Anterhallungsblatt des Vorwärts Nr. 107. Areitag, den 3. Juni. 1898 (Nachdruck verboteu�) � Am die Fveiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1325 Von Robert©chmeichel. Simon Neuffer blickte mit seinen klugen braunen Augen seinen Amtsgenossen durchdringend au und fragte:„Ru, Wendel, was dünket Dir? Ob der heilige Jüngling wohl die Hcrrenleute kannte?" „Ja, was halfs ihm?" entgegnete derAngesprochcne, Simons Blick verineidcnd.„Es war verspielt. Wir haben längst verspielt „Ja, wenn Du unsere Freiheiten meinst," begann Vater Martin. Der krausköpfige Schreiber fiel jedoch heftig ein „Mit falschen Würfeln haben sie uns betrogen. Das gilt nicht!" „Nu, wir haben wohl noch einen Wurf frei, was meinet Ihr?" fragte Simon mit bedeutungsvoller Miene. Und als Haim darauf seinen Filzhut mit einer unruhigen Gebcrdc tiefer in die guerdurchfurchte Stirn zog, fügte er hinzu: „Wir reden da wohl noch ein Wörtlein über. Behüt Gott. Er ging nach seinem Gehöft, das an dem Dorfplatze lag. Tic Baulichkeiten befanden sich in einem guten Zustande, und ans dem von Schrittsteinen durchkreuzten Hofe herrschte ziem lichc Ordnung. Durch einen schmalen Flur, hinter dem die Küche lag, bettat Simon die Wohnstube. Es war ein großer Raum, der durch Fenster aus dickem grünlichen Glase spärlich erhellt wurde. Hier standen das eheliche Himmelbett, das bis zu der niedrigen geschwärzten Balkendecke reichte, und eine kleinere Bettstelle für die Kinder. Ein Ziegelofen, dessen Tünche in Rückenhöhe über der um laufenden Bank ganz schwarz und blank gerieben war, drang weil in die Stube vor. Dem Himmelbett gegenüber stand in dem sogenamtten Herrgottswinkel ein schwerer Eichentisch mit einer Bank dahinter, die unter den beiden kleinen Fenstern fortlief. Zwischen dem Bett und dem Ofen standen zwei Spinnräder mit einem nur noch ganz kleinen Rest von Flachs an den Rocken. Darüber hingen an der Wand eine Sturmhaube und ein Brustharnisch Krebs genannt, und zu deren Seiten ein Schwert, ein Hand- seuerrohr und der Spieß, dessen Martin Neuffer in feiner Erzählung vorhin gedacht hatte. Wehr und Waffen fehlten in keinem Bauernhause des Rothenburger Gebiets, und die Männer waren in deren Führung wohl geübt. Siigon schritt auf dem Esttich von gestampftem Lehm in seinen schweren Bundschuhen, deren Riemen sich bis hoch die Waden hinauf kreuzten, nachdenklich hin und her. Nach einer Weile richteten feine Blicke sich auf die Waffen. Langsam streckte er den Arm nach ihnen aus, nahm das Schwert her- unter und trat damit an das nächste Fenster. Er entblößte die Klinge und bettachtete mit zusammengezogenen Brauen den blanken Stahl, an dem sich ein brauner Flecken zeigte. Es war nicht Blut, sondern Rost. Simon versuchtt, ihn mit dem Aermel seines grobwollenen Wamses wegzuputzen. Darüber kam seine Frau aus der anstoßenden Küche herein. Obgleich jünger als ihr Mann sah sie doch älter aus als er und ihre Stirn wies tiefe Oucrfurchen. Ihr Gesicht war schmal und in ihren Augen nistete die Sorge. Stach ihrer Gestall zu schließe, t, mochte Zähigkeit den Mangel an körperlicher Kraft ersetzen. Sie war bettoffen, als sie das bloße Schlvcrt in den Händen ihres Mannes gewahrte, und mit einem leichten Beben in ihrer etwas singenden Stimme fragte sie:„Was giebt's denn, lvaS Haft Du vor?" „Nichts," erwiderte er barsch, stieß das Schwert in die Scheide zurück und hing es wieder an seinen Ort. Gemäßigter fuhr er fort:„Du weißt ja, daß ich morgen nach Rothenburg muß, um den Zins für die Gült des Neureutcr zu enttichten, und daß ich der Käthe versprochen Hab', sie mitzunehmen. Du besinnst Dich wohl noch anders und kommst auch mit, gelt, Ursel?" Sein Ton war ganz mild geworden und die Bäuerin dankte es ihm mit einem Blicke. Aber sie schüttelte den Kopf. „Wer soll denn bei den Kindern bleiben? Ich bleib' gern daheim, da ist mir am wohlsten und ich ruh mich einmal rechtschaffen aus, derweilen ihr lustig seid." „Und machst Dir schwere Gedanken," ergänzte er und setzte sich auf die Ofenbank, auf der sich die Bäuerin inzwischen niedergelassen hatte. „Muß eins denn nit?" seufzte die Frau.„Je schwerer für uns die Zeften werden, je härter werden die Herren. Morgen wird's wieder jährig, daß die drei heidnischen Könige aus dem Morgenland unt kostbaren Geschenken zu dem armen Christkindlein in der Krippe kamen, und heut waren es Christen, die dem Konz Hart und den Scinigen den Strohsack unterm Leib und das Dach überm Kopf wegnahmen." Sic wischte sich mit dem Zeigefinger die naß gewordenen Augen. „Darum muß es halt anders werden," rief Simon, dessen Mienen finster und finsterer geworden waren, mit Nach- druck.„So kann es nicht weiter gehen." „Du kannst nichts ausrichten und bringst Dich selbst blos ins Unglück," seufzte die Bäuerin.