Anterhattungsblatt des vorwärts Nr. 94. Freitag, den 13. Mai. 1898 ('Nachdruck verböte».) Der SchiTsjnnge. 20) Eine Teegcschichtc von Peter Egge. Einzig antorisirte Uebersetzung von E. B r a u s e Iv e t t e r. Eine Zärtlichkeitsfülle stieg in ihm empor, als er diese beiden theilnehmenden Worte vernahm. Er schmiegte sich an sie und sprach von ihr, etwas, was er bisher noch nie gethan hatte. Heiß und wie berauscht flüsterte er, wie reizend die Grübchen in ihren Wangen und die Fältchen um ihren Mund wären, wenn sie lachte.... Wie wunderbar ihr Rinn sich heraus wölbte... Wie zart ihre Kehle sich bewegte, wenn sie sprach... Er hätte noch niemals ein solches Kinn gesehen... Es wäre wie geschaffen, in einer halbgeschlossenen Hand zu liegen. Und er legte seine harte Hand vorsichtig und liebkosend darauf. Er liebte alles an ihr, flüsterte er, ihren Körper, ihre gute Seele und ihre hübschen Kleider... alles! Er fand Worte und Bilder für das, was er fühlte und bei ihr sah. Und alle klangen echt, weil sie von seiner Leiden- fchaft durchglüht wurden. Sie hörte stumm zu, ließ sich von ihm wie eine liebe Sache behandeln und lächelte ruhig und liebenswürdig dazu. Endlich sagte sie: „Wie nett Du sprichst, Benn!" Und ein Weilchen später: „Bist Du noch niemals in eine Dame verliebt gewesen vor mir?" „Nein... das weißt Du ja." Er lachte matt, wie in Betäubung. „Hast Du auch noch nie derartiges zu einer Dame ge- sagt?"' „Du bist doch zu merkwürdig... so was zu fragen! Nein— wirklich nicht, Merry." „Aber Du hast schon vor mir eine Dame geküßt?" Sie lachte. „Ich? N— ei— n... ich glaube nicht..." Er fühlte ihren sorschcnden Blick und wurde verwirrt. Er that, als be- dächte er sich und sagte dann plötzlich:„Doch!" Da lachte sie hell auf, und er wurde ganz verlegen und fühlte sich gekränkt. Denn ihm lvar es. als lachte sie nicht nur über sein„Doch", sondern auch über all' die zärtlichen Worte, die er heute Abend geflüstert hatte. Sie ahnte ivahr- scheinlich, was sie angerichtet hatte; denn sie strich liebkosend über seinen Nacken hin, und sogleich war er wieder versöhnt. Sie lachte aber noch immer. Er sah die ganze Reihe ihrer weißen Zähne. „Merni," sagte er, damit sie aufhören sollte zu lachen, „Laß mich Deine Zähne sehen l" Sie wurde fast ernst. „Na, sieh!" sagte sie und öffnete die Lippen. „Nein, alle!" „Nun da!" Sie sperrte den Mund auf, und er sah die knotige Fläche der Gaumen und das frische, rothe Zahn- fleisch. „Du bist noch sehr kindisch. Benn!" „Merry"... es klang heiß und er zog sie stürmisch an sich.„Warum sagst Du niemals, daß Du mich liebst. Sage es, sage es, daß Du mich lieb hast, sehr lieb, daß Du Dir aus keinem andern etwas machst, als aus mir I" „Das kannst Du Dir doch tvohl denken, daß ich Dich sehr lieb haben muß, ich, die soviel riskiert, um mit Dir allein zusammen sein zu können!" Und dann fuhr sie in leichterem Ton fort:„Aber in Zukunft können wir ganz sicher sein: denn heute habe ich ein kleines Zimmer gefunden. Dort haben wir auch ein Piano. Dann singen und spielen wir. Ja, Du kannst doch wohl auch spielen?" „Nur ein paar kleine Stücke", erwiderte er verwirrt. Ein heißer Blutstrom war ihm zu Kopf gestiegen, und es sauste ihm vor den Ohren. Er schielte fast ängstlich nach der Seite hin, wo sie saß. „Es macht kein Vergnügen, in den Straßen spazieren zu gehen, wie wir es neulich thatcn. Und im Restaurant ist es auch nicht nett. Ich glaube, wir werden es dort sehr ge- müthlich haben, Venn, denn"— sie schlug in einen anderen Ton um—„nicht wahr, es ist langweilig an Bord." „Ja," sagte er, ohne an das zu denken, wonach sie ihn fragte. „Und fast noch schlimmer am Land. Meine Äousinc ist von ihren Angelegenheiten so in Anspruch genommen, siehst Du, daß sie für mich fast gar keine Zeit hat.... Aber Benn, Du sagst ja garnichts!" Dann mußte er wieder reden, und sie hörte zu. Er lvar aufgeregt. Seine Liebkosungen lvilder und anspruchsvoller, als sonst, und seine Worte heißer. Um neun Uhr verließen sie das Restaurant. Es schneite nicht mehr. Der Himmel war klar ge- worden. Viele Sterne funkelten dort oben, und die Kälte wurde fühlbarer. Sie schlugen einen Richtweg ein, passirten einige Neben- gaffen und waren plötzlich unten am Hafen. Benn fror ein bischen. Seine erhitzten Sinne beruhigten sich. Seine Gedanken wurden kälter und klarer. Er blickte über den Hafen und die vielen Lichter der Laternen und den Leuchtthurm hin. Sie starrten ihn durch das Dunkel an wie große, anklagende Augen. „Wir wissen, wer Du bist!" sagten sie. und sie gaben ihm und dem Weibe, das da neben ihm herging, Namen, durch die sie in die Reihe der Verbrecher gestellt wurden... Sie blieben stehen, um auf die Pferdebahn zu warten. Sie sollte mit der ersten fahren, er mit der zweiten, da sie nicht gleichzeitig an Bord kommen wollten. „Da ist das Geld, das ich Dir schuldig bin." Er wühlte in seinem Portemonnaie. „Hast Du schon etwas von dem erhoben, was Du an Bord gut hast?" „Ja, aber davon ging ein Theil zu Weihnachten d'rauf, sodaß mir gerade noch fünfzehn Cents an dem fehlen, was Du bekommst." „Behalte alles zusammen, bis Du Dein Gehalt bekommst. Unter Freunden kommt es doch wirklich nicht so genau darauf an." Sie hatte keine Hand frei. Beide ivarcn in den Muff gesteckt, und er wagte nicht, ihr das Geld aufzudrängen, das er in der Hand hielt. Er gelobte aber sich selbst, daß sie jeden Cent wiederbekommen sollte. Und er empfand eine eigene Zufriedenheit über dieses Gelübde. Ein Weilchen später kam ein Pferdebahnwagen daher. Sie drückten einander die Hand und nickten einander zu. Dann stieg sie ein und fuhr davon.