Anterhaltungsblatt des Horivnrts Nr. 112. Freitag, den 10. Juni. 1898 8] (Nachdruck verboten.) Mm die Feeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. »Den da Hab' ich noch gekannt," äußerte der lange Lien- hart, der mit Büttner hinter ihr stand, und zeigte auf das Bild Franzens von Sickingen.„Im Jahr 19 war's, dazumal, als es dem Herzog Ulrich von wegen Reutlingen an den Üragen ging. War dabei, wie sich der Götz von Berlichingen ergeben mußte. Es war meine letzte Reis, und ich stand bei dem Fähiilein des Geyer von Gcyersberg. Beim heiiigen Jörg, ist daZ ein Kriegsmann, der Herr Flonan! Und er hat ein Herz fürs Volk. Denn als er zu seinem Väterlichen kam, schenkte er seinen Leibeignen die Freiheit." Eine kreischende Trompete lockte zu der Vorstellung eines Seilschwimmers. Plötzlich wich Käthe von der Seite ihres Vetters und drängte sich zwischen den Leuten hindurch. Sie Hatte den jungen Goldschmied entdeckt, den seine Aufregung in das Tauberthal getrieben und der nun, durch das Kobol- zeller Thor zurückgekehrt, über den Markt gehen mußte, um feines Meisters Haus auf dem Marienplatz zu erreichen.„Wie mich das freut, onß ich Dich noch find'," rief Käthe, deren Augen noch deutlicher als ihre Worte ihre Freude ausdrückten, ergriff seine Hand und zog ihn fort zu den anderen, die stehen geblieben waren.„Gelt, oer Hänselin ist jetzt auch Dein bester Freund," wurde sie von Kaspar geneckt, und sie versetzte mit heiterer Schlagfertigkeit:„Weiß nit. Wann ihr zwei Beid' nach Ohren- bach ronimt, will ich's Dir sagen." Kaspar schnitt ein Gesicht. Von allen Seiten wogten die Neugierigen auf den Seil- schwimmer zu. Der Meister blies die Trompete und sein Narr unterhielt einstweilen die Leute mit saftigen Späßen, Fratzenfchneiden und Gliederverrenkungen. Sein Anzug war auf der einen Hälfte der Länge nach roth und weiß, auf der anderen in die Quere gelb und schwarz gestreift, der eine Aerniel eng, der andere von unförmlicher Weite und am Zipfel mit einer Schelle versehen. Eine solche hing auch an der Kappe, die alle vier Farben vereinigte und nur das Ge- ficht frei ließ. Dieses war so grotesk, daß die Menschen schon lachten, bevor er den Mund aufthat. Eine braune Dirne in phantastischem Pritz, die ihr schwarzes Haar mit blanken Metallstücken durchflochten hatte, wand ihre üppigen Glieder aalgeschmeidig zwischen den Zuschauern hindurch und sam- melte in einer Schellentrommel, die sie zuWellen rasseln ließ, Geld ein. Der Narr erregte eben durch eine Zote, in welcher ein Mönchlein nicht gerade die Rolle des keuschen Josef spielte, ein wieherndes Gelächter, als bei der Herren- Trinkstube ärgerliche Ausrufe laut wurden. Die Veranlassung dazu gaben Zeisolf von Rosenberg und Philipp von Finster- lohr, die mit einigen befreundeten Stadtjunkern für ihr Ge- läge auf der Trinkstube einen würdigen Abschluß auf dem Markte suchten. Alle diejenigen, die den Berauschten nicht geschwinde Platz machten, wurden von ihnen rücksichtslos bei Seite gestoßen. Die braune Dirne des Seiltänzers schlüpfte ihnen sogleich entgegen, ließ ihre Schellentrommel erklingen und lachte sie mit ihren Brandaugen an. „Alle Hagel!" schnaufte derJunker von Rofenbcrg und schlug ihr unter dasTambourin, so daß die Kupfermünzen, diees enthielt, nach allen Seiten hinstoben, umschlang sie und verschloß ihr den Mund, der schreien wollte, mit seinen rothbärtigen Lippen. Der Narr machte einen Luftsprung und rief:„Wunder über Wunder, die edlen Junker sind zu Säcleuten geworden. Und was säen sie? Geld!" Es entstand ein Gelächter, das aber sogleich verstummte, als Büttner mit kräftiger Stimme rief:„Fremdes Geld! Wir säen und sie prassen von unserem Schweiß." „Und ihre Hörigen lassen sie verhungern", fügte der lange Lienhart dröhnend hinzu. Der Seiltänzer aber schrie aufgeregt:„Mein Geld ist's. Der Junker muß es ersetzen." „Er muß zahlen," rief es und viele Stimmen wiederholten: „Zahlen! Zahlen!" Der wilde Zeisolf lachte nur über die von ihm verursachte Aufregung, zumal viele sich bückten, um die verstreuten Münzen für sich aufzulesen und darüber mit einander in Streit ge- ricthen. Die Dirne hielt er noch inimer im Arme, ohne daß sie sich gesträubt hätte. Sie lachte vielmehr ebenfalls. „Halt, ich Hab' einen Einfall!" rief Junker Philipp, dem das strohgelbe Haar unter dem nach hinten geschobenen Barett in die wcinrothe Stirn hing. „Potztausend, der Finsterlohr hat einen Einfall!" foppten ihn die jungen Patrizier. Er aber fuhr fort, schon im voraus über seinen Einfall so lachend, daß ihm der Bauch schütterte, den er sich trotz seiner Jugend bereits angeschlemmt hatte. „Der Mann soll sein Geld wieder haben, der Narr soll es auflesen, jetzt gleich, mit dem Maul, auf allen Vieren, als wie ein Hund, der er ist." Seine Freunde stimmten in sein Lachen ein, auch mancher unter den Zuschauern. Aber zugleich entstand ein Murren, und es wurde lauter, als Philipp von Finsterlohr fortfuhr: „Platz da für den Hund! Vorwärts! Wird's bald, oder soll ich Dich prickeln?" Er zog feinen Dolch und richtete dessen Spitze auf den Narren, der erblaßte und Hilfe suchend sich nach allen Seiten umsah. „Das ist ein nichtswürdig Spiel," schalt Mctzler.