„Der Stöckcrlein wird den Mund nit halten und der Herr Schullheiß es Dtt zum andern aufs Kerbholz schneiden." „Mögen sie," entgegnete er fest.„Was ich gesagt und gcthau Hab', das kann ich veraittworten. Wer soll denn reden, wenn nit ich? Dazu hat mich die Gemeind' nicht zum Dorfmeister gemacht, daß ich das Maul halte, ,vo es das Recht gilt." „Der Gemeind' ist's freilich Recht, daß Du für sie einstehst", gab sein Weib zu.„Sie lobt Dich darum, aber nachher mußt Du's allein ausbaden, vor dem Schultheiß, dem gestrengen Herrn von Wcrnizcr, ducken sie alle. Wie war's letzt bei der Fronleichnams-Prozessiou? Da hatten es die Hausväter ausgemacht, daß keiner von ihnen mitgehen sollte, und nachher hast Du allein gefehlt, und das Sendgericht hat Dich um ein Pfund Wachs gebüßt." „Gebüßt wohl, aber der Bockel mag halt zuschauen, wie er's kriegt." lachte Simon leicht auf.„Wie ich letzt bei meinem Bruder Andrä in Tauberzell war—" „Ach ja", fiel sie ihm ins Wort,„wenn die geisttichen Herren alle so wie der zu ihrer Gemeinde hielten, dann wär's Wohl gut." „— Da hat er mir aus einem Gesprächbüchlein verlesen", uhr Simon fort,„der neue Karsthans war's geheißen, darin llund; So ein Sendpfaff zu uns kam', daß wir ihn mit Hunden vom Hof hetzen wollten.— Ich hab's gut behalten. Ein Pfund Wachs, weil ich unter den Schafen nicht mittaufen und mitplärren wolltet Wer hat denn unseren geistlichen Hirten dafür gebüßt, daß er an Maria Geburt so betrunken war, daß er über die Altarftufen ist gestolpert, wie er die Meff' hat lesen wollen?" „Es war gar arg, aber was hilft's?" seufzte Ursel. Weim es uns armen Leuten gilt, dann ist die Oberkett, geisttich und weltlich, wie Hand und Handschuh, Gott sei's geklagt 1" „Aber ich laß mich nit mit Füßen treten von den Herren", rief Simon und richtete den Kopf trotzig auf.„Faß' Dtt nur ein Herz, Bäuerin! Noch ist nicht aller Tage Abend. Hat's Kräuter, wo heutt Nacht die bösen Geffter aus Swben und Ställen räuchern, daß Menschen und Vieh im kommenden Jahr kein Schaden ntt geschieht, so ist auch wohl ein Kräut- lein wachsen gegen diejenigen, wo uns ärger drücken als die Nachtmaren."— Zweites Kapitel. Dem rauhen Tage war ein milderer, wenn auch nicht klarer Morgen gefolgt. Schleierarttg wie um das Anttitz einer Schönen, so umwoben die Nebel die Mauern und Thittme der fteicn Reichsstadt Rothenburg, die hoch über dem Taubcrthal thronte. Natur und Kunst vereinigten sich, die Stadt zu festigen. Im Mittag und Abend von der Tauber unfflossen, gürteten sie gewaltig dicke Mauern mit etwa dreißig llarkeu Thürmcn und verbanden sie mit der Burg der längst der- loffcnen Grafen von Rothenburg. Diese umfangreiche, von dem cpklopischen Pharamundsthurm beherrschte Burg ttotzte auf der jäh nach allen Seiten abfallenden Fclsenzunge, welche die mittelftänkische Hochebene gen Westen in das liebliche Taubcrthal mit seinen zahlreichen Mühlen, dem Toppler- 'chlößchen und dem gothischen Wallfahrtskirchlcin Unserer lieben Frau von Koboizcll vorstteckte. Auf Seite der Hoch- ebene, im Norden und Süden, verstärkten ein breiter und ttefer Graben und starke Doppelthore, innerhalb deren die Zug- — 426— brücken lagen, die dicken Stadtmauern. Eine zweite Reihe gethürinter Thore erhob sich weiter rückwärts in dem che maligen Zuge der älteren Stadtmauer, hinter der das eigentliche Herz von Rothenburg schlug. Denn hier lagen um das doppeltgcstirnte Rathhaus, dessen schwanker Thurm alle anderen hoch überragte, die stattlichen, meistens mit einem hohen spitzen Giebel gekrönten Steinhäuser der Rothenburger Patrizier oder Geschlechter. Verstärkt wurde noch der Schutz der Stadt durch den sogenannten Bauerngraben, der, im Osten an der Tauber beginnend, das Gebiet von Rothenburg auf zwanzig Stunden hin umgab. Dahinter starrte eine undurch dringliche Dornhecke und an den Durchlässen für die Landstraßen ragten starke Thürme, die mit guten Büchsen bewehrt waren Noch war der Siegfried nicht geboren, der dieser Brun Hilde den Gürtel gelöst hätte. Dagegen hatte Rothenburg'! waffentüchtige Bürger- und Bauernschaft in den zahlreichen Fehden mit dem habgierigen Landadel manche Burg gebrochen und vollends kurzen Prozeß mit jenen Edelleuten gemacht, die im Steigbügel lebten und den Straßenraub für ein adelig Gewerbe erachteten. Der düstere Faulthurm in der südöst lichen Ringmauer war manchem Sporenträger zur unhcim lichen Herberge geworden. Unter den Raben, die ihn um flatterten, mochten noch einige Patriarchen leben, die von den Ulmen vor dem Galgcnthor, jetzt das Würzburgische ge heißen, ihr schauerliches Gekrächze erhoben hatten, als auf dem Rappen dort, dem Rabenstein, im Jahre 1441 dem ritterlichen Straßenräuber Wilhelm v. Elm sammt seinen adeligen Spieß gesellen die Köpfe vor die Füße gelegt wurden. Ihr Raub uest, das nahe bei Giebelstadt