Hlnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr� 100. Dienstag, den 24. Mai. 1898 (Nachdruck Verbote».) s Die Zukunfksfrokzett. Von Georg Hermann. Ein entlassener Offizier, ein schlanker Mensch von einigen drciszig Jahren. An seinein blauen, abgetragenen Cheviot- Anzug wird man niemals ein Stäubchen finden. Er hat etwas Zurückhaltendes in Wesen und Bewegung. Seine Sprechweise ist klar und gewählt. Seinen Abschied hat er bekommen, weil er ein armes Mädchen heiratheu mußte. Er versicherte mir letzthin, daß er vor keiner Arbeit mehr scheue, und wenn es Stiefelputzen wäre, falls es ihm nur vergönnt sei, Frau und Kind anständig durch die Welt zu bringen. Neben nur, auf meiner rechten Seite, sitzt ein kleiner Herr von fünfzig Jahren. Er ist früher einmal sehr reich gewesen und stolz, mit Pferd und Wagen einhergefahren, bis ihm ein Börsenkrach den Garaus machte. Herr Lorenz hinkt ein wenig, hat einen etwas gewölbten Rücken, einen sehr breiten Brustkasten und schier unendliche Arme. Der Kopf ist klein, die Nase zierlich, die Augen klug und lebhaft. Er spricht mit Pathos und lacht fortwährend über seine eigenen Worte, schüttelt, windet und krümmt sich wie ein Aal und schlägt mit der äußeren Handfläche auf den Tisch. Herr Lorenz verbindet eine unschuldige Renormnirsucht etwas eigen- artig mit milder Weltklughcit, auch ist er neugierig und überall giebt es für ihn etwas zu sehen und zu erfahren. So erlebt er in einem Tage mehr als andere Leute in einem Jahre. Neben mir, auf der linken Seite, ein veritabler Heiliger, ein alter ehrwürdiger Herr mit einem langen, schneeweißen Bart. Er war Beamter, mußte aber wegen Schulden seinen Abschied nehmen. Er ist sehr groß, rüstig und rühmt sich oft, Flügelmann bei der Garde gewesen zu sein. Sein schwarzer Nock ist blank wie eine Ritterrüstung, so daß bei jeder seiner Bewegungen neue Lichtreflexe mein Auge treffen. Um seine Lebenslust und seinen Humor beneide ich Herrn Klüwer, aber nicht um seinen Durst. Von seinen zwölf Kindern sind nur noch zwei am Leben, bis vor einen: Jahr, da sich sein Aeltester erschossen hatte, waren es noch drei. Seine Tochter— ja seine Tochter l Und der Hans ist in Amerika, seit fünf Monaten hat er nichts von ihm gehört. Vor fünf Monaten hat der Alte seine Uhr der- setzt, um ihm Geld schicken zu können. Herrn Klüwers Be- wegungen sind etwas schwerfällig. Will er mit jemandem sprechen, klopft er ihm erst auf die rechte und dann auf die linke Schulter, legt ihm endlich beide Hände auf die Achseln, stellt sich möglichst weit von ihm ab und sieht ihn ruhig und unverwandt mit seinen großen, hellen Augen an. Wenn er aber jemandem etwas besonders Wichtiges mitzutheilcn hat, und er hat viel besonders Wichtiges mitzutheilen, dann faßt er ihn unter und geht mit ihm im Zimmer auf und nieder, spricht leise aber nachdrücklich in ihn hinein, beugt sich zu ihm hinab, als ob er ihn küssen wollte. Mir gegenüber arbeitet ein Mann von einigen dreißig Jahren, er ist groß, hager, blaß, sehr blaß. Ueber die Hälfte der Dienststunden pflegt er garnichts zu thun, wenn er aber arbeitet, fliegt seine schmale, knöcherne Hand mit der Schnellig- keit einer Maschine über das Papier, und seine langen gerillten Nägel knistern auf der glatten Fläche. Die braunen Strähnen seiner allzeit nassen Haare sind zurückgekämmt, so daß die hohe und gewölbte Stirn zur Geltung kommt. Die dünne Nase ist ein wenig gebogen, die matt- glänzenden Augen sind schwarz unterlaufen, die Mundwinkel, die zu den schmalen pergamentenen Lippen führen, scheinen gleich unter den Augen zu beginnen, so eingefallen sind die Backen. Herr Lintrow ist Phthisiker und Gewohnheitstrinker. Eni- Weder befindet er sich in leichter fiebriger Erregung, in wel- cher sich seine geistigen Kräfte zu vervielfachen scheinen oder im Zustande völliger Abspannung und dehnt und streckt sich, gähnt und seufzt ohne Unterlaß. Ueber seine An- schauung, über seine Stellungnahme zu irgend einer Frage kann man keine Klarheit erlangen, ebenso wenig über seine Vergangenheit. Denn, obgleich er ein scharfer Spötter tft, versteht er doch so geschickt beide Seiten mit- zunehmen, daß man niemals seinen eigenen Standpuntt auch nur errathen kann. Vielleicht war er Schrifffteller oder Journalist oder eine ähnliche armselige Enstenz, denn als ich ihm rieth, es einmal mit Schreiben zu versuchen, seine Rede- weise hat viel Eigenart, lachte er mich aus und sagte: „Wissen Sie, früher, früher, als es niir noch besser ging, so und so,— Sie verstehen mich doch? Früher habe ich's mal versucht, und wenn es da nichts war, so ist es doch heute erst recht nichts! Die Du minorum gentinm. Ein kleiner Herr mit langem, schwarzen Bratenrock, Herr Hoffburg. Er war Kaufmann, oder Lehrer oder sonst etwas. Einige sagen sogar, er wäre Gclegcnheitsdichtcr gewesen. Er