Mttterhaltlmgsblatt des Horwärls Nr. 109. Dienstag, den 7. Juni. 1898 51 (Nachdruck verboten.) Am die JTvviheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. Er hatte diese Worte vorzugsweise an Lautner gerichtet, der ihm mit Kaspar gegenübersaß, während Käthe an seine Seite sich gesetzt hatte. Hans schien seine Theilnahme zu er- regen. Der junge Goldschmied konnte ihm jedoch keine Aus kuuft geben, da die Kirche bereits so voll gewesen, daß er nicht mehr hatte hineinkönnen. Statt seiner berichtete Käthe mit großer Lebhaftigkeit. Sie hatte genau acht gegeben. „Und von den» Gelübde hat er geredet, daß die Geistlichen nicht hcirathen dürften. Das ist eine Gotteslästerung, hat er gesagt: denn es ist wider die Natur, da doch Gott das Weib dem Mann zur Gesellin geschaffen hat. Die Ehelosigkeit der Geistlichen, hat er gesagt, ist die Verführung zur Buhlerci, Ehebruch und allen Lastern. Und von den heiligen drei Königen hat er erzählt, wie die Geschenke, die sie dem Jesuskindlein dargebracht haben, von den Pfaffen sind zu Kirchenopfern, Viehsteuer und Zehnten gemacht worden, und daß die keiner zu geben verMchtet ist." „Das Wort lob' ich mir; das soll wahr werden", rief Leonhard Metzler aus Brettheim mit einer ingrimmigen Freude. „Ja", bemerkte Jörg Buchwalder,„der Damm, wo die Pfaffheit aufgericht't hat, hält nicht mehr dicht, überall sickert's durch. Und das Loch gar, was der Luther gerissen hat! Die Herren werden es nimmermehr zustopfen." Gabriel Langenberger brachte für Kaspar eine Kanne Wein und zwei hölzerne Becher, und der Dorfmeister bestellte für Käthe ein Kraut und eine Halbe Würzwein, hinzufügend: „Heut' langt's noch. Uebers Jahr haben sie uns auch wohl den letzten Heller abgepreßt, und der Teufel ist Zahlmeister." „Ne, Dorfmcister. mit dem bleibt mir vom Leib", hüstelte Langenberger und schlug ein Kreuz. Die anderen lachten. Kaspar Etschlich hatte unterdessen Hans und sich ein- geschenkt. Jetzt rief er ausspuckend, nachdem er gekostet hatte:„Ist das ein Säuerling! Höre. Langenberger, ich wollte, daß Du ein Amt hättest! Dann wüßte jeder, was Du Werth bist." „Wie so denn?" fragte der Wirth mit umherflatternden Augen. „Ei, ist Dir unser fränkisch Sprüchwort nicht bekannt und bist doch im Wildbad da unten ans Licht der Welt gekrochen?" versetzte Kaspar.„Ist ein gut und wahr Sprüchlein, lose: Es ist kein Amt so klein, es ist henkenswerth." „Bist Du aber spaßig!" meckerte Langenberger und ent- wischte nach dem Schankverschlag. Die Anderen lachten, Jörg Buchwalder aber machte ein ernstes Gesicht und warnte den kecken Burschen:„Wer eine lose Zunge hat, dem fällt sie gar leicht vor die Füße. Weißt Du denn nicht, daß jeder Bürger bei seinem Eid gehalten ist, es dem Rath anzuzeigen, so er Uebeles von der Oberkeit sprechen hört?" Kaspar entgegnete jedoch gleichmüthig:„Wenn die Bürger dem nachleben wollten, dann hätten sie alle Füße voll zu thun. Von wegen solcher Kleinigkeit setzt der Langcnberger seine Kundschaft nicht aufs Spiel, so wenig ich ihm trau'. Er lebt ja von den Bürgern, und die Geschlechter machen ihnen wenig Lust, ihnen gefällig zu sein. Haben just auf dem Markt ein sauber Stücklein von ihnen mit angeschaut." „Ach ja, wie die übermüthig sind, das ist nit zu sagen," rief Käthe, die in Erwartung des Krautes ein Stück Weiß- brot, ein Klöpfel, das Kaspar ihr verehrt, aus der Tasche gezogen hatte, und daran knusperte. Sie erzählte von den Reitern. Simon und seine Freunde machten finstere Gesichter. Hans schaute in seinen Becher. „Nu, ists nicht eine große Ehre für uns. von den für- nehmen Pferden zertreten zu werden?" rief Kaspar mit einem scharfen Lachen. „Du mußt über alles Deinen Spaß haben." zürnte Käthe. „Dein Freund hat gleich nach dem Schwert gegriffen." „Ließ es aber doch weislich stecken," neckte sie der Vetter und warf dabei einen verschmitzten Blick aus Hans. der seinen Becher zum Munde führte, um seine Verlegenheit zu verbergen.„Wozu soll ich mir graue Haare vor der Zeit wachsen lassen?" Der Wirth brachte Kraut und Würzwein und entfernte sich eilig, als scheute er die Scherze des jungen Tuchscheercrs. Käthe ließ es sich schmecken, der alte Buchwalder sah nach- denklich auf ihre Schüssel, strich sich über die gefurchte Stirn und flüsterte:„Es ist eine gar schlechte und kostspielige Zeit worden. Wie ich ein Knab' noch war, dazumalcn hat man bei uns Bauern ganz anders gessen als jetzund. Und erst zu meines Vaters Jugend! Da waren jeden Tag Fleisch und Speisen im Ucberfluß, und auf den Kirmessen, den Hochzeiten und Taufen da barsten die Tische von allem, was sie tragen mußten. Da suff man Wein als ob's Wasser war, da fraß man in sich und nahm mit. so viel einer lvolltc. Denn da war Reichthum und Uebersluß. Jetzt ist die Nahrung selbst der Vermögenden unter uns fast viel schlechter, als vordcni die der Taglöhner