„Schämt Euch, Junker!" Ein paar von den jungen Patriziern schlichen sich davon. Der von Finsterlohr aber rief, mit seinem Dolche fuchtelnd: „Auf die Pfoten, Du Hund!" „Wehr' Dick, Philipp, die Spatzen kommen," höhnte der wilde Zeisolf. Denn Hans Lautner, der sich von Käthe, die ihn zurückhalten wollte, losgerissen hatte, stürzte sich auf den Junker Philipp und schlug ihm mit seiner Klinge den Dolch aus der Hand. Die Zuschauer jubelten, der Narr machte einen Luftsprung rückwärts und verschwand. In demselben Augenblicke stand der lange Lienhart neben Hans. Der Junker von Finster- lohr starrte den riesigen Bauer mit offenem Munde an, sein Freund aber wüthete:„Hölle und Teufel, stich den Roß- mucken über den Haufen!" Er stieß die Dirne von sich. Es gelang ihm jedoch nicht, sich sogleich Raum zu schaffen, denn er war inzwischen dicht umdrängt worden. Indessen war seines Freundes Staunen in Wuth übergegangen und er griff mit seiner Wehr den langen Lienhart, der ihn mit seinem niächtigen Schwert wie eine Wespe behandelte, hitzig an. Mittlerweile hatte der wilde Zeisolf sich Luft gemacht und führte einen wuchtigen Hieb nach dem ehemaligen Lanzknecht. Seine Klinge glitt aber unschädlich an dem langen Degen Lautners ab. der sich wie ein Rasender gegen den Junker von Roscnberg kehrte. „Schlagt sie todt, die Junker!" crgelltc ein wüstes Ge- schrei, und gleich einer Springfluth drang die Menge vor. Die Händler und fahrenden Künstler ergriffen die Flucht, die Rath- Hausbuden wurden hastig geschlossen, die Weiber und Kinder schrien. Kasper riß seine Base trotz ihres Widerstrebens aus dem Handgemenge. „Mord! Schlagt sie todt!" heulte es. Schwerter und Messer blitzten in der Luft und trafen klirrend aufeinander. Die Junker und Patrizier mußten zurückweichen, es waren ihrer allzuwenig, und sie wären trotz ihrer heftigen Gegenwehr. die manche Wunde schlug, verloren gewesen, wenn nicht aus der Wachtstube im Rathhause einige Stadtknechte herbeigeeilt wären und ihre Hellebarden zwischen die Känipfenden gestreckt hätten. Das Getümmel hatte sich nach dem schmalen Durchgange zwischen dem Rathhause und der Trinkstube ge- zogen und während die Stadtknechte ihre ganze Kraft gegen die Bürger und Bauern aufboten, flohen die Junker hinter ihnen deni Münster zu. Hans, der allen anderen voraus, immer nur den wilden Rosenberg bedrängt hatte, und der lange Lienhart suchten vergebens den Widerstand der Stadt- knechte zu brechen. Plötzlich erscholl der Ruf:„Nach den Dominikanerinnen I" Der Losung gehorchend, stürmte die erhitzte Menge auf der anderen Seite der Trinkstube bei der Georgengasse nach St. Jakob und auf dem Straßendurchgang unter dem Orgel- chor der Kirche nach dem Kloster auf der Klingengassc. Aber die Klosterpforte hatte sich schon hinter den Flüchtlingen geschlossen, und die Verfolger stauten sich in dem fcrrzen Sträßlein vor derselben und auf der Klingengasse. Um das starke Thor einzuschlagen, fehlte es an Hämmern und Uexicn. itub die Mciucr war zu hoch, um sie zu erklettern. Das Ivüthende Pochen mit den Schwertern und selbst mit den bloßen Fäusten schaffte nichts und die Steine, die über die Mauer in den Hof flogen, thaten keinen Schaden. Die Junker ließen die Belagerer pochen, schreien und toben und löschten derweilen ihren Durst am kühlen Klostcrwein. Sie waren bis aus Zeisols von Roscnberg mit heiler Haut davon gekonimcn, nur ihre Kleider waren übel zugerichtet. Der Junker von Haltenbcrgstcdtrn hatte in den rechten Oberarm einen Hieb erhalten: jedoch war derselbe durch den dicken Puff des AcrmelS abgeschwächt worden, und das geronnene Blut verschloß die Wunde. Er verlangte nach Rache an„den Hunden, die draußen heulten." wie er sich ausdrückte, und er inachte Philipp den Borschlag, daß sie satteln ließen und mit ihren beiden Knechten ans dem Kloster ausfielen. Der Junker von Finstcrlohr stackielte ihn noch, indem er ihn damit hänselte, daß er die braune Sciltänzerdirne für die schöne Gabriele gehalten hätte, und wie diese über ihn lachen würde, wenn sie von ihrem tapfere» Rückzüge vor den 3ioß- mucken, Schneidern und Schustern hörte. Die Stadtjunker legten sich inS Mittel. Dennoch wäre der waghalsige Versuch wahrscheinlich unternommen worden, wenn nicht der Stadtrichtcr Horner mit der grsamnitcn ifiathhails- wache aus der Klingengassc erschienen und den Zusammen- gerotteten niit weithin schallender Stimme im Namen des Rothes geboten hätte, sich zu zerstreuen. Die auL ehe- maligcn Lanzknechten geworbenen