Attlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 108. Sonntag, den 5. Jnni. 1898 (Nachdruck verboten.) 4] Mm die �eeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Sch weiche!. machte Käthe Neuffer, die unterdessen Lautner mit ihren klaren nußbraunen Augen gemustert hatte, und es klang nicht wie eine Enttäuschung. Das längliche, wohlgebildete Gesicht Lautner's, seine ebenmäßige, beinahe seine Gestalt, die jedoch nicht schwächlich erschien, mochten einem Mädchen im Vergleich mit den derben Zügen und dem untersetzten Wüchse Kaspar Etschlich's wohl gefallen. Auch hatte sie für den Humor, der in seinen dunkeln Augen zwinkerte, sicher weniger Empfäng lichkeit als für den schwermüthigen Geist, der auf der Weißen Stirn des um mehrere Jahre jüngeren Goldschmiedes wohnte Diesem fiel es nicht schwer, zu errathen, wer seine Begleiterin war, hatte Kaspar ihm doch seit der Rothenburger Kirchweih im Monat Juni wiederholt von seiner hübschen Base in Ohrenbach erzählt. Hans Lautner fand, daß er nicht zu viel von ihr gesagt hatte. Gefällig kleidete ihre kernig biegsame Gestalt der rothe faltenreiche Rock sowie die dunkel blaue Jacke, welche, den runden bräunlichen Hals freilassend, die brcitgewölbte Brust und die vollen Arme eng umschloß Ein blaues Seidenband, der einzige Schmuck, den der Kafiem geist jener Zeit außer einem silbernen Fingerreif den Land- mädchen erlaubte, hielt über der klugen breiten Stirn das lichtbranne Haar zusammen, das in zwei dicken Zöpfen herabfiel. Kaspar stieß den Freund mit Pfiffiger Miene an, als ob er sagen wollte:»Gelt, sie ist des Anschauens schon Werth!" und heller schimmerte das gesunde Jugendblut durch Käthe's volle bräunliche Wangen. Eine Frage, die auf ihren dunkelrothen Lippen schwebte, blieb unausgesprochen, weil in diesem Augenblicke die Musik sich vernehmen ließ, welche denHochzeitszug aus derKirche führte. Eben war auch die Sonne der Nebel Herrin geworden und Jubelrufe begrüßten den seltenen Zug, dem voraus die Spiel- leutc lustig in ihre Schalmeien, Pfeifen und Zinken bliesen. Fürwahr ein seltsamer Zug i denn die schlicht gekleidete Braut in Myrthenkranz und weißem Schleier wurde von dem Bräutigam ini Priesterrocke geführt, über dem er den weißen Mantel mit schwarzem Kreuz der Herren vom deutschen Orden trug. In der gleichen Tracht erschien auch der Kommenthur des Ordens, Kaspar Christan, neben dem würdevollen Rektor der Lateinschule, dem Magister Wilhelm Bessenmayer, der für die Festtafel ein schwungvolles Cannen in der Sprache der alten Römer gefertigt hatte. Unmittelbar hinter dem Brautpaare führte der Altbürgermeistcr und Pfleger des Gotteskastens von St. Jakob, Herr Ehrcnfried Kumps das Fräulein von Badell, in deren Haus unmittelbar am Burgthor die Hochzeit gefeiert werden sollte. Das reiche Fräulein stand im mittleren Alter, und man merkte es ihrem klugen Gesicht an, wie zufrieden sie mit diesem Ehebunde war, welcher der alten Kirche offen den Fehdehandschuh hinwarf. Munter plauderte sie mit ihrem Begleiter, zu dem sie hinaufsehen mußte; denn er war ein großer, etwas hagerer Mann, in der Mitte der Vierzig un- gefähr, dessen dunkle Augen mit dem Glanz und der Leb- haftigkcit der Jugend um sich schauten. Er wurde ans seinem Wege gegrüßt, und Fräulein vonBadell nickte jedesmal freundlich mit, wenn er mit einer kardialen Handbewcgung oder einem Nicken seines Kopfes dankte. Ehrenfried Kumps tvar bei der Bürgerschaft sehr beliebt, sowohl wegen seiner uneigennützigen Sorge um das Gemeinwohl als auch wegen seiner zuweilen etwas derben Wahrheitsliebe, die keinen Unterschied des Standes kannte, hauptsächlich aber als ein offener Freund der Refor- mation. Das waren denn freilich Eigenschaften, die ihn den Geschlechtern, die alle Rathsstellcn ausschließlich aus ihrer Mitte besetzten, zuweilen recht unbequem machten. Hätte das Wahlrecht bei der Bürgerschaft gelegen, er wäre nach Ablauf seiner Amtszeit wohl immer wieder zum regierenden Bürger- meister erkoren worden. Ihm zunächst schritt, aus mächtigen Augen schauend und mit dem lebhaft gerötheten Gesicht des sanguinischen Eiferers, die stattliche Gestalt des Doktor Deutschlin. An der Hand führte er den blinden Bruder der Braut, der sich sonst ohne Leitung und nur mit Hilfe eines langen Stabes, der ihm heute müßig im Arm ruhte, so sicher durch die Straßen tastete, als ob er sehend gewesen wäre. Er hatte den großen, markigen Kopf, dessen Tonsur zu einer leuchtenden Glatze geworden, etwas in den Nacken gebogen und verrieth schon dadurch, daß seine starrenden Augen der Sehkraft entbehrten. Ein dichter Bart floß tief auf die Kutte herab, die mit einem weißen Strick ge- gürtet war. Seine nur mit Sandalen bekleideten Füße waren roth von der.Kälte. Es folgten Jßmil Jckelsamer's