Hwterhaltungsblatt des Horwüris Nr. 95. Sonntag, den 15. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) Der S�iR-sjungv. 21] Eine Seegeschichte von Peter Egge. Einzig autorisirte Uebersetzung von E. Brausewetter. Die Tage vergingen. Anfang Februar wurde Venn acht zehn Jahre alt. Fast jeden Tag hörte er die Kameraden davon reden, daß der Schiffer Fracht abgeschlossen hätte. Bald hieß es nach Stettin, bald nach Hamburg, dann wieder nach Dieppe und nach London. Aber ebenso oft zeigte sich, daß es nur Vermuthungen waren. Seit dem Tage, da dieses Gerede begann, war eine Un ruhe und Sehnsucht über die Jüngeren an Bord gekommen. Sie waren es überdrüssig, im Hafen zu liegen, und wollten auf die See und nach Europa zurück. Die Aelteren dagegen meinten, man könnte noch gut hier liegen, bis der schlimmste Winter vorbei wäre, und dann in die See stechen, wenn der Frühling käme. Alle hatten an der bitteren Fahrt nach New-Iork genug. Alle wollten zum Sommer heim und hofften auf Abmusterung. Venn schwankte. Die letzten Briefe der Mutter waren voll Freude darüber, daß er heimkehren wollte, um zu studiren. Sie erzählten, wie nett bereits sein Zimmer in Stand gesetzt wäre, und wie bald er sein Examen machen könnte, wenn er nur fleißig privatim studirte. Jedes Mal, wenn er einen solchen Brief erhielt, ertappte er sich dabei, daß er sich nach der Mutter, den Schwestern, Kameraden und Büchern sehnte— nach dem Leben in den alten Verhältnissen. Aber dann wieder in anderen Augen- blicken scheute er ängstlich all' das, was seine Gedanken heimwärts ziehen konnte. Er durfte sich dem nicht hingeben. Meist war sein Hirn mit etwas ganz anderem beschäftigt: Ei, wenn eines Tages der Kapitän an Bord käme und sagte, die Reise ginge nach London... die Schute könnte in vier Wochen dort sein.... Dann würde alles vorbei sein, alles. ... Er würde Merry niemals mehr wieder sehen..,. Schon in vier Wochen! Manchen Abend dachte er, wenn er wie berauscht in ihren Arnien ruhte:]„Ich verlasse sie nicht, nein... ich... ich... will nicht!" XVI. Es war an einem Abend in den letzten Tagen des Februar. Merry und Benn saßen zusammen auf dem Sopha in ihrem Zimmer. Sie hatte gespielt und gesungen. Später hatte er, wie gewöhnlich, erzählt und sie zugehört. Dieses Mal hatte sie ihm sein sehr kurzes und un- schuldiges Verhältniß zu dem Dienstmädchen seiner Mutter entlockt. Sic lachte laut auf, als er, roth und etwas ver- schämt, erzählte, wie die Mutter ihn eines Tages überrascht hatte, als er das Dienstmädchen küßte. Er fragte lächelnd:„Ich begreife nicht, wie es Dir Ver- gnügen bereiten kann, daß ich Dir das erzähle. Ich wollte es nicht thun, weil ich glaubte, es würde Dir mißfallen." Die Worte kamen langsam, fast verlegen, in all ihrer Raivität. „Nein, Lieber, wie kannst Du das glauben. Ich habe auch derarttge Verliebtheiten durchgemacht im Alter von 16 bis 17 Jahren. Weiß Gott!" Sie lachte. Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte er, ohne sie anzusehen— er fühlte das Gefährliche in der Frage:„Hast Du niemals einen Anderen geliebt?... Jemand vor mir.. Du verstehst schon... Hast Du noch kein Verhältniß ge- habt... Ich meine. Du, die so viel reist... so viele Männer trifft..." Sein Gesicht war halb von ihr ab- gewandt, und er sah nicht, wie starr das ihrige wurde. „Ja, Du verstehst wohl," fuhr er unsicher fort, weil sie gar nichts sagte.„Hast Du nicht..." „Du fragst vielleicht," unterbrach sie ihn hart,„ob ich nicht bei jeder Reise ein neues Verhältniß habe?" Er sah sie erstaunt an, sie war blutroth im Gesicht, und ihre Augen füllten sich mit Thräncn. Bettübniß und Zorn hatte er bei ihr noch niemals beobachtet, und ihre Auf- fassung seiner Worte ivar so unbarmherzig und so ganz falsch. „Nein, Liebste... es war durchaus nicht meine Absicht. Dich zu kränken, liebe, süße Merry."... Er stainmelte und fand nicht genügend überzeugende Worte. Da stand sie auf, trat ein paar Schntte zurück und blickte einen Augenblick auf ihn herab, als erwarte sie, er solle aus- reden, etwas sagen, das ihre Zweifel beseitigen könnte. Be- trübniß und Enttäuschung lag in ihren Augen. Er kam sich selbst so gemein und jämmerlich vor. Sie war wieder die feine Dame geworden, und er nur der Schiffs- junge. Sie ging nach ihren Kleidern. Da sprang er auf, lief zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, schlang die Arme um sie und stammelte schnell, angstvoll und fieberhaft: „Ich meinte nichts Böses damit, Frau Kapitän.... Herr Gott, ich wollte nur sagen, wenn Sie Ihren Mann nicht mehr liebten, so... so könnten Sie leicht dahin kommen, einen anderen zu lieben, und würden gern mit ihm zusammen sein.... Herr Gott... Wäre das denn so wunderbar? Das kann ja jedem passiren I" Er weinte. „Ich lasse Sie nicht los, bevor Sie mir vergehen haben. ... Jagen Sie mich fort, dann stürze ich mich ins Meer.... Ja, das thue ich... das thue ich wirklich... Sie werden sehen... Oh... daß Sie so etwas Schlechtes von mir glauben