und Knechte." „Um so wüster schlemmen und prassen die Herrenleute." rief Leonhard Mctzler. der Weinbauer, mit gerunzelter Stirn. „Und wir, die wir uns für sie schaben und schinden müssen, haben kauni das Leben. Mancher muß froh sein, wenn er täglich ein Stück trocken Brot hat, und mancher ist's schon, wenn er es nur am Sonntag hat. Fleisch? Wer kann's noch erschwingen, seitdem der Rath die Klaucnsteuer aufgelegt hat. Und dazu jetzt die Bed, die Gettänkesteuer, die uns Wein- dauern sammt und sonders zu gründe richtet! Der Etschlich schimpft aus dem Langcnberger seinen Säuerling, übers Jahr wird er ihn mit Gold aufwiegen müffen." „Was hilft es uns," grollte Simon Neuster,„daß wir unsere Schriften von alten Zeiten haben, wo alles ist aus- geschrieben, was»vir zu leisten schuldig sind an Steuern. Zinsen und Frohndcn? Es achtet's keiner, weder die tvelllichcn noch die geistlichen Herren. Wollen wir klagen wegen der ungerechten Bcschlverden,»vo finden wir Gerechtigkeit? Denn diejenigen, so wir verklagen, sind zugleich unsere Richter. Und jetzt das neue Recht, das ist vollends des Teufels! Außer den Advokaten kennt sich keiner darin aus, und die machen Schivarz aus Weiß und Weiß aus Schwarz. Aus Recht»vird Unrecht, und uns kostet's Haus und Hof." „Der Last»vird allzuschwer I" seufzte Jörg Buch»valder, und der Dorfmcister rief mit blitzenden Augen:„Darum müssen wir ein Fürschcn haben, lieben Freunde, ehe daß sie uns auch das letzte Tröpslcin Mark aus den Knochen Pressen. Meines Meincns bedeutete der Stern mit dem feurigen Schweif,»vo im August zu sehen war, nicht blos ein gut Weinjahr, was ja eingetroffen ist. Er stellet wohl den Besen für, der die Raupcnncster der Ritter und Pfaffen, die Klöster und Burgen ins Feuer kehren wird." «Ein Besen, aber keine Hand, die ihn führt." sagte Buch- Wälder mit gedämpfter Stimme.„Wir werden zu Grund gehen, wie schon vor etlichen Jahren ist gewcissagt»Vörden: Wer im 1523sten Jahr nicht stirbt, 1524 nicht in Wasser ver- dirbt und 1525 nicht wird erschlagen, der darf»vohl von Wundern sagen." Hans Lautner, der bisher mit schweigender Aufmerksamkeit zugehört hatte, schöpfte tief Athen, und sagte mit höher geröthcten Wangen:„Mit Verlaub,»vcnn ich ein Wörtlein reden darf: Meine Ahne hat zwei Ringe um den Mond geschaut, und in dem Mond stand ein Kreuz. Das bedeutet, sagt sie, daß über ein kleines das Kreuz von uns genommen»verden wird. Denn sagt sie, die Zeit ist nahe,»vo die Welt erneuert und die Gottlosen mit dem Schwerte von der Erde gethan werden sollen." „So ist's recht," rief der Dorfmeister, ergriff seinen Holz- becher und leerte ihn auf einen Zug. Jörg Buchlvaldcr schüttelte den ergrauenden 5kopf und meinte bedächtig:„Wer nur daran glauben könnte!" „Das könnet Ihr gciviß," versetzte Hans eifrig.„Die Ahne versteht mehr als andere Frauen, und daheim weiß jeder, daß allemal eintrifft,»vas sie vorhersagt." „Und wer ist Deine Ahne?" fragte Käthe neugierig.' „Das ist die schlvarze Hofmännin zu Böckingen bei Heil- bronn." In diesem Augenblicke betrat ein Bauer die Schänkstube, der sich unter der Thür bücken mußte, so groß»var er, und der Dorfmcister rief:„Der lange Licnhart!" Dieser 434— �.*** v-4-• stand vberreichlich gemessene sechs Fuß hoch in seinen Bund- schuhen und ein topfartiger Filzhut, den zwei Hahnenfedern schmückten, setzte seiner Länge nach ein Bedeutendes zu. Unter dem schmalen Hutrande streckte sich eine schlechtverhcilte Narbe bis zur Nasenwurzel hervor und setzte sich auf der rechten Wange fort. Die Nase krümmte sich wie ein Geierschnabcl zwischen dunkelcn runden Augen und unter ihr sträubte sich ein starker Schnurrbart. Ein kurz gehaltener Vollbart um schloß Wangen und Kinn. Diese Abweichung von der Bauern sitte erklärte sich daraus, daß der lange Lienhart manche Reise als Landsknecht gethan, bevor er in seinem nahen Heimathdorfe Schwarzenbronn von seinerKriegsbeute einenHof erstanden hatte Er war nicht nur groß, sondern auch starkknochig und seinem Gliederbau entsprach das mächtige Schwert an seiner Hüfte. Mit ihm kam ein etwa vierzigjähriger Mann in bürgerlicher Tracht dessen bartloses Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen einen Ausdruck von Verbissenheit hatte. Er war ohne Wehr Der lange Lienhart aus Schwarzenbronn mußte wohl unter den Bauern ein bekannter und beliebter Mann sein. Denn er wurde bald hier, bald dort an die Tische gerufen und der Becher ihm entgegengehalten. Er that jedem Bescheid und seine Aeußerungen erregten jedesmal ein Lachen. Unter solchen Umständen dauerte es eine Weile, bis er zu dem Tische gelangte, an dem der Dorfmcister von Ohrenbach mit seinen Freunden saß. ..Sind lauter gute Freunde," bemerkte Simon, ihm die Hand schüttelnd.