Stadtknechlc. welche ihre Hellebarden zu Stoß und Hieb bereit hielten. gaben der Aufsordcniiig Nachdruck. Die.Klingengasse Ivar bald geräumt, niehr Mühe kostete es, un» das Gedränge in dem Kloster- gäßchcn zu lichten, und hier bekamen, wenn nicht die Schneiden, so doch die Stiele der wnchtigcn Partisanen manche Arbeit und etliche Widerspenstige mußten verhastet werden. Die Aufregung verrauchte aber nicht sobald. In den schmalen und engen Gasse», durch welche sich die Menschen allniälig von der Klingcngasse verliefen, bildeten sich initiier wieder G nippen und sprachen und stritten lebhaft über das Gc- schehniß. Da fiel von den Bürgern nianch scharfes Wort wider den Rath, daß er die Vorrechte der Klöster in Schuh nehme, ja daß er die letzteren überhaupt noch dulde. Der lange Lienhart. Hans und Fritz Büttner, ivelcher sich der Schwebcstange des Seiltänzers als Waffe bemächtigt hatte, waren nicht bis vor das Kloster gelangt. Bei der Trinkstube die ersten an den Gegnern, waren sie. als die Menge Kehrt machte, unter den nach dem Kloster Stürmenden so ziemlich die letzten gewesen. Da hatte Büttner bemerkt, daß das Wams des jungen Goldschmiedes in der rechten Weiche aufgeschlitzt und blutig war. Hans, der bisher nichts gefühlt, meinte zwar, es sei nichts; der lange Lienhart aber hielt ihn auf dem Kirchhofe zurück und nahm die Wunde in Augenschein. Die feindliche Klinge hatte ersichtlich zuerst die Schwcrtgurt getroffen, und war durch diese glücklicherlvcise die Lkraft des Stoßes gebrochen ivorden. „Der Bader und der Schneider. die sticken halt beides bald wieder znsnmme»," tröstete der lange Lienhart und nahm seinen topfartigcn Hut ab, um sich die heiße Stirn zu kühlen. Dabei gewahrte er. das; von den beiden Hahnenfedern die eine geknickt und von der anderen nur noch ein Stück vor- Händen war.„Schau, schau, wie sie mir meinen schönen Büschen verhauen haben!" rief er mit einem tnelancholischen Kopfschütteln, das die beiden anderen zum Lachen reizte. „Dank' eS dem Lantner. daß Dir der Hieb nicht den Schädel gespalten hat," sagte der Mcrgentheimcr.„Ich sah, wie er den Hieb des wilden Zeisolf abfing." Die runden Eulenaugen des ehemaligen Lanzknechtcs schauten Hans eine Sekunde lang an; dann ergriff er dessen Rechte mit seiner breiten Tatze und rief, sie kräftig schüttelnd: „Wann wir den stolzen Hahnen die Schwanzfedern ausrupfen, da findet sich schon eine Gelegenheit, es Dir zu vergelten. Hab' meine Freude dran gehabt, wie Du dem Rosenbcrg bist zu Leib' gegangen." „Hätt' ich nur an ihn können, wie ich's Ivollte." versetzte Hans halb unzufrieden, halb durch das Lob des erprobten Kriegsgcscllen erfreut, und schnallte das abgelegte Schwert wieder um. Dann suchten sie den nächstwohnendcn Bader auf. Die Stange des Scilschwimmers blieb auf dem Kirchhofe liegen, wo sie am folgenden Morgen gefunden wurde. Viertes Kapitel. Nach heutigen Begriffen war es noch früh am Tage, hatte der Wächter auf den: Rathhausthurme doch nur eben dje achte Morgenstunde an der Glocke angeschlagen, da saßen die wohlweisen Dreizehn des Innern Rothes schon würdevoll in ihren schwarzen langen Schauben und flachen schwarzen Baretten auf den hochlehnigen Eichenstühlen um den grünen Tisch. Mancher von ihnen hätte der Ruhe wohl gern etwas länger gepflegt; denn die Feuergeister des Leisten-, Stein- und Rheinweines hatten sich an der Tafel des ersten Bürger« mcisters ein übermüthig Spiel mit den ehrsamen, günstigen, lieben Herren erlaubt. Auch wirkte der umständliche Bericht. den der Stadtrichtcr Georg Hörner über den gestrigen Tumult erstattete, nicht sonderlich erquickend. Raufereien auf Märkten und Kirchweihcn waren zudem ein zu gewöhnliches Ereigniß, um daraus großes Gewicht zu legen. Nur Konrad Eberhard schnitt mit der scharfen Bemerkung hinein:„Das sind die Folgen der gotteslästerlichen Hochzeit eines eidbrüchigen Pfaffen!" In den Augen des Altbürgcrmeisters flammte es auf. Georg von Bermetcr jedoch, der gern vermittelte, wo er es mit Ehren konnte, denn Zank und Streit waren ihm verhaßt. warf Herrn Ehrenfried einen bittenden Blick zu. Er war außer diesem der Einzige im Innern Nathc, der wenigstens in seinem Herzen der Reformation zugeneigt war, und er sagte:„Aber es erhellt aus dem Bericht, daß die fremden Junker die Schuld an den Händeln tragen." „Was'{ Was?" rief der Rathsherr von Winterbach.