können... von mir, der..." Er drückte sein Gesicht gegen ihre Linie und schluchzte. Da strich sie mit der Hand über sein Haar hin. „Ja, ja, Benn, ich glaube Dir!" Er weinte und schluchzte noch immer. „Ich glaube Dir, Benn, stehe auf!" Sie zog ihn mit sich zum Sopha hin, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küßte es viele, viele Male. Er fühlte ihre warmen Thränen darauf niederfallen, und ihre Liebkosungen und Thräncn erfüllten ihn mit solchen: Jubel, daß er zu zittern begann, und flüsterte:„Wie gut Du bist, Merry... wie gut Du bist!" Eine ganze Weile blieben sie stumm so sitzen, erfüllt von dem, was soeben geschehen war. Beide fühlten— sie klar, er nur dunkel— daß ihr Ver- hältniß nicht mehr dasselbe wie früher war; es war etwas Neues hineingekommen. Er wandte sich halb nach ihr um, als erwartete er, daß 'ie etwas sagen oder thun würde. Er wollte sie nicht aus ihren Gedanken herausreißen. Es saß ihm eine unbestimmte Furcht im Blut, daß er ihr leicht mißfallen könnte. Dann nahm sie sein Gesicht wieder zwischen ihre Hände und küßte es langsam und wie in Gedanken. „Du bist heute Abend so gut gegen mich, Merry!" Sie lächelte ein wenig. „Ja, könnte ich es Dir nur erzählen.. „Was? was? Merry?" „Warum ich anders bin, als bisher!" „Ach, erzähle! Sage es mir!" „Das ist nicht so ganz leicht... siehst Du, Benn, da- mals, als wir zu der Gärtnerei hinfuhren— da liebte ich Dich nicht so wie jetzt..." Sic blickte ihm in die Augen hinein.„Das Leben an Bord war so traurig für mich. Niemand, der sich etwas aus mir machte. Bleibe nicht Seemann, Benn!" rief sie plötzlich;„sie sind alle so einsilbig' und traurig. Du würdest auch so werden, wenn Du einige Jahre zur See fährst!" Die Worte schmerzten ihn, verwundeten den geheimsten Gedanken, der in seinem verliebten Jünglingsherz wohnte: daß er dadurch, daß er Seemann blieb, ihr immer nahe sein konnte! „Du erinnerst mich an jene Zeit, da ich selbst noch ein Landmensch war— ja, �denn Du bist kein See- mann, Benn, und darum bist Du nicht, wie die an- dern an Bord.... und Du sehntest Dich nach der Heimath... gerade wie ich, obgleich ich zur See gefahren war, seit ich 17 Jahre alt zählte, bis jetzt, da ich bald 25 bin. Du warst so rührend, daß ich fast Mitleid niit Dir empfand, und Du gefielst mir so gut. Ja," stieß sie hervor, als fiele es ihr schwer, alles zu sagen, was sie empfand.„Darum wollte ich gern mit Dir zusammen sein und mit Dir plaudern. Vielleicht waren es auch Deine grauen Augen.... Hat noch keine Frau Dir gesagt, daß Du hübsch bist, Benn?" „Nein, aber versteht sich.. so etwas sagen die Damen einem doch nicht!" -- 3" »Ach doch, so lange Tn so jung bist, könnte eine ältere Dame es Wohl gesagt haben.. Du wirsr es schon noch genug von Damen zu hören bekommen.. wenn auch nicht so geradezu.. in Worten." Hier fühlte er sich gekränkt: sie dachte also nicht daran, daß er sich ans keiner anderen Dame mehr etwas machen wurde, als aus ihr! „Du verstehst, Venn," fuhr sie langsam wieder sort, als suchte sie nach Worten,„daß ich Dich auch früher gern ge° habt habe, aber nicht so wie jetzt... wie heute Abend." Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte er:„Und ich, der gerade heute Abend diese abscheulichen Worte gebrauchen mußre." lFortsetzung folgt.) SonnkÄgspIolndever. Mit dem friedlichen Maienidyll will es in diesem Jahr nichts Verden. Kanonendonner, Bombardements in der Ferne und bei einer befreundeten Nation böse Hungerrevolten, Strahenkämpfe und Flintenkugcln, die„wie Sprenggeschosse wirken, wenn sie auf den Knochen auftreffen." Lon Blut und Zerstörung sprechen diese Tage. _ Davon wollen aber etliche deutsche Kaufleute in Mailand nichts wissen. Sie beschweren sich über die übertreibende Berichterstattung. Was liegt auch an den paar hundert Menschen.aus dem.Pöbel, die zusammengeschossen wurden: wenn nur Handel und Wandel leinen Stoff erleiden. Wehe, wenn das dreimal geheiligte Geschäft gestört wird! Alan kann den wackeren Landsleuten die Erbitterung nachfühlen. Empörte Menschen, halbverzweifelt über die entsetzliche Miffwirthschaft im schönen Italien, bauen Straffen- barrikaden. Die militärische Reaktion führt Krieg gegen die Empörer; sie sorgt fiir die Wiederherstellung der Ruhe, der KirchhosSruhe. Was will der Handelsmann mehr, der in Ge- müthlichkeit seinen Wohlstand vermehren und verzehren möchte? Aber nein, der Handelsmann soll nicht zu seiner Gernüthlichleit gelangen. Nicht genug damit, daß die Hungerleider alle Demuth und Rücksicht bei Seite schieben und öffentliches Aergcrniff er- regen, es kommen noch andere neugierige Menschen, und in den Zeitungen fragt man nach dem Wie und Warum. Kein Mensch achtet das erprobte Sprichwort mehr»gnisto. non movere", nicht rütteln an dem, was still gctvordcn ist. Öh, sie find weise, unsere Handelsherren! Und so gcmüthvoll! Bon einem Ende Italiens zum andern gährt es. Die Erschiittenmge». die bald hier, bald dort losbrechen, sind ganz offenbar die Ausbrüche