gelehrter Bruder Valentin, der lateinische Schulmeister, wie er genannt wurde, und Meister Philipp der Tuchscheerer, an die sich noch einige angesehene Bürger mit ihren festlich geputzten Frauen schloffen. Kaspar Etschlich nannte seiner hübschen Base die Namen der Hochzeitsgäste mit mancher lustigen Bemerkung, die ihr Lachen erregte. Er war ein Rothenburger Kind, während Böckingen bei Heilbronn die Heimath seines Freundes war. Beide hatten sich um die letzte Osterzeit auf der Wanderschaft kennen gelernt. Hans Lautner hatte eben seine Lehrjahre zu Heilbronn beendigt und war nach dem kunstreichen Nürnberg gepilgert, Kaspar Etschlich von Ulm, wo er zuletzt gearbeitet auf dem Heimwege nach Rothenburg begriffen gewesen. So hatten ihre Wege sich gekreuzt und Kaspar's Schilderungen seiner malerischen Vaterstadt Hans verlockt, ihn nach Rothen- bürg zu begleiten. Der junge Goldschmied war dann auch so glücklich gewesen, hier in Christof Ellwanger einen ebenso geschickten wie gutherzigen Meister zu finden, während Kaspar bei seinem Vater, dessen einziges Kind er war, in Arbeit trat. Käthe Neuffer hatte ihrem Vetter schließlich nur noch zer- streut zugehört und wandte sich jetzt plötzlich mit der Frage an Hans, warum er auf der letzten Kirnieß mit seinem Freunde sich nicht hätte blicken lassen? „Weil er sich gern wie ein Schuhu mit seiner Pfeifen irgend wo verkriecht, wann's einen freien Tag giebt und ein vernünftiger Mensch lustig ist," antwortete Kaspar an des Freundes Stelle. „Ja, bist Dn denn ein Spielmann?" verivunderte Käthe sich.„Ich Hab' gemeint, daß Du ein Goldschmied bist." „Oh, der versteht sich auf viele Sachen," kam der Vetter abermals Hans zuvor.„So gut zum Tanz aufspielen wie er, könnt's selbst unser Stadtpfeifer nicht, aber im Tanzen bin ich ihm Uber." „Aber so lass' doch Deinen Freund reden," rief Käthe ungeduldig und krauste die leicht über der stumpfen Nase ineinander fließenden Brauen. „Aber er sagt's Dir nimmer, wo er gesteckt hat," schnitt Kaspar wieder, um das Mädchen zu necken, dem blonden Ge- sellen das Wort ab.„Im Schlingenbach hat er gesteckt. Das ist nämlich ein grausam wüst Holz, mußt Dil wissen, allwo die verwunschenen Seelen unserer Ehrbaren spuken. Soll so gar klein nit sein, die fürnehme Gesellschaft dort. Die hat der Hänselin durch sein Spiel auf der Pfeife erlösen wollen." Käthe drohte dem Vetter mit der Faust. Hans lachte ein wenig und sagte:„Von wegen mir könnten sie bis zum jüngsten Tag spuken, ich würd' darum nicht den kleinen Finger rühren. Was sollt ich auf der Äirmcß? Ich kann nicht tanzen." Simon's Schwester sah ihn mit ihren schimmernden Braun- äugen ganz erstaunt an, erwiderte jedoch nichts. Denn der Menschenstrom, in dem sie langsam mitgeschwommen waren, staute und preßte sich jetzt in der Enge zwischen der östlichen Langseite des Rathhauses und der Herren-Trinkstube, hinter deren Rückseite sich der Hochzeitszug durch die Georgengasse auf den Hauptmarkt geschwungen hatte. In der Langseite des Rathhauses befand sich unter einem schmalen Vordache eine Reihe von Verkaufsbuden. Der schöne Renaissancebau aus körnigem Taubersandstein, mit lveit ausladenden Vor- stufen und der Laube mit offenem Altan darüber, der heute die Marktseite des Rathhauses ziert, ward erst ein halbes Jahrhundert später aufgeführt. Die Herren-Trinkstube mit der Frohnwaage im Erdgeschoß erhielt durch viele Steinbilder auf kunstvollen Tragsteinm und durch ein zierliches Eck- thürmchen ein schmuckes Aeußere. Auf der Marktseite be- fanden sich zwei Uhren, von denen die eine die Zeit, die aildere die Länge des Tages und der Nacht angab. Aus den Fenstern darüber, sowie aus denen aller Häuser schauten Neugierige auf den Marktplatz, durch dessen Gewühl der Hoch�eitszug mit seiner Musik sich bewegte und eben um die Stirn des Rathhauses in die breite, zum Burgthor führende Herrengasse bog. Käthen's Augen musterten die Zu- schauer an den offenen Fenstern und jetzt rief sie, mit ihrem braunen Zeigefinger auf die Fenster der Herreu-Trink- stube deutend: „Schaut den Stieglitz!" Sie lachte ausgelassen. Hans und Kaspar folgten der Weisung und der letztere rief:„Ah unsere liebwerthen Nachbarn, die Junker von Finster- lohr und von Rosenberg I" „Der Roscnberg?" fragte Hans Lautner hastig, indem ihm das Blut in die Wangen schoß.