„Heißt das Händel anfangen, wenn ein Edelmann mit einem Narren einen Scherz macht?" Erasmus von Muslor hob seine weiße, etwas fleischige Hand aus und mahnte:„Hören wir den Bericht weiter, wohl- weise Herren!" Der Stadtrichtcr trug daher weiter vor. daß der Seil- schwimmer und der Buchfuhrer, dem in dem Getümmel der Tisch umgestürzt und die ausgelegten Schriften unter die Füße getreten worden, auf deni Markte ein großes Geschrei vor den Bürgen: erhoben hätten und Schadenersatz verlangten. Sie warteten vor der Rathsstube, um ihre Klagen anzubringen. Auch der Narr warte draußen aus ein Schmcrzcns- geld für die ausgestandene Todesfurcht. (Fortsetzung folgt.) Spaztergängc eines Naturfreundes. Juni. Die große breite Landstraße zog sich mit ihren schnurgeraden Vaumreihen mcilcinveit dahin. Herr Tanzmann stapfte wacker dar- auf WS auf dem weißgetrockneten festen Fahrdamm. Den Freunden, die ihn diesmal halten begleiten wollen, hatte er sich sanft entzogen. Rein Kinder, hatte er gesagt, diesmal ist das kein Weg für Euch, dazu sind Eure Äugen und Eure Beine noch nicht reif. Geht Ihr heute lieber nach dem Grunewald oder nach Biescnthal. lind er hatte ihnen geschildert, wie sie vor Hitze und Staub auf der Chaussee bcrwmnicn würden, wie sie auf der endlos langen Fahrstraße nach und nach müde, verdrossen, wüthcnd würden, wie sie ihn erst einen närrischen Kautz, dann einen verrückten Dussel, dann einen hinterlistigen Hallunkcn nennen würden, der ihnen einen kost- baren Tag gestohlen hätte, wie sie ihm nach zwei Stunden Wände- rung schief angucken, später anrempeln und schließlich durchprügeln tviirdcn. So wanderte denn Herr Tanzmann allein dahin an Baum und Baum und Baum vorbei, vorbei an Kilometersteinen und Schutthaufen. Zum Glück war der Tag nicht zu heiß. Gewitterregen hatten die Tage vorher die Luft abgekühlt, und ein frischer Nordwest milderte die Strahlen der Sonne, deren Leuchtkraft ohne- hin durch einen zarten weißen Wolkenschleier etwas beeinträchtigt ivurde. Herr Tanzniann war einer von den wenigen, die jetzt noch die Poesie der Landstraße kennen. Drei Jahre ivar er einst, zumeist auf diesen Straßen in der Welt umhcrgewaiidert, von Stadl zu Stadt, von Dorf zu Dorf, ohne kaum je eine Eisenbahn zu benutzen. llcbcrall war er nur kurze Zeit geblieben, nur so lange, um wieder mit ein paar Sechsern weiter zu wandern auf der Landstraße. Offen gestanden, er hatte auch manchmal gefachten und die Nacht im weichen Nasen des Straßengrabens süß verträumt, nach altem Hand- wcrkSbnrschen-Brauch die Jacke ausgezogen und sich damit zugedeckt. Doch das waren wilde Sachen, die Herr Tanzmann niemandem erzählte, und außerdem war er damals erst 18 Jahre alt gewesen. Die Straße führte zunächst an ebenen Ackerfluren vorüber. Der Roggen stand in Achren, ans denen die unscheinbaren Blüthcn- thcilc lose hcrabhingen. Er hatte bereits eine weißliche Farben- tönung angenommen. Das Meer von Achren wogte schwer im Winde, tiefe Wellen liefen rauschend über das Millioncnhccr von Halmen. Im Innern dieser hohen geschlossenen Kornpflanzung war kein Unkraut zu sehen, aber am Rande des Feldes bis etwa ein Meter in das Innere hinein standen unzählige blaue Kornblumen, vermischt mit rothem Klatschmohn und violetten Kornraden. Diese Blumen konnte Herr Tanzmann schon von weitem erkennen, wenn er aber an das Feld herantrat, dann fand er unter ihnen noch manches kleine unscheinbare Gewächs, den Ackersteinsamen, den ziegelrothen Gauchheil und manchen anderen Freund des Roggenfeldes. Mit den Kornfluren wechselten sauber behackte Kartoffeläcker ab, deren duschige Pflauzen sich in geraden langen Reihen weit hinzogen. Sie waren bereits ziemlich hoch geworden und fingen eben an, ihre weißen Blüthcn szil öffnen. Die Ränder der Straße waren mit hohem Gras bewachsen, daS jetzt ebenfalls blühte und mit seinen zierlichen Rispen und Achren im Verein mit weißen Doldenblüthlern, blauem Natterkopf und vielen anderen Blumen einen bunten Teppich bildete. Die Pflanzenwelt war nun auf dem Punkte, wo sie die Blätter vernachlässigt, um ihre ganze Kraft auf die Blüthen zu verwenden. Herr Tanzmann wanderte zufrieden weiter. Der Juni bringt es fertig, sagte er zu sich, selbst magerem Sand- boden ein Ansehen von Ucppiglcit zu geben. Na, lange wird die Sacke ja nicht dauern, eine Woche Hitze, und alles ist vertrocknet und verstäubt wie ein Mehlsack. Auch die Bäume der Chauffce erregten seine Zufriedenheit. Sie waren in üppigem Triebe. Der beim Wegebau verwandle Lehm, die stete Zertrümmerung der Granitstcine, die einen nährstoffreichen Boden bildete, und der Düngcrabfall der Zugthiere gab diesen Bäumen den denkbar günstigsten Standplatz. Es waren s(K- breitkronige Ahornbäume, phantastisch verzweigte Ulmen und..) vereinzelte Schwarzpappeln und Eichen darunter. Er war in tiefer Betrachtung über das Wesen und die Gestalt dieser einzelnen Baumgattungcn vertieft, als die Klingel eines Rad- fahrcrs dicht hinter ihm schrillte, sodaß er aufgeschreckt zur Seite fuhr. Herr Tanzmann war empört. Als ob der Mensch nicht auö- weichen könnte, Ivo doch Platz genug vorhanden lvar! Und da er nun einmal aufgebracht war, ließ er seinem Zorn freien Lauf. Ihr seid mir schon die windigsten Gesellen, ihr Radier, sagte er, lrummbncklige Trctfüßler, schwindsuchtsberechtigtc. Ihr Naturverfahrer, die ihr an Baum und Strauch und Wald und Wiese unachtsam vorübcrrast mit dem einzigen Gedanken an die Kilo- meterzahl, die ihr zurücklegen müßt, ihr armseligen Kilometer- Philosophen. Ihr blinde Streber, die ihr die Herrlichkeit der Welt nach Meilensteinen und Radumdrehungcn berechnet und keuchend, athemringend, schweißtriefend Euer Tagcspensum abhaspelt, blos um wieder 10 Meilen Radfahrt hinter Euch zu haben. Ein Herr- lichcs Möbel, Eure Drehmaschine, die Euch das letzte bischen Natur- empfinden ausdreht und mit Euch durchbrennt, che Ihr nur anfangen könnt, Euern Verstand zu sammeln. Ja, ja, Ihr l"''t Recht, Euch gehört die Zukunft, so katzcnbuckelnd, mit dem c...