hat ein fteundliches, dummes Gesicht und semmelblonde, dünne Haare. Er ist Kellermeister der Zukunftsfrohen, aber auch die Besorgung der Frühstücks- Würstchen fällt in das Bereich seiner Thätigkeit. Zu dem Schlächterfräulein von nebenan scheint er in zartem Verhältniß zustehen; denn täglich versucht sie, durch neue Zugabe sich seiner Neigung zu vergewiffern. Das merkwürdigste an Herrn Hoffburg ist sein geräuschloser Gang; denn stets und überall, bei gutem und schlechtem Wetter, im Freien oder in bedeckten Räumen trägt er Gummischuhe. Manche wollen diese seine Eigenart psychologisch erklärt wiffen, andere behaupten kühn, daß er nur den unhaltbaren Zustand seiner Fußbekleidung verbergen wolle. Ein junger Mensch, Hubert, ein Thunichtgut und Trinker. Wenn seine Eltern nicht wohlhabend wären, wäre er schon längst verkomnien. Er hat ein bewegungsloses Vogelgcsicht, ist meist etwas angezecht und versucht dann jedem die Hand zu drücken, um seine Kräfte zu zeigen, beginnt zu krakehlen und möchte sich am liebsten prügeln. Ferner ist noch ein Mann da mit schwarzem Vollbart, O-Beinen und außergewöhnlich großen, rothen Händen. Er ist außerhalb des Bureaus abends Koulifsenfchieber und Sonntags Schankkellner. Auch bei uns versieht er das Ehren- amt des Oberkellermeisters und hat mit dem Bureaudiener eine innige Dutzfreundfchast geschloffen. Er rühmt sich, einen Kasten mit sechsunddreitzig Bierflaschen durch halb Berlin tragen zu wollen, ohne mit der Schulter zu wechseln, was ihm sicherlich so bald keiner nachmachen könnte. 21. Mai. Mein linker Nebenmann befindet sich heute in großer Auftegung. Schon seit einer Viertelstunde läuft dieser silber- graue Heilige wie ein Wiefel durch die Zimmer, guckt in alle Ecken, kriecht auf die Leitern, sieht auf die Schränke. „E. 318! Haben Sie E. 318 gesehen? Wo ist mein Echen 318? Wer's bringt, bekommt'nen Kuß von mir! Schnell l Na— hat's keiner? Zwei Küsse!!" „Donnerwetter, Sie da oben, machen Sie doch nich solchen Staub, man weiß ja nich mehr, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist", schreit Lintrow und beginnt zu husten. Die Kletterei dauert fort. Vom Stuhl auf den Tisch, vom Tisch aufs Regal, und dort von höchster Höhe ertönt nochmals der Lockruf: „Zwei Küffek Zwei Küffe!!" Endlich entdeckte der Doktor die gesuchten Akten in einer Ecke, wo sie zusammen mit einigen anderen ein Bierdepot vor den profanen Blicken des Vorstehers schützen sollen. Aber groß- müthig verzichtet der ehrliche Finder auf die Belohnung. Nun stürzt sich der liebe, alte Herr mit Feuereifer auf die Bearbeitung des Schriftstücks. Er durchblättert es von vorn nach hinten, von hinten nach vorn, nimmt mit wichttger Miene die Feder zur Hand und legt sie mit ebenso wichtiger Miene wieder hin. Eine Weile fitzt er schweigend in ernsten Gedanken, dann klopft er mir auf die Schulter. „Mein lieber junger Freund, kennen Sie das herrliche Kirchenlied:„„Aus tiefer Noch schrei ich zu Dir""? »Ja." „Na, dann spendiren Sie mir doch'ne Flasche.' Diese Logik überrascht mich derartig, daß ich sofort seinem Ansinnen entsprach. Kaum hat der ehemalige Garde-Flügelmann seinen ersten Durst gefüllt, als ein merkwürdiger Umstand sein maßloses Erstaunen erregt. „Aber Lorenzchen, was ist denn mit Ihnen los? Wo haben Sie denn gesteckt? Sie sind ja da ganz schmutzig aus der Schulter!" Das kleine verwachsene Männchen schüttelte sich und reibt mit dem Aerniel die unsaubere Stelle. „Die ganze Menschheit, meine Herren," seine piepsige Stimme klingt fast wehmüthig,„theile ich nur noch in zwei Gruppen ein: Leute, die in Equipagen fahren und Leute, die von Equipagen bespritzt werden. Früher habe ich zu der ersten Gruppe gehört, jetzt gehöre ich zu der zweiten." „Ach, Sic meinen so im großen und ganzen im mensch- lichen Leben." Klüwer reicht über mich hinweg, um dem Bankier die Hand auf die Schulter zu legen.„Ja, da haben Sie recht. Aber wissen Sie, lieber Lorenz, Sie müßten doch eigentlich'ne Flasche Bier zum besten geben. Sie sind wenigstens früher in der Equipage gefahren, aber ich, ich bin immer bespritzt worden, von oben bis unten, hinten und vorn, sage ich Ihnen. Nur einmal bin ich unter vor- nehme Leute gekommen, vor zwei Jahren war es, da hat mich hier am Dönhoffsplatz, wissen Sie, wo es so scharf um die Ecke geht, ein wirklicher Kommerzienrath überfahren." Klüwer nimmt die zweite Flasche an dem Kopf, aus einem Glas zu trinken, hält er für unfein, und gluckst selig lächelnd ihren Inhalt hinunter. Plötzlich fährt Lintrow höhnisch auf. Unser Nachbar sieht heute noch schlechter wie sonst aus. Seine schwarzen Augen leuchten aus dem blassen Gesicht. Trotz der Hitze stiert er und hat über die Beine den Sommermantel gedeckt, aber noch reibt er sich fortwährend die langen, mageren Hände, daß die Gelenke der Finger