Mnterhaltnngsblatt des Vorwärts Nr. 120. Mittwoch, den 22. Juni. 1898 (Nachdruck verboten� 161 Mnr die Fvvrheik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1523. Von Robert Schweichs l. „Mich erstaunt solches mit nichten," bemerkte Florian Geyer mit rauher Stimme.„Das ist derselbe Eigennutz, die- selbe Habsucht, die das Reich von seiner Höhe so tief herab- gestürzt haben. Das Reich kümmert unsere Ritter, Grafen, Fürsten keinen rothen Heller. Wo für sie kein Vortheil her- ausluget, da kann ihretwegen selbst der Ungläubige das Reich durch Schwert und Feuer verwüsten, sie rühren keinen Finger, noch rücken sie den Daumen von ihrem Säckel." Der aufwartende Diener hatte mittlerweile die Tafel er- gänzt und an deren oberes Ende für den Gast den Lehnstuhl vom Kamin geschoben. Der Hausherr füllte zum Willkomm die Becher. Es war köstlicher Wein, der andensonuigen Abhängen des Marienberges bei Würzburg gedeiht, und Wendel Hipler kostete ihn mit feiner Zunge.„Ein vorzügliches Gewächs," bemerkte er.„Diejenigen, so ihn im Schweiße ihres An- gesichts bauen, bekommeu ihn leider nicht zu kosten, und so ist es mit allen guten Dingen. Sie mähen die Wiesen, Pflügen die Aecker, säen den Flachs, reißen ihn heraus, rösten, waschen, brechen und spinnen ihn, klauben die Erbsen, brechen Möhren und Spargel— alles für die Herren. Selbst das gute Wetter ist nur für diese; denn da müssen für sie die armen Leute schaffen, mag auch auf deren Feld die Frucht im schlechten Wetter.verderben." „Gott sei es geklagt, daß es so ist, Herr Hipler," pflichtete ihm die junge Frau bei, die über seinen Worten wieder in das Zimmer gekommen war, nachdem sie noch die Bereitung einer Eierspeise angeordnet hatte.„Doch jetzt bitte ich, es sich schmecken zu lassen." Wendel Hipler hatte einen tüchttgen Ritt gemacht, und sein Appetit bedurfte daher keiner Ermunterung. Dabei ver- gaß er der Unterhaltung nicht. Des Spruches eingedenk, daß Politik den Frauen leidig sei, erzählte er von der Wunder- stadt, woher er eben kam, von ihren edelen Kirchen und malerischen Häusern, ihren schönen Brunnen und sonstigen Kunsffchätzen in Farben, Erz und Stein. Frau Barbara, die nur das eine Stunde von Schloß Rimpar entfernte Würzburg kannte, lieh ihm ein austnerksames Ohr. Der Ritter hörte nur zerstreut zu; ihm summten die Töne nach, die der Gast vorher angeschlagen hatte; er verrieth es durch die Frage:„Und die Nürnberger, woraus sind die gemacht?" „Ei, das sind gar kluge Leute," gab Herr Wendel mit einem leisen Lächeln zur Antwort.„Sie mögen gern das Gute schmausen und fragen nicht danach, ob des Nachbars Teller leer sei. Web ihnen nützt, dem helfen sie, so es ihnen nicht Schaden bringt. Sie haben die Zünfte bei Zeiten zum Rath gelassen, so daß der Sturm, wann er kommt, an ihren Mauern sich brechen wird." „Und kommen wird und muß er," sagte der Hausherr nachdrücklich. Der Gast zuckte mit einem bedeutungsvollen Blicke die Achseln. Es drängte ihn selbst aber zum reden. Er schob daher bald seinen Teller zurück, und als Frau Barbara die Männer bei dem Weine allein ließ, sagte er nach einem Schlückchen aus seinem Becher:„Wahrlich, mich erbarmt des Jammers der armen Leute im tieffteu Herzen, und wenn wir die günstige Gelegenheit nützen, die sich uns bietet, so ist die Stunde ihrer Befreiung nahe zur Hand." „Welche Gelegenheit meint Ihr?" fragte der Ritter mit großer Spannung. „Die Machenschaften des vertriebenen Herzogs Ulrich, der auf dem Hohentwiel heimlich rüstet, um Württemberg wieder einzunehmen." „Darum weiß ich," bestättgte der Burgherr.„Meine Freunde, die sich nach dem Fall von Landstuhl in die Schweiz retteten, haben es mir vermeldet und mich aufgefordert, dem Herzoge mich gleichfalls anzuschließen.