Ilnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 97. Mittwoch, den 18. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) Der 23] Eine Seegcschichtc von Peter Egge. Einzig autorisirte Uebcrsetzung von E. Brau s e w e t t e r. Einen Augenblick später kannten Alle an Bord das Un glück. Die Steuerleute und der Zimmermann kamen schnell aus der Messe heraus. Die Leute aus der Roos strömten auch herbei. Selbst der Steward watschelte aus seiner Kambüse hervor. Alle hinauf auf die Back. Die brennende Schute war nur von dort zu sehen; denn die Segel standen im Wege. Da öffnete sich die Thüre zur Kajüte, und Mcrry kam hinauf— gerade so gekleidet, wie er sie sich unwillkürlich ge- dacht hatte. Sie blickte flüchtig nach vorn, ehe sie seine Hand drückte und flüsterte:„Beim! Beim!" Dann sehte sie sich schnell auf den Poller am Backbord. Ihre Brust ging schwer, als wäre sie ein Stück gelaufen. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, und er ihr das seinige. So starrten sie einander lange an und liebkosten sich gegenseitig mit den Augen. Dann richtete sie ihren Blick hinaus. Er wollte ihr von der Zukunft reden. Alle Fragen, die er während der langen Trennung aufgespart hatte, all' das, dessen sein Herz voll war, lag ihm auf der Zunge; aber er wagte mcht zu reden aus Furcht, daß jeden Augenblick jemand kommen könnte oder daß sie von den Matrosen beobachtet werden könnten, die in die Mäste gestiegen waren, um besser ausschauen zu können. Sein Blut pochte ängstlich und fieberhaft erregt... Warum sagte sie nichts? Warum sprach sie nicht von dem, was, wie sie wissen mußte, ihn so schrecklich peinigte? Und um irgend etwas zu sagen, flüsterte er:„Arme Leute!" als wäre es selbstverständlich, daß sie in Gedanken mit dem Schiffsbrand beschäftigt wäre. „Wenn die Menschen todt sind, braucht man sie nicht mehr zu beklagen," klang es ganz leise von ihr, ohne daß sie ihm ihr Gesicht zuwandte. Es waren nicht die Worte, sondern die Stimme, der Ton, der ihm den Athem benahm und seine Brust mit dem kaltseuchten Griff der Angst umklammerte. Er begriff, daß diese kalten, ruhigen Worte eine Nathlosigkeit verdeckten, eine Verzweiflung, die sie ihm bisher verborgen hatte. Man vernahm Schritte und Stimmen über das Deck hin. Sie erhob sich, Ivie um zu gehen. „Merry, was sollen wir thun?... Du sagst nichts?... Du... Du... kannst Dir gar nicht denken, wie fürchterlich ich leide!" Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sie blieb mitten vor dem Steuerrad stehen. „Lieber Bcnn. glaubst Du, mir geht es besser?... Ich kann Dir noch nichts sagen... Du mußt Geduld haben!" Nun erst bemerkte er, ivie bleich sie war, und daß ihre Augen trübe und müde aussahen. Sie drückte seine Hände, die die Steuergriffe hielten, und eilte in die Kajüte hinab. „Sic weiß selbst keinen Rath... Sic findet keinen Aus- weg. sie auch nicht," flüsterte er mehrmals. Er war nnt dem Gefühl zunickgeblieben, als hätten sie einander für ewig Lebe- wohl gesagt. Ein Weilchen später wurde er vom Steuer abgelöst und ging nach vorm. Bor der Roos begegnete er Oivind, der gerade aus dem Takelwcrk herabkam. „Steig' hinauf und sich' Dir die brennende Schute au, Junge!" Bcnn antwortete nicht. „Bist Du krank?" „Nein," kam es tonlos. „Da ist niemand gerettet; denn es ist keine Spur von einem Boote zu sehen."--- Benn erwartete jedes Mal, wenn er am Steuer stand, am Tage oder am frühen Abend, daß er sie würde sprechen können. Sie mußte einen Ausweg wissen, und sie mußten einen Entschluß fassen, wenn nicht eher, so wenigstens vordem Tage, da der Kapitän ihn nnt an's Land nahm, um ihn abzumustern. Aber es machte sich niemals so, daß sie einander allein sprechen konnten, weder am Steuer, noch anderwärts. Ein- mal, als er in der Kajüte Messing putzen sollte, wurde Jokum mitgeschickt, damit die Arbeit in einem Zug fertig wurde. Ein ander Mal, als er dort hineinkam, saß der Kapitän und schrieb— und Merry ging hinaus, nachdem sie Benn einen langen Blick zugeworfen hatte. Es war ihm, als wenn er und ihr Mann sie gemeinsam hinaustrieben. Die Tage vergingen.... Daß sie ihm nahe und doch so unerreichbar war, steigerte seine Leidenschast, gab ihr einen fast krankhaften Zug, machte ihn immer verzweifelter. Eines Nachmittags stand er in frischer Brise am Steuer. Es hatte viele Stunden ruhig und einförmig geregnet. Der Regen und auch der Wind waren kalt. Es tropfte und rieselte auf das nasse, glatte Deck vom Takelwerk und den Raaen, von der Reeling und dem Steuerrade herab..Das Regcnwasser lief in keinen Wellchen über den schwach wippen- den Kompaß hin, sodaß er zu schwimmen schien. Eine ganze Weile hatte er mechanisch auf die Nadel hin- gestarrt. Da erblickte er plötzlich ihr Gesicht hinter einer Kajüt- schcibe. Bleich und großäugig und unbeweglich war es ihm zugewandt. Stach der Stellung und dem Ausdruck vermuthete er unwillkürlich, daß sie ihn