„Aber Du kommst halt spät." „Dafür Hab' auch ich einen guten Freund mitgebracht, den Fritz Büttner aus Mergentheim," erwiderte der lange Lienhart,' sich niederlassend, und stampfte mit dem ihm zu nächst stehenden Becher auf den Tisch, um den Wirth herbei zurufen. „Was Euch anliegt, das liegt auch mir an," sagte Fritz Büttner bedeutsam. Simon hieß ihn willkommen und Metzler und Buchwalder nickten ihm zu. „Und jetzt, was schasset Ihr, lieben Freunde?" fragte der lange Lienhart, die Beine weit von sich streckend, nachdem der Wirth eine Kanne Wein und zwei Becher gebracht hatte.„Wir können wohl ungescheut reden, machen doch die Leut' einen Mordlärm, daß die Tobten davon aufwachen könnten." „Wir sprachen davon." erklärte Leonhard Metzler,„daß allerwärts Zeichen am Himmel geschehen, die darauf weisen daß eine große Aenderung kommen wird. Ihr habet Wohl auch davon gehört, daß am Rhein am lichten Mittag ein groß Getümmel und Krachen von Waffen in der Luft wie von einer Feldschlacht ist vernommen worden?" „Dran i Dran l" rief der lange Lienhart, der eine tiefe, starke Stimme hatte.«Mich lüstet's längst, mein altes Eisen wieder einmal zu lüpfen. Wem meint Ihr, daß es gelten soll? Den Pfaffen und Junkern allein? Das wär' gefehlt Die schlimmsten, das sind die Deutschordensherren, deren Hochmeister zu Mergentheim sitzt wie eine Spinne, die ihr Netz übers ganze Reich gesponnen hat. Die sind Pfaffen und Ritter zugleich und drücken ihre Unterthanen doppelt." „Ja, das sind die schlimmsten", bekräftigte Fritz Büttner „Darum sagen wir Deutschherrischen auch: Unterm Krumm stab ist gut wohnen. Daß sich Gott erbarm' I" „Loset", fiel der lange Lienhart ein.„Statt der Heiden spießen sie Hasen, gebratene Kapaunen. Rebhühner, Enten Kleider aus. Kleider an, Essen, trinken, schlafen gan, Ist die Arbeit, so die deutschen Herren han." „Nu, ist das nicht Mühsal genug für so einen schwarzen Kreuzträger?" spöttelte Kaspar und seine Base lachte. Fritz Büttner warf ihr einen unfreundlichen Blick zu und knirschte, den eben ergriffenen Becher so stark wieder hinstellend, daß der Wein auf den Tisch floß:„Verwichenen Juni haben Sie ein Korn- (Nuchdnick verboNn.) Das Vergessen. mir mit ihren Pferden, Hunden und Jäaerburschen ei feld in Grund und Boden gestampft. Und nicht blos mir allein. Aber wir müssen es leiden, sind wir doch hörige Leute. Unsere Frucht- und Krautäcker achten sie als Aesung für ihr Wild, das sie über die Maßen hegen, und greift einer zum Knüppel oder gar zum Handrohr, um es zu scheuchen: jn den Thurm mit ihm und da mag er verfaulen l" Lautner erblaßte, so daß Käthe ihn erschreckt fragte, was ihm fehle? Seine Brust wogte, er wollte sprechen; allein Kaspar kam ihm zuvor. Des Mädchens achtete er nicht. (Fortsetzung folgt.) Im gewöhnlichen Leben gehört ein gutes Gedächtnis! zu den meistbclvundertcn Dingen, obschon es an sich noch durchaus nicht für eine besondere geistige Größe spricht und oft geradezu mit einem geringen Grad der sonstigen Fähigkeiten des Geistes verbunden ist, und obschon von wissenschaftlicher Seite behauptet wurde. daß das Vergessen eigentlich wunderbarer sei als die Erinnerung. Wir wollen hier keine fachwisienschastlichen Beiträge liefern. sondern auf einige praktische Bedeutungen des Gegenstandes hinweisen, die hänsig über- sehen werden. So gnt wie alle Gerichtsverhandlungen sind von den Gcdächtniß- leistungen derer abhängig, die da vernommen werden. Alle diese Betheiligten sind nicht nur in ihren Erinnerungsfähigkeiten überhaupt unter einander verschieden, sondern auch insbesondere in ihrem Ver- Hältnitz zu dem, woran sie sich erinnern sollen. Der eine hat mit den fraglichen Dingen berufsmäßig zu thun und bildet dafür in sich ein Fach- und Bernfsgcdächtniß aus, der andere steht ihnen fern; der eine führt ein einfaches Leben mit geringem Verkehr und spärlichen Ereignissen, der andere hat täglich Dutzende von Menschen, Briefen, Zeitungen u. s. w. abzufertigen; der eine war bei der An- gelegenheit, um die sich's handelt, ganz eigens bctheiligt, der andere streist sie nur durch eine flüchtige Beziehung. Inmitten der täglichen und im ganzen doch recht typischen Vorgänge bei einem Gericht liegt es nun nahe, die einen Menschen wie die anderen zu behandeln, auf die Erinnerungen eines Fernstehenden gleichviel Gelvicht zu legen wie auf die eines Sachkenners und auf die eines wenig beschäftigten Menschen gleichviel wie auf die eines viel beschäftigten. Ann tritt ein Zeuge oder Angeklagter oder Kläger vor Gericht, der entweder von der Angelegenheit nur wenig kennen gelernt oder den Eindruck von ihr mitten in einer Fluth von anderen Eindrücken bekommen hatte. Die blassen Erinnerungen eines solchen Aus- sagenden reichen zur Ergründung des Falles nicht aus, und nun werden von den Führern der Verhandlung, dem Richter, Staats- anwalt, Vcrtheidiger u. s.