Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 113. Sonntag, den 12. Juni. 1898 (Nachdruck verboten.) 91 Mm die Feeiheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. Da lachten einige von den Ehrbaren laut auf; andere riefen zornig:„Schadenersatz von der Stadt? Reitet sie der Teufel? Schickt sie zu den Junkern; die müssen zahlen." „Es ist dessen kein Zweifel, daß die Junker für den Schaden zu haften haben," sprach der erste Bürgermeister.„Aber die Leute haben sich mit Fug an den Rath gewendet. Im Vertrauen auf den gebotenen Frieden sind sie nach Rothen bürg gekommen und haben auch den Marktgroschen erlegt zur Ausübung ihres Gewerbes. Ein wohlweiser Rath wird mit mir einverstanden sein, daß wir ihre Ansprüche prüfen lassen und demgemäß entscheiden. Dem Narren aber mögen wir für die ausgestandene Angst sogleich einen Viertelgulden aus der Stadtkasse zubilligen. Da es nun erwiesen ist, daß die Junker von Rosenberg und Finsterlohr den gebotenen Frieden der Stadt gebrochen haben, so dünket mich billig, daß jedem von ihnen eine Pön von fünf Gulden auferlegt werde und außerdem die Stadt sich an ihnen des Schadens erhole und der Kosten, so ihr aus dem gestrigen Tumult erwachsen sind und etwa noch erwachsen werden." Ein Murmeln der Zustimmung lief um den grünen Tisch, und der Stadtrichter wurde beauftragt, von den Klägern eine schriftliche Angabe ihres Schadens einzufordern. Der jungen Patrizier, die mit den Junkern gemeinsame Sache gemacht hatten, geschah mit keiner Silbe Erwähnung. Konrad Eberhard aber bemerkte kalt:„So einig ein Rath in der Sache selbst ist, so einig ist er Wohl auch in der Ueberzeugung, daß die Junker auf Haltenbergstedten und auf Laudenbach weder Schadenersatz noch Strafe leisten werden. Bin daher der Meinung, daß wir übel thaten, sie entreiten zu lassen. Auf handhafter That ergriffen, unterstanden sie der Stadt Gerichtsbarkeit. Der Rath hat das verbriefte Recht, jeden bösen Mann, so sich in die geistlichen Häuser, 5tlöster und Kirchen flüchtet, von dort wegholen zu lassen, selbst vom Altar." Herr Erasmus neigte bestätigend sein Haupt.„Dieses Recht" stehet Rothenburg vertragsmäßig zu. Aber, lieber Herr Kollega, wenn wir in diesem Falle von ihm Gebrauch gemacht hätten, würde es nicht geheißen haben, daß wir der Ketzerei Vorschub leisten, wo es Roth thut, den heiligen Glauben zu stützen? Das Ansehen der frommen Frauen würde im Volke schwerlich dadurch gewonnen haben, und es kann nicht unseres Amtes sein— hier streiften seine Blicke den Altbürgermeister— Wasser auf fremde Mühlen zu leiten. Ich denke, daß die Junker zahlen werden; denn sie werden sich die Stadt nicht just zu den Faschingslustbarkeiten verschließen ivollen, was wir ja sehr bedauern würden. Sollte ich mich täuschen, nun, so bleibt uns ja noch die Berufung an das Reichs-Kammer- gericht." „Das Reichs-Kammergericht!" zuckte der Altbürgermeister Ehrenfried Kumps empor. Er bezwang sich jedoch und ftihr mit äußerer Ruhe fort:„Es freut mich, daß der Rath dem Buchführer und Seilschwimmer gerecht worden ist. Destomehr darf ich der Hoffnung leben, daß er einem eingesessenen Bürger dieser Stadt endlich zu seinem durch des Kaisers Gericht be- stätigtcn Rechte verhelfen werde." Die Rathsherren sahen einander verwundert an. Wen konnte er meinen? „Ich spreche von Kilian Etschlich, dem Tuchscheerer," er- klärte Herr Ehrenfried. Da erhob sich ein Murren unter den Herren, und der erste Bürgermeister richtete Kopf und Oberleib steif auf. Es kannte Jeder den Handel. Zehn Jahre waren es her, da hatte Georg von Wernizer, der jetzige Schultheiß von Endsee, auf der Herren-Trinkstube seinen Vetter Joas Trüb beim Spiel erstochen. Joas Trüb hatte gleich der Mehr- zahl der jungen Patrizier seinen wilden Hafer mit vollen Händen ausgesäet. Darüber mit seiner Familie zerfallen. hatte er geborgt, wo immer nur sein lustig Wesen ihm die Beutel geöffnet. Die Trüb gehörten I nächst den Wernizer zu den ältesten Familien der Stadt, und I so hatte auch Kilian Etschlich gleich manchem anderen des Glaubens sich getröstet, daß Joas ein sicherer Mann sei. Noch am Morgen seines Todes hatte er mit Kilian abgerechnet, das heißt, er hatte seine Schulden bei ihm auf hundert Gulden abgerundet und war dann fröhlich zur Herren-Trink- stube gewandert. Aber das Oberhaupt der Familie weigerte sich, die Schulden des Eiffchlagenen zu bezahlen. Der Alte war nicht nur geizig, sondern spielte sich auch auf den Cato hinaus, und als der Tuchscheerer klagte, rief er die Moral zur Hilfe. Die Verderbniß der Jugend, über die man allgemein klage, so machte er geltend, habe ihren Grund lediglich in der Liebedienerei des Bürgerthums, welche der Leichtfertigkeit unbedenklich Kredit gewähre. Was aus dem Gemeinwohl, was aus dem Staate werden