonanien, die ohne Vokal nicht gut ausgesprochen werden können, wurde, mit wenigen Ausnahmen, das E zu Hilfe genommen, indem es vor oder nach den betreffenden Laut gesetzt wurde, je nachdem dieser klanglos oder klangvoller Halbvokal war. Damit wären die Familienbeziehnngcn unserer Buchstaben einigermaßen erörtert, soweit dies in aller Kürze überhaupt möglich ist. Der Umstand, daß aus dem„Alphabet" ein„A-B-C" Ivurde, daß heißt, daß sich bei den Römern die semitisch-griechische Reihen- folge von A-B-G veränderte, ließe sich ziemlich genau erklären. Hier dürste es genügen, darauf hinzuweisen, daß das lateinische C, das in der Mehrzahl von Fällen heute noch wie K ausgesprochen wird, ursprünglich so überhaupt gelautet haben soll, oder nach An» ficht Anderer vielmehr wie das weichere Cr, von dem es sich in seiner lateinischen Form bekanntlich nur gering unterscheidet, so daß eine nachträgliche Schaffung des letzteren Buchstabens auch dann noch offenkundig wäre, lvenn uns nicht Plutarch ähnliches berichten würde. Von dem unterschiedlich gewordenen C und Gr erhielt letzteres die Stelle des griechischen Zeta. das, gewissermaßen als nuninehr in Ruhestand getreten, an die letzte Stelle trat. Wie sich im Mittelalter die runden, lateinischen Buchstaben vornehmlich in Deutschland vereckten und versteiften, nachdem bereits früher aus den großen die kleinen Lettern hervorgegangen waren, ist bekannt, Noch erübrigt uns die Bemerkung, daß die Chinesen heute noch eine komplizirte Bilder- schrift befitzen, in der es etwa 120 000 Schriftzeichen geben soll, wovon freilich für den gewöhnlichen Verkehr viertausend genügen. Die Schristzeichen der Japaner, die mit einem I beginnen, sind ähnlich denen der Chinesen, aber ihre Schrift ist eine Lautschrift wie die unsrige. Neben den Buchstaben giebt es noch einige wichtige Zeichen: die Zahlen. Auch diese find ähnlicher Herkunft, die sogenannten römischen sowohl, wie auch die sogenannten arabischen. Die Semiten, und nach ihnen die Griechen benutzten die Buchstaben zur Bezeichnung der Zahlen, und es zeigt sich merkwürdigerweise hierber,. daß Sellas das überlieferte Alphabet in seiner ursprünglichen Form ge- cauchte. Neben dieser Zahlbezeichnung benutzten die Phönizier als praktisches Handelsvolk auch einfache Zählstriche, die von den Römern angenommen wurden und sich bei diesen mit der Zeit zu Buchstaben- zeichen formten. Die Ziffern eins bis vier wurden ursprünglich also durch Striche dargestellt, fünf dagegen als Hand mit gespreiztem Daumen und zehn als deren Verdoppelung. Achnlich verhält es sich mit den anderen römischen Zahlzeichen. Die arabischen wurden erst im neunten Jahrhundert in Europa durch die Mauren eingeführt und sollen von Indien stammen, waS jedoch nicht unbestritten ist. Auch sie haben eine Aenderung erfahren. wenn auch nicht in dem Maße wie ihre Vettern, die Buchstaben. Ihre ursprüngliche Form>var nämlich eine liegende, und wer sich die Mühe nimmt, die Ziffern derart zu betrachten, wird sofort die große Aehnlichkeit mir arabischen Schristzllgen erkennen. Ihr Hauptvorzug ist die Anwendung eines Ringelchens, der Null, wodurch erst ein bequemes Rechnen möglich geworden ist; ferner die Anwendung des dekadischen Systems, ivonach bekanntlich durch die Stellung von links nach rechts eine Vcrzehnfachung des Werth es der gleichen Zahl eintritt. Die Chinesen benutzen jedoch das dyadische Zahlsystcm, das allerdings nur zwei Zeichen braucht— 1 und 0— aber nicht im entferntesten an Bequemlichkeit dem unsriaen gleichkommt. Bei dem dyadischen System gilt das Zeichen i stets doppelt so viel, als die vorhergehende gilt oder gelten würde. Die Einheit an erster Stelle gesetzt gilt eins, an zweiter zwei, an dritter vier u. s. w. Die Null dagegen gilt nichts und giebt nur den Stellungswcrth an. Die Ziffer vier, nach dem dyadischen System ausgedrückt, erqiebt— von rechts nach Unks gelesen!