MnterHaltungsblatt des Horwärts Nr. 116. Donnerstag, den 16. Juni. 1898 (Nachdruck verkoten.) Mm die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichel. „Ja, sa, er hat sich ihrer erbarmt," sagte Wölffl, als ob ihm die Worte nicht aus der Kehle wollten, und er rückte an seiner Pelzmütze hin und her.„Just, wie ich meine Mähren anschirrte, brachten sie sie— alle drei— tobt— aus dem See." Seine Zuhörer waren tief erschüttert. Die Männer standen stumm, während die Frauen ihem Gefühl durch Aus- rufe des Entsetzens und durch Thränen Luft machten. Es schien, als ob die Männer aus Furcht, ihre geheimsten Ge- danken zu verrathen, einander anzusehen sich scheuten. „Und hier, unter dieser Linde hat uns neulich der Prädi- kant unseren von Gott ausgestellten Freibrief ausgelegt, den keine Menschenhand zerreißt," erhob Simon mahnend seine Sttmme. Wendel Haim entfernte sich. Simon folgte ihm. „Feig schiltst Du dem Konz sein Thun?" fragte ihn Simon mit gedämpfter Sttmme. Wendel Haim sah sich unruhig um. „Feig?" wiederholte Simon.„Er war ein Einzelner gegen die Gewalt, die ihn zur Verzweiflung trieb. Aber wie heißest Du es alsdann, wenn wir, anstatt mitsammen unseren Plackern offen die Sttrn zu bieten, uns mit Schafsgeduld den Fuß auf den Nacken setzen lassen? Wie die Bienen sammelt unser Fleiß in die Zehntenscheuern, und wir dulden's, daß die Herren den Honig verzehren." „Man kann mit dem Kopf halt nicht durch die Wand rennen," vertheidigte sich Wendel Haim.„Haben's doch die armen Leut' hier und dorten schon versucht, sich mit Gewalt wider die Herren zu setzen. Es hat nimmer gelingen wollen. Wurd' ihr Vornehmen nicht schon vor der Zeit verrathen, war doch den Pfaffen das Beichtgeheimniß nicht heilig, so wurd's in Blut erstickt. Ich trau keinem." Simon ließ sich jedoch nicht entmuthigen. Er wollte lieber mit dem Schwert in der Hand erschlagen liegen, als das Joch der Knechtschaft weiter schleppen. Während Wölffl auf feiner Handelsfahrt die traurige Geschichte des Konz Hart in allen Dörfern verbreitete, benutzte Simon die fülle Zeit in der Landwirthschaft, um mit den Leuten über ihre Lage ausführlich zu reden. Die Rede des Prädikanten hatte so manchen aus dem Elend, in dem er bisher stumpf und dunipf dahin gelebt hatte, jäh aufgerüttelt, erschreckt sah er den Abgrund zu seinen Füßen gähnen und ergriff begierig die Hand, die Simon ihm reichte. Am Sonnabend fuhr er nnt einer Last Dinkel nach Rothenburg zu Markt. Es hatte in den Tagen vorher zum ersten Male in diesem Winter geschneit, dann war Frost ein- getteten und es gab eine prächtige Schlittenbahn. Friedcl, der Knecht, mußte mitfahren. Der Wochenmarkt war aber nur ein willkommener Vorwand, um, wie verabredet worden, mit den Freunden unauffällig im Bären zusammen zu tteffen. Käthe drängte es, ihn zu bitten, daß er sich nach Hans Lautner er- kundigen möchte. Dennoch ließ sie ihn davon fahren, ohne ihren Wunsch über die Lippen gebracht zu haben. Sie hatte die Woche über angestrengter als sonst gearbeitet, um sich die„dummen Gedanken", wie sie es nannte, aus dem Kopfe zu schaffen. Denn es erschien ihr gar zu dumm, daß sie fortwährend um den blonden Gesellen sich sorgte. Wenn ihm etwas Ernstliches zugestoßen wäre, so würde Kaspar es ihr schon angezeigt haben. Es wollte nicht helfen, und heute nun gar nicht. Die Schwägerin hatte es ihr längst angemerkt, daß sie nicht mit der frohen Sorglosigkeit arcs Rothenburg zurückgekommen, mit der sie hingegangen war.„Das Mädel ist wie aufs Maul geschlagen," klagte sie einmal ihrem Manne.„Ich kenn' mich gar nit mehr in ihr aus." Er wußte ihr keine Erklärung zu geben.„Wenn ihr Weibsleute euch nicht in einander ausiennt, wer soll's denn?" sagte er. Aber auch er machte ihr Sorge. Denn sie war an seine häufige Abwesenheit von Hause und sein Brüten daheim, ohne daß sie erftchr, was er trieb und dachte, nicht gewöhnt. Der Argwohn, der in ihrer Brust keimte, lenkte ihre Aufmerksamkeit von ihrer Schwägerin ab. Simon blieb ungewöhnlich lange aus. Schon wurde es dunkel. Käthe ging in die Küche und zündete das Abendfeuer auf dem Herde an. Die Schwägettn folgte ihr. Die Kinder waren bei dem Großvater auf dessen Stube. „Ich weiß gar nit, warum der Bauer heut so lang macht," begann Ursel nach einer kleinen Weile, ihrer Unruhe Ausdruck gebend.„Sonst war er um diese Zeit immer schon vom Markt zurück. Mir schwant nichts Gutes." Käthe blies erst das Feuer an; dann fragte sie:„Wie so denn?" „Er hat was vor, seit er mit Dir letzt in Rothenburg war," seufzte Ursel.