solle, wenn die Obrigkeit ruhig zusehe, daß die Jugend, die doch eines Tages an der Väter Stelle zum Regiment gelange, also verderbt würde? Der Quell des Uebels müßte verstopft, ein Beispiel aufgestellt werden. Der Kläger müßte daher mit seiner Forderung nicht nur abgewiesen, sondern obendrein als Verführer der Jugend und Verderber der guten Sitten mit Strafe belegt werden. Der Rath schloß sich diesen Gründen an; denn es lag ihm daran, zwischen dem einflußreichen Geschlecht der Trüb und dem der Wernizer eine Aussöhnung zu stände zu bringen, sollte das Patriziat nicht in zwei feindliche Parteien gespalten werden. Die Wernizer ihrerseits drangen ungestüm auf die Begnadigung des Todtschlägers, der entflohen und auf zwanzig Meilen Wegs verbannt war. Was wog unter solchen Umstünden das Recht eines Handwerksmeisters? Kilian Etschlich erstritt zwar von dem Reichskammergericht in Nürnberg einen günstigen Spruch, allein auf dessen Vollstreckung durch den Rath wartete er noch zur Stunde vergebens, während dem Georg Wernizer für eine Summe, die er an das Spital zum heiligen Geiste gezahlt, die Thore der Vaterstadt längst wieder sich erschlossen hatten. Erasmus von Muslor ermahnte den Altbürgermeister feierlich, die Todten ruhen zu lassen. Dazu war dieser mit Nichten bereit und er erwiderte, indem er seine hagere Gestalt streckte:„Todt ist das Recht; das Unrecht schreitet durch die Gassen. Wie mögen wir auf die Liebe, den Gehorsam, die Treue der Bürgerschaft zählen, wenn wir ihr den Glauben an die Gerechtigkeit des Rathes nehmen?" Nun schrien alle gegen ihn. Georg von Bcnneter suchte zu vermitteln; es hörte aber keiner auf ihn. „Was schiert uns die Bürgerschaft?" rief der Raths- Herr von Winterbach.„Was der Kaiser in Hispanien? Hier ist Rothenburg und wir sind die Herren." Krachend hieb er mit der Faust auf den Tisch. „Was uns der Kaiser angeht?" ftagte Herr Ehrenfried mit blitzenden Augen.„Ei, Ihr Herren, sehnet Ihr Euch so sehr darnach, daß der Ansbach-Bayreuther unsere freie Stadt über- komme? Der Markgraf Kasimir paßt nur aus die Gelegenheit." „Schätze, daß unsere Mauern härter sind als sein branden- burgischer Schädel," schnob der Rathsherr von Seyboth ver- ächtlich. „Ja, so lange die Bürgerschaft zu den Geschlechtern steht," warnte Ehrenfried Kumps. Einsäst allgemeines Hohngelächter war die Antwort. Der erste Bürgernieister versicherte kurz und nachdrücklich:„Das thut sie." „Ja, das thut sie," krähte der kleine Rathsherr von Hipler ihm nach. „Auch dann noch," fragte Herr Ehrenfried uneingeschüchtert, „wann sie durch Eure Ungerechtigkeit daran erinnert wird, daß sie ein verbrieftes Recht auf die Mitregierung der Stadt hat?" Das traf die Herren wie ein Keulenschlag. Der zweite Bürgernleister fuhr jedoch mit seiner harten Stimme rasch hinein:„Was streiten wir? Die Sache ist lang vor uns durch Rathsschluß abgethan. Wir haben nichts mit ihr zu schaffen." „Was? was? was?" entgegnete der Altbürgermcister hitzig.„Ein solcher Schluß ist nie gefaßt worden, konnte nie gefaßt werden. Wo hätte ein Rath das Recht, einen Ent- scheid des Reichskanimergerichts aufzuheben? Vetterschafts- rücksichten haben das Urtheil von der Rathstafel verschwinden lassen, ja Vetterschaftsrücksichten l" Entstand jetzt ein Sturm! Die Herren fuhren mit einem Ungestüm von ihren hohen Stühlen auf, so daß davon mehrere zu Boden polterten, und schrien und ballten die Fäuste gegen Ehrenfried Kumps. Der Vorsitzende wollte reden; aber es dauerte lange, bis er sich Gehör zu verschaffen vermochte, und sein Gesicht wurde von der Anstrengung dunkel- roth. Dann erklärte er mit Gemessenheit und Würde: „Es ist nicht des Rathes, seine Vorgänger im Amte zu richten. Was diese für Recht erkannten, ist auch für uns Rechtens ünd bindend. Die Sache Kilian Etschlich ist somit für uns ab und todt. So Ihr der gleichen Meinung seid, sehr weise und edle Herren, so erhebet deß zum Zeichen eine Hand." „Wir alle!" riefen sie mit Ausnahme Georgs von Ber- meter, der seufzend den Kopf schüttelte und die Hand nicht in die Höhe streckte. Herr Ehrenfried stand aus, blickte sich an dem grünen Tische um und sprach mit mühsam beherrschter Erregung: „Der Innere Rath hat durch diesen Schluß die Ungerechtigkeit seiner Vorgänger zu seiner eigenen gemacht. Demnach wird er auch die Verantwortung dafür zu tragen haben, und sie wird nicht ausbleiben." „Steifet Ihr Euch auf Euren ketzerischen Anhang, daß Ihr dem Rath drohet?" fragte Konrad Eberhard, indem er einen Schritt auf ihn zutrat.