— folgendes Bild: 100, fünf dagegen: 101, sechs; 110 und sieben: III. Wir finden also China auch in dieser Be- ziehung einzig und eigenartig, eine Kulturwclt für sich, die, auf eine gewisse Stufe der Vollendung getreten, erstarrte und so- zusagen zu einem kulturellen Pctrefakt geworden ist.— D. H a e!. Vlvi»rs IsiMtillekou. ed. Im Schlosse zu Luxemburg befindet sich ein Gemälde, das vorzüglich gemalt ist, das aber den Beschauer noch ungleich mehr durch den darauf zum Ausdruck gebrachten Gedanken ergreift, als durch die Kunst der Darstclluug. Eine wohlgenährte Ratte mit glattgestriegeltem, seidenglänzcndem Fell hat ihre Wohnung auf- geschlagen mitten in einem mächtigen Laib Brot. Drei von ihren Stammesgcnossen, einer immer noch verhungerter und tummer- voller aussehend als der andere, nähern sich dem Inhaber der fetten Pftünde mit dem Hute in der Hand und mit unsagbar flehen- den Augen— wahrhaft menschlich blickenden Augen. Ihre gekrümmten Rücken und ihre in Demulh ersterbende Haltung lassen die elenden Lumpen, mit denen sie bekleidet sind, fast überflüssig erscheinen— man versteht ohnehin, daß sie als hilfesuchende Bettler kommen: .Erbarmen, Erbarmen! Wir sind im Begriff, sammt den Unsrigen vor Hunger zu sterben!" Und wie benimmt sich die praktisch veranlagte fette Ratte ihnen gegen- über? Sie verbirgt. ihr rundliches, warm und weich bekleidetes Bäuchlein zur Hälfte in ihrem Brotlaib und zeigt den Rettungflehcnden ein blühendes Gesicht, das in die kleidsame» Falten des Mitleids gelegt ist und deutlicher, als Worte es vermöchten, ihnen sagt: �.Leider kann ich nichts für Euch thun, lieben Leute; aber ich will den Himmel bitten, Eure Roth zu lindern!"— — Befördert das Schneiden der Haare ihr Wachsthum? Eine eingehende Prüfling der alten und weitverbreiteten Annahme, daß das'Schneiden der Haare ihr Wachsthum befördere, enthalten die soeben erscheinenden Sitzungsberichte der Niederrhein, Ges.- für Natur- u. Heilkunde von Prof, Schieffcrdccker und Hrn. Bischoff in Bonn. Im Jahre 1893 hatte Remesow in Petersburg auS Versuchen an Hunden und Kaninchen eine Beförderung des Haarwuchses durch Schneiden der Haare nachweisen und schließen können, daß das Schneiden und noch mehr das Nasiren an sich, einen Reiz der Pupille zuführe. Es war also die Frage, ob dieser Reiz durch die Sautneroeir geleitet werde, in ivelchcm Falle das Haar kein todtes ebilde sein konnte, oder ob er durch den Kältereiz an der kahlen Stelle hervorgerufen wurde. Im ersteren Falle hatte man das, beim Mcnfchcnhaar freilich vielfach fehlende Mark als die lebendige Substanz im Auge, das bei den Versuchsthieren sehr gut entwickelt ist. Bei den Bonner Versuchen wurden nun außer Hunden und Kaninchen auch das hierfür besonders geeignete Schwein gewählt und die Haare zum theil so geschnitten, daß das Mark noch nicht getroffen wurde, zum theil so, daß es ein- oder mehrere Male getroffen wurde; auch wurden die Tasthaare gleich- zeitig geschnitten. Das überraschende Ergebniß der Untersuchung war, daß sich überhaupt kein Einfluß des Schneidens auf das Wachs- thum der Haare zeigte. Die Zählung der Haare auf der Seite am Thiere, wo sie gcichnitten waren, ergab nahezu dieselben Zahlen, wie die Zählung auf der Konttollscite. Es geht aus dieser(im Archiv für Mikrosk. Anatomie) ausführlich erscheinenden Arbeit hervor, daß man mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß das Schneiden keinen Einfluß auf daS Wachsen der Haare ausiibt, und daß kein Theil des Haares die Fähigkeit besitzt, einen solchen sSchnitt-) Reiz weiterzuleiten.