knacken. „Sagen Sie, ist Ihnen denn immer noch so bitter im Hals, Herr Klüwer?" „Mischen Sie sich nicht in ungelegte Eier, Sie Plunder! Sie denken Wohl, Sie sind ein Affe, und die anderen find gar nichts?!" Der Alte ist Hochroth ausgesprungen, doch im gleichen Augenblick hat er sich schon besonnen, seine gewohnte Ruhe wiedererlangt. „Kommen Sie, Lintrolvchen, wir wollen uns vertragen, die ewige Zankerei muß aufhören. Rathen wir zusammen eins aus. Brrr, zum Abgewöhnen. Also Zahl oder Wappen? Noch einmal. Zahl oder Wappen? Wappen? Prost! Gesund- heit! Danke allgemein für gütige Theilnahme." Lintrow hat verloren, wie gewöhnlich, er fordert Revanche und verliert zum zweiten Mal. Sie wollen dieses unterhaltende Gesellschaftsspiel noch länger fortsetzen, als der Sekretär hereintritt, sich in die Thür stellt und nach Lust schnappt. Lintrow erhebt sich vom Sitz. Sein Beispiel wirkt ansteckend, alle thun desgleichen. Gnädig lvinkt der„Karpfen" ab. „Aeh, meine Herren, äh, mache Sie wiederholt darauf aufmerksam, daß bei Z 18„„immer"" als unzulässig in den Forniularen zu durchstreichen und mit„„stets"" zu ersetzen ist. Der Herr Geheimrath, äh, läßt es durchaus nicht mehr durchgehen I" (Fortsetzung folgt.) Gvotze Vevlinev MuMansPtellung. i. Nun ist die Große Berliner Kunstausstellung seit drei Wochen fürs Publikum offen; es ist aber von ihr keinerlei sonderliche Er- regung ausgegangen. Man besucht sie, man wandert durch die Säle, allein man spricht nicht von ihr. Gelassen, wie sie gekommen, wird man sie scheiden sehen. Es hat die schutzzöllnerische Bewegung in der Ausstellungsfrage wieder einmal gesiegt. Man hat die internationale Künstlerschaft, so gut es ging, ferngehalten, um den heimischen Markt nicht allzu- sehr zu beeinträchtigen. Die Schutzzvllnerei wird freilich nicht viel helfen; denn' den Luxus, sich Kunstwerke anzuschaffen, kann vornehmlich doch nur das bewegliche internationale Kapital sich gönnen und das kann die internationalen Märkte eben sehr bequem aufsuchen. Die heftige Kampfftimmung, der man vor einer Reihe von Jahren begegnen konnte, herrscht heute nirgends mehr vor. Man sagt wohl/ daß die Berliner Jury diesmal sehr einseitig gegen die Arbeiten neuerer Richtungen vorgegangen sei. Eine Berliner Sezession, von der es jetzt wieder ruhiger geivordcn ist, wurde sogar geplant. Allein selbst wenn die Jury so sehr parteiisch ge- wesen wäre, ich glaube trotzdem nicht, daß der Eindruck der Gcsammtausstcllung im Wesen verschoben ivorden wäre. Es sind offenbar auf beiden Seiten Kompromisse geschlossen worden. Um bei den üblichen Schlagworten zu bleiben, die steilich nicht immer zutreffen: Es haben die Alten manches von der neueren Technik ausgenommen, eine Bewegung, die schon vor mehreren Jahren ihren Anfang nahm) und es haben die Jungen, geberdcn sie sich nun noch naturalistisch, oder seien sie ins neuroman- tische Lager abgeschwenkt, nicht mehr die Freude am extremen Ver- such. Bei nicht wenigen von ihnen ist die Lust an der Freilicht- Malerei, am strahlenden Sonnenschein und hellleuchtendcn Farben ins Gcgenthcil umgeschlagen. Man liebt die dunklen, elegischen Stimmungen. Abenddämmerung, Landschaften in nächtliche Schatten gehüllt! Es ist der Hang zur Melancholie, wie er gleichzeitig in der Literatur auftritr. Er reicht indessen nicht bis zu solcher Verzagtheit, zu so einer Resignation, wie sie in der jüngsten Zeit bei unserer beklommen dichtenden Jugend zu beobachten ist. So weit wirkt doch noch der Kampfruf: Rückkehr zur Natur, nach, daß der bildende Künstler selbst in seinen symbolistisch-romantischen Arbeiten nicht völlig in unanschaulichen, trockenen Grübeleien aufgeht. Wie unsere ganze moderne Kunstbewegung das landschaftliche Moment bereichert hat, im höchsten Sinn vielleicht allein das land- schaftliche Moment, wie die bedeutenden Neuerer, so Millet, oder der große einsame deutsche Böcklin eine ganz neue, feierliche Naturanschauung gewannen, so sinkt die Landschaftsmalerei auch in unfruchtbaren Perioden und selbst bei unseren Berlinern niemals völlig nieder. Mancher von den namhaften deutschen Land- schaftern fehlt wohl diesmal, so Schönlcber. Dafür gewährt die Sammelausstcllung des Karlsruhers V o l k m a n n einen friedlichen wohlthuenden Genuß. Ein Künstler, dessen ruhig sicheres Auge gerne träumerisch an einem einsamen Weiher verweilt, oder an der freundlichen Oktobcrsonne sich erfreut, hat diese Landschaften gc- schaffen. Man sieht sich keiner Größe gegenüber, aber man fühlt sich wohlbchütet. Von älteren und jüngeren Berlinern wahrt Eugen Bracht seinen bewährten Ruf: Walter Leistikow, dem an- fänglich übel nntgcspiclt wurde, ist dank der Befürwortung Lieber- mann's doch mit zwei Gemälden„Abend" und„Sommer" vertreten. Neuerdings erst wurde ein märkischer„Waldteich" Leistikow's für die Nationalgallerie