— XV. Das Zimmer, in dem Merry und Benn zusammenkamen, lag in der Union- Street. Die Wirthin war eine Deutsche, eine kleine kugelrunde Frau, die ein bischen Schiffshandcl betrieb. Das Zimmer hatte ihrer Tochter gehört, die sich kürz- lich mit einem Schiffskapitän vcrheirathet hatte und ihren Mann auf seinen Reisen begleitete. Merry hatte bei der Wittwe einige Male etivas gekauft, wenn sie auf dem Heimivege von ihrer Kousine war, und die kleine redselige Person hatte sich durch eine so feine Kundin sehr geschmeichelt gefühlt. Es kamen wenig solche in ein Ge- schüft, wie das ihrige. Merry sagte, sie miethetc das Zimmer, weil es ein Piano hatte; sie möchte sich gern ihre Fertigkeit im Spielen erhalten, die sie sich erworben hätte. Sie selbst hätte leider kein Piano an Bord. Nur drei Abende in der Woche würde sie kommen... Ihr Bruder, der zweite Steuermann, würde sie am Abend nach Hause begleiten... Benn spielte für die Wirthin den Bruder und zweiten Steuermann auch ziemlich gut. Er log mit um so größerer Leichtigkeit und Gewandtheit, je öfter es nöthig wurde. Wenn er in seinem Schnldeutsch mit der Händlerin plauderte, bevor die„Spielstunde" begann, stotterte er nicht vor Angst. Er hörte fast belustigt zu, daß sie sich mit ihren lllliethcrn brüste te. Benn wurde mit Merry mehr und mehr vertraut, er schmiegte sich immer fester an sie, je mehr seine Familie seinem Gedächtnis entschwand. Der Gedanke daran, daß sie scheiden müßten, wenn sie nach Europa kamen, peinigte ihn bisweilen. Eine lange Zeit sträubte er sich, mit ihr davon zu reden; aber eines Abends, als sie eine Weile stumm in ihrem Zimmer gesessen hatten, flüsterte er angstvoll: «Merry, was svll aus uns nur werden?" ,Was nicinst Du damit, Benn?" „Müssen wir in Europa scheiden? Tu mußt das wisse», sage es mir!" „Lieber Ben»," sagte sie verwundert;„darüber weiß ich jetzt noch nichts Bestimmtes, siehst Du. Wir finden schon einen Ausweg, wenn es so weit ist. Sei nur froh, so lange Du kannst! Du bist jetzt immer so traurig." Sie ging von ihin fort zum Piano hin und spielte und saug ein lustiges Lied. Ihre Stimme war kraftig und etwas hart. Er lauschte eifrig, aber ohne seine Mißstimnuing überwinden zu können. Sobald der Gesaug zu Ende war, wandte sie sich nach ihm um. „Bist Du nun wieder froh?" fragte sie und lachte. „Ja," lächelte er, weil sie es so ivollte. „Trinken wir und seien wir froh!" Sie schenkte ihm ein, und sie tranken. Dann liebkoste sie rhu, was sie selten that, und seine Mißstimmung war wieder fort._(Fortsetzung folgt.) Modeuttc VnuNköpfevei. In der modernen Kunsttöpferei wird der mächtige Anstoß, den die japanische Kunst der europäischen gegeben har, am dcut- lichsten erkennbar. Die japanischen Lasen, Tassen und Schalen aus Steingut und Porzellan erschienen dein gesteigerten FarbengcfÄhl als malerische Offeiibarnngen und legten den Wunsch nahe,"lehn- lichcS zu schaffen. Allenthalben setzen daher seit etwa einem Jahrzehnt die Bestrebungen ein, der darniederlicgcnden Kunst- töpferci neues Leben einzuhauchen. Man knüpft natürlich an die japanischen Vorbilder an, sucht aber über sie hinanszurommen. Die neue Bewegung hat schnell eine große Bedeutung gcwoimen und die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Gegenwärtig giebt eine A n S st e I l n n g im L i ch t h o f c des Berliner K u» st- gow erbe museums eine gute Ucbersicht über die bisherigen Leistmigcn. . Die Verarbeitung des Thons geht in sehr verschiedenartiger Weise vor sich, und ebenso verschieden sind die Resultate. Tic Be- griffsvestinunung für die einzelnen Arten steht durchaus nickt fest, da scharfe Grenzlinicii oft nicht zu ziehen sind. Die Grundzügc des Verfahrens sind kurz diese! Die Form, der „Scherben", wird bei Gefäßen zumeist unter Benutzung der Töpferscheibe, bei Steingut und Porzellan auch durch Guß. hergestellt und mit Henkeln, Griffen und Füßen„gnrnirt". Hierauf wird sie im Ofen weiß oder farbig„gargebrannt". Im Brande zieht sich die Thonmasfe zusammen, der Thon„schwindet". Je höher die Temperatur des Brandes ist, um so dichter wird das Material, bis bei den der stärksten Hitze ausgesetzten Arten auch der unglasierte Scherben für Wasser völlig undurchlässig„dicht" ist. Soll oder kann das Gefäß porös bleiben, so nimmt man„mageren" mit