— Kunst.j — In Mailand wurde bei Renovirungsarbeiten im„Castello Sforzesco" ein bisher unbekanntes Wandgemälde entdeckt, das nach dem Kunstforscher Müller-Walde dem Leonardo da Vinci zuzuschreiben ist. F. Novati berichtet darüber in einem neuen Heft der Zeitschrift„Emporium", Das Gemälde befindet sich als Sopra- Porte über der niedrigen Thüre des Gewölbes, das den Sforzas als Schatzkammer diente. Es hat eine schwere architektonische Umrahmung. In einem auf zwei Trägern ruhenden marmornen Architrav, der unter dem Rahmen hinläuft, ist ein großes Medaillon eingelassen. In einer halbdunklen Manier, welche die Wirkung eines Bronzereliefs hervorrufen soll, ist darauf gemalt, wie Sklaven Gold herbeischaffen und wägen, wobei eine stattliche, sitzende Gestalt sie überwacht. Das Fresko wlbst war bis vor kurzem über- tüncht. Es handelt sich um eine Darstellung der Sage vom hundert- äugigen Argus. Nach Müller-Walde soll es aus dem Jahre 1493 stammen; Leonardo da Vinci hielt sich damals in Mailand auf, um im Austrage Lodovico Moros zahlreiche Arbeiten in Kirchen und Palästen auszuführen. Das neuentdeckte Bild stellt eine Thüre dar, die in gemalter Perspektive eine Flucht von Sälen zeigt; davor, den Eingang verwehrend, steht die Gestalt des Argus. Hünenhaft, in ruhiger Sicherheit, die Füße gekreuzt, den einen Arm auf eine mächttge Keule gestützt, erhebt er sich; das Fell eines wilden ThiereS, dessen Pranken auf der Brust verschlungen sind, umschürzt den gigantischen Leib; die Felle, mit denen die Füße umwickelt sind, kennzeichnen den Hirten. Leider ist gerade der Kopf der prächtigen Gestalt, die aus dem Rahmen hervorzutreten scheint. größtcntheils zerstört; nur ein Theil des Haupthaares und des Kranzes von Pfauenfedern, der für den Argus charatteristisch ist, blieb erhalten. Ueberdies stellen zwei Medaillons zur Rechten und Linken, gleichfalls im Charakter von Reliefs ausgeführt, Hauptszenen des Argus-Mythos dar; das erste zeigt, wie Merkur den Wächter durch Schalmeien einschläfert; auf dem zweiten sieht man den Ent- haupteten, den Merkur, aus seinen Stab gestützt, bettachtet,— ivölkerknnde. — D i e Stämme des äquatorialen O st afrika's. In der letzten Monatssitzung der Berliner Gesellschaft für Erdkunde theilte Dr. S ch ö l l e r einige wissenschaftliche Ergebnisse seiner Expedition nach Aequatorial-Ostafrika und Uganda 1890 und 1897 mit. Die ethnographischen Ergebnisse seiner Reise sind besonders in der von ihm gegebenen Eintheilung der Stäminc Aequatorial« Ostafrika's in die drei Gruppen der Hamiten, Bant» und Niloten begründet, sowie in dem Nachweffe, daß Massai, Waquafi und Wandorobbo nicht Stammesbezeichuungen darstellen, sondern daß diese Hamiten je nach ihrem Berufe die Namen führen. So lange sie Viehzüchter sind, heißen sie Massai, werden sie Ackerbauer, so heißen sie Waquafi während die Jäger den Namen Wandorobbo angenommen und daS Schwert mit dem Boge» vertauscht haben. Die Klassifizirung der Eingeborenen bietet deshalb Schwierigkeiten, weil durch Wände- rungen oftmals Sprache, Sitte und Bewaffnung des einen Stammes auf den anderen übergegangen sind, und sich solche Reste noch erhalten haben, wenn