HlnteHaltungsblatt des Horwäris Nr. 99. Sonntag, den 22. Mai. 1898 angewandten, Fremdworten, um zu zeigen, daß er etwas ge- lernt hat. Als schweres Geschütz werden sogar lateinische Zitate ins Feld geführt. Und doch, so wichtig sie immer thun mögen, die Zukunfts- frohen arbeiten wenig, schlecht und widerwillig. Jegliches Streberthum ist ihnen in der Seele verhaßt, und sowie jemand nicht gar zu faul ist, heißt es sofort von ihm, er ginge auf den Geheimrath los. Besonders an den beiden ersten Mon- tagen des Monats wird so gut wie gar nichts im Bureau gethan. Alle sind da verkatert, müde und riechen nach Bier. Die Wenigen, die Uhren besitzen, werden fortwährend um die Zeit angegangen; hin und wieder stimmt Herr Lintrow im tiefen Baß den ersten Vers seines„Rundgesang der Bureau- gehilfen" an:„Ach wie Wohl ist mir um viere, mir um viere, mir um viere—" oder der alte Herr Klüwer seufzt und legt mir bedächtig die Hand aus die Schulter:«Jetzt bis zum Abend so schlafen und dann zu Bette." Die wenigen Tage, welche Abwechselung in das Leben der Zukunftsfrohen bringen, sind die nach der Unterschrift des Empfangsscheines und der Tag der Auszahlung. In der Zwischenzeit hat niemand mehr Ruhe; ist nun endlich das fröhliche Ereigniß erfolgt, dann erscheinen sie alle am nächsten Morgen, wenn sie vorher noch so sehr mit den Gänsen im Streit lagen, glatt rasiert und mit fein säuberlich geschnittenen Haaren. Eine bessere Sorte Schnupftabak— die Düte zehn Pfennig— macht die Runde, überall hört man mit Geld klappern, als klopfte sich ein jeder auf die Tasche und sagte: „Was kostet Berlin?" Aber am nächsten Tage hat sich der Hochmuth sachte gelegt, und noch einen Tag später geht alles wieder im alten, ärmlichen Geleise. Die Lebensfrage der Zukunftsfrohen, die wichtigste Frage in ihrem Staatshaushalt ist die der Bier- beschafsung. Ueberall, wo man sie nicht vermuthet, eröffnen sich plötzlich dem Uneingeweihten, hinter geheimnißvollenThüren, Wällen von Kästen, Stößen von Akten, Läger und Depots jenes kostbaren Stoffes. Freiwillige Kellermeister walten mit Umsicht und Geschick ihres schwierigen, verantwortungsvollen Amtes, sammeln mit Eifer die Zehnpfennigstücke, oder belasten die Konti der augenblicklich Zahlungsunfähigen in genauester Buchführung. Die Organisation ist bis in die letzten Konse- quenzen durchgeführt, uud die Einigkeit, mit der vorgestern ein Budiker, der zu kleine Flaschen lieferte und außerdem sich gegen den Kellermeister der Zukunftsfrohen in roher Weise vergangen hatte, bovkottirt wurde, verdient höchstes Lob.— 19. Mai. Es ist doch eine merkwürdige Gefellschkift, die hier zu- sammeugewürfelt ist. Leute, die sonst im Leben die unüber- brückbare Kluft von Rang und Stand trennte, sitzen friedlich nebeneinander, plaudern miteinander, schnupfen aus derselben Dose, trinken aus einer Flasche, es muß ja nicht immer Bier sein, Nordhäuser wärmt noch besser. Man lacht viel, uud manches scharfe Witzwort macht die Runde. Aber dennoch. durch all diese scheinbare Lustigkeit klingt es wie ein müder, klagender Mollton. Nicht jeder kann ihn hören, aber immer. immer klingt dieser begleitende Ton, einmal leiser, einmal lauter, und plötzlich gellt er auf in einem grimmigen, herzzerreißenden Schmerzcnsschrei! Aber nicht jeder vermag diesen Ton zu vernehmen, die meisten hören nur die scheinbar lustige Melodie. Da haben wir einen Doktor Rösen. Welcher Fakultät er angehört, weiß niemand, aber den Titel hat er, das ist gewiß. Er spielt die erste Violine, und selbst der Büreauvorsteher, ein nervöser, asthmatischer Mensch, der mit seinem runden Mund, seinen hervorquellenden runden Augen, seinem braunen Anzug wie ein Karpfen in polnischer Sauze aussieht, behandelt ihn mit fast kollcgialischer Hochachtung. Der Doktor ist einige fünfzig Jahre und hat mehr Säbelnarbcn und Schlägerspuren im Gesicht als Haare auf dem Kopf; er ist klein, wohlgenährt und wampig: oft geht er breitspurig, mit den Hände» in den Hosentaschen zwischen den Tischen auf' und nieder, schmunzelt, lächelt und pfeift. Befindet er sich aber in Erregung, so sind seine Schritte weitausgreifend, sein Gesicht wird ernst, seine Stirn faltig, bei jeder Wendung bleibt er einen Augenblick sinnend stehen, und dann gemahnt er mich an den„entthronten König auf dem Aschenhaufen seines abgebrannten Schlosses". Er ist ein kluger Mensch. (Nachdruck verboten.) Die Suliunfksfeolzrn. Von Georg Hermann. 