Berzweiseln- der. In den plötzlichen, rapiden Ausstünden, in den äußeren Anläßen, die die Massenlcidenschast entzünden, in der planlosen Durchführung. überall erkennt man ganz deutlich jene Anzeichen dumpfer Ber- zweiflung. Es tritt ein Mmm in einen Bäckerladen. Er fordert ein Brot. Man verlangt von ihm 40 Ccntesimi. Er will, wie vordem, nur dreißig geben. Oder er hat nur dreißig im Besitz. Der Bäcker leidet es nicht. Er will dem Mann das Brot wieder nehmen. Der will von seinem Brot nicht lassen. Rasch eilen ein paar Gruppen von Zuschauern herbei. Vielleicht ist der phy- fische Kontrast zwischen dem Bäckermeister und dem Mann, der für das Brot mir 30 Centesimi auslegen kann, zu groß. Auf der einen Seite üppige Fülle, auf der anderen mitleiderregende Dürftigkeit. Kurz, dieser kleine Anlaß genügt und wie ein Wirbel- stürm rast die Revolte durch die Stadt. Kein Mensch kann sich Rechenschaft ablegen, wie und woher dies plötzliche Aufflammen. Spontan geht es, wie ein elektrischer Schlag, durch die Menge. Niemand ist da, der die Führung übernimmt oder sie über- nehmen könnte. Niemand ist da, der die.Kräfte vertheitte, der ab- mahnen oder beschwichtigen könnte. Das Berhängniff uünmt seinen Gang. Es ist etwas Beklemmendes, unsäglich Trauriges um diese Hungerrevolten. Von der Hoff'nungssrcude, dem Optimismus und der muthigcn Lust, die im wirklichen großen revolutionären Beginnen liegt, das einer Idee zum Sieg verhelfen will, ist die dumpfe Hungerrevolte weit, iveit sern. Als die Revolutionssoldaten Frankreichs ins Feld zogen, hatten sie ihren stolzen Feicrgcsang. die Marseillaise. In den Wirbelstürmen, die jetzt Italien heimsuchen, kennen die Revolnren- de» keinen Gesang; nur einen grimmen Aufschrei. So klar und scharf Art und Wesen dieser Ausbrüche zuerkennen find, die Sündenböcke werden dennoch in der sozialistischen Bewegung gesucht. Man denkt und empfindet in den herrschenden Kreisen Italiens genau so wie die ritterlichen Magbaren, die ein' paar hundert Sozia- listen abfassen, verhaften und in Gefängnisse sperren und nun glauben, die vielen Taufende ihrer Landsklaven vor verzwciteltcn Thaten„warnen" zu können. Der lächerlichste Widersinn, die albernste Verleumdung wird hervorgeholt, um zu beweisen, daß die sah ans- brechenden Erschüllerungen im Volkskörper von„langer Hand" vor- bereitet seien, daß eine plmmiäffige Agitation ini Flüstern schleiche, und was dergleichen Dinge mehr sind. Mögen die Thaisachen das Sprunghafte in den Geschehnissen, die völlige Erschöpftuig nach jedem verzweifelten Ausbruch nach so grell beleuchten, daß hier von keinem planvoll geführten Krieg die Rede sein kann, daß inan es niit krampf- hasten Zuckungen eines verelendeten Volkes zu thun hat: Die Wahr- 8— heit wird dennoch nicht bekairnt. Nur nichts eingestehen,_ nur nichts bekennen. An diesen kriiifinalistischen Satz halten sich die italienisckien Herrschaften; und darum schreien sie: Haltet den Dieb! und heben Redaktionen sozialistischer Blätter auf, verhaften die Deputirten und arbeiten mit Versolgungseiscr daraus los. Es giebt in allen diesen Dingen einen internationalen Zusammenhang; und so wird das tiefe Unglück Italiens auch bei uns zn selbstischen Zwecken ausgebeutet. Geschähe es noch offen und brutal, es wäre nicht so widerwärtig, als es durch die besondere Tartüfferie lvird. Leute, die bei uns sehnsuchtsvoll zu einem Putsch drängen möchten, um dann ihren Schnitr zu machen, wischen sich die Thranen der Rührung vom Auge und klagen: Ach, die unseligen Opscr, die armen Verführten, die nun der Rasen deckt, oder die zn Krüppeln geschossen wurden! Au ihren Früchten sollt ihr sie er- keimen, die Bolksverftihrer! Das sind die Folgen der ungezügelten sozialdemokratischen Agitation. Mögen die Berather des Staates vorbeugen, so lange es Zeit ist! So ungefähr der Gedankengang derer, die das emvorringende Proletariat Deutschlands gcivalrsam in die Tiefe zurückswffen, die die winzigen Rechle, die errungen wurden, den weitesten Lolksllassen wieder entwinden möchten. Hundertmal ist es betont worden, in jeder Wahlversammlung wird es wiederholt: An Barrikadenkämpfe denke kein modern empfindender Sozialdemokrat, ans geistigen Walstättcn, an der Urne werde um sein Recht gekämpft, sein Stimmzettel werde«ine Waffe in seiner Hand! Es ist umsonst. Die alten Lügen, die alten Ber- drehnngen werden wieder ausgefischt. Wenn nach den: Sinne dieser blindwüthigen Mächte entschieden würde, dann kömfie Deutschland auch bald in die seltsame Ruhe gelullt werden, in der man rasch keüien freien Athemzug mehr vcr- nimmt. Was würde da nicht alles als aufreizend, was nicht„als Hohn und Verächtlichmachung geheiligter Institutionen" gelten können! Man frage irgend einen Machthaber und wäre es ein Bürgenneisierlein über tünfhundert Seelen, wo seiner Meinung nach eine Kritik berechfigt sei, wo nicht. Wie würden die Vergehen gegen den Unsugsparagrapben anschwellen, und man kann doch jetzt schon Erkleckliches darin leisten. In München