„Welcher ist's „Der mit der Stubbennase, dem der rothe Bart in zwei langen Zacken vom Maul und Kinn auf den langen grünen Wappenrock hängt," antwortete Kaspar. „Brr," machte Käthe,„mit dem mächt' ich nichts zu schaffen haben. Hat ein Gesicht wie ein Bullenbeißer." Hans hatte die Lippen fest zusammengepreßt und der- wandte kein Auge von ihm, während sein Freund fortfuhr: „Der neben ihm, mit dem schwammigen Gesicht, der Stieglitz mit dem Wald von bunten Federn auf dem Kopf und dem Rock halb roth, halb blau, und von den Aenneln ist der eine roth, der andere blau und gelb gestreift, das ist sein geschworener Freund, der Philipp von Finsterlohr auf Lauden- dach. Junker von Leuteschinder sollten sie eigentlich alle beide heißen." „Kommt weiter," stieß Hans mit finsterer Miene heftig heraus. „Ist auch Zeit; denn ich lechze nach einem Trunk wie ein ausgetrockneter Sumpf nach Regen," sagte Kaspar. „Wir machen nach dem Bären, wo der Simon gewiß schon auf uns wartet." Es schob sich aber plötzlich ein Hinderniß in ihren Weg. Denn aus der schmalen Hafnergasse tauchten reich gekleidete Reiter hervor, von denen die vordersten ihre Pferde rücksichts- los rechts und links herumwarfen, um den Folgenden Bahn durch das Gewühl zu schaffen. Die zornigen Zurufe, das Geschrei und Flüchten der plötzlich Bedrängten, unter denen es nicht an Frauen und Kindern fehlte, erregten nur die Heiterkeit der übermüthigen Stadtjunkcr, die von einem Spazierritt zurückkamen. Die Unverschämtheit der Junker lockte aus Hans Lautner's blauen Augen ein zornig sprühendes Feuer, und seine Hand�fuhr nach dem Schwertgriff. Wie er aber die Klinge entblößen wollte, überflog eine glühende Röthe sein Gesicht, und er stand wie eingewurzelt. Hinter den rücksichtslosen Vorreitern erschienen zwei Amazonen auf reichgeschirrten Rossen. Die eine ließ sich in lässiger Haltung von einem milchweißen Zelter mit langer Mähne tragen, während ihre Augen unter einem blauen Sammethut mit wallenden Federn theilnahmlos über die Menge glitten. Ein Netz von Goldfäden und Perlen fesselte ihr blondes Haar. Die andere wiegte ihre schlanke, von einem grünen Kleide umflossene Gestalt anmuthig stolz auf dem Sattelkissen eines ungeduldigen Rappen. Ihre Wangen waren von der frischen Luft geröthet und ihre großen schwarzen Augen strahlten. Schwarz wie die Augen war das Haar, das gleich schimmernden Schlangen in zwei Flechten bis auf den Rücken des Pferdes hinabzüngelte. Ein breiter Hut ji von dunkelrothem Sammt mit goldenen Schnüren und Quasten und krausen weißen Straußfedcrn beschattete das schöne lebensvolle Gesicht. „Ist die aber sauber I" rief Käthe bewundernd aus. „Darum heißt sie auch die schöne Gabriele," antwortete Kaspar trocken. Hans blieb stumm. Käthe schielte nach ihm, und die rothen Schlängelein ihres Mundes krümmten sich schalkhaft, wobei sich in ihren vollen Wangen zwei Grübchen bildeten. Hans starrte mit glänzenden Augen auf die Reiter, die un- bekümmert um alles Schreien, Drohen und Fluchen, ihren Weg querüberdenMarktplatz nach der Herrengasse nahmen.„Da könnte einem schier der beste Durst alle werden," brummte Kaspar ihnen nach. Käthe stieß Hans an, der lang ausathmete, und schwei- gend folgten beide dem Tuchscheerer nach dem südlichen Schmalende des Hauptmarktes, wo es nach der tiefer liegen- den Burggasse, der ältesten Straße Rothenburgs, hinabging. Käthe blickte verstohlen auf Hans, der den Kopf geneigt hatte, und in dessen Mienen ein trübes, fast schmerzliches Sinnen fich ausprägte.„Ach", seufzte sie,„wer doch nur ein ganz Kein bissel so sauber ausschaute, wie die schöne Gabriele!— Nu, eS ist halt, wie es ist," fuhr sie sich bcscheidend fort. „Was ich aber stagen möchte. Hat's bei Dir in Schwaben auch so schöne Maidlein?" Er hatte kaum auf sie gehört. Jetzt warf er den Kopf auf.„Nein", versetzte er kurz und bestimmt. Fügte dann aber etwas verlegen hinzu:„Das heißt, ich weiß nit; ich Hab' halt nach den Madlen daheim nit ausgeschaut." „O Du, geh'," lachte sie lustig auf. „Es ist schon so," versicherte er schlicht.„Ich kann es mir aber nit vorstellen, daß es auf der Welt eine geben sollte, wo schöner ist als sie." Seine Augen leuchteten. Wieder lachte auf Käthen's frischen Lippen der Schalk. „Da ist's gar übel mit Dir bestellt", meinte sie mit verstelltem Mitleid. Er runzelte die Stirn. Sie waren mittlerweile die anfangs steil sich senkende Gasse etwa bis zur Mitte hinunter gegangen, wo sie breiter wurde. Hier stand der Bär, welcher in seiner Höhle Mann und Roß gastlich aufnahm. Das Haus zählte nur zwei Stock- werke. Der Flur, in dessen Hintergrund eine Treppe nach oben führte, war mit Steinplatten ausgelegt. Daneben zur Linken lag die Schänkstube, welche aus drei Fenstern auf die Gasse schaute. Freiliegende dicke Balken, die von Alter, Staub und Ruß fast schwarz waren, trugen die niedrige Decke des großen Raumes, in welchen die runden, in Blei gefaßten Scheiben von dickem, grünlichem Glase eine nur kümmerliche Helle dringen ließen. In der von Seiten- und Hinterwaud gebildeten Ecke befand sich der Schankverschlag, der mit der Küche in Verbindung stand. Hausflur und Stube waren dicht mit langen Tischen und Bänken bestellt. Beide Räume waren schon