Anterhaltuttgsblatt des Horwärts Nr. 119. Dienstag, den 21. Juni. 1898 (Nachdruck verboten.) 15J Mm die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 152Z. Von Robert S ch>v e i ch e l. Er verneinte.„Der Brief gemahnt mich an meinen un- vergeßlichen Freund Ulrich von Hutten," sagte er, das Schrift- stück zusammenfaltend und in seine Gürtcitasche steckend.„Den Schreiber kenn' ich nicht. Er ist ein Doktor der Rechte und nennt sich Max Eberhard. Es muß wohl in Rothenburg eine offene Aussprache über die Schriften und Ziele Ulrich's nicht möglich sein, so daß er mir, dem Fremden, seine Bewunderung jener ausdrückt und sein Herz erschließt. Die Furcht vor dem Todten dauert fort, und der Haß, der den Lebenden verfolgte, wird wahrscheinlich auch des Denksteines an seinem einsamen Grabe nicht lange schonen." „Wohl ihm, daß er endlich Ruhe fand," tröstete Frau Barbara.„Erzähltest Du mir doch, daß er seit langen Jahren an einem unheilbaren Uebel litt." „Sein Feuergeist zwang den schwächlichen Leib, ihm dienstbar zu sein," ergänzte Herr Florian.„Dennoch ahnte mir nicht, als wir uns nach dem mißglückten Zuge Sickingen's gegen den Erzbischof und Kurfürsten von Trier mit einem raschen Händedrucke auf dem Landstuhl trennten, daß Nur einander nicht wieder sehen würden. Er wollte Hilfe in der Schweiz suchen, ein anderer eilte an den Rhein, ich hierher, um unseren säumigen Adel in den Sattel zu bringen." „Ich für meinen Theil darf nicht klagen, daß Du Dich nicht mit Franz von Sickingen auf seiner Burg Landstuhl ein- schlössest," äußerte seine Gatttn mit einem bedeutungsvoll lächelnden Blicke. Er verstand sie. Denn damals war er ihr auf Burg Rimpar, dem Sitze derer von Grumbach, wo sie als eine Waise bei ihren Brüdern Hans und Wilhelm lebte, zuerst begegnet. Er legte seinen Arm um ihre vollen Schultern und drückte sie an seine Brust.„Ihm war das Glück nur ein einzig Mal hold und just damals lernte ich ihn kennen," sagte er, während sie mit einem zärtlichen Stolze zu ihm ausblickte.„Es war in Würzburg, im Winter von 17 zu 18. Er war von der Universität Bologna nach Deutschland zurückgekehrt und zu Augsburg während des Reichstages von dem Kaiser Maximilian als Dichter gekrönt lvorden. Die schöne Konstanze Peutinger hatte ihm den Lorbeerkranz gewunden. Jung, von Ruhm strahlend, voll Zuversicht, daß der Morgen, den die Humanisten verkündet, nun lvirklicki anbrechen»verde, so traf ich ihn dann zu Würz- bürg am Hofe des damaligen Bischofs Lorenz von Bibra, »vclcher den Ideen der Reformation zugeneigt»var. Es»var eine herrliche Zeit und,»vie Hutten sagte, eine Lust, in ihr zu leben. Und heilte ist die Nacht schwärzer als je I" Er machte eine Bewegung, als wollte er die trüben Gedanken von der Stirn scheuchen. Die junge Frau zog ihn sanft zu dem Tische, auf dem inzlvischen das Mittagessen aufgetragen war. Es bestand ans Rindfleisch mit weißen Rüben und der gerösteten Keule eines Ebers. Es gebrach dem Ritter kcinestvegs an Glücks- gütern, so daß er füglich einen reicheren Tisch hätte führen können. Allein er»var bedürfnißlos, der damals in üppigster Blüthe stehenden Verschivendung und Schlemmerei fcind und sein Leib durch körperliche Uebungen von früh auf durch Jagd und Krieg gestählt. Er»var schon in jungen Jahren in die Kriegsdienste des Kaisers Maxinlilian getreten, und Georg von Frundsberg, der das Heer unigestaltet, indem er dessen Schiverpunkt auf die Fußtruppen gelegt, sein Waffenmeister geivesen. Der Ritterstand als der eigentliche und bevor- rechtete Kricgerstaud, der mit seinen Dienstmannen bislaug die Heere gebildet, hatte sich überlebt. Nicht das Schießpillver allein hatte das Lehenshecr mit seinen schiver gepanzerten Reitern unbrauchbar gemacht, auch der ritterliche Geist»var in ihm erloschen. Es hatte selbst sein Todcsurtheil unter- zeichnet, als es in den Hussitenkriegen bei Taus auf die bloße Kunde von dein Anrücken des vorwiegend aus Bauern be- stehenden Volkshceres»vie Spreu vor dein Winde auseinander aestoben»var, ttotzden: ein Kardinal seine Waffen gegen die Ketzer gesegnet hatte. Kaiser Max sah es gern, daß die adlige Jugend in seine Lanzknechtsfähnlein trat, um die neue Gefechtsart und Taktik zu erlernen: das gab ein Holz, um daraus tüchtige Hauptleute zu schnitzen. In einem solchen, 400 Mann zählenden Fähnlein hatte auch Ritter Flonan Geyer das Waffenhandwerk von der Picke auf gelernt und unter Jörg von Frundsberg in Italien gegen Frankreich zu Felde gelegen. Er mußte sich dabei trotz seiner Jugend wohl auffällig hervorgethan haben. Denn als im-Todesjahre des Kaisers Max, 1519, der Herzog Ulrich von Württemberg mitten im Frieden die freie Reichsstadt Reut- lingen überfiel, vorgebend, daß ihm deren Bürger seinen Waldvogt auf Schloß Achalm