Anterhaltmgsblatl des Jorwürts Nr. III. Donnerstag, den 9. Jnni. 1898 (Nachdruck verboten.) 71 Mm die Feeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schwei chel. Der Tod ihrer Eltern hatte die schöne Gabriele zur Be sitzerin eines großen Vermögens gemacht, sodaß man sie auch wohl die reiche hätte nennen können. Ihr Vater Joseph Neureuter war ein anschlägiger Kopf gewesen, der sich— zunächst mit erborgtem Gelde— auf den Großhandel mit Wein und Getreide geworfen hatte. Ein anderer war den Patriziern nicht gestattet und auf diesen waren auch die Häuser der Ge schlechter eingerichtet. Zu diesem Zwecke lagen große Keller unter den geräumigen Hausfluren, auf denen von den Herren der selbstgebaute Wein ausgeschänkt wurde, und in den spitz zulaufenden Giebeln zwei- auch dreistöckige Getreideböden sowie Speicher auf den Höfen. Joseph Neureuter hatte nicht nur Getreide und Wein, die zu Btarkte gebracht wurden, vor den Thoren aufgekauft, sondern wann sie noch in Halmen auf dem Felde standen und als Trauben am Stock hingen. Daß seine vom Glücke begünstigten Spekulationen dem Wucher so ähnlich wie ein Ei dem anderen sahen— nun, er arbeitete nach hochgeehrten Vorbildern, nämlich nach denen der großen Handelsgesellschaften in Nürnberg, Augsburg, Ulm, die durch ihre Ringe die Preise aller möglichen Waaren bestimmten. Bürger und Bauer freilich fluchten ihnen. Was half's? Von mehr als einem Reichstage wurden Beschlüsse gegen solch wucherische Ausbeutung des Volkes durch die Handclsgesell- schaften gefaßt: aber sie blieben todte Buchstaben. Die der- einigte Geldmacht war stärker als die Exekutivgewalt der Kaiser. Das Vermögen Gabriele's bestand fast ausschließlich aus Gilten und Rentenbriefcn auf Rothenburger Bauernhöfen. Auch auf dem Hofe Simon Neuffer's stand eine solche Gilt. Verwaltet wurde das Vermögen von dem jetzigen zweiten Bürgermeister, Konrad Eberhard, der ihr bei dem Tode ihrer Eltern von dem Rothe der Stadt zum Vormund bestellt worden. Der Mann sah gar scharf nach den Rechten des Mündels, wie mancher, der nicht so glücklich wie Siinon war, so daß er seinen Zins bei Heller und Pfennig oder in natura entrichten konnte, am heutigen Morgen zu seinem schweren Leid erfahren. Da die schöne Gabriele keine Verwandte in der Stadt besaß, so hatte Erasmus von Muslor durch seine Tochter sich bestimmen lassen, ihre verwaiste Freundin in sein Haus zu nehmen, nachdem das Kloster die Erziehung der beiden Mädchen beendet hatte. Konrad Eberhard hatte sein Haus seiner Mündel nicht anbieten können, da er ein Wittwcr war. Seinem Sohne war die viclbeneidete Ehre zu theil ge- worden, die schöne Gabriele zu Tisch zu führen. Max Eberhard lvar erP im Spätherbste aus Welschland heimgekehrt, wo er auf der berühmten Hochschule von Bologna die Würde eines Doktors des römischen Rechtes erworben hatte. Er war ein crnstblickender junger Mann mit scharfgeschnittenen, durch- gcistigten Zügen, und die schwarze schmucklose Gclehrtentracht ließ ihn in dem bunten Geflitter ringsum noch ernster erscheinen. Sein Ernst wollte selbst der Schönhcit seinerTischnachbarin nicht weichen. Es mochte diese Wahrnehmung sein, welche Sabine von MuSlor fragend zu ihrer