war neulich der Herausgeber der Berliner Zeitschrift„Zukunft" vor Gericht gestellt. Es handelte sich um den vielgenannten Kvnig-Ofto-Artikcl. Kein nüchterner Leser konnte ans die Idee kommen, daß hier das Unglück des Königs Otto vcr- höhnt werden sollte. DaS Geriebt aber befaßte sich mit dem Em- pfindnngsleben des Verfassers. Man nahm an, daß ihn höhnische Empfindungen geleitet hätten. Von der Praxis des ambulanten Gerichtsstandes sei hier ab- gesehen. Das ist eine rechtspolitische Frage. über die schon viel verhandelt wurde, die an sich eine Gefahr mehr für das freie Wort in der Presse bedeutet. Wie leicht kann man in Preußen die heiligsten Gefühle eines Münchener Lokalphilisters be- leidigen; und wie leicht umgekehrt in Bayern das Herren- brloußtsein' eines osiprenßischen Junkers! Allein, das sei jetzt nebensächlich. Wie will man haarscharf über Empfindungen zu Gericht sitzen und einen Indizienbeweis gleichsam darüber aufnehme», vom welcher Empfindung ein Schriftsteller klipv und klar beseelt war. Jeder Schriftskellcr. der jemals raisonnirt oder krifisirt hat, weiß aus ganz persönlicher Erfahrung, wie von befreundeter so gut, als von feindlicher Seite gerade sein Sentinient mißdeutet wurde. Ost wägt man das Wort, um vorsichttg und nicht verletzend Kritik zn üben. Der Andere ist dock» empört, und in der leisesten Mahimng erkennt er mir höhniswe Absicht. Wie viel uerhängnißvolle Jrrthümer sind bei Indizienbeweisen schon vorgekommen, und es handelte sich dock, da um Thatsachen. Wie% will man aus grnnd von Indizien das Gefühl irgend eines Schriftstellers vor Gericht seziren? Harden, der Verfasser des König- Otto- Artikels, sprach von zlvci geistig um- nach toten Personen, vom Baycrnkönig und vom Dichtcr-Philviophen Nietzsche! Diese Zusammenstellung allein war ein Indizium. Der Schrift- steller sollte neben dem König nicht einen Namen wie Nietzsche nennen. Ja, dann ist aber jede allgemeinere Betrachtung bedroht. Wer lvird denn von einem Fürsten verlangen, daß er leiste, was irgend ein künstlerisches Genie leistet? Und im gegebenen Falle läßt sicki ja nichts vergleichen. Nietzsche durste doch blendende Werke veröffeul- lichcn, ehe er krank würde. Ihre künstlerische Forin kann selbst den erfreuen, der die phtlo'ophischen Grundideen tzlietzschc's gewiß nicht theilt. Aber der unglückliche Otto durfte ja gar nicht zur Entfaltung kommen. Er war längst krank, ehe er König geworden war. Das Nichten über schriftstellerische Empfiitdungeu ist eine eigen- thnmliche Sache. Wie oft gehen die Meinungen über irgend ein Werk selbst bei feinfühligen trifischen Ästhetikern auseinander. Der eine meint, hier war der Verfasser ironisch, der andere fiihlt keinerlch Ironie heraus. Wer wollte vor Gericht so bestimmt die Empiin- düngen eines Literaten messen und wägen? Sie sind ja wandelbar selbst während der Arbeit. Soll das sensible Litcratcngeschlechr noch immer weiter eingeschüchtert werden?— Alpha. Dileinesi Xifiiiflefcm. — o— Nene Geleise. Ter Sekretär Brand konnte lficht schlafen. Sonst hatte er, trotz seiner sechzig Jahre, sich immer einer gesunden Nachtruhe erfreut. Um halb elf Uhr ging er in seilt Zimmer und MWMWIUMLWWWM'! MMt flflliMr tinfifj spätestens um elf Uhr war er einqesckilnfen. Heute aber hatte er auch außergewöhnliche Aufregungen gchabr. Sein Bruder, der Maschinen- sabrikant, war am Abend zum Besuche gekommen. Das war ein besonderes Ercigniß. Der Fabrikant kam innner nur, wenn ihn Sorgen quälten, wenn er über irgend etwas ins Klare kommen wollte. Solche Stunden aber kamen recht selten vor, denn der Fabrikant gehörte zu den Menschen, die gerne von fich sagen, daß sie mit allem allein fertig werden, daß sie keine Stütze, keinen Rath brauchen. Er kam darum auch nie zuni Sekretär um einer Aussprache wegen, um einen Beistand, sondern— nur auf Besuch. Beim Plaudern, wenn nian unter der Gas- kröne am breiten, braunen Eßtisch saß oder vom Balkon aus über die Eisenbahn nach den Feldern und dem dunklen Grüne- Wald blickte, wurde ganz selbstventändlich nach den Familienverhält- nissen und dem Gang der Geschäfte gefragt. In der leichten Form der Unterhaltung berieth man sich. Der Fabrikant brauchte nicht um Rath zu bitten und konnte doch vollkommen fest in seinen Ab- sichten nach seiner Fabrik zurückkehren, die mitten in dein Arbeiter- viertel lag. Diesmal jedoch war es dem Sekretär schwer geworden, seinen Bruder zu beruhigen nnd zu stärken, ibm seine Zuversicht und seinen Mnlh wiederzugeben. Aber da der Sekretär wußte, daß er der ein- zige Mensch war, dem sich der Binder anvertraute, dem er zeigte, daß auch er nicht eine unerschöpfliche, stets gleich starke Kraft besitze, fühlte er sich gezwungen, ihni ein Helfer und Erfrischcr zu sein. Der Fabrikant hatte ihm erzählt, daß seine Arbeiter streiken wollten. Sie verlangten eine durchgreifende Kürzung der Arbeits- zeit und eine Lohnerhöhung, die den durch die verkürzte Arbeits- zeit einttetenden Ausfall am Verdienste wieder ausgleichen sollte. Sie waren Beide in der Entrüstung über diese Forderungen einig. Wie durften die Arbeiter es wagen, ihren„Brotherrn" vorschreiben zu wollen, wie lange er in seiner Fabrik arbeiten lassen wollte?