erschlagen, und der schwäbische Bund ins Feld rückte, um an ihm die Reichsacht zu vollziehen, da erhielt Flonan Geyer ein selbständiges Kommando. Während die Hauptmacht unter dem Truchseß von Waldburg vor den Hohenasperg und Tübingen zog, erhielt er den Bc- fehl, sich nordwärts zu wenden,>vo Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand in Möckinühl die Sache des Herzogs vertheidigte. Und der gefürchtete Letztling des Faustrechts hatte sich dem jungen Hauptmann ergeben und nach Heil- bronn in ritterlich Gefängniß reiten müssen! In diese»n Feld- zuge, der Württemberg der Regierung Oesterreichs über- ant>vortete, geschah es auch, daß Herr Florian die Bekannt- schaft Franzens von Sickingen machte und von ihm auf die Ebernburg eingeladen wurde.„Die Herberge der Gerechtigkeit," pflegte Hutten sie zu nennen. Denn von ihr sollte das neue Zeitalter der Gerechtigkeit ausgehen und fortan nur ein Haupt; der Kaiser, nur eine Kirche: die protestantische sein. „Ich kann es nicht mehr bedauern," so spann der Burg- Herr seine Gedanken während des Essens weiter,„daß Sickingcn den Tanz»nit dem Erzbischof von Trier anheben mußte, che die Vorbereitungen zum Sturze der Fürsten beendet waren. Auf Huttens Drängen»var zwar mit den Reichsstädten an- geknüpft»vorden, aber Sickingen schaute mit der vorurtheils- vollen Geringschätzung des Adeligen auf die Stadtbürger und die Gemeinfreien; die Bauern heranzuziehen, davon»var keine Rede. Mit der Reforinatton»var es Sickmgen wohl Ernst, aber nur als zweites. Sein Hauptziel, das ist»nir heute klar, war kein anderes, als mit Hilfe des Adels und des neuen Glaubens sich Raum»»nter den Fürsten zu schaffen und sich selbst als weltlicher Kurfürst auf den Stuhl des Erzbisthums Trier zu setzen. Er»var zu berühmt, zu reich und zu»nächtig geworden, um noch ein Unterthan sein zu können. Wäre er Sieger geblieben und etwa durch die Ereignisse wider Willen»veiter gedrängt worden, so hätten »vir hellte eine Adelsrcpublik»nit einem ohnmächtigen Kaiserau der Spitze. An die Stelle der Theilfürsten»värc eine Legion kleiner adliger Despoten getreten, die dein Volke auch das letzte Mark ails den Knochen saugte. Das gairze Reich wäre ihrer schrankenlosen Willkür zur Bellte geworden. Mir graut davor, es zu denken." Frau Barbara hatte die zarte tveiße Stirn nachdenklich gesenkt; jetzt seufzte sie und sagte, die guten blauen Augen zu dein Gatten erhebend:„Wenn daheiin auf Burg Rimpar von dem Unternehmen gesprochen»vurde, dann dachten alle immer nur daran, der Lehenspflicht gegen den Bischof von Würzburg sich zu entledigen, und vertheilten dessen Güter unter sich. Die Roth der armen Leute zu erleichtern. davon war nie die Rede. Auch ich fand dainals nichts daran," gestand sie erröthend,„kanilte ich Dich doch noch nicht und glaubte meiner eigenen Pflicht vollauf genügt z», haben, wenn ich unseren Leibeigenen und Hintersassen in Nothfällen»nit irgend einem Almosen beistand. Ich lachte»vohl,»venu»nein Bruder Wilhelm sich veriilaß, es eines Tages»vie der Götz von Berlichingen zu machen, auf eigene Hand Fehde zu führen und den reichen Stadtbürgern die Kisten zu fegen. Ich sollte dann auch Schinuck und schöne Kleider genug haben. Unser Vater starb leider, als der wilde Bub seine kräftige Hand ain nöthigsten gehabt hätte." „Der Junge sagte»lur laut, wozu sie alle ein stark Gc- lüsten verspüren," bemerkte Florian Geyer unmuthig.„Be- säßen sie Berlichingcir's Frechheit, Faustrecht und Straßenraub stände»» noch in vollster Blüthe. Wölfe sind sie und es thäte Roth,»nan erschlüge sie alle." .Arg ist's schon; aber Du solltest Dich des Wilhelin an- nehmen," bat dessen Schwester.„Dann möchte noch etwas Tüchtiges aus ihm werden. Er ist ja noch so jung, erst zwanzig Jahr alt, und hält große Stücke auf Dich, just>veil Du den Götz gefangen nahmst, den er so sehr bewundert." „Er ist jung, ja, aber sein Kopf ist alt," versetzte Herr Florian ernst.„Da er ein jüngerer Sohn ist, so berechnet er, wessen Schultern stark genug sein möchten, um ihn in die Höhe zu heben." „Am verhaßtesten ist es ihm, daß ein Grumbach bei einem Pfaffen zu Lehen gehen soll, mag er sich auch Herzog in Franken nennen," bemerkte die junge Frau noch,„und vollends bei dem jetzigen Bischof Konrad von Thüngen, der ein strenger und grausamer Mann sein soll." „Das stt er in der That und die„Bürgerschaft von Würz- bürg ist ihm darum feind," bestätigte ihr Gatte.