Freundin hinüberzublicken veranlaßre. In diesen Blicken schien sich Sabinen's ganzes Interesse an der Tafelrunde zu erschöpfen, denn sonst saß sie ebenso theil- uahmslos wie morgens auf ihrem Jagdzelter jetzt an der Tafel neben dem obersten Stadthauptmann, dem Ritter Albrccht von Adclsheim, der sie zu Ostern als seine Gattin heimführen sollte. Die schöne Gabriele erwiderte die Blicke der Freundin, indem sich ihre gewölbten Purpurlippen etwas spöttisch schürzten, und so sprach sie jetzt zu ihrem Nachbar: „Hilf Himmel, Herr Doktor. Ihr schauet ja schon eine ganze'Weile darein, als ob Ihr Erscheinungen hättet." „Vielleicht ist-es auch so." erwiderte Max Eberhard und richtete die tiefliegenden dunkeln Augen ernst auf sie.„Was dünket Euch, wenn der große Zauberer Vergil die Gestalten des Meisters Zeitblom au den Wänden dort in einen Todten- tanz verwandelte?" „O, wie häßlich das ist!" rief Gabriele unmuthig.„Leidet Ihr an solchen Gesichten, so hättet Ihr ein Bußprediger werden sollen." „Das glaube ich selbst, daß ich meinen Beruf verfehlt habe. Doch verzeihet meine Ungeschicktheit in höfisch kurz- weiliger Rede. Man lernt sie nicht auf den Universitäten." „Mir scheint vielmehr, daß man sie dort verlernt," er- widerte sie schlagfertig.„Ich erinnere mich wenigstens, daß Ihr ehedem gern fröhlich mit den Fröhlichen wäret. Selbst mit so unbedeutenden Geschöpfen, wie Sabine und ich es sind, pflöget Ihr gern der Kurzweil. Unseres Lachens und Lärmens ward mitunter der guten Frau von Muslor zuviel." „Ja, so>var es, bevor ich nach Welschland ging," pflichtete er ihr mit einem rasch wieder erlöschenden Lächeln bei. „Thomas Zweifel, der es verstehen muß, behauptet, daß Ihr dort gar gelahrt worden seid. Dennoch werdet Ihr mich nicht glauben machen, daß Ihr in dem Lande Jtalia nur über den Büchern gehockt habt. Wie, Doktor, Ihr solltet bei den gluthvollen Schönen Welschlands nicht auch ein wenig in die Schule gegangen sein?" Sie sah ihn mit ihren sammetartig schimmernden Augen herausfordernd an; er aber versetzte ablehnend:„Leider darf ich mich solcher Lehrmeisterinnen nicht rühmen. Die einzige Schönheit, von der ich in meiner Muße zu lernen trachtete, war die der Meisterwerke italischer Kunst. Die Zeit ist zu ernst, um zu den Füßen schöner Frauen zu seufzen." Die stolzgewölbten Brauen Gabriclen's zogen sich wie ein entstehendes Wetter zusammen. Dennoch erwiderte sie munteren Tones:„Ist die Zeit wirklich so ernst, wie Ihr behauptet, Herr Doktor? Ei, um so eifriger sollte man die Blumen der Freude pflücken, wo sie sich bieten. So denke ich, möget Ihr mich darum auch schelten. Wenn Ihr dem Rechte Eurer Jugend entsaget, ich thu's mit Nichten, sondern mache das der meinigcn geltend. Ist Euer Blut, das früher so munter floß, in dem sonnigen Süden erstarret, so— müßte ich Euch aufrichfig bedauern, wenn— ich es glaubte." Sie richtete sich gegen ihn in den Hüften auf, als wollte sie ihm durch ihre Jugend und Schönheit ihre Berechtigung voll vor Augen stellen. Er schaute ihr mit einem langen Blick in die strahlenden Augen, und sie erröthete. „Es ist wahr, daß ich als ein Veränderter aus Welsch- land heimgekommen bin." sagte er.