— Das kam aber nur daher, daß einige große Fabriken den Achtstundentag eingeführt hatten— mit Erfolg. Retter Erfolg— ihnen sollte man nicht erzählen, daß in acht Stunden eben so viel geschafft werden köime,>vie in zehn Stunden. Mit diesen neuen Moden verdarb man ja die ganze Arbeiterschaft! Da mußte sie ja anspruchsvoll und forderungstüchlig werden. Man hatte eben in allem die allen Geleise, die soliden Bahnen des Geschästswcsens verlassen. Am liebsten hätte man wohl gar die Aroeiter zu Mirtheilhabern ernannt?!... Wie üppig jetzt diese Arbeiter lebten! Sie hatten doch schließlich zu essen— und Zeit zum schlafen ließ man ihnen aucki. Jetzt wollten sie sogar noch Zeit haben, um sich bilden und ihre Kinder besser erziehen zu können. Und dann wollten sie auch bessere Schulen— und was nicht noch alles! Ja, sie nahmen es sich sogar heraus, auch an den höheren Kultiirgenüssen theilnehmen zu wollen-- Das ging doch entschieden nicht. Aber an diesen Forderungen waren nur die schuld, die den Arbeitern entgegenkamen auf den „neuen Geleisen". Doch der Fabrikant wollte' ihnen schon zeigen, daß er der Herr sei. Der Sekretär hatte seinen Bruder in dieser Absicht bestärkt. Die Arbeiter wollten gewiß nur eine frivole Kraft- probe machen. Geld würde es ja dein Fabrilanten kosten— aber er müsse der Ueberlegcne bleiben. Ja, nnd dann verlangten sie noch Abschaffung der Ueberstunden. Jetzt gerade, stvo soviel fertig zu stellen war! Sie hatten sich sogar erlaubt, ihm zu sagen, er könne Dovpelschicht einführen. Die Arbeiter wollten es garnicht mehr mit ihren Brotgebeni halten. Sie ineutten sogar, er hatte es ja auch nicht mit ihnen, sondern entlasse sie ganz einfach, ivenn die Arbett knapp würde. Der Sekretär hätte seinem Bruder das Versprechen abgenommen, den Arbeitern unter keiner Bedingung etwas zu bewilligen. Wenn andere Fabrikanten so leichtsinnig waren, er sollte ans den guten, attvewäbtten Wegen bleiben... Diese Rachnchten hatten den Sekretär so aufgebracht, daß er fich noch einmal vom Bett erhob und sich zum Fenster hinausveugtc, um den Kopf zu kühlen. In diesem Augenblick fuhr der letzte Zug auf der Verbindungsbahn vorbei. Nun mußte die große, dmckle Nachtruhe kommen. Doch da fiel ein greller Schein voni Bahnhos her. Ein großer Trupp Arbeiter näherte sich. Mehrcrc trugen Ständer, aus denen helle Flammen emporloderten. Sie setzten die Ständer nieder mid machten sich daran, die alten Schienen auszulösen. Ihr Geklopfe und Gehämmer drang laut durch die Stille. Andere, die nacv und nach in den Lichtschein traten, schleppten schweigend neue Schienen herbei. Der Schatten der Arbeitenden fiel lang und breit über die Umgebung. Der Sekretär starrte mit großen Augen in dieses seltsame Nacht- trciben. Die ergreifende Stimmung, die. von der Thärigkeit der Schienenleger ausging, ließ ihm zum Bewußtsein kommen, daß die »noderne Zeit Bedürfnisse hervorbringt, die früher ganz unbekannt waren. Das Lege» der neuen Geleise— Ja, ja. Die neuen Geleise mußten wohl gelegt werden?!... Er blieb noch lange wach.-- Musik. -er-. Eine Berliner M n' i k a u S st e l l n n g. Der große Unterhaltungserfolg der Wiener Milsilausstellnng im Jahre 18S2 hat den Witz einiger Ehrgeizlingc, welche so g erste als Führer des musikalischen Berlin Posiren möchten, zu einem ohnmächtigen Größen- Wahn emporgestachelt. Die kalte Fabriksarchitettonik des MeßpalasteS in der Alcrandrincnfttaße schien den Herren als Rahmen einer Aus- stellung für Musik nnd der mit ihr in Beziehung stehenden Kunst- und CeiverbSzlvcige ebenso würdig und einladend zu sein, als der in seiner vollen Sommerpracht unvergleichliche Wiener Praler, nnd so erstand in dieser glorreichen Ausstellung eine der schlimmsten Knnstvlamagen unserer Zeit. Die Errichtung eines Richard Wagner-Deukmals in Berlin soll der Zweck dieser Veranstaltung sein. Ohne Zweifel wären dem in der Reichshauptstadt sich konzenttirenden Misikleben Deutschlands aus aller Wekt die reichsten, interessantesten und anziehendsten Mittel zur Verfügung gestellt worden, hätten jene Persönlichkeiten und Körperschaften, auf deren reichliche Beiträge man gewiß gerechnet. Vertrauen zur glücklichen Verwirklichung des Grundgedankens der ganzen Unternehmung erlangt. Aber ein Blick in dieses vielstöckige, vom Sttaßenlärm umbrandete und in einer engen Südstraße gelegene Haus mußte zur traurigen Erkenntniß führen, daß diese gleichmäßigen, kahlen Zimmerfluchten, in denen Hoflicht und Korridordunkel einen verstimmenden Kamps aufführen, keine stiuunungserregenden und kunstgelveihtcn Stätten bilden können. Ties Uedel wurde noch durch die Phantasien eines Gschnas-Geschmackcs verschärft, welcher die Wandpfeilerflüchen der vier Hofseiten mit mitleidslos langgestreckten Figuren aus Wagner- scheu Opern und