erworben, um so wunderlicher bleibt das Verhalten der Jury. Beide Gemälde in der Ausstellung haben den idealisirten Stil, wie ihn Leistikow bevorzugt. Sie gleichen märchenhaften Idyllen. Sie sind aber nicht so anspruchsvoll, wie z. B. des Münchener Exter größer angelegtes Tripthchon vom verzauberten Wald, das reinen Märchenchärakter tragen möchte und doch nicht reiner Naivetät voll ist. Exter hat schon Werthvollercs geschaffen. Skarbina's„Abend im Dorfe", wie sein scharf hervortretendes „Schnitter"-Vild zeigen diesen Künstler, der sonst gerne Großstadt- ansichten flott siizzirtc, ebenfalls um die landschaftliche Idylle bemüht. Ludwig Dettmann's Weise wird, scheint es. flüchtiger. Er Produzirl gewiß leicht, aber er ist in den letzten Jahren nicht vorwärts geschritten, und ist doch noch so jung I Leider fehlt unter den Berlinern der feinsinnige L. v. H o f m a n n. Hans Hermann bringt, wie seit Jahren, seine geschickten holländischen Landschaften zu Markt, und Manchen dürften die lokalen Studien von Julius Jacob:„Goldfischtcich" und„Jungfernbrücke in Berlin" interessiren. Naturgemäß wiegt in der Berliner Kunst das Porträt guanti- tativ schwer. Leider nicht qualitativ. Man sollte meinen, daß die zahlreichen Aufträge die Künstler mindestens zur Mannigfaltigkeit. wenn nicht zur Größe der Auffassung drängten. Aber da bleibt alles beim alten. Häufig glättende Schonmaleri, im besten Falle korrekte Ehrlichkeit, wie bei K o n e r oder dem kühlen N o st e r in seinem Bildniß des Kommerzienraths Krupp. Die unfehlbare Parlaghy hat ihr bekanntes Bild Miquclls wieder ausgestellt. Sonst sind kaum irgendwo bei den Berlinern neue Ansätze wahr- zunehmen. Anton v. Werner malt etwas wärmer, als er sonst pflegt, einen„Kaiser Wilhelm auf dem Sterbelager"; im übrigen bleibt man recht und schlecht bei seiner Spezialität, ob man Meyer- heim heiße oder Karl Becker. Von Adolf Menzel, dem bedeutendsten Berliner, findet man garuichts, und von Liebcrmann, dessen Aus- stellung im Vorjahr den Glanzpunkt bildete, einen„Sonntag Nach- mittag". Also gewahrt man bei den Berlinern kaum irgendwo einen An» lauf zu wirklich großer, befreiender Kunst, auch ihr geistiges Maß ist nicht hoch. Am Ende könnte man noch den vielgenannten Knackfuß in Kassel zu den Berlinern rechnen. Eine große, trockene Illustration in Farben bringt er. das lehrhafte Geschichtsbild vom Nürnberger Burggrafen Friedrich IV. von Zollern, der vor Rom vom Kaiser Heinrich VII. den Ritterschlag erhält. Legt's zu den Anderen! Unvergleichlich reicher an künstlerischer Individualität stellt sich München dar, wie schon im Vorbcricht erwähnt wurde. Die Sezession hat wohl keine neuen Bilder hierher gesandt. Aber dem Berliner Publikum sind sie doch zumeist un- bekannt. Bei den Mllnchcncrn findet mau doch wieder einmal ein größeres Thema angeschlagen. Der und Jener versucht im Porträt den besonderen Charakter des modernen Menschen zu ergründen, unter den Landschaftlern findet man reichere Mannigfaltigkeit: kurz, mau fühlt, hier ist Bewegimg, Wetteifer und vor allem nicht der tödtliche, selbstzufriedene Sinn, der über das einmal Erreichte nicht mehr hinausstrebt. Es hat sich besonders Franz Stuck in dankens- werther Weise bcthciligt. Gewiß, es liegt etivas Theatralisch- Pathetisches in der Art, wie sich Stuck zu entwickeln scheint, aber Gemälde, wie das„Böse Gewissen" und das„Verlorene Paradies" sind doch mit Wucht entworfen. Das Bildniß des Prinzregenten ist stolzer, repräsentativer nach Haltung und Gesichts- ausdruck gedacht, als der bayerische Prinzregent sich öffentlich zu geben pflegt. Schlichter erscheint hingegen ein Bildnih des Prinzregcnten von Hubert Herkomer in London. Jedoch von der kalten Manier, in der solche repräsentative Bildnisse bei uns zu Dutzenden gemacht werden, ist es noch immer weit entfernt. Auch ein Selbstbildniß hat Stuck ausgestellt; man weiß, wie es mit den Selbstbildnissen zu gehen pflegt. Es ist schwer, sich selbst zu erkennen; und so erscheint Samberger's Stuck-Porträt lebens- wahrer, eindringlicher; es ist getreuer charakteristisch, als das leicht idealisirte Selbstbildniß Stuck's. Während Samberger es liebt, seine Köpfe mit gewisser Feierlichkeit auf verdunkeltem Grund hervortreten zu lassen, bemüht sich Hugo v. H a b e r m a n n, prickelnd, modern nervös zu sein bis in die Fingerspitzen. Er modernisirt die Sünde, so wie die Herodias. Er ist geistreich, nicht selten bis zur Geist- reichelei. Lenbach hat unsere Ausstellung nur nebenher mit einem Bildniß der Frau v. Poschingcr beschickt, das nicht gerade zu den interessantesten Arbeiten des Meisters zählt. Von gewinnender, einfacher Kraft bleibt immer aufs neue der Thier- und Landschaftsmaler Heinrich Zügel. Diesmal kam er mit einem großen Bilde„Jungvieh am Waffer". Ein wenig mehr Absichtlichkeit vcrräth schon Hubert v. Heyden in seinen saftigen Thierstücken, wie z. B. seine„Ruhe im Saugarten" zeigt.