„Ich merk's hatt, wenn er auch mit der Sprach' nit heraus will. Und Du weißt auch darum. Aber das Hilst ja alles nix. Wir kommen blos ttefer ins Unglück, und wer's nachher auszufressen hat, das sind die Kinder." Käthes braunröthliche Wangen erglühten. Sie hatte ihrem Bruder versprechen müssen, über den Beschluß, der im Bären gefaßt worden war, zu schweigen.„Du siehst nach Deiner Art halt zu schwarz," rief sie.„Das Elend muß ein End haben, Schwägettn. Ich wollte, daß ich ein Bub' wäre und auch dazu thun könnte! Fürchten thu' ich mich nit und Kraft Hab' ich auch wie so mancher Bub' nit. Aber da schlenkern einem die Weiberröck' um die Beine und aus is's." „Jesus, Matta, was fallet Dir denn ein, Mädel?" fragte die Bäuettn, die sich auf einem Schemel niedergelassen hatte, mit verwunderten Augen. „Nu, da hockst Du und wattest auf den Bauer," ttef Käthe hefttg,„und— und—. Ach, es ist gar zu dumm, daß wir Frauensleut' in allen Stücken immer zuwatten müssen, bis es an uns kommt, ob's einen auch in allen zehn Fingern kribbelt." Schmollend warf sie den Mund auf. Ursel sah sie noch immer erstaunt an; dann sagte sie: „Wirst es schon noch lernen, geduldig sein, wann Du erst einen Mann und Kinder hast." „Das wär' erst recht ein Elend; ich Heirath' nie!" ant- wottete Käthe entschlossen. „So sagt jede," erwiderte die Schwägettn, und ein mattes Lächeln glitt über ihr schmales sorgenvolles Gesicht. „Ja, Geduld! Was hast Du davon, wenn Du dem, was komnit, entgegenläufst? Das Unglück kommt immer zu schnell und zu früh." „Das Unglück?" wiederholte Käthe bettoffen, und das Herz schlug ihr bis in den Hals hinauf.„Du weißt was? Was ist's?" Die Bäuettn schüttelte verneinend den Kopf.„Ich weiß nichts nich. Aber wo soll denn ein Glück herkommen in diesen Zeitläuften?" Der alte Neuffer mit den Kindern unterbrach sie. Die beiden kleinen Flachsköpfe mit den rothbackigen Apfelgesichtern sprangen zur Mutter und begannen eifrig durcheinander von einem Märchen zu zwitschern, das der Großvater ihnen erzählt hatte. Es handelte von Dornröschen. Der Alte wärmte sich unterdessen die Handflächen an der Herdflamme, welche sich in dem kupfernen und blechernen Küchengeschirr spiegelte, das Käthe nachmittags am Dorfbrunnen blank gescheuert hatte. „Das Dornröschen, das sind wir Bauern," erklätte er, sein verrunzeltes Gesicht der Tochter zuwendend,„und der Pttnz, wo sie mit seinem Kuß entzaubert, das ist die evangelische Freiheit. Der Pfeifer von Niklashausen, das war nicht der Rechte." Käthe gab nicht acht und verstand ihn nicht. Denn die Worte ihrer Schwägerin lagen ihr wie eine schlimme Prophe- zeiung auf dem Herzen und sie klapperte bei der Zubereitung des Abendessens mit dem Geräth geräuschvoller als nöthig war. Jetzt ließ sich auf dem Dorfplatz Schellcngeklingel ver- nehmen, Hunde bellten, eine Peitsche knallte.„Der Bauer," sagte Ursel, als das Hofthor knarrte, und stand rasch auf. Vater Martin nahm eine Stalllaterne vom 5!agel und zündete sie an. Bevor er damit zu stände kani, schrillte auf dem Flur vor der Küche eine Pfeife, brach aber nach zwei, drei Tönen wieder ab. Die Thür flog auf, und Simon schob lachend den jungen Goldschuriedgcselleu herein, der zum Schutz gegen die Kälte einen leeren Gettcidesack über die Schultern geworfen hatte. Käthe hatte bei den Pseifentönen einen kleinen Schrei ausgestoßen; jetzt war es ihr, als ob sie Blei in den Füßen hätte. Im nächsten Augenblick trat sie rasch aus Hans zu, er- faßte kräftig seine Hand und lachte mit strahlenden Augen: „Ach Du!" „Ja, er," bestätigte ihr Bruder heiter und gab der Bäuerin einen schallenden Kuß, woraus er fortfuhr, indem er die Kinder, die sich an seine Beine drängten, auf die Arme nahm und herzte:„Mußte doch schauen, ob die Junker was von ihm übrig gelassen hätten. Er wollte morgen mit dem Kaspar herauskomnien, und da es just Feierabend war, so Hab ich ihn gleich mitgebracht. Ist alles wieder im Schick. Auch das Wams." „Wirklich?" fragte Käthe mißtrauisch besorgt.„Mir hat's geschwant, daß Du nicht heil warst. Du Armer." „O, es war garnicht der Red' Werth," versicherte Hans. „Auch ist der Kaspar die paar Tag, daß ich Hab liegen müssen, nicht von meiner Kammer gewichen, und die Meisterin hat um mich gesorgt, als ob ich ihr eigen Fleisch wäre. Sic ist sonst nit so." „Das kann ich bezeugen," lachte Simon, an den kleinen Martin und sein Schwesterlein die Wecken vertheilend, die er fiir sie aus der Stadt mitgebracht hatte.