die Querflächen zwischen den einzelnen Stockwerken mit Stiltt'cbcn schmücken zu müssen glaubte, in welchen Blumen, Früchte, Musikinstruinente, Noten- und Komponistenköpfe sich zu einem Chaos zugleich schmerzhafter und heiterer Tragikoniik und Jahrmarktsnaivetät vereinigten. Dieser traurigen Unterkunft ent- spricht die geradezu beschämende und erschreckende Jnhaltlosigkeit dieser Ausstellung. Gerade von Dokmnentcn, Autogrammen, Reliquien, Parttmrschriften, Albumividmungen, Entwürfen des Meisters, zu dessen Ehren die ganze Sache inszenirt ward, ist nicht ein bedeutendes Stück zu sehen. Wo blieben die werthvollen autographen Schätze der Privatleute und Verleger, wo die Familie Wagner's, wo die zahlreichen Vereine und Museen seines Namens? Dafür werden die Besucher mit sehr überflüssigen Jahresberichten und vergilbten Photographien, verstaubten Partituralterthüniern und Manuslripten balbvergessencr oder der musikalischen Durchnittskenntniß ganz un- bctannter Musiker entschädigt. Das Wcrthvolle der Ausstellung ist einzig in der königlichen Jnstrumcntensanimlung zu suchen. Die lehrreiche Bettachtung, wie sich die Epochen der Justrumentalbaukunst in der niannigfachen Konstruktion und künstlerischen äußeren Aus- schinückung von einander schieden, vertieft sich noch durch das Be- wußtsein, daß diese dünnen, zitherarngen nnd seelenlosen Clavichmbaltöne einst der großen inneren Tonlvelt I. Seb. Bach's nnd Mozarts genügten, und daß selbst der Wiener Flügel Karl Mona von Weber's und das vom Londoner Erard 1832 Mendelssohn geschenkte Lilavier angesichts der Fabrikate unserer Gegenwart wie Ton-Echos einer fernen, verklungencn Instrumental- Naivetät sich ausnehmen. Aber tvozu für die Besichtigung dieser gewiß hochbedentcnden Jnstrnnientensammttuig Entree zahlen, wenn sie alltäglich am Schinkelplatz uneittgettlich zu belvnndern ist? Nennen wir noch aus der. mit etwas liebhaberischer Kritiklosigkeit zusammen- gestellten nmsikhistorischen Sammlung des Herrn Nicolas Manskopf i» Frankfurt a. M. die ehrwürdig nachgedunkelten Theaterzetteln der ersten Aufführungen des„Freischütz" und des„Oberon" unter Weber in London, serner eine hübsche Potträtreihe von Berlioz und seiner Gattin Henttctte Smithson, einige, in ihrem Inhalte eben nicht bedeutende Briese berühmter Operntömposiieure, mehrere ausgelassen lustige, französische Karritäturen und schließlich aus dem Besitze der Frau Marie v. Bülow die k-äur-Symphonie von Brahms und ei» Autograph Wagner's— so haben wir alles für den Fottcher Wichtige, für den Liebhaber und Dilettanten Interessante, für den Laien Wissens- und Sehenslverthe mitgetheilt. Denn unsere hervorragenden Verlags- und Instrumenten- Firmen glänzen durch Abwesenheit, und was an Theatcrausstattungs- wescn, Theaierpläncn, Dekorationsflizzen-c. zu sehen ist, erhebt sich kaum über das Niveau geschickt arrangitter Auslagekästcn. Jeden klar und mibeeinflußt uttheilenden Beschauer dieses Zerrbildes einer Kunstausstellung wird die nicht wegzuleugnende Thatiache, auf solche Weise den thaienkräfttgen Beistand für die Ehrung des deutscher Tondichters geschädigt zu sehen, mit Scham und Unwillen erfüllen Geographisches. — Im Maiheft der dänischen Zeitschrift„Nord og Shd" vev öffentlichr Frithjof Nansen einen Artikel:„Wie derNordpo> erreicht werden wird", dessen Haupttnhalt wir hier wieder« geben. Nach einigen Benicrrungen über die Ansichten ftühcrei Geographen bezüglich der Frage, ob es Land am Nordpol giebt. erklärt Nansen, er zweifle nicht daran, daß das 2000 Faden riefe eisgefüllte Meer, über welches„Fram" auf seiner Fahrt einheririeb, auch den Pol selbst bedeckt. Auf der europäisch- asiatischen Seite des Pols ist dieses Meer schon derart untersucht worden, daß kaum viel unbekaimtes Land dort entdeckt werden kann! anders aber verhält es sich nnt der amerikanischen Seite,>00 es die Möglichkeit giebt, noch unbekannte Landstreckcn und Inseln zu entdecken. Wie aber die noch unbekannten Theile dieses McereS untersuchen? Auf diese Frage antwortet Nansen, daß es mehrere Mittel giebt, und daß seiner Ansicht nach jedes von diesen ante Resultate bringen wird. Das erste und beste bleibt doch die„Fram"- Minhode, die einen wissenschaftliche Forschungen er- mvglichenden längeren Aufenthalt sin Polannecre gestattet. Nansen bcscyreibt den Plan einer solchen Expeditton:„Es ist meine Ansicht, daß die Expeditton Legen Norden durch die Behringsstraße gehen und in das" Eis in nördlicher oder vielleicht eher nordöstlicher Richtung irgendwo zwischen ISO Gr. und 170 Gr. w. L. em- dringen mutz. Das Scknff wird dann vom Eis ein- geschlossen und zweifelsohne über das unbekannte Meer weit nördlicher als„gram", möglicherweise gerade querüber, jedenfalls aber unweit des Nordpols, geführt werden und es wird irgendwo an der Ostküste Grönlands wieder ins offene Meer hinauskommen. Ein solches Treiben wird aber längere Zeit he- ansprachen, als dasjenige des„Fram", wahrscheinlich etwa fünf Jahre." Möglicherweise