>v., mannigfache Mittel aufgeboten, um den verschiedenen Gedächtnissen nachzuhelfen. Welche nicht nur rohen, sondern auch unzweckmäßigen Mittel in stüheren Zeiten einer„Pein- lichen" Rechtspflege angewendet wurden, das erzählt uns die Ge- schichte; daß die moderne Rechspflege darüber hinaus ist und daß sie auch weit gelindere Beeinflussungen verbietet, wissen wir. Ins- besondere sind„Suggcstivstagen" verboten: Fragen, welche eine ge- wünschte Antwort bereit? in sich enthalten und sie dadurch dem Gefragten wie einen Zwang auflegen. Solche Mittel sind um so gefährlicher, als jeder vor Gericht Gestagte den Fragenden, insbesondere dem Richter, als einer Autorität gegenübersteht; und was Autoritäten für die meisten Menschen aelten, ist bekannt. Die geringe Erinnerung, die jemand an den fraglichen Fall hat, soll nun während der Verhandlung, inmitten des ganzen Apparats eines solchen Borgangs, vervollkommnet werden. Nehmen wir nun auch an, daß jene„Suggestivstagen" durchaus vermieden werden: wie weit können wir uns darauf ver- lassen, daß die Aenderungen, die jetzt in dem Gedächtniß des Ge- stagten vorgehen, nicht nur ihm die richtigen zu sein scheinen, sondern es auch wirklich sind? Wenn wie uns bemühen, einen vergangenen Eindruck in unS wiederzuerwecken, zu rekonstruiren oder,'technischer gesprochen, zu reproduziren, so ist das meistens eine recht umständliche Sache. Wir beginnen etwa damit, daß wir uns irgend welche begleitenden Umstände jenes Eindrucks zurückrufen, und an diese suchen wir hinwieder das Bild des fraglichen Eindrucks, das Ziel unserer Umwege anzuknüpfen. Aber schon beim Zurückrufen dieser Begleitumstände begehen wir unvermeidliche fehler, und ebenso ist das Anknüpfen daran abermals nichts Un- ehlbarcs. Selbst erfahrene Kunstkenner wissen, wie schwer über ein Gemälde, das sie gesehen haben und nicht mehr wieder vor sich ehen, zu urtheilen ist. Noch mehr: nicht nur nach dem Empfangen enes Eindrucks leisten wir Unvollkommenes. sondern auch bereits vährend seines Empfangens. Wir sind im allgemeinen, soweit eS ich nicht um besonders ausgebildete Fähigkeiten handelt, schlechte Beobachter. Wir sehen einen Bekannten ungezählte Male vor uns und haben doch auf die Form seiner Stirne oder die Farbe seiner Augen niemals recht acht gegeben; da braucht nicht erst das Ge- dächtniß nachlassen, damit wir es nicht wissen. Wir sind aber nicht nur schlechte Beobachter, sondern auch schlechte Beschreiber; wir 'ollen sagen, wie eine Sache ist oder war, und nun vermischen wir unsere Lstitik der Sache, unsere Wünsche u. s. tv. mit den Thatsachen, nach denen man uns stagt, auch wenn eS sich nicht um Parteilichkeit handelt. Der Untersuchende hat bekanntlich zerade gegenüber diesen subjektiven Verfälschungen, diesem Hinein- ehen des Gedachten in die Erinnerung, einen besonders schweren Stand. Ist all dies schon dann ein heikles Ding, wenn der Gestagte sich selber überlassen wird, so ist es erst recht ein solches, wenn irgend ein anderer in seine Erinnerung eingreift Die meisten ge- richtlichen Aussagen werden unter Eid abgegeben. DaS mag nun ein Mittel gegen absichtliche Verfälstmngen der Wahrheit sein; ob aber auch gegen unabsicktliche, ist eine andere Frage. Es kann geschehen, daß' der dem feierlichen Eid entgegengebrachte Re- spekt geradezu verwirrend wirkt; und es kann geschehen, daß jemand diese Möglichkeit durch Bedrängung des Gefragten ausnützt. Es kann aber ferner auch geschehen, daß jemand für die Unvoll- lonunenheiten, die jeder Erinnerung anhaften, den Gefragten ver- anttvortlich macht und ihn unter den Verdacht des Meineides „der selbst nur des„fahrlässigen Falscheides" bringt. Daß jemand sich einer Einzelheit, z, B, eines Besuches auf seinem Bureau, nicht erinnert, kann einem und vielen anderen so unglaublich erscheinen, daß der böseste Erklärungsgrund der nächstliegende ist, Dazu kommt dann noch besonders die Schwierigkeit der Aufgabe, „nichts zu verschweigen". Es ist schon schwer, immer genügend auseinanderzuhalten, was zur Sache gehört, und was nicht dazu gehört, Ivas also mit Recht unerwähnt bleiben darf? das Zusamnienwirken dieser Schwierigkeit mit all den Unvollkonnnenheiten des Gedächt- nisses und außerdem mit falschen Folgerungen, die der Untersuchende aus allem Gehörten, zumal aus irgend einer im Gewissensdrang einbekannten, aber ganz unschuldigen Einzelheit ziehen mag, ergiebt eine unübersehbar verwickelte Gefahr. Ferner sind nicht nur verschiedene Individuen in ihren Gedächtniß- leistungeil verschieden, sondern auch ein und dasselbe Individuum ist es zu" verschiedenen Zeiten. Erstens aus dem ganz äußerlichen Grund, weil man zu einer späteren Zeit irgend einen wichtigen Punkt erfahren haben kann, der vorher in der Kenntniß fehlte— eine für alle Meineidsfragen besonders zu berücksichtigende Sache. Zweitens aber ändert sich der Mensch von Augenblick zu Augenblick überhaupt, und mit seinem Gcsammtzustand ändern sich auch