längst von dem Stamme jede Spur geschwunden ist. So taucht in Uganda und bei den Wakawirondo ein am mittleren Nil bekanntes Musikinstrument auf, und besonders die Waffen, Lanzen und' Schwerter der Massai sind von den Bantustämmen vielfach aufgenommen worden. Die Waganda. im heutigen Uganda seit langer Zeit ansässig, sind neben den Wassoga und Wawuma als reine Bantu anzusehen. Am Pangani, wo die Massai die Bantu erst abgedrängt hatten, sind heute infolge des durch Viehseuchen der letzten Jahre erfolgten Unter- gangs dieser Massai junge Bantu- Ansiedelungen erwachsen. Auf 25 000 Seelen schätzt Dr. Schöller die heutige Zahl der reinen Massai. Ihre Kultur steht tief, und nur die zum Ackerbau übergegangenen Waquafi erheben sich ein wenig über die Viehzüchter. Diese Gliede- rung desselben Stammes in Ackerbauer und Nomaden, wie sie die Hamiten zeigen, hat ihr Analogon bei den Arabern und den Beduinen. Zu den Niloten muß man die Wakawirondo rechnen, die vom Nil bis zum Victoria Nyanza vorgedrungen sind. Sie zeichnen sich durch sehr lange Speere aus und haben Schmuck von Fluß- pferd- und Wildschweinzähnen,>vie aus Antilopenhörnern und Elsen- bein. Sie kennen die Eisenhereitung, haben aber sehr primitive Kleidung.—. Aus dem Thierlcbe». — Em beachtenswerthes Beispiel für die E n t tv i ck e I u n g einer neuen Thierrasse durch natürliche Züchtung liefert eine Beobachtung des Londoner Zoologen H. Lhster Jmneson. An der Nordscite der Dubliner Bucht zieht sich längs der Küste auf etwa drei englische Meilen, von Elontarf nach Sutton, eine Kette von Sandhiigeln hin, die während der Fluth durch einen Kanal von beträchtlicher Breite, während der Ebbe durch einen etwa 20 engl, Ellen breiten Wasserstrcifen von dem Festlande getrennt sind. Eine Brücke verbindet diese mit dem westlichen Ende der Insel, auf der als einzige Gebäude eine Küsten- Wachtstation, eine Hütte und ein Golf- Ballspiel- Klubhaus stehen. Die Sandhügel werden, wie Jmneson beobachtete, von zahlreichem Mäusen bewohnt, die grötztentheils so hell gefärbt sind, daß man sie von dem Sande, auf dem sie sich bewegen, nur schwer unterscheiden kann. Sie gehören aber keiner besonderen Art an, sondern sind nichts anders als Hausmäuse von sehr bleicher Färbung. Neben den hellgefärbten Thicren finden sich auch dunklere, und die von Jmneson gefangenen Mäuse, 30 an der Zahl, ließen alle Schattirungen bis zur Farbe der ge- wöhnlichen Hausmaus erkennen. Diese Thatsache spricht gegen die Annahme, daß die Mäusekolonie etwa von einer fremden Abart her- stamme, die durch ein Schiff eingefiihrt worden sei. Es ist vielmehr kaum zu bezweifeln, daß es sich um Abkömmlinge der gewöhnlichen Hausmaus handelt, die unter dem Einfluß der natürlichen Züchtung sich in ihrer Farbe an die Umgebung angepaßt haben. Im Herbst und Winter werden die Sandh'ügel von Eulen in Menge besucht, und außerdem machen täglich zahlreiche Falken Jagd auf der Insel. Diese Raubvogel werden natürlich besonders diejenigen Mäuse wegfangen, deren Farbe am meisten von der des Sandes und der dürren Pflanzen, die ihn bewohnen, ab- sticht. Unter solchen Umständen imd da die nach dem Gesicht jagenden Falken und Eulen die einzigen Feinde der Mäuse sino, wird allmälig die helle Rasse an die Stelle der dunkclen treten. Die Absonderung der Kolonie spricht bei diesem Vorgange wesentlich mit; denn eine Zuwanderung dunkeler Mäuse durch Schwimmen oder über die aus offenen: Holzwerk hergestellte und beträchtlich lange Brücke muß nach Jameson als Ausnahmefall betrachtet werden. Es läßt sich nachweisen, daß die Insel sich zwischen 1775 und 1800 gebildet hat, so daß für die Entwickelmig der hellen Rasse ein Zeitraum von 100 Jahren zugelaffen werden kann.