„Denn ich habe in- zwischen einen tieferen Blick in das Leben gethan und so möchte ich bezweifeln, ob das Gaukeln im flüchtigen Sonnen- schein ein wahrhaftes Genügen zu gewähren vermag." Gabriele biß die kleinen weißen Zähne zusammen und wandte den Kopf ab. Er fuhr eindringlich fort:„Nein, schöne Gabriele, dieses Flattern in Putz und Tändeleien kann Euch nicht genügen. Ihr seid zu stolz dazu. Es giebt ein Höheres, als nur seinem eigenen Ich zu leben. Ein neues Morgen- roth erglüht am Himmel, und Millionen von mühseligen Herzen wenden sich ihm hoffend zu. Meint Ihr nicht auch. daß es eine schöne, eine große Aufgabe wäre, seine.Kraft einzusetzen, damit diese Hoffnung sich erfiille? Wäre es nicht herrlich, den Beladenen das Joch von den Schultern zu nehmen, damit sie den Kopf frei erheben und als wahrhafte Ebenbilder Gottes auf Erden wandeln?" „Horchet!" rief Gabriele mit einem Zug von Hohn in dem schönen Gesicht und berührte mit zwei Fingern seinen Arm. Das Getöse vom Markte drang in sein aufmerkend Ohr. „Und für diesen rohen Pöbel wollet Ihr Eure Kraft einsetzen?" fragte sie mit wogcnderBrust. Sind das nurMenschen? Ich hörte Euren Vater einmal zu dem Herrn von Bermeter sagen, daß man sie noch schwerer belasten müßte, sonst schlügen sie im Uebermuth aus. Ist das nicht ein Schreien und Toben, wie von wilden Thieren?" „Und wenn sie fast zu Thieren entartet sind, wessen Schuld ist es als die unserige, schon von unseren Vätern her?" fragte Max Eberhard mit blitzenden Augen.„Es ist unsere Pflicht, das Unrecht, das sie entmenscht hat, zu sühnen. Wenn nicht, nun, so mögen wir es wohl befahren, daß sie uns eines Tages die Zähne weisen." „Mit Zuckerbrot wollet Ihr sie kirren?". lachte Gabriele grell auf.„Ich bin für die Peitsche, Herr Doktor Eberhard. Ja, die Peitsche, die Peitsche!" Sie athmetc rasch; ihre Nasen- flügel zitterten und ihre Augen glitzerten. Wie abweisend er widerte sie den besorgten Blick, den Sabine ihr auf ihr Lachen zuwarf. »Ist's ein Frauenmund, der also spricht?" fragte Max vorwurfsvoll.„Dann freilich muß ich verstummen." Sie wendete schnell den Kopf nach ihm.„Ihr sagt mir Fehde an?" „Ilm Vergebung, ich führe nur mit Männern Krieg," antwortete er mit kühler Höflichkeit. Sie schwieg. Die Diener trugen den inzwischen zer- schnittenen Dreikönigskuchen herum. Gabriele zerbröckelte mit erregten Fingern ihr Stück, ohne Acht zu geben. Es enthielt die Bohne.„Glück im Spiel", niurmelte sie, ohne das Sprich- wort zu vollenden. Im nächsten Augenblicke hob sie die Bohne in die Höhe. Die Tafelrunde brach in Jubel aus. Der Hausherr proklamirte Gabriele als Königin des Festes und alle erhoben sich, um sie mit vollen Bechern hoch- leben zu lassen. Man eilte zu ihr, um mit ihr anzustoßen und ihr Glück zu wünschen, und sie gebcrdete sich mit einer huldvollen Herablassung. Dann wühlte sie sich unter den Gästen ihren Hofstaat und wies jedem sein Amt an. Den ersten Bürger- meister wählte sie zu ihrem Kanzler, und er kam gleich den übrigen Würdenträgern, beugte das Knie vor der schönen Herrscherin und küßte ihr die Hand. Max Eberhard ging leer aus. Unter dem fröhlichen Lachen und Scherzen, mit denen Wahl und Huldigung vollzogen wurden, bemerkten es wohl nur wenige. Maxens Vater, der neben der behäbigen Frau von Muslor saß, entging es nicht und er runzelte die Stirn. Der zweite Bürgermeister hatte, gleich seinem Sohne, einen scharf geprägten Kopf; nur hatten die Jahre seine Züge noch verschärft und verhärtet, während sie seinen dunklen Augen e�ien kalten Glanz gegeben hatten. Unterdessen schwärmte die Gesellschaft aus dem Büren dem Herrenmarkte umher, wo jetzt allerhand fahrend Volk sein Wesen trieb. Nur Buchwalder hatte sich bereits auf den Heimweg gemacht und Simon sich zu seinem Oheim, dem Tuchscheerer Kilian Etschlich begeben, wo er auf Käthe warten wollte. Das Getöse war unbeschreiblich; denn alles schwätzte, lachte, schrie, sang nnd zankte, trommelte, pfiff und trompetete. Man hätte taub davon werden können; aber es machte die Menschen nur noch lustiger und ausgelassener. Käthe zwang ihren Vetter, bei allem stehen zu bleiben: bei dem Zahnreißer und Quacksalber, der schon ganz heiser vom Schreien war; bei dem Mann, der Werg verschlang und Feuer spie; bei dem Savoyarden, der nach Pfeffe und Tromniel einen ruppigen Bären tanzen ließ, bei dem starken Manne, der mit schweren Gewichten und Steinkugeln spielte; bei dem Bänkelsänger, der, von seinem Weibe unterstützt, die in grellen Farben dargestellten Thaten des berüchtigten Räuberhauptmanns und Freibeuters Konz Wirt aus der Halden besang. Kaspar seinerseits machte bei dem Buchführer Halt, der seinen Stand neben den Kaufbuden des Rathhanses aufgeschlagen hatte, las seinen Begleitern die Titel der ausgelegten Schriften vor und erklärte ihnen die an Schnüren aufgehängten Bilder und Karikaturen mit manch beißender Bemerkung. Da waren Kalender, Kräuterbücher, Weissagungen, die alten ewig jungen Märchen und Volkserzählungen vom hörnen Siegfried, der schönen Magelone, Dornröschen u. s. w., auch Brand's mit vielen Holzschnitten geziertes Narrcnschiff. dessen Maralen den Text zu mancher Predigt lieferten. Die dickleibigen Bücher für und Wider die Reformation mit ihren endlosen Titeln ließ Kaspar unbeachtet. Dafür hielt er sich an die fliegenden Blätter, die in derber Weise, bald satirisch bald feurig beredt, gegen den Behemot zu Rom, gegen die Lüder- lichkeit, Unwissenheit, den Geiz und die Habsucht der Pfaffen zu Felde zogen. Von diesen Feuerbränden, die meistens ein Bild anziehend machte, sowie von den Satiren auf die Römlinge wurden von den Neugierigen, die eng den Tisch umstanden, viele gekauft. Auch mancher Holzschnitt von Luther, Frunds- berg, Sickingen und Hutten wanderte von hier in die Hütten der Landleute. Ucbrigens fehlte es auch nicht an Karikaturen auf den Reformator, und sie waren gepfeffert genug. Aber die Bürger und Bauern rückten um ihretwillen nicht mit ihren verschnürten Lederbcuteln heraus. Die humoristischen Randbemerkungen des jungen Tuch- scheerers verursachten unter den Herumstehenden manchen Ausbruch der Heiterkeit. Käthe lieh ihnen nur ein zerstreutes Ohr. Ihre Blicke schweiften wie suchend in der Menge umher. lFortsetzuna folgt.) (Nachdruck verboten.) Seine Veloszunny. Aus dem Englischen von Gertrud Liebknecht. Billy satz auf der Hafenmauer und schlcnkerte�mit den Beinen. Es war drückend heiß. Der Rauch unzähliger Schiffsschornsteine hüllte den Hasen in eine schwarze Wolke. Das schwarze Wasser glitzerte wie geschmolzener Stahl. Wie dumpfes Gebrüll scholl das geschäftige Treiben des Hafens herüber. Die schrillen Töne der Schiffspfeifen, das Gerasset der Aufzugsketten, das unheimliche Tuten der Nebelhörner, das unaufhörliche Geschaufel und Geprassel, die heiseren Rufe der rutzbcdeckten Aufscher, dies alles machte einen ohren- zerreißenden Lärm. Hinter Billy arbeitete ein Trupp Kohlenträger, bis auf das Hemd entkleidet, schweißtriefend und von Ruß geschwärzt. Die rauch- geschwängerte Luft gestattete ihnen kaum das Athmen. Billy schlief nicht, aber hörte alles wie im Traume. Sein Ohr war so gut an den Lärm des Hafens gewöhnt. Und dann der leere Magen! Er war ganz betäub:. Zu Zeiten mag es ja ganz gesund seilt, lauwarmes Wasser ans dem Blcchbcchcr eines Straßenbrunnens zu trinken. Es wird ja sogar filtrirt. Aber drei Tage nichts als filtrutes Wasser— das ging sogar über Billy's Kräfte. Er schlenkerte weiter mit den Beinen und ließ die Unterlippe hängen. Seine Gedanken..., nein, zum Rachdenken war er zu hungrig. Und zum Träumen zu alt. Nicht fiir einen Peniiy hätte er jemandem sagen können, über lvas er nachdachte, und ein Penny bedeutete doch eine Mahlzeit für ihn. Plötzlich hörte er fremde Stimmen hinter sich und er riß die Atigen aus. Es waren Reisende. Ein behäbiger, würdevoller Papa, eine schlanke, ivürdevolle Mama, mehrere kleine Mädchen und ein dicker Schulknabe. Sie waren gerade aus einer DrosÄkc gestiegen. Zwei Gepäckträger trugen das Gepäck. Gewöhnlich trug man es selbst. Aber Papa>var sichtlich bemüht, den Leuten zu zeigen, was er aus seinen Reisen gelernt hätte. Billy ließ den Kopf sinken. Fericnausflüge ivarcn ihm zuwider. Die eine Sekunde der Vcrgeffenheit brachte ihn zu einer um so schärferen Erkenntiriß seines Elends, und so blickte er in das Waffer, vor sich hinsummend. Plötzlich hörte er den Klang eines Absatzes, der auf dem Pflaster ausglitt, und er sah, wie sich ein weißes Kleid auf der Oberfläche des Flufses ausbreitete, und wie ein Kindergesicht mit weitgeöffiictem Mund und Augen entsetzt cinpor- starrte, um dann in der schmutzigen Tiefe zu verschwinden. Billy stand emen Augenblick unschlüssig, dann murmelte er einen halben Z-luch, stützte die Hände auf das Eisengeländer und sprang in die Tiefe. Er komtte schivimmen. Bald sah man ihn, wie er sich, mit dem Kleide des Kindes zwischen den Zähnen, an den Brettern, die sich am Rande des Hafens befanden, festklammerte. Unterdessen hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Mehrere Hafenarbeiter kamen mit einer Leiter gerannt. Billy winde von einem halben Dutzend Paar Anne erfaßt und gehalten, bis ein Matrose hinunterkletterte und ihm das Kind abnahm. Billy klettene langsam nach. Papa hatte endlich seine Geistesgegenwart wiedergefimden. Mit dem Kinde auf dem Arm schritt er durch den Güterschuppen, über die Straße in ein dumpfes Hafenwirthshaus, gefolgt von seinen Angehörigen, der Menge und Billy. Die Menge blieb draußen. Billy glaubte, das richtige zu treffen, wenn er dem Herrn folgte. In der Thal, der Vater des Kindes wandte sich um, als er am ersten Treppenabsatz angekommen lvar und loinkte ihm. Sic trugen das Kind in die Stube. Billy blieb auf dem Korridor und ließ das Wasser von seinen Kleidern tropfen, bis ihn ein Kellner ersuchte, sich auf die Matte zu stellen. Endlich kam der Herr heraus, ging gerade auf Billy zu, ergriff seine katte, naffe Hand und schüttelte sie hefttg, indem er unzn- fammenhängende Worte des Dankes hervorstieß.„Sie sind ein braver Bursche. Wie- kann ich Ihnen danken? Sie haben da? Leben unserer Nellie gerettet, und ich versichere Ihnen, daß ich das an- erkennen werde. Es war eine heroische That und die„Humanistische Gesellschaft" soll davon in Kenntniß gesetzt werden. Aber Sie müssen Ihre Kleider wechseln. Komm her. Jimmy," rief er seinem Sohne zu,„laufe zu dem nächsten Kleiderhändlcr und kaufe einen neuen Anzug und alles, was dazu gehört, für diesen Herrn. Alles, vcr- stehst Du, und sei schnell I" Billy's Zähne schlugen aufeinander, und eine cigcuthümliche Trägheit ergriff ihn. Papa ließ ein Glas Brandy kommen, was ihn wieder ein wenig zu Verstand brachte. „Sie sollten in das Badezimmer gehen, und sich waschen nnd abreiben. Mein Junge wird gleich zurück sein mit neuen Sachen." Billy gehorchte gleichgiltig, und Papa ging zurück zum Zimmer, wo Mama und die Kinder warteten. Er� setzte sich auf die Tisch» kante und betrachtete nachdenklich seine Stiefelspitzen.«Ich möchte wissen," sagte er zu seiner Frau,»ivie man diesen Mann am besten belohnt?" „Es muß eine große Belohnung sein. Was willst Du thun?" Papa überschlug die Blätter seines Taschenbuchs und entnahm demselben eine Zehnpfundnote. „Ich werde ihm einstweilen dies geben," sagte er,«aber ich möchte gern mehr thun. Der Lebensretter unserer Nellie soll sein ganzes Leben lang mit Freuden an diese gute That zurückdenken." „Ja, Du hast recht. Vielleicht kannst Du ihm eine gute An- stellung verschaffen, oder etwas ähnliches. Was ist sein Berns?" „Gelegenheitsarbeiter, glaube ich." „Kvimteft Du ihn nicht im Lagerhaus unterbringen?" „Nun, es ließe sich wohl machen, aber es wäre mit Schwierig- leiten verknüpft. Er ist nicht der Ätaim, den wir brauchen könnten." Er lächelte ein wenig. Geschäft und Dankbarkeit, das paßte eigentlich schlecht zusammen. „Wirklich, ich sehe keinen anderen Ausweg, als daß ich ihm jetzt eine Summe Geldes gebe. Wir werden, wie Du weißt, einen Monat weg bleiben. Ucbrigens— wir haben nicht viel Zeit zu ver- licren. Jch'werdc ihmsagen, ersollemich-nachmeinerRückkchr auffuchen." Die Erregung, welche die Mutter durchgemacht, hatte ibr selbstsüchtiges Herz ein wenig zugänglicher gemacht, und sie fühlte, daß mit einer Banknote ihre Pflicht durchaus nicht erfüllt war. Aber sie war daran gewöhnt, ihrem Gatten denken und handeln zu lassen, und schwieg still." Da wurde an die Thür geklopft; der Knabe trat ein, von Billy gefolgt, der in einem neuen Anzug, gewaschen und gekämmt, kaum wiederzuerkennen war. Mama schritt sofort auf ihn zu und nahm seine Hand in ihre beiden. Tbränen entstürzten ihren Augen, während sie einige Phrasen des Dankes murmelte. „Wenn Ihre Minter hier wäre, wüßte ich, wie ich ihr danken könnte. Sie würde mich verstehen." Billy wurde dnnkelroth und versuchte auszuweichen, indem er fich nach der»kleinen erkundigte. „Nellic!" rief Papa,«konnn und danke dem Herrn, der Dir das Leben gerettet." Und Ncllie. rnndäugig nnd blaß, stand pflichtschuldig auf und flüsterte dem komisch aussehenden, braven Herrn„danke" zu. Ein schneller Blick ihrer Mutter veraulaßte sie, ihm ihre Lippen zum Kuß zu reichen. Billy verstand nicht, oder wollte nicht verstehen, bis Mama ihm lächelnd zuwinkte. Tann küßre er das Kind und erröthete noch tiefer. Papa reichte ihm jetzt ein Kouvert. „Ich gehe für einen Monat aus der Stadt." sagte er,„und wünsche, daß Sie mich nach Ablauf dieser Zeit besuchen. Jni Kouvert finden Sie meine Adresse. Und dann ist eine Kleinigkeit darin, die Ihnen beweisen soll, daß ich es ernst meine. Nicht wahr, Sie werden mich besuchen?' Billy steckte das Couvert sorgfältig in die Tasche nnd versprach zu kommen. Denn als er sah, daß seine Audienz zu Ende war, nahm er schwerfällig Abschied. „Glauben Sic mir," sagte Papa,„daß ich vollkommen verstehe, wie viel lvir Ihnen schuldig sind, und daß ich hoffe, recht lange zu leben, um Ihnen künftig besser danken zu kömten." ' Billy ging. Alles das hatte nur kurze Zeit gedauert, nnd als er sich wieder auf dem Straßeitpflaster befand, schien noch immer die Nachmiltagssonnc. Er blickte an sich nieder und erkannte sich fast nicht in dem neuen Anzug. Er war ganz verwirrt. Plötzlich berührten seine Finger das Papier in der Tasche. Er zog es heraus. Es enthielt eine Visitenkarte und eine zusammengefaltete Zebnpfund- Note. Billy starrte das bunte Papier an,— plötzlich begriff er. „Ein Zehner! Welch' Glück!". Krampfhast umklammerte er das Papier und verbarg es in seiner Tasche. Dann wanderte er planlos die Straße dinuuter. Er war nie ein Träumer gewesen, nie hatte er Luftschlösser gebaut. Aber der Besitz der Geldnote belebte ihn wie ein Trunk kräftigen Weines. Er war nicht länger Bill», der Ausgestoßene, der seine Beine über den Rand des.Hafens schlenkern ließ. Da erscholl lmttes Gelächter hinter ihm. Eine Gruppe Kameraden stand auf der anderen Seite der Straße. „Wahrhaftig, es ist Vlcary Bill." „Ich hielt Dich ftir einen Gentleman! Wen hast denn Du todt geschlagen?" Noch verschiedene derartige Bemerkungen folgten. Dann sagte Billy ftcudestrahlend:„LH, ich habe einen neuen Erwcrbszweig gefunden. Für mich ist es aus mit der Hafcnarbeit. Ich komme gerade vom Schwimmen." „Wofür bist Du denn geschwommen, für eine Wette?" „Unsinn! Wie ein Gentleman, zu meinein eigenen Vergnügen!" „Scherz beiseite I Sage uns, wie Du zu Deinem Anzug ge- kommen bist?" „Nim, ich will Euch nicht länger aus die Folter spannen. Ich habe jemandem das Leben gerettet. Bin ins Wasser nach einem kleinen Mädchen gesprungen, und sein Batest hat mich großartig be- lohnt. Gab mir'neu Zehner und seine Adresse, wenn ich wieder etwas brauche." Er brachte die Banknote mit großer Feierlichkeit zum Vorschein und schwenkte sie vor ihnen hin und her. „Fetzt wollen wir'mal einen trinken," schrie Varnay, der Kohlen- träger.„Ja,»kamcraden! Billy. Du kannst Dich jetzt darauf gesaßt machen, uns alle frei zu halten." „War ich je der Mann, der sich lunipen ließ, wenn es ihn, gut ging?" antworte Billy. Dann fiihrte er seine Kameraden in das WirthshanS„Zur Nationalflagge". „Ein Zimmer, Witth. Wir wollen uns einen vergnügten Abend machen, denn wer weiß, ob sich»och je wieder eine so günstige Gelegenheit dazu bietet." Der Kellner blickte erstaunt auf die Männer, die fich einen„ver- gmigten Abend" leisten wollten. „Der Herr im neuen Anzug hat Glück gehabt", erklärte Barnay dem Kellner. „Wir wollen wenigstens an einem Abend in unserem Leben die Herren spielen", sagte Billy. Zum ersten Male in seinem Leben konnte er seine Kameraden zum Trinken anfeuern, und seine Hand in die Tasche stecken, wenn er Gläser leer sah, ohne zu befürchten, daß er am Ende seines Reichthums angelangt war. Gegen acht Uhr sang Billy mit rauher Stimme ein altes Seemannslied. Er war in seinem Leben noch nie so glücklich ge- Wesen. Um elf Uhr wurden sie höflich aufgefordert, fich zurückzuziehen. Sie unternahmen einen Spaziergang, aber einer nach dem andern verlor fich in der Nacht. Billy legte sich schlafen, so wie er es gewohnt war. Er hatte sich noch nie Sorge um das Nachtlager gemacht. Am anderen Morgen fand ihn der Straßenfeger kalt und steif in der Sttaßcilriimc liegen: sein Gesicht war verzerrt. In dem Attest des Polizei- Arztes hieß es:„Der Tod ist in- folge übermäßigen Genusses von Alkohol auf einen leeren Magen eingetreten." »« „Ich möchte wissen," sagte Mama eines Abends zu Papa, „was aus dem Manne geworden ist, der Nellie das Leben gerettet hat". „Nein," sagte Papa,„er ist nicht gekommen. Offen gestanden, das ist mir garnicht so unangenehm. Du weißt, ich hätte ihm helfen müssen, und diese Leute lohnen es einem ja doch nur mit Undank". Seine Frau seufzte leise, sagte aber nichts. Sie war gewohnt. ihren Manu denken und handeln zu lassen. Vleinvs Iseuillekon. — Lp i uiu und Haschisch in Perficn. Die größte Menge Opium wird bekanntlich in Indien und neuerdings in China gc- Wonnen. Eines besonderen Rufes erfteut sich aber von jeher das persische Opium, und über dieses macht Bonati im„Journal der Pharm, für Elsnß-Lothringcn" einige Mittheilungen, denen er andere über das berühmte Haschisch anschließt. In Persien kommt das Opium incbcu gewissen anderen Verpackungen, welche zum Export des Artikels für die Alkaloidsabrikcn bestimmt sind) als weiche Masse in irdenen Schalen in den Handel: doch wird dieses Präparat bald nachher von den sogenannten„Tsriall-sa�i" sOpiumrollern) noch mit Traubensynlp kwelcher den Stäbchen einen gewissen Glanz verleiht) vermischt, malaxirt und, nachdem sie der Masse die gehörige Konsistenz gegeben, in Stäbchen gerollt, welche in glasirtes, weißes Papier eingehüllt werden. Ihre gewöhnliche Farbe ist hell- braun nnd ihre Konsistenz sehr spröde. Die übliche Verfälschung dieses Opiums geschieht durch Beiniischung einer cxlrattförmig verdickten Avkochung von Mohnköpfen oder Samen der Hermalaraute. Auch wird zuweilen das Mohiiknwt fein breiartig zerstoßen nnd dieses dem reinen Opium beigemengt. Viele Perser behaupten, daß das zuweilen aus den Fruchtkapseln von?apavsr Eboeas gewonnene Opium viel wirlsamer sei als dasjenige aus dem weißen Mohn. Das persische Haschisch wird gewonnen, indem die in Blüthe stehenden Spitzen und die Blätter der Pflanze