speziell seine Erinnerungen. Die nächste forensische Anwendung dieser Einsicht ist die Warnung, Widersprüche zwischen den Aussagen eines Individuums einerseits' bei der Voruntersuchung, andererseits bei der Hauptverhandlung nicht von vornherein der Schuld des Angeklagten oder Verdächtigten zuzurechnen, sondern dem, was sich inzwischen nach vielen Seiten geändert hat. Selbst ein Wechsel in der Person des verhörenden Riäiters, sogar in deni den Gefragten umgebenden„Apparat" kann umso eingreifender wirken, als den stetig fluktuircndcn, gleichsam sich fort und fort wie Wolken verwandelnden Seelcnvorgängen des Gefragten die Person des Richters und das Ganze jenes Apparats als etwas Festes gegenüberstehen, dem das Be- wegliche sich mehr oder minder leicht med oft unglaublich schnell an- schmiegt. Im Gegensatz zur Theorie, die in erster Linie mit dem Sich- erinnern und erst in zweiter mit dem Vergessen zu thun bekommt, steht der Praxis dieses näher als jenes. Ein solcher Vertreter der Praxis, wie es der eine Untersuchung führende Richter ist, sollte den"Fall, daß jemand etwas vergessen hat, immer als den näher liegenden, nicht sofort zu verdächtigenden und zu„korrigirenden" betrachten: das fortdauernde und genügend treue Erinnern ist ein ausgezeichneter und nicht sofort von jedem vorauszusetzender Fall. Auch tvenn das Gedächtniß fast alle Anforderungen erfüllt, die man an dasselbe zu stellen pflegt; wenn es rasch d. h. aufnehmend, um- fassend, vielseitig, dauerhaft und treu ist, so fehlt auch noch die eine cnt- scheidende Eigenschaft, gleichsam der Schlüssel zu allen übrigen, das ist seine„Dienstbarkeit", asio sein Bereitstehen auf den Wink unseres Willens. Endlich aber tritt den Erinncrungsunterschieden zwischen ver- schiedenen Individuen noch ein Unterschied in der sozusagen „forensischen Geriebenheit" zur Seite. Auch abgesehen von Bc- trügerei ist es sehr wichtig, ob jemand seine Aussagen in der positiven Weise des naiven Menschen abgiebt oder aber in der gewundenen Form des Kenners aller hier zu beachten- den Schtvierigkeiten. Als vorzüglich interessant wird dabei die Art und Weise bezeichnet, mit der sich ein Richter selbst, z. B. bei einer Meineidsverhandlung, vernehmen läßt: wer so wie er alle heiklen Seiten der Sache keimt, wird auch wohl wissen, wie er sich aus- zudrücken hat. Er kennt jedes Wenn und Aber. Ihm gegenüber steht meistens einer aus der Mehrzahl von Menschen, die das nicht kennt, die ganz dogmatisch Ja und Rein zu sagen pflegt. Wie leicht da der Erfahrene den Unerfahrenen„hineinlegen" kann, ist nicht schwer abzusehen.— Wix haben es hier absichtlich vennieden, den Leser an psycho- logische Einzelheiten zu binden. Doch müssen wir wenigstens hin- weisen auf die gerade in den letzten Jahren vielerörterten Fälle von „Bewußtseinsstörungen", wie man sie kurzweg nennt. Eine That, in bestimmten krankhasten oder auch in hypnothischen Zuständen begangen, hinterläßt im normalen Zustand keine Erinnerung, und umgekehrt kann etwas, das im normalen Zustand geschehen war, später in einem jener abnormen Zustände aus dem Gedächtniß geschwunden sein. Werden schon solche Fälle vor Gericht oft nicht genug gewürdigt, so fehlt erst recht die Achtsamkeit auf d,e Folgerungen, welche die Lehre von diesen Dingen inbezug auf stetige Uebergänge zwischen dem Normalen und dem Abnormen ziehen konnte. Gerade die Fälle eines theilweisen Vergessens sind die allcrheikelften. Wer sich über diese Dinge näher unterrichten will, wird ohnehin zu verläßlichen eingehenderen Darstellungen aus der Fachwissenschaft greifen. Für nnsern jetzigen Zweck genügt folgende Zusammen- kassung. Das Gedächtniß ist kein Taubcnschlag noch auch ein Sammel- kästen': die Erinnerungen können nicht so, wie sie hineingekommen, und oft gar nicht daraus hervorgeholt werden. Sie sind den Ein- drücken, denen sie entstammen, nicht gleich, sondern nur ähnlich, und diese Aehnlichkeit verringert sich, insbesondere durch das„Verblassen" der Erinnerungen, durchschnittlich mit der Zeit immer mehr. Be- sondere Anlagen und Umstände können dies noch bis ins Aeußerste verschlimmern und können andererseits weit bessere Leistungen hervor- bringen; aber gerade diese günstigen Fälle verdienen unsere Ver- tvundening viel mehr als jene ungünstigen.— H. S. Nlrines Feuilleton — w.