— UBoff. Ztg.) Meteorologisches. f. lieber dieUrsachen des kürzlich beobachteten St. Elmsfeuers. Die vom Volksmund als St. Elms- feuer bezeichneten Lichterscheinungen, die bald stärker, bald schwächer auftreten, sind nichts anderes, als elektrische Ent- ladungen resp. Ausgleiche verschiedener Elektrizitäten. Allerdings müssen ganz besondere Verhältnisse zusammentreffen, um die Er- schcinung hervorzurufen, die als zahlreiche kleine Lichtpünktchen, aber auch als größerer Lichtball auftreten kann. Eine eigenartige Er- scheinung war das zuletzt beobachtete St. Elmsfeuer. Bei einem heftigen Schneetreiben ging der Beobachter nachts um 12l/2 Uhr über eine Anhöhe zwischen Obersuhl und Richelsdorf, als er bemerkte, daß sich plötzlich an einem seiner Barthaare zitternd ein Lichtschein bewegte. Auch am Rande des aufgespannten Regenschirms des Be- obachterS traten zahlreiSe Fünkchen auf, ebenso an den Handschuhen, Fingerspitzen jc. Die Bildung sehr hoher elektrischer Spannungen an der Erdoberfläche, die durch besonders günstige phyfikalffche Ver- Hältnisse auftreten können, und starke Schwankungen im Potential- gefälle, durch welche oftmals innerhalb weniger Sekunden der Ausgleich der verschiedenen Elektrizitäten, resp. der Uebergang von positiver zu negativer Elektrizität erfolgt, sind besonders giinsng für das Auftreten der St. Elmsfeuer. Diese elektrischen Ausgleiche treten manchmal so stark auf, daß sie nicht nur Lichterscheimmgen hervor- rufen, sondern auch von starkem Geräusch begleitet sind, und sie müssen auch bei der Bildung des beobachteten St. Elmsfeuers, das fich durch die eigenthllmliche Art seiner Erscheinung besonders aus- zeichnete, mitgewirkt haben.— Geologisches. --Vogtländische Erdbeben. In der letzten Sitzung der sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig gab Professor Dr. C r e d n e r eine ausführliche Erörterung über Verlauf und Ent- stehung des in Mitteldeutschland einzig dastehenden sächsisch- böhmsichen Erdbebens im Spätherbst vorigen Jahres. Es begann am 24. Ottober und fand erst am 29. November sein Ende, dauerte also 37 Tage. Es setzte sich aus emer Anzahl starker, Schrecken erregender Stöße, Hunderten von schwächeren Erschütterungen und gewiß unzähligen Erzitterungen und ohne Instrumente nicht wahr- nehnibaren Schwingungen zusammen. Die Mitwirkung der Provinzial- presse hat die geologischeLandesanstalt von Sachsen in den Stand gesetzt, Fragebogen zu allgemeiner Kenntniß zu bringen und an die geeigneten Stellen zu versenden, so oft seit dem Jahre 1875 ein Beben im Bogt- lande bemerkbar geworden war. Dadurch hat sich feststellen lassen, daß das große Erdbeben von: vorigen Spätherbst nicht eine für sich allein dastehende Erscheinung war, sondern daß es das derzeitige Endglied! einer Reihe von 23 Erdbeben darstellt, die im Laufe der letzten, 22 Jahre im Vogtkandc sich ereignet haben oder von ihm auS« gegangen sind. Diese Beobachtungen stempeln das Vogtland, in den: übrigens schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mehrere Wochen lang Erdbeben zu verzeichnen waren, zu einem chronischen Schüttergebiet. Wie Dr. Credner weiter ausführte, ist der Unter- grund des VogtlandeS von Schichtenfalwngen und von Spallensystemen in der Richtung des Erzgebirges und des Thüringer Waldes eng durchzogen und von Verschiebungen mosaikarttg zertrümmert, dabei aber