� gen Wunsche Euch vorwärts zu drehen, so macht man Karriere! Die Chaussee durchschnitt jetzt eine kleine Thalsenkung.die aber dochso tief lag, daß der Grundwasserstand den Feldbau nicht inchr lohnend machte. Die Thalsohlc bildete daher eine kleine Wiese, die durch die Landstraße in zwei Thcilc getheilt war. Auf der einen Seite, die am wenigsten »aß zu sei» schien, war das Gras bereits gemäht und lag, einen würzigen Hengcruch verbreitend, in Hausen geordnet da. Ein Maul- wnrf hatte hier, unter dem Rasen wühlend, kleine Erdhügel auf- geschüttet. Auf der andern Seite der Chaussee stand das Wicscnland »och im üppigsten Graswuchsc. Die Blülhenständc des Sauerampfers gaben dieser Wiese einen röthlichcn Grundton, in dem die Hahnen- sußblüthe und Doldengewächse gelbe und weiße Schattirungen hervorbrachten. Den höhen Grundivasscrstand konnte Herr Tanzmann nicht nur an dem satten dunklen Grün der Gräser wahrnehmen, er erkannte ihn auch an den schilfig breiten und rohrartigen Gräsern, Binsen und Seggen, die sich hier bemerkbar machte». An der tiefsten Stelle wurde das Wasser sichtbar, ein schmutziges, mit grünen Algen durch- sctztes Sumpswasser, auS dein Weidcngestrüpp, einige Erlen und Faulbaumgebüsch hervorragte. Das war der Tummelplatz eines Heeres von'Stechmücken, die ini Nu Herrn Tanzmann unischwärmtcn, und ehe er sich ihrer erwehren tonnte, ihre dünnen Säugrüssel in daS Fleisch seiner Hände und seines Gesichtes einbohrten. Herr Tanzmann konnte feststellen, daß die Stiche ihm ziemlich im- angenehm waren, während er früher, wie er»och bei der Fron Tanzmann war, seiner Mutter, sich iiic etwas aus Mückenstichen gemacht hatte, auch kaum von ihnen belästigt worden lvar. Diese Thntsache gab ihm nun wieder genügende Veranlassung, böse Worte über die Verweichlichung in Berlin und die Raturentsremdung der Städter auszustoßen. Trotz der Mückcnplage und des nassen Bodens trat der Wanderer etwas näher an den kleinen Buschwald heran. Er sah, wie das Laub der Erlen von blauen Blattkäfern ganz und gar zerfressen wurde und tvic auch die Weiden und das Faulbaum- gestrüpp von allerhand Insekten heimgesucht tvurden. Das stimmte ihn lviedcr versöhnlicher. Zum Glück, dachte er, werden wir Menschen nicht allein ge- peinigt, jedes Thier, jede Pflanze hat Peiniger, die Eiche soll gegen 100 verschiedene Arten von Blutsaugern haben, warum sollte sich der Mensch also nicht mindestens zehntanscnd leisten können? Die Chaussee war hier in der Bodensentung mit schönen ficder- blätterigen Eschen bepflanzt, es befanden sich auch einige Linden darunter, deren unscheinbare Blüthendolden einen weithin duftenden Wohlgeruch verbreiteten. Die Landstraße zog sich dann wieder in langsamer Steigung einige Meter aufwärts zu dem vorherigen Boden-Niveau.'Wieder führte sie an Roggenfeldern und Kortoffel- äckern vorüber. Dann berührte sie eine kleine Ortschaft, die zu dieser Zeit ganz in Akazien gehüllt erschien, deren große iveiße Sckmcttcrlingsblüthcn einen starken süßen Duft aus- strömten. Die Gärten waren bereits merklich verstaubt, und der ab- geblllhle Flieder machte einen welken Eindruck. Jndcß die neu- erwachte Rosenpracht, herrliche Nelken und Feuerlilicn. brachten doch bereits einen üppigen sommerlichen Eindruck hervor. An Scheunen- wänden und anderen vernachlässigten Plätzen standen große Hollunderbüsche, dicht besäet mit großen weißen Blüthenschcibcn. An regelrecht ausgestellten Stangen rankten die Bohnen bereits anderthalb Meter hoch empor, und weißblllhendc Zuckererbsen stützten sich auf dürres Reisig, das man, um ihnen Halt zu geben, in die Erde gesteckt hatte. An den Johannisbeersträuchern färbten sich bereits die Früchte roth und ließen an eine baldige Ernte denken. Das war die Zeit, wo Herr Tanzmann früher als Knabe im Garten der Fron Tanzmann Obst zu ernten anfing. Er hatte damals die Gewohnheit, die Früchte immer einige Zeit früher abzunehmen, als sie reif waren. Grüne Stachelbeeren aß er zum Entsetzen der Frau Tanzmann mit großer Vorliebe, er aß sie. ohne den Mund zu verziehen, während sie bei dem bloßen Gedanken daran einen sauren Geschmack im Munde fühlte. Nun gab es aber sehr viele Sträuchcr