— Niemals!" „Einer anderen Antwort war ich von Euch nicht ver- muthend," gab Herr Wendel zu.„Es soll aber in Württem- berg alles anders werden. Der Herzog läßt dort verkünden, daß er den armen Mann des Joches entledigen und fortan väterlich Regiment üben werde. Er selbst reitet am Unter- see und im Schwarzwald um und thut leutselig mit den Bauern." „Es mag ihm freilich gleichgiltig sein, ob ihm Stiefel oder Schuh, Edelmann oder Bauer wieder zur Herrschaft hilft," rief Florian Geyer mit gerunzelter Stirn.„Aber er und das Volk befreien! Er, dessen ganze Herrschaft eine Kette von maßlosen Bedrückungen, Schlechtigkeiten und Verbrechen war I Bildet er sich etwan ein, daß die Württemberger die Grausamkeit vergessen haben, mtt der er die Bauern im Remsthal sttafte, als sie die Roth zum Bund des armen Konrad zwang? Daß vergessen ist seine Nimmersatte Vergnügungs- und Prunksucht, die ihn gewissenlos nach allen Mitteln greifen ließ und das Land fast an den Bettelstab brachte? Vergeffen, wie er das Gewicht und das Geld fälschte, das Recht bog und mit allen Aemtern Schacher trieb? Vergessen der feige Meuchelmord, den er an seinem Freunde, dem Vetter Hutten's beging, well ihn nach dessen schönem Weib gelüstete? Vergessen seine ganze Wüstheit, die aus Württentberg ein Sodom und Gomorrha machte, so daß sein Gemahl zu den Ihrigen in Bayern flüchten mußte? Kann das alles vergessen sein, wenn auch ttotz der furchtbaren Anklagschrift Ulrichs von Hutten das Ohr der Gerechtigkeit taub blieb?" „Es tväre auch taub geblieben wegen seines Ueberfalles von Reutlingen, nur daß von den Herren keiner dem anderen den fetten Bissen gönnte," antwottete Wendel Hipler gelassen. „Ob die Württemberger etwas von alle dem vergessen haben, ist mir nicht bekannt. Vielleicht nicht. Dennoch wird dort Bauer und Bürger sich für ihn erheben, sobald er das Zeichen giebt. Die Hoffnungen der Unglücklichen sind leicht erregt und die österreichische Herrschaft ist in Stadt und Land über die Maßen verhaßt. Und weil es dem Hause Oesterreich gilt, darum giebt dessen alter Wider- sacher König Franz das Geld zu den Rüstungen des Herzogs, und die Vororte der Eidgenossen haben ihm Zuzug versprochen. Oder vermeinet Ihr etwa, Herr Ritter, daß der Herzog die französischen Kronen nicht nehmen sollte? Ei, es ist ihm bei der letzten Kaiserwahl manch deutscher Kur- fürst mit seinem Beispiel vorausgegangen und hat das französische Geld ohne Gewissensbisse eingesteckt, um für den welschen Franz gegen den hispanischen Habsburger Karl zu stimnien." „Man müßte sich fürwahr fast schämen, ein Deutscher zu sein," knirschte Florian Geyer.„Wenn der Herzog über keine weiteren Hilfsmittel verfügt, als die von Euch erwähnten, Serr Wendel, dann wird er sich auf feinem wiedergewonnenen whl nicht lange zu behaupten vermögen, so geschickt er seine Zeit abgepaßt hat. Der Frundsberg hat den Sommer über allettvärts im Reich die Werbepatente umschlagen lassen, und was von Lanzknechten müßig ging oder unlustig zur Ar- beit war, ist dem Kalbfell zugelaufen und über die Alpen geschickt. Was mit dem Herzog, wann in der Lombardei der alte Span zwischen Deutschland und Frankreich auS- gefochten ist?" „Ihr habet den Punkt berührt, der für uns von Wichtigkeit ist; was kümmerten uns sonst die Machen- schaften des Herzogs?" erwiderte der ehemalige Kanzler. „Worauf er sonst zählt, das ist die Verzweiflung der armen Leute im ganzen Reich. Ileberall glimmen die Kohlen unter der Asche und seine Unterhändler blasen sie aller- wärts geschäftig an, vom Schwarzwald bis zum Böhmer- Wald. Des Herzogs gar geschickter Kanzler, der Ritter und Doktor Fuchsstein—" „Hat sich zu Kaufbeuren als Prediger des Evangeliums und Anwalt der Bauern aufgethan," unterbrach ihn Herr Florian.