auch dem Gebirgsdrucke der genanitten zwei Faltenshsteme aus- gesetzt. Deshalb lieferte dieser vogtländische Untergrund die zahl- reichen Ausgangspunkte aller jener Erbebungen, und diese sind somit der Gruppe der tektonischen oder Dislokationsbeben zuzuzählen— Humoristisches. — Das Hinterstück. Mein Gott, hatte die Frau Pastorin viel zu thun! Heute sollte der Herr Konsistorialrath bei ihnen essen, und der Herr Konsistorialrath verstand sich gut darauf, wie ein Fisch gekockt Iverden mnß und loas das beste Stück an der Ente ist.— Die Frau Pastorin flog hin und her und gab dem Mädchen Lina so viele Aufträge, daß ihr der Kopf schwirrte. „Lina, daß Sie immer dem Hern: Konsistorialrath zuerst ser- Viren, und daß Sie die Schüssel so drehen, daß die besten Stücke auf die Seite des Herrn Koufistorialraths kommen. Und vergessen Sie die Sauce nicht, Lina! Und ich sage Ihne::, Lina, machen Sie es so, daß der Herr Konsistorialrath bei der Ente das Hinter- stück bekommt, vergessen Sie das nur nicht!'— Lina versprach, sich an alles zu eminern, und man setzte sich zu Tisch.— Die Thür geht auf, und herein tritt Lina, die Platte mir der Ente vor fich in beiden Händen haltend. Majestätisch tritt sie auf den Herrn Konsistorialrath zu, und niit klarer, fester Sttimne spricht sie:„Dem Hern: Konsistorialrath sein Hintertheil liegt mitten auf der Schüsiel!" s„ Simplicis simus".) — Mißverständniß. Freundin: Warum knufft Du nicht mehr bei Meyer?— Backfisch: Ach denke nur: wie ich neulich aus dem Laden herauskomme, ruft mir der Menfch nach „Enstffehle mich"... so eine Frechheit, mich zu duzen!— — Für Ehemänner. Seme Frau darf man nur dann „Alte" nennen, wenn sie j u n g ist.— Vermischtes vom Tage. y. Der Segler„E lfri e d e Mumm", der am 6. Ottobcr 1897 mit Steinkohlen von Alloa nach Brake ging, ist verschollen.— — Die Brannschweiger Amtsanwaltichaft erläßt sin a m t- lich en Blatte folgende Bekanntmachung:„Erst jetzt erstatteter Au- zeige zufolge sind dem Spitzhunde eines hiesigen Einwohners auf einem Spaziergange auf der Wilhelm:- Promenade, im sogen. Prinzenwinkel, der Mmstkorb, ein kleines Halsband, welches mtt kleinen Nägeln verziert ist und an welchem sich eine Hunde- marke, welche die Zahl Nr. 720 trug, befand, von einer unbekannten Person abgemacht":l f. w.— — Auf der Station Hohenkirchen fSttecke Jever-Karolinen- siel) stießen zwei Personenzüge infolge falscher Weichenftellung zusammen. Da das Zugpersonal abge?prui:gen war, lief der eine Zug, vermuthlich mtt zurückgelegter Steuerung, nach Karolinensiel zurnck. Ein Kcmsmam: wurde getödtet, ein Re:sender verletzt.—■ — Die Gewerkschaft Donatus zu Liblar fetzt für die besten Gedichte zum Lobe der„Donatus-Brikets" Preise von 100 M. bis 20 Mi aus. Die Gedichts dürfen höchstens zehn Zeilen umfassen, was für den Dichter zwar schiver, für die Leser aber sehr an- genehm ist.— — Ein Gendarm aus Ober-Altwasser sSchlefien), der einen mtt seiner Frau und einem zweijährigen Kinde Herumstreisenden Rkann verhaften wollte, wurde von diesem angegriffen. Er zog darauf seinen Revolver und schoß den Main: nieder.— — Ein Turmklcmpner in Wie n lletterte in der Nacht zum Sonntag an der Blitzableitung auf den rechtsseitigen 99 Meter hohen Thurm der Botivkirche und brachte an der Kreuzblume eine schwarz-gelbe Fahne an.— — Der Student Baron v. llitterrichter in Innsbruck hat 80 000 Gulden gestohlen und ist flüchttg geworden.— — Bei dem Eiscnbahmmfall bei Ver Station F o u l a i n sind vier Personen getödtet und fünfzehn verwundet worden.— — In B e s a n