— Ein buntes, farbcnlcbendiges Effektstück ist Hierl-Deronco's„Fandango" mit der Tänzerin im Vordergrund, und flott gemacht sind Schniutzler's„Italienische Schauspieler".— Zu den Efseltstllcken kann man füglich auch Schmidt-Brcitcnbach's„Im HexeMvahn" rechnen. Das Bild, das eine Hexenfolter darstellt, ist gut gearbeitet, es vermeidet alles, was allzu grell wirken könnte, und doch bleibt ein unsäuberlicher Eindruck von„Sensation" zurück. Josef von Brandt, der bekannte Maler bewegter Szenen aus russisch- polnischem Volksleben, hat diesmal' einen Platz im sogenannten Ehrcnsaal, dem ersten Raum im Mittel- trakt(nach der Skulpturenhallc). Die Miinchcner Landschaftsmalerei zeigt im allgemeinen eben- falls die Neigung, das siillc, friedliche Naturwalten zu bevorzugen. So in den Abendiandschasten von Keller- Oieutlingen, in Paul Hoecker's letzten Sonnenstrahlen, Peter Paul Mnller's„Abend". Zur reinen Verdunkelungsmanicr kommt Benno Becker. Für einen Schweizer, Ferdinand H o d l c r in Genf, haben sich diese Abcndmelancholien, die Nachtslimmungcn zu einer allegorischen Darstellung verdichtet. DieNachtschlechtweg nennt er sein Gemälde. In eincrReihe von nackten, schlafenden Gestalten, von denen einzelne mit starkem Ausdruck erfaßt sind, verkörpert sich ihm die Nacht. Der treffliche Ludwig Dill(lieber- schwemmte Salbcifelder in der Po-Ebcnc) und L ö f tz seien bei den Münchenern nicht vergessen. Sie gehen, wie der Karlsruher Call- morgen, wenig bckümmcrl um die Tagesbewegungcn, ruhig sinnend ihren stillen Weg. Bei den Münchcnern findet sich auch eines der ganz vereinzelten Historienbilder, und dies ist eigentlich ein erweitertes Gcnrcstück. Es ist das„Ave Maria nach dem Kampf am Berge Jsel 1809" von E g g e r- Lienz. Zum genrehaften Vorgang will der riesenhafte Umfang des Gemäldes nicht recht stimmen. Aber das Bild hält sich im ganzen frei von vom theatralischen Arrangement, und in einzelnen Gruppen betender Tiroler verräth sich ein Künstler von Empfindung..Atxsts.. Vleinv-s Fonilleton — Daö Ende der Blondinen. Ein englischer Physiolog soll bei seinen Forschungen entdeckt haben, daß die blonden Menschen allmälig aussterben.„Blauäugig und blondlockig" wird, so meint der Gelehrte, in zwei Jahrhunderten kaum noch ein Dichter singen können, und das„blonde Grcthchen" wird zur Sage geworden sein. Man hat in England eine Statistik aufgestellt, wonach von 100 Blondinen nur 55 hcirathcn, dagegen von 100 Brünetten 79, und schon auf diese Weise muh der blonde Typus allmälig zurückgehen. Die Zahlen müssen umsomehr auffallen, als England bisher als die Heimath der blonden Schönheiten galt, und schon heute stellt sich das Ver- hältniß der Brünetten zu den Blondinen wie drei zu zwei. Auch in Dänemark und Schweden findet man. das Abnehmen des blonden Haares. Deutschland soll, mit Ausnahme von Norwegen und Schweden, noch die meisten blonden Männer und Frauen in Europa aufzuweisen haben. Diese Feststellung bezieht sich aber nur auf den Norden Deutschlands. Wie Untersuchungen bei Schulkindern in Deutschland und Oesterreich gezeigt haben, ist der überwiegende Thcil der Schulkinder blond, aber in auffallender Weise dunkelt das Haar beim männlichen Geschlecht nach, so dah blonde Knaben sich oft in brünette Männer verwandeln. Die Frauen legen mehr Werth auf die Erhaltung ihres ursprünglichen Blonds, und bald wird es ihnen, wie den auf die Germaninnenn eidischen Römerinnen ergehen, die durch Beizen ihres Kopffchmuckes ihn bleichten.— c. e. Ein Altjungfer-Land ist das britisch-westindische Insel- reich Bermuda, das in der jüngsten Zeit wieder ziemlich viel ge- nannt worden ist. Es giebt auf dieser Inselgruppe wahrscheinlich eine größere Anzahl alter Jungfern im Verhältnih zur Große der Gesammtbcvölkerung, als irgendwo anders auf der ganzen Erde, und eine weitere Merkwürdigkeit liegt darin, daß lediglich das Gesetz des Landes daran schuld ist. In Bermuda, ebenso wie in England, bleibt das Grundeigenthum lange Zeit hindurch in derselben Familie. Dieser Konservativismus hat denn auch in der Gesetzgebung seinen Aus- .druck gefunden. Kein Fremder kann hier einen Land- Besitztitel durch Kauf oder Erbschast erwerben, und wenn eine Frauens- Person einen Fremden heirathet, verliert sie nicht blos ihren eigenen Grundbesitz, sondern kann auch keinen mehr erwerben. Für Männer existirt keine solche Bestimmung. Gelegentlich verzichten auch hier Evastöchter der Liebe halber aus alle jene Rechte; da aber meistens besitzlose Mädchen wenig als Gattinnen begehrt sind, auch die einheimische Männerwelt nicht Ehekandidaten genug liefert, so werden unverhältnißmäßig viele Mädchen in Bermuda alte Jungfern.