Sand versetzten Thon. Dies ist bei fast allen für den gewöhn- lickcn Gebrauch bestimmten Thonwaaren der Fall. Die llndurch- lässtgkcit gegen Wasser wird dann durch eine einfache Glasur erreicht. Bei den feineren- Thonwaaren und gerade bei de» künstlerisch bearbeiteten spielt die Behandlung der Glasuren eine große Rolle. Ihre Zusammensetzung ist äußerst mannigfaltig, sie werden durchsichtig oder undurchsichtig, färb- los oder farbig hergestellt. Gewöhnlich werden die Glasuren pulvcrisirt und aufgestäubt oder durch Eintauchen in die breiig angemachte Masse auf den Scherben gebracht. Ein anderes Verfahren ist, daß man durch Dämpfe gewisse Bestandtheile der Oberfläche ent- ferilt und so chemisch Acnderungcn in der Färbung hervorruft. Ist die Glasurmasse aufgetragen, so brennt man sie in einem z'.veiten Brande „glatt". Für die Behandlung der Farbe ist es dabei von entscheidender Be- deutung, ob die Glasuren„leichtflüssig" oder„strcngslüssig" sind, d. h. ob sie in geringerer oder lvie beim Porzellan in größerer Hitze gebrannt sind als der bloße Scherben. Die für die Zwecke der Kunsttöpferei wichtigsten Formen der Thonwaaren sind das im Scharffcner gebrannte dichte Porzellan und Stein zeug und die in geringerer Hitze gebrannte Fayence. Gleichsam eine historische Einleitung bietet in der Ausstellung der Schrank, der gleich beim Eingänge rechts steht. Er enthält japanische und chinesische Arbeiten, von denen vor allen Dingen die japanischen interessiren. Was sie ganz im allgemeinen auszeichnet, ist ihre Feinheit in der Farbe. Wenden wir uns zunächst zur Betrachtung der modernen P o r z c l l a n a r b e i t c n. Ausgestellt haben einige Mannfaktnrcn von Kopenhagen, eine von Stockholm und die Berliner. sAuf der rechten Seite der hinteren Wand.) Die neuen Arbeilen der Dresdener, die schon früher von uns besprochen würben, fehlen. Das Problem, an dem diese Manufakturen jetzt arbeiten, ist die Vermehrung der Reihe der verwendbaren Färben. Die Malerei muß unter der durchsichtigen Glasur ausgeführt lverden, wenn sie h.-tbar sein soll. Bei der Hitze von 1600 Grad aber, der das Hart- Porzellan bei dem zweiten Brande ausgesetzt wird, konnte bisher nur das Blau sich halten. Jetzt hat man in Dresden bereits vier Farben mit allen Schattirungcn gefunden, die auch dem schärfsten Feuer ividerstehen. In Kopenhagen findet neben dem Blau nur noch Grün Verwendung. Die verschiedenen Firmen aus Kopenhagen und Stockholm, die ausgestellt haben, zeigen im großen und ganzen dieselbe Art. Der Stil ist, soweit dies eben bei den wenigen verfügbaren Farben möglich ist, naturalistisch, nur in der Anordnung der Figuren zeigt sich das Bestreben, den dekorativen Aufgaben gerecht zu werden. Eine alte Frau, die knieend auf dem Felde arbeitet, fliegende Tauben, fchwimmcnde Krebse, Lämmergeier, brandende Wogen, einfache Blnmenornamcnte, das sind etwa die bemerkenswerthen Motive. Sehr zart wirkt die blaue Farbe, wo sie sich allmälig verflüchtigt und immer Heller wird, bis sie ganz in dem weißen Grunde auf- geht. Einzelne feine Stücke sind auch nur in den hellen Nuancen des Blau gemalt. Die Formen sind meist einfach in den größeren, sehr zierlich in den kleineren Arbeiten. In einigen Stücken werden Thicrc: Mövcn, Eichhörnchen, plastisch dargestellt. Es scheint nicht, daß mit dieser Art der Ausschmückung von Porzellan, mit der einfachen llcbertragung des iiatiiralistischen Stils, der rechte Weg bereits gefunden ist. Die Entwicklung geht vielmehr dahin, für dekorative Zwecke immer mehr das reine Ornament herauszuarbeiten. In der Abtheilung von Rörstrand aus Stockholm fallen die Vasen A. W a l l a n d c r' s eben dadurch auf. daß in ihnen das dekorative Element viel stärker hervortritt; obwohl auch er Tritoncn und See- jnngfranen verwendet, sind doch diese Körper bei allen Härten im einzelnen einem stark ausgeprägten schönen Linienzug eingeordnet. Jni allgemeinen tritt bei den dänischen Porzellanen eine Eigen- schaff besonders hervor, die bei diesem Material fast immer vor- handen ist. Ihr Glanz ist blank und kalt, ihre Glasur zeigt breite Spiegelungen, deren Härte unangenehm wirkt. Die japanischen Porzellane mit Unterglasurmalerei zeigen, daß diese Eigenschaften nicht dem Material nothwendig anhasten. Der erwähnte Schrank der Japaner enthält solche Arbeiten. Eine prachtvolle kleine Vase Makuzu's zum Beispiel zeigt ganz zarte roth- und blaugraue Töne, die Blüthen, die als Ornamente aufgemalt sind, scheinen nur hingchancht zu sein. Daneben steht eine Vase mit einem ticfgrünen Grundton, aus dem die Gestalt eines Marabu ausgespart ist. Kälter wirken die Farben einer größeren offenen Vase mit blauen Linien auf starkgelbeni Grunde, aber diese Farben sind klar und frisch und haben nicht den trüpeu grauen Ton des Grüns der dänischen Porzellane. In der Ausbildung solcher wärmeren Farbentönc, wie sie bei den Japanern zu sehen sind, in der Entwickcluug eines neuen Ornamentstils und nicht in dem Streben nach naturalistischen Wirkungen scheint die Aufgabe der Porzellanmalerei zn liegen.