17. Mm. Das Bureau— ach ja, das Bureau I Es ist in einem ganz alten, winkligen, verrußten Hause. Früher einmal dienten diese Räume als Gefängniß. Wir mögen vierzig dort sein in drei Zimmern. Ich arbeite mit einer Anzahl Anderer in einem zweifenstrigen kleinen Raum. Er liegt zur ebenen Erde, und vier Stufen führen zu jeder Seite hinab. Einst waren hier wohl mehrere Zellen; eine Wand ist herausgenommen und an ihre Stelle ein hölzerner, dreiarmiger Träger gesetzt. Ringsum, hinauf bis zur Decke, Regale, graue Kästen in hundert und aberhundert kleinen Fächern, wie die Waben eines Wespennestes. In den Ecken Berge von Aktenbündeln und Formularen, alles mit einer dicken Staubschicht überzogen. Ueberhaupt ist Staub hier der Herrscher; auf dem Boden mit den muldigen, splittrigen Dielen, auf den Spinden, Regalen, den Stühlen und Tischen, überall niacht er sich breit; täglich erobert er sich neue Gebiete und faßt in den alten mehr und mehr Fuß. Nur hier und dort mildern große schwarze, rothe oder blaue Tintcnspuren seine graue Eintönigkeit. An der Wand neben dem hohen, halbzerplatzten Kachelofen hängen zwei Stadt- Pläne, die von einem Kranz unmotivirter Ruß- und Fett- flecke umrahmt werden. Die Pläne hängen zwar schief; aber neue Nägel waren im Etat dieses Jahres nicht vorgesehen, und die alten so zerbogen, daß man fürchten mußte, sie vollends unbrauchbar zu machen, wenn man sie zu entfernen wagte. Von der dunklen, rissigen Decke pendeln lange, bewegliche Spinngewebe zwischen den schwarzen steifen Gasarmcn. lieber Blöcke gelegte, abgehobelte Holzplatten bilden die Tische, aber es ist schwierig, ihre Urfarbe zu erkennen; denn ein Tintenklex reiht sich an den anderen. Spiegel, Waschtisch, Handtuch, Eimer, Papierkorb, die in wohlberechneter Phalanx sich durch das Zimmer vertheilen, werden durch große Zahlen des Inventars verziert. Ueberall hat man solche Ziffern angebracht, an Stühlen, Tischplatten, Regalen und Kleiderhaken; nur Wasscrkaraffe und Gläser mußten wohl oder übel ver- schont werden, doch eine Unzahl dies- und vorjähriger Finger- spuren geben auch ihnen ein würdiges Aussehen. Es sind meist ältere Herren, mit denen ich zusammenarbeite. Ich will sie„die Zukunftsfrohcn" nennen. Sie sind keine festangestellten Beamten, nicht einmal Hilfsarbeiter, sondern nur zu vorübergehender diätarischer Beschäftigung einberufen. Man braucht sie zur Erledigung irgend einer Massenarbeit; schon nach einigen Monaten zerstreuen sie sich wieder in alle Winde uud finden, wenn das Glück ihnen hold ist, da und dort in Bureaus für kurze Zeit neuen Unter- schlupf. Ich habe noch nirgends so viel großblumige, schreiende Schlipse, so viel dicke Siegelringe bei einander gesehen; nirgends so viel schwarze, speckige Gehröckc, so viel einförmige, räudige Zylinderhüte. Die Taschentücher der Zukuuftsfrohen sind selten weiß, meist roth, grau oder grün, mit Mustern, Kringelchen und Sternchen, in der Größe schwanken sie zwischen Thceserviette und Badelaken. Ein jeder scheint aus besseren Zeiten einen Gegenstand oder irgend eine Angewohnheit herübergerettet zu haben, und sei es auch nur die, auf die Haarfrisur, die Pflege des Bartes eine über- mäßige Akkuratesse zu verwenden. Und fast alle haben sie einmal bessere Zeiten gekannt, manche sogar gute Tage ge- sehen, draußen im Leben mit mehr oder weniger Geschick eine Rolle gespielt, bis sie das Unheil erreichte, bis endlich Sturm und Wellen ihr leckes Lebensschiff hierher ver- schlugen. Es ist spaßhaft, mit anzusehen, wie sie selbst in diese Einförmigkeit noch die Wichtigkeit einer Lebens- aufgäbe verlegen wollen, noch- hier die gleiche Kömödie wie draußen weiterspielen. Keiner würde je zugeben, daß er durch eigene Schuld heruntergekommen, jeder glaubt sich per- sönlich vom Schicksal verfolgt, hofft aber einst wieder zu altem Glanz und alten Würden zu gelangen und lebt schon jetzt auf Rechnung der glücklicheren Zukunft. Merkwürdige Gespräche werden von ihnen geführt. Von der Schwierigkeit der chinesischen Sprache bis zu elektrochemischen Problemen. Und jeder durch- tränkt noch seine Rede mit möglichst vielen, richtig oder falsch der Herr Doktor, er weiß alles nicht nur gut. sondern besser. Er sagt Euch auf Gulden. Kreuzer und Heller, wie viel Auer mit seinen Strümpfen verdient hat, bestimmt Euch auf Monat, Tag und Stunde das Eintreffen der Bücklingszüge, belehrt Euch, wie man schadhaftem Marmor neue Politur giebt und weist nach, daß Wasser ein Metall ist. Ja, er ist ein tüchtiger Mensch, der Herr Doktor, wenn er aber lacht, so hört es sich an, als ob ein kleines Kind greint. Dann ein Pastor. Wann, wie und wo er einmal gepredigt, ist Geheimniß, aber noch heute hat seine Stimme etwas von jenem salbungsvollen Klang, der unserem Herzen wohl thut. Er ist ein spindeldürres, spillriges Männchen, friert stets und zieht auch im Bureau nicht den Mantel aus. Roth wie seine Kravatte sind Backen und Nase, und am Pol zeigt sich dieses Naturschauspiel in stärkster Leuchtkraft. Der Pastor ist stets geschäftig, hastig und unruhig in seinen Bewegungen hüpft er wie ein Mäuschen umher, und doch hat noch niemand erfahren können, was er eigentlich den ganzen Vormittag über thut. Dabei ist gute Laune seine stete Begleiterin, er trällert und summt vor sich hin wie ein Maikäfer in der Laterne. In den Muße- stunden soll der Pastor ethische Abhandlungen schreiben. Ob er einem Mäßigkeitsverein angehört, konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen, vermuthe es aber, denn nur nieder- trächtige Menschen wagen zu behaupten, daß die Röthe seiner Nase