„Noch ist Rothenburg eine gut katholische Stadt, und sie soll es bleiben, bei meinem Eide." „Ja, bei unserem Eide," wiederholte der kleine Herr von Hipler, und der beleibte Rathsherr von Seyboth fügte schnaubend hinzu:„Und Ihr sollet uns wahrlich kein Kuckucksei ins Nest legen." Ehrenfried Kumps achtete ihrer nicht. Seine kleinen Augen funkelten in die kalten seines Gegners, und er ver- fetzte:„Ich drohe nicht. Aber wisset, Herr Eberhard, wo Ihr einen in der Bürgerschaft habt, da habe ich deren zwei." Damit faßte er feine lange, schlichte Schaube zusammen und verließ die Rathsstube. Erasmus von Muslor warf seinem Amtsgenossen einen raschen Blick zu, der keine Billigung enthielt. Sein Vorschlag, zum nächsten Gegenstand der Berathung überzugehen, fiel zu Boden. Die Geister waren zu erregt, der Vorwurf der Vetter- schaftsrücksichten hatte den wunden Fleck zu empfindlich ge- troffen. Waren doch die Geschlechter zuni größten Theil unter sich versippt und verwandt. Herr Erasnius war genöthigt, die Sitzung aufzuheben. Die Herren begaben sich zum Früh- schoppen auf die Trinkstube; denn der Zorn macht durstig. Georg von Bermeter ging in der Hoffnung mit. die Wunden, die ihnen Herr Ehrenfried geschlagen, bei dem Becher zu be- sprechen. Der zweite Bürgermeister begleitete sie nur bis zum Markte, der heute wie ausgestorben war. Dort verabschiedete er sich und schritt nach seiner Wohnung. Es war nicht Sittlich- keit, sondern Temperament, weshalb er die derbe Genuß- sucht seiner Zeit nicht theilte. Er ivar Wittwer, und Max der einzige Sprößling seiner durch den Tod früh gelösten Ehe. Seine Wohnung bildete die untere südliche Schmalseite des Hauptmarktes, der Herren-Trinkstube gegenüber. Das Haus hatte außer dem Erdgeschosse nur zwei Stockwerke, von denen sich das eine über das andere vorschob. Es trennte die zum Wirthshaus des Gabriel Langenberger abfallende Gasse von der Schmiedcgaffe, der längsten Rothenburgs, die bis zum Spitalthore hinunter leitete. Die steinernen Stufen, die zur Hausthür führten, waren von den Füßen dreier Menschen- alter ausgeschürft, wozu das gegenwärtige am meisten mitgewirkt haben durfte. Denn Konrad Eberhard verwaltete nicht nur das große Vermögen der schönen Gabriele Neu- reuter, sondern auch das einer Stiftung für mittellos hinter- bliebene Wittwen städtffcher Bürger, und zudem lasteten auf ihm dieGeschäfte des zweiten Bürgernreisters und des zweiten Pflegers von St. Jakob. Es stand daher die Hausthür selten still. Rechts neben derselben lagen die Geschäftsstuben des Hausherrn; zur Linken die Schreibstube des Sohnes, der sich nach seiner Heimkehr als Notar und Advokat aufgethan hatte. Noch ließ ihm sein Berns viel mehr Muße zu anderen Dingen als ihm lieb war, und er benutzte sie, um aus den alten Urkunden und Pergamenten des städtischen Archivs die Geschichte Rothen- burgs zu studiren. Ueber einem solchen Pergamentbriefe traf ihn der Vater. Herr Konrad griff mit einiger Hast danach, indem er sich auf dem Stuhle vor dem schlichten Schreibtffche niederließ, von dem Max zu seinem Empfange aufgestanden war. Das Dokument war aus dem Jahre 1100 und bezog sich auf das Spital des Johanniter-Ordens in der Schmiedegasse. Konrad I Eberhard warf es gleichgiltig wieder hin und sagte:„Den Moder überlasse anderen und genieße Deine Jugend. Ich meine, nicht in der Weise unserer jungen Stadtherren; denn dazu bist Du zu ernsten Sinnes. Nimm Dir ein Weib." „Damit hat es wohl noch gute Wege," meinte Max, von diesem Vorschlage höchlich überrascht. „Im Gegentheil; jung gefteit hat niemand gereut," er- widerte Herr Konrad mit einem mißlungenen Versuche, die starren Muskeln seines Mundes zu einem Lächeln zu zwingen. „Du weißt, daß es ein alter Brauch in unserer Stadt ist, daß die Söhne sich verheirathen, so bald sie eine Stellung haben, und ich wünsche zu Deinem Besten, daß Du dieser guten Sitte sobald als möglich folgtest. Du mußt flügge werden; Rothenburg darf für Dich nur eine kurze Zwischen- stufe sein. Wie weit könntest Du es hier günstigen Falles auch bringen? Höchstens bis zum Stadtschreiber und auch das wohl erst nach vielen Jahren. Denn Thomas Zweifel ist noch zu jung, um Dir bald den Platz zu räumen. Die Bauern-Advokatur? Nun, sie ernährt wohl ihren Mann. Dazu aber war es nicht nöthig, in dem berühmten Bologna zu studiren, und wer dort den Dottor gemacht hat, der ist, dünkt mich, zu einer höheren Stellung berufen." Max, der sich an der Schmalseite des Schreibtisches nieder- gelassen hatte, machte große Augen.