• In Berlin ist man von der ausschließlichen Verwendung de« Hartporzcllans abgegangen. Die schönen großen Vasen in bunt schillernden blauen, lila und rothen Farben sind von einer einzigen rothcn Farbe chemisch abgeleitet und auch die kleineren infKupfcrroth sind prachtvolle Stücke.— Ter größere Theil der ausgestellten Arbeiten ist enttveder S t e i n z c u g oder Fayence. Das Verfahren bei der Herstellung des SteinzcugS ist dem beim Porzellan entgegengesetzt. Es wird zuerst im Scharffencr und nach der Glasur mit einer geringeren Hitze gebrannt, welche die Farben nickt so stark angreift. Auf diese Weise ist die Zahl der Farben, mit denen gearbeitet werden kann, fast unbeschränkt. Die Franzosen leisten hier weitaus das Beste, und B i g o t ist der bedeutendste Künstler dieser Richtung. Seine Arbeiten sind in dem Schrank in der linken Ecke des Saales aufgestellt. Die Formen .seiner Basen und Krüge sind von einer bewundcrnswcrthen Klarheit, der praktische Zweck prägt sich in ihnen aufs schärfste aus. Raffinirt einfach ist auch die Farbe seiner Glasuren: ein fast stumpfes Braungrau, hie und da ein wärnicrer Ton. Ein Kmg zeigt schimmernden Bleiglanz. Vigot's größtes Verdienst aber sind krystallisirte Glasuren, die er auf chemischem Wege erzielt. Wie fest- gewordene Schneeflocken, so zierlich in der Zeichnung, liegen die glitzernden Krystallc auf deni Grunde, der hier stärker farbig ist als sonst bei Bigor. Diese Glasuren sind meist bei Kacheln angewandt, für die sie eine außerordentliche Bedeutung haben. Die Arbeiten von Dalpayrat und L c s b r o s, die daneben stehen, zeigen einen kräftigeren Eharakter. Oft geben ihnen Formen von Früchten, zum Beispiel des Kürbis, die Form; ein Blumenkübel ist mit zwei Elephantenköpfen geschmückt. Der kräftigen Form entspricht die chemisch erzeugte Farbe, meist steht auf gelbem Grunde Knpferroth und Blau. Außerdem verwenden sie Körper von Menschen und Thicren. denen sie eine gelblichgrün gefärbte Email- glasur geben, als Dekoration. Die Körper sind ausgezeichnet modcllirt, von großer Lebendigkeit in der Bewegung, ordnen sich auch in ihren Linien der Gcsammtform sehr gut ein. Ihre Verwendung er- regt dagegen öfter Zweifel; in einer Vase wird zum Beispiel„DieNacht" dargestellt: die Form zeigt in flüchtigen Unirissen die Gestalt einer Eule, und auf dieser sind drei emailtirte weibliche Körper, zwei in Hochrelief, einer als Henkel modcllirt. Steinzeug mit kräftigen, dunkelfarbigen Glasuren liefert auch D a m in o u s c aus Sevres. Breite Bkattornamcntc sind bei einigen als Masse dick aufgetragen. Die Farben haben einen starken Glanz. Das Ganze ist derber in der Wirkung, und leitet über zu der belgischen B a u e r n t v p f e r e i(in der Mitte des Lichthofes). Daß man jetzt in Anlehnung an die Bauerntöpferei arbeitet. hat seineu gut Grund. Bei den Töpfen. Gefäßen u. f. w., die unmittelbar uiT in großer Zahl für den täglichen Gebrauch gefertigt werden, bilden sich nothtvendig die einfachsten und für die Technik — 3 bequemsten Formen heraus. Es sind also gute Vorbilder für den Künstler, der vor allen Dingen zu einer gesunden Konstruktion im Kunstgewerbe kommen will. Außerdem' kann er in dieser ein- fächeren Technik die Waarcn so billig hcrstclicn, daß sie weite Ncr- breitung finden können, während die Preise Bigofis den meisten Menschen unerschwinglich sind. Diese Arbeiten verdienen daher unser regstes Interesse, von ihnen konnte am ehesten eine allgemeine Vcr- edelung der Thonwaaren ausgehen. Man darf natürlich an diese Arbeiten nicht dieselben Ansprüche stellen wie an die von Bigot. Ihre Technik ist iveniger solide. Es sind nicht so scharf gebrannte und weniger sorgsam im einzelnen durchgebildete Fayencen. Aber sie zeichnen sich durch eine flotte Technik, durch frische, lebhafte Farben und gute originelle Formen aus. Namentlich die braungelben Gefatze mit den einfachsten grünen Ornamenten und den Schlangen als Henkeln sind sehr gefällige Arbeiten. Auch die englischen Schalen und Töpfe in demselben Stil, die auf dem entsprechenden Tisch der anderen Seite stehen, sind gute Sachen, nur sind sie in ihrem ewigen Braungelb und bei der Spärlichkcit ihrer Ornamente gar zu cinfönnig. Von den holländischen Fayencen daneben gilt das Gegentheil. Diese haben eine verwirrend reiche, wenn auch originelle Ornamentik und sind auch in den Farben etwas zu bunt. Neben ihnen stehen deutsche Töpfe, von Blut in Goslar unter Leitung von Hildegard L e h n e r t hergestellt, die einen guten Anfang in' der Art der belgischen bedeuten. Ebenso gehören die Maaren Längeres aus Karlsruhe, die den ersten Schrank an der rechte» Scitciiwand füllen, hierher. Bei diesen sind Blumenornamcntc in derben Formen und etwas harten Farben mit der Giejjbiichse erhaben dem dunklen Grunde aufgetragen.