einen anderen Grund als den vorjährigen Frost hat. (Fortsetzung folgt.) Sonttkagsplnuderri. Wollte man nach den Jubiläen die Zuftiedenheit der Völler be- messen, es stände herrlich um einen großen Thcil von Europa. Die Feste in Turin sind eben verraucht i und der Telegraph meldete dieser Tage die Nachricht, daß Herr Rudini mit Crispi-glcicher Gewaltfaust alle sozialistischen Blätter Italiens bis auf den„Avanti" unterdrückt habe. Wenn nun das Volk nicht allen Unmuth ablegt, wenn's nun nicht ruhig wird im Lande! Und dem fidelen Wien steht erst eine ganze Reihe herrlicher Feste bevor. Schon ist im grünen Prater die Jubiläumsausstellung eröffnet, und die Wiener Presse fiedelt in altgewohnter Weise zum lustigen Tanz. Man möchte das grohe Kind von Wien wieder einlullen, wie man es so oft gethan. Die illustrirten Blätter für den dummen Kerl von Wien bringen Zeichnungen von den Schänken auf der Jubiläumsvogelwiese/ und Tag fiir Tag werden die feschesten Kunst- Pfeifer und Kellnerinnen der erstaunten Welt in Portraits gezeigt. Das Volk soll hinweggetäuscht werden über die inneren Röthe, unter denen Oesterreich schmachtet. Allein das große Kind will nicht mehr arglos dahintrotten, die böse Schaar der Sozialdemokratie hält auch dort mit kritischen Augen Wacht. Auch bei uns schwebt für einzelne Byzantiner Jubiläums- stimmung in der Luft. Jedoch die Kampfestage rücken immer näher, und vor der entscheidungsschweren Wahlschlacht versinken die selbstischen Interessen unserer Byzantiner. Entscheidungsschlvcr nach jeder Richtung hin entwickelt sich die Wahlkampagne. Unzweifelhaft tritt auf dem europäischen Kontinent nicht nur ein politisch-rcaktionärer, sondern auch ein gcistfeindlicher Zug zu tage. In Paris, der eminent regsamen Stadt, hat man ein Schlagwort gemünzt„Intellektuell". Das Wort fiel im Zola-Prozeß und rasch wurde es aufgegriffen und übte zündende Wirkung. Die geistige Reaktion bemächtigte sich seiner? der Kleriker-Einfluß stellte es der Gläubigkeit gegenüber und bald wurde es zum höhnischen Begriff. Die„Intellektuellen" waren jene, die sich auf höheres geistiges Verständniß etwas zu gute thatcn, die vor der ver- feinerten geistigen Arbeit einen gewissen Respekt bewahrten. Nieder mit den Intellektuellen, erscholl es, und intellektuell sein, das wurde so verächtlich, wie bei uns einmal das Wort Schöngeist in übelster Bedeutung gebraucht wurde. Selbst ein Jaurös, der glänzendste Redner der französischen Kammer, mußte sich von einer geistig armen Schaar den Vorwurf gefallen lassen, ein Intellektueller zu sein. Er wird ihn ruhigen Gemüths ertragen. In Italien ist das„liberale" Haus Savoyen sehr vorsichtig gc- worden und kommt den Wünschen der hohen Klerisei weit entgegen. In Zeiten der Volkserschütterung finden sich die Mächte, die trotz einzelner Streitpunkte zu einander gehören. Im städtischen Parlament von Wien, dieser Spektakelstätte für alle geistige Reaktion, hat man in dieser Woche das Verhalten des Berliner Magistrats zur achtundvierziger Frage weit übertrumpft. Die Mehrheit unter Führung Lueger's nalnn entrüstet Partei für einen Windischgrätz, dessen Name in der Geschichte der deutschen Rc- aktion hell glänzt, wie nicht leicht ein zweiter. Ein liberaler Gemeinderath wagte es, an das Andenken dieses Volkshassers zu er- innern, und sofort erhob sich unruhvolle Bewegung und der übliche, sattsam bekannte Wiener Lärm. So rühmen die Vertreter Wiens sich ihrer eigenen Schmach. Wer wollte sich darüber täuschen, daß es bei uns etwa anders käme, wen» sich die Reaktionäre hübe» und drüben der Elbe die Hände reichten? Bei uns giebt es auch eine Anzahl von Leitten, die sich mit Stolz als Intellektuelle bezeichnen. Sie haben sich selbst eine gewisse Freiheit und Selbständigkett des Denkens erobert, und von ihrer wirklichen oder eingebildeten geisttgen Warte aus sehen sie geringschätzig auf das Treiben der geisttgen Reaktion so- wohl, als auf gewisse ermüdende parlamentarische Kleinkämpfe herab. Es steckt viel Hochmuth, der sich rächen könnte, in solcher Gesinnung. Man kann nicht in Höhen wandeln, auf denen einem weder von oben noch von unten etwas geschehen kann. Das ist eine Fiktton; die Geschichte der fteiesten Geister und ihr Martyrium lehren es auf jedem Blatt. Unsere„Intellektuellen" würden staunen über das geistige Niveau eines Parlaments, in dem die Vertteter modern- sozialer Anschauungen, moderner Rechtsbegriffe und einer neuen Auffassung vom Verhältniß der Geschlechter fehlten oder bedrängt würden. Oder haben unsere Intellektuellen nicht die letzte Frauendebatte, die vergangenen Kunstdebatten des preußischen Abgeordnetenhauses im Gedächtniß? Welch verzopfter, ja welch pnsterer Geist wurde da offenbar! Die Dinge, die für jeden, den nur ein Hauch von neuer Welt berührt hat, erledigt sind, werden da von einer erschreckend unwissenden Reaktion fast abergläubisch behandelt. Man baut sich einen kategorischen Jmperattv und sagt nichts weiter, als:„Die Frau soll!" Sie soll das vorstellen, was