„Ich verstehe Euch in der That nicht, lieber Vater. Denn wäre ich auch ehrgeizig genug, um nach einem höheren Ziele zu streben, so—" „So fehlen Dir doch die Mittel dazu," ergänzte der Vater, der ein Bein über das andere geschlagen hatte und mit einer von dem Tische aufgenommenen Gänsefeder spielte. „Das wolltest Du doch sagen? Eben darum sollst Du Heirathen, versteht sich eine reiche Frau. Meine Mündel besitzt, was Du brauchst und ich werde daher die Angelegenheit mit ihr ordnen." „An Gabriele denkest Du?" rief der Sohn betroffen. „Aber dann möchte ich Dich dringend bitten, mein Vater, von allen Schritten abzusehen. Ich habe allen Grund zu der An- nähme, daß Gabriele Deiner Absicht keinesweges günstig ist." „Weil ihr gestern bei Tafel einen Streu mit einander hattet? Es ist mir nicht entgangen. Der Frieden wird bald wieder hergestellt sein." Es lag eine leise Ironie in dem Tone des Herrn Konrad. Max aber entgegnete mit um so größerem Ernst:„Es würde zu nichts führen. Gabriele und ich haben einander nichts zu verzeihen. Unsere Ansichten stehen in einem solchen Gegen- satze zu einander, daß nichts sie auszugleichen vermag, es sei denn die Liebe, und eine solche fühle ich für Gabriele Neu- reuter nicht. Eine Verbindung ist daher zwischen uns unmöglich." (Fortsetzung- folgt.) Sonnkajjsplmtdevei. Kuba I... Ach, was geht uns Kuba an. vier Tage vor der Wahlschlacht! Mitten stehen wir im Wahllampf. Die goldene Zeit für den Politiker ist gekommen. Jeder diskutirt jetzt über die po- litische Lage, und war er auch sonst die schönste Schlafmütze. Jeder weiß jetzt guten Rath, was man alles thun miisse. Es ist die Zeit der rechten Schulung für den Mann. Ein großer Zug geht durch die Masse, der fortreißt. Bis in die letzten Tiefen wird sie auf- geriitteli.� Was für ein verzagender Kleinmuth gehörte doch dazu, einen Zeitraum von fünf Jahren zwischen die einzelnen Wahlen zu legen! Was für eine Furcht vor dem erwachenden Volksgeist, wie wenig Vertrauen zum eigenen Volke! Wir haben unsere Freude am Kampf, Freude an der Bewegung der Masse, Freude daran, daß einem Volke einmal die Kampf- lust erwacht, das ansonst keinen Neberschuß an Tempera- ment aufzuweisen hat. Nur stump'fc Sinne kvmien sich dein entziehen oder Dunkelmänner, deren Interessen am besten gewahrt bleiben, wenn alles in tiefem Schlafe liegt. In Zeiten wie diesen athmen wir Höhenlust. Wir ahnen eine Zeit, in der ein voll entwickeltes und reifes Volk auch den leisesten Bewegungen des öffentlichen Lebens mit regem Eifer folgt. Sie vorzubereiten, ist unser Glück. „Die Geister erwachen, die Wissenschaften erblühen, es ist eine Lust zu leben." Die kampffrohe Stimmung lebt in uns Wieder auf, der ein Hutten zu einer Zeit Ausdruck verlieh, die auch zum Trauern Anlaß genug geboten hätte. Ueberall schwirren jetzt die Diskussionen. In den Werkstätten, zu Hause, am Biertisch. Massenflugblätter und abends die Ver- sammlungen helfen nach. In der Stadt geht alles seinen geregelten Gang, nur immer erregter wird die Stimmung, zumal in den Ver- sammlungen, je näher der große Tag kommt. Am Abend des Wahl- tages erreicht sie dann ihren Höhepunkt. Draußen auf dem Lande macht es sich weniger leicht. Säle zu Versammlungen find selten zu haben. Da geht die Agitation von Haus zu Haus. Das ist jetzt ein Fest. Leuchtende Sonite am Himmel, blühendes Leben ringsum. Kurz vor dein Dorf werden die Mamifchaften vertheilt. Dann geht es hinein in die klcinenHäuschen, die abseits stehen, mit Schindeldächern, die doch noch etwas ärger geflickt sind als die der Agrarier. Ueber den Flur in die kleine Stube, die einer Familie alles ist: Wohn-, Schlns-, Eßzimmer, und wenn der Kochherd nicht auf dem Flur steht, auch Küche. Bater liegt wohl noch im Bett(es ist früh am Sonniag) und dehnt die Glieder, die er die Woche über abrackern mußte. Mutter wäscht gerade die kleinen Flachslöpfe, der Sonntagsstaat liegt bereit. Ein freundliches .Guten Morgen I" und das Anerbieten:„Hier bringen wir Ihnen etwas zu den Wahlen, das müssen Sie ordentlich lesen, dann wissen Sie, wen Sie zu wählen haben!" findet fast immer ein williges Ohr. Leicht bringt man die Leute auch ins Gespräch und läßt sich ihre Schmerzen erzählen. Sie wissen sehr gut, Ivo sie der Schuh drückt, und schnell wird noch ein bischen nachgeholfen, wo es an der Erkenntniß der Ursachen fehlt. Dann weiter. Am Ende des Dorfs wohnt der Schmied. Zu ihm geht man zuletzt! beim das ist ein Hauptspatz. Kaum hat er die Genossen gesehen— er kennt sie schon— so beginnt sein Fluchen und Wettern auf die bösen Sozi. Und nun wird lustig diskutirt, hin- und herüber, bis der Brave sich nicht mehr zu helfen weiß und schimpfend abbricht. Auch der Herr Pfarrer, wenn einer im Dorfe wohnt, kriegt extra ein Blatt ins Haus, damit er den Text der Predigt zu gründe lege. Retten kann er doch in den meisten Fällen nichts mehr. Eher hilft er uns. Die er meint, kommen nicht hin in die Kirche, und die anderen niacht er wenigstens aufmerksam. Ueberhaupt die heiteren Szenen in der Wahlbewegung, das wäre ein eigenes und sehr feines Thema. Leider wird viel zu wenig davon bekannt. Die Genossen sind meist nicht gerade mit einem Blick für das Komische besonders gut ausgerüstet. Ihnen ist die Sache so heilig ernst, daß sie alles andere nicht sehen.