„Nun, ich will versuchen, ob ich den jungen Burschen für den Geist der neuen Zeit gewinnen kann, die der Welt einen anderen Mittelpunkt setzt als das eigene Ich." Er selbst hatte das Vertrauen auf den Sieg der neuen Zeit nicht verloren, wenn auch Sickingen's Unternehmen ge- scheitert war. Hutten's schnell auflodernde Begeisterung und überwältigende Beredsamkeit besaß er nicht: nachdem er aber für dessen Ideen einmal sich erwärmt hatte, erkaltete er auch nicht wieder. Auf die That gestellt, wie sein Freund auf das Wort, sann sein praktischer Verstand unablässig auf die Mittel, seine Ueberzeugung�zu bethätigen. Er hatte daher keine Zeit verloren, die durch sickingen's Fall und Hutten's Tod zerrissenen Fäden wieder zusammen- und neue Verbindungen anzuknüpfen. Mußte das Schwert ruhen, um so fleißiger führte er die Feder, und er bedurfte dazu keines sogenannten Briefdichters. Alle helleren Köpfe waren von der Erkenntniß erfüllt, daß die kirchlichen, sozialen und politischen Zustände im Reiche unhaltbar geworden seien und reformirt werden müßten. In dieser Ueberzcugung fanden sie sich leicht zusammen, und auf Burg Giebelstadt gingen die Briesboten aus und ein, zuweilen in seltsamer Gestalt.> Hufschlag auf dem Burghofe veranlaßte Herrn Florian, sich vom Tische zu erheben.„Es ist ein Fremder," sagte er, in den Hof blickend, wo ein Reiter in einem langen, dunkeln Mantel und einer Pelzkappe, deren Schirm er tief über die Augen gezogen hatte, von einem starkknochigen Gaule stieg. Hinter dem Sattel war ein Mantelsack aufgeschnallt. Frau Barbara war hinter ihren Gatten getreten und sah noch, wie der Fremde dem Schlosse zuschritt, während ein Knecht das Pferd in den Stall führte. Sporenklirrende Schritte näherten sich dem Gemach, und der Fremde trat nnt gelüpfter Pelz- kappe über die Schwelle. Er hatte einen geistvollen Kopf mit leicht ergrautem Haar, und er sprach mit einer angenehmen Stinnne: „Wir sahen uns noch nie, Herr Ritter; aber die Freunde unserer Freunde sind ja die unserigen, und so kenne ich Euch bereits durch Euren brieflichen Verkehr mit meinem Freunde, dem kurnminzischen Keller Weigand zu Miltenberg. Mein Name ist Wendel Hipler." „Gott willkommen, Herr Kanzler!" rief der Hausherr an- genehm überrascht und schüttelte dem Gaste kräftig die wohl- gepflegte Rechte, von der er den Handschuh abgezogen hatte. .Leget ab und macht's Euch bcquein." „Erst gestattet, daß ich der edlen Burgfrau meine Ehr-I erbietung bezeige," antwortete Wendel Hipler, und ließ den Worten mit feinem Anstände die That folgen. Frau Barbara bestätigte den Willkomm des Ritters in schlichter Weise und fügte hinzu:„Ihr treffet uns beim Mahle. Herr Kanzler; so bitte ich denn, nehmet fürlieb." «Aber ohne den Kanzler, schöne Frau; denn den habe ich den Grafen von Hohenlohe vor die Füße geworfen." er- widerte Wendel Hipler mit einem leichten Lachen. Florian Geyer und seine Frau waren beide erstaunt; allein die Höflichkeit gestattete nicht, den Gast mit Fragen zu behelligen, so lange er noch nicht abgelegt hatte. Dieser selbst berichtete, während er seiner Kappe und seines Mantels sich entledigte und das Schwert abgürtctc, welches er über einem dicken Ledcrkoller ohne Zlermel trug, daß er von Nürnberg komnie und zu seinem Freunde in Miltenberg unter- Wegs sei; er habe daher die Gelegenheit benutzt, um Herrn Florian persönlich kennen zu lernen. Die Burgfrau entfernte sich unterdessen, um für den Gast ein Gedeck und einen edleren Wein auftragen zu lassen. „Diese Reise," fuhr Herr Wendel fort und wärinte sich die Hände an dem Kaminfeuer,„bekräftigt nur die alte Lehr', baß man von einem Dornbusch eher Feigen als Dank von Kürsten erntet." Wie er erzählte, war er aus den Diensten der Grafen von Hohenlohe geschieden, weil er für seine lange und treue Amtsführung nur mit dem schwärzesten Undank belohnt worden war. Sein eigenes Vermögen hatte er in ihrem Interesse zugesetzt, und er war so arm davon gegangen, daß er bei dem Vater seiner Gattin zu Wimpfen im Thalc, unterhalb Heil- bronn, zu wohnen genöthigt war. Zwar hatten die Grafen ihm für seine Forderungen die Einkünfte eines ihrer Güter überwiesen, aber sie hatten dieselben bereits für sich ein- gezogen, als er sie erheben wollte, und so war er fortgegangen. Jetzt hatte er bei dem Reichs-Kammergcricht die Rechte zweier Unterthanen der Grafen, die jene ebenso ungerecht wie hart gestraft hatten, verfochten und den Prozeß gewonnen. Er schloß:„Wer die Grafen Albrecht und Jörg von Hohenlohe kennt, der wird von ihnen keine Gerechtigkeit, geschweige Milde erwarten. Gegen mich haben sie bei dieser Gelegenheit zum Undank den Schimpf gefügt, indem sie meine Ehrlichkeit ver- dächtigten. So sind die Herren!