Nr. 101. Mittwoch, den 25. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) ß] Die Bult uttftofvoh en. Von Georg Hermann. Schon hört man im Nebenzimmer dieselbe wohleinstudirte Rede:„Aeh, meine Herren, äh, mache Sie darauf..." „Aber Lintrowchen, warum sind Sie denn aufgestanden?" „Na, denken Sie vielleicht, ich will nicht vorwärts kommen? Wenn man es nur im geringsten hier weiterbringen will, dann rnuß man doch zum mindesten vor dem Sekretär aufstehen, vor dem Vorsteher sich verbeugen und vor dem Geheimrath auf dem Bauch rutschen... Also!... Zahl oder Wappen... Wappen?! Beinahe den Thaler!" Dieses Mal hatte Lintrow gewonnen zum großen Aerger Klüwer's. „Was kann das schlechte Leben nützen? Wollen wir nicht bald etwas thun, Lintrowchen?" «Ach, ich habe heute soviel Lust zum Arbeiten, wie der Bär zum Tanzen. Ich sehe auch garnicht ein, warum gerade ich mich opfern soll. Lassen Sie doch das den höheren Be- amten. Die II... Erst geht man auf die Hochschule, denn das Geld hat man ja dazu. Da wird gebummelt, gesoffen, gcrausboldet— denn das Geld hat man ja dazu. Endlich nach fünfzehn Semestern fällt man das erste Mal beim Examen durch. Na, immer kann man ja doch auch nicht durchfallen, deshalb besteht man das zweite Mal. Nun antichambrirt man und lauert vom Morgen bis zum Abend, bis man eine Anstellung bekommt, dann kann man sich der- heirathcn, und das thut man auch, aber ja nicht unter hundert- tausend. Jetzt läuft man täglich drei Stunden in den Dienst und sieht sich die Akten und Verfügungen an, die von oben nach unten und von unten nach oben gehen, die meisten von außen, die wenigsten von innen, macht, daß man nach Hause kommt, und des Abends beim Stammtisch, da jammert man dann über die Ueberbürdung der höheren Beamten." „Sie waren wohl'mal höherer Beamter, daß Sie das so genau kennen?" stichelt Lorenz. „Ach I Reden Sie doch nicht. Mit dem Bankier sieht es noch viel, viel fauler aus. Er steht um halb Zehn auf, sie erst um Zehn. Er sagt ihr, er muß zur Börse, geht aber zu seiner Balleteuse. Sie sagt ihm, sie fährt zu Gerson, empfängt aber ihren Hausfreund. Nachdem er mit seiner Balleteuse gefrühstückt, prügelt er sich bis drei Uhr auf der Börse herum, kommt heim, ißt. trinkt, schläft; abends Theater; Schluß Drcssel. Morgen dieselbe Vorstellung. Zum Sommer reisen beide ins Bad. Er nach Vaden-Badcn, sie nach Herings- dorf. Nein, der Bankier soll man ganz stille sein, der taugt schon garnichts." Der kleine Lorenz ist Puterroth geworden, er weiß nicht, ob er lachen oder schimpfen soll. Lintrow wird immer lebhafter und erregter, trotzdem ihm augenscheinlich das Sprechen schwer wird, und er häufig inne halten muß, um zu husten. Plötzlich tritt Klüwer auf ihn zu, legt ihm beide Hände auf die Schultern und sieht ihm in die Augen. „Noll me tangere! Noll me tangere! Sie wollen mich doch nicht etwa anpumpen, alter Freund? Ich freue mich, daß ich allein nichts habe." „Nein Sagen Sie'mal, Lintrowchen, haben Sie Fieber?" „Möglich I Garnicht unmöglich!" „Aber, Sie werfen ja Blut aus?" „Ach— das schadet nichts, das thue ich öfter." Er der- suchte zu lachen. „Wenn ich die richttge Schwindsucht hätte, lebte ich schon längst nicht mehr." „Gehen Sie doch lieber nach Hause, legen Sie sich ins Bett." „Wohl damit Sie meine Flasche Bier austrinken? Giebt's nicht!" „Gehen Sie nur nach Hause." „Unsinn, ich darf nicht"fehlen I Ich muß jeden Heller haben. Ich, ich.. fühle mich ja verhältnißmäßig ganz wohl, lassen Sie sich nur meinetwegen keine grauen Haare wachsen, Sie haben schon genug von der Sorte. Rathen wir noch Eine aus?" „Nee, morgen, Lintrowchen." „Na, Lorenz, wir?" „Ich trinke nichts mehr." „Da muß ich mir schon alleine eine kaufen." „Soll ich Ihnen noch eine bringen, Herr Lintrow?" ruft der Oberkellermeister, der das Gespräch mit angehört hat. „Nachher, ich habe ja noch hier." Der kleine Lorenz beginnt plötzlich zu lachen. Erst grinst er still vor sich hin, dann wird er lauter und lauter, und endlich windet er sich beinahe, so durchschüttelt ihn die Heiterkeit. Na, was haben Sie denn, wer kitzelt Sie denn so. Lorenzchen?" „Da ist mir gestern eine ganz merkwürdige Sache passirt. Also ich gehe die Viktoriastraße entlang, mit einem Male kommt da ein ganzer Haufen Menschen angelaufen, gerade auf mich zu, und vorn weg, rennt einer was er kann. „Haltet den Dieb I! Haltet den Dieb!!" brüllt alles. Also ich werfe nüch sofortmuf den Menschen, fahre ihm mit meinem Husarengriff über d»n Kopf,„will der Kerl stehen!" donnere ich ihn an. Er reist sich los, ich bekomme ihn noch'mal zu packen:„Will der Kerl'mal stehen I" schreie ich; ich hätte den Burschen ja dezimirt, wenn er noch einen Muck gethan hätte. Dann haben sie ihn nach der Wache geschafft." Der kleine etwas verwachsene Herr ist aufgesprungen und fährt mit seinen langen Armen in der Luft umher, als ob er jemand packe, durchschüttele und zu Boden werfe. Er erinnert mehr denn je an ein Aeffchen. Klüwer und Lintrow sehen einander an und zwinkern mit den Augen. „Ach, erzählen Sie das doch jemand, der keine Krempe am Hut hat." „Lassen Sie sich durch den da drüben nicht stören, Lorenzchen, nur weiter, ich höre so etwas gern, schon wegen des angenehmen Gruselns." „Aber, meine Herren, ich versichere Ihnen, daß es wahr ist." Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Daran hat ja nie jemand gezweifelt. Ich sehe, wie Sie noch die Rettungsmedaille bekommen. Sie sind ja'n Mords- kerl, Lorenzchen. Vorgestern halten Sie das durchgegangene Pferd auf, gestern bringen Sie den Kerl zum Stehen, morgen ziehen Sie gewiß Einen aus dem Wasser. Na, haben Sie sie schon I Dann reden Sie aber sicher nicht mehr mit uns. Nee, Lorenzchen, daraufhin müssen Sie ein paar Pullen zum besten geben. Denken Sie nur'mal, wie die Sache hätte ablaufen können, wenn der 5kerl. und ein Mensch, wenn er gereizt ist, ist zu allem fähig, ein Messer genommen und Sie todt- gestochen hätte? Dann hätten wir doch keinen Herrn Lorenz mehr. Nein, daraufhin müssen wir eins trinken, wegen wunder- barer Errettung aus Lebensgefahr." „Sie wissen ja gar nicht. Herr Lorenz, was es für schlechte Leute auf der Welt giebt," drückt Lintrow sein Pet- schaft auf. „Machen Sie doch nicht solchen Lärm dahinten, man kann ja hier garnicht ruhig schlafen," unterbricht ein Zwischen- ruf vom Nebentisch. „Wenn Sie hier schlafen wollen, gehen Sic wo anders hin." „Nein, meine Herren, ich trinke nichts mehr." „Aber, Herr Lorenz!" „Na, wie gesagt, Herr Lorenz, dann legen Sie sich nur den Groschen auf die hohe Kante." „Ich an Ihrer Stelle, Herr Lorenz, würde mich in diesem Fall, wo es so klar auf der Hand liegt, daß Sie nur mit einem blauen Auge der höchsten Gefahr entronnen sind, über- Haupt nicht so lange nöthigen lassen. Sie kommen mir wirk- lich vor wie ein Maikäfer, den man auch immer erst anpusten muß, wenn er krabbeln soll. Sie brauchen mir das nicht weiter übel zu nehmen, aber es ist so." Der arme Lorenz muß wohl oder übel die Waffen strecken. Hoffburg bringt zwei Flaschen. „Na, Sie Unterkellcrmeister, die Stiefel sind wohl zerriffen, weil Sie Gummischuhe tragen?" „Wissen Sie, Herr Lintrow, Leute, die sich Gummischuhe leisten, können sich auch ganzes Schuhwerk leisten." „Das wollen wir durchaus nicht so schroff hinstellen, die Sache wird wohl so liegen: der Gummischuhhändltt pumpt noch und der Stiebelfritze thut's nicht mehr. Na! Sehen Sie! Haben wir's doch gleich. Adieu.— Grüßen Sie Ihre Freundin von nebenan aus dem Schlächterladen, und sagen Sie ihr, ich werde sie bald mal wieder abends bc- suchen— und ein Viertel Schinken kaufen. Was glaubten Sie denn•?" Trotzdem es Lintrow sichtlich schwer wird, Luft zu be- kommen, und er oft hustet, daß ihm die Augen ans den Höhlen quellen, wird er immer lustiger und spöttischer. Er führt mit dem Doktor ein durchaus sachliches Gespräch über Spektralanalyse und schließt jeden Satz ganz crnsthast mit den Worten:„Meinen Sie nicht auch. Herr Kollcga Als Lorenz sich eine mißliebige Kritik über das Können und Wissen des Doktors erlaubt, weist er ihn einfach mit einem„Bringen Sie es erst einmal so weit im Leben wie der Man», und dann reden Sie," zur Ruhe. Aber plötzlich, mitten im Satz, bricht Lintrolv ab. er war soeben dabei, die Blumensprache zu kommcntiren:„Nelke — Sehnsucht nach Ihnen verzehrt mir beginnt am ganzen Körper zn zittern und bedeckt mit der Hand die Augen. „Na, Lintrowchen. wat hatte denn „Jetzt.. ist.. es.. Zeit; jetzt....muß ich... nach Hause." Gehen Sie hinein zum Sekretär, entschuldigen Sie sich." Lintrolv erhebt sich, um in das Nebenzimmer zu gehen, macht zwei Schritte, schwankt, tamnelt und schlägt seitlich gegen das Regal, eine willenlose Masse. Bevor er vollends zu Boden gleitet, gelingt es dem alten Klüwcr, ihn unter die Arme zu fassen und aufzurichten. „Na, Lintrowchen, nur Muth, das ist ja nicht so schlimm", er streichelt ihn wie ein Kind. „Ja, ja... mir ist... auch... schon... besser." „Herr Lintrow ist wohl besoffen?" fragt Hubert, der sich freut, einmal einen Genossen zu finden. „So... nüchtern... wie... Sic... nie bisher waren." „Halten Sie Ihren Mund, Sie Dummkopf!" fährt der Alte den jungen Menschen an. daß er sich ganz scheu zurückzieht und nicht ein Wort zu erwidern wagt. Der Sekretär, der wohl den Lärm gehört hat, kommt hinzu. „Bitte, Herr Lintrow. wenn Ihnen nicht wohl ist. gehen Sie nur nach Hause, hoffentlich können Sie aber Ihre Arbeit bald wieder ausnehmen." Wir bringen ihn hinaus. Einer