— Die andere Richtung der modernen Kuusttöpferei legt weniger Gewicht darauf, daß sie nur im stärksten Feuer gebranntes solides Stcinzeug verwendet, als auf eine glänzende Aus- bildung der Zierfarben. Sie verwendet meist Fayencen und behandelt die Oberfläche mit Lüsterfarben, die durch das Ein- schmelzen äußerst fein vcrthcilter Metalloxyde mit harzigen Stoffen hergestellt und dann einem meist farbigen Grunde aufgetragen und in inilderem Feuer eingebrannt werden. Gold-, Silber- und Kupfer- lüster werden am häufigsten gebraucht. Der Meister dieser Richtung ist der Franzose Massier. Er Verivcndet vorwiegend den Gold- lüster. Der Grund seiner Schalen und Vasen ist niit fei» gezeichneten Ornamenten in zarten Farben bedeckt.- Auf einer dreiseitigen großen flachen Schale stehen zum Beispiel gezackte mattbraitne Blätter auf einem zartblauen Grunde. Darüber schillert dann der Lüster je nach der Spiegelung in den herrlichsten Farben, und erst weim inan etwas zurücktritt, tritt der matte Goldton des Ganzen hervor. Besonders fällt noch ein runder Teller auf, auf dem in wenigen branncn und blangrüncn Tonen eine Landschaft mit einem See dargestellt ist, dessen Spiegel einen seltsam schönen Schimmer zeigt. Die Maaren von Keller und G u 6 r i n in Luncvillc, die in cincin Schranke auf der linken Seite stehen, sind von derselben Art, stehen aber hinter denen Massicr's an Zartheit und Reichthum der Farben weit zurück. Da sie in demselben Schrank aufgestellt sind, erwähnen wir schon an dieser Stelle die gleichartigen Fayencen des Ungarn Z s o l n a y in Fünstirchcn, die mit den kräftigen Orna- mcntcn der ungarischen Bauerntöpserei detorirt sind und einen schönen Metallllistcr habe». An einen Vergleich darf man freilich dabei nicht denken. Durch einen prachtvollen Lüster zeichnen sich die Steinzeugwaarcn des Dänen Köhler in Restved aus lin zwei Schränken gegenüber den Ausstellungsobjekten der dänischen Porzcllanmanufaktur'. Die Fornien erinnern an den Stil der Porzcllansachen. Sehr mannigfach, bald tiefroth, bald wie Bleiglanz schimmernd sind aber die Farben. Die beiden Teller mit Fischen, die Schlange, aus deren Körper ein Kübel gebildet ist, sind in eigenartiger Technik, crstcre Lüster auf Zinnschmelzgrund, gearbeitet und glänzende Leistungen. Unter den übrigen Thonwaaren erregen noch Interesse die Arbeiten der Münchcner Künstlerfainilic von Haider und von S ch m u z- B a u d i ß. Die Gefäße der ersteren, theils unter der Glasur bemalt, theils lüstrirt, zeichnen sich durch ihre schönen vollen Farben und ihre geistvollen, der Fornr angepaßten Ornamente aus. Schmuz-Baudiß verwendet eine besondere Sorgfalt aris die Durchbildung des oberen Randes der Gefäße und legt feine Zierlinien auf ausgekratztem Grunde an. Das Steingut des Franzosen L a ch e n a l(Schrank links füllt durch die„sanunetweiche" Glasur auf, indessen ist seine Farbe, besonders bei einer vielbeivunderten großen blauen Vase süßlich. Die Pariser Firma Muller stellt eine Anzahl von verschiedenen Künstlern modellirtcr Plastiken ans, deren Werth sehr verschieden ist und nicht eigentlich als keramische Arbeit in Frage kommt. Ein Vergleich mit den japanischen Vasen zeigt wieder, daß alle die Eigenarten der modernen Techniken hier ihren Ausgangspunkt hatten. Auch der dekorative Stil, die Ausnutzung der Zufälligkeiten beim Auftragen der farbigen Glasuren, die kräftigen zweckentsprechen- den Fornien' haben bei den Japanern ihr Vorbild. Andererseits ist nicht zu bezweifeln, daß Künstler wie Bigot und Massier weiter ge- kommen sind. Besonders durch die genauere Kenntniß der Chemie hat man sich Hilfsmittel erschloffen, die weit über die Kunsttöpferei der Japaner hinausführen, und es ist nicht abzusehen, welche technischen Möglichkeiten sich gerade hierdurch nach erschließen werden.— Oskar Kü h l. 5— Ml ein 05 Fettillekan Je. Gcsangsstndicu mit Röntgcn'schcn Strahle». Dr Mar Schleier in Berlin, der sich seit längerer Zeit»nt Untersuchungen über die Bewegung der zur Hervorbringimg von gesanglichen Tönen in Thätigkcit tretenden Körpcrthcilen beschäftigt, veröffentlicht in der „Allgemeinen Medizinischen Zcntral-Zcitung" einen Aufsatz über neue Untersuchungen, die er mittels der Röntgen' scheu Strahlen an einem scincrZeit in Berlin auftretenden Jnstrumcntal-Jmitator vorgenommen hat. Dieser Mann setzte sein Publikum durch seine außerordentliche Meisterschaft in Bewundenmg, mit derer den Klang der verschiedensten Instrumente ohne Hilfsmittel so täuschend' nachahmte, daß jeder, der ihm dabei den Rücken zuwandte, glauben mußte, der Künstler hätte das Instrument selbst am Munde oder in der Hand. Der Mann wurde auch in einer Sitzung der laryngologischen Ge- scllschaft vorgestellt, und Dr. Schleier nahm sich danach vor, den- selben in seiner Röntgen-Kammer zu untersuchen. Während bisher die Bewegungen in der Mundhöhle beim Singen kaum beobachtet werden konnten, ist seit der Anwendung der Röntgen'schen Strahlen ein ausgezeichnetes Mittel