„Hat sie doch dem langen Lienhart und mir, wie wir nach dem Lautner fragen kamen, den Kopf gewaschen, daß es eine Art hatte. Schämen sollten wir uns, daß wir das junge Blut in unsere Händel mit den Junkern stießen; der Schuster sollt' bei seinem Leisten bleiben. Ist nur ein kleines Weibel, aber der lange Lienhart nß vor ihm aus." Hans hatte sich mittlerweile des Sackes und seiner Kappe entledigt und bot der Bäuerin die Hand. Er stand in der vollen Beleuchtung des Feuers und Frau Ursel betrachtete ihn wohlgefällig und warf dann Käthe einen Blick zu. Sie kannte sich jetzt in dem Mädchen aus. Vater Martin starrte den blonden Gesellen mit weit geöfftmten Augen an, die brennende Laterne, die er dem Knecht hatte bringen wollen, in der Hand. Friede! kam sie jetzt holen. Da gewann der Alte Sprache und fragte, indem er auf Hans mit dem Finger deutete, mit zitternder Stimme:„Wer ist denn das V" Der Sohn nannte ihn.„Hans Lautner t" wiederholte der Alte, ohne die Augen von diesem zu lassen.„Nein, den kenn' ich halt nicht." Nach einem tiefen Aufathmen fuhr er fort:„Ich Hab' vermeint, daß die Tobten wieder auferstanden sind. Just so schaute er aus; so weizengelbes Haar hatte er auch und so blaue Augen, und auch so blaß war er." Die anderen starrten ihn mit einem unheimlichen Gefühl an. Simon legte ihm die Hand auf die Schulter, als ob er ihn wach rütteln wollte und fragte:„Aber von wem sprecht Ihr denn?" „Von wem anders, denn von Hans Böheim, dem Pfeifer," antwortete der Greis. „Das war der Vater von meiner Mutter," erklärte der junge Gesell, und er fuhr fort, während die anderen über- rascht ausschrieen:„Ihr habet ihn gekannt? Auch die Ahne sagt, daß ich ihm ähnele." Vater Martin umarmte ihn und küßte ihn auf beide Wangen. Zwei dicke Thränen rollten ihm aus den um- fältelten Augen und er sagte bewegt:„Ach, sein Enkelkind! Ich Hab' ihn predigen hören in Niklashaufen. Aber ich wüßt' nit, daß er beweibt war." Hans strich sich das Blondhaar aus der jugendlich ge- rundeten Stirn, blicke Käthe an und versetzte nach einigem Zögern:„Meine Ahne war nach Niklashaufen gepilgert, um ihn predigen zu hören. Und er wendete ihr das ganze Herz um. Weil sie aber so blutarm war, daß sie gar nichts zu opfern hatte wie die anderen, so schnitt sie ihre schönen, schwarzen Zöpfe ab, auf die sie so stolz war, und brachte sie dar. Und sie ging zu ihm in das Hirtenhaus vor dem Dorf, wo er wohnte, umschlang seine Knie und bat ihn mit vielen Thränen, daß sie ihm dienen dürfe um Gotteswillen als seine Magd. Und sie diente ihm und wurde sein Weib vor Gott. Aber Ihr wisset," schloß er mit Bitterkeit,„daß die Pfaffen mächtiger sind als der allmächtige Gott, und sie verbrannten ihn zu seiner Ehre." „Ja, wir wissen es," sagte Simon dionpf. „Ach, Du armer Mensch, auch das noch zu allein übrigen," weinte Käthe, schlang ihre Arme um Lautners Nacken und drückte die Stirn an seine Brust. Auch die Bäuerin weinte, und man hörte nichts als das Knistern und Prasseln des Feuers und das Brodeln des Kessels. Die Kinder hingen sich verschüchtert an ihre Röcke. Sie schneuzte sich in ihre Schürze und ging an den Herd, Käthe richtete sich auf und trocknete ihre Augen. Hans sagte mit finsterem Gesicht:„Fast siebenzig Jahr ist sie alt, die Ahne, aber ihr Leib ist wie Stahl, und ist doch alle Noth und alles Herzleid, was ein Armer erfahren kann, auf siege- fallen. Ihre Gedanken sind wie ein lodernd Feuer. Und sie weiß, daß sie nicht sterben wird, als bis daß der Kaiser Rothbart aus dem Berg herauskommt, wo er schläft, denn er ist nicht gestorben. Wenn die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, dann kommt er zum Gericht, und ihm voraus geht ein Bauer, der trägt ein bloßes Schwert in der Hand." „Ja, wir werden Gericht halten," sprach Simon mit starker Stimme und reckte seine Gestalt in die Höhe. Der Knecht, der unterdessen die Pferde besorgt hatte, kam aus dem Stalle. Käthe legte einen Laib schwärzlichen Brotes auf den Tisch und für jeden einen Löffel und holte zu Ehren des Gastes einen Krug jungen Weines aus dem Keller. Die Bäuerin richtete das Essen an. Es gab ein Roggenmus und Hering. Käthe sprach das Tischgebet, und dann' begannen sämmtliche Löffel taktmäßig aus der gemeinsamen Schüssel zu schöpfen. Nur der kleine Martin, der nicht so weit langen konnte, hatte eine besondere Schüssel für sich. Er saß an des Vaters Seite, wie sein Schwesterlcin, das von der Mutter gefiittert wurde, neben dieser. Das Geplauder der Kinder mit ihren seinen Stimmchen und die gelegentlichen Antworten der Eltern war alles, was bei Tisch gesprochen wurde. Vater Martin verwendete kein Auge von dem Enkel des Pfeiferhänselin und auch Käthes Blicke gingen oft in dieser Richtung. Wie bleich er noch war! Der schwermüthige Ausdruck semer Mienen ließ ihn der Bäuerin als einen vom Unglück Gezeichneten erscheinen. Sie hatte wohl richtig geweissagt. Als sie alle nach dem Abendessen in der großen Stube um den warmen Ofen herumsaßen, mußte der junge Gesell Käthe über seine Verwundung ganz genau Rechenschaft ab- legen. Er zog seine Pfeife aus dem Gürtel und zeigte ihr an dem Wams den wieder zugenähten Riß.„Es ist halt mein bestes Zeug: ich Hab' kein anderes gutes Gewandt," entschuldigte er sich dabei etwas verlegen. Neben ihnen, ganz in der Ecke, begann Friedet zu schnarchen. Vater Martin bog den 5!opf um die Ofcnkantc zu den beiden jungen Leuten und fragte Hans:„Aber Du hast mir noch nit gesagt, woher Du bist?" Hans gab ihm Auskunst.„Von so weit ist Deine Ahne bis nach Niklashaufen gelaufen?" rief der Alte verwundert. „O nein, blos von Haltenbergstedten," antwortete Hans und seine Stirn bewölkte sich.„Sie war dort hörig." „Himmel Herrgotts Donner, dem Rosenberg hörig?" fluchte Simon, der, auf der anderen Seite des Ofens sitzend, sein Büblein auf dem Knie reiten ließ.„Jetzt versteh' ich, warum Du so wüthig auf den Junker losgegangen bist, wie mir der lange Lienhart erzählte." Hans wurde dunkelroth, seine Brust ivogte, aber er schwieg. Es mochte ihm das Schlimmste, was er noch hätte sagen können, nicht über die Lippen. Er griff nach seiner Pfeife und begann zu spielen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ein Riefenkevl. Von Leo Brenner. Direktor der Manora-Sternwarte(Lussinpiccolo). Von was für einem„hinimlischen Riesenkerl" ich eigentlich spreche? Natürlich vom Jupiter, der unter den Planeten heute noch dieselbe führende Nolle spielt, wie einstens im Olympos uicker den seligen Göttern. So wie er dort alle anderen Götter, deren Namen dem Leser aus der Mythologie — oder wenigstens aus Offenbachs Operetten— genügend bekannt sind, an Größe gewaltig überragte, so übertrifft auch der Planet Jupiter seine Nachbarplaneten um mehr als uur eine„Nasen- länge", llnd da dürste es den Leser vielleicht interessiren, zu erfahren, daß sich als Resultat meiner vorjährigen Messungen heraus- gestellt hat, daß der wahre Durchmesser des Planeten Jupiter noch größer ist, als man bisher angenommen hatte. Da sich nun als uninittclbarc Folge davon ergiebt, daß auch fiir seine Masse, Dichtig- keit, Oberfläche und für seinen Rauminhalt andere Werth? an- genommen werden müssen, als jene, die man bisher in den Bückcrn verzeichnet fand, so mag einiges Nähere darüber hier mitgethcilt sein. „Halt!" unterbricht mich da ein aufmerksamer Leser:„Woraus schließen Sie denn, daß gerade Ihre Messungen der Wahrheit am nächsten kommen?" Diese Frage ist berechtigt, und bannt man nicht vielleicht auf die Vermuthung komme, daß hier Eigenliebe im Spiele sei, will ich sie sofort beantworten. Planetcndurchmesser lassen sich entweder mittels eines sogenannten Heliometers oder mittels des Fadenmikrometcrs messen. Das Hello- metcr besteht aus einem in der Mite durchschnittenen Objektiv, dessen Hälften sich mittels Schraube an der Schnittfläche verschieben lassen. Bei dieser Verschiebung erhält man statt des anfangs einfachen BildesZderen zwei, die sich zuerst thcilweise decken, endlich aber nur noch berühren. Die Objektivhälste wurde also um den Durchmesser des Planeten verschoben, dessen wahre Größe man dann leicht aus der Zahl der Schraubenumdrehungen und deren entsprechendem Wcrthc berechnen kann. Beim Fadcnmikrometer hingegen handelt es sich darum, einen beweglichen Faden an den einen Rand des Planeten heranzubringe», während dessen anderer Rand an dem festen Faden dicht anliegt. Dieser Vorgang scheint an sich sehr leicht zu sein, ist aber in der Praxis sehr schwer saus Gründen, deren Erläuterung uns zu weit führen würde), so daß Mikroinctcr-Mcssuiigen eines und desselben Objekts seitens verschiedener Astronomen meist auch verschiedene Werthe geben. Aus diesem Grunde nahm man bisher an, daß Heliometer- Messungen verläßlicher seien; aber meines Erachtens nnt Unrecht! Denn auch die Heliomcter-Messungen sind nicht so einfach und liefern nicht immer gleiche Werthe, während es mir andererseits sicher scheint, daß jener Werth der richtige sein müsse, der von zwei verschiedenen Beobachtern, die unter ganz verschiedenen Verhältnissen beobachteten, übereinstimmend gleich gefunden wurde. Ein solcher Fall liegt aber hier vor. Varnard, der den Jupiter mit dem Mikrometer deS 36-zölligen Refraktors der Lick-Stcrnwartc in Kalifornien maß, hatte dafür die Werthe 38"s2e(für den Acguatorial-Durchmesscrl und 3ci"lis(für den Polar-Durchmcsser) ge- funden. Aus meinen in Lussiu nnt dem Mikrometer des 7-zö!Iigcn Manora-Refraktors angestellten Messungen ergaben sich die Werthe 38"ms und 36"i34, was also gegen die Barnardh'chcn Werthe nur um 0"oi7 bezw. l)"o:s mehr ist. Wie klein übrigens diese Abweichungen sind, kann der Leser daraus ermessen, daß z. B. der Werth 0"oi7 einem Millimeter entspricht, gesehen aus einer Entfernung von 12 Kilometern! Bei der Entfernung, in der sich Jupiter von uns befindet, entspricht allerdings eine so kleine Differenz einem Unter- schiede in der Durchmesserberechnung von 61 Kilometern; aber das will nicht viel sagen, wenn man bedenkt, daß die Umrechnung meiner oben(in Bogenmaß) angegebenen Werthe zu einem wahren Aequo- torial-Durchmcsscr des Jupiter von 142 172 Kilometern und zu einem Polar-Durchmcsser von 136 112 Kilometern führt. Was das besagen will, können wir am besten durch Vergleiche mit der uns wohlbekannten Erde erfassen. Letztere hat nämlich einen 11,33mal geringeren Durchmesser, bezw. auch Umfang. Wäre z. B. der Aequator unserer Erde eine feste Ebene, so könnte er von einer ununterbrochen mit 100 Kilometern pro Stunde lausenden Lokomotive in iOCPk Stunden umfahren werden; diese Reise um die Welt würde dann nicht, wie bei Jules Verne, 80 Tage, sondern nur 16�/s Tage dauern. Legen wir aber um den Jupitcr-Aequator einen Schienen- sträng(vorläufig ließe er sich das allerdings noch nicht gefallen, weil seine Oberfläche noch tcigarlig oder gar breiartig zu sein scheint), so brauchte die Lokomotive immerhin 456042 Stunden, also 100 Tage und 40 Minuten dazu. Dem riesigen Umfang entsprechen natürlich auch ei» riesiger Rauminhalt und eine ungeheure Oberfläche. Wenn sonach der Ju- piter 1382>/z mal größer als niisere Erde ist, so muß sein Raum- inhalt 145642 Billionen Knbikliloineter betragen und seine Ober- fläche 62 141Vs Millionen Quadratkilometer! Diese Zahlen sprechen sich leicht aus, aber ihr Gewicht er- fassen wir doch erst aus Vergleichen mit unserer Mutter Erde. Die Oberfläche der letzteren beträgt bekanntlich.nur" 510 Millionen Quadratkilometer, ist folglich fast 122 mal kleiner als jene des Jupiter. Es ist ausgerechnet ivorden, daß unsere Erde eine Bevölkerung von 6000 Millionen Menschen zu ernähren vermag. Unter gleichen Verhältnissen vermöchte aber der Jupiter 731 Milliarden Mensche» zu ernähren. Wenn wir aber annehmen, daß die Meere auf dem Jupiter nicht ausgedehnter seien als(behufs Ernährung der Menschen durch Fische) nöthig wäre, und es keine Wüsten gäbe, so könnte dieser Riesenplanet gar 30 Billionen Menschen bc- Herbergen I Vielleicht wundert nian sich, zu hören, daß die Schwerkraft ans dem Jupiter nur 21/2 mal größer ist, als auf der Erde. Bei dem bedeutenden Größcnunterschied hat man sicher mehr erwartet. Es hängt dies aber mit dem Umstand zusanimcn, daß die Dichtigkeit des Jupiter(imnier nach meinen Berechnungen) nur 0,23035 der Erde oder 1,27842 des Wassers beträgt. Eine Folge davon ist, daß auch das Gewicht des Jupiter zu seiner Größe in gar keinen: Verhältniß steht: er wiegt 1894-/3 Trillionen Kilogramm, also„nur" 318mal mehr als unsere Erde. Aber noch ein merkwürdiger Unterschied besteht zwischen dein Jupiter und unserer Erde. Der Riesenkerl dreht sich mit so fabel- hafter Geschwindigkeit um seine Achse, daß ein Punkt seines Aequa- tors in der Sekunde 12 976 Meter zurücklegt. Unsere Erde hingegen, obgleich nur ein Knirps neben Jupiter, und obendrein an Jahren sich wie ein Säugling zum Methusalem gegen ihn verhaltend, dreht sich so bedächtig um ihre Achse, wie eine an Fettsucht leidende Ballcrine, das heißt, ein Punkt ihres Aequators legt in der Sekunde nur 465 Meter zurück. Die Achse des Jupiter muß also dreißigmal besser geölt sein als jene unserer Erde! Aber freuen wir uns vielmehr dessen! Denn würde ein Punkt unseres Aequators ebenfalls nahezu 13 Kilometer in der Sekunde zurücklegen, so betrüge die Länge unserer Tage nur 42 Minuten— die Nacht inbegriffen! Das wären dann schöne Zustände! Wenn ein Mädchen auch die ganze Nacht durchtanzte— also 22 Minuten lang— so wäre es davon kaum befriedigt I Und wo nähmen die Kinder die Zeit zum Schulbesuch her? Theatervorstellungen dürsten kaum länger als eine Viertelstunde dauern, was zur Folge hätte, daß man weder„Siegfried- noch die„Walküre- aufführen könnte! Am schlimmsten aber wären wir Astronomen daran. Eine Beobachtung wäre unmöglich— außer wir liegen in einem Sessel am Okularende, und das Fernrohr drehte sich durch elektrischen Motor dreißigmal schneller als jetzt um seine Achse; aber da hieße es in einer Viertelstunde fertig sein, sonst würde wieder die Sonne störend erscheinen. Und erst eine Sonnenfinsterniß zu beobachten! 1896 haben die Astronomen geklagt, daß die Totalität nur 102 Sekunden währte; das war aber immer noch besser als die 34- Sekunden, die bei einer Achsendrehung von 45 Minuten herausgekommen wären I— Vleitte-s Fouillekon —1.— Wahlzeit. Es ist die Straße, in welcher der Krämer Z. wohnt.„Na, guten Tag, Nachbar Schneider! Wen wählen Sie denn?- „Ich wähle natürlich antisemitisch. Die verfluchten Juden sind ja doch nur daran schuld, daß ein ehrbarer Handwerker trotz allen Fleißes und lallcr Solidität nicht mehr rechtschaffen durch» Leben kommen kann!- „Ja! meinen Sie aber denn wirklich, daß, wenn die Juden.. „Natürlich! Wenn wir die Juden erst'raus haben, und das Wuchergeld erst wieder dem deutscheu Volk zurückgegeben ist, dann..." „Ach, da ist ja auch der Herr Wachtmeister I"—„Tag, Herr Wachtmeister. Na, was macht die Wahl?" „Jst doch ganz selbstverständlich! Ehemaliger Vizescldwebel nud Kriegervereinlcr, wie wir! Natürlich durch und durch königs- treu und konservativ I Die verdammten Rothen werden Ivir diesmal schon kriegen!- „Dessen wollen wir doch lieber noch nicht allzu sicher fein!" meinte der Krämer Z. „Wenn nur die Regierung hätte Stellung zu den Wahlen nehmen wollen! Da wäre doch ein ganz anderer Zug hinein gekommen I Aber so.. „Mit dem Freisinn ist es diesmal auch nur Essig! Das ist nicht Fisch, nicht Fleisch!... Na, Mutter Kunze», was wollen Sic denn haben?... Also für zehn Pfennige Salz... Ach Sie meinen die Brotpreise? Ja die werden freilich immer höher. Spiritus ivird auch bald wieder steigen... Was? I Die Benders, ihre Nachbarsleute, die geben der armen Frau und ihren» kleinen Kind täglich Mittagbrot? Ich denke, das sind Sozialdemokraten? Na! die haben doch auch selbst nichts zu knabbern! Solche Mildthäsigkeit Hütte ich mir eigemlich von der rothcn Bande gar nicht trämnen lassen. Und da heißt es immer, sie wollen theilcn... theilen.. Schneider und Wachtmeister, die dem Gespräch zugehört haben, ver- lassen de» Laden. In der Thür ruft der gestrenge Herr Wachtmeister dem dienernden Krämer noch schmunzelnd zu, während er mit dem Zeige- fingcr droht:.Lassen Sic sich nur nicht auch noch von der rothen Krankheit anstecken!" Der Krämer wendet sich ivieder zn der alten Fran, die»»zwischen ihre Einkäufe beendet hat;„Wissen Sie. neuerdings gefällt mir die Sozialdemokratie besser! Die reden nicht so viel, thun aber dafür desto mehr! Eigentlich ist ja die Wahl geheim und direkt; da könnte man es ja auch emnial mit einem Rothen versuchen!--- Völkerkunde. — Menschenfresserei unter den Samojeden und Ostjakei» Nordsibiriens. Einer der bekanntesten Erforscher Nordsibiriens. der Reisende Nossiloiv, stellt die Thatsache fest, daß die Menschenfresserei unter den Samojeden und Ostjaken Nordsibiriens»»icht nur noch immer nicht ausgerottet ist, sondern sich gerade in der letzten Zeit in einen» erschreckenden Maße gesteigert hat. Besonders berüchtigt ist das Gebiet am Tasu-Flusse. Die Eingeborenen leben hier in Erdlöchern oder dürftigen Hütten fast völlig nackt und bringen in ihre eintönige Fischnahrnng nur ab und zu durch Menschci-sleisch ctivas Abivechsclnng. Der orthodoxe Geist- lichc des Tasu-Kirchspieles berichtet, daß, soweit ihm bekawlt ist, seine Eingepfarrten von 1383— 1894 wenigstens 20 Menschen aufgefressen habe», und daß der Schrecken vor den Tasil-Leuten so groß ist, daß sich andere Horden deren Bezirk gar nicht zu nähern wagen.— Geographisches. — Der R i k w a- S c c. Bisher war»nan über die Ausdehming dieses in Dcutsch-Ostafrika, östlich vom Tanganika gelegenen Sees wenig unterrichtet. Der Forschungsreisende Wallace hat jetzt diesen See genau erforscht und seinen Umfai»g festgestellt. Der See hat nicht die Ausdehnung, welche die Karten angeben. Wallace ist den Fluß Sassi bis zu seiner Mündung in den See hinabgcsticgcn; er hat sodann das Sec-klfer verfolgt bis zu seinem äußersten Süd- punkte und danach auf dem entgegengesetzten Ufer bis zum äußersten Nordpunkte: Wallace hat den ganzen See umschrittcn und seine Länge auf 40 Kilometer und seine Breite auf 19 Kilometer fest- gestellt. Der See füllt den südöstlichen Winkel einer großen, 32 bis 4S Kilometer breiten Ebene aus. Die beiden Flüste Sassi und Sougme, beide von gleicher Wasscrnienge, ergießen sich in den See nicht weit von dem äußersten Südpunkte. Jin Norden des Sees sind nur aus- getrocknete Bette unbedeutender Flüsse bemerkbar", auch von den auf den Karten verzeichneten Flüssen Kafna und Lunya fand Waliace keine Spur. Die beiden Ufer des Sees find ziemlich stark bevölkert, trotz der gernigen Menge der Quellen und der schlechte'.: Beschasienheit des Wassers. Die Eingeborenen sind von sanftem Charakter und heiterer Gemüthsstinunuug. Das Wild ist überall reichlich, doch ohne große Manmgfalsigkett. Es gicbt nur Löwen, kleine Antilopen und Zebras. Von Elefanten und Nashörnern ist keine Spur vor- Händen. Im Sommer hat der See eine größere Ausdehnung und erreicht 130 Kilometer Länge und 24 bis 2ö Kiloincter Breite. Seine Tiefe beträgt SO Zentimeter bis 1,50 Meter im Durchschnitt. Diese außerordentliche Veränderung im Wasserspiegel ändert auch gänzlich die Physiognomie dieses Sees, und daher die zu große Ausdehnung, die die Karten Afrika's dem See geben.— Ans dem Thierlcbcn. is. Die Herkunft uns ere r Kanarienvögel hat eine merkwürdige Geschichte aufzuweisen Vor etwa SV* Jahrhunderten brachte ein nach Italien heimkehrendes Schiff, das'die Glücklichen oder Kanarischen Inseln, wie sie von nun an genannt wurden, bc- sucht hatte, eine Sammlung reizender, lebender Vögel von seiner Reise mit. Ihr Käfig wurde geöffnet, und die Befreiten suchten das Weite. Merkwürdigerweise blieben sie nicht in Italien selbst, sondern fiedelten nach der Insel Elba über, wo sie sich rasch vermehrten. Die Bewohner der Insel, die bald airf den ungewöhnlich schönen Gesang der Vögel anfmerksan: wurden, fingen sie ein und verkauften sie. Der Handel mit diesen „Kanarienvögeln" wurde bald so einträglich, daß die Elbaner den ausländischen Gästen ihrer Wälder lebhaft nachstellten, und die Folge davon war, daß bald nicht ein einziger dieser Vögel mehr übrig war, wenigstens nicht in wildem Zustande der Freiheit. Seitdem ist der 5kanarienvogel großen Veränderungen unterworfen gewesen und ist zum Haus- und Zuchtthier geworden, man kann ihn gcgemvärtig geradezu als einen Knnstvogel betrachten. Jedes Land Europa's beinahe hat eine besondere Abart von Kanarienvögeln gezüchtet. In seiner Heimath, den Glücklichen Inseln, ist der Vogel von grünlich- grauer Färbung und fällt nicht im geringsten durch Schönheit auf, aber seine Sangeslnst soll so groß sein, daß man zuweilen Vögelchen gefangen hat, deren Stinrmbänder durch die Anstrengungen der Kehle zerrissen.— Aus dem Gebiet der Chemie. — Veränderung der Milch beim Sterilisiren. Bekanntlich ist schon gekochte Milch von roher durch den Geschmack leicht zu unterscheiden, größer wird der Unterschied noch beim Sterilisiren durch längeres Erhitzen unter Drink, und die dabei auf- tretenden Veränderungen werden vielfach als nicht günstig für die Verdaulichkeit der Milch besonders durch den Kindermagen betrachtet. Dr. A. WroblcwSki hat Untersuchungen über das Wesen dieser Vor- gänge angestellt, die unter anderem auch eine gelbliche Färbung der Milch bewirken, und veröffentlicht seine Ergebnisse in der„Oesterr. Chemiker-Zeitung". Er folgert aus ihnen, daß die Milch beim Sterilisiren insoweit verändert wird, als der Milchzucker sich tbeil- weise karamelisirt, aus demselben sehr kleine Mengen Milchsäure gebildet werden, infolge dessen das Albumin gerinnt, das Kaseln theilweise gefällt oder wenigstens in einen mit Säure leichter fäll- baren Zustand gebracht wird. Wenn ein Theil des Kaseins gefällt ist, so wird die Fällbarkeit der sterilisirten Milch mit Lab erschwert. Das Pasteurisiren wirkt in derselben Richtung, bringt nur die ge- schilderten Erscheinungen nicht so weit zu stände.— Astronomisches. — Vom Kometen Petrin e. Heber diesen von Perrine am 16. März ds. Js. entdeckten Kometen, von dem die Astronomen annahmen, daß er nie und nimmer zur Sonne zurückkehre, erfahren wir nun aus den Berechnungen, die fem Entdecker selbst vorgenommen, daß er nach je 300 Jahren in seine Sonnennähe zurückkommt. Des Kometen Bahn ist mithin keine Parabel, sondern eine geschlossene Ellipse. Der Komet ist gegenwärsig noch innner im Gesichtskreise des Teleftops, obschon er sich rastlos von Sonne und Erde entfernt. Seine scheinbare Ortsverändenmg unter den Sternen der Cassiopeja ist aber im Verhältniß zu seiner wirklichen Bewegung eine äußerst geringe, da die Erde jetzt hinter dem Kometen daher läuft, und der Beobachter seine wahre Geschwindigkeit nicht merkt. Am Montag war der Abstand des Kometen von der Sonne 1,76, der von der Erde 2,46 Erdbahn- Halbmesser, während seine Helligkeit nur 0,16 jener Helligkeit beträgt, die er am Tage seiner Entdeckung zeigte.— Technisches. — ss.—©in neues Riesenluftschiff aus Aluminium wird gegenwärsig für die Luftschiffer- Gesellschaft in San Franziska aebaui. Dasselbe soll eine Länge von 195 und eine Breite von 60 Fuß erhalten und wird ohne Zweifel das größte Luftschiff seiner Art sein. Der zylindrische Theil, der eigentliche Rumpf, wirb 100 Fuß Länge und 35 Fuß tm Durchmesser haben, er läuft in zwei kegel- förmige Spitzen auS, die mit dem Rumpfe noch besonders verbunden sind. Der ganze Körper ist aus einzelnen Aluminium- Platten von nur 1/2»am Dicke zusammengesetzt, die mttereinander durch Aluminstlmnieten verbunden sind. Das Luftschiff wird durch einen Gasolin-Motor mit zwei Kolben, der 300 Umdrehungen in der Münte erzeugt, betrieben sein und ebenso wie die Wellen und die an diesen angebrachten Schraubenflügel ans Aluminium bestehen, auch die Steuervorrichtung wird aus demselben Metall hergestellt werden. Hoffentlich hat dieses Aluminium-Lustschiff ein besseres Schicksal als dasjenige des verstorbenen Ingenieurs Schwarz, das bei seiner ersten Versuchsfahrt in Berlin in Trümmer ging.