gelegene Schloß Ingolstadt, hatten die Rothcnburger erobert und zerstört. Der Wormser Landfrieden, den noch der unlängst ver storbene Kaiser Maximilian aufgerichtet, hatte dem Unwesen mächtig gesteuert, wenn es ihm auch nicht gelungen war, dem wüsten Fehde-, Faust- und Raubrecht ein völliges Ende zu machen. Es gab noch immer adelige Schnapphähne, und der harte Druck, den die Herren in den Burgen, Klöstern und Städten auf ihre Unterthanen ausübten, Leibeigenschaft und Zunftzwang schafften, daß die Landstraßen nicht leer wurden von friedlosen Leuten. Bedenklicher jedoch als diese öffcnt lichc Unsicherheit war für die freien Reichsstädte die auf schwellende Gewalt der Fürsten. Aus diesen Gründen hielt denn auch Rothenburg, an dessen Grenzen der branden burgische Markgraf Kasimir von Ansbach- Bayreuth. die Grafen von Hohenlohe und der Bischof von Würzburg horsteten, seine Mauern, Wehr und Waffen in gutem Stand, Wächter auf den Thünnen und Wachen an den Thoren. Außerdem ritt der Weinschrcier, so genannt, weil ihm tags das Ausrufen des zu verkaufenden Weines oblag, nächtens von Thor zu Thor und erstattete dem obersten Hauptmann, der über die in sechs Wachen gethcilte Bürger schaft gesetzt war, Bericht. Man lebte in einem Frieden voll Mißtrauen. Heute, als am Dreikönigstage, waren sämmtliche Thor wachen verstärkt, um fleißig Acht zu haben, daß unter den Schaare» von Bettlern, den fahrenden Leuten aller Art und den Bauern aus den Dörfern weit und breit, die schoir mit dem frühesten Morgen zur Stadt strömten, kein verdächtiges Gesindel sich einschleiche. Nach dem Volkskalender begann erst mit Heiligedreikönig das neue Jahr. Der sechste Januar beschloß die mit der Wintersonnenwende anhebenden heiligen zwölf Nächte, in denen einst die heidnischen Götter ihren Umzug durch die deutschen Gaue gehalten hatten. Die Kirche hatte zwar die Götter in böse Geister verwandeln, aber nicht die Erinnerungen an jene im Volke vernichten könne». Es ver ehrte gläubig die drei Könige aus dem Morgenlande, die nach Bethlehem zogen; aber immer noch hörte es in den zwölf Nächten Wodan mit seiner wilden Jagd durch die Lüfte tosen. Noch immer schritt Perechta, die leuchtende Göttermutter, obgleich von den christlichen Priestern ins Grausige entstellt, im weißen Linnengewande durch die Dörfer und sah nach, ob die Mägde den Winterflachs sauber aufgesponnen hatten, be- lohnte die fleißigen und strafte die trägen. Der altheidnischen Göttermuttcr, der Urquelle alles Lebens, galt das Opfer der Fainilicnhäupter, die in der Dreikönigsnacht mit Kohlenpfannen, darauf sie heilige Kräuter streuten, durch Stuben und Ställe räucherten, um die bösen Geister zu verscheuchen. Der Winter mit seinen Arbeiten und Leiden war überstanden und mit den heiligen drei Königen zogen das Licht, die Freude, der Frühling ein. Zu Ehren der heiligen drei Könige flatterte denn auch von der zierlichen Gallerie des Rathhaiisthnrms das Stadtbanner. ES war schräge roth und weiß gestreift und wies im Herz- schilde eine rothe Burg mit zwei Thürmen. In den engen Gassen und auf den Plätzen der inneren Stadt wimmelte es wie in einem Ameisenhausen. Vom Stadtadel bemerkte man nur wenige darunter. Sie waren sogleich erkennbar, denn die streng überwachte Kleidcrordnung unterschied sie auch äußerlich von der bürgerlichen Klasse und dem Landvolk, deren Frauen und Töchter durch die grellfarbenen Röcke und Mieder aus der eintönig dunkeln Menge hervorleuchteten. Unter dem„mühselig Volk der Bauern", das sich die Gelegen- heit nicht entgehen ließ, um sein erbärmliches Loos auf ein paar Stunden wenigstens zu vergessen, trugen die Männer des Rothenburger Gebietes als Festzier das Schwert an der Hüfte. Das Geläute der Glocken rief zunächst nach den Kapellen und Kirchen, deren die Stadt für ihre 6000 Seelen allzu viele besaß. Der Hauptstrom aber zog sich nach dem Münster von St. Jakob, einem Schmuckstück des gothischen Stiles, das nördlich vom Rathhause die zierlich durchbrochenen Stcinphramiden seiner beiden schlanken Thürme in den Nebel bohrte. Denn dort predigte Doktor Johann Deutschlin trotz dem Rathe, welcher der Reformation nichts weniger als hold war, den neuen Glauben. Nur fünf Jahre war es her, seit er, damals noch im römischen Glauben wurzelnd, durch die Macht seiner Bered- samkeit die Bevölkerung Rothenburgs derartig gegen die Juden erregt hatte, daß deren Häuser und die Synagoge ge- stürmt und geplündert und die Kinder Israels aus der Stadt vertrieben wurden. Die Synagoge hatte er zu einer Kapelle der heiligen Jungfrau geweiht, die er heute ein Grasmaidlein schalt. Im gleichen Sinne mit ihm wirkten Kaspar Christan, der Kommenthur des Deutschordens, der auch in Rothenburg, nahe dem Münster ein Haus besaß, sowie der blinde Frau- ziskanermönch Hans