ini Garten, und wenn Herr Tanzmann nicht täglich seinen Freund Mcmis. der nebenan die Gänse hütete, eingeladen hätte zu gemeiiksamcr Arbeit, so wären die Stachelbeeren sicher reif geworden, che sie abgeerntet gewesen wären. Der Wanderer setzte seinen Weg weiter fort. Wieder führte die Landstraße an großen Korn- und Kartoffelfeldern vorüber, bis sie nach einiger Zeit einen kleinen Kiefernwald durchschnitt. Es lvar ein eliva vierzigjähriger Baumbestand, der aber durch eine plan- und versländnißlosc Privatwirthschast sich in schlechtem Zustande befand. Der Boden lvar ganz mager, da ihm die Waldstreu, die herabgefallenen Nadeln, Jahr für Jahr entzogen worden war, die Bäume waren verkrüppelt, und der Bestand wieS große Lücken auf. Eine dürre, trockene Luft herrschte über dem armen Boden, in dem nur ein dürftiges gelblichgrüncS Moos einigermaßen gedieh und höchstens hier und da eine niagcre Grasnelke ihren röthlichen Blüthenkopf auf langem, dürrem Stiel erhob. An den Privativald schloß sich ein staat- licher Forst an. DaS Bild war sofort ein ganz anderes. Gerade hohe Stämme schössen fast üppig aus dein grünen Boden hervor, auf dem selbst junge Ahornbäumchen und Eichen, die sich offenbar von der Chaussee her ausgesäet hatten, einige Jahre' ein wenn auch kümmer- lichcs Leben fristen konnten. In großen Lagern hatten sich niedere Heidelbcersträucher und Erdbeerpflanzen angesiedelt, die voller Früchte hingen. Herr Tanzmann setzte sich an den WaldcSrand neben einen blühenden Brombeerstrauch und that sich an den köstlichen blauen und rothcn Beeren gütlich. Er hatte das volle Gleichgewicht seiner Seele wieder erlangt, und als ein Radler keuchend an ihm vorbcistiirmte, winkle er ihm freundlich grüßend zu.— Curt Grottewitz. Vleiurs Fenilleko»r. — Galgenhumor. An, 5. Juni 1738 machte der Gutsbesitzer Johann Böhine in Marienthal bei Zwickau seinem Leben freiwillig ein Ende. Böhme galt im Dorfe für einen guten Hauswirth und war stets frohen Muthes und lustiger Laune, die nur durch die Quälereien seines WeibcS getrübt wurde. Schließlich glaubte er diese nicht nichr ertragen zu können und beschloß zu sterben, aber nicht, ohne vorher seinem Hausdrachen noch etwas auszuwischen und damit zugleich der Gemeinde einen Spatz zu machen. Am genannten Tage. wo seine Frau morgens nach Zwickau gegangen war, schob Böhme sämmtlichcs Geräthe in Haus und Stube bunt durcheinander, rasirte sich fein säuberlich und schlug einen großen Nagel über der Stubenlhiir in die Wand. Nachdem er Hausthür und Fcnslcrlöden geschlossen, band er drei Kissen um den Leib, darüber seiner Frau bestes Wams und darunter zwei Weiber- ärnrel, denen er vorn die Spitzen recht ordentlich herauszog. Ferner band er drei blaue, eine schwarze und zwei weiße. Schürzen vor, hing eine blaue und zwei weiße aus den Rücken und legte zwei Halstücher um, deren Zippcl er geschickt in den Schnürriemen band. Dann zog er neun Weiberröckc übereinander an, setzte eine Cornctte und darüber eine Haube aus den Kopf, hing dieFeuerkicpe um denLeib und einen Besen auf jede Seite und zog zuletzt sechs Paar Strümpfe übereinander an. In dieser Verfassung hing er sich an dem über der Thür ein- geschlagenen Nagel auf.'Der Bericht über diese Hanswurstiadc schließt:„Als die Frau abends nach Hause kommen, hat sie über zwei Stunden nicht hineingekonnt und ihren gegcnübcrwohncnden Schwager zu öffnen bitten müssen, da sie denn, als Licht angebrennet, den Böfewicht in seiner„Masqueraden-Positur" mit großem Einsetzen in der Thür hangen sehen. Er wurde folgendes Tages abgenommen und an dem Orte, wohin solche Tcufelsgenossen gehören, verscharrt. Es gab aber doch viele, welche über diesen vernreintlichcn NarrcnS- Possen gar weidlich lachten."— — Geschminkte Früchte. Es wird nicht einem Jeden bekannt sein, daß die schönen, frischen Farben, das Roth der Aprikosen und daS Wachsgelb der Pfirsiche, in Paris so täuschend nachgemacht werden, daß man diese Fälschung von der natürlichen Farbe der reifen Steinfrüchte nicht zu unterscheiden im stände ist. Das Färben geschieht durch Einspritzungen, die mit einer kleinen Spritze, die den Farbstoff enthält, bewerkstelligt werden. Die Arbeit ist äußerst müh- sank, zeitraubend und sehr kostspielig. Die Sanitätspolizei-Organc können aber gegen die Fälscher nicht viel ausrichten, denn das Gesetz gestattet den Zuckerbäckern und ähnlichen Gewerbetreibenden die Benutzung kleiner Farbcnzusätze zum Aufputzen ihrer Artikel. Literarisches. — No tiz en über Mexiko. Von Harry Graf K e h l e r. Berlin. F. Fontane u. Co.— Tagebuchnotizen und Betrachtungen eines erfahrenen, gebildeten, auch kunstgcbildeten Mannes, der allem Seienden Jnterefse entgegenbringt und es ver- stehen lernen will. Wir haben aus dem Buche schon unlängst eine Probe gegeben, ein Eingehen auf die Schreib- und Darstcllungs- weise des Autors erübrigt sich also. An dem Werke ist nur Eines auszusetzen: Der durch die reiche Ausstattung verschuldete hohe Preis. Bücher sind dazu da, um gelesen zu werden. Kostbare Weihgeschcnke riechen nach Liebhaberei. Der Verfasser sitzt übrigens im Nedaktionskomitee des„Pan".