sie vor Jahrhunderten vorgestellt hat. Es soll alles in geisttger Trägheit verharren. Nichts soll sich in der Stellung der Geschlechter umändern, nichts erweitem dürfen. Glauben unsere Intellektuellen vielleicht, daß es sich da noch nur um spezielle politische Tagcsfragcn handelt, die man im sicheren geistigen Besitz mißachten konnte? Wer aber starr an solchen dogmatischen Forderungen festhält, wird, wenn er zur ausschließlichen Macht gelangte, alle Wisscnschaftlichkcit hassen und zu bedrängen suchen. Man hat es ja erlebt, wie das„volksthümlichc" JZcntrum als „sonnenbcschienener" Regierungsfaktor sich in der jüngsten Zeit ver- wandelt hat. Und wie stünde es mit denen, die sich ihrer besonderen künstle- rischen Empfänglichkeit rühmen? Die immerfort predigen: hier müsse dem Individualismus die fteieste Bahn eingeräumt werden; denn nichts ist so sehr des persönlichen Temperamentes voll, wie gerade die künstlerische Arbeit; das wäre ein gar zu leichtferttger Trost unserer Intellektuellen, wollten sie annehmen, daß die geistige Reaktton vor allen Dingen sich auf die Tages- erzeugnisse in Wort und Bild stürze. Gewiß, vor allen Dingen thut sie das. In der Folge schont sie aber das Buch und das ernst- hafte Kunstwerk ebenfalls nicht. Sollten zudem diejenigen, die sich ihrer geistigen Freiheit rühmen, gleichsam einen pricsterlichen Bund, losgelöst von der profanen Menge, bilden wollen? Von denen will ich nicht sprechen, die alle ihre Weisheit aus den Quellen der Tagesprcsse schöpfen, um dieselbe Presse hemach von oben herab zu verachten. Welche Unduldsamkeit aber von feiten jener, die die Tagespresse nicht als täglichen Krück- stock gebrauchen müssen— völlig entbehren kann sie übrigens nie- mand— gegenüber der kolossalen Ueberzahl der Mensche», die auf die popularistrende Tagcspresse allein angewiesen sind. Was man ihr mit mehr oder mit weniger Recht vorwerfen möge, wieviel Oberflächliches und Unreines ihr Strom mit sich führe: Was entstände erst. wenn die Klassen, die ans allgemeine Wahlrecht, an die Freizügigkeit und andere Grundrechte die Axt an- legen wollen, Oberhand gewännen? Wie würde bei völliger Preß- knebelung mit unbedingter Sicherheit die völlige Versimpelung ein- treten. Wer unter den sogenannten„Intellektuellen", und wäre er der schlimmste Preßvcrächtcr und sähe er haarscharf all' den Jammer, den der Einfluß des Kapitals zum große» Theil auf die bestehende Presse übt, wollte die Preßzustände, die dann sich entwickelten, ver- antworten? Was in der Presse heute gesündigt wird, kann durch einen Theil der Presse wiederum ein gut Stück wettgemacht werden. Aber bei einem Sieg der geistigen Reaktton würde der kapitalistische Einfluß nur noch bestärkt und der rein geistige Inhalt zu absolut seichter Oede herabsinken. In der Manier, sich auf sich selbst zu beschränke», jedenfalls fern vom„leidigen, öffentlichen Gezänk" zu leben, steckt am Ende auch etwas Weich-Resignirtcs. Besonders zähe, kraftvolle Naturen kannten diese Manier nicht. Ein Beweis dafür ist das Leben Glad- stone's, der sicherlich auch den Hang zur Beschaulichkeit kannte. Man mag über Gladstone's Politik denken, wie man wolle: Man kann es ihn! nicht abstreiten, daß er ungewöhnliche Arbeitsausdauer und Regsamkeit besaß. Diese Regsamkeit, die auf alle Ereignisse im öffentlichen Leben rasch reagirt, beivahrte er noch bis ins hohe Greiscnalter. An anderer Stelle ist die politische Be- deutung Gladstone's erörtert worden. Trotz seiner polittschen Vielgeschäftigkeit steckte doch in Gladstone ein gutes Stück reiner Gelehrten- Natur. Umfassend war seine klassische Bildung, er>var ein reich belesener Hellenist; und wenn er ein Weilchen Muße hatte, flüchtete er gerne zu seinen„Alten" und seinen Lieblingsbüchern. Für die beschauliche Seite seines Wesens spricht auch die gläubige Innigkeit des liberalen Staatsmannes, die wirklich nichts Gemachtes an sich zu haben schien. Aber die Lust, sich zu bethättgcn, überwog alles Beschauliche in der Nattw dieses Mannes. Leute, die ihn in de» letzten Jahren seines Daseins aufsuchten und in seiner Haltung, seinem Gesicht die Spuren des Verfalls augenfällig sahen, staunten über die Leuchtkraft und den frischen Glanz seines Blicks. Der»vlck man" bewies damit noch jene Lebensstärke, die in unseren Tagen immer seltener zu werden droht. Fast bis in die letzte Zeit seines Lebens liebte er auch die starke körperliche Bewegung. Sprichwörtlich wurde ja Gladstone, der Holz- Hacker, weil er zu seiner Muskelkräftigung dem Sport gern oblag, Holz zu zerkleinern. Solche Lebensenergie mußte ein Volk, wie das englische ist, besonders anheimelm. Sie wirkte gewiß mit zum volksthümlichen Ansehen, das Gladstone unbeschadet aller politischen Gegnerschaft besaß. Solche Lebensenergie ist an sich etwas Prächtiges. Xlxda. Vtleines Fonillekon — w— Auf dem Wege..Ja, ja, meine Klara ist ein kluges, kleines Frauenzimmer I" sagte der Baumeister Bogt. Er tätschelte mit seinen flestchigen Händen ihre weißen, dünnen