(Säst auch recht so.) Zwar verübt mitunter auch so ein Galgenvogel ein sehr lustiges Stückchen. Mir fällt da eine Geschichte aus einer früheren Wahl ein. Die Änttsemiten— es war die Zeit, da deren Weizen noch blühte— waren mit demselben Zug hinausgefahren, große Packete mit Flugblättern unterm Arm, und zogen nun vor dem kleinen Trupp Genossen her ins nächste Dorf. Aber schon hatte der Eine, dessen listigen Aeuglcin man ansah, daß ihm der Schelm im Nacken saß, die Situation über- schaut.„Kinder, wir gehen ihnen nach, sagen bei den Leuten, wenn sie weg sind, das wäre ein Jrrthum gewesen, das wären nicht die richttgen Flugblätter, hier wären sie erst; und dann sammeln wir ihre wieder ein und geben ihnen unsere." Und so geschah es. Waren die Antisemiten auf der anderen Seite des Dorfes' hinaus, dann begann die Arbeit. Das Austauschen war nicht schwer. Landleute sind nicht so raffgierig, bringt man ihnen ein Blatt, so fragen fie womöglich erst, ob sie's auch behalten dürfen. So ging's durch mehrere Dörfer, immer hinter der andern Partei her. Als man heimkehtte, lagen die Herren Antisemiten nicht weit von der Station an einem Waldrand und aßen vergnügt und be- friedigt ihre Butterbrote. Es schmeckte ihnen gut nach der Arbeit. Zählten wohl gerade die Stimmen, die sie' mit dem heuttgen famosen Flugblatt erobert hätten, als unser Sttick mit seinem dicken, mühsam zusammengesuchten Packen auf sie losmarschirt, mit einer Ritterlichkeit, wie sie Admiral Cervcra dem Ingenieur Hobson nicht würdevoller gezeigt haben kann, ihnen eine Verbeugung niacht und unter Üebergabe der Blätter erklärt: Die Leute halten gesagt, diese Zettel wären nicht die richtigen, sie schickten sie wieder zurück... Half ihnen nichts. daß sie erst eine dumme ZKieiie machten und dann sittlich enttüstet waren, sie mutzten ihren Packen mit dem nächsten Zug wieder nach Hause nehmen. Das Komische macht sich besser, wenn der Gegner es verübt hat. Diesmal sorgt eine Partei ganz besonders dafür, daß dem Ernst des Wahlkampfes die heitere Seite nicht fehle: die Nattonal- Sozialen. Hätte man nichts Wichtigeres zu thun, es wäre wahr- lich Grund, daß man sich iiber sie entrüstete. In ihrem letzten Blättel bläst es schon jetzt, mit einer leisen Reserve der Redaktion natürlich, in einer Tonart gegen die Sozialdemokratte, die uns gewiß nicht neu, aber durchaus nicht ehreiwoll für den Bläser ist. Daß es so kommen würde, sah nian voraus. Nur etwas schnell gekommen ist es. Legt's zu dem übrigen. Drollig aber, sehr drollig macht sich das Geschichtcheu vom häßlichen Gerlach. Das ist nämlich ein besonderer Kniff der Herren National-Sozialen, daß sie auf ihren Flugblättern ihre Kandidaten abkonterfeien. Es soll nicht geleugnet werden, daß ihre Physiognomien sich sehen lassen können. Ein schalkhafter Wähler hat zwar einen Brief an den Kandidaten ge- richtet, er könne nicht für ihn stimmen, weil das Bild gar zu häßlich sei. Ein derarttges Gesicht wäre nicht vertrauenerweckend. Der Mann hat aber einen guten Witz gemacht. Wie wär's? Wir empfehlen den Nattonal- Sozialen, als erstes Ziel das Wahlrecht der höheren Töchter anzustreben. Der schneidige Regierungsassessor a. D. würde dann sicher einen Bombenerfolg haben. Nun aber im Ernst. Niemand beweist besser, wie sehr die heuttgc Menschheit in zwei einander ftemdc Klassen gespalten ist, als gerade diese.sozialen" Pastoren, Lehrer zc. Daß sie die soziale Roth nicht mehr mitansehen zu können glauben, ehrt sie. Aber sie stehen einer anderenßWelt gegenüber. Da hat letzt auf dem evangelisch-sozialen Kongreß ein Pfarrer Rade aus Frankfurt a. M. einen Vortrag„über die sittlich-religiöse Gedankenwelt unserer Industrie- Arbeiter" gehalten. Für den»lichtvollen Borttag" wurde ihm stürmischer Beifall. Ein sonderbares Elaborat. Der Art nach nicht anders als ein Bericht über eine Expedition ins Land der Kru-Neger nimmt er sich aus. Achtundvierzig Fragebogen hat der Herr Pfarrer ausgefüllt zurückerhalten, und aus den Antworten auf diesen achtundvierzig Fragebogen konstruirt er sich nun die sittlich- religiöse Gcdankenwclr der Jndusttte-Arbeiter. Man kann sich denken, was da herausgekommen ist! Ein Durcheinander von Meinungen, in dem fast jede durch die folgende stritte widerlegt wird. Natürlich kann der Verfasser selber sich auch keinen rechten Vers darauf machen. Autzendinge für die Weltanschauungen der Proletarier sind es, nach denen er gefragt hat. Und aus dieser„lichtvollen" Erkenntniß heraus wollen sie helfe»! Rein, meine Herren Pfarrer, so geht's nicht. Von der „Höhe" Ihrer christlichen Weltmischauung herab werden Sie den Ar- beitcr nie verstehen. Das ist eine andere Welt, eine andere Art zu empfinden, auf der sich immer mehr ein geschlossenes Weltbild auf- baut. Wer fie verstehen will, muß eintteten. Mit Fragebogen werden Sie nicht hineindringen, und wenn Sie sich hunderttausend ausfüllen ließen.