schon lange so angesehen haben mußte. Er erwartete, sie würde ihn? zulächeln; aber das Gesicht blieb unbeweglich. Der Regen peitschte gegen die Scheiben, und das Wasser rann darüber herab und gab dem Gesicht etwas Verzerrtes, Entstelltes. Er mußte niehrmals von ihr fortsehen; denn der Steuermann befand sich in der Nähe. Sobald er wieder dorthin sah, erwartete er, entweder daß sie fort sein würde, oder wenn sie noch da war, daß sie ihm zulächeln würde. Aber es geschah nichts dergleichen. Als sie ein Weilchen später endlich verschwunden war, wurde es ihm klar, daß sie ihm ganz gewiß zugelächelt hatte; aber der Regen, der an der Scheibe herablies, hatte ihr Gesicht für ihn so verzerrt, daß er das Lächeln nicht bemerkt hatte. Mehr war nicht nöthig, um ihm die nächsten Tage noch qualvoller zu machen. Jeden Augenblick stand dieser Anblick vor seinen Augen. Jedes Mal, wenn er an sie dachte, sah er ihr Gesicht hinter einer regennassen Scheibe ihn an- starren— bleich, großäugig, ohne Bewegung, ohne ein Lächeln des Wiedererkennens. Das Gesicht zürnte ihm. Immer wieder sagte er sich, wie das Ganze zusammen- hing; aber dennoch peinigte es ihn. Hätte er sie auf Deck zu sehen bekommen, wären diese qualvollen Gedanken vielleicht verschwunden. Aber in den vier bis fünf Tagen die es noch dauerte, bis sie das Land erreichten, ließ sie sich oben nicht sehen. Er sah das Gesicht auch in seinen Träumen. Da hatte es die Blässe und Starrheit des Todes, und das Wasser rann in Strömen daran herab. Er erwachte voll Angst und in Schweiß gebadet nnd sah sich verzweifelt um. Selbst beim Einsegeln kam sie nicht auf Deck. Es war ein hübscher Nachmittag in der ersten Woche des April. Der Himmel war klar. Die Sonne schien wann, und das Meer ging in glitzernden Schwellungen� Das freundliche lichte Havre lag in der Bucht mit einem Sommerhauch darüber, und der Hafen wimmelte von Dampfern und Segelschiffen. Er envartete so sicher, sie zu sehen.. Es war natürlich keine Rede davon, mit einander zu sprechen, nun, da der Lootse und die Steuerleute auf Deck waren; aber, Herr Gott... wenn sie nur hinaufkam, dann konnte er sie doch wenigstens ansehen!.. Aber sie kam nicht hinauf, und qualvoll stand das blasse, starre Antlitz hinter der Scheibe vor seinem Auge.— xvin. Es ward spät am Abend, bis die Schute verankert war. Am nächsten Tage warteten die Leute vom frühen Morgen an auf die Briefe. Die Mittagspause kam, aber kein Kapitän und keine Briefe. Der Steward watschelte in die Noof hinein, um Benn zu bitten, ihm noch an demselben Abend einen Brief an seine Frau zu schreiben. „Hast Du nichts vom Schiffer gesehen, Steward?" ftagte Jokum. „Hab' ihn nicht gesehen, Freundchen, seit er gestern mit seiner Frau sich davon machte". / »So!" „Er wollte einen Mann an Bord schicken mit den Briefen, sagte er." „Er ist wohl in eine Kneiperei hineingerathen, und da vergißt er uns." (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.) Im Sterben. Skizze von Clin Ameen. Es ist ruhig und still inr Krankenzimmer. Die Lampe steht aus dem Tisch in der Ecke und ein grüner Schirm beschattet das Licht, so daß es den Kranken nicht belästigt. Auf einem andern Tisch stehen Medizinflaschcn, Gläser und sonstiges, was die Nähe eines Krankenlagers verräth. Der Kranke, ein Mann von einigen fünfziger Jahren liegt ganz still und hat die Augen geschlossen. Der Tod hat schon seinen Stempel auf sein abgezehrtes, farbloses Gesicht gedrückt, doch das Morphium bat seine letzten Stunden schmerzstei gemacht und ihm den.bctäubungsähnlichcn Schlummer gegeben, der ihn unmerklich und unbewußt aus dem Leben hinüber ins Reich des Todes gleiten lassen soll. Seine Frau sitzt im Nebenzimmer, Ivo es ganz dunkel ist bis auf den schwachen Streifen gedämpften Lichts, der aus der Kranken- stube durch die halboffene Thür hereinfällt. In einem Lehnstuhl versunken sitzt sie und hat den Kopf zurück an die Lehne gelegt. Sie weint, sie, die willensstarke, energische Frau, die sonst selten oder nie eine Thräne vergießt... Sie weiß, daß seine Stunden gezählt sind, daß sie ihn verlieren wird, dessen Stütze sie fünfundzwanzig Jahre lang gewesen ist und mit seinem Fortgehen wird ihr Leben vollkommen inhaltlos werden. Ein Trost nur. ihr ganzer Trost ist das Bewußtsein, daß sie ihm alles, alles gewesen ist. Er Ivar arm und unbeachtet, als ihre Wege sich kreuzten. Gelehrter aus Neigung und Anlage besaß er keine Mittel, seinen Studien zu leben. Sie nahm sich seiner an, gab ihm sich selbst und ihr Vermögen, so daß er sich ruhig seinem Berufe widmen und einen berühmten und geachteten Namen in der Gelehrtenwelt erwerben konnte. Unpraktisch und hilflos wie ein Kind,— wie hätte er ohne sie je fertig werden können?... Träumer und Phantast, der er war, ivcich und nach- giebig.— Wie hätte er in der harten, grellen Wirklichkeit ohne sie vorwärts kommen sollen I... Alle Hindernisse hatte sie ihm aus dem Wege geräumt', sein Haus und seine Person hatte sie gepflegt, seinen Arbeiten war sie mit Interesse gefolgt, und alles, was das Praktische anging, hatte sie besorgt. Sie weiß genau, daß er hätte untergehen müssen, wenn sie in jener Zeit nicht seine Frau geworden wäre. Und sie war ftoh darüber, daß sie ihr Vermögen besessen hatte, denn sie wußte ganz gut, daß er ohne dies Geld nie ihr gehört, es auch nicht gekonnt hätte. Sie aber liebte ihn und wollte ihn dem Leben, der Wissenschaft und — sich erhalten. Für ihn wollte sie leben, sein Glück und seine Ehre, sei» Wohlergehen sollte ihr Lebenszweck werden. Und sie hatte das Ziel erreicht! Gleichmäßig und ruhig war sein Leben ver- gangen, ftiedlich und ohne Stürme war ihr Zusammensein alle die Zeit geblieben. Er war wohl immer schweigsam und etwas verschlossen gewesen, allein sie hatte es an seinem Lächeln und seinen Blicken ablesen können, wenn er zufrieden ivar. „Wie Du willst"—„Das weißt Du am besten" waren stets seine Worte gewesen' und wie sie wollte, war es auch �geschehen— immer zu seinem Wohl, zu seinem Glücke. Ihre Gefühle für ihn hatten alles einbegriffen, was in einem Franenherzen Platz hat— Mutterliebe, Gattcnliebe, die Gefühle einer Geliebten, und in alle hatte sie ihre ganze starke, energische Natur gelegt. Sie hatte sich eigentlich nie Nechenschaft gegeben, wie viel sie von ihm zurück bekam. Er gehörte ihr, seine Existenz war ihre Schöpfung f ihre Pflege, ihre Gedanken waren sein in jeder Stunde ihres Lebens. Das war ihr genug, und das machte sie vollkommen glücklich. Als sie sich zuerst trafen— damals hatte er eine andere geliebt. O, sie erinnerte sich ihrer wohl, durch sie waren sie ja mit einander bekannt geworden, durch die hübsche Marie Luise, die weiter nichts als ihre blonde Schönheit und ihre reizende Mädchenhaftigkeit besaß— ohne Begabung, ohne Kraft, arm wie er... Was wäre mohl daraus geworden, wenn die sich bekommen hätten— wenn die sich nach langem, pcinvollcm Warten geheiratbe? hätten! Nein, Marie Luise hätte nie und nimmer für ihn gevaf.t, sie, die weiter nichts vom Leben kannte, als seine ideale Seit, und seine Poesie. Aber man kann von Liebe und Mondschein nicht leben — wie die beiden verliebten Thoren damals glaubten.' Einmal hatte sie die hübsche Marie Luise von heißer Leiden- schaft ergriffen gesehen, die ihre blauen Augen blitzen und ihre zarten Wangen glühen machte. Es war das erste und letzte Bio' gewesen, als sie von ihm gesprochen hatten, und da hatte Marie Luise aus- gerufen: „Du kannst sein Leben mit Deinem Gelde kaufen, aber seine Lieb- gehört mir." Aber Marie Luise's Worte wären nicht zur Wahrheit gelvorden. O, sie war überzeugt davon, daß er sie längst, längst vergeffen hatte. Marie Luise's Namen war in all' den fünfundzwanzig Jahren nicht von ihnen genannt worden. Sie selbst wußte nur so viel, daß die frühere Rivalin noch unvcrheirathet als anne Lehrerin in einer kleinen Stadt ihr Leben fristete. Freilich alle Naturen sind nicht gleich, und ihr Mann hatte nie zu denen gehört, die ihre Gefühle zeigen oder gar von ihnen sprechen, aber sie war doch gewiß, daß sie seine volle ungelheilte Neigung besessen hatte. Und daß war doch ein großer Trost, eine tbcuerc Erinnerung, an der sich für den Rest ihres Lebens, den sie ohne ihn durchwandern sollte, festhalten konnte— dann würden die Einsamkeit und die Leere weniger schwer... Sie erhob sich und ging leise in das Krankenzimmer. Sie hatte keine Ruhe mehr, sie müßte bis zum Ende bei ihm bleiben, seinen letzten Athemzug sollte er in ihren Armen thuu. Sie beugte sich über das Bett. Er war so still,— er konnte doch nicht... Sie holte schnell die Lampe heran und trat mit ihr an das Bett. Ihr Schein fiel klar über sein Gesicht mit den feinen, fast frauenhaft weichen Zügen. Vielleicht war es die Empfindung des Lichtes, das auf ihn fiel, oder das schwache Bewußtsein, daß jemand sich über ihn beugte, das ihn die Augenlider ausschlagen ließ. Aber die Augen sahen ge- brochen aus, sie begegneten nicht dem angstvollen Blick der Frau, sondern schauten an ihr vorbei, wie in weite, weite Ferne, als suchten sie etwas... Er bewegte seine Hand, als wollte er sie er- heben-- ob er sie schmeichelnd jemandem aufs Haupt legen wollte? — aber sie sank kraftlos auf die Decke zurück... Seine Lippen öffneten sich ein paar Male, als ob sie etwas sagen wollten. Sie beugte sich tiefer über ihn und näherte ihr Ohr seinem Munde. Mit Mühe brachte er seine letzten Worte hervor, leise, wie der letzte schwache Seufzer des Lebens: „Bist Du es... Marie Luise?— Bist Du... endlich -- da?" ... Als die stattliche Frau eine Weile nachher das Kranken- zimmer verließ, das zum Sterbezimmer geworden, war alle Farbe aus ihrem Gesichr gewichen, und sie erschien fast ebenso bleich wie der Todte drinnen auf dem Lager. Vlrines Feuilleton. — 14 000 Mcilen-Tcpesche in 35 Minuten. Die„New- Dorkcr HandelS-Zcitung" schreibt: Die Kabeldcpesche aus Manila, welche die Meldung enthielt, daß der Kommandant des amerikanischen Geschwaders, Kommodore Deweh. sich anschickte, die im Hafen von Manila liegende Flotte anzugreifen, langte 3ö Minuten nach ihrer Aufgabe in Manila in New-Aork an. In dieser Zeit hatte die Depesche eine Entfernung von mehr wie 14(XX) englische Dkeilen zurückgelegt und war von einem Dutzend oder mehr Telegraphen- linien aufgenommen und weiter befördert worden. Von hohem Interesse ist die Route, welche diese Kabeldcpesche von ihrem Aufgabeorte Manila bis zur Ankunftsstation New-Dork genommen hm. Von Manila nach Hongkong lief dieselbe über das Kabel, welches inzwischen durchschnitten worden ist. Von Hongkong lief die Depesche über das 460 Meilen lange unterseeische Kabel nach Saigoun in der ftanzösischen Kolonie Cochinchina. Ein weiteres Kabel von 630 Meilen Länge brachte die Depesche nach Singapore. Von dort nahm das Telegramm in einer Entfernung von 338 Meilen seinen Weg um die malayischc Halbinsel nach Penang und kreuzte dann von Penang bis nach Madras in Englisch- Indien die Bay von Bengalen. Die Distanz von Penang bis nach Madras beträgt 1498 englische Meilen. In Madras erreichte die Depesche die erste festländische Telegraphenlinie, welche sich in einer Entfernung von 800 Meilen von Madras nach Bombay erstreckt. Von dort wurde die Depesche durch das im indischen Ozean gelegte Kabel nach dem 18ö0 Meilen entfernten Aden. dem Gibraltar des Rothen Meeres und von dort durch das Kabel des Rothen Meeres nach dem 1403 Meilen von Aden entfernten Suez in Egypten be- fördert. In Suez wurde die Depesche 200 Meile» weit über den festländischen Telegraphen nach Alexandrien telegraphirt. Dann wurde die Depesche über das unterseeische Kabel nach der eng- lischen Mittelmcer- Insel Malta, von dort nach Gibraltar weiter befördert. Die Länge der beiden letztgenannten Kabel beträgt 2039 Meilen. In Gibraltar gelangte die Depesche auf einem 337 Meilen langen Kabel nach Carcavcllos bei Lissabon und von dort mit dem 856 Meilen langen Ozeankabcl von Lissabon nach Parthenero. der Kabclstatton in Landsend, an der Südküste von England. Von dort, aber nicht direkt, sondern auf dem Umwege über London und Waterville in Irland, gelangte die Depesche dann mit dem atlanttschen Kabel nach seinem Bestimmungsplatzc New- f)or?. Die Gcsammtentsennmg, welche die Depesche in 35 Minute» durchlaufen hat, beträgt, wie bereits eingangs erwähnt, 14 000 Meilen, oder mehr wie zwei Drittel des Erdumfanges.— — Ein Gesetz wider das Tabakranchen. Der„Franks. Ztg.' wird aus Christiania geschrieben: Schon seit einiger Zeit fühlt man sich hier durch das lleberhandnchmcn des Tabakrauchcns von Seiten ganz junger Leute und Kinder stark beunruhigt, und die angesehensten Pädagogen und Aerzte stimmen darin überein, daß das Tabakranchen nicht erwachsenen Personen sowohl psychisch wie physisch schädlich sei. Das sogenante„Sozialkomitee" des Storthings hat sich nun veranlaßt gesehen, einen sehr rigorosen Gesetzesvorschlag ans- zuarbeiten, dessen Annahme durch das Plenum mit Sicherheit erwartet werden kann. Laut dem Vorschlag wird es in Städten unbedingt verboten werden, an Personen unter 16 Jahren Tabak zu verkaufen! auf dem Lande wird ein solcher Verkauf nur in dem Falle gestattet werden, daß die betreffende minderjährige Person einen auf ein bestimmtes Quantum lautenden Requisitionszettel repräsentirt, der von einem dem Verkäufer persönlich bekannten Er- wachscnen eigenhändig unterschrieben ist Jedoch soll es auf dem Lande der lokalen Obrigkeit freistehen, die für die Städte geltenden Bestimmungen zur Anwendung zu bringen. Weiter soll es in den Städten und auf dem Lande allen Erwachsenen strengstens verboten fein. Minderjährigen gegen oder ohne Zahlung Tabak, gleichgiltig in welcher Forni, zu überlasien. In Tabaksfabriken darf niemand unter 16 Jahren angestellt werden. Die Polizei soll ermächtigt werden, jedem Nichterlvachsenen, der öffentlich raucht, Tabak und Pfeife weg- zunehmen. Jede Uebertretung dieser Gesetzesbestimmungen wird mit einer Geldbuße von 2 bis 100 Kronen beitraft.— Literarisches. — 1.— Marcel P r ö v o st:„Eine Pariser Ehe". Autori- sirte Uebersetzung aus dem Französischen von F. Gräfin zu Revent- low. Paris, Leipzig, München 1898. Albert Langen.— Das vor- liegende Buch ist ein Stück jener echten, französischen Literatur, die bei uns in Deutschland ebenso viele Anhänger wie Gegner sich zu machcu verstanden hat. Hier handelt es sich um eine junge, hübsche Pariserin, welche in Tagebuchsonn ein Stück ihres Ehelebens mit- theilt. Durch irgend einen Zufall hat sie erfahren, daß ihr Gatte sie hintergeht. Sie beschließt nun, sich an ihm zu rächen, und zwar so, daß sie gletches mit gleichem vergelten will. Ein Liebhaber ist auch bald gefunden, allein im entscheidenden Augenblick verlätzt sie die Kourage, verwirrte Moralbegriffe drängen sich herauf— und die eheliche Treue bleibt Siegerin. Die winzige Handlung ist so gewaltsam, wie nur irgend möglich, auseinandergezcrrt und mit verschiedenen Nuditätcn und Frivolitäten gespickt. Für manchen Geschmack mag ja eine derartige Lektüre recht anziehend und unterhaltend sein. Hoffentlick! wird es auch einige geben, denen dieses seichte, Witz- und geistlose Geplauder weniger empfehlenswerth erscheint.— Theater. Im Goethc-Theater trat am Montag Fräulein Adele S a n d r o ck vom Wiener Burgtheater zum ersten Male als Gast auf. In Wien, wo mit der Schauspielerei ein lächerlicher Kultus getrieben wird, gilt Frl. Sandrock als erstklassige Schauspielerin. Wenigstens für eine bestimmte Klique. Im Goethe-Theater eröffnete sie ihr Gastspiel in der Komödie„F r a n c i l I o n", einem der schwächsten Werke des jüngeren Dumas. Denn es giebt Komödien- spiel statt des Lebens. Vielleicht war das Antrittsstück schlecht ge- wählt, jedenfalls hatte jener Theil des Publikums, der sich nicht von der Reklame blenden läßt, nicht die Ueberzcuguug gewonnen, man habe es mit einer schauspielerisch großen Natur zu thun; zu Anfang enttäuschte sie völlig. Dann erkannte man allmälig ihre Spezialität; sie weiß geistreich zu plaudern, und den Ton erkünstelter_ Naivetät trifft sie meisterlich(wie sie auch naive Verderbtheit trefflich dar- stellen soll). Im Verlauf gab sie sich heroischer, als solch armseliges Fränzchen könnte, das doch nicht den Muth hat, seinen Gatten zu betrügen. Dies Tragisch-Heroische war so geflissentlich betont, daß es wieder den Eindruck des Erzwungenen machte, und am Ende kalt ließ.— Will uns Frl. Sandrock nächstens am Ende eine kalte Maria Stuart vorführen? Das ist ihre zweite Gastspielrolle.—— ff. -r. Luisen-Theater. Bei den Possen vom neuen Schnitt, in denen der Trikot den Humor ersetzen mutz, komntt ein Direktor nur schwer auf die Kosten und daher ist es begreiflich, daß man auch im Luisen-Theater fortfährt, den Vorrath der sechziger und siebziger Jahre auszuplündern. Am Montag ist„Der Mann im Monde", jene alte Schnurre von Eduard Jakobson gegeben worden. Sie ist wahrlich nicht sehr gehaltvoll, und das bischen aktuelle Kauplet- schminke, das ihr oberflächlich aufgetragen ist, verdeckt nur nothdürftig die Runzeln ehrwürdigen Alters. Aber vergleicht mau sie mit neueren Albernheiten, so liegt immerhin etwas mcnschlich-aiiheiinelndes in dieser Gesanqspossc. Der Kanzleirath, den die schwierige Lebensaufgabe, seine fünf Töchter an den Mann zu bringen, zu verzweiflungsvollcn Sprüngen treibt, die Familienmuttcr, bei der das Hausstandsgcld trotz aller Sparsamkeit nur bis zum fünfzehnten reicht, und der Weib- liehe Springinsfeld, der sich dem afrikanischen Abenteurer, dein fremden Mann im Monde verschreibt, um das Elternhaus zu entlasten, das sind Gestalten, die auch in der Karrikatnr noch ein bischen natürlich sind und deshalb sympathisch berühren. Die Hauptrolle des Stückes, der Backfisch Vera, wurde von der Soubrette Emma Frühling mit liebenswürdiger Schelmerei gegeben. Auch sonst spielte man flott und frisch.— ce. Eine„Johannes"-Jnterpellation. In einer Sitzung des Center Stadttaths verlangte dieser Tage Prof. Reichel Aufschluß über die Motive, welche die vom Gcmcinderath gewählte Thcatcrkommission veranlaßtcn, sich der Aufführung von Sudcrmaiin'S „Johannes" zu widersetzen. Finanzdirektor Müller beantwortete die Interpellation in folgender eigenartiger Weise: Da das Stück in bczug aus die Zahl der Personen außerordentliche Anforderungen an das Theater rick'te, habe die Theaterkommission den Theaterdirektor Kruse gefragt, Ivelchc Kräfte für die Aufführung in Aussicht genommen seien. Als icinc befticdigende Antwort erfolgte, sei die Aufführung untersagt worden.— Änust.' — Für die National-Gallerie wurde eine Arbeit des in Charlottenburg lebenden Bildhauers Fritz K l i m s ch, eine jugendliche, mit antikem Gewände drapirte Tänzerin in Bronzegutz, vom Staate angekauft. Gleichzeitig wurde bestimmt, daß sie im Jahre 1900 in Paris zur Ausstellung gelangt.— — Der Streit in der Berliner Künstlerschaft will noch nicht zur Ruhe kommen. Zwar scheint es, als ob die Protestier sich wieder einmal rückwärts konzentriren wollten. Eine Protestversammlung im Verein Berliner Künstler, die gegen die Jury veranstaltet iverden sollte, ist in Frage gestellt. Die zur Ein- berusung einer Hauptversammlung nöthigcn Unterschriften waren vorhanden, doch find dem Künstler, der die Sache in die Hand genommen hatte,„Bedenken" gekommen. Andere beharren ans ihrer Forderung.— Inzwischen werden immer neue merkwürdige Fälle von Entscheidungen der Jury bekannt. Ein hervorragender Künstler war in Gefahr, eine Ablehnung zn erfahren, als noch recht- zeitig bemerkt wurde, daß dieser Maler im Besitze der großen goldenen Medaille und infolge dessen juryfrei ist. Bezeichnend ist folgende Gc- schichte, die eine Korrespondenz als beglaubigt erzählt: Von den strengen Juroren dieses Jahres war Herr Konrad Dielitz der strengste. Er wollte alles zurückweisen, namentlich Porträts konnten ihm nicht genügen. Als er wieder einmal gegen ein Bildniß sprach, inachte ihm Herr v. Werner ruhig den freundschaftliche» Vorschlag:„Vielleicht lassen Sie einmal Ihre Bilder hereinholen: wir wollen doch einmal sehen, ob sie so gut sind wie die, die Sie zurückweisen wollen!" Herr Dielitz konnte einer plötzlichen Erkrankung wegen de» folgenden Jurysitztingen nicht beiwohnen.— Kulturhistorisches. dg. Getreidehandel in alter Zeit. Die theurcn Koniprcisc, die augenblicklich im öffentlichen Leben eine so große Rolle spielen, lenken unwillkürlich den Blick zurück: auf die Handhabung des Getreidehandels in ftüheren Zeiten. Ausländischer Im- Port kam damals nicht in Frage, die Städte und Dörfer handelten dagegen untereinander. Einfuhr von Getreide wurde in allen Städten gern gesehen. Während sonst alle Marktwaaren hohen Zöllen mtterworfen waren, ließ man das Getteide frei passircn. Die Hansastädte drohten 1487 sogar denen, die ihr Ge- treibe in andere Häfen verkaufen würden, mit Konfiskation. Als gewöhnlicher Umsatzplatz galt der Wochenmarkt. Die Maatze, nach denen verkauft ivurde, mußten schon im 13. und 14. Jahr- hundert geaicht sein. Jede Stadt hatte ihre öffentlichen„Frucht- messer", die das Koni mit dem städtischen Maatz nachmaßen. Von jedem Scheffel erhielten sie einen„Halblinch",(das ist eilt halber Pfennig) Maatzgeld. Als Kornmäkler auf- zutreten war ihnen indeß verboten. Nach dem allgemeinen Markttecht durfte das Korn nur auf dem Markte verhandelt werden, den Bauent entgegenzugehen und ihnen die Frucht vor dem Thorr abzunehmen, war streng und bei hoher Strafe untersagt. Wer es doch that, verlor seine Waare. Ebenso durften die Wirthe auf ihren Höfen keinen Getreidehandel dulden. In Süddeutschland hatte man eigene Kornhänser, in denen der Verkauf geregelt wurde. Gewöhnlich fand der Kornmarkt am Mittlvoch und Sonnabend statt. Er ivurde durch Glockenlätiten oder das Aufziehen der Marktfahne eröffnet und ebenso geschlossen. Vorher oder nachher zu kaufen, war bei strenger Strafe verboten. Sonder- barcrweffe hatten in fast allen älteren Städten die Bürger das Vor- kaufsrccht. Erst wenn sie ihren Bedarf gedeckt hatten, durste der Bäcker, der Müller und der Brauer an den Einkauf denken. Hatten auch diese ihr Theil in Sicherheit, kamen die Fremden an die Reihe. In jenen Tagen buk fast jeder Bürger allein im Hause. Iii Nürnberg war dem Bürger während des gaitzett 14. Jahr- hunderts verboten, mehr Kornvorrath zu kaufen, als er für seinen Haushalt gebrauchte. In Frcyberg mußten die Bäcker um 1307 jedem Bürger, der sie tmt Korn anging, dasselbe zum Einkaufspreise lassen. In Eßlingen durfte der Bäcker nie mehr als für einen Monat Vorrath katisen, Fruchtmäkler kannte der Getteidentarkt früherer Zeiten nicht. Die Marktordnungen ahndeten sogar die Eimnischungen von Unterhändlern mit schweren Strafen. Der Gctreidehandel ou gros galt allgemein als Wucher und wurde als solcher bestraft. In Zeiten der Thelterung durfte» Fremde auf den Wocheimtärkten überhaupt nicht kaufen.— Medizinisches. ie. Ein altegyptisches Heilmittel in der Gegen« lv a r t. Dr. Oefcle in Neuenahr, der sich durch viele Untersuchungen über die Geschichte der Heilkunde ausgezeichnet hat, macht neuerdings in der„Allgemeinen Medizinischen Zentral- Zeitung" darauf auf- merksam, daß die alten Egypter für eine und dieselbe Krankheit, die Gallensteinkolik, bereits dasselbe Mittel anwandten wie die moderne Medizin, nämlich Olivenöl. Freilich konnten die Egypter der Vorzeit die Krankheit nicht von anderen, von akuten Unterleibs- schmerzen begleiteten unterscheiden, wandten das Mittel daher bei solchen allgemein an und Probirten die Art der An- Wendung nach dem Erfolge aus. Das jahrtausendaltc Rezept lautete nach einem Papyrus:„Zu vertteiben jeden Schmerz im Unterleibe: geröstete Feigen mit frischem Baumöl ausziehen, Coriänder mit frischem Baumöl ausziehen, und Akazienbliithen mit frischem Baumöl ausziehen, es wird gemischt, es wird eingenommen vom Kranken mit Schmerzen im Unterleib. Lasse ihn nächtrinken." An anderer Stelle wird notf hinzugesetzt:„Von jedem(jener Auszüge) Vs Liter und mir Liter Wein zusammengemischt und getrunken vöni Kranken mit Schmerzen im Unterleib." Die alten Egypter müssen danach einen recht tüchtigen Zug gehabt haben, wen» sie 1 bis 2 Liter auf einmal heruntertrinken konnten, sie hätten damit sogar im heutigen München vielleicht Anerkennung gestmden. Außerdem wäre das Trinken größerer Mengen von Ocl überhaupt heute nicht nach jedermanns Geschmack, wenn es auch durch geröstete Feigen, Akazienbliithcn und Coriander schmackhafter gemacht werden sollte. Die„Mischung" mit Wein war dabei zu- nächst ziemlich belanglos, da das Oel natürlich obenauf blieb und der Wein erst zum Hinunterspülen herankam, nachdem der Patient seinen Liter Oel geschluckt hatte. Wenn auch die heutigen Aerzte noch das Oel als Mittel gebrauchen, so nmthen sie doch glücklicher- weise den Kranken nicht mehr solche erschreckliche Leistungen zu.— Astronomisches. — Ein räthselhafter Stern. Ueber einen merk- würdigen veränderlichen Stern berichten die Professoren Müller und Kenipf vom Astrophysikalischen Observatorium in Potsdam in den „Astronomischen Nachrichten". Die beiden Herren sind dort damit beschäftigt, die Helligkeit der Firsierne mit einem sehr seinen Apparat für die Messung von Lichtstärken genau zu bestimmen bis auf Hundertthcile der Größenklasse. Während das unbewaffnete Auge bekanntlich nur die Stenie bis zur sechsten Größe wahrnehmen kann und höchstens für Helligkeitsnnterschiede vom Betrage einer halben Größenklasse empstndlich ist, benutzt man in Potsdam die Schwächung des Lichtes beim Durchgang durch Rnollsche Prismen und durch verschiebbare keilförmige dunkle Gläser, um weit größere Feinheiten in den Lichtintcnsitätcn festzustellen, und beobachtet außerdem vornehinlich Sterne, die blos das Fernrohr zeigt. Rur den besonders sorgfältigen Potsdamer Messungen lvar die Entdeckung, über die wir hier berichten, möglich. Ein Stern in 3 Uhr 43 Minuten 8 Sekunden gerader Auffteigung und 30 Grad 46 Minuten nörd- licher Abweichung, an der Grenze der Sternbilder Stier und Perseus, zeigte sich während der vier Jahre 1388— 1801 stets von der Helligkeit 6.32. hierauf wurde er in den Jahren 1832 bis 1834 nicht beobachtet, die seitdem wieder begonnenen Hellig- kcitsabmessungen aber zeigen eine fortschreitende Lichtabnahme bei diesem Stern. Seine Helligkeit war 1834---- 6.44, 1835— 6.60, 1806= 6.63, 1837---- 6.82 und 1838= 6.32. Das ist eine durchschnittliche Abnahme von 0,12 oder etwa'/s einer Größenklasse pro Jahr. Das Räthselhafteste ist, daß der Stern in den Jahren 1883—1831 von unveränderter Helligkeit war, was durch photographische Bestimmungen seiner Helligkeit, die zufällig in den Jahren 1886 und 1887 in Cambridge bei Boston gemacht wurden, bestätigt wird, so daß der Stern mindestens sechs Jahre gleich- mäßig helles Licht aussendete. Die Astronomen stehen hier vor einer völlig neuen Erscheinung. Der Stent ist schon über 100 Jahre be- kannt, doch sind die Helligkeitsschätzungen der ftiiheren Jahre nicht genau genug, um mehr auszusagen, als daß der Stern immer 6. bis 7. Größe gewesen ist. Ist es ein veränderlicher Stern, so würde er sich höchstens den Sternen vom Mira-Typus anschließen lassen, die zienilich unregelmäßig ihr Licht in langen Zeiträumen ändern; freilich sind die zwölf Jahre, in denen die Helligkeit des Sternes sich erst konstant, dann veränderlich zeigte, dann erst ein Theil der Zeit, in der sich der ganze Lichtwechsel vollzieht, und die Periode ist jedenfalls ganz ungewöhnlich viel länger, als jede bisher bekannte. Doch spricht gegen diese Annahme, daß die veränderlichen Sterne vom Mira-Typus alle röthlich sind, während unser Stern gelblich ist. Oder sollten wir es hier mit einem Stern zu thun haben, dessen Licht dauernd abnimmt, der also dann einst gänzlich für unsere Wahrnehmung verschwinden würde? Auch dafür ist kein ähnlicher Fall bisher bekannt. Wir stehen somit noch vor einem Räthscl, an dessen Lösung in Potsdam durch fortgesetzte Beobachtung des Stenns gearbeitet wird und das unser Wissen über die Vorgänge im Welt- alle wieder um einen interessanten Fall bereichern wird.— Meteorologisches. k. Mit dem herannahenden Sommer naht wieder die Zeit der Gewitter; es dürfte daher nicht uninteressant sein, auf eine eigen- thümliche Naturerscheinung aufmerksam zu inachen, die Kugel- blitze. Die Kugelblitze unterscheiden sich von Zickzack- und Flächen- blitzen in Dauer, Geschwindigkeit und Form. Die Kugelblitze sind im Gegensätze zu anderen Blitzen zuweilen minutenlang sichtbar, sie bewegen sich ferner ziemlich langsam von den Wolken zur Erde, so daß' das Auge deutlich ihren Lauf verfolgen und ihre Geschwindigkeit zu schätze» vermag. Die Gestalt ist kugel- oder eiförmig. Fast stets find mit der Erscheinung der Kugelblitze starke elektrische Entladungen der Atmosphäre verbünden. Die spezielle Er- klärung der Erscheinung steht noch aus.— Technisches. — Das„Zentralblatt der Bauverwaltnng" schreibt: Die Penn- shlvanische Eisenbahn-Gesellschaft hat soeben bei der Lcboen Pressed Steal Co. in Pittsburg 1000 stählerne G ü t e r Iv a g e n für den Betrag von rund 4 Millionen Mark bestellt, die als die größten bezeichnet Iverden, die überhaupt je in Auftrag gegeben worden sind. Sie haben 10 Fuß englisch(3,05 Meters Höhe über Schienenoberkante und eine Tragfähigkeit von rund 50 Tonnen: denn eS wird gesagt, daß sie Erze im Gewichte von 110000 englischen Pfund(43,8 T.) und Kohle bis zu 104 000 Pfund(47,1 T.) führen köimen. Bisher waren die größten Wagen Holzlvagen von 80000 Pfund(36,2 T.) Tragfähigkeit. Der großen Tragfähigkeit entsprechend, werden die neuen Wagen ungewöhnlich stark gebaut. Ihr Eisengewicht beträgt 33 000 Pfund(17,2 T.). Die Achszapfen haben Abmessungen von 140 zu 254 Millimeter. Die Ablieferung der Wagen, mit deren Bau im Juli d. I. begonnen wird, soll am 1. Oktober beendet fein; fie werden alsdann auf den Pennshlvanischen Linien zwischen Pittsburg und dem Eric-See verkehren.