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Im LvAhllokal. Berliner Stimmungsbild. In einem Wahlkreise des Westens von Berlin. An dem langen Tische des Wahllokals sitzen die Herren des Wahlburcaus. Die breite behäbige Figur des Vorsitzenden mit den» Lächeln in dein fett- glänzenden Gesicht verräth den rcichgeivordenen Fleischcrmcister, der jetzt als Hausbesitzer und Rentier im beschaulichen Nichtsthun sein noch voraussichtlich recht langes Leben beschließt. Neben ihm sitzt der Protokollführer, ein schneidiger junger Assessor, deffcn Haltung und Frisur den Reservclieutcnant verräth. Er wohnt im Hause des Herrn Vorsitzenden. Und ringsum die Beisitzer, alles wohlgenährte Herren, auf dcre« Bäuchlein die dicke Uhrkctte tanzt. Sie sind wohl auch nieist Hausbesitzer oder Rentiers, einer verräth durch seine aus- fallend elcgantsitzcndc Kleidung den„seinen Herrenschneider" mit dem großen Spiegclscheibcn-Magazin. Nur einer ist ein schmächtiger, lang- aufgeschossener, blasser Mann mit verbitterter Miene, ein Lehrer der Volksschule des Distrikts. D?an, nutzte doch auch einen aus den un- bemittelten Kreisen heranziehen. Eben ist eine Pause in der Stimmenabgabe eingetreten. Der schneidige Protokollfiihrer blättert in der Wahlliste, die gemüthlichen Herren führen ihre bcreitlicgcndcn Zigarren an den Mund. Ein Duft nach seinem Tabak Verbreiter sich. .Es ist doch wirklich unglaublich, noch nicht ein anständiger Mensch ist zum Wählen dagewesen! Alles solch Hintcrhausgcsindel," schnarrt der Protokollflihrer.„Kein Wunder, daß da diese Kerle, diese So- zialdcmokratcn, überall siegen, wenn die guten Leute zu Hause bleiben und nicht wählen kommen." „Das ist wahr!" sagt einer der Dicken.„Aus meinem Hause sind bisher nur Hinterhäusler dagewesen. Diese Interesselosigkeit der Wohlhabenden ist unglaublich!" „Und diese mißtrauische Miene, mit der die Leute ihre Stimm- zcttel abgeben. Sie beobachten ganz genau, ob wir nicht den Zettel m der Manschette verschwinden lassen und einen andcm in die Urne werfen!" lachte der gemiithliche Vorsteher. „Ja. natürlich", sagte der Garderobenhändler,„>vir, die Ans- beuter, sind natürlich zu allen Rechtsverdrehungen fähig! Wenn es nach mir ginge, dursten diese Leute da überhaupt nicht wählen. Was thun sie denn für den Staat?... Die paar lumpigen Steuer- groschcn!"... „Ich denke doch", wagte der Schullehrcr sich einzumischen,„ich möchte doch einwenden, daß die Leute ihre Steuerzahlungen viel schwerer enipfindcn, als die Wohlhabenden, und daß sie außerdem auf dem Wege der indirekten Steuern große Opfer.." „So, das meinen Sie?" fiel ihm der Vorsitzende ins Wort. „Na, S i e haben doch keine Ahnung, was unsereins an Stenern zahlen muß." Der Blick drückte ziemliche Verachtung au§. „Die Leute würden gern noch mehr zahlen, wenn sie nur Ihr Einkommen hätten," sagte der Schulnieistcr mit einem feinen Lächeln. Der Vorsitzende riß seine kleinen wässerigen Augen weit auf. und so wäre sicher eine kapitale Grobheit herausgekommen, wenn iricht in dicsemAugcnblick ein neuer Wähler eingetreten wäre. Ein großer schlanker Herr mit feinem, spitzem schwarzem Bart, mit funkelndem Cylindcr, in schwarzem Gehrock, lichtgrauem Beinkleid und mit einem Spazierstock mit goldenem Knopf in der Hand. Ein sehr bclvegliches Gesicht mit lebhaft spielenden Augen hinter einem goldenen Kneifer. Mit eleganter Haltung trat er an den Tisch: „Bankier Dchnhardt, Zstraße 25." Als er mit einer eleganten Verbeugung wieder hinausgegangen war, sagte der Garderobcnhändler:„Das ist ein Kerl, immer vor- nehm, jetzt fährt er wieder ans Gummi." „Ja, aber zweimal soll er schon bankrott gemacht haben; doch ist er jedesmal hinterher noch vornehmer und eleganter. Nachweisen kann man ihm niemals'was, aber init den Genetzten hat er schon genug zu thun gehabt," bemerkte lächelnd der Assessor. «Und er verkehrt in den besten Finanzkreiscn," fügte der Garderobenhändln hinzu.„Er hat sich bei mir wiederholt Gesell- schaftsanzügc für sehr feine Gesellschaften bestellt." „So lange man ihm nichts nachweisen kann, und so lange er Geld hat, ist er natürlich ein Ehrenmann!" sagte der ironische Schullehrer. „Ja, da fällt mir ein," sagte der Borsitzende, ohne den Schul- lehrer eines Blickes zu würdigen.„Bei Einen? in der Wahlliste steht vermerkt, daß er Armenunterftützung enrpfangen hat. Ich bitte Sie, Herr Protokollführer, daraus zu achten, daß der Mann nicht wähle« darf. Sie wissen, das schließt die Wahlberechtigung aus." „Wer ist es denn?" „Ach, es steht da Burcauschreibcr Werner— der Mann ist 72 Jahre alt," sagte der Vorsitzende. „Na, der wird dann auch gar nicht kommen," meinte einer der Behäbigen. In demselben Augenblick humpelte eine seltsame Gestalt herein. Eine einst riesengroße Figur, die aber entsetzlich ausgemergelt war und infolge bon'GichtJetivas seitlich gekrümmt; ein langer schneeweißer, sogenannter Kaiser-Wilhelmbart umrahmte ein ticfzerfurchtes, greisenhaftes, mageres Gesicht, dessen Züge noch Spuren von Energie aufwiesen. Seine Kleidung bestand in einem ganzen, schwarzen Anzug, der aber sehr abgeschabt war und in allen Nähten glänzte. Das