—_ Nleincs Feuilleko»» f. Neber die Erblichkeit hat Professor Orchansky in Charkow umfangreiche Untersuchungen veröffentlicht, über welche das biologische Zentralblatt eingehendere Mittheilungen macht. Orchansky faßt den Begriff der Erblichkeit erheblich weiter, als dies bisher im allgemeinen geschehen ist. Insbesondere wird interessant sein, daß nach ihm die Erblichkeit nicht nur eine Funttion der Eltern ist, wie man bisher im allgemeinen annahm, sondern auch eine Funktion der jttnder selbst. Damit soll gesagt sein, daß zwar den Kindern die Eigenthümlichkeiten der Eltern übermittelt, werden, daß diese Eigenschaften aber nicht sofort zu tage tteten, sondern, von verschiedenen Umständen beeinflußt, oft erst später, bisweilen nur zum theil oder gar nicht zur Entfaltung kommen. Auch die in, Laufe der EntWickelung von den Eltern selbst erworbenen Eigenschaften sind nicht ohne Einfluß auf die Nachkommen. Aber diese Eigenthümlichkeiten wirken um so geringer, je später sie bei den Eltern aufgetreten, je beträchtlicher sie gewesen sind und je weiter sie vor der ursprünglichen Anlage, von dem ursprünglichen Typus der Eltern abweichen. Von den speziellen Resultaten Orchansky's mögen nur einzelne hervorgehoben werden. Die Körperlänge der Neugeborenen vergrößert sich mit dem zunehmenden Alter der Mütter uud erreicht den größten Werth bei Müttern von 27—30 Jahren. Die durch- schnittliche Körperlänge ist dann bei Knaben 54,3. bei Mädchen 49 Zentimeter. Bis zum 3ö. Lebensjahre der Mütter bleiben diese Maatze ungefähr gleich, nehmen dann aber ab. Ebenso ist natürlich auch das Alter des Vaters von Einfluß auf die Körperlänge des Kindes, insofern als der Zeit der höchsten Reife des Vaters die größte Körperlänge des Kindes entspricht. Was das Skelett der Nachkommen betrifft, so find an ihn, das Becken, sowie die unteren Extremitäten am meisten der Erblichkeit unterworfen, d. h. diese er- leiden die geringsten Veränderungen. Die Arme, der Schultergürtel, der Brustumfang sind dagegen weniger beständig bei der Vererbung, d. h. sie ändern verhälttiitzinätzig leicht ab.— Theater. — r. Im Zentral-Theater ist die sommerliche Ruhe gestern durch ein neues Gastspiel gestört worden. Wen soll man mehr bedauern, die Künstler, die um des Erwerbs willen ein spärlich versammeltes Publikum mit Alltagssachen ergötzen, oder diese Zu- schauer, die den schwülen Abend nicht anders als in Theaterluft hinzubringen wissen? Man gab am Freitag zuerst eine dramatische Episode in einem Akt,„Das Signal" von einem Herrn Eduard Goldbeck. Ein heruntergekommener Offizier a. D. will seinem Dasein, das ihm anderswo als auf den, Kasernen- Hofe werthlos erscheint, mit dem Revolver ein Ende machen. Als Lebensretter tritt ihm natürlich ein Weib entgegen, ein Weib, das auch dereinst puppenhaft die Zeit vertrödelt, dann ebenfalls plötzlich vor dem Nichts gestanden, fich darauf aber muthvoll durch ehrliche Handarbeit eine Existenz errungen hat. Vom nahen Kasernenhofe ertönt effektvoll das Reveillefignal; der Selbstmordkandidat ist bekehrt und wird nun vermuthlich am komnienden Tage den Arbeitsmarkt der Berliner Zeitungen durch- studiren, um als Hausdiener oder Komptoirbote Beschäftigung zu finden. Guter Wille kommt in der kleinen Arbeit zun, Vorschein, auch eine einigem, aßen nattirliche Sprache, aber herzlich wenig Lebenserfahrung. Die beiden Rollen des Stückes wurden von Emst K a is e r uud Emesttne Münchheim empfindungsvoll gespielt; namentlich fiel das Talent der Künstlerin wohlthuend auf. Nach dieser Premiere wurde die alte Schnurre„Heinrich Heine" von A. M c l s aufgeführt. Herr Karl Pander aus Hamburg gab den Hirsch. Wenn man, wie dieser Künstler, sich Jahrzehnte hindurch auf eine einzige Rolle dressirt hat, so muß schließlich wohl eine bcachtenswerthe Virtuosenleistung zu stände kommen. Was sonst in dem armseligen Stück auftrat, war durchaus unbedeutend.-*• Geschichtliches. 8. Die brutalsten Bluthunde hat in diesem Jahr- hundert doch das Zaremeich hervorgebracht. Zu ihnen gehörte ent- schieden Graf A r a k t s ch i j e w, der schon der Günstling Paul's 1, — 452— gewesen war und unter dessen. Nachfolger Alexander I. als Präses des Ministcrkomitee's eine noch größere Machtstellung einnahm. Sein Gesinde regalirte dieser Mensch, auch wenn es nichts verbrochen hatte, in übler Laune mit Ohrfeigen und Stockschlägen. In Grusino, seiner Besitzung, standen innner Fässer mit Salzwasser, in tvelchen Ruthen und Stöcke weichten zur Bestrafung des geringsten Ver- fehens seiner Leute. Bei dem dritten Versehen pflegte die Exekution in seinem Kabinet vorgenommen zu werden, und die Wände erbebten von den Hieben und dem Wehegeschrei der