dazu gegeben. Der Gesangskünstler tvurde�in einem ganz dunklen Räume der Röntgen-Röhre gegenüber gestellt und dann ein Barinmplatinchanürschirm an die gegenüber liegende Seite des Gesichts so gehalten, daß die Ebene des Schirmes der Mcdiancbcnc des Kopfes ganz parallel lief. Alsdann kann der Beobachter auf dein Schirm sowohl die Lippen als die Zunge, das Gaumensegel, den Kehldeckel, den Kehlkopf jc. und ihre Bewegungen erkennen und verfolgen. Das Erste, was deni Beobachter ausfiel, war die fabelhafte Gelenkigkeit, die der Imitator seiner Zunge zu geben wußte. So war es z. B. bei der Nachahmung eines Instrumentes wahrnehmbar, daß er die Zunge mit dem ganzen Stücken oben an den harten Gaumen legte und dabei gleichzeitig die Zungenspitze in trcmolirende Beivegung zu setzen vermochte, llebrigens konnte er mit seiner Zungenspitze auch die Nase berühren unh sie weit bis unters Kinn bringen. Sonst waren alle Theile, die bei der Hervorbringnng von Tönen in Frage kommen, vollkommen normal ausgebildet. Der Künstler ahmte nun nacheinander alle möglichen Instrumente nach, ivährend der Physiologe die Bewegungen des Kehlkopfes, des Kehldeckels, des Gaumensegels und der Zunge genau verfolgte. Sämmtliche Jnstrumente wurden mit Falsett und Kopfstimme imitirt. Zunächst kamen Maudolinc und Harfe an die Reihe, bei der die Vokaltöne durch einen Nasallaut verändert wurden, sobald ein Vokal rein und scharf ausgesprochen wurde, ging die eigen- thümlichc Klangfarbe des betreffenden Instrumentes verloren, ebenso wenn die Nase zugehalten wurde. Auf dem Röntgenbilde war besonders interessant das Hin- und Herschwingen des Kehldeckels und des Gaumensegels. Bei Nachahmung der Harfe ivar der Zungcurücken auch gewölbt und das Gaumensegel ebenfalls in beständigem Zittern begriffen, bei der Nachahmung des Pizzicato wurde die Zungenspitze an die obere Zahnrcihe gelegt. Bei der Oboe wurde die Nase vorn mit den Fingern verschlossen, der Mund war offen, und das Gaumen- segel hing schlaff herunter. Wird die Nasenöffnung freigelassen/so kann der Künstler dieses Instrument nicht nachahmen. Der Klang der sogenannten Dudclsackpfcifc entsteht ebenso, nur daß mit dem Finger beständig von außen an die Gegend des Zungenbeins her- angeschlagen wird, wodurch die Luft im Jnuenraume seitlich er- schüttcrt ivird. Von besonderen! Interesse für die eigentliche Gesangs- kimst sind die Untersuchungen der Bewegungen des Zwerchfells beim Singen durch die Strahlenart. Es ist dadurch zum ersten Male sicher festgestellt, daß nur die sogenannte Zwcrchfcllathmung beim Singen.anzurathen ist, nicht aber die hohe Brustathmuug, bei der sich auch Schlüsselbeine und Schultern heben; bei letzterer nämlich werden die Bewegungen des Zwerchfells unregelmäßig und ge- waltsam,— Literarisches. — 1— Bertha von S u t t n c r,„Schach der Qual". Dresden und Leipzig 1898. E. Piersou's Verlag.—„Phantasicstück" nennt die Verfasserin ihr neuestes Werk, in welchem sie anzudeuten oder auszuführen vcrsilcht. wie man das Glück für alle Wesen, sogar die bei der Vivisektion leidenden Thicre eingeschlossen, fördern und befestigen könne. Die Hauptfigur des Buches ist ein Prinz Roland, ein unermeßlich reicher Mensch, der durch Verwandtschaft- liche Bande mit Proletariat, Biirgcrthum und Adel zusammenhängt. Dieser Prinz will die Welt von ihrer jahrtanscudalten Qual erlösen t er philosophirt deshalb über alles, was ihm in den Weg kommt, und fühlt sich dabei höchst unglücklich. Die Quintessenz der manch- mal etwas langweiligen Ausführungen ist das bekannte Goethc'sche Wort:„Edel sei der Mensch, hilftci'ch und gut!" Im übrigen bilden den Inhalt dieser Rolaudffchcn Philosophien die bekannten Friedens- idecn der Verfasserin, welche sie uns in ihrem Roman„Die Waffen nieder!" bereits um vieles schärfer, schöner und poetischer wieder- gegeben hat. DaS ganze Buch ist ein Ausfluß jener modernen, bürgerlichen Ethik, die lheoretftch in dieser Jammerwelt herumtastet und gerne helfen möchte, der aber der Muth fehlt, praktisch ein- zugreifen.— Erziehung und Unterricht. — Die Volksbibliotheken, Garmsons-, Lehrlings- und Gefangen- haus-Bibliothckcn des Wiener Volks-Bildungsvereines wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres in 2oö 000 Fällen benutzt, es gelangten also im Durchschnitt täglich 2800 Bände zur Ausgabe. Hiervon entfallen auf Ottakring 00 000, auf die Leopold- stadt 40 000, auf Margarethen 32 000, aus Hernals 28 000, au' Favoriten 17 000 Bände u. f. tu. Von diesen 255 000 Eiulchmingen entfallen 43 000(17 pCt.) auf wissenschaftliche Werke? den größten Antheil hieran hat wieder Ottakring mit IS 000 Bänden wissenschaftlicher Literatur(— 28 pCt. seiner gesammten Entlchnungs- Ziffer), sodann folgen Leopoldstadt(IS pCt.), Floridsdorf(13 PCt.), Margarethen(13 pCt.), Nutzdorf(12,7 pCt.). Hernals(12 pTt.) it. f. tu, Diesen Frequenzen entsprechend werden die Bibliotheken des Volks- Bildungsvereins im Fahre 18S8 mehr als eine Million Entlehnungen (hiervon 170 000 bis 180 000 wissenschaftliche Werke betreffend) auf- weisen und damit die Entlehnungsziffer des Jahres 18S7 um 150000 bis 170 000 übersteigen.