Schmid, genannt der Fuchs. Die drei Schiffe des Münsters verniochten die Menge nicht zu fassen, welche den uileychrockenen Reformator hören ivollte. Auch auf dem Kirchhofe, der damals noch nicht vor das Röderthor im Osten verlegt ivar, standen die Menschen dicht beisammen zwischen den Gräbern und Leichenstcincn. Letzteres deutete, wie die sichtliche Spannung in den Mienen darauf hin, daß etwas Außerordentliches im Werke sein mußte. So war es auch. Denn Doktor Deutschlin segnete, nachdem er vor dem in Kcrzenglanz strahlenden Hauptaltar die Messe in deuffcher Sprache gelesen, den Ehebund eines katholisch ge- weihten Geistlichen ein. Der Deutsch-Ordenspriester Melchior verheirathete sich mit der Schwester des blinden Mönchs. Nun erbrauste die Orgel, und auf den Thürmen begannen die sechs abgestimmten Glocken ein harmonisches Geläute. Die bedeutsame That war vollbracht. Die Leute auf dem Friedhofe geriethen in Bewegung und drängten dem Menschen- trom entgegen, der langsam dem Südportal entquoll, das von einer Menge Bettler, von Lahmen, Blinden, Bresthaften und Elenden jeglicher Art umlagert war. Während Bekannte einander suchten und fanden und die Herauskommenden von den draußen Wartenden neugierig befragt wurden, tand unter den letzteren einer wie träumend da und schien das erregte Stimmengewirr nicht zu vernehmen. Der Traum aber mochte kein heiterer sein: denn seine blauen Augen chauten schwermüthig in sich hinein. Es war ein junger Mensch, auf dessen kurzer Oberlippe das erste Bärtchcn laumte. Dickes Blondhaar, das im Stacken rund ver- chnitten war, quoll unter seiner schmucklosen Filzkappe hervor. Ein dunkelblauer Rock von grobem Tuch reichte ihm bis gegen die Kniee, und darunter trug er graue Struinpfhosen, die in ungeschivärzten Halbstiefeln endigten. Das auf dem Rücken faltige Wams»vurde von einem ledernen Gürtel zusammengehalten, an dem eine Tasche und ein auffallend langer Korbdegen hingen. Der Rath hatte gut, gegen solch' lange Klingen zu eifern und deren Maß vorzu- 'chreibcn, seine Strafmandate waren ohnmächtig gegen den Brauch, der unter den Handwerksgesellen herrschte. Der junge blonde Mensch war seines Zeichens ein Goldschmied. Ein derber Schlag auf die Achsel entriß ihn seinem Sinnen, und eine lustige Stimme lief:„Endlich I Hab' schon gemeint, daß Du wieder der Himmel lveiß wo steckst." Den blonden Ge- ellen, der sich mit aufblitzenden Augen umwandte, lachte das breite Gesicht des Tuchscheerers Kaspar Effchlich an, der an einer freien Hand eine schmucke Dirne hielt, zu der er fort- fuhr:„Schau. Käthelein, das ist mein bester Freund auf der Welt, der Hans Lantner. von dein ich Dir schon erzählt Hab'." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) Enkfevttungen unv Vmvegungen von Fiiestvvnen. Die Frage, ob die Fixsterne wirklich einen ganz unverrückbaren Standpunkt haben oder sich, wenn auch in sehr geringem Maße, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit bewegen, gelvann für die Astronomen seit den Zeiten des Kopernikus ein sehr wesentliches Interesse. Kopernikus lehrte bekanntlich, daß die Erde sich um die im Zentrum des Planetensystenis befindliche Sonne im Laufe eines Jahres herumbcwcge. Vorher hatte man die Planeten in gleicher Weise wie die Sonne um die Erde herumgehen lassen? während aber die Sonne eine regelmäßige Kreisbahn am Himmel beschrieb, zeigten die Planetenbahnen merk- würdige Abweichungen. Um diese zu erklären, mußte man an- nehmen, daß jeder Planet in einem Jahre, also in der Zeit, in welcher die Sonne ihre Bahn zurücklegt, einen Kreis um einen Punkt beschreibe, der seinerseits erst einen Umlauf um die Erde beschreibe. Kopernikus erklärte diese Kreise oder Epicykeln, wie sie seit alter Zeit heißen, für Abbilder der Kreisbewegung der Erde? und in der That, wenn die Erde sich bewegt, so mutz ihre Bewegung sich bei jedem andern Sterne als eine Kreisbewegung darstellen, die um so kleiner wird, je entfernter derselbe ist. So war denn auch der Epicykel des Mars größer, als der des entfernteren Jupiter, und dessen Epichkel größer, als der des noch ferneren Saturn. War nun die Lehre des Kopernikus richtig, so mußte die Kreisbewegung der Erde sich doch anch bei den Fixsternen abbilden, wenn auch, ihrer größeren Ent- fernung entsprechend, in bedeutend kleinerem Maßstäbe noch als beim Saturn. Da die Fixsterne aber unbeweglich am Himmel standen, so verwarfen viele Astronomen anfangs das Kopernikuslsche System. Kopernikus konnte diesen Einwürfen nichts cntgegcnschcn.als dicBehaup- tung, die Fixsterne seien so unermeßlich weit von uns entfernt, daß der Durchmesser ihrer jährlichen Bahn einen ganz verschwindend kleinen Werth habe, der mit den astronomischen Meßinstrumenten nicht mehr wahrgenommen werden könnte. Mit dieser etwas niageren Auskunft