hat inzwischen eine Droschke geholt und sie schon auS seiner Tasche bezahlt. Der Alte hebt Lintrow in den Wagen. Als wir wieder hereinkommen, fragt Lorenz:„Meinen Sie, Herr Klüwcr, daß er bald wieder kommt?" Der eisgraue Heilige legt seine Hand an den Bart und sieht den kleinen Banquier lange und traurig mit seinen großen, grauen Augen an. „Den haben wir heute zum letzten Mal gesehen, Lorenz, der konimt nicht wieder. Schade.." und nach einer Weile, „Herr Hoffburg, bringen Sie nur noch eine Flasche, aber bitte, nicht so kalt, wie die vorige." „Glauben Sie. Herr Klüwer, daß die Beschäftigung hier noch lange dauert? Ich.." „Lange? Doch höchstens noch zwei Wochen. Ich habe schon eine neue Stellung als erster Buchhalter in einem Tuch- geschäst zum Ersten; vielleicht kann ich sie auch noch früher antreten." Lorenz hat sich verfärbt und schaut einen Augenblick sehr bekiinnnert darein, aber schon hat er den richtigen Ausweg gefunden. „Das freut mich, Herr Klülvcr, ich habe auch gestern definitiven Bescheid erhalten, ich trete am Ersten einen sehr gut dotirten Posten— als Disponent in einem ganz großen hiesigen Bankhaus au, ich hatte ja diese Bureauarbeit so wie so nur provisorisch angenommen, bis sich etwas Besseres böte."— 22. Mai. Am nächsten Tage fehlte Lintrow. Es war wohl niemand. dem er nicht einmal etwas am Zeuge geflickt hätte, niemand, dem er nicht bei günstiger Gelegenheit eine kleine, aber bittere Pille zu schlucken gegeben, und doch vermißten sie ihn heute alle. Mit seinem Weggang war es nierkwürdig still geworden. Klüwer, welcher in ihm seinen besten Partner verloren hatte, Fkschien ohne Gegenspiel ärmlich und eintönig. Hier und da wurde es auch schon laut, daß es mit der Herrlichkeit bald zu Ende wäre; wer es aufgebracht hatte. wußte man nicht, aber plötzlich durchschwirrte die Neuigkeit das Zimmer. Keiner sprach sie eigentlich aus, und doch hörten sie sie alle. Sie legte sich wie ein Nebel schwer und lastend auf die Gcmüther, verdüsterte die Mienen, umflorte die Blicke. Man begann, sich ungemüthlich in den Räumen zu fühlen, als wären sie Hotelzimmer, die man in wenigen Stunden verlassen muß. Mehr und mehr verlor man das Gefühl der Zusammengehörigkeit, wie wenn man schon auseinandergeblasen wäre. Der einzige, der vielleicht hierüber hätte hinwegtäuschen können, war nicht mehr da. (Fortsetzung folgt.) Gro�v Vevlitrvv VtunpfoitsJfclhmji. ii. Von der Kolonie der Worpsweder(bei Bremen) war schon vor zwei Jahren hier die Rede. Die„Flucht zur Natur", die so charakteristisch für die moderne, intime Landschaftsmalerei ist, hat von Feit immer einzelne Gruppen bewogen, sich, fern vom Lärm des Tages, in einem stillen Erdenwinkcl niederzulassen und in die Einsamkeit gleichsam zu vergraben. Jean Jacques Rousseau schon predigte die Rückkehr zur Natur, zur Einfachheit des Landlebens, als seine Gesellschaft sich in unbefriedigter Sehnsucht verzehrte. WaS dem weltmännischen Voltaire, der bereits neue Ideale von Geistessreiheit aufdämmern sah. zu dem bösartigen Witzworte verführte: Er fühle schon, wie er ivieder auf allen Vieren zu gehen lerne. In der Gegenwart giebt es wohl kaum ein eindringlicheres Beispiel dieser Flucht zur Natur, als die Vereinigung der Worps- weder. Fast völlig abgeschlossen, eins mit der Landschaft und dem bäuerlichen Leben, geben sich die Worpsweder auf ihrem niederdeutsche» Boden der intimsten Naturbctrachtung hin. Solche Liebe hat ihre Vorzüge, die Bilder der Worpsweder sind ehrlich gesehen, warm und wacker ausgeführt. Aber am Ende rächt sich jede Bcdiirfnißlosiqlcit in künstlerischen Dingen. Es ist ja schön zu sagen: wir verzichten auf alle geistreiche Kunst. Wir bringen einen Naturausschnitt ohne Künstelei. ohne Tiftclci. Solches Verweben und Verwachsen mit einer bestimmten Landschaft hat zn Zeiten, wenn die Kunst völlig in akademische Konvention überging, rcvolutionircud gewirkt. Allein für die Dauer führt es trotz allem zur Spezialität, wenn auch zur feinsten, zarten Spezialität. Die einzelnen Künstlcrpersönlichkeiten bekommen einen zu deutlichen Zug von Familienähnlichkeit; und die befruchtende Jdecnfülle bleibt ans. In den Tagen der naturalistischen Herrschaft pflegt zwar stets ein heftiger Kampf gegen die sogenannte„Ideen- fülle" zu entbrennen. Der glcichgiltigftc Kohlackcr sei für die Kunst dasselbe wie ein Märchenparadics. Aber man kann doch nicht Kohl- acker um Kohlackcr malen, das verfeinerte Temperament wird der geistig-ideellen Anregungen nicht entbehren können. Man kann sich nicht in Einsamkeit vergraben und sich losreißen von der Welt, die uns umgiebt, und von ihren mannigfaltigen Bestrebungen. Die Worpsweder sind nicht als Gruppe zu uns gekommen. Es sind nur wenige Bilder da, von