mit Gästen angefüllt, meistens Bauern mit den Ihrigen, dazwischen verwandte oder be- freundete Bürger, und ein lautes Sttmmgewirr, ein Klappern und Klopfen mit Kannendeckeln und Bechern scholl Kaspar Etschlich und seinen beiden Begleitern entgegen. Nach Simon Neuster sahen sie sich im Flur vergebens um. Als sie von der Thürschwelle aus die große Trinkstube überblickten, deren matte Helle von Wein- und Speisedünsten geschwängert war, kam der Wirth, der zwischen dem Verschlage, in welchem die wohlbeleibte Wirthin des Zapfens wartete, und den Tischen hin und her schoß, auf sie zu. Von einem Wirthe, wie man sich einen solchen gewöhnlich vorstellt, besaß Gabriel Langenberger nichts. Er hatte weder das seine Küche empfehlende Bäuchlein, noch die seine Getränke rühmende Kupfernase. Sein Gesicht war von einer kränk- lichcn, käsigen Farbe und mit einer langausgczogenen Nase geschmückt; er hatte eine schmale, eingefallene Brust und einen langcnHals, und seine kleinen Augen bewegten sich, auch während er mit dem ihm bekannten Kaspar Etschlich sprach, in steter Unruhe, als ob sie suchten, wo nach ihm geklopft würde, was oft genug geschah. Nach seiner Küche schien dagegen wenig Begehr zn sein, höchstens wurde einmal ein Kraut, selbst- verständlich mit Wurst, bestellt. Die meisten Landleute hatten sich ihren Mundvorrath mitgebracht, dieser blos ein Stück Schwarzbrot oder ein Gebäck, jener dazu Käse oder Speck, Rettige, Nüsse. Die nackte Tischplatte diente als Teller und die Abfälle wurden auf den Fußboden geworfen. Ein Messer ttug jeder in einer Scheide am Gürtel. Gabriel Langenberger wies die drei jungen Leute nach einem Tische in der Nähe des letzten Fensters. Dort saß der Dorfmeister in eifrigem Gespräch mit zwei anderen Bauern, von denen der ältere Küthe verttaulich begrüßte. Es war Jörg Buchwalder aus Ottenhofen im Aischgrunde, ein behäbiger Mann mit bereits ergrauendem Haar. Der zweite, mit Simon Neuster etwa von gleichem Alter, war der Weinbauer Leon- hard Metzler aus dem südwestlich von Rothenburg gelegenen Dorfe Brettheim. Er bettachtete unter seinen überhängenden Brauen mißttauisch die beiden jungen Burschen und nickte kaum merklich mit dem Kopfe, als er erfuhr, wer sie wären. Simon aber reichte dem Freunde seines Vetters die Hand und agte:„Setzet Euch daher, für zwei redliche Gesellen ist Platz bei uns." „Ihr wäret also im Münster?" hob Jörg Burchwalder aus Ottenhofen das Gespräch an.„Das war gescheidt; müssen wir auf den Dörfern uns doch mit der Schlampe begnügen, die uns der Pfaff Sonntags in den Trog schüttet. So hat der Doktor den Ordensmann wirklich gettaut und es ist keine Einsprach' nit geschehen?" (Fortsetzung folgt.) SottttkKZSplÄttvover. Wenn die Leute nichts zu thun haben, verfallen sie auf die .höhere" Politik. Und ist's gar noch trübe und unfreundlich, wie etwan am Pfingstmomag, dann fallen sie über Jeden, von dem sie meinen, er höre das politische Gras wachsen, her wie die Bremsen. Ich weih nicht, wie es kam, aber sie nahmen mich am zweiten Feier- tage recht tüchtig ins Gebet: Wie es denn stehe mit dem Kriege um Kuba. Ta ich davon so wenig wußte wie der Präsident von Nord- amerika, so verlegte ich mich äuss Versprechen: Ich würde nachfragen, mich bei Sachverständigen erkundigen und am nächsten Sonntag getreulich berichten. Sie mußten mit der Antwort zufrieden sein, ich war ja kein Rcichstags-Kandidat. Und noch an demselben Abend sandte ich ein Telegramm nach Paris: .Liebe Tante, wie denken Sie über Kuba? Antwort bezahlt." Pünktlich um Mitternacht trommelte der Depeschenbote an meine Thür.„Fragen Sie meinen Herrn Neffen! Berlin,«Rothes Haus"." Ich rieb mir die Augen und bedachte mich mit einigen Kose- namen. D i e Weisheit hätte ich wahrlich billiger haben können! Der Vater des kleinen Franz hat eine Kneipe. In dieser Wirth- schaft verkehrt jeden Donnerstag ein Stadtverordneter. Dieser Stadtverordnete ist zwar nicht ein Parteigenosse des Herrn Vor- steher, aber dieser Herr bedenkt den Stadtverordneten nach jeder Sitzung mit einigen politischen Prophezeiungen. Und der Stadt- vatcr weiß dann sofort, was er zu glauben hat: das Gcgcnthcil. Bis heute ist das auch immer eingetroffen. Es ist zu wünschen, daß der Herr Vorsteher wenigstens bis zum 16. Juni Recht behält; es giebt dann in zwei Berliner Wahlkreisen einen Freisinns-Durchfall, daß es nur so tscheppert. Da von der Pariser Tante nichts herauszubekommen war, begab ich mich am Dienstag zur Großmutter nach der Krautstraße. Als ich eintrat, machte die alte Tmne ein Gesicht wie eine Nachteule, der die Sonne ins Nest scheint. Aber dann gab sie sich. Und als ich fragte:„Was wissen Sie über Kuba und Portorico?" blickte sie süß wie Syrup.