wollten sich seine Anhänger nicht zufrieden geben, sondern suchten begreiflicherweise die nach der Kopernikanischcn Lehre nothweudigc Bewegung der Fixsterne doch zu ermitteln. Durch den großen dänischen Astronomen Tycho Brahe, der übrigens ein Gegner der Lehre des Kopernikus war, hatten die astronomischen Beobachtnngsmethodcn solche Ncrvollkonnnnuug erfahren, daß Belvcgungcn der Sterne, die nur eine Bogenminutc im Jahre betragen, sicher festgestellt werden mutzten; es hätte das einer Entfernung der Fixsterne entsprochen, die diejenige der Sonne, also 20 Millionen Meilen, 3438 mal übertroffen hätte. Aber nichts der- gleichen war wahrzunehmen. Als nian dann IVO Jahre später so weit war. selbst Abweichungen von einer Bogensekuude im Jahre genau feststellen zu können— es würde das einer Entfernung von mehr als 200 OOO Sonnenfernen, also 4000 Milliarden oder 4 Billionen Meilen entsprechen—, da wurde allerdings eine an eine jährliche Periode gebundene Ortsveränderung der Fixsterne gcstindcn(1727 von dem Engländer Bradley). Sie war aber bei allen Fixsternen gleich groß, nämlich 40'/2 Bogensekuude, und ihre Ursache wurde von Bradley in einem cigcnthümlichen Zusammenwirken der Bewegung der Lichtwellcn und der Bewegung der Erde erkannt; das gesuchte Abbild der Erd- bewegung an den Fixsternen dagegen war sie nicht. Da im iveitercn Verfolg der Sache die Oerter der Fixsterne sehr genau festgestellt wurden, so zeigte sich allmälig zwar nicht das gesuchte Abbild der Erdbahn, aus welchem man die Entfernung der Fixsterne hätte berechnen können, wohl aber bei vielen Sternen eine allmälige Veränderung des Ortes, woraus hervorging, daß auch die Fixsterne ihre Stellung nicht unveränderlich beibehalten, sondern sich gegen einander und gegen uns im Räume bcivegen. Bis zu sieben Bogensekunden geht bei einigen Sternen die jährliche Aendening ihres Ortes am Himmel. Um hieraus die wirkliche Geschwindigkeit abzuleiten, dazu miißte man freilich die Entfernung der bettestenden Sterne kennen. Da diese nur aus dem Abbild der Erdbahn an den betreffenden Sternen zu berechnen ist, so gewann dessen Feststellung, obwohl das System des Kopernikus längst anerkannt war, von neuem ein großes Interesse. In unserem Jahrhundert glückte es endlich dem deutschen Astronomen Befiel(l838>, eine Methode zu ersinnen, durch die das 350 Jahre alte Problem glücklich gelöst lvurde i einige Fixsterne, übrigens nicht immer die hellsten, zeigen in der That die gewünschte und erwartete jährliche Bewegung. so daß auch ihre Entfernung berechnet werden konnte. Der uns nächst gelegene ist über 250000 Sonnenfernen oder 5000 Milliarden Meilen entfernt, es folgt einer mit 3000 und einige, darunter der helle Sirius oder Hundsstern, mit über 10000 Milliarden Meilen. Durch die seit 00 Jahren fortgesetzten Beobachttingen sind schon bei fast 100 Fixsternen die Entfernungen von der Erde und ihre Bewegungen festgestellt worden; als Hilfsmittel für die Bestimnmng der letzteren ist seit zwei Jahrzehnten auch die Spektralanalyse hinzu gekommen. Soeben werden wieder von dem Direktor der Sternwarte des Dale-Collegc in Amerika sehr genaue Beobachtungen über die Be- wegungen aller Sterne erster Größe, das sind die hellsten Sterne nördlich vom Aequator, veröffentlicht, aus denen manch' interessanter Schluß gezogen werden kann. So hat der ArktnnlS, ein heller Stern, der gegenwärtig etwa um Mitlernacht südlich vom letzten Stern des großen Bären im Meridian steht, eine Jahres- bewegung. die 95 mal so groß ist, als unsere Entfeniung von der Sonne. Daraus crgicbt sich eine Geschwindigkeit von 450 Kilometern in der Stünde, also da? fünfzehnfache der Geschwindigkeit, die die Erde bei ihrem Umlauf um die Sonne hat. Und diese enorme Geschwindigkeit hat das Gestirn bei einer fast unvorstellbaren Größe. In seiner Entfernung, von der das Licht 135 Jahre braucht, um zu uns zu kommen, würde uns die Sonne als ein kleiner Stern 8. Größe erscheinen, für die meisten Augen aber gar nicht mehr wahrnehmbar sein. Da der Arkturns uns noch so hell erscheint, so muß er etwa 1000 mal so viel Licht aussenden. wie die Sonne; mithin muß auch seine Oberfläche die der Sonne 1000 mal, sein Durchmesser also den der Sonne 40 mal übertreffen. Hier sehen wir mithin Sonnen vor uns, denen gegenüber unser Zenttalgestirn als ein kleiner Zwerg erscheint. Einen anderen interessanten Schluß erlauben die Beobachttingen am Sirius und Procyon, zwei Sterne, die 5000 Milliarden Meilen von einander abstehen, ungefähr so weit, wie der uns nächste Fixstern von der Sonne. Beide Sterne nähern sich uns um 10 und 9 Kilometer in der Sekunde: im übrigen fällt ihre Bcwegungsrich tung fast genau in ihre Verbindungslinie. Will man dies nicht eine n Zufall zuschreiben, so zeigt sich hier das Wirken einer