auffallendste aber war eine lange Lrdensreihe auf der Brust: ein eisernes Kreuz, Krieger- denkntünzcn, auch eine Rettungsmedaille. Er lahmte stark auf dem einen Fuß und schleifte ihn etwas nach. Mit der Rechten stützte er silb aus einen Stocka Als er nun aber mitten vor dein Tisch stand, raffte er sich mtt einem Ruck empor, stand wie ein Grenadier in der Front da und sagte: „Burcauschreiber Werner, meine Herren!" „Wenn«tan von: Wolf spricht.." murmelte der Garderoben- Händler seinem Nachbar zu. „Ah, Herr Werner," schnarrte der Protokollführer,„nja.. aber.. zu meinem Bedauern muß ich Ihnen sagen.. Sie.. Sie dürfen nicht wählen!" „Ich... Ich darf nicht wählen?!" fragte mit namenlosem Erstaunen der alte Mann. Er stand noch immer hochaufgerichtet. „Ja... bin ich denn ein Ehrloser, daß ich mein Bürgerrecht nicht ausüben darf?" „N... nein. Herr Werner... Wie können Sie denken... aber Sie haben im letzten Jahre Armeinrnterstützung empfangen, die nicht zurückbezahlt ist." „I... ch... ha— be.. Der alte Mann sank plötzlich völlig in sich zusammen.„Und dann... bin ich ehrlos?" stotterte er. „Nein, es ist nur eine Wahlvorschrist," suchte der Vorsitzende zu begütigen. „Aber... es ist auch garnicht wahr", rief der Greis plötzlich mit frischerwachender Energie.„Das ist eine Niedertracht. Hören Sic, meine Herren," rief er sehr laut, sein Gesicht glühte und seine matten Augen bekamen plötzlich einen hellen Schein.„Aller- dings bin ich während meiner langen Augenkrankheit zum Armenborstehcr gegangen und habe ihn gebeten, ob er nicht für mich alten Veteranen etwas thun könne. Ich hätte mir ja immer nnt Schreibarbeiten so gut durchgeholfcn. Aber nun ging es doch nicht! Und da hat er gesagt, er wolle mir etwas Geld aus einer Wohlthäugkeitskasse verschaffen. Da sagtt ich, es darf aber nicht die Armenkasse sein, denn dann verliere ich meine ehrlichen Bürgerrechte. Nein, nein, sagte er, es ist eine Privatkasse. Und dann schickte er mir Geld, und ich meinte, es sei von einem Veteranen- verein... wie er inir gesagt hatte." „Ja, hier steht Armenkasse!" sagte der Vorsitzende achsel- zuckend. „Nun bin icki also mit einem Male ehrlos.... nun steh' ich vor Ihnen allen da in gleicher Sttlfe mit einem Verbrecher, einem, der im Zuchthaus gesessen hat... Nun weiß ich es doch endlich — mit 72 Jahren mußt' ich es lernen— das Armuth.... Schande ist!" Er preßte die fteie linke Hand— die rechte hielt den Stock— gegen die Augen, drehte sich sehr schnell herum und wankte fast taumelnd hinaus. „Es geht doch nichts über eine gerechte Gesetzgebung," sagte ironisch der Schullehrer. „Na, sollen denn auch noch alle Armenhäusler Wahlrecht haben?" ftagte wiithend der Assessor, offenbar in der Bemühung, durch die schärfe Antwort seine unbehagliche Stimmung abzuschütteln.— Vleinrs Fenillekon. eck. Der Gcldsack thut es. In Toronto ging an einem Sonn- tage ein Mitglied einer sehr frommen Sekte in die Kirche und zwar in' Begleitung eines Negers. Vor der Kirchthür begegnete ihnen ein anderes Geiiicindeglied und nahm den frommen Bruder zu einer kurzen Aussprache bei scite. „Bruder Smith, was fällt Dir ein?" „Was meinst Du?" „Du willst einen Neger mit in unsere Kirche nehmen? I" „Warum sollte ich nicht? Er ist ein gescheuter, wohlerzogener Mann." „Wer fragt darnach? Er ist ein Neger!" »über ich bin mit ihm befreundet." „Was geht das uns an? Du kannst doch nicht unserer ganzen Gemeinde einen solchen Schlag ins Gesicht versetzen!" „Er ist so gut ein Christ wie>vir, ja, mehr noch, er gehört in Boston ebenfalls unserer Sekte an." „Als ob das die Sache an sich milderte! Laß ihn doch in Boston mit seinen schwarzen Brüdern beten!" „Aber er ist ein Mann von fünf Millionen Dollars." „Ein Mann wovon?" „Ein Mann von fünf Millionen Dollars!" „Fünf Millionen Dollars! Bruder Smith— stelle mich dem Mann vor!"— Theater. — Bahr contra S chlenther. In der Wiener Wochen- schläft:„Die Zeit" veröffentlicht Hermann Bahr einen wüthenden Arttkel gegen den Direktor desj Burg-Theaters. Der Attikel hebt an:„In diesen Tagen soll es sich entscheiden, ob Herr Schlenther gehen muß oder am Burg-Theater bleiben darf. Da ist es wohl an der Zeit, einmal die fünf Monate— seiner Thätigkeit kann man das ja kaum nennen, aber sagen wir: Anwesenheit bei uns ein wenig zu bedenken. Ich will referircn, wie es ihm ergangen ist, wie er begonnen hat, was er that, was er ließ, wo er am Ende verblieb und wie wir uns also mit ihm, für ihn oder gegen ihn, wenn es ihm erlaubt werden sollte, daß er bleiben darf, zu ver- halten haben werden. Es dauerte ein bischen lang, bis er über- Haupt begann. Er hatte etwas viel mit Bücklingen durch alle In- stanzen, Rührungen über den gewissen„Geist des Burg-Theaters" und Angelobungen an seine Clique im Kottage