— Unter Franc». Die Sonne leuchtet durch die weißen Vorhänge. Von den hellen Mauern der Nebengebäude zurück- geworfen, dringt sie noch so stark herein, daß sie die Mädchen blendet. Sic sitzen in einer Reihe an dem Brett, das sich durch das ganze Ziinmer zieht. Auf die weiße Pappe, die von einigen zerschnitten. von andern geklebt wird, prallt der gedämpfte und doch glitzernde Sonneiischein. Auch der weiße Sammet und die Holzklötze, die in die fertigen Schachteln hineingesetzt werden, leuchten grell. Die Mädchen arbeiten still, mir schlassen Gliedern. Die fertigen Schachteln stellen sie geräuschlos in das Regal, das sich an den Wänden entlang zieht. Wenii sie de» Leim, der auf einer kleinen Gasflamme siedet, gebraucht haben, schieben sie den Topf weit von sich. In der Ecke sitzt ein kleines, hageres Mädchen. Sie hat den großen, fragenden Blick der Unzufriedenen, Sehnsüchtigen. Aber ihre Sehnsucht scheint sie nur anzufcucrn, nicht zu lähmen, wie es sonst den Sehnsüchtigen geht. Sie arbeitet am flinksten. Ihre langen, trockenen Finger hnschcn über die Pappe, den Sammt und die Klötze, in den Lcimtopf: eine fertige Schachtel fliegt auf das Brett, wo sie trocknen soll. Wenn sie ein Dutzeiid fertig hat, schreit sie:„Das zehnte Dutzend ist fertig!.. Das elfte... Das zwölfte!" Und nun singt sie sogar:„Nach Sibirien muß ich jetzt reisen, muß verlassen die blühende Welt." Die Andern wollen eben mitsingen, da geht die Thür nach dem Versandrauin aus. Eine stark aufgeputzte Frau kommt herein. Mit der groben Schönheit der allzu Ueppigen prahlt sie bei allen Be- wcgungen.„Nun, singen Sie schon wieder!— Immer fix, fix l Sic müssen Ihre Schachteln noch heute liefern," meinte sie ärgerlich. „Die Hauptsache is doch, det wir die Sachen fertig kriegen. Wenn wir'n bisken singen, na,. det schabst ja woll nischt!" antwortet die Hagere.„Die Arbeit ist genug Unterhaltung!" verweist die Ueppige. Die Hagere lächelt und arbeitet im selben Tempo weiter. Die Ueppige geht zur Vorarbeiterin, die der Hageren gegenübersitzt. Freundlich sagt sie:„Nun, Sie haben wohl Ihre liebe Roth. Ja. ja... es ist ein Jammer, wenn man mit folchen ungebildeten Mädels umgehen muß... Nicht ein bischen Taktgefühl haben sie." Die Vorarbciterin antwortet nicht, sie lächelt nur. Die Hagere bricht aber plötzlich los:„Na, Sie denken wohl. Sie haben Takt- gesühl? Noch lange nicht I Ein gebildeter Mensch spricht nicht in der Gegenwart anderer von Ungebildeten I Ja, ja! Ich kann auch fein sprechen. Und wer sind Sie denn eigentlich? Sie waren ja auch so ein ungebildetes Mädel!" Die Ueppige bekommt einen dicken Kopf:„Sie dumme Jöhre l Bringen Sie et man erst so weit, wie ickl Ick habe mir aber selber jebildet!" „Och ja, mit der Sprache? I* Die Hagere lacht heiser.„Sie haben ja auch am Leinitopf gesessen. Und wodurch Sie Frau Chefin geworden sind, wissen wir.. � „Sie infamiget Ding..* „Aber Paula I" klingt eine sanfte Stimme von der Thür her. Sie wendet sich nach ihrem Mann um, der ruhig sagt:„Die Sachen müssen doch bis heute Abend fertig sein.. Sie geht niit einem Achselzucken hinaus, während der ver- wachsene Mann ärgerlich und niedergeschlagen die Thür schließt, und die Hagere weiter singt.—« t. Der Kaffeeverbrauch der Welt wird in einem Aufsatz des italienischen„Economista" behandelt. Angesichts der vielen Kaffee- Häuser und Kafieeschwestern bei uns zu Lande sollte man eS kaum glauben, daß der Verbrauch von Kaffee in ganz Europa hinter dem in den Vereinigten Staaten allein zurückblieb. Das war mich nicht immer' so. 18V6 vertranken Europa 5 823 000 Zentner Kaffee, die Bereinigten Staaten nur 5 357 600 Zentner. Im vorigen Jahre dagegen haben sich die Dankees sehr ins Zeug gelegt und nicht weniger als 6 363 400 Zentner verbraucht. während es die gesummten Europäer, trotz vermehrter Bemühungen. imr bis auf 6 103 000 Zentner brachten. In Europa steht in dem Verbrauche der köstlichen Bohnenfrucht Deutschland an erster Stelle mit einem Konsum von 2 727 800 Zentnern; ob das an der Ver- anstalwng besonders vieler Kaffeeklatsche liegt, verschweigt die Statistik. Das zweite Land, Frankreich, bleibt dagegen schon erheb- lich zurück und hat es 1897 nur auf 1 546 200 Zentner gebracht. In England wurden nur 248 400 Zenwer verbraucht, etwa ebensoviel in Italien.— A i Musik. —er— Sommer-Oper im Theater des Westens. Mit einer für Berlin neuen Oper eröffnete Direttor Marwitz am Sonntag eine drei Monate währende Spielzeit. Aus seiner Novelle „Die schwarze Kaschka" hat Victor Blüthgen ein Opernbuch herausgezimmert, und Herr GeorgJarno schrieb dazu eine Musik, die uns für die Belesenheit ihres Autors in den ergiebigen Partituren Meyerbeeps, Wagner's und Mascagni's ausreichende Garantien giebt. Die Aufführung gereichte dem heurigen Ensemble des Direktors Marwitz zur Ehre. Der Mezzosopranstimme der Frl. Göttlich(Kaschka) wohnt besonders in den tiefen und mittleren Lagen ausgiebiger Wohllaut innc; in das hohe Register mischen sich allerlei widerstrebende, trüb herbe Elemente. In schauspielerischer Hinsicht schienen manche Momente von einer hoch- poetischen Natur getragen. Herrn Schrötter'S(Peter) Tenor bewährte sich besonders in hoher Lage, deren Erzeugung zedoch nicht ganz ohne schädlichen Einflutz auf seine Mittellage und Tiefe blieb. Als Darsteller entwickelte er ein allzu feuriges Tem- pcramcnt, das ihn zuweilen an die Grenze ungezügelter Heber- treibung brachte. Herr G c i st l e r(Stephan) verfüg: über eine kostbare Routine, die immerhin für den etwas mangelnden Wohllaul dieses Baritonorgans zn entschädigen vermag. In kleineren Partieen hatten die Damen Hawliczek, Ohm und Lingcn, die Herren Carlhof, Raven und.