ivird man gegen eine solche Expedition einwenden, datz ein so langer Aufenthalt im Polarmeer mit großer Gefahr verbunden ist. Dies leugnet aber Nansen ab; er behauptet, datz der Aufenthalt ein überaus gesunder ist, weil alle Krankheitskcime in der Polarlust fehlen. Was den stüher so gefährlichen Skorbut betrifft, so scheint er von einem gewissen, den Leichengiften ähnlichen Giftstoff Herzurühren, der sich in verfaulten Konserven entwickelt; aber nach den auf„Fram" gemachten Er- fahrungen lätzt sich heutzutage dieser Gefahr leicht entgehen. Auch bestreitet Nansen, datz die Entbehrungen und die lange Einsamkeit Melancholie und andere Gemüthsleiden hervorrufen sollten. Wenn eine Expedition wohl ausgeriistet ist und ans erwählten Männern besteht, meint Nansen, datz damit keine größere Gefahr verbunden ist, als mit vielen anderen im Leben auszuführenden Unternehmungen. Was die Ausforschung der amerikanischen Seite des Polarmeeres betrifft, so wird man nach Ransen's Ansicht an: weitesten mit Schlitten und Hunden gelangen. Mit bezua hierauf hat die„Fram"- Expedition erwiesen, daß sich in dieser Weise große Strecken auf dem Polareise zurücklegen lassen; weiter erfordern solche Expeditionen weniger Zeit, wie auch die Theilnehmer ihre Bewegungen beherrschen, sie gestatten aber keinen längeren Aufeickhalt in den'Polarregionen. Ueber eine dritte, erst kürzlich zum ersten Male versuchte Vorgangswcise zum Ausforschen von Polargegenden, und zwar mittels Ballons, spricht Nansen sich dahin aus:„Ich glaube, datz der Ballon die besten Dienste in der Polarforschung mächen könnte, wenn man ihn nordwärts mit Schlitten, Hunden und einer voll- ständigen Ausrüstimg fliegen liefe, und wenn dann die Schlitten- expcditton den Ballon verlassen könnte, um sich in südlicher Richtung fürbaß über das Eis zu arbeiten. In der Weise würde man der zweimaligen Durchwanderang derselben Strecke entgehen und daher im stände sein, die zu durchziehende Gegend zum Gegenstand einer gründlicheren Ausforschung zu machen.— Medizinisches. h, Neues Mittel gegen Ischias und Asthma. Das bekannte Mittel gegen Fieber und Kopfschmerz, das Anttpyrin, leistet nach den Angaben von Dr. Kühn in der„Allgemeinen Medizinischen Zenttalzeitung" besonders gute Dienste zur Behandlung der Ischias, Das Mittel Ivird nicht innerlich gegeben, sondern in einer wässerigen Lösung unter die Haut der Lendengegend gespritzt. Auf diese Weise soll die Lösung in dirette Berührung mit den erkrankten Nerven gebracht werden. Kühn hat in vier Fällen, in denen andere Be- Handlungsarten nutzlos blieben, schon nach den ersten Einspritzungen und nach einiger Zeit sogar eine vollständige Besserung erzielt,— Mutz dieses neue Verfahren natürlich noch weiteren Prüfungen unterworfen werden, ehe man von ihm sichere Erfolge erwarten darf, so ist ein in England nun erstmdener Apparat ohne Bedenken allen Asthma-, Herz- und Lungenleidenden sehr zu empfehlen. Bei solchen Kranken genügt meist die gewöhnliche Bett- ruhe nicht, da sie die Brust nicht von der Last von Schultern, Armen, Hals und Kopf besteit, somit die geschwächten Muskeln der Anstrengung bei der Athnmng nicht genügend enthebt. Die neue Erstiidung hat nun den Zweck, das Gewicht der obersten Exttemi- täten durch Tragbänder zu stiitzen. Diese sind so san Federn befesttgt, datz sie weder die Brustwände beengen noch die Freiheit der Bewegung behindern. Der Apparat nimmt wenig Raum im Bette ein und der Kranke kann sich durch Verstellung einer seitlichen Vorrichttmg beliebig in eine höhere oder tiefere Lage bringen, ohne das Kopfkissen verschieben zu müssen. Der Erfinder litt selbst an Asthma und seine Anfälle sind seit IGcbrauch des Apparates schwächer und seltener geworden. Die Erfindung hat sich in England auch in anderen Fällen bewährt und wird vom„British Medical Jouraal" bei allen Krankheiten empfohlen, wo die Ent- lastung des Rumpfes von dem Gewicht von Kopf, Schultern und Armen erwünscht ist.— Aus dem Thierleben. ie. HonignaschendeStaare. Der Naturforscher W. Smith thcilt im„Entomologist" eine Reihe interessanter Beobachtungen mit. welche zeigen, wie sich ein Thicrgeschlecht allmälig eine ganz ucue Angewohnheit zulegt. In Neu-Seeland bemerkte Smith schon früher, datz die neueingeführten Staare Bienen tödtetcn und in ihr Rest schafften, um ihre Jungen damit zu füttern. Nun giebt es aber dort auch einen einheimischen Vogel, der zur Staarfamilie gehört und ein leidenschaftlicher Honigftesscr ist. Wahrscheinlich ist er auf demselben Wege zu dieser Gewohnheit gelangt, wie auch die jetzt eingeführten Staare sie allmälig annehmen. Zunächst hat er die Bienen nur zur Fütterung seiner Jungen ge- tödtet, dabei aber entdeckte er den Honigsack des Insekts und den Füßen sGeschmack seines Inhalts. Von nun an fing er die Bienen jioch leidenschaftlicher, um sich die neue Lieblingsspeise zu verschaffen. jDie eingeführten Staare haben es darin sogar noch weiter gebracht, denn sie besuchen bereits einige leicht zugängliche Blüthen selbst, um Honig aus ihnen zu saugen. So hat wahrscheinlich ein zufälliger Fund beim Tödten einer Biene aus den dorttgen Staaren ein Volk von Honigräubern gemacht,— Humoristisches. — Ein sonderbarer Patient. Eines Morgens um 4 Uhr wird in einem Berliner Krankenhause der diensthabende Arzt herausgeklingelt. Im Aufnahmezimmer findet er einen schwankenden. wankenden Beduselten.„Was fehlt Ihnen?" ftagt der Arzt. Und der„Kranke" antwortet:„Herr.. Herr Doktor..mich gehen schon seit drei Wochen die Haare aus!"— — Mittel gegen„Kiebitze". In einem Gasthause einer kleinen Thüringer Stadt saßen unlängst zwei leidenschaftliche Spieler beim Sechsundiechzig. Allein die Freude am Spiele wurde ihnen schwer durch zwei„Kiebitze" beeinttächttgt, die ohne Unterlatz ihr besseres Berständnitz kund zu thnn bemüht waren.„Ach, wären Sie so freundlich, mein Spiel einen Augenblick zu ühernehmen?" ließ sich der eine Spieler seinem„Kiebitz" gegenüber vernehmen. „Sehr gern."—„Ach, Sie spielen wohl'mal ein bischen für mich", bat der andere Spieler den andern„Kiebitz". Und nun spielten die beiden Vertteter mit Feuereifer die ihnen übertragene Partie, während die beiden Spieler— im Hinterstübchen ihre Partte ungestört weiter spielten.— — Kahnfahrt.„Um Himmelswillen, Herr von Janoshazy, das Boot sinkt!" „Ober bitte, genädige Frajlein, wozu Alstregung, Boot gehört ja nicht mir, hob' ich es doch nur von Frajnd ausgeliehen."— Vermischtes vom Tage. — Eine Seeschlachtim Kleinen lieferten im Hamburger Segelschiffhafen der Führer eines Oberländer Kahns und der Steuer- mann eines Schleppdampfers. Sie geriethen zuerst in ein Wort- gefecht, dann warf der Oberländer Schiffer mit einem Stück Holz nach dem Steuermann. Dieser, kurz entschlossen, ergriff die gerade zum Deckwaschen in Gebrauch befindliche Dampffpritze und richtete einen kalten Wasserstrabl auf den Hitzkopf. Auf das Geschrei des Begossenen eilten ihm die Oberländer von den Kähnen, die in der Nachbarscheft lagen, zu Hilfe, Frauen und Kinder auch, und eröffneten ein Bombardement auf den Dampfer. Wer sich aber zu weit vor- wagte, bekam sofort eine Ladung Wasser von dem in gedeckter Stellung befindlichen Steuermann. Erst die Hafenpolizei machte der Szene ein Ende.— y. Bei Jütland sind zwei Fischer infolge Sinkens ihres Bootes ertrunken.— — Einem 17 jährigen Lehrling in Suhl wurde, als er sich gerade setzen wollte, im Scherz der Stuhl plötzlich weggezogen. Der junge Mann stürzte so unglücklich, datz er völlig gelähmt liegen blieb und anscheinend schwere Verletzungen des Rückgrates erlitt.— I — Ein Au s st a n d der Biertrinker besteht seit einigen Tagen in dem Bergkreisdorf Biederste ben bei Erfurt. Die Gemeinde beschloß die Einführung einer Biersteuer, darauf erhöhten die Heiden dortigen Gastwirthe den Preis für das Seidel von 13 auf 14 Pfennige. Sämmtliche Bewohner blieben nunmehr den Gast- wirthschasten fern. Die Wirthe verpflichteten sich gegenseitig unter Festsetzung einer Konventionalstrafe von 160 M., auszuharren.— — In dem Eifelort Zingsheim ist eine Anzahl Personen infolge des Genusses verdorbener Fische schwer erkrantt; fünf derselben befinden sich in hoffnungslosem Zustande.— — Das bischöfliche Ordinariat Augsburg hat eine Verfügung erlassen, die sich mit der Ausübung der Heil- künde durch Geistliche befaßt. Die kirchlichen Vorschriften über diese seien gewissenhast zu beobachten und überhaupt alles zu unterlassen, was das so wünschenswerthe gute Einvernehmen mit dem hochachtbaren Stande der Acrzte irgendwie trüben könne." Die „Vielgeschäftigkeit" habe„schon hunderte von Priestern, wir sagen kein Wort zu viel, nicht blos um das Vertrauen, sondern auch um ihren guten Ruf und damit um den eigeicklichen Erfolg ihres Wirkens gebracht."— — Der Wiener Maler Engelm ann erschoß sich im Rodowitzer Reviere bei Bürg st ein lBöhmen). Vor einigen Wochen war seine Verlobung zurückgegangen, seitdem war der sonst fröhliche Künstler niedergeschlagen, äußerte auch Selbstmordgedanken.— — Im Ort Nagh-Beregh iUngara) hat ein furchtbares Schadenfeuer gewüthet, ö8 Häuser und 12ö Nebengebäude sind total niedergebrannt. Mehrere Kinder werden vermißt.— — In der Nähe von F l e r s(Frankreich) stürzte ein mit 20 Firmlingen besetzter Omnibus über einen Abhang hinab. Der Kutscher und 10 Kinder wurden schwer verletzt.— — Bei der Feier eines Wahlsieges explodirte in Chesne bei Mezieres eine Kiste mit Feuerwerkskörpern. Zwei Personen erlagen den erhaltenen Verletzungen.— — In der Stadt S l u tz k(Gouvernement Minsk) sind 400 Häuser niedergebrannt.— — Kerzen aus dickflüssigen Rückständen russischen Petroleums will man jetzt in Baku herstellen. Sie sollen außerordentlich billig sein und an Leuchtkraft dem Petroleum gleichkommen.— — Ein furchtbarer Sturm suchte die Nordost-Küsten Japans heim. Mehr als 200 Fischerboote mit 1500 Personen werden vennitzt.— Aerainivortlicher Redakteur: August Jarobey i» Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.