— — Einsame Menschen. T r i st a n da C u n h a, die einsame Insel im südatlantischen Ozean, ist im November 1897 vom Schiffe „Widgeon", Kapitän Gurney, besucht ivorden, welcher im Auftrage der britischen Regierung ein Walsischboot dorthin brachte. Die Be- völkerung bestand aus 04 Köpfen: 18 Männer, 19 Frauen, 15 Knaben und 12 Mädchen. Die Insel kann etwa 500 Stück Vieh ernähren, doch war die Rinderheerdc auf 800 Stück„'angewachsen'; dazu kamen 500 Schafe, so daß Viehausftihr dringend geboten schien. Dagegen fehlt es an Vegetabilicn, und Gcmüsesämereien werden dringend gewüiffcht.—(„GlobuS".) Literarisches. -1.- Adolph R o s 6 e:„Der st erbende Ahasver.� Berlin 1898. E. Ebering.— In vier etwas übermäßig lang ge- zogenen Akten sucht der Verfasser nichts weniger als die moderne Judenfrage zu lösen. Natürlich bedarf es zur Anregung dieser Frage eines Konfliktes, der dramatisch verwerthbar ist. Dieser Konflikt besteht in einer Liebe zwischen einer jungen Christin, der Adoptivtochter� des gänzlich verschuldeten Barons von Lübbcn und dem jüdischen Doktor der Medizin Max Danncberg. Das Gut deS Barons befindet sich in den Händen jüdischer Wucherer und soll unbarmherzig unter den Hammer kommen, da entschließt sich der alte Danneberg, das zur Deckung nöthige Geld vorzuschießen. Allein der alte Baron will durchaus diese Mischehe nicht zugeben, löst jedoch jedes Verhältnitz zu seiner Adoptivtochter, so daß fortan der ehelichen Verbindung weiter kein Hinderniß mehr im Wege steht. Somit ist auch der Konflikt gelöst. Die Fabel des Dramas besteht aber darin, in langen Dialogen auS- einanderznsetzen, daß nur der Uebertritt des Juden zum Christen- thum im stände ist, jegliche Grenze der beiden Rassen zu verwischen. Die Idee ist zwar schon öfters ausgesprochen, hinkt aber nach wie vor in gleicher Stärke.— Im übrigen ist dem Verfasser eine gewisse dramatische Begabung nicht abzuleugnen, jedoch vermißt man sehr oft den Dichter.— — Von Henry S. Landor, dem jungen englischen Maler, deffen Abenteuer in Tibet wir vor einiger Zeit kurz erwähnten, wird im Anfang dieses Herbstes bei F. A. Brockhaus in Leipzig ein mit vielen Photographien und farbigen Skizzen geschmücktes Reisewerk erscheinen.— Theater. — r- Im Zentral-Theater ist daS Fiala-Ensemble nun« mehr bei der Birch- Pfeifferei„Dorf und Stadt" angelangt. Hatte der brave Auerbach in der„Frau Professorin" schon sein Theil gethan, um die Klöße des schwäbischen Bauernhaushalts in süße Konditorwaare umzuwandeln, so streute Madame Birch-Pfciffer noch einmal tüchtig Zucker darüber. Es ist dankbar anzuerkennen, daß das Kleeblatt: Wirth- Schönchen- Ncuert Mitleid mit dem Publikum hatte und sich Mühe gab, das fade Gericht ein wenig schmackhaft zu würzen. Paula Wirth spielte, soweit es menschenmöglich war, das Lorle mit natürlicher Liebenswürdigkeit, und Herr N e u e r t machte aus dem Lindenwirlh einen tüchtigen Kerl. Ein prächtiges, derbes Genrcbildchcn wußte Frau Schönchen aber auS dem weiblichen Mentor, der sich Bärbel nennt, zu schaffen. Was sonst noch in dem Stück auftrat, war leblos und unbedeutend. Namentlich erschien der von Herrn Treptow dar- gestellte Maler Reinhard als ein ganz unmöglicher Mensch.— — Die Freie Volksbühne bot am Sonntag den Mitgliedern ihrer ersten Abtheilung im Friedrich-Wilhelmstädtischcn Theater die Tragikomödie„Lumpengesindel" von Ernstv. Wolzogen. Das Stück selbst ist bekannt, auch an dieser Stelle ist darüber deö öfteren gesprochen worden. Es enthält zwei Elemente, die ihm eine günstige Aufnahme beim Publikum sicherten: derbe Komik und ein namentlich gegen den Schluß hin stark sentimentales Pathos. Die Aufführung zeigte leider das bei solchen Gelegenheiten gewöhnliche Bestreben der Schauspieler, die grobkomischcn Szenen noch stärker herauszuarbeiten, als es schon in der Absicht des Dichters lag. Sonst wurde im allgemeinen flott gespielt. Das Publikum gab durch starken Beifall nach jedem Aktschluß seine Zufriedenheit zu er- kennen.— Medizinisches. ie Die Einpflanzung großer Hautflächen auf Wunden hat nach einem vor der Pariser Akademie der Wissen- schaftcn gehaltenen Vortrage von M. Ollier einen ganz außerordentlichen Fortschritt gemacht. Seit den ersten Versuchen von Reverdin hat man oft eine Einpflanzung von Stücken gesunder Haut zwecks Heilung einer bösen und entstellenden Wunde vorgenommen. Jetzt aber ist Ollier soweit gekommen, große Hautlappen von 20, 30 und sogar 40 Quadratcentimetcr zu benutzen, wodurch große Wunden ohne Spur von Narbenbildung heilen und die Haut wieder ihr ganz natürliches Aussehen erhält. Da eine entstellende Narbe jedem Menschen, er braucht dazu nicht besonders eitel zu sein, höchst unlieb sein muß, so liegt die Bedeutung dieses chirurgischen Fortschrittes klar zu Tage, ganz abgesehen don dem Werthe für die eigentliche Heilung der Wunde. Ollier führte als Beispiel