Vogcler und von Mackensen. Schon versucht es Mackensen, den Menschen und nicht vlos die Landschaft zu schildern. Alis Genrebild reicht seine trauernde Familie. Mit der Anekdoten- und Novcllcimialcrci hat die naturalistische Periode wohl nicht völlig aufgeräumt, aber diese Sächclchen, die häufig glatt polirt oder gruselig vorgetragen waren, drängen sich selbst auf mittelmäßigen Ausstellungen, wie der diesjährigen in Berlin, nicht entfernt mehr so vor, ivic in früheren Zeiten. Noch drängt sich um solche Gcschichtchcn mitunter eine kunstfremde Menge, die zunächst fragt: Was stellt das vor? Als ob der Künstler zu plaudern und nicht vielmehr anschaulich darzustellen hätte! Von der leeren Anckdotcumalerei suchen sich im allgemeinen auch die genrehaftcn Gemälde, die wieder zahlreicher werden, fern- zuhalten. Ein farbiger Vorgang, eine vclvegte Stimmung, nicht die Lust am Fabuliren reizt die Künstler. Bei den Düsseldorfern, deren Kunst trotz Sezession seil Jahren schon einen beschaulichen, man möchte fast sagen, quictistischcu Eindruck lnntcrläßt, fand das Genre immer viel Anklang. Traucrerfüllte Vorgänge lvählcn ihre Besten gerne, wie Arthur Kampf(„Abschied"). Otto Hei che rt pflegt diese Vorgänge noch mit lebhaftem Nachdruck zu begleiten. Es würde zu weit führen, die Einzelheiten der Reihe nach auf- zuzählen und es gäbe nur eine Namenliste. Es sind eveu der charakteristischen Erscheinungen nicht allzuvicle bei den Düsseldorfern, wie in der gcsammtcn Ausstellung. Der erste Mann unter den Düsseldorfern, Eduard v. Geb- Hardt, fand mit seinem„Elias" einen Platz im„Ehrensaal". Wenn's nach der Masse ginge, müßte man meinen, die religiöse Malerei fei wieder neu belebt. Und doch reicht an Innigkeit laum eins der vielen Werke an Gebhardts Arbeit heran. Meist sind es Umfchrcibungen für Idyllen, genrehaste Vorgänge, allein iMc_ feurige Empfindung fehlt. Der Münchener Uhde ist diesmal nicht erschienen. Manches dieser religiösen Bilder ist ganz zart aufgefaßt, ivie die „Bauernmadonna" des Wieners Goltz. Aber ein Zug von Süßlich- kcit schleicht sich hinein. Weiche Zartheit ist überhaupt für die wenigen Bilder der Wiener Schule bezeichnend. Man sehe die„Mährische Alachlandschast" von Robert Ruß. Aber Energie und kraftvolle Temperamente scheinen zur Zeit bei den Wienern nicht daheim zu sein. Es gelang auch dieser Kommission nicht, die nichtdeutsche Kunst völlig auszuschließen. Ein paar englische Maler, die sich der Münchencr Sezession anzuschließen pflegen, mußten berücksichtigt werden. Spanier und Italiener, die für die internationalen Liebhaber arbeiten, sowie die Niederländer haben etliche Gemälde eingesandt. Auch unter ihnen finden sich jene erstklassigen Bilder nicht, die eine Haupt- anziehung der Ausstellungen bilden, sei es, daß sie umstritten, sei es, daß sie anerkannt werden. Auf der ersten Jubiläumsausstellung in Berlin war das Er- scheinen Englands eine Ueberrafchung. Es sind seitdem mehr als zehn Jahre verflossen, und das Vorurtheil, das damals gründlich be- seitigt wurde, ist nun völlig entwurzelt. Damals war es Grund- satz, den Engländern in den Künsten Werth abzusprechen. Nur Wenige wußten von dem individuellen Reichthum, der sich in insularer Abgeschlossenheit in England entwickelt hatte. Heute weiß man, in welchem Jrrthum man befangen war und welchen Vormarsch England, besonders in kunstgewerblicher Beziehung, genommen hat. Der phantasievolle Robert F o w l c r, der in München zuerst auf dem Kontinent bekannt wurde, ist nun auch in Berlin mit mehreren Gemälden erschienen sBeginnende Nacht, Apollo und die Musen, Der alte Matrosesi nicht so sehr von weicher Empfindung erfüllt, freier und lebhafter, sind die luftigen Phantasien des be- rühmten Walter Crane; Brangwyn bleibt seiner Manier treu, seine Bilder, wie den Bacchusgang. nach dekorativen Absichten hin- zumalen. Sie sehen aus wie alte Gobelins. Auch diese Manier hat Freunde und Verehrer gewonnen. Hubert Herkoincr, Bayer von Geburt, aber vollständig in dem englischeu Wesen aufgegangen, bringt nebst dem Porträt des Prinzregentcn ein interessantes Bildniß von Booth, dem General der Heilsarmee. Eins der fesselndsten Bildnisse der Ausstellung rührt ebenfalls von einem Ausländer her, es ist von dem Vriisjclcr VerHeyden gc- malt und stellt den originellsten Bildhauer im heutigen Belgien, Herrn Constantin Meunicr dar. In nachdenklicher, ein wenig vorn übergebengtcr Haltung steht Meunier da, nachsinnend, mit einem Leidenszug ist das Gesicht aufgefaßt. Sonst fehlen einige der trefs- lichcn Landschafter Belgiens nicht, wie Constcns und Mcsdag. Von den Spaniern, die in Rom leben, sei auf ein bcmerkcns- wenhcs, lebensvolles Herrcnbildniß von Jos« V i l l e g a s hin- gewiesen. In der