— Humoristisches. — Drakonische Strafe.„Papa, ich weiß ein gutes Mittel, daß keine Eisenbahnunfälle mehr vorkommen." „So, da wäre ich doch neugierig." ..Stach jedem Unglück müßte der Eiscnbahnniinister 100 Mal de» amtlichen Bericht darüber abschreiben!"— — Gemischte Gefühle.„Wie haben Sie denn den Abend vor der Hochzeit Ihrer Tochter verlebt, den letzten Abend, den Ihre Tochter in: Elternhause zubrachte?" ,.?kun, mein Mann hat Weine geprobt, und ich und meine Tochter, wir haben Probe geweint."— — I n der Rachmittags-Vorstellung. Bankier lzu seiner Frau, die sich während einer Aufführung von„Kabale und Liebe" die Augen trocknet):„Rosa, schäm' Dich, Du wirst doch nicht weinen bei ermäßigte Preise?"— l„Lujt. Bl."j Vermischtes vom Tage. — Von dem städtische» Vorwerk M ü g g e n b u s ch bei Havel- berg sind sämintliche Gebäude mit Ausnahme des Wohnhauses niedergebrannt. Dabei gingen ca. 480 Schafe. 25 Schweine, 3 Hmide, smnmtliches Geflügel und alle Ackcrgeräthc und Maschinen verloren.— y. Ein aus dem Heere cntfcritter Lieutenant gerietst in Blankenburg sHarz) auf offener Straße mit seinem Vater, einem Oberst, in Streit. Im Verlauf desselben drohte er. seinen Vater mit einem Revolver zu erschießen. Darauf machte ihn dieser durch einen Schlag gegen den Kopf kampfunfähig und erstattete selbst Anzeige bei der Polizei.— — In dem Dorre Petersgrätz sOberschlefien)Z spielten kürz- lich einige Kinder„Impfen". Ein Knabe brachte einem anderen mit einem Steine Wunden am Handgelenk bei und tränkte sie dann mit dem Safte der gemeinen Wolfsmilch. Der Knabe starb schon während der Fahrt zum Arzt an Blutvergiftung.— — Eine eigene Art, Geld zu verdienen, hatte sich in Leipzig ein 29jährigcr' ProvisionSreisender erdacht. Er beschaffic Glas- b u ch st a b e n für Schaufenster und befestigte sie. Nachts zog er umher und beschädigte oder stahl die Glasbuchstaben I andern Tages bot er wieder Ersatz dafür an, hatte auch in den meisten Fällen Glück damit.— — Bei dem Orte Hagendonop(bei Detmold) ertranken sechs Knaben im Alter von 13 und 14 Jahren beim Baden in einer Mcrgelgrube.— — Zwei Arbeiter der Eisenhütten in Ruhrort gingen nach der Arbeit unverzüglich zum Rhein, im: zu baden. Infolge der plötzlichen Abkühlung gerieth der eine in Lebensgefahr, verändere wollte ihn retten, wurde aber dadurch, daß der Gefährdete sich fest an ihn klammerte, am Schwimmen gehindert! beide erlranken— — In D a r m st a d t erschoß ein Bäckergeselle einen bei dem- selben Meister arbcirenden Hausburschen aus dessen eigenen W u u s ch. Letzterer hatte Gelder unterschlagen und hegte schon vorher Selbstmordgedanke». Darauf versuchte aber auch der Bäcker- geselle aus Furcht vor der Entdeckung des Sachverhalts Selbstmord und wurde schwer verletzt ins Hospital gebracbt.— — Bein: Exerzieren stießen in Preßburg zwei Züge des dorttgen Artillerie-Regiments so heftig zusammen, daß die Pferde über einander stürzten und die Mannschaften unter sich begruben. Ein Lieutenant, ein Wachtmeister und mehrere Mann erlitten schwere Verletzungen.— c. e. In Monte S c a I a r i bei Florenz ist eine aus sechs Personen bestehende Bauernfamilie infolge von Vergiftung ge- starben. Man nimmt an, daß die Leute Polenta gegeffen haben, die in einem unsauberen Kupfericssel gekocht war.— — Wegen verschmähter Liebe tödtcte m R o m a i n bei Reims ein 3öjähriger Mann ein 14 Jahre altes Mädchen durch Revolver- schüsse. Hierauf versuchte er die Mutter derselben zu erdrosseln und tödtete sich da:m selbst durch einen Revolverschuß.— — Von den 108 Kiiwern(65 Knaben und 43 Mädchen) der deutschen Schule in Kairo waren im letzten Schuljahr der Nationalität nach: 29 Deutsche, 20 Oesterreicher, 12 Engländer, 11 Italiener, 10 Schweizer, 6 Franzosen. 6 Egypter, 5 Amerikaner, 3 Griechen, 3 Türken, 2 Armenier und 1 Belgier. Mit Leichsigkeit verstanden und gesprochen wurde: arabisch von 91, deutsch von 54, englisch von 16, französisch von 7 und griechisch von 4 Schülern.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- abend, den 13. Juni. Veraniivorllicher Redakteur: August Jacobey i» Berlin. Drnck mrd Verlag von Max Vading tu Berlin.