einen bei Lyon lebenden Kranken an, der wegen einer ausgedehnten Brandwunde auf der Jrmenseite des Schenkels nach dem angedeuteten Verfahren behandelt wurde. Die Verletzung war schon vor mehreren Jahren geschehen, und die Wunde hatte ein so bösarttges Aussehen angenommen, daß bereits die Alnputatton des Beines in Erwägung gezogen wurde. Run aber bedeckte Ollier die Wunde, nachdem er dieselbe gründlich gereinigt, mit 8 Stücken gesunder Haut von je 20— 25 Quadratzenttmeter Grütze. Alle diese„Pfropfungen" faßten Boden, und nach einigen Wochen war die rohe Fläche der Wunde ersetzt durch eine wirkliche Haut mit Schweißporen, Haaren und allen anderen Eigenschaften normaler Haut. Ueberraschend war dabei noch die Bcobachmng, daß die Haut- stücke scheinbar an Fläche zunahmen, also sich ausdehnten, während sonst bei der Wundheilung die Haut bekamttlich schrumpft; Ollicr erklärt dies durch die Beweglichkeit der benachbarten Hauttheile, welche in allen Richtungen einen Zug auf die eingepflanzten Stücke ausübt.— Aus der Pflanzenwelt. t. Eine Nie senesche steht am südöstlichen Saume deS Thiergartens in Neustrelitz. Der majestättsche Baum ist eine Hochesche (Fraximus excelsior). Der Stamm erhebt sich aus einem Torfmoor- boden bis zur Höhe von 30 Metern; sein Umfang mißt in V« Meter Höhe über den Wurzeln 1 Meter 30 Zentimeter; in 2'/« Meter über dem Boden verschmälert er sich bis auf 4 Meter 35 Zentt- meter, um dann in 3V» Meter Höhe llnterhalb der Stelle, wo der erste, fast 2>/, Meter Umfang besitzende Ast sich abzweigt, wieder auf 4V» Meter anzuwachsen. Die Wurzeln des Baumes treten überall aus dem Boden heraus und haben das Erdreich in einem Umkreise von 36 Metern um ein halbes Meter emporgehoben. Das auffallendste an der Esche aber ist die gewaltige Ausbreittmg ihrer Krone, die, nach allen Richtungen etwa 15 Meter ausgedehnt, eine Fläche von etwa 700 Quadrattneter beschattet. Sachverständige schätzen das Alter de? Baumes auf rund 200 Jahre, was für die Qflche als höchstes erreichbares Lebensalter gilt. In der That hat der Baum die Blüthe seiner Lebenskrast längst überschritten; er treibt keine Blüthen mehr, große Aeste verdorren, und bald wird der Baumriese von einem Sturme gefällt werden.— �■ Meteorologisches. — In den vom preußischen Meteorologischen Institut her- ausgegebenen Ergebnissen der Gewitterbeobachtungen in den Jahren 18S5 und 1896 finden sich bemerkenswerthe Zusammen- stellungen über die Häufigkeit und die Vertheilung der Gewitter auf die verschiedenen Landestheile. Welchen Schwankungen die Gewitter- Häufigkeit in den verschiedenen Jahren unterliegt, zeigen die folgen- den Zahlen, welche die durchschnittlich auf eine Statton entfallenden Meldungen von Gewitter an die Zenttalstatton für die Jahre 1386 bi, 1396 der Reihe nach enthalten: 17. 15. 21. 32, 30. 33. 27. 27. 28, 32, 30. Im Jahre 1895 war die größte Zahl der Gewitter- tage, nämlich 65, aus Duingen gemeldet, dann kamen zu- nächst Osteickappeln und Königsberg i. Pr. mit 49, dann Waren- dorf i. W. und Celle mit 48 Gewittertagen. 1896 betrug die größte Zahl der Gewittertage 47 in Duingen, Malapane und Baranowitz. Auf die verschiedenen Landestheile vertheilten sich die Gewitter in folgender Weise: Die gewitterreichste Gegend war 1895 das Weser-Leine-Gebirge und der Solling mit 35,4'Gewittertagen; diesen Gebieten kamen am nächsten finit 33,8 Gewittertagen) der Teutoburger Wald und das Halberstädter Becken mit der Aue-Riede- rung. Sonst zeigte sich 1895 das westdeutsche Tiefland bis zur Elbe weitaus am gewitterreichsten mit 33,7 Gewittertagen; dagegen hatte das ostdeutsche Tiefland nur 23,1 Gewittcrtage, während das fönst Sewitterarme Schleswig-Holstein selbst 25,9 Gewittertage aufwies. twas höhere Zahlen von Gewittertagen wiesen in dem Tieflande zwischen Elbe und Oder die östliche Elb- und Havelniederung mit 31,5 und Mecklenburg mit 29,9 Tage» auf. Im allgemeinen hatte das Berg- land etwas mehr Gewitter als das Tiefland. Auch der sonst oft gewitterarme Harz gehörte zu den gewitterreicheu Gebieten, der Oberharz wies 30,6 Gewittertage auf. Auch das Riesengebirge mit 31,5 Tagen, das Glatzer Gebirge mit 29 Gewittcrtagen erhoben sich beträchtlich über die mittlere'Gewitterhäufigkeit. 1396 hatte das Glatzer Gebirge mit 32 Tagen die höchste Gewitterzahl, dem sich ziemlich nahe das Riesengebirge mit 30,2 Tagen anschloß. Aber auch oaS Tiefland-Schlefien zeichnete sich in diesem Jahre mit 30,7 Tagen als sehr gewitterreich aus. Auch das nordftänkische Bergland und daS Frankenland waren 1396 mit 30,5 Tagen sehr gewitterreich. Am Sewitterärmstcn war 1896 Schleswig-Holstein mit 16,4 Tagen. Im aeflande zwischen Elbe und Oder war Pommem westlich der Oder mit nur 18,3 Gewittertagen am gewitterärmsten.