Unglücklichen. Bei größeren Ver- gehen schickte er die Schuldigen in' die Kaserne, wo die muskel- kräftigsten Soldaten den Henkerdienst verrichten mußten und wenn die Bestraften nach Hause zurückkehrten, ließ sich der Patron ihre blutigen und zerfleischte» Rücken zeigen. Besonders verhaßt machten ihn seine Militäranstedelungen, bei deren Gründung er die Bauern mit erbarmungsloser Härte und Grausamkeit„ko- lonisirte". Als die Kosaken- Dörfer bei Tschugajcw auf solche Weise kolonisirt wurden, brach, wie ein Zeitgenosse berichtet, unter den verzweifelten Leuten ein offener Aufstand aus, der durch Militärgewalt unterdrückt wurde. Araktschijew ließ darauf ein Kriegsgericht einsetzen, das 275 Bauern zum Tode verurtheilte. Die Todesltrafe wurde in Spießruthenlaufen durch 12 000 Mann verwandelt. Nach dieser Exekution schrieb der bestialische Heuchler einen rührseligen Brief an den Zaren, in dem er hervorhob, wie das ganze Ereigniß ihn angegriffen, zumal auch„einige — lvie viele mögen die fiirchtliche Prozedur wohl überstanden haben!— von den Uebelthätern den Folgen der Strafe erlegen seien. Und der„humane" Monarch antwortete ihm am 8. September 1819:„Du kennst schon längst, lieber Alexei Andrejewitsch, meine aufrichtige Zuneigung und Freundschaft und wirst meine Gefühle beim Leien dieses Briefes verstehen. Einerseits begreife ich voll kommen, was Deine gefühlvolle Seele der den Umstünden, in denen Du Dich befandest, hat leiden müssen, andererseits tveiß ich aber auch die Einsicht zu würdigen, mit welcher Du in so schwierigen Umständen verfuhrst. Das Ereigniß war allerdings betrübend, da es aber unglücklicherweise eintraf, blieb eben kein anderes Mittel übrig, als Gewalt und die Strenge der Gesetze anzuwenden." Man sieht: der Zar taugte soviel wie sein Scherge.— Aus der Pflanzenwelt. — Ein Baum, der an Nutzbarkeit wohl auf der ganzen Erde nicht seines Gleichen hat, ist die C a r n ah u b a- P a lm e, die vorwiegend in den Provinzen des nordöstlichen Hochlandes von Brasilien gedeiht. Ihre Wurzel dient als Arzneimittel, ihr Stamm liefert das zähcste, prächttgste Bauholz und wird zu Querbalken, Dachsparren, aber auch zur Anfertigung von Brunnenröhren, Musik- instrumenten u. f. w. verwendet, aus gewissen Theilen des Baumes iverden Wein und Essig bereitet: andere liefern zuckerhalttge und stärkehalttge Stoffe. Seine Frucht dient als Viehfutter: ihr Fleisch schmeckt augenehm, die ölige Ruß ersetzt den Ikaffee. Das Mark des Stammes ist korkartig; der Stamm scheidet eine Flüssigkeit aus, die der Milch der Kokosnuß, und ein Mehl, das dem Maismehl gleicht. Aus dem Bast werden Hüte, Matten, Körbe und Besen geferttgt. Ganze Schiffsladungen davon kommen nach Europa und kehren in Gestalt von Strohhüten theilweise nach Brasilien zurück: auch zum Dachdecken wird dieser Bast verwendet. Das kostbarste Ergebniß dieses Baumes ist jedoch das Wachs, das man aus seinen Blättern gewinnt. Dieser Carnahuba- Baum, der jedem Wetter, auch der größten Dürre trotzt, wächst in Brasllien wie Unkraut und dient den Bewohnern in Fällen von Hungersnoth als Nahrung und Surrogat für fast alle anderen �Produkte. Eigenthiim- licherweise hat man noch nicht versucht, diesen nahezu wunderthätigen Baum in andere tropische Länder, namentlich in die englischen Kolonien, zu verpflanzen, die ein ähnliches Klima haben.— ' Aus dem Gebiet der Chemie. b. Ein neues Gas. Wiederum ist die Zahl der chemischen Grundstoffe um einen vernrehrt worden, und zwar handelt es sich um die Entdeckung, daß in unserer allverbreiteten Luft ein uns bisher unbekannter Bestandtheil enthalten ist. Vor wenigen Jahren erregte es großes und berechttgtes Aussehen, daß der englische Forscher Namsay in der Lust, die den Chemikern so wohl bekannt schien, eine noch unbekannte Gasart entdeckte, die wegen ihrer chemischen Reaktionslosigkeit, der sie ihre lange Verborgenheit dankte, den Namen Argon erhielt. Jetzt hat ebenderselbe Gelehrte wiederum in der Luft ein weiteres Gas aufgeftmden, dem er den Namen Krypton(das Verborgene) giebt. lieber die Art der Entdeckung und die Eigenschaften des Krypton läßt sich noch nichts sagen, weil der Entdecker noch nichts veröffentlicht hat. Wir verdanken die Kenntniß der Thatsache einem Briefe, den Ramsah an einen deutschen Freund richtete und aus dem sie in der .Sitzung der Physikalischen Gesellschaft am Freitag Abend mitgctheilt wurde. Nach dieser Mittheilung ist das neue Gas schwerer als Argon, und sein Spektrum zeigt die merkwürdige bisher in ihrem Ursprung unbekannte Nordlichtlinie. Das Nordlicht ist jene wunderbare, in nördlichen Breiten oft zu beobachtende Licht- erscheinung, durch welche die Dunkelheit der langen Polarnächte nnt wildem Glänze angenehm unterbrochen wird; ihre Entstehung, die sivermuthlich in den höheren Schichten der Atmosphäre vor sich geht, jjst noch immer in geheimnißvolles Dunkel gehüllt. Zeigt das sZkrhpton, Ivoran nach Ramsay's Mittheilung kaum zu zweifeln ist, in seinem Spektrum eine Verwandtschaft mit dem des Nordlicht, so ist man vielleicht auf dem Wege, das Räthsel dieser prachtvollen Licht- erscheinung endlich zu lösen.