Abtheilnng für Stiche und Radirui'gen findet sich manches interessante Blatt, wie von Hans am Ende, M. Brandenburg und anderen; aber wesentlich Neues ist nicht aufzufinden. Manchem der Leser wird vielleicht ein Zyklus von Radirungen, die den Wcbcraufstand illustrircn, von Käthie K o l l w i tz anziehen. Den Skulpturen ist. wie bereits im Vorbcricht erwähnt wurde, diesmal ein ziemlich reicher Raum bemessen worden. ES ist Unmöglich, sie an dieser Stelle anders als summarisch zu würdigen. Berlin ist in seinen Bildwerken lebendiger, vorgeschrittener, als im Durchschnitt seiner Gemälde. Es giebt zu thun in Berlin, und das allein führt z» mannigfachen Anregungen. Von Max Kruse ist eine hübsche Sammelausstellung vcran- stallet, in der auch die Art, wie Kruse die Holztcchnil z. B. bei den Büsten Hauptnrann's, Licbermann's, der Mutter dcS Künstlers handhabt. Aufmerksamkeit verdient. Eine zweite Sammel- auSstellung zeigt eine Anzahl von Arbeiten des früh verstorbenen Nicolaus Geiger. Gustav Eberl ein hat mehrere seiner lieblich be- wegten Gruppen zur Schau gestellt. Ein Bildwerk Ebcrlcin's: „Goethe berrachtct Schiller» Schädel" hätte ich mir empfindungs- vollcr gedacht.— Die»reisten Besucher in der Abtheilnng siir Skulptiircn wird sicherlich van der Stappcn's Samlnelansstellung anlocken. Bei diese»! Ausländer hat die strenge Jury eine Aus- nahnie gestattet und ihm einen ganzen Saal eingeräumt. Freilich ist Vau der Etappen belgischer Akadcmiedireklor. Die Sammelausstellung ist jedenfalls von Bedeutung. Ein kräftiger und geistvoller Bildner ist van der Stoppen. Das ersieht man aus seinen Bronzebildnissen und wtatnctlcn, wie aus den markigen„Städte-Erbauern". Man weiß, daß der Besuch der großen Kunstausstellungen von Berlin nicht allein vom Werth des Gebotenen abhängt. Der Aus- stellungspark in Moabit, die Promenaden bei Militärmusik, freund- liche Sommcrtagc, großstädtisch- geselliges Leben: das alles wirkt mit, um den Berliner Ausstellungen auf alle Fälle eine finanzielle Garantie zu bieten. Allein es bleibt doch frag- sich, ob auf die Dauer daS ganze AuSstcllungswcscn nicht bccinträchsigt würde, wenn man fortführe, sich so zu beschränken, wie man cS in den letzten Jahren übt. Vom Wetteifer mit München üst keine Spur mehr; noch ein paar solcher Ausstellungen, wie die diesjährige, deren gute Einzelheiten nichi verkannt werden sollen, und es trilt völlige Glcichgiltigkcit und Abgestumpfthcit ein. Die pflichtgemäß ausgeführten Zeitiingsbcrichtr. und seien sie noch so lokalpatriotisch gesärbt, können kein wärmeres Interesse wachrufen, wenn nichts da ist, woran sich das Publikum cnlhusiasmiren könnte, oder warum es zu tämpscn lohnt. Heimische Künstler iveiscn gerne auf London hin, wenn sie mit Ingrimm aus internationale Veranstaltungen zu sprechen kommen. Es ist wahr, die Künstlerschaft von London hält sich gerne ab- geschlossen. Aber sie ist reicher'an Persönlichkeiten, der kaufkräftige Engländer ist auf den internationalen Plätzen, wie sie Paris rnrd München für die Kunst bedeuten, viel, viel mehr zu Hause, als der Deutsche etwa in Paris oder London es wäre. ES ist gewiß ein Jammer mit den jährlichen. Masseimiärkten. Woher sollten auch alle Jahre die großen Thaten kommen? Es wird meist nur eine ganz bescheidene Ausbeute möglich sein. Will man jedoch mit den Jahresausstellungen, in denen so viele Hoffnungen der Künstler begraben werden, nicht brechen, so muß man wenigstens zu dem früheren System der internationalen Kunstschau zurückkehren. Auf sich allein gestellt, oder vorzugsweise auf sich gestellt, bietet Berlin zu wenig Anregung. Die Erfahrung könnte man aus der diesjährigen Ausstellung geschöpft haben.— Alpha. Vleines Iseuillokon — Lohcngriu's Schwan auf der Themse. In London war dieser Tage eine ebenso reizende wie zweckmäßige Erfindung zu sehen, bei' der Lohengrin's Schwan eine Hauptrolle spielt, und die den Marinc-Jngenieuren. und Schiffsbanern auf der Themse vor- geführt wurde. Die Idee, die dieser Erfindung zu gründe liegt, be- zweckt, das Geräusch und die Vibrationen der in den Schiffskörpern befindlichen Motoren dadurch zu vermeiden, daß die letzteren nicht in den Fahrzeugen selbst angebracht, sondern in einem Miniaturschiffchen eingebaut und dann, ähnlich wie die Loko- motiven zu Lande, als Vorspann für die Fahrzeuge zu Wasser verwendet werden. Die neue Propulsionsmethode ist zunächst nur als Trcibkraft für Boote auf Flüssen und anderen Binnen- gcwässern gedacht. Sic erfüllt diesen Zweck, wie die Versuche ergeben haben, in vorzüglichster Weise. Der kleine schwimmende Schraubenproprellcr, mtt welchem die Versuche auf der Themse statt- fanden, war durch eine Aluminiumhülse in der Form eines Schivanes, der nur etwas