Finger und lachte: .Ja, sie sagt Jedem ihre Meinung. Und das ist auch ganz recht so l Immer offen und ehrlich auftreten! Da wird man schließlich am höchsten geachtet." Klara sah verlegen vor sich hin. Ihr von der Pensionslust ge- bleichtes Gesicht erröthete bei diesem Lob. Vor Unwillen zitterten die kleinen Falten zwischen den Augenbrauen und die dünnen Nasen- flllgel. Dann kam wieder Ruhe und Selbstbewußtsein in ihre Züge. Nachdenklich sah sie auf und sagte voll Eifer:„Ja, Herr Winter, ich kann es nicht aussteben, wenn ein Mensch in ihrem Alter schon so sehr bummelt. Sie haben schon einmal das Examen nicht bestanden. Damals dachte ich, Sie würden jetzt ganz bestimmt tüchtig arbeiten und alles nachholen. Ihr Studium interessirt sie doch sonst so sehr.... Es müßte doch schön sein, die Rechtswissenschaften studiren zu können und dann später, aus dem Gericht, für Wahrheit und Recht eintreten zu können." Um ihre Augen legte sich ein sinnender Zug, während ihr die Stimme vor Erregung versagte. Der junge Mann, der mit Studentenmütze und buntem Bande vor ihr stand, halb betreten, halb überlegen-höhnisch lächelnd, zuckte die Achseln;„Ach, wissen Sie, Fräulein Klara, die Ideale frieren mit der Zeit ein. Da wird auch nur Jnteressenwirthschast getrieben und dazu kommt man noch früh genug." „So!" antlvortete sie zornig.„Dann sollten Sie alles auf- wenden, um der Jnteressenwirthschast ein Ende zu machen I Das wäre doch eine Aufgabe, ein Ziel!" Das Lächeln in seinem Gesichte erstarb. Er beugte seinen Ober- körper etwas vor. Doch gleich darauf richtete er sich mit demalten, kühlen Lächeln hoch:„Nein, wissen Sie, ein solcher Held will ich Sarnicht sein. Was habe ich denn dann von meinem Leben? ch fühle mich jetzt sehr wohl. Das Bcdürfniß, zum Streiter und Märtyrer zu werden, habe ich durchaus nicht. Habe ich nicht recht, Herr Vogt? Was soll ich mich um allen Tod und Teufel kümmern! Die Hauptsache ist doch, daß man sich selber wohlfühlt, und, wenn es mal nöthig ist, fein Aemtchen, kurz und gut, gemig zum Leben hat." „Ja,. � „Nein, Papa!" unterbrach ihn Klara.„Wrr haben memer An- ficht nach die Pflicht, unser Bestes zum Vollkommenheitsstreben der Menschheit zu thun. Wer sich und anderen aber die schöne Zeit todtschlägt, ist nicht Werth, zu denen gerechnet zu werden, die man achten und schätzen muß!" Herr Winter sah ihr verblüfft nach, als sie sich mit einem Ruck umdrehte:„Adieu! Lassen sie sich den Frühschoppen gut schmeckdn!" „'n verflixt gescheidtes Mädel!" schmunzelte der Baumeister und ?ing ihr nach, nachdem er sich von dem Studenten verabschiedet atte.—„Siehst Du," meinte er, als er sie erreicht hatte,„das ist so ein allgemeiner Zug, der durch die Menschen geht: Möglichst wenig arbeiten. Und bei den Studenten kann ich das noch ganz gut verstehen. Es muß doch wirklich keinen Spaß machen, sich fortwährend in den Hörsälen herumzudrücken und alte Schmöker durchzustöbern. Warum sollen die nicht ihre Jugend ein bischen genießen?" „Ach, das nehme ich ihnenj nicht übel; aber sie müssen auch einen ernsthaften Drang nach Wissen und Können zeigen." „Na ja... Aber sieh' mal, diese Unlust an der Arbeit bei dem anderen Volke. Die möchten am liebsten gar nichts mehr thun. Ach, sie thun schon jetzt so gut wie nichts." „Ach, hier sind ja jetzt eine Menge neue Straßen gebaut, seit- dem ich zum letzten Male hier war... Diese Menge Riesenhäuser — und das Pflaster— und die Laternen.." „Ja, nicht wahr, wie sich die Gegend verändert hat! Die meisten Häuser sind in meinem Bureau entworfen. Das da drüben, wo jetzt der Mörtckwagen anfährt, ist auch von mir, die Fassade habe ich selbst gezeichnet." „Ach!" Klara suchte ihr Gesicht möglichst gleichgiltig zu machen, aber der listige. Blick ließ sich nicht ganz unterdrücken,„Du sagtest doch eben, die Arbeiter arbeiten jetzt schon gar nicht mehr. Wer hat denn aber die Gerüste aufgebaut, die vielen, vielen tausende Steine vermauert und..." „Ach... Du bist ja'ne dumme Jöhrc!" schnitt ihr der Bau- meister die Rede ab,„'ne ganz dumme Jöhre."-- n. Gladstone alS Redner. Der Zauber von Gladstonc's Rede muß außerordentlich gewesen sein. Unterstützt durch ein kräftiges und äußerst wohlklingendes Organ, übte er auf seine Hörer oft eine» wahrhaft bestrickenden Reiz ans. Auf den Wunsch seines Vaters hafte er viel Mathemaftk studirt und dabei eine außer- gewöhnliche Macht über Zahlen erworben. So konnte er einen so trockenen Gegenstand wie ein Finanzgesetz in einer so fesselnden Weise vorwagen, daß ihm selbst die blasirtesten Parlamentarier vier bis fünf Stunden lang ruhig zuhörten.