— Aus dem Thierreiche. —'Den alte ff en verfolgbaren Typus eines Wirbelt hieres vertritt, so weit die gegenwärtigen Nach- forschimgen schließen lassen, der seltene A a l h a i, denn sein Ge- schlecht reicht bis zur mittleren Devonzeit zurück. Der Aalhai ist ein 1,5 bis 2 Meter langer Hai von aaiartiger Gestalt mit einem weiten, von der Kopfspitze wenig überragten Nachen; beide Kiefer find mit drcispitzigen Zähnen besäumt, zu denen noch eine mittlere Zahnreihe im Unterkiefer kommt? sie sind mit kleinen Spritzlöchern und 6 weiten Äiemcnöffmingen verschen. Bis zum Jahre 1886 waren imr zwei Exemplare dieses seltsamen Thieres aus dem japanischen Meere bekannt geworden, welche Samuel Garnian(das erste 1884) daselbst entdeckt hatte. Dann war die Zahl allmälig bis auf 13, die sämmtlich im japanischen Meere ge- fangen worden waren, gestiegen, so datz der Schein entstand, datz sie nur dort zu Hause seien, bis der Fürst von Monaco 188S ein kleines Exemplar bei Madeira fing. In einer kürzlich ausgegebenen Ab- Handlung beschreibt mmmehr R. Collet einen 1896 an der norwegischen Küste im Varanger Fjord aus 300 Meter Tiefe emporgczögenen Aalhai, welcher die ungeahnt weite Verbreitung dieses uralten Ge- schlechts bezeugt, das sich mir durch sein Tieffeeleben der häufigeren Einbringung bisher entzogen hatte. Unter den übrigen lebenden Haifamilien steht der Aalhai de» Notidaniden am nächsten und luird von einigen Ichthyologen zu denselben gerechnet.— („Prometheus".) Ans dem Thierleben. u. Nester bauende Fische. Die Natur bildet, so rcgel- mätzig und zweckmäßig sie auch überall verfährt, dabei doch die eigen- thümlichsten Merkwürdigkeiten. Das Resterbauen gehört zu den charakterischsten Kennzeichen der Vögel, aber einerseits giebt es Vögel, welche niemals ein Nest bauen oder besitzen, andererseits existiren andere Thierarten, welche ausnahmsweise Nester bauen. So lebt in den Flüssen Nordamerikas weitverbreitet ein unserni Stör verwandter Schlammfisch, welcher im Frühjahr die tiefen Stellen der Gewässer verlätzt und an die flachen Pflanzenreichen Flutzufcr zieht. Dort bilden die Thiere kleine, aus einem Weibchen und mehrereii Männchen bestehende Gesellschaften, tuelche an einer Stelle beständig in einem engen Kreise herumschwimmen und dabei die Wasserpflanzen in Nestform winden, niederdrücken und runden, so daß schließlich ein wahres Nest entsteht. In dieses legt das Weibchen die Eier, die sich mit einer sonst bei Fischen kaum beobachteten Geschtuindigkeit entwickeln. Schon 24 Stunden, nachdem die Eier gelegt sind, kriechen die ersten Jungen aus. Dann bleibt ein einziges Mannchen im Nest, um die Jungen einige Tage lang zu hüten und bei der Nahrungs- aufnähme zu unterstützen. Sobald die jungen Fische dieser Hilfe nicht mehr bedürfen, verläßt die ganze Schaar das Nest und zerstreut sich im Flusse.— Astronomisches. — Das Näthsel, das die berühmten Marskanäle darbieten, scheint sich in einfachcrWeise zu lösen. Der italienische Astronom Cerulli machte die Beobachtung, datz, wenn man die Mondkugel mit einem Opernglas betrachtet, auch auf unserem Weltennachbar die Oberfläche von dunklen Linien durchzogen erscheint, die durch ihre Länge und durch ihr regelmäßiges Anstehen lebhaft an die Kanäle auf dem Mars erinnern. Sobald man aber den Mond durch ein stärkeres Fernrohr betrachtet, lösen sich die scheinbar scharf und regelmäßig gezogenen dunklen Linien in unregelmäßig gruppirtc, direkte dunkle Flecken, sogen. Mare auf, und von den bei schwacher Vergrößerung erscheinenden geradlinig verlaufenden Fäden ist nichts mehr zu sehen. ES ist aber lediglich der unter einem kleinen Gesichtswinkel zu einer einfachen Linie zusammenschrumpfende Totaleindnick von thatsächlich ganz verschiedenartig und unregel- mätzig gestalteten Oberflächenbildungen, den diese dunkeln Linien darstellen, und man wird daher mit Recht schließen können, datz auch die Marskanäle analoge Trugbilder sind. Demi mit den stärksten Fernrohren unserer Zeit erscheint die Marsoberfläche nahezu unter demselben Gesichtswinkel, wie unser Mond durchs Opernglas betrachtet. Wenn wir in einem ähnlichen Verhältmß stärkere Fernrohre, wie es durch Opernglas und Fernrohr beim Mond gegeben ist, auf den Mars antuenden kötmten, so würden auch die viel betuunderten Marskanäle aufgelöst erscheinen in diskrete Flecken- und Streifensysteme, wie sie in größeren Dimensionen dieMarsoberfläche vielfach erkennen läßt? bei utfferen noch zu kleinen Fernrohren erscheinen aber die nahe zusammenliegenden Reihen von Einzelbildungen als eine einzige dunkle Linie. Auch die räthselhaste Verdoppelung der„Kanäle" erscheint nun mir als ein getrenntes System von weiteren dunklen Streifen, die das Auge unwillkürlich zu einer kontinuirlichen Linie ergänzt. Man luird crtvancn können, daß eS mit Hilfe der neu er- bauten Aiesenfcrnrohre gelingen werde, allmälig die„Kanäle" in einzelnen Fällen in ihre Bestandrheile aufzulösen. Für diese neue Aussicht spricht auch noch der ilmstand, datz die Breite der Mars- kanäle nicht größer erscheint, wenn der Planet unserer Erde sehr nahe komnit, wie es doch der Fall sein müßte, wenn fie wirkliche Kanäle wären.