zu thun und kaum war er mit der Bewunderung des alten Intendanten fertig, so fing er mit der des neuen von vorire an: nie ist allen Funktionären inständiger, flehentlicher hofirt und geschmeichelt worden. Ich weiß nicht, ob das so klug gewesen ist, als der Herr Schlenther meint. Er kennt die Wiener nicht. Die Wiener haben es nicht sehr gern, wenn jemand in alles hineinkriecht, und mit einem Erstaunen, das von Mißachtung nicht mehr gar zu fern war, sahen sie zu, wie der Berliner Gelehrte auf einmal die albernsten Phrasen der Wiener Vorstadt anzustrndcln mit jedem Bänkelsänger um die Wette beflissen war." Nach Bahr's Meinung ist Schlenther alles, was er unternommen, mißglückt. Die neuen Stücke, die er auf- geführt, sind durchgefallen; die von ihm„entdeckten" Talente sind durchgefallen i die aus der Provinz hcrbeigettommelten Gäste— „sie fielen durch, alle fielen durch." Durch Schlenthcr's Direkttons- führung ist das Burgtheater verödet. Die wenigen guten Momente, die unter der neuen Direktion zum Vorschein gekommen, seien alle noch auf die Thättgkeit Burckhard's zurückzuführen. Es gebe nur eine Rettung: Man müsse wieder auf die Methode Burk- hard zurückgreifen. Der Attikel kommt zu dem Schlüsse: „Herr Schlenther mag wählen. Weigert er sich, die Tradition Burck- hard's anzunehmen, und bleibt er dem Dittat seiner Wähttnger Klique gehorsam, so dauert es kein Jahr und man jagt ihn mit Schimpf und Schande davon. Ist er klug, nimmt er die Tradition Burckhard auf und bescheidct sich, ihr großes Andenken treu zu verwalten, dann werden wir vielleicht vergessen können, wie er zu uns gekommen ist und tvie er bei uns begonnen hat. Mag er wählen. Er hat sein Schicksal in der eigenen Hand!"— Musik. -er-. Neues Opernhaus. Der heurige Sommerumzug zu Kroll hat sich mit einer Neucinstudirnng von Auber's„Stu mm e von Portio i" vollzogen. In vielen Theilen gehött auch sie zu den fünfaktigcn Effektopern der einstigen Pattser„�.oacksmis irnxorials", über deren Unwahrscheinlichkciten und Uebertreibungen in szenischer, deren falschem Pathos und hohlem Spektakel in musikalischer Beziehung ein immer dichterer Staub sich lagerte. Einzig in dem Männerduett und in der Barcarole des zweiten Aufzuges, in einigen Rezitativen und in den Volksszenen hat sich ein lebendiger dramattscher Ausdruck erhalten, und melodische Bcrcdtsamkcit besitzt nur das Schlummerlied und der Abschied Masaniello's von seiner Fischerhütte. Eine in jeder Hinsicht kraftvolle Leistung bot Herr S y l v a als Masaniello, wenn ihm auch zu entscheidenden Wirkungen der Glanz einer fttschen Höhe fehlte. Fräulein D e l l' E r a standen als Dar- stellerin der Titelrolle beredtes Mienenspiel und eindringliche Geberdcnsprache zur Verfügung: sie zeigte sich als bedeutsame Schau- spielerin ohne übettriebene Balletzugaben. In zweiten Partten schufen Frau Herzog, die Herreil H o f m a n n und N a v a I mehr als konventionelle Opcrnfiguren. Die Ausstattung erregte Be- wunderung, und in den Volksszenen herrschte mehr als stereotypes Chor- und Statisteilfcucr.— Geographisches. — Ueber die dänischen geographischen Unter« suchungen im Jahre 1898 schreibt der„Globus": Die Vernressung und Kartirung der F a r- O e r, welche im Jahre 1895 begonnen wurde, wird in diesem Jahre die nördlichen Inseln umfassen, während Sandö und Syderö mit Fixpunkten und Nivellement versehen werden sollen. Der Schoner„Diana" wird in diesem Jahre Ver- Messungen an der Küste von Island vornehmen. Es ist die Absicht, die Untiefen und die Fischbänke bis hinaus zur 100-Mcterlinic zu vermessen und Untersuchungen über die Temperatur, den Salzgehalt, die Bodcnbeschaffenheit und sonstige für die See- und Fördenfischerci wichtige Verhältnisse anzustellen. In diesem Jahre sollen die Süd- und die Ostlüste in Angriff genommen werden� — 4 Sti). Thc>roddsen wird i:t tiefem Sommer das Hochland am Lang- Joknll inr Innern Islands untersuchen, wo große Seegrnppen Juub unbekannte Lavaströme vorkonnnen. Mit dieser Reise gelangen seine systematischen geographisch- geologischen Untersnchllngeii nach dein ursprünglichen Plane znin Abschlug. Seine erste größere Reise auf Island unternahm er im Fahre 1882, und seit dieser Zeit hat er die ganze Insel bereist, nicht nur das vorher wenig be- kannte Hochland, sondern auch alle Ansiedelungen, Halb- inseln und Förden. Kapitän Daniel Brunn wird in diesem Sommer seine llntersuchungen ans Fär-Oer und auf Island fortsetzen. Im Monat Mai beabsichtigt er nach Fär-Oer abzugehen, um hier seine im Jahre 1896 begonnene Untersuchung der Denkmäler der Vorzeit zu vollenden. Alsdann geht er nach Island, um an der westlichen und nordwestlichen Seite der Insel ähnliche Untersuchungen ins Werk zu setzen. Hier wird er auf den Kjölen und den