— Aus dem Thierleben. — Ein Bär, der sich im K a r w e n d e l g e b i r g e in Nord- tirol herumtrieb, bald in der Gegend von Schwaz, bald in der Hinterriß, dann bei Hall, bei Innsbruck in der Scharnitz, bei Mitten- wald gesehen wurde, der so manches Schaf ritz, so manchen Jäger lockte, mehrere Mal auch schon todtgesagt wurde, während viele Leute seine Existenz überhaupt in Frage stellten, ist nun thatsächlich erlegt worden. Im vergangenen Monat waren nicht weit vom Kloster Ficcht aus einer Schashcerde wieder drei Stück gerissen worden. Der Abt von Fiecht erstattete Anzeige, und am nächsten Tage brach eine aus Treibern und acht Jägern bestehende Gesellschaft auf, den Räuber zu verfolgen. In dem sogenannten Ochsenhaag am Vampcrjoch entdeckte man bald die Fährte des Bären. Er wurde am Abend des 14. Mai durch einen Kugelschutz in der Gegend der Mittagspitze am Halse getroffen und gestteckt. Das Thier ivar ein männlicher Bär, trug noch den Winterpelz, war von brauner Farbe, wog 117 Kilo, matz vom Fang bis zur Schwanzspitze 173 Zentimeter, mit aus- zestrcckten Pranken 230 Zentimeter und an Brustumfang 130 Zenti- meter. Die Decke lietz nirgends ältere Verletzungen erkennen.— Aus der Pflanzenwelt. — n. Chokoladen Hafer. Was ist Chokoladenhafer? ES ist dies der Name für eine Art von Hafcrkvrnem dunkelbrauner zstrbe, die an die von Chokolade erinnert. Der um die Wissenschaft- iche Untersuchung des Getteides neuerdings sehr verdiente Pariser Zandwirthschaftschemiker Balland hat über diese Getteidesorte kürz- .ich an die Pariser Akademie der Wissenschaften berichtet. Man .rifft den Chokoladenhafer vorzugsweise aus den Märkten in tllgier, wo er auch zu Hause ist. Diese eigentljümlichen Körner kommen übrigens nicht regelmätzig vor, in den letzten 12 Jahren z. B. sind sie namentlich 1887, 1880 und 1394 gewachsen. Die Verhäluntzzahl der farbigen Körner zu den gewöhnlichen ist sehr verschieden und erreicht zuweilen uicht 3 pCt. In der äußeren Gestalt, der chemischen Zusammensetzung und der Keimfähigkeit stimmt der Chokoladenhafer völlig mit den weißer Haferkörner über- ein, der Unterschied liegt nur in der Färbung. Es scheint also dieser Hafer in Wirklichkeit gewöhnlicher weißer Hafer zu sein, der vor oder während der Ernte naß und von den glühenden Sonnenstrahlen getroffen wurde. Man hat auch beobachtet, dag sich die Färbung vorzugsweise bei Doppelkörnern zeigt, die das Wasser länger zurückhalten als die einfachen. Zuweilen zeigen die braunen Körner Spuren von Mehlthau, dessen Entwicklung durch Regen, feuchten Wind und Nebel begünsttgt wird. In trockenen Jahren findet man jedenfalls in Algier weder chokolade- sarbenen noch von Mehlthau befallenen Hafer. Nach den neuesten Untersuchungen ist also der Chokoladenhafer, der in den: algerischen Getteidehanoel als besondere Spezialität gilt, nur eine durch klima- tische Verhältnisse gelegentlich entstandene Umfärbung des gewöhn- lichen grauen Hafers.— Meteorologisches. � In Irland ist Ende März schwarzer Regen gefallen, und zwar auf einer 30 englische Meilen langen und 16 Meilen breiten Sttecke. Während des Regens war es so dunkel, daß die Leute die Lampen anzünden mutzten. Dichte schwarze Wolken zogen langsam nach Nordosten. Der Farbstoff war Ruß, der sich nnt der Feuchtigkeit der Lust völlig vermischt hatte. Eine Industriestadt lag sehr weit entfernt von der Gegend, wo der schwarze Regen fiel. Während der Erscheinung flohen die Vögel in ihre Nester, und viele Personen geriethen in Angst. Nach der Ansicht der Meteorologen kam der Nutz von den Industriestädten Süd-Schottlands und Nord- Englands. Die Woche zuvor war das Wetter trocken gewesen, und es hatten starke nordöstliche Winde geherrscht. Vor dem Regen waren in dieser Gegend Irlands mehrere prächtige Sonnenuntergänge be- obachtet worden.— Technisches. — Eisenbahnen auf Kuba. Der Bau der Eisenbahnen begann auf Kuba ichon gegen die Mitte der dreißiger Jahre. ob- wohl die erste Eisenbahnlinie, in Spanien selbst, Barcelona- Malaro, erst Ende des Jahres 1343 eröffnet wurde. Der Bau von Eisen- bahnen in Kuba erfolgte damals in der Absicht, die Hauptstadt mit den bedeutenderen Plätzen im Innern und an der Küste in Verbindung zu setzen. Die Eröffnung der 288 Kilometer langen Stammlinie von Havana nach'Guanajay dattrt vom Juli 1837. Zehn Jahre später hatte die westliche Hälfte der Insel schon ein größeres zusammenhängendes Bahnnetz auf- zuweisen, dessen Linien nach Matanzas. Savanilla, La Isabel und Colon führten, während im Süden der Insel die Eisenbahn von Cienfuegos