— Humoristisches. — Kathed«»blüthen. Sie pflegen auf offener Straße hinter jungen Damen herzugehen. Ich verbitte mir ein solches, dem Rufe unserer Anstalt nicht einsprechendes Benehmen für die Folge, zumal wenn diese meine Frau ist. Wenn man einer Dame auf der Straße begegnet, so muß man ihr nicht in die Augen sehen, sondern auf die Knopflöcher.— Der Torf aus dem Kreise Jnowrazlaw ist nicht etwa ein Torf wie der gewöhnliche Torf, der. wenn ich mich recht ausdrücken soll, in der Hand zerdrückt, zu Asche wird. Es ist vielmehr ein Torf, der sich schneiden läßt wie Speckschivarte, hart wie Essen und so gut wie Steinkohle ist.— Gummi ist nicht etwa, wie kleine Kinder gewöhnlich sagen, ein Theil von einem Theile eines Pferdes. Es ist vielmehr so etwas, was sich lang ziehen läßt.— Kakao ist, was bei uns eine Sau- bohne ist.— Weim Sie einen Hering auf einen schönen Teller legen und ihm eine Peterfilienstaude in den Kopf hinein stecken, dann wird er recht idyllisch aussehen. Versuchen Sie es mal!— Es ist ja totaler Blödsinn, wenn Sie einen Menschen ttef sinken lassen mit g; dann ist er noch kein Sumpfhuhn, sondern erst ein Bassist.— — Ein Radfahrer-Marterl. An der Straße zwischen Krems und Gföhl ist jüngst ein Bild airgebracht worden, welckes einen Ochsen darstellt, der mft seinen Hörnern ein Fahrrad auf- gespießt hat, während der dazu gehörige Radfahrer daneben auf dem Bauche ausgestreckt liegt. Darunter stehen folgende Reime: Den Franzel, den a Jeder kennt, Hat hier ein Ochs vom Radi g'rennt. O Radler, der Du fahrst zum Haferl, Sitz' ab bei diesem Martertaferl. Und merk, bergab niau immer schiebt, Dieweil es hier viel Rindvieh giebt.— Vermischtes vom Tage. — Unter den Schulkindern sind etwa 1 pCt. Stotterer; da? ergiebt für ganz Deusschland etwa 80 000. Bon je 1000 Rekruten mußten immer 2 wegen hochgradigen Stotterns zurückgestellt werden.— — Bei einem durch Selbstentzündung von Watte entstandenen Feuer brannte eine Kleiderstoff-Weberei und Wattefabrik in W e r d a u vollständig nieder.— — Ein Kinder-Leichenwagen gerieth in Hannover zwischen zwei elektrische Straßenbahn-Wagen und wurde zertümmert. Der Sarg wurde herausgeschleudert. Der Vater und die Schwester des verstorbenen Kindes erlitten schwere Verletzungen, denen die letztere erlag.— — In Koblenz goß ein Dienstmädchen Petroleum rnS Ofenfeuer, dabei explodirte die Kanne und das Mädchen ver- brannte.— — Auch in Wien ist eine Ausstellung von Ansichts- Postkarten eröffnet worden, die nicht weniger als 6000 Stück enthüll. Der Gedanke der Postkarte mit Abbildung ist im Jahre 1887, also vor elf Jahren, fast gleichzeittg in Oesterreich und Deutsch- land aufgetaucht. Ussprünglich waren es Geschäftsleute, die ihre Postkarten mit dem Bild ihrer Verkaufshäuser u. s. w. ausstatteten. Die ersten Ansichtskarten erschienen in Lichtdruck, jetzt giebt es loohl kein einziges der etwa 30 verschiedenen Verfahren der Verviel- fältigung, welches nicht zur Anwendung gelangte.— — lieber Wien ging am Sonnabend ein Wolkenbruch mft Hagel nieder, der große Schäden anrichtete.— — Das Schiff„Hoffnung", von Charlestown nach Harburg unterwegs, ist mft der Besatzung verloren. — Der Kapitän der nach Masseille segelnden englischen Bark „Monte Allegro" wurde auf hoher See von dem ersten Schiffsoffizicr ermordet.— — Eine Feuersbrun st zerstörte inRischni-Nowgorod 200 Wohnhäuser und eine Kirche. Der Schaden wird auf 2>/2 Mill. geschätzt.— — Ein großes Feuer äscherte in Konstantinopel m wenigen Stunden ein ganzes Stadtviertel, viele Magazine, Schulen und eine Moschee ein.— — Eine Zeitung in altgriechischer Sprache wird in Washington unter dem Titel„Spiegel des Orients" von Stu- denten der dorttgen Universität herausgegeben. Sie berichtet nur über Dinge, welche sich auf das Alterthum beziehen.— — Die meisten jetzt in den Vereinigten Staaten als H a v a n a« Zigarren verkauften Zigarren sind aus Birginia-Tabak. Das Rohmaterial geht direll aus Virginien nach Portorico. In Portorico wird es umgepackt und als Portorico-Tabak nach Havana geschickt, dort zu Zigarren verarbeitet und als.echte HavanaS" nach den Vereinigten Staaten exportirt.— — In Nord-Kiangsu in China herrscht Hungers» n o t h. Hundefleisch wird als Delikatesse verkauft. Das Voll lebt meist von grünen Weizenreisern, gettockneten Bohnen und dergleichen, Kinder werden in groger Zahl verkauft und verschenll.— — Im Kamtschatka-Meere(Sibirien) war der Wal« f i s ch f a n g in diesem Jahre sehr ergiebig, von 1897 bis zum Januar 1893 wurden dort insgesammt 220 Walfische gefangen. Diese lourden in der Bucht Haidamak verarbeitet und ergaben 20 000 Pud Leberthran. 70 russische Arbeiter und, für die gröbsten«rbetten, eine Anzahl Chinesen, Japaner und Koreaner waren hierbei tu schästigt.—-____ Berannvortlicher Redakteur: August Jarobey in Bcrlt». Druck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.