Äirckmcr ihren verdienstlichen Anthcil an der sehr warnreu Ausnahme des Werkes, für die neben den Hauptdarstellern auch die 'oeiden Autoren wiederholt danken durften.— Geschichtliches. — Ein Potentaten-Turnier. Der„Hamb. Korr." gräbt aus seinem Jahrgang 1801 eine Ausforderung zu einem eigenartigen Turnier ans, die Zar Paul von Rußland durch Kotzcbue in die Spalten des Hamburger Blattes einrücken liest. Das Aktenstück lautet:„Man sagt, daß S. M. der Kaiser, da Er sieht, daß die europäischen Mächte sich nicht vereinigen können— und da er den Krieg zu beendigen wünscht, der seit elf Jahren wüthet, einen Ort vorzuschlagen wünscht, wohin Er alle die anderen Potcn- taten einzuladen wünscht, um mit ihnen in geschlossenen Schranken zu kämpfen, zu welchem Behuf sie ihre aufgeklärtesten Minister und geschicktesten General als Knappen, Kampfrichter und Herolde mit sich bringen sollten, als da sind, Thugut, Pitt und Bcrnstorf. Er selbst sei gesonnc», die Grafen von der Pohlen und Kutosow an seiner Seite zu haben.— Man ivciß nicht, ob man diesem Gerücht Glauben beimessen soll: indessen scheint es nicht ganz ohne Grund, da es deir Stempel dessen trägt, wessen man ihn oft beschuldigt hat."— Diese Herausforderung erschien am 10. Januar 1801: in der Nacht vom 23. auf den 24. März 1801 ist Zar Paul„plötzlich verstorben."— Kunstgewerbe. — In der Großen Berliner Kunstansstellung wird Mitte dieses Monats eine Kollektivausstellung der„Ver- einigten Werkstätten für Kunst im Handiverk" eröffnet. Die Einrichtung derselben wird von dein jetzt nach Berlin übergefiedelten Maler Paill Schnitze, Naumburg, geleitet. Die Ausstellung wird in vier Räumen»mtergebracht, deren Aus- stattung von den vier Künstlern Riemerschmidt, Schultze- Naumburg, Obrist und Bruno Paul entworfen wurde.— Aus der Pstanzeuwelt. ~SZ— Chinesische Oelbäume. In China wird vieler- orten ein Baum gepflegt, um aus feiner Frucht ein Oel zu gelvinnen. Die Chinesen nennen ihn Ding-tfu-tung als Angehörigen einer Baum- familie„tung", die in China sehr verbreitet ist, mit wiffenschast- lichen Namen heißt er Xlourites cordata. Es ist ein schöner Baum, der 15 Fuß hoch wird und mageren felsigen Boden zu lieben scheint. Die Blätter sind groß und vo» frischem Grün, die kleinen Blüthen weiß mit einem rosenfarbigen Hauch, die Früchte groß, von grüner Farbe und den Aepfcln ähnlich. Besonders in den Provinzen Hu-nan, Hu-pe und Sz'tschwan wird der Baum hochgeschätzt. Die Früchte werden im August und September eingeheimst, die großen und übrigens stark giftigen Kerne herausgenommen und in hölzernen Pressen mit Keilen zermalmt. Dann entfließt ihnen ein Oel, das in Röhren mit fest schließenden Decken gefüllt und so auf den Markt gebracht wird. DaS Oel dient zu vielen Zwecken: zur Bereitung von Farbe und Lack, zur Herstellung von wasserdichtem Papier uitd Regenschirmen, auch zu Belcuchtungsziveckcn und zum Firnissen von Booten. Es ist dieses Baumöl eines der viele« im Auslande noch anz unbekannten chinesischen Naturprodukte von jedenfalls nicht un- edcutcndem HandelSwcrthc.— Meteorologisches. — Ueber d ü r r e u n d heiße Sommer in früherer Zeit bringt das„Leipz. Tagebl." folgende Zusammenstellung: 1483 war der Sommer nach Hamburgstchen und Holsteinischen Chroniken so heiß, daß ganze Wälder sich sollen entzündet haben. 1491 regnete es vom Mai bis zum September nur 5 Mal. doch gedieh das Kon: wegen des starken Thaues ungemein schön. 1493 war die Elbe so seicht, daß man an etlichen Stellen mit Wagen hindurchfahren konnte. 1500 und 1506 nahm die Kornernte wegen der überaus großen Hitze schon zu Johannis ihren Anfang. 1590 war ein so heißer und dürrer Sommer, wie er noch nicht erlebt wurde; denn von Anfang Juni bis Mitte Dezember regnete es fast garnicht; das Gras versengte, die Feldfrüchte verdorrten, viele Menschen erstickten vor Hitze auf dem Felde. Teiche und Gräben trockneten aus, viele schiffbare Flüsse wurden so leicht, daß man an manchen Stellen durchwaten konnte. Wegen Mangels an Gras mußte viel Bich geschlachtet werden, doch gerieth die'Wintersaat gut, obgleich Mäuse dem Getreide großen Schaden zufügten. 