größer war als ein ivirklicher Schwan, vollständig eingedeckt. Die Verkuppelung des Motors mit dem Boote erfolgte einfach durch Einhaken einer am Bug des Kahnes befindlichen und dort prorotirend befestigten eisernen Stange in einen über die Schiffsschraube hinausragenden Ring des vorgespannten Maschinchens. Der Propeller wird entweder durch den elektrischen Strom einer Akkuniulatorenbattcrie oder durch eine kleine Petroleum- rcsp. Acthermaschine in Umdrehungen versetzt, während das Jngang- setzen oder Abstellen durch Umlegen eines Hebels erfolgt. Das Ankuppeln des Motors kann an jedem gewöhnlichen Boote erfolgen, an dessen Bug nur die Zugstange angebracht worden ist. Zweckmäßiger und weit hübscher ist es indessen, dem Boots- körpcr eine eigenartige Gestalt zu verleihen, wie dies bei dem Versuchsboote der Fall war. Dies war in Fornr einer venesianischen Gondel gebaut, deren Rudcrvorrichtungcn zwar vorhanden waren, aber nicht benutzt wurden. Im Bug derselben befand sich ein be- sondcrcr Sitz für die das Fahrzeug lenkende Person, welche das Steuern des Schivanes, ähnlich wie beim Lenken eines Pferdes mit Hilfe zweier Zügel bewerkstelligte. Bei der Versuchsfahrt auf der Themse erfolgte dieses Lenken durch eine junge Dame, die das Manövriren des mit 6 Passagieren besetzten Boolcs mit bcmcrkenswcrthcr Ge- schicklichkcit ausführte. Ein Ponywagen hätte jedenfalls nicht so leicht wie das ncnc Lohengrinboot gehandhabt iverden können, denn die junge Führeriii ließ das Fahrzeug niit voller oder halber Ge- schivindigkeit vor- und zurückgehen, wendete dasselbe in einem Kreise, dessen Durchinesscr nicht viel größer war als die Länge des Bootes, oder ließ es angcnblicklich halten. Die zweckmäßige Erfindung, welche sich voraussichtlich rasch verbreiten wird, hat nicht nur in den Kreisen der Frcimdc des Wassersport», sondern auch bei den cngli- scheu Künstlern und zumal bei den Bildhauern das größte Jntcrcffe erweckt. Schon sind zahlreiche der letzteren dainit beschäftigt, neue Gebilde für Bcrdeckung der kleinen Motore zu entwerfen.— Kunst. — Gin belgische? Komitee, dem hervorragende Mitglieder der Künstler- und Beamtcnwclt dieses Landes angehören, läßt Ein- ladungen, zu eincni„internationalen Kongreß für öffentliche Kunst" nach Brüssel ergehen. Aufgefordert zur Bctheiligung iverden Negicrungen und Gemeinden, künstlerische und gelehrte Körperschaften, Künstler und Aeslhctiker aller Länder. Der Kongreß soll vom 24. bis zum 28. September d. I. dauern. Die Fragen, die erörtert werden sollen, sind eingehender Besprechung Werth. Zu erwähnen sind besonders folgende:„Ist es angezeigt, daß die Behörden in Angelegenheiten der öffentlichen Kunst ein- greifen?"„Ist es angezeigt, daß die Machtbefugnisse der Behörden in Hinblick ans das Aesthetische ausgedehnt werden, namentlich was Straßen und Gebäude betrifft?"„Wie muß man die Exzesse gc- schmackloscr Reklame bekämpfen, die das Bild der Städte und Land- schaftcn verdirbt?"„Welche Rolle soll die Aesthetik in Erziehung und Unterricht spielen? Welche Methoden sind eventuell für diesen Zweck zu empfehlen?"„Giebas Maßregeln, durch welche die Behörden ans die ästhetische EntWickelung der Bevölkcnmg wirken können?" „Künstlerische Plakate und illustrirte Bücher zum Zwecke der„Volks- crziehung."„Ist es nicht angezeigt, für die verschiedenen Zweige des Kunstgewerbes praktische Schulen zu schaffen?" Belgien steht in der Gegenwart, was planmäßigen und allgemeinen Kunstbetrieb angeht, vor allem auch im Kunstgewerbe, allen anderen Ländern voran. Man darf daher erwarten, daß diese Bewegung zu praktischen Resultaten gelangen wird. Die Idee, daß Behörden„Machtbefugnisse" auch in ästhctijchcn Fragen erhalten sollen, ist an sich nicht so übel. Nur dursen sie dann nicht so zusammengesetzt sein wie die preußischen. Das könnte sonst etwas Schönes werden, wenn die Herren, die bei uns an den grünen Tischen sitzen, über Fragen des Geschmacks mit- reden sollten.— Vöskerkunde. c.e. Ein Wettermacher. Inden indisch en Z entrak- Provinzen giebt es einen Beamten, der die Pflicht hat, Hagel- schlüge, übermäßigen Regen, Dürre und andere Uebelstände eines schlecht gelaunten Klimas abzuwenden. Er führt den offiziellen Titel .Charpagari" und erhält von der Einwohnerschaft der Dörfer, die für seinen Unterhalt Sorge zu tragen haben, eine regelmäßige Besoldung in Naturalien. Wenn es ihm gelingt, in einer kritischen Zeit atmo- sphärische Kalamitäten abzuwenden oder nach einer langen Dürre segenspendenden Regen heraufzubeschwören, so wird sein Ämtsgehalt in liberaler Weise erhöht. Das in die Geschicklichkeit dieses Wetter- machers gesetzte Vertrauen ist so groß, daß er anläßlich eines Bc- suches irgend eines hervorragenden Europäers feierlich in ein Dickicht geführt und instruirt wird, für das öffentliche Wohl, d. h. für Regen, zu beten, richtiger zu heulen. Nun kommt es ja vor, daß die Stimme des Rufers in der Wüste scheinbar eine günstige Wirkung erzielt. In den meisten Fällen ist jedoch die mnnittelbare Wirkung des frommen Geheuls gleich Null. Dann ist das Laos des Wettcrmachers ein hartes, neftrauriges. Von dem höchsten Gipfel seiner Macht wird er in den tiefften Abgrund der Erniedrigung gestürzt. Man giebt ihm ohne weiteres einen Amtsnachfolger, zwingt ihn zur Rück- zahlung des bereits einkassirten Amtsgchalts und läßt ihm, falls er dazu incht mehr im stände ist, eine tüchtige Tracht Prügel zu theil werden.— Geographisches. — Ueber die kleinen Polschwankungen der Erde, die seit Anfang dieses Jahrzehnts in systematischer Weise von zahlreichen, über weite Gebiete der Erde vertheilten Observatorien untersucht worden sind, liegen der.Voss. Ztg." jetzt zusammenfassende Unter- suchungen von ftanzösischer und von deutscher Seite vor. Schon in den achtziger Jahren hatte ein italienischer Astronom darauf wieder- holt hingewiesen, daß die Lage des Pols auf der Erde und die geographische Breite der Erdorte nach seinen Beobachtungen kleinen Schwankungen miterliegen, aber erst nach den zuverlässigen Meffnngen auf der Berliner Sternwarte, die eine solche rasche Acndcrung der geographischen Breite nachwiesen, wurden von mehreren Beobachtungsstationen fortlaufend kontrollirende Beobachtungen über die geographische Breite angestellt. Während nun Herr Radau in Paris seinen Bericht über die dort von März 1885 bis November ISSö beobachteten Breitenvariationen dahin zu- sammenfaßt, daß die Theorie von Chandker in Cambridge(N.-A.), wonach die Polschwankungen sich aus zwei Perioden zusammensetzen, nämlich einer solchen von 14 Monaten und einer jährlichen Periode, durch die Untersuchungen von Herrn Gounessiat bestätigt wird, widersprechen dem die von deuffcher Seite abgeleiteten Ergebnisse augenfällig. Nach den umfassenden Untersuchungen von Prof. Älbrecht vom Potsdamer geodätischen Institut, der u. a. fortlaufende Beobachwngsreihen aus Berlin, Potsdam. Stratzburg, Karls- ruhe, Wien, Neapel, Lyon, Kapstadt, New-Dork, Washington, Pulkowa, Kasan, Tokio benutzen koimte, ist die Bewegung des Nordpols der Erdachse nicht durch eine Periode von zwölf und vierzehn Monaten zu erklären, da sonst die Linie, die der Pol beschreibt, nach Ablauf von sieben Jahren in sich zurückkehren müßte, was aber nach der graphischen Darstellung der Bahn des Nordpols von Prof. Albrecht nicht der Fall ist. Freilich können nur die allerfeinsten Messungen über diese kleinen Polbewegungen ent- scheiden, und man wird auf die Ergebnisse der kommenden Jahre für diese Frage mit Spannung harren. Zur Erklärung des ab- weichenden Verhaltens der Breitenänderungen wird man wohl statt der Massenverschiebungen im Innern unierer Erde unregelmäßige Wanderungen von Flussigkeitsmassen nn Gebiete der grozen Ozeane annehmen dürfen, die m demselben Maße wie die großen meteo- rologischen Strömungen nach verwickelten Gesetzen vor sich gehen mögen.— Medizinisches. t. Tod durch Ertrinken außerhalb des Wassers. Ein unglaublich scheinender und doch sicher bezeugter Fall wird der Wochenschrift„Lancet" aus Birmingham mitgetheilt. Am 4. Mai wurde daselbst der Leichnam einer Frau im Alter von 33 Jahren aeftmden auf dem Flur eines Hauses und unter scheinbar unerklär- lichen Umständen. Die Kleider» waren nämlich völlig mit Waffer durchtränkt und rings um den Körper stand ein großer Wasserlache. Der Arzt, der mit der Untersuchung des Leichnams betraut wurde, kam zu dem Schlüsse, daß der Tod infolge Erstickens im Waffer «ingetreten wäre. Die Frau war also richtig ertrunken und wurde doch außerhalb des Wassers gefunden,' der Kanal, in den sie sich wahrscheinlich gestürzt hatte, war etwa 500 Meter entfernt. Wie war das zu erklären? Es wurde daran erinnert, daß bereits ein berühmter amerikanischer Arzt auf einen Fall aufmerksam gemacht hätte, in dem eine Person, die sich ins Wasser gestürzt hatte, sich genügend erholte, um sich daraus zu retten und noch eine beträcht- »che Strecke zu gehen, ehe sie dann starb. Es wuroe auch in dem neuen Falle festgestellt, daß die Tobte sich vollständig im Wasser befunden haben mußte, und es wurde daher auch das Gutachten abgegeben, daß sie durch Ertrinken gestorben wäre.— Aus dem Thierreiche. — k. Der.Palolo"-Wurm. An den Küsten der Sübsee» Inseln zeigt sich an bestimmten Stellen zur Zeit des letzten Mond« Viertels im Oktober und November ein wurmartiges Thier, welches die Eingeborenen„Palolo" nennen, und dessen Fang sie mit Eifer obliegen, da der Palolo eßbar ist. Die Untersuchung des Palolo hat ergeben, daß derselbe im wesentlichen ein Schlauch ist von 6 bis 40 Zentimeter Länge, der entweder mit Eiern oder mit der männ- lichen Samenflüssigkeit gefüllt ist. Diese Schläuche zeigen eine schlängelnde Bewegung, die aber nur eine ganz gewisse Zeit anhält, worauf die Schläuche zerbrechen oder platzen und nun die Vereinigung der Geschlechtsprodukte im Wäger stattfindet. Es ist nun gleichzeitig den Herren G. Friedländer und Dr. Thilenius bei Apia(Samoa-Jnseln) ge- lungen, nachzuweisen, daß der Palolo das hintere Ende eines großen Rin'gelwurmcs ist, der in Gängen und Höhlungen der Korallen lebt, und der dieses hintere Ende alljährlich zum Zwecke der Vermehrung abstößt. Der Wurm wächst von Jahr zu Jahr und bildet alljährlich einen neuen Palolo, der sich an einer bestimmten Stelle des Körpers und zu einer bestimmten, vorher zu berechnenden Zeit ablöst. Soweit wäre das interessante Phänomen erklärt. In welchem Zusammen- hange aber der ganze Vorgang mit den Mondphasen steht, darüber haben die Entdecker, wie Herr Friedländer im biologischen„Zentral« blatt" berichtet, noch keinen befriedigenden Ausschluß geben können.— Humoristisches. — Schrecklicher Verdacht. Arzt:„Als Gemeinderath nehmen Sie doch immerhin eine gewisse soziale Stellung ein.. Großschlächter:»Na, hören Se mal. Herr Doktor, ick un sozial!"—(„Siinplicissimus.") o. s. Gebt dem Alten den Kessel. Der Bischof von Lichfield traf neulich auf einem seiner Spaziergänge ejne Gruppe von Kohlengräbcrn, die auf seine Frage, ivomit sie sich beschäftigten, die Antwort gaben:„Mit Lügen." Sie Hütten nämlich einen kupfernen Kessel gefunden und eimniithig beschlossen, ihn demjenigen als Eigenthum zuzusprechen, welcher die größte Lüge vorzubringen im stände Iväre. Aufs höchste entrüstet, stellte ihnen darauf der Bischof vor, wie das Lügen doch ein so hassenswcrthes Laster sei, und wie er selbst eine so große Abneigung dagegen empfinde, daß er, wie einer der bedeutendsten Männer des Alterthums, der Thebaner Epaminondas, nicht einmal im Scherze lüge. Kaum hatte er seine eindringliche Rede beendigt, als einer von den Arbeitern, der bis dahin schweigend zugehört hatte, lebhaft ausrief:„Gebt dem Alten den Kessel I Er ist uns allen über I" Der Bischof soll sich auf grund dieser Erfahrung fest vorgenommen haben, in Zukunft seine Neugierde zu zügeln.— Vermischtes vom Tage. — Fast auS ganz Deutschland treffen Nachrichten von schweren Gewittern, Wolkenbrüchen und Hagelschlägen ein, die in den letzten Tagen schlimme Verwüstungen angerichtet haben. Mehrfach find Menschen vom Blitz erschlagen worden. In Galbitz (Schlesien) fuhr ein Blitzstrahl in ein Schulgebäude, machte die Runde durch alle Räume und fuhr in das Klassenzimmer, in dem gerade unterrichtet wurde. Ein Schüler wurde erschlagen, der Lehrer und drei Schüler, sowie die Frau des Lehrers, die im Wohnzimmer saß, erlitten Verletzungen.— — In den„Fliegenden Blättern" vom 6. Mai des Jahres 1833 findet sich folgendes Inserat:„? Zauber und Liebe, Lehrbuch der geheimen Künste, Liebe einzuflößen, zu erhalten oder zu vernichten, nebst Einweihung in geheime Wunderkräfte aller Art. Nach alten Quellen bearbeitet von Faüstnlus." Das Zeug ist er- schienen in Af. Schlöffells Verlag, Leipzig.— — Beim Exerzieren stürzte ein Husar in Stendal in die Lanze, die ihm entfallen war. Die Spitze drang ihm in den Mund und kam an der oberen Stirnseite wieder zum Vorschein.— — In Hamburg feuerte ein LOjähriger Kaufmann a u|f seine Geliebte, die nichts mehr von ihm wissen wollte, nach einem Wortwechsel auf der Straße drei Schüsse ab, ohne sie jedoch erheblich zu verletzen. Darauf schoß er auf sich selbst zweimal. Er mußte in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus gebracht werden.— — Fernsprechversuche wurden letzter Tage zwilchen Brüssel und Liverpool angestellt, und zwar auf der Linie Brüsscl-Tournai-Lille-Calais-London-Livcrpool.� Die belgische Eisen- bahnverwaltung gedenkt nach einigen Verbcsserungen in den be- stehenden Leitungen den regelmäßigen Fernsprechverkehr mit England eröffnen zu können.— c. e. In einer Gastwirthschaft in D o r p a t wurde einem Manne die eine Hälfte des Schnurrbartes sammt den Wurzeln ausgerissen. Der so seiner Manneszier Beraubte trug seinen Bart in der Hand zur Polizei, wo der Bart als corxus ckelroti zu den Asten deponirt wurde.— — Die Schauspielkunst hat in Nordamerika einzelnen beliebten Schauspielerinnen zu Millionen verholfcn. Miß Crabtree, die unter dem Namen„Losta" berühmt geworden ist, hat sich rund 12 Millionen erworben, Maggie Mitchell etwa 10 Millionen, Miß Davenport 2 bis 3 Millionen.—_ Berantivortlicher Redakteur: August Jarobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vndiug i» Berlin.