gemeinsam:n Kraft auf diese Massen, die so unendlich weit von einander entfernt si rd. Auch unsere Sonne ist, wie gesagt, nicht erheblich weiter von einigen Fixsternen cittfentt, zu denen auch diese beiden gehören. Wirkt aber eine ge- mcinsame Kraft auf diese Entfernungen hin, so scheint hier ein engeres Fixsternsystem zu bestehen, dessen einzelne Glieder ganz un- mittelbar zusammengehören. Dies Resultat ist für uns unr so wichtiger, als auch unsere Sonne zu diesem System gehört, und wir so einige Hoffnung haben. Näheres über den Weg zu erfahren, den unser Zenttalgestirn und mit ihm das ganze Planetensystem, das ja auch nicht an denselben Ort im Räume gebannt ist, einschlagen. Noch eine andere Art von Bewegung wurde bei vielen Fix- stenien erkannt, eine Bewegung, die sich denen in unserem Sonnen- system, wo die Planeten um die Sonne kreisen, die Monde um die Planeten, eng anschließt: es ist das die Bewegung vieler Fixsterne um einander, ivie sie bei den sogenannten Doppelstcrnen beobachtet wird. Bald nach Er-findung der' Fernrohre bemerkte man, daß an mehreren Stellen, wo das fteie Auge nur einen einfachen Stern wahrnimmt, in Wahrheit zwei und bisweilen noch mehr Sterne dicht bei einander stehen. Anfangs glaubte man. daß solche Sterne zufällig so nahe bei einander zn stehen scheinen, weil sie von der Erde aus in derselben Blicttichttmg liegen: als ihre Zahl sich jedoch immer mehrte. ließ sich die Vennuthung nicht von der Hand weisen, daß sie auch Physisch zusammengehören. Schon Herschel, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 450 Doppelstenie kannte, sprach diese Vermuthung aus: die fortgesetzte Beobachtung hat" dieselbe zur Gewißheit gemacht. Bis jetzt sind mehr als 11000 Doppelsterne bekannt, und em Theil derselben sind jedenfalls nur scheinbare Doppelsterne, die für uns in derselben Blickrichttmg liegen. Dahin gehört z. B. das Paar Mizar und Alkor. Mizar ist der mittelste der drei Sterne im Schweife des großen Bären, und ein scharfes Auge erkennt bei sehr reiner Luft bereits unbewaffnet dicht bei ihm einen schwächeren Stern, den Alkor oder das Rcitcrchen. In einem guten Fernrohr von 00 facher Vergrößcrrmg erscheint Alkor bereits so weil von Mizar entfenit, daß nian an eine physische Zu- sammengehörigkeit beider Sterne bei ihrem Anblick kann, noch denkt: durch ein solches Fernrohr erkennt man dann aber Mizar selbst wieder als einen ivahren Doppelstern. Die physische Ziisanunci, geHörigkeit zweier Sterne muß sich in einer gegenseitigen Einwirkung offenbaren: wenn sie als ein St, rn- system um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt kreisen, so muß die Richtung ihrer Verbindungslinie, sowie ihre scheinbare Entfernung an, Himmel sich beständig ändern, und in bestimmten Perioden müssen sie in der früheren Lage erscheinen. Bei mehr als 1000 Doppelstcrnen sind die Veränderungen wirklich beobachtet worden, und bei vielen ist man in der Lage gewesen, ihre Bahn und ihre llmlanfszeit zu bestimmen. So wird' der vorhin genannte Mizar von seinem Begleiter in 01 Jahren umkreist. Bei alle» dielen Bahnen haben stch dieselben Bewegungsgcsetzc als maßgebend er- wiesen, die auch bei uns auf der Erde und in unserem Planeten- system herrschen: sie scheinen also ganz allgemeine Gesetze zu sein, nach denen die Bclvegungen der ungeheuersten Massen in den un- crmeßlichsteii Fernen sich' ebenso richten, wie die Bewegung eines geworfenen Steines oder eines vom Winde anfgewirbe'lten Sand' komcs.— Lt. Dleines Feuilleton — WaS aus den tobten Elephanten wird? Diese Frage war in neuerer Zeit wiederholt aufgeworfen worden uud hatte, da man trotz der ihrer schönen Zähne wegen hingeschlachteten Heka- tomben nur selten Skelette in der fteicn Natur'findet, zu allerlei Vermuthungen Anlaß gegeben. Man hatte unter anderem angegeben, daß die tödtlich verwundeten, wie die eines natürlichen Todes sterbenden Elephanten sich in das tteffte Waldinnere zurückzögen, um den Tod zu erwarten, und daß sie ein ungeh.ureS Alter erreichten. bevor die Natur ihrem Leben das Ziel setzte. Nach gelegentlichen Beobachtungen des Hern, A. G. Cameron läge die Sache viel ein- facher. Trotz des großen Umfanges habe das Skelett wenig Dauer» denn cS werde, wie auch die Knochen anderer TTjiere, sehr bald von den wilden Wiederkäuern zerstört, die eine ausgesprochene Vorliebe für die Knochen äußerten, sobald Wetter, Raubthiere und Insekten die Flcischtheile beseitigt hätten. Die Knochen lieferten ihnen die für ihre Ernährung nvthigen Mineralsalze. In etwa zwei Jahren pflege selbst ein so großes Skelett völlig verschwunden zu sein, wie denn fossile Thierlnochcn fast nur von Thiercn herrühren, die im Sumpfe verunglückt sind oder in Schlannnflüsseu. Höhlen u. s.>v. bald der Einwirkung der Lust und Knochenliebhabern entzogen würden.