„Der Sache werden wir auf den Grund gehen," meinte sie. Sie nahm eine dickbäuchige Kanne vom Ofen und betrachtete drei Minuten lang aufmerksam den Kaffee- grund. Plötzlich warf sie den Kopf zurück, verdrehte die Augen und flötete:„Ich se— he, sehe! Bei— de, beide, wer— den, werden ge— köpft!" Das letzte Wort schrie sie heraus wie die Jungen das Amen im Vaterunser. Ich war ganz verwirrt.„Was? Wer? Beide?... Geköpft?..." Ihre Stimme schwoll:„Ja doch! Geköpft! Beedc! DieKuba'n und derRicho!..." Ich niußte den Kopf schütteln. Gleich fuhr sie auf:„For zwölf- einhalb is det genug I... UebrigenS sind Sie en Zeitungsschreiber. Ick sehe Ihnen det an. Wenn Sic»ich gleich machen, det Sie raus kommen, verklage ick Sic wejen unlauterer Wettbewerbung... Raus!... RauS!... Raus!..." Beschämt machte ich die Thüre von draußen zu. Jetzt war nur noch eine Rettung. Ich nahm eine Droschke und fuhr bei einer der ersten„Zierden der Berliner Presse" vor. Der Mann brauchte nur noch jede Woche einmal und zu allen heiligen Zeiten einen Är- tikcl zu schreiben, er gehörte zu denen, die da wenig arbeiten, also zu den Hochstehenden i der mußte etwas wissen. Und ich setzte mich m den Polsterstuhl, auf dem vor Zeiten ein KriminalkommisfariuS als Egeria gesessen. Und ich Hub an:„Verzeihen Sie einem jungen Anfänger, wenn er Sie belästigt. Aber ich habe mir vorgenommen, etwas Licht in die Kriegsvorgänge um Kuba zu bringen dadurch, daß ich die Sachkenner und Autoritäten beider Welten um ihre Meümng befrage. Also, Meister, wie denken Sie über Kuba?" Mich traf ein Blick aus des Meisters rundrollcndcm Auge. Daiui nahm der Herr einen Kognak, stellte aber schnell die Flasche wieder fort. Und während er sich den seidenweichen Bart wischte, und ein halbgefrorenes Lächeln sich auf sein Antlitz senkte, sagte er— es klang wie das Flüstern im Rohre—„Hm!... Wissen Sie was?.'.. Hm l... Wenn ich etwas verstände... Wenn ich etwas wüßte... Hm!... Wäre ich nicht Tintcnkuli seiner Majestät des Jnseratenkönigs!..." So, meine Herrschaften, das ist, was ich im Verlaufe der letzten Woche über Kuba und den Krieg aus ersten Quellen vernonunen habe. Ich habe außerdem noch sämmtliche eingelaufenen Telegramme gelesen, sie besagen auch nichts anderes. Sie müssen sich also den Reim dazu schon selbst machen. In der preußischen und auch in anderen Landstuben ist von Gottesfürchtigen und von Leuten, die mit großem Grundbesitz belastet sind, schon des öfteren darüber Klage geführt worden, daß das Volk heutzutage zu viel Bildung besitze und noch immer mehr zu lerne. Besonders auf dem Lande sei es schon das reine Aergerniß. Die Kinder würden jetzt in den Dorfschulen so aufgeklärt, daß die Burschen sich nicht einmal mehr von dem Herrn Inspektor oder dem gnädigen Herrn prügeln lassen wollten; die Kost sei ihnen zu schlecht— man denke, Stampfkartoffeln!—, der Lohn zu gering, die Arbeitszeit zu lang. Und deshalb zöge alles nach den Städten und der arme Großgrundbesitzer müsse elendiglich zu gründe gehen. Wie verständnißinnig mögen die Herren, die so denken, zu der Nachricht genickt haben, die unlängst ans Wien kam. Der Ministerpräsident Graf Thun ist ein böhmischer Magnat. Als er an die Spitze der Regierung berufen wurde, zog er natürlich seinen ganzen„Hofstaat" nach Wien. Und für alle Domestiken fand sich im Palast des Ministeriums des Innern ein Unterkommen, nur nicht für die gräflichen Tafeldecker. Das war ärgerlich, das ging einfach nicht. Kanu sich ein anständiger Mensch einen Minister ohne Tafeldecker vorstellen? Aber der Herr Graf wußte bald Rath. Im Ministerium des Innern war bis dahin die zweitgrößte Bibliothek Oesterreichs untergebracht. Die Beamten sollten bei ihren Arbeilen nicht ohne Hilfsmittel sein. Aber was kümmert sich ein Minister- Graf um die rasche und gründliche Erledigung von Akten, wenn er seine Tafeldecker entbehren soll! Die Bibliothek wurde aus dem Palaste geworfen, in den frei gewordenen Räumen quartirten sich die Tafeldecker ein. Vor einiger Zeit hat im österreichischen Ab- geordnctenhause ein Christlich-Sozialer den Ausspruch gethan:„Lassen Sie mich mit den Büchern aus; die Hab ich schon„'gefressen". Der Mann heißt Bielohlaivek. Wenn er sich nicht zum Tafeldecker eignet, dürste er dem Ministerpräsidenten vielleicht«Is Oberbibliothekar passen. Die deutsche Lehrerversammlung in Breslau hat im ganzen einen recht erfteulichen Verlauf genommen. Ein starker Fortlchnttsdrang machte sich auf allen Gebieten bemerkbar. Das mag die Junker und ihre Blutsverwandten, so da vom grünen Tisch aus das Volk regieren wollen in alle Ewigkeit, baß gewurmt haben. Aber auch ftir sie hat die Lehrerversammlung leider einiges Erfreuliche gebracht. Zwei Lehrer thaten in Breslau den Mund auf, und das einemal klang es, als redete ein alter Dorfschulmeister, der bei den Bauern der Reihe nach essen herumgeht, und der andere erschien wie ein ausgedienter Unteroffizier, den man mit einer Schulstelle versorgte. Dieser Ivandte sich gegen eine bessere Ausbildung der Lehrer mit den Worten:„Was sollen die Behörden dazu sagen?.... Wer soll in Zukunft Lesen lehren?" Und er warnte zum Schlüsse vor Beschlüssen, mit denen die Behörde nichts anfangen könne. Der Andere war noch köstlicher. Der stellte sich hin und sang zuerst dem Zentrum ein Loblied. Dann sagte er:„Ich erkläre, es ist geradezu eine Wohlthat, wenn Kinder auf dem Lande des Nachmittags drei bis vier Stunden beschäftigt werden." Das ist derselbe Unterthänigkeitsgeist, der es duldete und ertrug, daß der Lehrer zum Knecht des Pastors und zum Sklaven der Bureaukratie gemacht wurde, und es ist bezeichnend, daß er gerade jetzt so offen sich äußert. Die deutsche Lehrerschaft würde sich selbst aufgeben, wenn sie derartige Anschauungen unter sich groß werden ließe. Wir trauen ihr so etwas nicht zu. Vielleicht sieht sie es auch recht bald ein, daß sie trotz der Tante in Paris und Herrn Langerhaus u. Ko. in Berlin mir einen wahren und aufrichtigen Freund besitzt, die Sozialdemokratie.— Vleinvs FouMekon. — Die Riesenschlange als Affenbändigerin. Die Wiener „N. Fr. Pr." schreibt: Mittwoch abends, bald nachdem das Unwetter sich verzogen hatte, spielte sich im Käfig der erst diese Woche angekommenen riesigen Bärenpaviane des Wiener Thiergartens vor den Augen des Publikums eine sehr aufregende Szene ab. Die beiden mächtigen Thiere sollten aus dem Tageskäfig in den an- liegenden, nur durch eine Fallthür verbundenen Nachtkäfig gebracht werden. Die Thiere zeigten aber keine Lust, sich in ihrer Position stören zu lassen. Weder das gütliche Zureden des Wärterpersonals noch das Stoßen mit spitzen Haken vermochte sie aus dem Käfig zu treiben. Man holte Fackeln herbei und zündete ein Feuer an, damit der Feuerschein sie vertreibe. Das bewirkte aber nur. daß die beiden Bestien in wilder Wuth an den Stäben des Gitters zerrten und zähnefletschend von Ast zu Ast sprangen; sie machten aber durchaus keine Miene, durch die Fallthür zu verschwinden. Man holte imn den Inspektor des Vivariums, welcher— mit einer mächtigen Riesenschlange erschien, da die Affen bekanntlich die größte Angst bor Schlangen haben. Und nun entwickelte sich eine ungemein aus- regende Szene, deren Wirkung durch Fackelschein in finsterer Nacht noch erhöht wurde. Inspektor Porcina betrat mit der Riesen- schlänge den Nachtkäfig und öffnete die Fallthür, um das Thier auf die beiden Affen loszulassen. Die Schlange wendete sich aber gegen den Inspektor und versetzte ihm einen leichten Biß in die Wange, so daß das Blut gleich herunterfloß. Auch der Wärter wurde gebissen. Des Publikums bemächtigte sich große Auflegung. Herr Percina beruhigte dasselbe. Dir Schlange hatte sich inzwischen in den Käfig und auf einen Ast geschwiegen, während die beiden Paviane in wilder Flucht durch den Käfig zagten. Mit ruhigem, aber stechendem Blick beobachtete die Riesenschlange die Bewegungen der beiden Thiere. Plötzlich schießt sie auf einen der Affen los. Dieser aber iveicht geschickt aus uud springt auf den Ast, wo der andere be- reits Platz genommen. Die Schlange kauert nun mit vorgerecktem Halse vor der Fallthür, zu neuem Sprunge bereit. Es vergeht kaum eine Minute, und sie geht von neuem los. Diesmal ist sie etwas glücklicher. Während der eine Pavian durch einen kühnen Seitensprung zur Fallthllr sich rettet und durch dieselbe verschwindet, gelingt es der Schlange, sich dem anderen zu nähern. Ein förm- licher Schauer erfaßt das Publikum bei diesem Anblicke. Doch nicht lange währt dieser auflegende Moment. Behende wendet sich der Affe zur Seite, er springt auf den Ast, die Schlange bleibt kauernd in einer Ecke liegen. Diesen Augenblick benutzt das kluge Thier und springt mit einem Satze zur Fallthür und durch diese in den Käfig, über den sich nun die Thür schließt. Daniit war dieser auflegende Ast des Thierkampses beendet.—- Knust. —Iii. In dem kleinen Lesezimmer der Berliner Kunst- a u s st e l I u n g(Saal 25) sind einige G l a s f c n st e r angebracht, die einen neuen Stil glänzend vertreten. Haus Christiansen hat die beiden besten entworfen,„Schwäne bei Abendstimmung" und einen„Abend", in dem eine Frauenfigur den Haupttheil des Feldes füllt i die Ausführung stammt von Karl Engelbrecht in Hamburg, der selbst auch einen zweitheiligen Fenstervorsctzer, „Iris" sind„Mohnblumen", gezeichnet hat. Es sind rein orna- mental behandelte Arbeiten, ohne jede Zeichnung mit Schwarzloth, wie sie die älteren Glasfenster, zum Beispiel die daneben angebrachten von Heinersdorff(Berlin), zeigen. Möglich geworden find sie erst durch die Erfindung des amerikanischen Opalescentglases. Jedes Stück desselben enthält eine außerordentliche Fülle von Nuancen, die durch Uebereinandergießen und Mischen ver- schiedenfarbigc Glasflüsse entstehen. Die Formen in Fenstern aus diesem Material werden durch die Bleizüge dargestellt, mit denen man die einzelnen Stücke zusammenfaßt. Wie prachtvoll die Wirkungen sind, die sich mit solchen Gläsern erreichen lassen, zeigen die ausgestellten Stücke. Der Rcichthum, die Tiefe und Lcucbtkraft der Farben ist nicht zu überbieten. Alle Zufälligkeiten des Materials, die Eigenart der Farbenmischungen wie die Rauhigkeit des Glases und die da- durch hervorgerufenen Glanzlichtcr, werden von den Künstlern aus- genutzt; eigenthümlich schillernde Tone erreichen sie durch Ucbereinandcr- legen verschiedener Glasplatten. Sln den Fenstern C h r i st i a n s e u' s reizt aber nicht nur die Farbe, die zu feinen Harmonien mit äußerst sicherer Abwägung der Wcrthe der einzelnen Farbenflächen zusammengesetzt sind. Sie zeugen auch von einem überlegenen Formgefühl ihres Meisters. Er ist ein Künstler von einem ungewöhnlichen Reichthum der Erfindung. Das letzte Heft der Zeitschrift ,.5tunst und Dekoration" gicbt eine umfassende Uebersicht über seine bisherigen Leistungen. Sein Werde- gang ist sehr interessant. Der jetzt 31 Jahre alte Künstler ist ein Flensburger. Vier Jahre lang ist er bei einem An- streicher in der Lehre gewesen und hat dann als Gehilfe einige Jahre lang Deutschland' bereist. Stipendien ermöglichten ihm für drei Semester den Besuch der Kunstgcwerbeschule in München und später eine Studienreise nach Italien. In Hamburg wurde er dann Lehrer an der Fachschule und etablirte sich als Dekorationsmaler. Im Jahre 1893 wurde er auf Kosten des Staates zum Studium der Weltausstellung von Chicago gesandt und brachte von der originellen, frisch erblühenden amerikanischen Kunst werthvolle Anregungen mit. „Nach meiner Rückkehr," erzählt er dann,„empfand ich mehr denn je die Abhängigkeit vom Publikum, von den Gcschäftssorgen sc., ich wollte frei sein und frei schaffen und studiren können; endlich 1395 wurde mir dieses nwglich, ich hängte den Malenueister an den Nagel und ging wieder auf die Wanderschaft. Zunächst auf eine Zeit lang nach Antwerpen, dann im Herbst nach Paris, um Akt, und, da es mir fern lag, meine Seele für die Zukunft ganz dem Gold- rahmen zu verkaufen, alle vorzüglich ausgebildeten! Techniken an der Quelle zu studiren, um sie künstlerisch zu ver- werthen." Er ist noch immer in Paris, da er dort sehr gute Austräge hat,„man muß ja da bleiben, wo man sein Auskommen findet."„Was mich am meisten gefördert hat, das sind die Aufträge gewesen, Aufträge der verschiedensten künstlerischen Arten." Die Allgemeinheit der künstlerischen Bethätigung ist ein bezeichnendes Merkmal der Künstler unserer Zeit. Auch Christiansen ist auf den ver- schiedcnsteu Gebieten thätig.„Ich fasse meine Thätigkeit als Künstler so allgemein als möglich auf: ich will ein Porträt malen aber auch ein Möbel entwerfen können; ich zeichne Karrikaturen aber auch— Tapeten, Plakate, überhaupt Originale für jedes Druckverfahren; ich entwerfe Glasfenster, aber auch gelegentlich einen Wandschirnr für Ledcrtechuik. Meine Devise heißt: Darstellung von Charakteristik in Form und Farbe dem Zweck und der Technik angepaßt." So kühn diese Worte sind, Christiansen arbeitet thatsächlich au ihrer Verwirklichung. Das erwähnte Heft weist Beifpiele von allen Arten auf, und immer ist eine glänzende Beherrschung der Technik, ein wundervoller Schwung in den Linien, kräftige, schön kontrastirendc Farben und eine sein berechnete Komposition der Flächen an ihnen zu bewundern. Dabei wird er nie einseisig, von überall her nimmt er ihm passende Anregungen auf und verarbeitet sie in seiner originellen Weise. Eine unerschöpfliche Phantasie, ein übersprudelnder Reichthum an Formen ist ihm eigen.— Erziehung und Unterricht. --Zur Sich u l a r z t f r a g e. In K ö n i g s b e r g i. Pr. hat der Magistrat die Anstellung von zehn Schulärzten beantragt, denen ein Honorar von je 600 Mark jährlich bewilligt werden soll. Die ausgearbeitete Dienstanweisung besagt: Die Schulärzte sollen den Gesundheitszustand der Schüler überwachen, sie sollen ferner den Leitern und Lehrern der Schulen in schulhygienischen Fragen die nöthigc Auskunft ertheilen. In Erfüllung dieser Pflichten sollen sie die neueintretcnden Schüler möglichst bald genau auf ihren Gesund- heitszustand untersuchen und dabei feststellen, ob das Kind einer besonderen Berücksichtigung bei dem Unterricht, zum Beispiel bei Ausschließung oder Beschränkung in einzelnen Fächern(Turnen, .Singen), oder Anweisung besonderer Sitzplätze bei Kurzsichtigkcit oder Schwerhörigkeit bedarf, lieber jedes Kind soll ein Gesundheitsbogen ausgefüllt