— Meteorologisches. —SS.— Ein Heu- und ein Froschregen. Zwei merk- würdige Naturerscheinungen werden im englischen Meteorologischen Magazin beschrieben: sie ereigneten sich beide am 30. Juni vorigen Jahres und zwar beide in England. Bei einem Orte Nether Priors in der Graffchast Essex erhob sich an diesem Tage ein Wirbelwind. der eine große Menge Heu vom Felde in die Luft hob und aus dem Gesichtskreise des Beobachters fortwehte. Später wurde dann ge- meldet, daß am selben Tage in einem 3 Meilen enssernten Dorfe ein wahrer Regen von Heu niedergegangen wäre, der langsam niederfiel und alle Gegenstände, Bäume und Häuser in phantasttscher Weise auszierte. Das andere Vorkommniß von ganz ähnlicher Ensstehung, aber von unangenehmerer Art, ereignete sich in einem Vororte der großen Stadt Birmingham, hier fiel nämlich gar ein Regen von Fröschen, die in Massen den Boden der Gärten bedeckten. Ohne Zweifel waren sie von einer Wasserhose erfaßt, ihrem nassen Ele- mente entzogen und dann durch den Sturm fortgettagen worden, bis sie schließlich in einem dichten Schauer zu Boden fielen.— Humoristisches. — Der K n a I l p r o tz.„Ich halt' was auf a' gut's Essen— bei mir wird fein gelebt I Meine sämmtlichen sechs Kinder haben schon's Podagra I" — Aus der Geographie-Stunde eines Prinzen. Lehrer:„Wie nennt man das Meer zwischen Ostasien und dem westlichen Amerika?"—(Prinz schweigt.)— Lehrer:„Durchlaucht deuten ganz richttg an: Es ist der stille O c e an I"— — Ein gesunder Schädel. Bäuerin(acht Tage nach der Kirchweih):„Heut', Jörg, laßt Du Dir aber endlich amal die Glassplitter aus dem Schädel ziehen,— Du zerreiß't mir ja alle Kopfkissen!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — Vom Berliner Kurierzug wurde unweit Stowen bei Schneidemühl das Fuhrwerk eines Fleischcrnreisters überfahren und der Insasse auf der Stelle getödtet.— j. In Altona griff die Polizei in der Nacht bei„Mutter Grün" einen Mann auf, den sie für obdachlos hielt. Am anderen Tage stellte sich heraus, daß er auf einer Vergnügungstour durch Schleswig-Holstein war und 525 M. an baarem Gelde und zwei Sparkassenbücher über 7500 und 10 000 M. bei sich trug. Außerdem hatte er seine ganze Garderobe am Körper, u. a. fünf Westen und zwei dicke Ueberzieher.— — Die Geflügelch o l e r a räumt im Diepholzer Kreise unter dem Federvieh furchtbar auf. Einem Gänsezüchter gingen allein 500 Gänse im Werthe von 2000 M. ein.— — Bei der kleinen Ortschaft G u h l a u(Schlesien) tvurde ein mächttges Granitlager entdeckt.— — Beim Baden ertranken zwei Knechte in der Fulda bei Maberzell, die drei andere, die in Gefahr gerathcn waren. retten wollten, während diese selbst das Ufer wieder erreichen konnten.—. — Bei Herrenberg(Württemberg) wurde während eines Gewitters ein Schäfer mit einem Theil seiner Heerde vom Blitz er- schlagen.— — In W i e l o w i e s in Galizien äscherte eine gewalttge Feuersbrun st 252 Häuser ein.— — In Daal(bei Klausenburg) hatten,'wie die„N. Fr. Pr." meldet, die rumänischen Bauern ihr Vieh auf die Weide eines Gutsbesitzers getrieben. Da sie sich der wiederholten Auf- forderung der Gendarmen, dasselbe fortzuführen, widersetzten, gaben diese mehrere Salven ab. Drei Personen wurden getödtet und zehn lebensgefährlich verletzt.— — Aus dem Gerichtsgebäude zu Genua wurde in der Nacht zum Freitag die Summe von 80 000 Lire in Werthpapieren und Schmucksachen gestohlen.— — Italienische Titel steigen im Preise, sinb aber doch noch billig genug. Für eine„Fürstenttone" fordert die italienische Regierung in Zukunft 32 000 M., für einen„Herzog" genügen schon 24000 M., ein„Marquis" giebt 20 000, ein„Graf" 16 000, und was ein„Baron" werden will, zahlt 9600 M. Von den„Bons" geniert man sich fast zu reden, Taxe: 4000 M. Das sind die Preise für die vom König verliehenen Titel. Der Papst macht es noch billiger.— — Die P e st ist nunmehr auch in S m y r n a ausgebrochen.— — 30 958 P a t e Ii t e wurden im vergangenen Jahre in Eng- land angemeldet. Unter den auswärtigen Patentanmeldungen stehen Deutschland und die Vereinigten Staaten obenan. AuS Deutschland kamen 2459 gegen 2172 im Jahre 1396.— — Aus Argentinren wurden im Jahre 1396 45 000 Tonnen H a m m e l f l e i's ch in gefrorenem Zustande ausgeführt. Nur 2259 Tonnen gingen davon nach Frankreich, alles übrige nach n g l a n d. y i1 BermiIworUicher Redqllenr: Bngnft Jacobey in Berlin,-Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin.