Mnterhaltungsbkatt des vorwärts Nr. 98. Donnerstag, den 19. Mai. 1898 24] (Nachdruck verboten.) Der SchMsjunge. Eine Seegeschichtc von Peter Egge. (Schluß.) „Nein, das glaub' ich nicht. Er hat Wohl eine Menge mit seiner Frau zu schaffen. Die sollte heute Nachmittag nach Dieppe reisen." „So.. o? Ja, die versteht sich zu amüsiren! Venn erhob sich langsam und ging hinaus. Die eine Hand hatte er unwillkürlich gegen die Brust gepreßt. Nein, es konnte nicht sein, daß sie abgereist war, um ihn zu ver< lassen... Es konnte nicht alles vorbei sein... Sie verband eine gute Absicht damit, daß sie für einige Tage fortreiste. vielleicht hatte sie einen Plan... Ja, er wollte aus alles eingehen, was sie auch vorschlug, es mochte sein, was es wollte, wenn sie nur nicht für immer von einander getrennt seil» sollten, wenn es nur nicht ganz vorbei war... Er wollte gern Seemann bleiben. Er setzte sich auf die Spiere und athmete auf. Sie kam wohl wieder... vielleicht in einigen Tagen... vielleicht schon morgen. Sie hatte nicht mit ihm gesprochen, bevor sie abreiste, weil sie keine Gelegenheit dazu gefunden hatte. Vielleicht bekam er einen Brief von ihr... vielleicht schon heute Abend. Vergebens suchte er sich zu beruhigen. Die Angst lag schwer und drückend auf seiner Brust. Er verrichtete seine Arbeit rein mechanisch, und seine Augen schienen an allem vorbeizusehen, was er vornahm, und an allen, mit denen er sprach. Er arbeitete den ganzen Nach- mittag auf Deck, aber der Lärni vom Hafen tönte zu ihm herüber, wie ein Getöse aus einer fernen Welt. Die Leute saßen und aßen Abendrot, als der zweite Steuermann kam und die Briefe vertheilte. Venn erhielt sechs und bemerkte sogleich einen mit französischer Briefmarke darauf. Er steckte die übrigen fünf schnell ein, lief aufs Deck hinaus zur Kanibüse hin und guckte durch's Fenster hinein. Niemand war darin. Der Steward mußte achterwärts gegangen sein zum Essen. Da schlich er sich schnell hinein, riß den Brief auf und las ihn unter dem Licht der Hängelampe. Seine Hände zitterten, der Athem saß ihm wie ein Knoten im Halse, und fein Herz pochte stark und schnell. Noch bevor er die ersten Zeilen zu Ende gelesen hatte, mußte er sich niedersetzen, um weiterlesen zu können. „Lieber Benn i Wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich nicht mehr in Havre. Ich glaube, lieber Benn, es bleibt uns nichts weiter übrig, als von einander zu scheiden. Du bist der einzige Mensch, den ich heiß und innig geliebt habe, und darum kannst Du wohl begreifen, wie schwer ein solcher Beschluß mir geworden ist. Aber ich kann nichts anderes thun. Auf der ganzen Rückreise habe ich darüber nachgegrübelt, wie unsere Zukunft sich gestalten soll. Unser Leben ist jetzt ver- Zweiflungsvoll, aber einen der Pläne durchzuführen, die Du wohl sicher im Stillen ausgedacht hast, würde noch verzweiflungsvoller sein. Wie unglücklich sind wir nicht auf der Rückreise gewesen, und eine abermalige Reise würde wohl gerade ebenso ausfallen... Ach Gott, Benn, Du findest vielleicht, das klingt kaü und hart. Aber wir sind gezwungen, gMzu sehen. Deine Zukunft würde zer- der Wahrheit ins Aug stört werden, wenn Du länger Seemann bliebest. Da blüht kein Glück für Dich. Ich bin die Aeltere von uns beiden und habe die meiste Erfahrung und Verantwortung. Darum habe ich für uns beide die Wahl zu treffen. Du findest vielleicht, es ist feig und hartherzig von nur, unser Verhältniß zu brechen, ohne nur vorher niit Dir gesprochen zu haben; aber ich will uns beiden nur das Peinliche und Aufregende eines Zusammen- treffens ersparen, das nur stattfindet, um Abschied zu nehmen. „Reise nach Hause, Benn, und vergiß mich! Jetzt hassest Du mich vielleicht: aber dereinst wirst Du anerkennen, daß ich recht gehandelt habe, unser Verhältmß zu brechen. Du wirst es anerkennen, wenn nicht früher, so doch dann, wenn Du ein erfahrener Mann und mit einer braven Frau glücklich geworden bist. „Lieber Benn, nichts würde mich mehr in dem langen Leben, dem ich entgegengehe, freuen, als zu erfahren, daß aus Dir etwas Tüchtiges geworden bist... daß Du in der Welt vorwärts gekommen bist. Ich weiß nicht, ob es mir geglückt ist, alles zu sagen, was mir am Herzen liegt. Ich bin so elend und verwirrt, daß es mir nicht möglich ist, zu schreiben, was ich am liebsten sagen möchte. Gebe Gott, Du möchtest glücklicher werden, als ich. Lebe wohl l mein inniggeliebter Benn I M." Er blieb sitzen und starrte den Brief eine Weile an, ohne weinen zu können. Dann kam ein schwaches Stöhnen hervor, und er zerdrückte den Brief zwischen den Fingern. Die Thür öffnete sich, und der Steward kam in Morgen« schuhen über die hohe Schwelle mit einem Tablett und einigen Tassen in den Händen. „Bist Du es, Benn?" Er richtete seine blinzelnden Augen auf den Jungen, der auf der Bank in der Ecke zu- sammengekauert hockte.„Was Teufel, fehlt Dir denn, Freundchen? He?" Benn schluchzte. „Steht etwas Unangenehmes in dem Brief?" Als Benn den Brief erwähnen hörte, fuhr er auf und zerriß ihn in lauter kleine Stücke und Fetzen. „Jesses, mäßige Dich, mein Junge! Mäßige Dich! Ist Deine Mutter vielleicht krank geworden?" Keine Autwort. „Ist Deine Mutter vielleicht krank geworden?" „Ja," erwiderte Benn.„Ach Gott, wäre ich nur West fort!" Er schluchzte und rang die Hände. „Na, na, nimm es nur mit Ruhe auf! So lange sie noch am Leben ist, ist auch Hoffnung vorhanden, weißt Du." Und gleich darauf:„Du willst nach Haufe, nicht wahr?" „Ja, ja, jetzt gleich!" „Nur immer Ruhe, mein Junge. Wir haben einen guten Schiffer; er wird �Dich schon abmustern. Ja, das thut er sicher." Und der Steward seufzte tief und schlarrte zur Thür hinaus, die er hinter sich zumachte. O, wie schändlich sie sich gegen ihn benommen hatte!.. Wie hartherzig und gemein sie war! Sie hatte ihn niemals geliebt.... Sie hatte nur gelogen und geheuchelt und sich nur mit ihm amüsirt— und nun schleuderte sie ihn fort, weil er ihr im Wege war. Er ballte die Hände und fing an, in dem kleinen Raum schnell umherzulaufen, als wenn er sie verfolgen wollte. Er stampfte auf den Boden, als hätte er ihr damit wehthun können. Sie selbst und all die Stunden, die er mit ihr ver- bracht hatte, erschienen ihm in seiner Erbitterung im häßlichsten Lichte. Aber als die schlimmste Wuth vorbei war, setzte er sich wiedek, und sein Weinen wurde so weh und schmerzlich, als hätte er das Beste verloren, was er auf der Welt besaß.... Der Steward kam wieder herein. „Na, ja, Venn, nun Hab' ich mit dem Schiffer gesprochen und ihm erzählt, wie es niit Dir steht. Du kannst morgen Vormittag abgemustert werden. Ja, wir haben einen guten Schiffer. Er spricht nicht viel. Das kann man nicht anders sagen. Aber er ist gut. Geh nun in Deine Koje. Du sollst sehen, Deine Mutter ist ganz gesund, wenn Du nach Hanse kommst."--- Um fünf Uhr am Tage darauf wurde seine komische Schiffskiste über die Recling geholt und ins Boot hinab- gelassen. Alle Kameraden halfen dabei. Mancher saftige Witz wurde gemacht. Aber keiner war verletzend für Benn. Es zeigte sich, daß alle an Bord seine Freunde geworden waren. Oivind hatte ihm seine Mundharmonika geschenkt. Benn sollte sie annehmen, sonst wäre er ihm böse. Und von Jens Christian hatte er eine feine Thaumatte bekommen. Alle standen auf der Spier und blickten über die Reeling dem Boote nach, als OivindlBenn und seinen Koffer zu „König Ring" hinüberruderte. „Das war wirklich der flotteste Schiffsjunge, mit dem ich noch zusammen gefahren bin," meinte Jokum und lachte. „Es war nicht recht aus ihm klug zu werden; aber ein netter Kerl war er doch," sagte Jens Christian. An demselben Abend war Benn auf dem Wege nach Christiania, nur von dort mit der Eisenbahn nach Hause zu fahren.— Vnsco de Gklms. Am 25. März, nach anderen am 8. oder 9. Juli des Jahres 1497 lief aus dem Hafen von Lissabon eine von dem erfahrenen Bartolomeo Diaz ausgerüstete Flottille aus, bestehend aus den drei Schiffen„Sankt Rafael" Kapitän: Vasco de Gama),„Sankt Gabriel" Kapitän: Paolo de Gama, der Brudpr Vasco's) und„Sankt Michael") Kapitän Nicolao Coelho). Der Raumgchalt der Schiffe betrug je 100 bis 120 Tons. Am 20. Mai 1498 lief das Geschwader im Hafen von Kalikut ein— der Seeweg nach Ostindien war festgelegt und entdeckt, wir dürfen dieses Jahr die vierhundertjährige Erinnerungsfeier an dieses Ereignis begehen. Gemeinlich hören wir auf den Bänken der Klippschulen die großen Entdecker und— Eroberer preisen als Leute, denen die idealsten Motive Math und Ausdauer einflößten, den größten Ge- fahren kühn zu trotzen. Unbezähmbarer Wissensdrang, glühende Be- geisterung, den fremden,„wilden" Völkern europaische Kultur, und die Segnungen des alleinseligmachenden Christenthums zu bringen, sollen ihre Seelen erfüllt und sie zu den kühnsten Thaten entflammt haben. Weit weniger noch aber wie bei den noch stärker religiös gefärbten Kreuzzügen des frühen Mittelalters ist dieser Firniß echt bei den Handels- und kriegspolitischen Welt- fahrern des Zeitalters der großen Entdeckungen. Reichthum, Ruhm und Macht zu erlangen dadurch, daß man die bisherigen Träger des Handels mit Ostindien ablöste und sich die Vortherle desselben sicherte, hat auch den portugiesischen Fürsten Heinrich dem Seefahrer. Johann II. und seinem entdeckungslustigen Nachfolger Manoel, dem Auftraggeber des Vasco de Gama, und Johann III. mindestens in gleichem Grade als Ziel ihrer Unter- nehmungen vorgeschwebt, wie die Ausbreitung des Christenthums und ähnliche ideale Absichten. Schon das klassische Alterthum malte sich Indien als ein Land der Wunder und vor allen Dingen als eine Schatzkammer voll unermeßlicher Reichthümer aus. Was ganz unglaublich schien, Eigenschaften, die man nur einem Schlaraffenlande, einer phan- tastischen Utopia zutraute: für Indien war das eben angemessen, das seit den Zügen Alexanders des Großen allzeit von einem Schimmer des Märchenhaften umglänzt war. Ganz unbestimmt im Umfange und Grenzen umfaßte der Begriff Indien alles Land von Madagaskar und Sansibar bis China: zu Karls des Großen Zeit theifte der gelehrte AIcuin die ganze Welt in Europa, Afrika und Indien. Das Sinnen, Dichten und Trachten der großen, so hoch ge- feierten Seefahrer und Entdecker, wie der Fürsten, von denen sie entsendet wurden, war ganz besonders auf den Gewinn von Ge- würzen und Gold gerichtet. Selbst im Schiffstagebuch des Kolumbus, das uns Las Casas theilweise erhalten hat, finden sich derartige Ausrufe der Goldsehnsucht unterm 16., 16., 19., 22. und 27. Oktober, ebenso unterm 4., 6., 6., 12. zc. November 1492. So fühlte und dachte Kolumbus, derjenige unter den großen Entdeckern, bei dem noch am meisten ein religios-mhstischer Zug wahrzunehmen ist: auch sein Christenthum war eben äußerst„prattisth", wie sich sehr deutlich in seinem Tagebuchc zeigt. Auch für die lebendige Maare fehlte ihm das Schätzungsvcrnwgen keineswegs. Sklaven zu machen, zu verhandeln und auszubeuten nach Kräften, vertrug sich mit seinem christlichen Glauben ganz vortrefflich. Am 12. Oktober 1492 ward die Insel Guanahani entdeckt; freundlich und harmlos näherten sich die braunen Ein- geborenen den Fremdlingen, welche sie mit Glasperlen, Nadeln und kleinen �Schellen beschenkten. Und schon am 13. Oktober schrieb Kolumbus in sein Tagebuch:„Diese gutmüthigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben." Mit Frachten von Sklaven suchte Kolumbus den Zorn der Königin zu besänftigen. welche un- geduldig Gold und Gewürze aus Amerika erwartete. Der Vergleich der Leistung Vasco de Gamals mit derjenigen des Genuesen Kolumbus drängt sich unabweisbar auf. Nautisch betrachtet, leistete Kolunibus größeres: kühn ließ er das Land hinter sich und durchquerte das Weltmeer, im ersten Anlauf in eines halben Jahres Frist löste er seine Aufgabe, wenn auch nicht wörtlich, da er nach Amerika, nicht nach Indien gelangte. Vasco de Gama ist der Vollender hundertjähriger Arbeiten des portugiesischen Volkes. Der Plan der Portugiesen bestand darin, den Rand von Afrika in altüblicher, durch die miltelalterliche Schifffahrtstechnik bedingter Weise der Küstenfahrt als Fahrbahn zu benutzen und so in den gelobten Osten zu gelangen i eine Seefahrt quer über das Weltmeer war ursprünglich nicht beabsichtigt. Ferner wußte man, daß längs der Kiiste Ostafrika's arabische Siedelungcn waren, zwischen denen und den indischen Häfen lebhafter Handelsverkehr stattfand. Es galt also, um Südafrika herumzufahren, jene Städte zu erreichen und ihnen den Handel nach und von Indien aus den Händen zu winden. Vasco de Gama rechnete mit mehr bekannten Größen und auf Grundlagen, die von langer Hand vorbereitet waren. Er war portu- gicsischer Edelmann, Staatsangehöriger des Entdcckcrlaudes', Kolumbus dagegen Ausländer, Genuese, in spanischen Diensten. Ja, Kolumbus' Erfolg gab geradezu den letzten Anstoß, daß Vasco de Gama von seinem König entsandt wurde, nachdem Kolunibus diesem letztere», in den Hafen von Lissabon verschlagen, Vortrag gehalten hatte über seine„westindischen" Entdeckungen. Nun stand für Portugal zu be- ') Andere Uebcrlieferung giebt dem dritten Schiff den Namen Berrio. fürchten, dem kühnen Genuesen könne eS gelingen, auf einer zweiten Fahrt doch zu den richtigen indischen Gewürz- und Goldlänoern zu gelangen. Jntereffant ist bei dieser Eifersucht zwischen Spanien und Portugal, von welch' beiden Ländern jedes die Herrschaft und den Besitz von allen noch unentdeckten Ländern begehrte, wie beide Länder vom Papste in Rom die Ermächtigung zu solcher Besitz- ergreifung ver- und erlangten. Der Oberherr der christlichen Kirche verfehlte nicht, großmüthigen Herzens zu vergeben, was ihm nicht gehörte und was er nicht hatte. Portugal ließ sich so durch päpstliche Bullen 1443 und 1464 das alleinige Handelsrecht mit Guinea bestätigen. Alexander VI. sprach dagegen 1493 alle in der von Columbus eingeschlagenen Richtung noch zu entdeckenden Inseln und Länder Spanien zu. Daraufhin schloffen Spanien und Portugal 1494 einen Bertrag, nach welchem eine von Pol zu Pol gehende Meridianlinie die „Interessensphären" beider Länder festsetzte: der Osten sollte Portugal, der Westen Spanien gehören.— Das moderne Flaggenhifsen hat sein Vorbild in dem Setzen steinerner Wappenpfeiler mit lateinischer und portugiesischer Inschrift, xs.ckrs.03 genannt, welche die Entdecker an hervorragenden Küsten- puntten aufrichteten, um ihr und ihrer Landesherren Vor- recht auf das umliegende Land zu dokumentiren. Der Erste, der solche steinerne Annexionsurkunden mit sich nahm, war der Portugiese Diogo Cam, der 1484 mit zwei Schiffen in See stach und den Deutschen Martin Bchaim als Kosmo- graphen mit sich führte. Den ersten Wappenpfeiler setzte Diogo Cam am Kongo auf der Südküste unter 6 o 3' südlicher Breite, den zioeiten am Kap Agostinho unter 13 0 27 den dritten am Kap Negro unter 15° 40' südlicher Breite. Dieses Kap hielt auch Behaim für das südlichste des afrikanischen Festlandes. Das wirkliche südlichste Kap zu entdecken gelang erst 1486 dem Bartolomeo Diaz; er nannte es Stnrmkap, fem König, Johann II. von Portugal, taufte es um und nannte es Kap der guten Hoff- nung. Den äußersten Wappenpfcilcr errichtete Diaz auf der Insel Santa Cruz in der Algoabucht östlich vom Cap der guten Hoffnung. Wie schon erwähnt, ging Diaz auch mit der Expedition VaSco de Gama's, ward aber dann bei dessen steigendem Ansehen in den Hintergrund gedrängt. Am 20. November umsegelte Gama das Kap der guten Hoff- nung; nach mehreren stürmischen Wochen, unter großem Mihmuth der Mannschaft und srboro secco(mit trockenem Baume, d. i. mit gerefften Segeln) ward Port Natal erreicht am Weihnachtsabend 1497. Vierzehn Tage später liefen die Schiffe in der Delagoa-Bai ein. Fünfzig Meilen nördlich von Sofala, dem südlichsten Punkt arabischer Siedelungen an der Ostküste Afrikas, lief Ganm im Sambesifluß ein und gönnte seinen ermatteten und zum theil skorbutkrankcn Leuten einen Monat Rast. Nach der Errichtung eines Wappensteins ging die Fahrt nach Mozambik, wo auf einer kleinen Äüsteninscl ein zweiter Wappcnstein errichtet wurde. Von dem dortigen arabischen Scheich erbat sich Gama Lotsen, die ihn nach Indien führen sollten. muhte aber bei dem er- wachten Mißtrauen der Araber, wclckc Konkurrenten in den Fremdlingen fürchteten, zu dem Kulturinittel der Feuerwaffen greifen. Ebenso galt es, an dem nächsten Haltepunkt in Mombas, einem Uebersall beim Wasser-Einnehmen aus dem Wege zu gehen.,. Freundlichere Aufnahme fanden die Portugiesen in Malindi, mit dessen Scheich Gama ein Freundschaftsbündniß schloß. den letzten Wappenpfeiler setzen durfte und einen zuverlässigen Lotsen erhielt. Nahe Kananor erreichte man die Ostküste Jdiens; am 20. Mai lief Vasco de Gama mit seinen Schiffen im Hafen von Kalikut, dem Hauptgewürzmarlt Vorderindiens, ein. Seltsamer Willkommgruß ward ihm im Hafen zu Kalikut ge- boten: zwei Mauren von Tunis, welckic spanisch und italiemsch sprachen, riefen den Portugiesen zu:„Scheert Euch wieder zum Teufel, der Euch hergebracht hat." Von ihrem Standpunkt hatten die Leute nicht so unrecht, denn mit dem Handelsmonopol der Araber war es nun bald vorbei, wie sie ganz richtig voraussahen. Nach Gama's Zeit liefen portugiesische Schiffe Brasilien an, statt gegen Wind und Meeresstürmen längs der afrikanischen Westküste nach Süden zu gehen, und ließen sich nun von günstigen Winden um Afrika herum direkt nach Indien führen, so daß die ostafrikanische Küste mit ihren arabischen Handelsplätzen ganz ausgeschaltet wurde.. Zudem waren die Portugiesen als Christen die geborenen Feinde der maurischen, arabischen, egyptischen und jüdischen Inhaber des indischen Handels. Der kaiserliche Oberhcrr der malabarschen Küste, Samudrin, wie die Portugiesen das Wort aussprachen: Samorin, d. h. Herr der See genannt, war sichtlich ebenfalls nicht erbaut von der Ankunft der Fremden. Gama's Klugheit und Selbstbeherrschung gewann ihn jedoch für Erlaubniß zum Handel. Die bedrohten Händler aber setzten natürlich alle Hebel in Be- weguug, den Samorin gegen die Portugiesen einzunehmen und Konflikte blieben nicht aus, bei deren Erledigung die ultimo ratio, der letzte Uebcrzeuguugsgrnnd der europäischen Ätfltur, die Kanonen das entscheidende Wort sprachen. Gama segelte dann nach Kananor, nördlich von Kalikut, errichtete auf einer kleinen Insel einen Wappenpfciler, und ging dann nach bn Inselgruppe der«lndjediven.«m v. Ottober, nach anderen am 10. Dezember, ward die Rückfahrt nach der oftafrikanischen Küste, nach Malindi, angetreten. Im September 1499 langte Gama wieder in Lissabon an. Diese seine erste Ausfahrt hatten ohne Kapitän, Beamte und Verbrecher*) 148 Leute mitgemacht, von denen nur 55 wieder heimkehrten. Auch seinen Bruder Paolo mußte VaSco de Gama auf der Azoreninsel Terceira sterben sehen. Sein König ernannte ihn zum Admiral von Indien, verlieh ihm und seinen Geschwistern den erblichen Titel Dom und ein Jahrgehalt von 300000 Realen. Im Februar 1502 trat Vasco de Gama seine zweite Fahrt an. Sie ist bezeichnet durch entsetzliche Greuelthaten. Ein großes Pilger- schiff, welches zahlreiche Mohamedaner der malabarischen Küste von Mekka nach ihrer Heimath bringen sollte, griffen die Portugiesen auf, nahmen die werthvolle Ladung weg und Vasco de Gama be- fahl, das Schiff mit allen Insassen, Männern und Weibern, Kindern und Greisen, zu verbrennen. Nach verzweifelter Gegenwehr geschah also, nur 20 Knaben wurden verschont, um einst in Portugal Mönche zu werden. Vom Samudrin von Malabar verlangte nun Vasco de Gama die Austveisung aller Mauren. Als jener sich weigerte und von den Portugiesen Verlassen des Hafens von Kalikut verlangte, nahm der allerchristlichste Portugiese ein beladenes Schiff weg und ließ eine Anzahl friedlicher Schiffer, die sich seiner Flotte genähert hatten, gefangen nehmen. Als derSamudrin nach einem Ulttmatum den Portu- giesen nicht zu Willen war, hing Gama die Gefangenen an den Raacn seiner Schiffe auf, eröffnete mit überlegenem Geschütz die Beschießung der Stadt, ließ den erhängten Gefangenen Köpfe, Hände und Füße abhauen und schickte diese nut einem höhnischen Brief an den Samudrin.— Das„Geschäft" bei dieser zweiten Fahrt war wieder glänzend: 35 000 Zentner Waaren im Werthe von 200 000 Dukaten; Offiziere und Mannschaften der Flottille hatten reichen Gewinn, der Admiral selbst 40 000 Dukaten; den Löwenantheil schluckte der König, der Vasco de Gama durch Dekret vom 20. Februar 1504 ein weiteres Jahresgehalt von 400 000 Realen anwies. Des Admirals Sinnen und Trachten aber war auf höheres ge- richtet: auf die Lehnsherrlichkeit über ein Stück portugiesisches Land. Er erreichte sein Ziel; 1519 ward ihm die Herrschaft über die Stadt Vidigueira und Villa dos Frades zu theil. 1521 starb König Manoel und erst 1524 griff König Johann HI. wieder auf Gama zurück, der als Vizekönig das portugiesische Regiment in Ostindien, das seitdem sich gewaltig ausgedehni hatte, mit starker Hand leiten und befestigen;ollte. Nur ein Vierteljahr waltete Gama seines Amtes; er starb am 24. Dezember 1524. Seine Gebeine wurden 1538 nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, Portugal konnte das nun vierzig mal größere indische Kolonialreich mit seiner siebzigmal so großen Bevölkerung nicht behaupten, es verblutete sich selbst daran. Als der portugiesische Thron am Ende des 16. Jahrhunderts an Spanien fiel, und als 1588 die be- rühmte spanische Armada verloren ging, erbten Holländerund Eng- lände die indische Beute Portugals. Uebcrblickt man in großen Umrissen die Geschichte der großen Kolonialpolitik treibenden Staaten früherer Zeit, so muß man an den Fluch des Nibelungenhortgoldes denken;— im Zeitalter der reichsdeutschen Erdball-Politik neuesten Datums allerdings eine fatale Betrachtung. Aber ein kluger Franzose hat einmal gesagt:„Aus der Geschichte lernen wir, daß die Menschen aus der Geschichte— nichts lernen." _ Manfred Witt ich. Vleines Fonillokott. — Die Jagd nach einem Sitz im Parlament. Der Sitzungs- saal des englischen Unterhauses ist so klein, daß, bei einigem An- drang, ein großer Theil der Abgeordneten genöthigt ist, stehen zu bleiben. Der„Commoner", der durchaus sitzen will, mutz lange vor Beginn der Sitzung erscheinen und sich einen Platz sichern, indem er ihn mit seiner Karte, seinem Hute oder seinen Handschuhen belegt. Als zu Beginn der vorigen Woche im Unterhause der Kaplan das übliche Gebet sprach, kam der Abg. Macdonald ins Parlament und suchte sich einen guten Platz aus, aus welchen er seine Handschuhe legte; dami ging er beruhigt in die Bibliothek. Als er wiederkam, waren die Handschuhe verschwunden und auf dem Platze saß Herr Gibson Bowlcs, der dem Kollegen in aller Biederkeit erklätte, daß er keine Handschuhe gefunden habe. Macdonald stammelte einige Worte der Entschuldigung und zog sich verstimmt zurück. Als er am nächsten Morgen wiederkam, hatte Herr Gedge den bewußten Platz eingenommen und verließ ihn auch nicht, als Herr Gibson Böwles gegen diese Okttlpation nachdrücklichst Protest erhob. Macdonald frohlockte, aber nur„innerlich". Nun begann ein wahres Jagen nach dem vielbegehrten Platze. Macdonald erschien am dritten Tage schon um 11 Uhr vormittags und klebte seine Visitenkarte auf den *) Vasco de Gama hatte mehrere zum Tode verurtheilte Vcr- brecher an Bord, denen in Aussicht gestellt war, Verzeihung zu er- langen, wenn sie sich auf der Fahrt an gefährlichen Stellen-m's Land setzen ließen, um das Vorgehen des Admirals gegen die Eni- geborenen des Landes einzuleiten und vorzubereiten. Rücksitz deS Platzes; dazu setzte er sich nieder und hielt bis zum Schlüsse der Sitzung aus, obwohl ihn Gibson Bowles und Gedge wie zwei raubgierige Hyänen umkreisten. Als er am vierten Tage zur selben Stunde erschien, mußte er zu seinem Kummer bemerken, daß Gibson Bowles früher aufgestanden war als er. Am fünften Tage sah man ihn daher schon um 9 Uhr in den Wandelgängen von Weßminster; er nahm feierlich Besitz von dem Platze und verweilte den ganzen Tag im Saale. Um Mitternacht— die Sitzung verlängerte sich bis stark in den Abend hinein— verließ er ihn für wenige Augenblicke, um ein kleines Souper einzunehmen. Als er wiederkam, war der Fauteuil besetzt: Gedge lag in seiner ganzen Länge und Breite darauf und lächelte ironisch. Am folgenden Morgen gegen 9 Uhr kreuzte Macdonald's Zweispänner auf dem West- minster- Square den Wagen Gibson Bowles'. Durch bedeutende Trinkgelder angespornt, fuhren die beiden Kutscher wie toll darauf los und erreichten nach einem schönen Endkampf zu gleicher Zeit den Vorhof des Palastes. Wie Schnellläufer stürmten die Herren Deputtrten die Treppe hinauf, und als sie im Sitzungs- saale ankamen, grinste ihnen von ihrem gemeinsamen Platze das fteundliche Gesicht des Herrn Gedge entgegen. Am wüthendsten war Macdonald, der am nächsten Tage mit Urlaub abreisen wollte und daher„seinen" Platz noch gehörig auszunutzen gedachte, ehe er ihn der Beutegier seiner Rivalen überließ. Am siebenten Morgen durch- maß er schon um 7 Uhr mit langen Schritten die Wandelgänge des Parlaments. Aber alle seine Illusionen wurden gestört. Gibson Bowles hatte schon am Vorabend des bedeutungsvollen Tages seine Karte festgesteckt und schien thatsächlich eine vollständige Annexion des Platzes im Sinne zu haben. Macdonald erzielte ja zwar einen „moralischen" Sieg: er ließ durch den Sprecher entscheiden, daß Plätze nur für einen Tag, und zwar am Morgen dieses TageS, belegt werden dürfen. Aber seine Abreise hinderte ihn, diesen leider zu spät errungenen Sieg zu seinem Vortheile zu verwenden.— Theater. — r. Schiller-Thea ter.„Die Dummen." Lustspiel in drei Atten von G u i n o n und Denier, deutsch von Otto Brandes. Wie kommt Saul unter die Propheten? kann man fragen. Ein Stück, das ganz und gar nicht in die Schablone des Schiller-Theaters hineinpatzt. Glatter, gefälliger Dialog, witzige Pointen, und wie die guten Eigenschaften einer französischen Komödie sonst noch heißen, alles das könnte noch hingehen. Aber das Lust- spiel enthält mehr, es ist eine ganz grimmige Satire auf das, was man in der guten, geldverdienenden Gesellschaft als Respettabilität, als Ehre bezeichnet: Henri Bouardel ist ein junger Manu, der es sehr genau mit dem Ehrenpunkt nimmt. Er erfährt, daß sein väterliches Erb- theilt auf nicht ganz reinliche Weise erworben ist, und beschließt im Einverständniß mit seiner braven Mutter, den Kindern des Mannes, der durch seinen Vater zu gründe gerichtet worden, auf Heller und Pfennig gerecht zu werden. Diese edle That, die den gerechten Bouardel zum annen Mann macht, ruft in der guten Gesellschaft einen Eindruck hervor, etwa als wenn ein wohlbestallter Hofprediger aus irgend welchen religiösen Skrupeln den Einfall kriegte, sich von Heuschrecken und wildem Honig zu nähren. Henri verliert seine Braut; der gerissene Schwiegervater verkuppelt sie an einen noch gerisseneren Geschäfts- freund. Alle Leiden des Deklassirten lasten auf dem Edlen; ja noch mehr, man bettachtete ihn nach vollbrachter Ehrenrettung als einen Menschen, der gewissermaßen mit einem moralischen Defekt behaftet ist. Aber siehe, die Roth läutert den guten Henri. Als Mutter und Sohn nichts mehr' zu essen haben, gehen sie zerknirscht zum ge- rissenen Schwiegervarer, und dieser ist edelmüthig genug, dem Dummen eine kärglich besoldete Verttauensstcllung hinzuwerfen. Natürlich macht der Gerissene auch mit solcher Nettuugsthat noch ein Geschäft. Henri mutz ein dem Alten zur Last gcfallencs Aschenputtel heirathen, und zieht mit diesem von dannen, hoffentlich uni sich, durch das Unglück geläutert, für sein späteres Leben die Grundsätze, guter bürgerlicher Respettabilität anzueignen. Es ist begreiflich, daß die Darstellung im Schiller-Thcater bei einer f o feinen Arbeit nicht überall auf der Höhe war. Volles Lob verdient Herr W i n t e r st e i n, der den Henri schlicht und verständig gab. Das unvergleichliche Familienpublikum des Schiller-Theaters iiahm die kunstvolle Gabe ziemlich kühlen Herzens entgegen. Was soll es auch groß damit anfangen?— Erziehung und Unterricht. — DaS Handarbeitslehrer-Seminar z u Nääs. In Nääs bei Gothenburg ist vor kurzem der Schöpfer des dortigen weltbekannten Seminars zur Ausbildung von Lehrern für den Hand- fcrtigkcitsunterricht, August Abrahamsou, gestorben. Seit einer Reihe von Jahren besuchen zahlreiche Volksschiil-Lchrer und Lehrerinnen aus allen europäischen Ländern, selbst aus fernen Erdtheilcn das Seminar zu Nääs in Schweden, das die Wiege und Musteranstalt des systematisch bettiebencn Handferttgkeitsunterrichts ist. Das gegenwärtige berühmte Seminar ist aus jdcn Handfcrtigkcitsschulcn hervorgegangen, die Abrahamsou auf seiner Besitzung Nääs ins Leben rief. Wenige Jahre nach dieser Gründung, 1875, eröffnete er neben den Knaben- und Mädchenschulen eine Ab- thcilnng für Handfertigkeitslehrer, und aus dieser entwickelte sich das jetzige Seminar, das seinen Ruf dem Umstände verdankt, daß Abrahamsou einen Mann an die Spitze stellte, der seiner Aufgabe ge- lvachsen war. Dies war sein Neffe Otto Salomon, der den Handfertig- keitSnnterricht shften�atisch begründete und seine pädagogischen Eigen- fchaften entwickelte. Aus diese Art ist das Seminar zu Nääs inzwischen eine Lehranstalt von internationaler Bedeutung geworden, und zahlreiche Schüler haben die hier gelehrte Methode über die Welt verbreitet. Der praktische Handfertigkeitsunterricht umfaßt wesentlich Holzarbeiten, wobei Grundsatz ist. daß möglichst einfache Werkzeuge zur Anwendung kommen, wie sie im gewöhnlichen Leben zur Verfügung stehen. Außerdem enthält der Unterrichtsplan Vor- lesungen über pädagogische Gegenstände. Zeichnen und Turnen. Der Unterricht ist frei, ebenso stehen allen Theilnchmern Materialien und Werkzeuge und einigen fiebenzig Theilnehmcrn auch freie Wohnungen zur Verfügung. Für die vier täglichen Mahlzeiten, die in den Speisesälen der Anstalt eingenommen werden, sind für die Dauer eines Kursus, sechs Wochen, etwa 52 M. zu bezahlen. Die fertigen Arbesten dagegen werden Eigenthum der Theilnehmer und können später von ihnen beim Unterrichten als Anschauuiigs- Material benutzt werden. Der Stifter hat das Seminar mit einem solchen Kapital ausgestastet, daß der Bestand gesichert ist.— Aus dem Gebiet der Chemie. SS. Ueber die Verflüssigung des Wasser st offs, die schon kurz gemeldet wurde, erfahren wir Herste noch folgendes: Das Wesentliche an den Erpcnmeisten, die Professor JarneS Dewar am 10. d. M. der Royal Institution in London vorführte, liegt darin, daß mittels des neuen Verfahrens das Gas in erheblicher Menge in flüssigen Zustand übergefiihrt werden kann. Bisher hat der Wasserstoff, dieser Grundstoff im System der Elemente, allen Versuchen der Verflüssigung widerstanden, und eine große Zahl von Theorien über diese merkwürdige Eigenschaft ist aufgestellt worden, die nun mit einem Male über den Haufen geworfen werden. Die Folgen dieser Entdeckung für die physikalische Chemie sowohl wie für die etwaige Erzeugung iwK tieferer Temperaturen, als man sie bisher mit fliissiger Luft, flüssigem Sauerstoff zc. erhalten konnte, lassen sich noch garnicht absehen. Zu gleicher Zeit ist es Dewar aber auch gelungen, das Helium zu verflüssigen, uird zwar mittels der Temperatur von flüssigen! Wasserstoff. Dieser Doppel- erfolg ist ein Ereigniß von seltener Bedeutung in dem an Ent- deckungen so reichen Schluffe unseres Jahrhunderts, denn auch das Helium ließ sich bisher durch keines der bekannten Verfahren in flüsigen Zustand bringen, trotzdem die bedeutendsten Forscher(Ranesay, Moisson, Dewar, Aszewski) beinahe seit so lauger Zeit daran arbeiteten, wie das Helium überhaupt auf der Erde bekannt ist. Flüssiger Wasserstoff und flüssiges Helium wird nun den Physiker« ein neues Mittel zu noch großarttgeren Experimenten an die Hand eben, als sie sich mit flüssigem Sauerstoff, flüssiger Lust und üssigem Fluor durchführen ließen.— Astronomisches. — Die Frage, ob der Mond eine Atmosphäre besitzt wie unsere Gstde, ist bisher verneint worden. Die scharfen Schatten, welche die Mondgebirge bei tiefem Sonnenstande weifen, das Plötz- liche Auslöschen der Sterne, wenn der Mond über sie hinwegzicht, ohne daß das Aussehen der Sterne bei der Annäherung des Mond- randes eine Veränderung erleidet, und die stets gleichmaßige Ansicht der Mondlandschaften, die nicht die geringste atmosphärische Trübung erkennen lassen, sprachen sicher gegen das Vorhandensein einer Lust- hülle oder von Wasserdampf auf unserem Wcltennachbar. Ja, selbst die Untersuchung des Spektrums des Mondlichtes ließ nicht die ge- ringste atmosphärische Wirkung erkennen. Da der an sich dunkle Mond mir in reflettirtem Sonnenlicht leuchtet, so könnte sich das Spektrum des Mondes von dem der Sonne mir durch atmosphärische Absorption vom Sonncnspcktrum unterscheiden; allein es ist nicht der geringste Unterschied in den Spektren dieser beiden für uns wichtigsten Himmelskörper zu bemerken, rmd man hat daher das Vorhandensein einer Mondattnosphäre geleugnet. Jetzt hat mm der Amerikaner Comstock gefunden, daß sich die Entfernung zweiers benachbarter Sterne, sobald sie sich dem dmstlen Mondrande nähern, um'/«»Bogen- seknnde ändert. Dieser Einfluß ist nur einer Sttahlenbrechung auf dem Monde zuzuschreiben, die eine Dichttgkett von Vöooo von der unserer Erdatmofphäre haben muß. Ohne Zweifel werden fortgesetzte Beobachtungen diesen Werth noch genauer und sicherer erkeimen lassen, aber daß der Mond wirklich eine Atmosphäre besitzt, die freilich überaus dünner ist als die unsrige, scheint sich zu bestätigen, da auch der Astronom Pickering auf diesem Wege zu demselben Ergebuitz ge- langt ist.