werden, der es von Klasse zu Klasse bis zur vollendeten Verantwortlicher Redalleur: August Jacobry in B Schulzeit begleitet und bei einem Schulwechsel mitgegeben wird. In dem crstesi Theile einer alle vierzehn Tage abzuhaltenden Sprech- stunde sollen jedesmal zwei bis vier Klassen einem Besuche des Schul- arzteS unterzogen werden, wobei dieser die sämmtlichen Kinder der Klasse äußerlich untersucht und die einer genaueren Untersuchung be- dürftigen zurückstellt. Sodann folgt die genauere Untersuchung der zurückgestellten und der von den Lehrern aus besonderer Veran- lassung zugeführten Kinder anderer Klassen. Eine Behandlung der krank befundenen Kinder soll von dem Schularzte nicht über- nommen werden; die Kinder werden vielmehr mit einer schriftlichen Meldung über den Krankheitsbefund den Eltern nack Hause geschickt. Auch außerhalb der regelmäßigen Schulbesuche können dem Schularzte von dem SchuUeiter einer ansteckenden Krank- heit verdächsige Kinder in die Sprechstunde gesendet werden. Die ge- sammten Räume der Schule sollen zweimal im Jahre von dem Schul- arzte unter Zuziehung des Schulleiters und eines städsischen Bau- beamten untersucht werden; auch während der regelmäßigen Schul- besuche sollen die Heizung, Ventilasion, Beleuchtung und die sonssigen hygienischen Einrichsimgcn beobachtet werden. Um die Lehrer mit den wichtigsten Fragen der Sckulhhgiene vertraut zu machen, sollen ihnen durch die Schulärzte im Winter hierüber Vorträge gehalten werdeu.— Humoristisches. — Sch i ck s a I s t ü ck e.„Es ist entsetzlich, Herr Doktor, ich darf beginnen, was ich will und noch so wenig genießen— ich nehme doch immer zu!" „S ch i ck s a l s d i ck e, gnädige Frau I"— — Boshaft. Weinhändler.„Mir ist mein ganzer Keller ausgeräumt worden, habe aber keine Spur von dem Dieb I" Kunde.„Haben Sie denn schon in den verschiedenen Spitälern nachgefragt?"— — Druckfehler.(Aus einem Festbericht.)... Die hier ver- sammelten Vegetarianer wurden von den Sängern mit dem schönen Liede begrüßt:„Wem bring' ich wohl das erste Gras!"— („Flieg. BI.") Vermischtes vom Tage. — Haniburgs Seeschifffahrt zeigt eine stesig fort- schreitende Zunahme. Vom Januar bis zum Mai d. I. sind 4716 Schiffe mit fast 3 Millionen Reg.-Tons(daruiter 3259 Dampfer nut 2'/s Millionen Tons) angekommen und 4633 Schiffe mit 2,8 Millionen Tons abgegangen. Im gleichen Zeitraum des Vor- jahres liefen 4205 schiffe ein und 4240 aus.— y. In Lüneburg und Umgegend hat es in den letzten Nächten st a r k g e f r o r e n.— — Beim Mcrgelgraben wurden zwei Knechte in U e l i tz bei Schwerin von einer einstürzenden Lchmwand verschüttet. Einer wurde als Leiche hervorgezogen, der andere erlitt einen Beinbruch.— — Bei einem Treppenbrand in Apolda mußte eine Frau ihre vier Kinder aus dem Fenster des vierten Stocks auf bercitgchaltenc Teppiche hinabwerfen und dann selbst den Sprung wagen. Das jüngste Kind fiel auf das Pflaster und starb, die anderen erlitten Verletzungen.— — In dem Dorfe Kreischa bei Dresden ertränkte sich eine Arbeitcrwittwe mit ihren zwei Kindern. Nahrungssorgen haben sie in den Tod getrieben.— — Ein He rings museum soll in Gstthenburg er- richtet werden und in Verbindung damit eine Sammlung von Plankton aus allen Mecrcsgebieten. Zu diesem Zweck werde» Expeditionen nach den verschiedenen Meeren ausgerüstet.— — Die schwedische Grad nressungs- Expedition hat die Reise nach Spitzbergen angetreten. Sie soll die Vor- arbeiten sür die umfangreiche Gradmessung ausführen, die. in den Jahren 1899 und 1900 auf Spitzbergen von Schweden und Rußland gemeinsam vorgenommen lverden sollen.— — In der'Arader Weingegend(Ungarn) verbreitet sick die Reben motte ungemein schnell und droht die ganze Ernte zu vernichten.— — Eine Warschauer Buchdruckerei giebt einen Band der Werke Miczkiewicz's heraus, der so lvinzig klein ist, daß die Schrift nur mit Hilfe eines scharfen Vergrößerungsglases gelesen werden kann, während der ganze Band als Berloque an der Uhr- kette gettagen werden soll.— — In Z a r i z y n und in dem Strich nordwestlich hinauf gegen Moskau herrscht seit Wochen schon eine tropiscke Hitze. lieber Zarizyn lagert eine Staubwolke. Die Entwicklung der Saaten ist gefährdet.— — Ein 63jähriger Mann tvurdc in Paris am Donnerstag in seinem Bette todt aufgefunden. Der Arzt konstatirte als Todes- Ursache: Durch Kälte verursachte Kongestion.— — Der kanadische Polizei- Oberst von der Station am Bennemann-See berichtet, daß bereits am 9. Mai, als die Gebirgs- Übergänge noch mit meterhohen Schnecmassen bedeckt waren, schon 25 000 Menschen die Felscngebirgc überschritten hätten, um nach dem Jukonbezirke zu gelangen. Die Zahl der dabei Umgekommenen schätze er auf 3000.—__ rlni,_ Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.