1619 regnete es vom Februar bis zum September nur wenig: aber wenn auch das Gras verdorrte und die Bäche austrock- neten, so geriethcn doch Weizen undGerste außerordentlich schön. Bohnen, Erbsen und Baumfrüchte gingen indcß verloren. Aehnliche Beispiele finden fich auch in den folgenden Jahrhmiderteti viel, z. B. 1719 und 1770. In dem gegenwärtigen Jahrhunderte zeichnete sich besonders der Sommer 1811 durch Hitze und außerordentliche Dürre aus. Ein schöner Komet stand eine lange Zeit glänzend am Himmel und er- hellte auch die Nacht. Ter Rheinwein gerieth ausgezeichnet. Der trockene Sommer 1819 brachte einen so niedrigen Wasserstand, ivie man ihn seit 1633 nicht gehabt hatte: Steine, welche damals in den Hamburger Hafen gelegt wurden, um den Wasserstand zu bezeichnen, kamen tvicder zum Vorschein. Heißer war vielleicht noch der Sommer 1826, in welchem die Hitze am 3. August eine beispiellose Höhe er- reichte. Auch 1834, 1841 und 1846 waren heiße Sommer. 1841 stand das Thermometer in Berlin auf 28, in Breslau auf 30, in Wien ans 31, in Nonr auf 34 und in Neapel ans 38� R. 1846 währte der Sommer vom 1. Juni bis zum 13. September, 106 Tage, und harte 90 Tage mit fast 20° Wärme, stieg an, 6. und 3. August auf 26'/-". so daß viele Menschen vor Hitze erstickten. Die ersten 13 Tage des September waren heiße Sommertage, und am 9. und 11. stand das Thermometer auf 20,/20 und 21'/z0; vom 1. Mai bis 1. September zählte man 87 heitere und unter diesen 25 völlig wollenlose Tage; die Weinlese begann schon am 21. September.—. Humoristisches. — Eine andere Sache. Mann lcntrüstet):„Wie kann nian den ganzen Morgen so schmutzig und ungekämmt un, herlaufen, sieh' 'mal Deine Nachbarin an!"— Frau:„Ja. das glaub' ich... die steht auch ztvei Stunden früher auf als ich!" — Der kleine P c p i(nachdem sein Brüderchen eine Minute lang unausgesetzt geschrieen hat):„Das war nett! Bitte, Mama, zieh' es noch einmal aus!"— — Begründet. Lehrer(der die Kinder öfter Schafe und Rinder nennt):„Run, Hupclmeyer, warum hast Du gestern in der Schule gefehlt?" Schüler:„Wir hatten Familienfest z' Haus."— Lehrer:„So? Was war denn los, Schaf?"— Schüler:„Wir ham a Hammel g'schlacht'."— Vermischtes vom Tage. — Einen„Verein Deutscher Räthsellöser" giebt es nun auch schon. Wie der Briefkasten-Onkel einer Berliner Zeitung, dem das„Wachsen dieses Vereins sehr am Herzen liegt," verkündet, ist„die Befähigung zum Räthselrathen nicht Bedingung für Auf- nähme in jenen Verein". Dafür geht es aber in ihm„gemüthlich, vornehn, und echt deutsch" zu.— — Ein achtjähriger Zigeunerjunge hat in Ramsla» seineu fünfjährigen Bruder erdrosselt, indem er ihm, als beide allein in der Swbe waren, eine Schlinge um den Hals legte, diese an das Bett knüpfte und sich dann entfernte.— — Aus Unvorsichtigkeit erschoß ein Knabe in Christofs- g r u n d(Schlefien), der'mit dem Revolver des Baters spielte, seine Schwester.— — In einer Kölner Bäckerei fand eine Gasexplosion statt, durch die alle in den Parterreräumen befindlichen Gegenstände sowie eine Wand zertrümmert wurden. Eine Person wurde tödtlich verletzt.— — Die Schulden der Prinzessin Luise von K o b u r g, über deren Deckung jetzt eifrig unterhandelt wird, erreichen drei Millionen Gulden.— — Die Bedeutung der F r e m d e n s a i s o n für die Schweiz erhellt aus der Thatsache, daß im vorigen Jahre 1790 größere Gast- Höfe, Pensionen ec. mit rund 130000 Betten den Reisenden zur Per- fügung standen. Dazu kommen 1500 kleinere Gasthäuser mit 10 oder weniger Betten. Es ist ausgerechnet worden, daß während der Hochsaison allein, Mitte Juli bis Ende August, bei einer Tages- ausgäbe des einzelnen Sommerfrischlers von 5 Fr. als Mindest- betrag die Brutto- Einnahmen der Gastwirthschaft 28 Millionen Franken betragen. Deutschland pflegt jetzt die meisten Reisenden zu liefern.— — Die französischen Bühnendichter haben durch ihren Verein für das Jahr 1897/98 3 689 971 Fr. Urheber- gebühren cingenomincn. Seit 1883 betrugen die Eimiahmen fast in jedem Jahre über 3 Millionen. Es giebt jetzt einige 30 Bühnen- schriststellcr, die jährlich 40—50000, mehrere sogar, die Hundert- taufende einnehmen. Vor der Gründung des Vereins erhielten die Bühnendichter 6—12 Fr. von jeder Vo, Stellung ihrer Stücke, oft auch garnichts.— c. e. Bei gewissen„five o'clock" in England und A m e- rika ist es Mode geworden, die Papageien betrunken zu in a ch c n, indem man ihnen„Gin"(Wachholderbranntwein) oder Madeira giebt. Die Vögel haben den Wein sehr gern. Wenn sie berauscht find, singen und tanzen fie so drollig, daß sie lebhaften Beifall ernten. Was die Herrlchaft thut, wird dann natürlich von der Dienerschaft nachgeahmt, so daß die armen Thiere aus dem Ranschzustande nicht mehr herauskommen.— — Als„Posta m t" ftmgirt in der M a g e l h a e n s st r a ß e ein kleines hell gestrichenes Fätzchen, das an die äußersten Kelsen des Kaps frei schwimmeud angekettet ist. Jedes vorbeifahrende Schiff setzt ein Boot aus, um diesen eigenartigen Briefkasten zu leeren oder Briefe hincinzubefördern. Noch stets soll dieses„Amt", das den Schutz sämmtlicher Flotten der Welt genießt, seinen Dienst pünktlichst versehen Hadem— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe» in Berlin. Druck»nd Verlag von Max Babing in Berlin.