Sprengesandsweg Warten errichten, damit diese alten Heidewege wieder dem Verkehr zwischen den, Norden und dem Süden der Insel eröffnet werden können. Das Innere der großen D i s k o i n s e l ist wohl der am wenigsten bekannte Theil des dänischen Grönland. Ter hier herrschende gänzliche Mangel an Rennthiere» hat zur Folge, daß die Grönländer selbst niemals das Innere besucht haben. Die Kommission für die geologische und geographische Untersuchung Grönlands hat beschlossen, die Insel eingehend untersuchen zu lassen und mit dieser Untersuchung den Geologen Dr. K. I. V. Stennstrup betraut. Die Untersuchungen werden namentlich die glaeinleii Verhältnisse im Innern, Pflanzenversteinerungen und das tellurische Nickeleisen betreffen.— Medizinisches. k. Fremdkörper im Gehirn. Noch einige Jahrhimderte nach Christi hielt man die Schädelkapsel für nichts anderes als einen Abfuhrplatz für unreine Säfte des Körpers, die sich hier in Form eines eitrigen Breis, als den man das Gehirn ansah, sammelten. Erst allmälig hat sich die Lehre von den Funktionen dieses überaus wichtigen Organs entivickelt. Heute wird, im Gegensatz zu der früheren Anschauung, die Bedeutung des Gehirns für das Leben von den Laien meistens überschätzt. Man ist heute vielfach der Ansicht, als dürfte auch nicht der kleinste Theil des Gehirns zerstört werden, ohne daß das Leben aufs ernsteste gefährdet sei. Den: ist jedoch keiueslvegs so. Es können vielmehr verhältniß- mäßig große Partien zerstört werden, ohne daß irgend welche Lebens- gefahr eintritt. Ja es kann sogar in solchen Fällen die Funktion sämmtlicher Organe erhalten bleiben, es braucht nicht einmal die Intelligenz in Mitleidenschaft gezogen zu sein, so daß die einzigen Beschwerden in von Zeit zu Zeit auftretenden Anfällen heftigen Kopfschmerzes bestehen, die sich aber oft später wieder verlieren. Die Schwere der Folge-Erscheinunge» hängt natürlich ab von der Art der verletzten oder zerstörten Hinitheile.— In den ärztlichen Annale» liegt ein Fall ausgezeichnet, wo ein Arbeiter, der beim Ban eines Tunnels mit Sprengen von Felsstücken beschäftigt>oar, mit einer langen Eisenstange, mit der er die Dynamitpatronen in die Bohrlöcher schob, unvorsichtig umging, so daß eine Patrone platzte, und die als Geschoß wirkende Stange ihm unter dein Auge eindrang und am Scheitel wieder aus dem Kopf herausfuhr. Nach mehrmonatlicher ärztlicher Behandlung lebte der also Verletzte noch zwölf Jahre.— Heute läßt mau in der Regel in das Gehirn ein- gedrungene kleinere Fremdkörper, etwa Revolverkugeln, ruhig stecken� denn erstens pflegt, ivenn der Tod nicht bald»ach der Verletzung eintritt, das Leben nicht weiter gefährdet zu fein, und ferner wäre eine Operation nichts weniger als ungefährlich.— Ans dein Gebiet der Cheinic. — Chlorophyll und Hämoglobin. Eine interessante Entdeckung hat der Chemiker M a r ch l e w S k i im Laboratorium des Dr. Schunck in Manchester gemacht. Sie bezieht sich auf die Chemie des Chlorophylls oder Blattgrüns, das im Leben der Pflanzen so wichtige Funktionen versieht. Durch Einwirkung starker Säuren ans Chlorophyll erhält man einen bestimmten Körper, und wenn man diesen in geschlossener Röhre mit Alkali behandelt, so ent- steht Phyllopurpurin, ein in rothen Nadeln krystallisirender Stoff von bemerkenswerthen Eigenschaften. Behandelt man Hämoglobin, den Farbstoff des Blutes, in ähnlicher Weise, so erhält man einen dem Phyllopurpurin verwandten Körper, das Hämatopurpurin. Die Aehnlichkeit beider Körper ist in hohem Maße auffallend. Beide sind roth und geben rothe Lösungen' beide kenn- zeichnen sich starken Säuren gegenüber als schwache Basen: beide entwickeln, erhitzt, Pyrrol-Ranch; die ätherische Lösung beider giebt ein siebenbäiidiges AbsorptioiiS-Spektrum, und die Stärke und gegen- seitigeLage der Bänder ist bei beiden Körpern vollkommen gleich, der einzige Unterschied besteht darin, baß die Bänder des Hämatopurpurin- Spektrunis um ein ganz Geringes näher dem rothen Ende des Spektrums liegen. Auch in ihrer Zusammensetzung nähern sich beide Körper. Die Aehnlichkeit eines Abkömmlings des wichtigsten physiologi- scheu Faktors im Leben der Pflanzen mit einein ähnlich erhaltenen Abkömmling des Hämoglobins, das im Leben der Thiere eine loichtige Rolle spielt, verdient die Aiisinensainkeit der Forscher in hohem Grade. Professor Nencki, eine anerkannte Autorität auf dein Gebiete der Blutfarbstoffe, äußerte sich über die Bedentiing der Marchlewski- schen Entdeckung, daß sie geeignet erscheint, einiges Licht zu bringen in den Entwickelilngsborgaua, den die chemische Zusammensetzung organisirter Gebilde in früheren Zeitaltern durchgemacht hat; man P.'.'anlworllicher Relakleur: Slugnst Jarobcy i» Ä '6— könne annehmen, daß in dem Matze, wie sich die organisirten Ge- bilde verändert haben, auch die Stoffe, aus denen sie bestehen, all» mälig andere Zusammensetzung annahmen.— Technisches. — II e 6 c r einen neuen Sprengstoff„D y n a m m o n' wird ans Eisenerz berichtet: Am 17. Mai und Z.Juni d. I. wurden im Erzbergbaue der ersten österreichischen Alpinen Montan-Gesell- schaft größere praktische Versuche mit„Dynammon", dem neuen Sicherheitssprengstoffe der Kriegsverwaltung, sowohl am Tagbaue als auch in der Grube mit dem besten Erfolge durchgeführt. Wie verlautet, haben mehrere Bergwerksunternehmungen sowie die genannte Gesellschaft, welche rücksichtlich des Bezuges von Dynamit gegenüber der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel vertragsmäßig gebunden lvaren, beschlossen, in ihren Bergbauen fernerhin den Sprengstoff„Dynammon" zu verwenden.„Dynammon" ist im technischen Militärkomitee erfunden worden und gehört zu jenen nicht kriegsmäßigen Sprengmitteln. welche das Reichs-Kriegsministerium für industrielle Zwecke erzeugen läßt. Das„Dynammon" hat den großen Vortheil, daß es nur init einer Sprengkapsel entzündet werden kann, sonst aber ganz unempfindlich ist. Demgemäß ist dessen Transport mit jedem Eisen- bahnzuge oder sonstigem Vehikel ganz gefahrlos möglich und ein Mißbrauch mit demselben ohne Anwendung der entsprechenden Sprengkapseln ebenfalls ganz ausgeschlossen. Es ist also ein wirk- licher„Sicherheits-Sprengstoff".— Humoristisches. — Wörtlich ausgeführt. Ein Parlamentskandidat, der soeben eine langathnnge Rede vorn Stapel läßt, ruft pathetisch aus: „Ja, meine Herren, ich gehe noch einen Schritt weiter!"....... Damit trat der Kurzsichtige in seinem Enthusiasmus über den Rand der Rednerbühne hinaus und fiel zwischen die unten sitzenden Reporter.— — Der Kunst»Protz in der Ausstellung.„Else. bleib''nicht so' lang' stehen, sonst glauben de Leit, mer sein's erste M a l in'r Ausstellung!"— — Er weiß es. Mutter:„O Jimmy, ich glaube. Du weißt wirklich nicht, wie man es anfangen muß, ein guter kleiner Junge zu werden!" Jimmy:„Doch, Mama, ich weiß es. Man muß immer das nicht rhu»,>vas man am liebsten thiiu möchte."— Vermischtes vom Tage. — Bei der Reichstagswahl in E l b i u g erschien auch mit ordnungsmäßig züsammengesalteiiem Zettel ein Chinese vor der Urne, wurde aber natürlich seinen Zelle! nicht loS.— — Das Dorf B i S k u p i n bei Rogowo wurde durch eins Feuers brunst größtentheilS eingeäschert.— — E in 300 jähriger Prozeß wegen eines WaldeS von ea. 2000 Hektar zwischen der Gemeinde B u rgsi» n und einer Familie von T h ü n g e n wurde nunmehr endgiltig zu Gunsten der Gemeinde entschieden, indem die Berufung gegen das Unheil deS Landgerichts Würz bürg vom Oberlandesgericht in Bamberg verworfen wurde.— — In Hermsdorf(Schlesien) ermordete am Sonntag ein Schuhmachergeselle in der Abwesenheit des Meisters dessen Frau und achtjährigen Sohn.— — Eine reiche Gutsbesitzerin in Karlsbad versuchte, den bei ihr wohnenden elfjährige» Neffen durch Hunger sterben zu lassen, um sich in den Vesiv seines beträchtlichen Vermögens zu setzen.— — Bei einer„wissenschaftlichen Produktion über Suggestion" in Wien, die„Professor" Krause aus Neiv-Aork ausführte, fiel ein IZjähriger Junge in hypnotischen S rl, l a f und konnte zunächst nicht wieder geweckt werde». Erst am folgenden Tage erwachte er nach lOstündigem Schlafe. Der Vorfall verursachte große Aufregung. die Produktion mußte abgebrochen werden.— — Der- Komponist Giuseppe Verdi stiftete 2 Millionen Lire zur Errichtung eines Heims für arme alte Musiker in Mai- laud und stellte außerdem eine jährliche Stimme von 300 000 Lire zur Unterhaltung der Anstalt sicher.— c. e. E i n c n Riefen s ch w i» d c I haben die Bewohner von Bnsnluk. Gouvernement Ssamara, 6 bis 7 Jahre lang getrieben. In allen Zeitungen priesen sie die Wunderkräste der K n s in i t f ch e n E p h e d r a bei alle» möglichen Krankheiten an, und auf Bestellungen sandten sie dann gegen schweres Geld wohlverpacktes— H e u. Eine Broschüre gab eS bei Abnahme von 2 Pfund errra. Aus einem Fuder Heu, das ZRubel kostete, schlugen sie so 1200 bis 1800 Rubel heraus. Jüngst tvurde ihnen mm das Handwerk gelegt. 3 Millionen Reklameplakate und mehrere hundert Pud Heu in Pfuudpacketen wurden konfiszirt.— t. Das englische Vermögen, daS ans dem Meere schwimmt,■ wird für jedes Jahr ans über 22 Milliarden Mark geschätzt. Rechnet man den Werth der Schiffe, deren Ranmgehalt lO'p Millionen Tons übersteigt, mit ein, so steigt der Werth des schwimmenden Vermögens auf 24'/:- Milliarden. Das in Eng- land selbst ruhende Vermögen beläuft sich dagegen im Gesammtwerth nur auf 3,2 Milliarden, macht also nur ein Achtel des ersteren ans.—_____ rli». Druck und Verlag von Skkax Vadiug in Berlin.