„Ich konnte dieser Rede Gladstone's nicht widerstehen, sagte 1859 ein Tory, als ersterer unter Palmerston Schatzkanzler war und statt einer Ermäßigung eine Erhöhung der Einkommensteuer vorgeschlagen hatte,„ich mußte für ihn stimmen". Sprach aber Gladstone die Sprache der Leidenschaft, wie in seinem oratorischen Feldzug für Bulgarien, dann riß er seine Hörer zu einem wahren Taumel der Begeisterung hin. Dann arbeiteten sich aus seinen verschlungenen, aber darum nicht weniger gemeinverständlichen Wendungen die packendsten Schlagworte heraus. Die Reden sind in dieser Hinsicht das Abbild des Mannes selbst. Für gewöhnlich war Gladstone die Ehrbarkeit des Biedermannes selbst,' dann aber brach plötzlich durch diese selbsterrichteten Schranken gemessener Höflichkeit eine Leidenschaftlichkeit hindurch, die Freund und Feind verblüffte. Selbst noch in seinen vorgerückten Jahren entwickelte Gladstone einen Ungestüm, wie man ihn sonst nur bei einem Südländer vermuthet hätte. Zu sagen, daß diese Ausbrüche nur Berechnung gewesen, wäre schon deshalb verfehlt, weil Gladstone sich dabei gewöhnlich zunächst eine Niederlage zuzog und erst hinterher langsam die Mehrheit der Nation für sich gewann, Archäologisches, �. — In der Nähe von S emlin wurde vor einigen Tagen ein interessanter Römerfund gemacht. Er besteht aus einer 30 Zenttmeter hohen und 25 Zentimeter breiten Marmortafel. Darauf befindet sich ein schönes Relief. Deutlich sichtbar und schön geformt zeigt sich in der Mitte ein Opferaltar mit brennender Opfer- flamme, rechts davon eine weibliche, links eine männliche Figur. Die männliche Figur stützt sich auf einen Stab, an dem sich eine Schlange emporringelt. Die weibliche Figur hält eine Schlange in der Hand. Wir haben es hier offenbar mit Aeskulap und Hygieia zu thun. Rings um die Tafel läuft bandförmig eine Jnschnft, die schon stark verwischt und unleserlich ist. Solche Tafeln wurden den Göttern zu Ehren aus Dankbarkeit für überstandene Krankheiten an Tempeln, Häusern oder Grabdenkmäler:, angebracht. Für Alter- thumsforscher hat dieser Fund einen besonderen Werth, weil man aus ihm die Ausdehnung der römischen Stadt Taururum erkennen kann.—--..,■------ ,». _, Hygienisches.%„ � t. Schwebt Europa in einer Pestgefahr? Diese Frage wird nach einem von der„Hygienischen Rundschau" vertretenen Artt'kel der Pariser„Semaine medicale" bejahend beantwortet. Die Schutzmaßregeln, welche den Einbruch dieser Krankheit sowie der Cholera von Indien her verhindern sollen, werden als durchaus ungenügend hingestellt. Die internalionale Pestkonferenz in Venedig sei nur„eine Großthat in Worten" gewesen, und ihre sämmt- lichen Beschlüsse seien auf dem Papier stehen geblieben. Die Schuld daran trage wesentlich der oberste Gesundheitsrath in Konstanttnopel, dem man die wichttgsten Befugnisse und Aufgaben anvertraut habe, der aber eine gänzlich unfähige, der nöthigen Autorität wie der nöthigen Mittel ermangelnde türkische Behörde sei, die an Haupt und Gliedern reformirt werden müsse, ehe sie etwas Wirkliches leisten könne. Die unglaublichen, jeder hygienischen Regel spottenden Zustände auf der sog.„Quarantäne- Statton" in Bassora haben sich seither nicht gebessert, und nicht anders sei es um die Lage in Kamaran am Rothen Meere und in Abu-Said bei Dschcddah bestellt. Die Gleichgiltigkeit, mit der man in Europa diesen Zuständen gegenüberstehe, könne sich eines Tages bitter rächen.— ' Aus dem Thierreiche. ie. Die merkwürdige Geschichte eine? Seefisches war der Gegenstand mehrerer Berichte der Fischerei- Konimission der Vereinigten Staaten und sie verdient in der Tbat die Aufmerksamkeit der Gelehrten und das Interesse der mit oer Fischerei Beschäftigten in hohem Maße. Es war im Jahre 1879, als ein amerikanischer Kapitän Hutchings während des Stockfischfangcs an der Ostküste seiner Heimath einen Fisch zu Gesicht bekam, der ihm völlig unbekannt war. Da er bereits seit langen Jahren dort den Fischfang bettieb und alle Fische zu kennen glaubte, war er nicht wenig erstaunt über diesen Fund. Er fing etlva 100 Stück, das Fleisch erwies sich als überaus wohlschmeckend. Daher wollte er über Namen und Art sowie über den Handelswerth des Fisches ins klare kommen und sandte ein Exemplar davon an daS National-Muscum in Washington— und siehe da I auch den beiden gelehrten Sachverständigen dieses Museums war der an der Küste der Vereinigten Staaten, sozusagen vor den Thoren von Washington herumschwimmende Fisch sowohl seiner Art als seiner Gatttma nach vollkommen unbekannt. Der Fisch erhielt den Namen Doxboiatilus charnaeleonticeps und wurde wissenschaftlich be- schrieben. Er ist einer der schönsten Fische, die man überhaupt kennt, solvohl in dem Glanz und der Mannigfaltigkeit seiner Färbung als in dem Wohlgeschmack seines Flesiches. In demselben Jahre wurde der Fisch nochmals von einem anderen Stockfischfänger in 40 Grad nördlicher Breite gefunden. Nunmehr wurde von dem Vorstande der Vereinigten Fischcrei-Gesellschaften ein besonderes Schiff auf Jagd nach dem Lopholatilus abgeschickt, da man von ihm eine neue Bereicherung der amerikanischen Seefischerei erhoffte. Man durchsuchte die Stellen, wo man den Fisch getroffen, und fand eine so große Menge davon, daß ein reichliches Vorkomme« des bisher so hartnäckig verborgen gebliebenen Thiercs als sicher an- gesehen werden konnte. Durch Schiffsverluste infolge stür- mischen Wetters verzögerte sich die nächste Lopholatilus- Expedition bis zum Frühjahr 1882 und brachte nun eine neue erstaunliche Nachricht mit. Das Boot hatte zwischen dem Golfstrom und der Küste in der Breite der Chesapcake-Vai eine ungeheure Menge von Fischen getroffen, zwischen denen es S0 bis 100 Kilometer weit dahin fuhr i alle diese Fische, durch die ein an- deres Schiff sogar 230 Kilometer weit hindurch segelte, waren in todtem oder lebendem Zustande. Das Meer war buchstäblich ein großes Leichenfeld und die meisten der Leichen gehörten zu der eben erst entdeckten Fischart. Man schätzte ihre Zahl aus Hunderten von Millionen, junge und ausgewachsene. Was hatte diesen Massenmord veranlaßt? Gewöhnlich erklärt man ein solches großes Fischstcrben durch die Annahme, daß die Schwärme in eine zu kalte Strömung geriethen, wo sie durch den plötzlichen Teniperaturwechsel gelahmt werden und sterbend an die Oberfläche kommen. In der That war das Eis in jenem Jahre an den Küsten von Neu- Fundland und Neu- Schottland besonders reichlich, auch wüthcten heftige Stürme. Man hat mehrfach beobachtet, daß Stockfische plötzlich masienwcise zu Gründe gingen, wenn ein Eisberg in die Bucht gerieth, wo sie sich aufhielten. Bon anderer Seite suchte man die Massensterblichkeit durch untermeerische Entladung giftiger Gase, Vulkanausbrüche am Meeresboden und Aehnliches zu erklären, doch wurde in jenem Jahre keine solche Kata- strophe an jenen Küsten bemerkt. Die Annahme einer Epidemie schien ausgeschlossen, da die Fische keinerlei Bakterien oder andere Schmarotzer aufwiesen und ihr Fleisch ohne Schaden und ohne Ver- Minderung des Wohlgeschnmckes gegessen werden konnte. Seitdem schien der Fisch verschwunden, als ob er, eben erst entdeckt, schon wieder vollkommen ausgerottet wäre. 1333 und 138S wurden Expeditionen nach ihm ausgeschickt; völlig vergeblich. Endlich 1392 wurden zu großer Freude der Fischereigenossenschaft wieder 8—9 Exemplare des'Todt- geglaubten gefangen, einzelne Individuen waren also dem Massen- morde entgangen und konnten sich langsam wieder vermehren. 1893 fing man im Golfstrom schon einige Stücke von 7—20 Pfund Ge- wicht und guter Gesundheit, jedenfalls wird es geraume Zeit dauern, bis die Milliarden, die 1892 ausstarben, wieder ersetzt sein werden. Diese Geschichte ist besonders deshalb interessant, weil sie beweist, daß ein Thier von masseichaftem Vorkommen an einer der best- bekannten Stellen des Erdgebietes sich der Kenntniß der Menschen unglaublich lange entziehen kann. Es sollen übrigens Untersuchungen eingeleitet werden, um festzustellen, ob der»verthvolle Fisch auch weiter südlich im Atlanfischen Ozean vorkommt.— Aus der Pflanzenwelt. SS. Wie die Trauerweide nach Europa kam, erzählt ein Botaniker aus der belgischen Stadt Gent. Die Trauer- »veide, diese beliebte Zierde der Friedhöfe und ein Baum, der be- sonders den Ufern stiller Weiher und Seen einen reizvollen und eigenartigen Schmuck verleiht, ist nicht ein Kind Europa's, sondern stammt aus Persien. Ueberhaupt waren von dem Baume, dessen männliche und weibliche Blüthen auf getrennten Individuen wohnen, bis vor kurzem nur weibliche Exemplare bei uns vorhanden, die sämnitlich von einem einzigen Reis stammen sollen. Eines Tages erhielt nämlich der englische Dichter Alexander Pope ein Körbchen mit Feigen aus Persten gesandt. Er bemerkte an einem der Weidenzwcige, aus denen das Körbchen geflochten war, eine»» jungen Trieb und löste das Reis h'eraus und pflanzte es ein. Aus ihm erwuchs die erste Trauerweide in Europa, ui,d zwar eine weibliche. Neuerdings sind dain» auch männliche Trauerweiden aus ihrem Hcimathlande zu uns eingeführt worden.— Technisches. k. kl e i« r zwei neue chinesische Farbstoffe, das E u- n a o und das C a y d a, berichtet der französische Forscher P i c g u e t. Das Cu-nao ist eine große, etiva 1—2 Pfund schwere Knolle, die unserer Kartoffel in einigen Punkten ähnelt. Sie wird von den Tonkinesen viel Verlvendet und hat holziges Fleisch, das ähnlich wie getrocknete rothe Rüben allssicht. Das Färben mit dem Cu-nao bewirken die Tonkinesen einfach dadurch, daß sie die frischen Früchte in einem Mörser mit Wasser zusammen zerstoßen und in diese Brühe die zu färbenden Stoffe eintauchen. Die Farbe soll sehr lichtbeständig und haltbar sein. Der andere Farbstoff, das Ca», da, stanrmt von einer Baumrinde, und wird hauptsächlich von den Ananriten benutzt. Sie zerstampfen die Rinde zu einem gröbkörnigen Pulver und kochen es in Wasser aus. Beide Substanzen sollen sich vorzüglich zum Färben eignen, und man soll sehr schöne braune Farbennuancen damit erzielen können.— Durch Zusatz eines aus China stammenden klebrigen Stoffes, der P h e u- den genannt ivird, erhalten die Stoffe eil» gläi»zendcs Ansehen, so- daß sie wie lackirt erscheinen.— Humoristisches. — Mißverstandene Korrektur. Der Herr Professor kommt während seines Landaufenthaltes bei einem Spaziergang an einem Bauernhof vorbei, der mit Brettern eingezäunt ist. Auf einem derselben hat ein Junge mit Kreide aufgeschrieben:„Der Hupaur Michl ist ein Effeld„Die hiesige Jugend," bemerkt der Herr Professor,„scheint hier mit der Orthographie auf sehr ge- spantem Fuße zu stehen. Ich will es doch eiirmal richfig hin- schreiben". Der Hubauer überrascht den Herrn Professor bei dieser Beschäftigung, und mit den Worten:„Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Du verflixter Schnnerer!" packt er den Herrn Professor beim Kragen und jagt ihn recht unsanft zum Dorfe hinaus.— („Flieg. Öl.") — fWie man Petroleum entdeckt. Eine heitere Ge- schichte, wie ein Bäuerlein in Kasan eine Petroleumquclle entdeckte, erzähl der„Kasaitfli Telegraf". Ging ein armer Bauer vom Lande zur Stadt, um etwas Geld zu den Osterfeiertagcn zu verdienen, wenn nicht anders zu erbetteln, da zu Hause die Kinder nach Brot schrieen. Ueber das Eis des Flüßchens Kasanka schreitend, bemerkte er plötzlich, wie durch eine Eisspalte ein Petroleumstrahl hervorschotz. Der findige Kopf verschaffte sich(wie, wird mcht angegeben) einen Schlitten, auf dem eine Wasscrtonne be- festigt war, und den Schöpfer dazu, füllte die To»me mit Petroleum, brachte die Waare zur Stadt, verkaufte sie im Handumdrehei», lehrte z»lr Petroleumquelle zurück, füllte, verkaufte wieder und strich ein hübsches Stück Geld ein. Leute, die seinen Handel beobachtet hatten, machten es ihm nach, und bald sah man um die Petroleumquelle ein fieberhaftes Treiben wie in Klondtfle. Endlich wurde die Polizei aufmerksam— und was stellte sich heraus? An der Stelle, vom Eise oberflächlich bedeckt, befand sich eine von den dort lagernden Petroleumbacks, die, schadhaft geworden, den Inhalt ausspritzte. Die Menge des ausgeflossenen Petroleums beziffert sich ailf ca. 70 000 Pud. Der"Entdecker der Quelle und dessen Nachtreter verkauften anfangs das Petroleum für 27 Kopeke»», später für 7 Kopeken das P»ld. lim das mitgeschöpfte Wasser vom Erdöl zu sondern, öffneten die Leute blos bei» Spu>»t unten an den Gefäßen und ließen das Wasser ein- fach ablaufen.— Vermischtes vom Tage. y. Auf dem Gute B o s s o w bei Krakoiv(Mecklenburg) ließen die Eltern, als sie mif Arbeit gingen, ihre sieben Kinder allein in der Wohnmig zurück. Bei der Rückkehr fanden sie vier Kinder erkrankt vor, eins starb kurze Zeit darauf. Die Kinder sollen von einer Schierlings»vurzel gegessen haben.— — Von russischen Grenzsoldaten»vurde bei Zarte- n i n g k e n an einen» ISjährigen Mädchen ein Sittlichkeitsverbrechen schwerster Art verübt.— Bei T r u s ch e n hatte eine lettische Aus- »vanderertrtippe von 13 Personen die Grenze überschritten, ohne die Zollwache passirt zu haben. Als sie sich bereits auf preußischem Gebiet befai»d, wurde sie von einem russischen Grenzsoldaten be- merkt. Dieser gab sofort einen Schuß ab und traf einen dreizehn- jährigen Kaden, der auf der Stelle todt war.— — In Radmühl bei Lauterbach wurde ein Landlvirth, während er mit seiner Familie am 5kaffeetisch saß. vom Blitze erschlagen. Seine Frau wurde gelähmt.— — Bei Siedershausen(bei Marburg) ging ain Freitag ein Wolkenbruch nieder, der viele Vcrwüswngcn anrichtete. Die Lahn geht mit Hochwasser. In der Umgegend Marburgs stehen Häuser nnd Wiesen»mter Wasser.— — Der Maschinist und der Heizer eines Kettendampfers geriethen während der Fahrt bei Wieblingen in der Nähe von Heidelberg in Streit. Der Maschmist schoß dabei den Heizer mit einem Gclvchr in den Unterleib und verlvundete ihn so schiver, daß er bald darauf starb.— — Bei Kematen(Oberinnthal) flog die P u l v e r m ü h l e in die Luft 112 Kilo explodirten. Die Ursache ist unbekannt. Ein Arbeiter»vurde getüdtet.— — Eine Feuersbrun st zerstörte die Werkstätten der Wladikawkas-Bahn. Der Schaden wird auf 250 000 Rubel geschätzt.— Unweit der Station Lk a w k a s k a j a»vurde ein Zug von Räubern überfallen und ausgeplündert. Bei dein Kampf, der sich hierbei entspann, wurden zwei Personen vom Zuge getödtet, neun verwundet.— — c. e. Die russische Zeitung„Glasnosth" macht bekannt, daß sie unvorhergesehener Umstände wegen ihr Erscheinen einstellt. Da- mit ist auch die letzte der sechs zu Begirm des vorigen Jahres neu- begründeten russischen Zeitungen eingegangen.— — Das Räuber-Unwesen im Kaukasus kann iminer noch nicht ausgerottet werden. Im Jahre 1897 wurden 35 Räuber im Kampfe gerödtet, 184 verhaftet, 17 wurden von ihren Spieß- gesellen todtgeschlagen. Eine große Zahl von Beamten hatte sie be- günstigt und ist jetzt verbannt»vorden.— — Der Schauspieler Penleh, der in„Charlehs Tante" eine Hauptrolle spielte, hat bis jetzt über zwei Millionen Mark dabei verdient!— — In London brachte die Versteigerung der Büchersammluug eines Lord Ashburnham 1 200 000 M.— — Der Lurlei-Brunnen mit dem Reliefbild Heinrich H e i n e' s, gegen dessen Aufstellung die deutschen Philister so mann- hast protestirteu,»vird nunmehr im Zentral-Part von N e>v» Jork ausgestellt werden.— Veraulivorttlcher Redakteur: August Jarobey in Bert»»». Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.