— Technisches. — Eine neue Art der drahtlosen Telegraphie. Bei der vor Jahresfrist bekannt gewordenen Marconnchen Telegraphie ohne Draht werden elektrische Strahlen zur Ueberttagung der telegraphischen Zeichen benutzt. Ein Mangel der Marconi'schen Telegraphie liegt darin, daß die von dem Strahlenapparate und dem Sendedraht ausgehenden elektrischen Strahlen sich nach allen Richtungen des Raumes fortpflanzen, wodurch jeder Empfangs- apparat, der sich innerhalb des Wirkungsbereiches dieser Strahlen befindet, von diesen getroffen und bei geeigneter Empfindlichkest angesprochen wird, weshalb also ein Auffangen lMithören oder Alst- lesen) des Telegramms leicht möglich ist. Karl Zicklcr, Profeffor der Elektrotechnik an der technischen Hochschule in Brünn, hat nun, «vie die„Neue Freie Preise" msttheilt, eine neue Art der . Peraniivorllicher Redakteur: August Jacobey in B drahtlosen Telegraphie erfunden, welche frei von diesem Uebelstande ist Es werden dabei an stelle der elektrischen Sttahlen Lichtsttahlen zur Ueberttagung der Zeichen verwendet, welch letztere leicht nur nach einer bestimmten Richtung ausgesendet werden können. An der Empfangsstation erfolgt durch sie die Auslösung von schwachen elekttischen Wellen, wodurch die Ausnahme bleibender Zeichen z. B. mit Hilfe eines Morse-Apparates ermöglicht wird. Bemerkens Werth ist noch, daß diese lichtelekttische Telegraphie ohne Draht auch zur Nachtzeit keine Spur der Zeichengebimg an dem Sttahlengange er- kennen läßt. Die von Professor Zickler bisher durchgeführten Ber» suche, welche durch die dabei verfügbar gewesenen Mittel und Eitt-> fernungen auf eine Distanz von 200 Metern beschräntt waren, lasten die Bewältigung von viel größeren Entfernungen mit Sicherheit er- warten, und der Erfinder veabsichtigt, in nächster Zeit Versuche im großen mit Hilfe von Scheinwerfern auszuführen.— Humoristisches. — Zwischen zwei Nennen. Baronin:„Nach meiner Beobachttmg sind die Frauen der Parvenüs meist noch protziger als die Männer." Kornnierzienrath:„Mag sein.— Aber meine S i» donie macht'ne Ausnahme."— — Uebertroffen. A.:„Gestern Hab' ich in dem Spiritist!« schen Verein einem sogenannten Tischrücken beigewohnt." B.:„Das ist garnichts! Ich war schon mal dabei, wie Einer mit allen seinen Möbeln gerückt ist"—(„Lust. Bl.) Vermischtes vom Tage. y. ltnter dem Rehwild st ande im braunschweigischen Sollinge wüthet eine Seuche, der viele Thiere erliegen. In einem einzigen Begange des Forstamtes Holzminden sind gegen 40 eingegangene Liehe aufgefunden worden.— y. In B c d e r! e s s a(Prov. Hannover) wollte eine Frau nach Warstadt zur Hochzeit fahren. Unterivegs ging die Deichsel aus dem Wagen, der Wagen lief in die Wetter und schlug um. Die Frau kam unter dem Wagen zu liegen und ertrank.— — Ein Knecht in W an gern vergiftete sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern durch Streichhölzchenkuppen, die er abschabte und ins Esten warf.— — Die„Gnesener Zeitung" bringt in ihrer SonutagSnilmmer folgende Anzeige:„Meine Frau Bertha, geborene B.., ist mir vor vier Wochen verloren gegangen; wer sie findet, kann sie flir immer behalten und erhält noch eine Abfindungssumme von 500 M. P., den 13. Mai 1393. Julius Lk..... Ziegeleibesitzer."— — In Rengersdorf(Schlesien) machte ein elfjähriger Schul- knabe seinem Leben durch Erhängen ein Ende.— — Beim Roienthalberge in Leipzig sprang ein 16 jährigeS Mädchen in die Elster. Ein Packrräger versuchte sie zu retten, fand dabei aber selbst seinen Tod im Wasser, während das Mädchen von einen! Radfahrer gerettet wurde.— — Ein Gctteideschuppen mit großen Sttohvorräthen brannte in der Nacht bei der Stadt Kreuznach nieder. In den Trümmern fand man die verkohlte Leiche eines Unbekannten, der darin übernachtet hatte.— — EineZGondel mit 3 Insassen gerieth in Konstanz unter die Schaufelräder eines Vergnügungsdampfers. Nur eine von den drei Personell kouute geretter werden.— — In einem Hotel üi Pilsen erschoß.sich ein ans Prag zu- gereistes Liebespaar.— — Ende Mai wird mit Zustimmung des Königs in Turin eine Ausstellung des in der Gruftkapclle des Hauses Savoycn im Turiner Dome aufbewahrten„Sndario", d. h. des Linnentu ch e s, i n>o e I ch e rn der Korper Christi e i n g e h ü l l t a e w e s e n sein soll, stattfinden. Eine Million Pilger soll bereits angesagt sein.— — In M alkin, einer Station der Weichselbahn, wurde der Stattonstassirer, seine Frau und seine zwei Töchter init Axthieben ermordet, ein junger Sohn durch Meffcrstiche tödtlich verwundet. Die Mörder hatten in der Kasse größere Geldsummen vermuthet.— — Ein goldener Verlob nngsring, der oberhalb des Fußknöchels getragen lvird, ist das neueste Schmuckstück der„eleganten" Welt in New-Iork. Er ist mit einem kleinen Schloß versehen, zu dem der Bräuttgam allein den Schlüssel besitzt.— — Ein heftiger Orkan hat in B i rn a und Timor, östlich von Java, viele Häuser umgeworfen und viele hundert Menschen getödtet.— — Die deutschen Marincsoldaten fanden, als sie die ziemlich weit im Jnlande gelegene chinesische Stadt T s i rn o besetzten, in den Kaufläden deutsche Biere und— chinesische Tusche, die in Deutschland hergestellt war.— Die nächste Stummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag. den 22. Mai. rli». Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.