—(„Prometheus."» Theater« — r. Das Schiller-Theater ist nun ja einmal dazu da, um die zahllosen Auroren,� die an vornehmeren Bühnen mit dem einen oder anderen ihrer Stücke einmal einen leidlichen Augenblicks- erfolg erzielt haben, nach Jahren der mehr oder minder verdienten Vergessenheit zu entreißen. So eine dramatische Alltagsschöpstmg genießt erst sicher die ewige Ruhe, wenn sie nachträglich am Schiller-Theater ordentlich ausgespielt worden ist. Am Mittwoch brachte diese Bühne das Lustspiel„T h i e l e m a n n s" von Hans O l d e n, eine Arbeit, die vor drei oder vier Jahren am Lessing- Theater einige Male aufgeführt wurde. Heldin des Stückes ist die bürgerliche Ballmutter, die um jeden Preis ihre hcirathsfähige Tochter gut versorgt haben will. Die bizarre Forin, in der die liebe Alte ihre Kuppeleiversuche unternimmt, erinnert mehr an den Schwank, als an den herkömmlichen Begriff des Lustspiels i aber dem Publikum der Wallnertheaterstraße war es schon recht, daß der Autor ein wenig gewaltsam auf die Lachlust der Zuschauer spekulirtc. Da auch die Mitwirkenden mehrfach stark auftrugen, so gab es einen hochamüsanten Abend. Die Darstellung war in ihrer Art vorzüglich. Agnes Werner als Mutter Thielemann hielt sich bei aller derben Komik, niit der sie ihre Rolle würzte, hübsch in erträglichen Schranken, und auch von Herrn S ck> m a s o>v läßt sich sagen, daß er als geplagter Vater mit einfachen Mitteln zu wirken wußte.' Fräulein P a u l y fand sich mit der wenig dankbaren Rolle der verkuppelten Tochter brav ab, während Herr P a h l a u fich Mühe gab. den Kommerzienrathssohn und Bräutigam recht ge- wissenhaft als dummen Jungen darzustellen. Den einzigen verständigen Mann im Sttick, den alten Kommerzicnrath gab, Herr P a t e g g init humorvoller Ueberlegenheit.— Kunstgewerbe. — lieber ein neues Verfahren für Buntdruck (Chromolithographie), das jetzt in England zur Anwendung gelangt, erhält das„Verl. T." einen Bericht. Bisher wurde beim Bunt- druck jede Farbe besonders aufgedruckt, sodaß je nach der Anzahl der Farben des Originals eine entsprechende Anzahl von Steinen benöthigt wurde. Bei dem neuen Verfahren wird nun nach dem Original ein farbiges Mosaikbild hergestellt, über welches eine erwärmte Walze mit dem Papier läust und so den Abdruck des gefammten Bildes auf einmal nimmt. Das Mosaikbild wird in einer nach der Anzahl der zu nehmenden Abdrücke bemessenen Dicke hergestellt. Ein automattscher Apparat schiebt die Farbe von unten immer nach. Diese ivird durch die mit dem Papier darüber rotirende ettvärmte Walze weich und läßt den Ab- druck nehmen. Ein Ueberdruck der Schatten erfolgt darauf im gewöhnlichen chromolithographischen Wege. Der Gelvinn gegen das bisherige chromolithographische Verfahren soll 75 pCt. be- tragen. Bei der Herstellung des Mosaikbildes werden Frauen uird Mädchen beschäftigt. Diese bilden auö dem Teige der verschiedenen Farben das Original der Zeichnung in entsprechender Dicke nach. Die Farbenstücke werden dann lvie ini Florentiner Mosaik zusammen- gestellt und das Ganze mit einem eisernen Rahmen umgeben, die Oberfläche des Bildes wird auf der Höhe dieses Rahmens nivellirt und dann kann der Abdruck von dem mzivischen erhärteten Bilde be- ginnen. Wichtig würde diese neue Technik wohl besonders stir farbige Plakate werden, bei denen sich die Künstler bisher wegen der Kosten große Beschränkungen auferlegen mußten.— Anthropologisches. — ss.— Einen berühmten Mens che nschädel hat die Schwester des unlängst verstorbenen amerikanischen Geologen Pro- seffors Whitney dem Pcabody-Mnseum in Baltimore geschenkt. Es ist der weltbekannte Calaveras-Schädel mit allen Originalurkunden über seine Entdeckung und Geschichte und nebst dem Kiese, kleinen menschlichen Knochen und anderen Gegenständen, die man in der Gesteinsschicht von verkittetem Geröll fand, wo der Schädel zur Zeit seinerEntdeckung eingeschlossen war, ferner eine photographische Aufnahme des noch im Gestein steckenden Schädels, ein rohgearbeiteter Stein- Mörser, eine Mörferkenlc und eine Schaale aus Speckstein, die unter ähnlichen Verhältnissen in Kalifornien gefunden tvurde. Der Cala- veras-Schädel hat wegen der außerordentlichen Lage seiner Fundstelle seinen Weltruf erlangt. Entdeckt wurde er im Jahre 1866 durch Mattison in einem von ihm angelegten Schachte von 127 Fuß Tiefe, nachdem bereits 4 Lagen von Lava durchstoßen worden waren. Es wurde zweifellos festgestellt, daß dieser Menschcnschädel und die übrigen menschlichen Reste wirklich ur- sprünglich in dem Kies unter diesen Lavaströmen lagen. Dadurch war die Vermuthung gegeben, daß der Mensch, dem diese Ueberrestc zugehörten, vor außerordentlich langer Zeit gelebt haben mußte. Die Frage, wie alt die einzelnen Lavaschichtcn und der darunter