— Humoristisches. — Deutlich. In einer Gesellschaft werden wieder einmal einige Schlviegermutter-Witze erzählt. Erbost darüber, wendet sich eine der Damen. glückliche Besitzerin von drei unverheirathcten Töchtern, zu einem still dasitzenden, schüchternen, jungen Mann, der sich an der„Hetze" nicht betheiligt hatte, mit den Worten: „Sie sind wohl auch ein Feind der Schwiegermütter?" „O nein", erwiderte dieser sanft,.so weit lasse ich's gar nicht kommen."— — Boshaft. Sonntagsjäger(renommirend):„Kaum war ich eine Viertelstunde auf der Jagd, so lag schon ein rodter Hase zu meinen Füßen!"— Dame:„Ja, giebsts denn unter den Hasen auch Selbstmörder?"—(„Flieg. Bl."j — Wahres Sprichwort. A.:„Ich habe drei Aerzte zu Rathe gezogen, und doch ist meine Frau so schnell gestorben!"— B.:„Ja, ja, viele fleißige Hände machen der Arbeit bald ein Ende."— vermischtes vom Tage. — In der„Deutschen Tageszeitung" vom 11. d. M. ist zu lesen: „Der Kommandeur der Diviston Neapel, General Malachia, ist zum außerordentlichen königlichen Kommissar mit Vollmachten zur Wieder- Herstellung der Ordnung ernannt machten zur Wiederherstellung der Ordnung ernannt werden zur Wiederherstellung der Ordnung ernannt worden."— — Ueber die Ausrottung des W a l d m c i st e r s in märkischen Wäldern wird vielfach Klage geführt. Die Sammler des aroma- tischen Krauts begnügen sich nicht mit dem Pflücken der Blätter, fondern reißen meist auch die Wurzeln mit heraus. An vielen Stellen ist daher der Waldmeister bereits fast gänzlich ver- schwnnden.— — Der Anstaltsarzt einer größeren Pflegeftation im Kreise M i l i t s ch verlangte von einer Breslauer Fencr-Verficherungsgesell- schaft Schadenersatz für einen Gänsebraten, der durch Neberheizen des Ofens verdorben war. Die Gesellschaft forderte koulant die Schadenliqmdation; nur müsse der Arzt auch den„Brand", lvenn es noch nicht geschehen sein sollte, der Ortspolizeibehörde be- stimm, ingsgemäß zur Anzeige bringen.— — Auf dem Frischen Haff kenterte bei E I b i n g im Wirbelwind ein Schifferboot. Vier Personen ertranken.— — In R y b ni k tödtcte eine Fabrikarbeiterin, deren Mann von ihr getrennt lebt, ihr uneheliches Kind durch Messerstiche und ver- grub die Leiche, in einem Korbe verpackt, auf einem Turnplätze.— — Schwere Gewitter und wolkenbruchartige Regen richteten in der Umgegend von Wiesbaden schweren Schaden an. Einige Dörfer wurden überschwemmt. Taubcneigroße Hagelkörner vernichteten vielfach Spaten und die Banmblüthe. In Dotzheim wurde ein Knabe weggeschwemmt; er ertrank.— — In Karlsruhe erstach ein Italiener einen Diciistkiiccht nach kurzem Worttvechsel auf der Straße.— Bei einen, Wirthshaus- streit wurde in der gleichen Rächt ein Kanonier durch einen Stich in den Unterleib tödtlich verletzt.— —"Beim Blnmenpflücken stürzte ein Student aus Böhmen vom Hottinger Gebirge und wurde schwer verletzt aufgefunden.— — Ein internationaler Vogelschutz-Kongreß findet im August d. I. in Ber n statt.— — Bei einer Villa in Chiavenna(Schweiz) wurde eine ver- scharrte Leiche mit gebundenen Händen gefunden. Man vermuthet, daß es die Leiche des vor l1/* Jahren in der dortigen Gegend ver- schwundeneu Dr. Süßmilch aus Dresden ist.— — Die oberitalicnische Stadt E o m o rüstet sich, als Geburts- stadt des Physikers V o l t a. zu der hundertjährigen Gedenkfeier der Entdeckung des galvanischen Elements. Bereits 1734 hatte Volta das nach' ihm benannte Element schon zusammengestellt, aber erst 1733 ivnrden seine Experimente von ausschlaggebender Bedeutung für die Wissenschaft.— — Den ersten Preis für Verdienste um die Thierwelt erhielt von der ftanzösischcn Thierschutzgesellschaft diesmal Henri Roche- fort. Er hatte durch einige scharfe Artikel viel zur ll n t e r- drückung der Stier gefcchte in Frankreich beigetragen.— — Auf dem Pariser Hauptbahnhof der Linie Paris- Lyon lvurde ein Postsack mit einer halben Million in Werthpapieren und 12 000 Franks in Gold g e st o h l e n.— — Die Strenge der amerikanischen Zollbehörde mußte der be- rühnite französische Porträtist B o l d i n i ersahren. Er sandte ein Porträt Verdes zu einer Ausstellung nach New-Iork und gab den Werth desselben auf 400 Dollars an. In der Ausstellung erftihr man. daß es 5000 Dollars koste. Boldini mußte den Unterschied der Zollsumme und eine Buße dazu zahlen.—_ Verantwortlicher Redakteur: Anglist Iarobey in Berlin Druck und Verlag vo» Max Bading in Berlin.