— Technisches. — Unter besonders schwierigen Verhältnissen ist von der bayerischen Telegraphenvertvaltung eine Fernsprechleitung von Vartenkirchen aus auf die Zugspitze, den höchsten Berg Deutschlands, geführt worden, um eine Verbindung des dort von der Sektion München des Deutschen und Oesterreichischen Alpen- Vereins errichteten Uttterkunstshauses, des Münchener Hauses, mit dem allgemeinen Fernsprechnetz herzustellen. Die Leitung besteht von Partenkirchen aus zunächst ans Broncedraht, dann ist drei Millimeter starker verzinkter Gußstahldraht verwendet, welcher bis zu der ersten, 13,9 Kilometer entfernten Sprechstelle in der Angerhütte auf Stangen oder gelegentlich an Bäumen be- festigt worden ist. Von da ab gestaltete sich die Leitungs- führung immer schwieriger? um die fast 3000 Meter betragende Höhe bis zur Zugspitze zu überwinden, mutzte Rücksicht genommen tuerden auf Lawinen und Gletscher; der Draht wurde in eigenartiger Weise an vorspringenden Felsköpfen angebracht und der Zugfestigkeit halber mit möglichst liefen Senkungen gespannt. Große Mühe ver- ursachte das Hinaüffchleppen der Materialien auf kaum zugängliche Felsen, die Unterkunft und Verpflegung in den unwirthlichcn Höhen bei Schneefall und heftigen! Winde. Die Auslegung des 2,5 Kilometer langen Drahtes von der Angerhütte bis zur Sprechftelle auf der Knorrhütte erforderte acht Tage Arbeitszeit? nach weiteren elf Tagen war die Endstelle„Münchener Haus" auf der Zugspitze mit einem Drahte von 3,6 Kilometern Länge erreicht, wobei der letzte Gletscher in einer Weite von 400 Metern mit einem kühnen Schwünge überspannt wurde.— Hnmoristisches. — Nichts umsonst. Besuch:„Ihre Gartenthür geht aber schwer auf. Wollen Sie das nicht ändern lassen?" Ingenieur:„Wo denken Sie hin? Sie setzt ein Hebewerk in Bewegung. Jeder, der mich besucht, mutz mir sieben Liter Wasser pumpert."— — Er kennt sie. Junge(zum Schutzmann):„Sie! Dort unten prügeln sich zwei Frauen."— Schutzmann:.Scheer' Dich zum Teufel und kümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten." — Junge:„Aber die eine davon ist ja Ihre Frau."— Schutzmann:„Dann sei Gott der andern gnädig!"—(„Jugend.") — Verlockend. Fremder:„Fünf Mark fiir ein Nacht- logis? Das ist viel Geld!"— W i r t h:„Dafür töimcn's aber auch bis morgen Mittag schlafen, wenn Sie wollen!"— Vermischtes vom Tage. — Die Elektrizität wird jetzt auch in den Dienst des Jagdsportes gestellt, und zwar in Gestalt von Schein- Werfern.— — In F o r d o n bei Bromberg sind 30 Personen infolge des Genusses von verdorbenem Fleisch erkrankt.— — In Kassel schaukelten sich am Dienstag ein Knabe und ein Mädchen ganz dicht am Ufer der Fulda. Plötzlich verloren sie beide den Halt und wurden in die hochgehenden Wogen geschleudert. Sie gingen unter, ehe Hilfe gebracht tvcrdeii konnte.— '— Drei F r a u e n m o r d e binnen wenigen Wochen erregen in Bozen großes Aussehen. Vor einigen Tagen wurde die dritte weibliche Leiche aus einem Mühlbach gezogen. Ein Bahnbedicnsteter wurde unter dem Verdachte, der Thäter zii sein, verhastet.— — Der Zigeuner R i g o, der bekanntlich init der Prinzessin Ehiniay durchgebrannt ist, ivurde in Budapest, als er mit der Geliebten aus der Wohnung kam. von seiner angetrauten Frau, einer Zigeunerin, erwartet utid gehörig durchgeprügelt.— — Uni das Amt eines O r t s- S ch o r n st e i n f e g e r s in P o s ch i a V o(Kanton Graubündcn), der ein Gehalt von 800 Fr. jährlich bezieht, bewarben sich drei Schulleh.rer aus den benach- barten italienischen Dörfern.— — Eine ernstliche Epidemie von G e n i ck st a r r e ist in K o p e n- Hagen ausgebrochen.— "— Ein deuffcher Zahnarzt in Paris wurde von einem Ig jährigen Mechaniker in seiner Werkstätte ermordet und beraubt. Der Mörder wollte darauf auch die Wohnung des Arztes ausplündern und verletzte die dort sich aufhaltende Kassirerin schwer, wurde aber durch ihre Hilferufe verscheucht.— — Ein großer Goldklumpen von etwa 30Vs Kilogramm wurde jüngst auf einer Goldgrube im Gouvernement Jenisseisk entdeckt. Unter allen bisher in Rußland gefundenen nimmt dieser die zweite und von allen überhaupt die elfte Stelle ein.— — Eine furchtbare D y n a mi t e x p l o si o n zerstörte in D o v e r bei New- Dork drei von den 81 ettva 50 bis 75 Fuß auseinanderliegenden Holzgebäuden eines Werkes. Sechs Arbeiter wurden ge- tödtet, vier verletzt.—_ Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 15. Mai.___________ Verantwortlicher Redakteur: August Jacoben in Berlin Druck und Verlag von Max tvading in Berlin.