an der Küste nach St. Clara und im östlichen Thcile derselben von der Binnenstadt Puerto Principe nach dem Hafenort Nuevitas gebaut worden war. Seitdem hat das Eisenbahnnetz auf Kuba durch den Ausbau der Linien von Cardenas und Concha an der Nordküste über Bemba nach Aguada und Esperanza, beziehungs- weise über S. Domingo nach Encrucijada, sowie durch jenen der Linie von Casilda an der Südküste über Trinidad nach Fernandez eine ansehnliche Erweiterung erfahren. Die wichtigsten Linien sind die Bahn von Havana über Los Guines nach La Union smit Zweig- bahn 160 Kilometer) und die von Cienfuegos über Puerto Principe nach Santiago de Euba. 1880 Waren 1600 Kilometer, 1892 dagegen 1730 Kilometer Eisenbahn in Betrieb. Einschließlich einiger schmalspuriger Anschlußbahnen, welche sich ebenso wie die Haupt- bahnen im Besitze von Privaten befinden, haben die kubanischen Eisenbahnen heute eine Ausdehnung von insgesammt 1800 Kilo- meiern.— Humoristisches. — Aber! Bürgermeister szu den Musikanten):„Also geben Sie acht. Wenn ich den Festplatz betrete, so intoniren Sie die Nattonalhhnme, denn erst mit meinem Eintritt nimmt die Vieh- ausstellung ihren Anfang."— — Schwere Kur. Der ebenso gelehrte wie zerstteute Pro- fcssor der Medizin£ hat soeben eine Abhandlung über die Heilung des Magenkatarrhs gelesen, als ihn jemand wegen eines Halsleidens konsulttrt. Er starrt lange in den Hals hinein, dann ebenso lange auf den Fußboden und meint endlich:„Ja— ja, alte trockene Semmeln mit Rindfleisch belegt— hm— ja— und damit recht fleißig gurgeln— verstehen Sic?— recht fleißig gurgeln— ja— hm— dann ist Ihr Magen in vier Wochen gesund."— — Anspruchsvoll. Gast:„Hören Sie, Kellner, das ist doch zu arg! Dieies Beefsteak hier ist die reine Schuhsohle!" Kellner: Ja, mein Herr-, wünschen Sie etwa für den ge- ringen Preis gleich ein Paar Stiefletten?"— Vermischtes vom Tage. — Bis zum Jahre 1893 wurde in Deutschland mehr Butter ailsgeführt als eingeführt. Seitdem hat stch dieses Verhältniß geändert. 1893 betrug die Einfuhr: 68 900 Doppelzentner, die Ausfuhr: 66 730, also eine Mehreinfuhr von 2330 Doppelzentnern. Im Jahre 1896 Einfuhr: 78 570, Ausfuhr: 71 010, also Mehreinfuhr: 7560 Doppelzenwer. Im Jahre 1397 Einfuhr: 103 370. Ausfuhr: 37160, also Mehreinfuhr: 66 410 Doppelzentner. Die Ursache für die Verminderung der Ausfuhr ist darin zu suchen, daß der e n g l i s ch e Markt sich mehr und mehr der deutschen Butter verschließt, besonders infolge des hefttgen Wettbewerbs von Ausstralien und Dänemark. 1396 wurden 33 700 Doppelzenwer dorthin ailsgeführt. 1897 nur noch 27 700. An der Zunahme der Einfuhr ausländischer Butter nach Deutsch- land sind vor allem Holland, Polen, Finnland und Amerika betheiligt.— — Beim Brande eines Hauses in Strelno bei Brombcrg verunglückte eine Arbeiterfamilie. Der Mann und die Frau erlitten schwere Brandwunden! ihre vier Kinder verbrannten.— — In Mettlau begingen ein 21jähriger Gärwer und die 38jährige Frau eines Arbeiters aus Breslau in einem Gastzimmer gemeinsamen Selbstmord.— — Der 70jährige Glöckner der Marienkirche zu Salzwedel stieg in den Glockenstuhl, um Dohlennester auszunehmen. Er hatte schön eine Schürze voll junger Vögel, als die Leiter wich, und der Greis in die Tiefe stiirzte. Entsetzlich zerschlagen blieb er zwischen zwei Balken hängen. Bald daraus starb er.— — 50 Personen sind in dem Vorort Plawitz bei Zwickau an der T r i ch i n o s i s erkrankt.— —„England meine es besser mit dem einheimischen Vieh- züchter wie Deutschland, denn England lasse kein Vieh auf dem Landweg herein, sondern nur zur See." Also redete der Herr Stadtpflegcr Haug von Langenau, der Reichstags- k a n d i d a t der schwäbischen B ü n d l e r im 12. Wahlkreise zu seinen Wählern in Weikersheim.— — Wegen einer dienstlichen Differenz erschoß ein Gendarmerie- Postensiihrer in Z o l y n i a(Galazien) einen Wachtmeister und dann sich selbst.— — In Budapester Künstlerkreisen herrscht große Auf- regung infolge der Entdeckung, daß von einer Wiener Bilderfirma seit langer Zeit Bilder in den Handel gebracht werden, auf welchen die Namen der a»gesehensten ungarischen Maler gefälscht sind.— t. Die Zahl der im Londoner Zoologischen Garten gehaltenen Thiere belief sich am 31. Dezember 1897 auf 2583, wovon 792 Säugekhiere, 1362 Vögel, 431 Reptilien und Amphibien sind.— — Die größte Zinnhütte der Welt befindet sich auf S u l o B r a n i, einer Jiyel im Hafen von Singapore. Dort werden monatlich 1200 Tonnen Zinn erzeugt, mehr als in ganz Cornwall und mehr als die Hälfte des in Australien erzeugten. Die Erze kommen aus Selangor und Perak, zwei kleinen Malayenstaaten auf der Halbinsel Malakka.—__ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 12. Juni._ Vergnlivorttjcher Redakteur: August Jacobe») in Berli». Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.