liegende Kies sein mag, ist leider noch nicht gelöst und überhaupt vielleicht unmöglich zu beantworten. Nach seinem Bau gehört der Schädel zu dem ältesten Menschentypus, den man an der Küste des Stillen Ozeans anzunehmen berechtigt ist. Dagegen ge- hören nach Ansicht verschiedener Gelehrter die neben dem Schädel gefundenen, von Menschenhand verfertigten Geräthe zu einer Zeit, in der die menschliche Kunst auf dem amerikanischen Fest- lande schon zu lveit vorgeschritten war. als daß man es noch mit dem Urzustände des dortigen Menschen zu thun haben könnte. Andererseits hat man darauf hingewiesen, daß sich die Anschauungen über die Entwickclung des vorgeschichtlichen Menschen in Europa nicht ohne weiteres auf die des amerikanischen Urmenschen über- tragen lassen und daß letzterer vielleicht schon mit einer Summe von Kenntnissen ausgestattet aus der alten Welt eingewandert sein dürfte. Immerhin ist es wahrscheinlich, daß der Calaveras-Schädel als die bisher einzige Spur der ältesten Bewohner des westlichen Nord- amerika zu schätzen ist.— Ans dem Thierleben. u. Einfluß von Gerüchen auf die Milch. Es ist allgemein bekannt, daß die Beschaffenheit des Viehfutters von größten, Einfluß auf die Zufammensetzung und den Gefchmack der Milch ist. Aber auch Gerüche, denen die Kühe ausgesetzt sind, machen sich, wie ein kürzlich beobachtetes Vorkommniß beweist, in gleicher Weise bemerkbar. Zwölf auf der Weide befindliche Kühe passirten jedesmal, ivenn sie nach dem Melkplatz getrieben wurden, eine Stelle, Ivo der Kadaver eines unbegrabenen Kalbes lag: sie athmcten jedesmal die Fäulnißluft nur wenige Augenblicke hindurch ein, aber die Folge davon war, daß ihre Milch völlig verdorben war; ja nicht nur ihre eigene, sondern auch die Milch der übrigen Kühe, welche, 86 an der Zahl, beim Metten mit jenen 12 Thieren zusammenkamen, war verdorben. Daß die Ursache der Erscheinung ivirklich das Einathmen der verdorbenen Luft war, folgt daraus, daß das Vergraben des Kalbskadavers den Ucbelstand be- seitigte.— Ucbrigcns ist schon seit längerer Zeit die Thatfache be- kannt, daß die roh oder gekocht genossene Milch von Kühen, die in einem frisch mit Karbolsäure desinfizirten Stalle standen, beim Menschen Uebclkeit und Erbrechen hervorruft, ja sogar, daß, Ivenn solche Thicre geschlachtet werden, ihr Fleisch einen höchst widerlichen Karbolgeruch besitzt.— Hmnoristisches. — Prinzenerziehung. Erzieher(in der Geschichts- stunde):„Wir kommen nun zu' dem Kaiser Caligula. Was wissen Ew. Hoheit von ihm?" Erzieher(nach langer Pause, ohne eine Antwort erhalten zu haben):„Ganz richtig, Hoheit, je weniger man von diesem Herrscher spricht, desto bester."— — Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Junge:„O je I Der Herr Pastor sind hingeschlagen! Soll ick vielleicht en bisken for Sie fluchen?"— — Herr A e n g st l i ch. A.:„Wem, der Regen noch vierzehn Tage anhält, wird alles mit Macht aus der Erde hervorkommen." B.:„Das verhüte der Himmel! Ich habe zwei Frauen auf dem Friedhof!"—(„Jugend.") Vermischtes vom Ta�e. — Die„Zahntechnischc Rundschau" von, 20. Mai bringt folgende Anzeige:„Eine über 18 Jahre bestehende Praxis ist mir oder ohne Einrichtung zu verkarsten. Stadt Thüringens von 32 666 Ein- wohnern.'Dieselbe kann leicht weit höher gebracht werden."— — Auf der Ostsee bei D a n z i g kenterte ein Boot. Die In- fassen, ein Sohn und zwei Töchter eines Schiffszimmermanns, er- tranken.— — Bei einer Schießerei traf ein Bauernsohn in P l e ß(Schlesien) seine Schwester so unglücklich, daß sie auf der Stelle todt war.— — Ein Schuhmacher in B r a u n s ch w e i g verletzte seine ehe- malige Braut und dann sich selbst durch Revolverschüsse tödtlich.— — Am Tage vor ihrer Hochzeit ging eine Dienstmagd in Elberfeld in die Wupper. Bis zur letzten Zeit war sie in der gewohnten frohen Laune geblieben.— — lieber Wien entlud fich am Mittwoch ein schweres G e- Iv i t t e r. An mehreren Orteir zündete der Blitz. Bei den Retwngs- arbeiteil wurden neun Feuerwehrleute verletzt, einige darunter schwer.— — Am Pfingstsonntag stürzte der 21jährige Bittorio Dante von dem C h e g u l bei Trient ab und war sofort todt.— — In„bewaffnetem" Aufmarsch, mit gezücktem Säbel zog der Pfarrer von Török-Bälint(Ungarn) am Pfingstsonntag in die Kirche. Er„wollte seinen Feinden' zeigen, wie wenig er sich vor ihnen fürchte".— — Der seit längerer Zeit in Rom lebende Maler Geselschap, der die Wandgemälde in der deutschen Botschaft ausführte, wird seit Dienstag v e r'm i ß t.— — Aus Tomsk wird gemeldet, daß im Barnaulh'chen Kreise große Goldlager entdeckt worden sind.—_ Die nächste Nummer des Unterhalttingsblattes erscheint Sonn- tag, den 5. Juni.___________ Aergnstvortlicher Nedakleur: Angnst Jncobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.