„Das weiß ich. Er sitzet dort inmitten der Bauernschaften des Bischofs von Augsburg, des Fürstabts von Kempten, des Abts von Jrsee und vieler weltlicher und geist- licher Herren zwischen Jller, Lech und Donau, hart an Baicrns Grenze." „Dessen Herzöge von Böheim und Schwaben her zugleich angegriffen werden sollen, um sich zwischen sie und den Schwäbischen Bund zu schieben," ergänzte Wendel Hipler. „Ich hab's mir gedacht." sagte der Burgherr.„Aber Ihr wisset es, wie es scheint, genau." »Wie ich von Hause auf Nürnberg ritt, traf ich zu Heil- bronn im Falken den Ritter Stephan von Menzingen, der nach Rothenburg wollte," erklärte der Gast mit einem feinen Lächeln. „Den Menzingen?" rief Florian Geyer überrascht.„Den Menzingen, der damals den Absagebrief des Herzogs Ulrich an den Schwäbischen Bund mit unterzeichnet hat und in dessen Hut des Herzogs Kinder auf Hohentübingen zurückblieben? Und der ging nach Rothenburg trotz seiner Händel mit dem dortigen Rathe?" „Derselbe." bestätigte Wendel Hipler.„Er hat sich zu Recht erboten und der Rath ihm freies Geleit gewährt. Vorerst ging er nach Reinsburg, um die Seinigen abzuholen, damit er in Rothenburg völlig unverdächtig erscheine. Beim Becher gab ein Wort das andere; ich hehlte ihm nicht, daß ich den Grafen von Hohenlohe zu Werk schneide, wo ich kann, und er ging offen mit der Sprache gegen mich heraus. Mit den Frühlingsstürmen gedenket der Herzog von Hohentwiel vorzubrechen. Lodert alsdann der Brand überall im Reiche auf, dann werden die Herren ein jeder für sich sattsam zu schaffen haben, so daß sie dem Herzog keinen Widerstand zu thun vermögen." „Und an solch' gewaltigem Feuer gedenket der Herzog sein Süpplein zu kochen?" hohnlachte Herr Florian.„Ja, fürchtet er denn nicht, daß der Topf auskocht, ehe daß die Suppe gar ist?,, Wendel Hipler sah ihn mit einem schlauen Blicke an und sprach:„Er kennt wohl nicht das weise Sprüchlein des Kardinals von Cusa. Es lautet zu deutsch: Als wie die Fürsten das Reich verschlingen, also werden die Völker die Fürsten ver- schlingen. Mag der Herzog den Wurf wagen, der Gewinn ist des Volkes." Er schänkte sich ein und trank in kleinen Zügen. Florian Geyer saß in Nachdenken versunken. Dann stand er auf und schritt hin und her. Nach einer Weile blieb er vor dem Gaste stehen und sagte mit verdüsterten Mienen:„Ich müßte es als einen Verrath an der Freiheit schätzen, wenn wir die günstige Gelegenheit, so der Herzog schaffet, nicht nützen wollten. Wir dürfen seinen Wurf nicht verhindern, wie es mich aber verdrießet, daß wir unsere reine Sache von seinem falschen Spiel nicht sondern können, ich kann es Euch nicht sagen." Wieder durch- maß er das Zimmer einige Male.„Aber es muß sein," schloß er, indem er stehen blieb und den Kopf emporwarf. »Frisch ans Werk, um den Kampf nach unserem Ziele zu lenken." „Ich ehre Eure Gesinnung," erwiderte der Gast mit einer Neigung seines geistvollen Kopfes.„Der Erfolg kann uns nicht fehlen. Denn wir haben nicht allein die Bauern für uns, die der neue Glauben zum Gefühl ihrer Menschenwürde erweckt hat, so daß sie die bislang erduldete Roth und Knecht- schaft wie einen Feuerbrand in ihrem Herzen empfinden. Auch die Bürgerschaft, insonderheit der freien Reichsstädte, wird zu uns stehen. Sie ist der Geschlechterherrschaft müde, und Hand- werk und Handel brauchen freie Ellenbogen, um sich nach Kräften zu rühren, und vor allen Dingen fürchten sie die mit allen Mitteln immer weiter um sich greifende Macht der Fürsten. Unsere Aufgabe ist, Raum zu schaffen für den Neu- bau des Reiches, der ein Tempel werden soll der Freiheit Aller!" „Mein Schwert ist des Volkes," sprach Herr Florian aus tiefer Brust. „Wie die scharfe Feder Weigand's," fügte Wendel Hipler hinzu.„Gesegnet sei diese Stunde, Herr Geyer von Geyersberg. Frisch an's Werk denn!" Er faßte die schwertgewohnte Hand des Ritters mit starkem Drucke und erhob sich zum Abschied. Siebentes Kapitel. Ter Wächter auf dem Rathhausthurme hatte eben die neunte Abendstunde angeschlagen, als aus einem der an- sehnlichen Häuser auf deni Kapellcnplatze eine vermummte Gestalt trat. Sie hätte des Mantels und des über die Stirn herabgeschlagenen Barettrandes nicht bedurft, um unerkannt zu bleiben. Denn die Sterne, die wie Juwelen am klaren Winterhimmel leuchteten und funkelten, erhellten allein die Straßen, eine andere Beleuchtung besaß Rothenburg nicht, und in den Erdgeschossen der Häuser waren überall die Fensterläden geschlossen. Nur selten brannte hinter denselben noch ein Licht. Die Stadt schlief bereits, und der nächtliche Wanderer, der bei der Marienkapelle am oberen Ende des länglichen Platzes in die Stollcngasse und weiter abwärts zur Rechten in die Rosengasse bog, begegnete keinem Menschen. Aus der Ferne nur klang der Schritt der Schaarwache durch die Stille. Ter Vermummte hielt sich auf der Straßenmitte, da an den Häusern vorspringende Stufen, Kellerhälse und Schweinekoben bedenkliche Hindernisse in der Dunkelheit boten. Auch war man an den Häusern vor plötzlichen Sturz- bädern bedenklichster Art aus den Fenstern nicht sicher. Etwa in der Hälfte der Rosengasse wandte der Verhüllte sich links in die Hofstatt, an deren Ende ein Thurm der Stadt- mauer unheimlich zum Sternenhimmel deutete. Vor einem schmalen Hause blieb er stehen und klopfte leise dreimal an den Fensterladen neben der Hausthür. Gleich darauf ward diese ohne Geräusch geöffnet und ebenso hinter dem Ein- tretenden geschlossen. „Ist er gekommen, Meister Etschlich?" fragte der späte Besuch mit gedämpfter Stimme im Flur, auf den ein Lichtschein aus einer offenen Stubenthür fiel. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Lpsrnnr Vttoblrisz fconsevrmtitf ivÄhlte. Alle Bewohner der kleinen Straße ließen bei ihm ihre Fuß- hülleir flicken. Neue Schuhe bestellte niemand bei ihm. Wenir sich loirklich einer der jungen Maschinenbauer, die in seiner Nachbarschaft in Schlafftelle lagen, ein Paar Stiefel extra anfertigen ließ, diese Eitelkeit kam dem jungen Mann thcucr zn stehen. Denn aus feinen Tanzsticfeln wurden unter Knoblich's Händen kernige Chaussee- Trittchcn. Knoblich wollte nun einmal seine Kunden auf großem Fuße leben lassen. Das alles schadete dem Schuster durchaus nicht. Der Spott fiel allein auf den Besteller. In einer Sache war Knoblich ein unerreichter Meister. Er ver- stand es, wie kein zweiter, die Wunden zu heilen, die Alter und Strapazen den Fußhüllen geschlagen hatten. Und das will etwas bedeuten in einer Gegend, die nur von den Eisenbahnarbcitern des ganz in der Nähe liegenden Güterbahnhofes mit seiner großen Reparaturwerkstatt bewohnt wurde. Ein Endchcn weiter hinter dem mir Gras bewachsenen Sandhiigel und dem kleinen, dürftigen Juden- kirchhof lag wohl noch eine Villa. Aber der Landrath, der dort mit einigen Schreibern und seiner Familie wohnte, fuhr stets auf den alten, zu Anlagen umgewandelten Wällen in die Stadt und kaufte in den Geschäften am Marktplatz, wo alle, die sich zur„Gesellschaft" rechnete», ihre Waare holten. Trotzdem er schon drei Jahre in der Villa vor dem Mühlenthor wohnte, und der Weg durch die Eisenbahnstratze viel kürzer war, als der an den Wällen entlang, war er bis jetzt noch nicht ein einziges Mal durch die Eisenbahn- straße gekommen. Die Arbeiter machten sich auch garnichts daraus. Sie sehnten sich durchaus nicht darnach, die kurze, gedrungene Gestalt mit dein weinrothen Kopf und den kleinen verschwommenen Augen zu sehen. Sie hörten so schon immer mehr von ihm, als seinem Ansehen bei ihnen zuträglich war. Sie wollten nicht glauben,� daß ihnen die Anwesenheit der Gendarmen, die er in ihre Vcrsamm- langen und zu ihren Mai-Ausflügen schickte, nützlicher sei, als wenn diese auf Spitzbuben und Messerhelden gefahndet hätten. Wenn des Abends die jungen Leute ihre durchgelaufenen Schuhe zu Knoblich brachten, war der Schuster immer einer der eifrigsten beim Aufzählen aller Morde, Brandstiftungen und Spitzbübereien, die noch unaufgeklärt, ungesühnt waren. Die Hacken glättend und in seiner breiten Weise lachend, meinte er:„Ja, dazu hat unsc Polizei auch keine Zeit nichl Die muß sich doch vor allem darum kümmern, bat unsereins kein Schild nich'n Zentimeter zu hoch und ein Sonnendach fünf Millimeter zu niedrig hängt, lind dann, was soll denn nur der liebe Gott denken, wenn mal Sonntags vormittags zwei Minuten nach zehn det Schau- senstcr noch nich verhängt is? Jedem frommen Menschen muß ja die Schmnrvthc ins Gesicht steigen, wenn er dann noch Schuhe und Strümpse so offen, so unverhüllt und unkcusch daliegen sieht. Es giebt zwar Menschen, die behaupten, die Stratzcnpassantcn trügen auch so lästerliches Zeug wie Schuhe und Kleider, und eine sonntäglich geputzte Kirchengängerin könne den gottgefälligen Sinn mit ihren Heiligen-Augen viel mehr nach dem Sündigen lenken, als ein un- verhängtes Schuhwaarenlagcr— aber die Obrigkeit thut ganz gewiß immer das Rechte.. Leider ist es schon mal so: Die meisten Menschen wollen nicht einschen, dat die Obrigkeit immer dat Beste für sie dhut und dat sie allcne weiß, wat zu dhun is... Ja. wenn die Obrigkeit man freisinniger wäre, dann sollte dat schon anders sein. Aber sie dhut man nichts für den kleinen Mann. Alle Gesetze machen uns nur Scherereien. Aber, wenn erst die Freisinnigen in der Regierung sind, denn wird det anders." Die jungen Leute widersprachen ihm dann wohl:„Auch die Freisinnigen kümmern sich um Euch Handwerksmeister blas wenn die Wahlen vor der Thür sind. Sonst aber treten sie nur für die Großkaufleute ein." Dann warf der Meister Knoblich seinen Hammer oder das kurze Ledermesscr auf den Tisch, sein Kopf schivoll an, so daß er in. dein Licht der Schusterkugel ganz roth aussah, und sagte mit erstickender Stinmie:«Das ist nicht wahr! Die Freisinnigen treten immer gegen das Junker- und Polizeircgimcnt ein I Sie wollen jeden Menschen leben lassen pnd werden auch dafür sorgen, fcofe das Handwerk wieder zu Ehren kommt. Ein Handwerker nmjz nur was Tüchtiges können, ein Paar Schuhe müssen unter seinen Händen ein Kunstwerk werden, dann wird's ihm schon gut gehen, wenn ihm die Polizei nicht so viel Scherereien macht. Seht Ihr, wat ein rechter Bürgersmann is, der bestellt sich seine Stiebcl beim Schuster. Aber Ihr und die Beamten und Landräthe, die laufen immer in die feinen Geschäfte... Wenn man erst die Freisinnigen in die Regierung kommen I... denn die find doch regierungsfähig! Aber Ihr?!... Ja, denn wird det anders, als jetzt mit den Landräthcn!" Wenn er auf dem Spaziergang, den er jeden Sonntag Nach- mittag mit seinen sechs Kindern mächte, an dem Garten der Land- rathsvilla vorüberkam, zeigte er ihnen die Siesta haltende oder im Schatten spielende Familie und wies auf den Sandhügcl hin:„Seht Ihr, diesen ausgedörrten heißen Fleck lassen sie Euch zum Spielen. Dabei könnten in dem Garten sich noch'ne ganze Menge Kinder tummeln, lind das ist doch Staatseigenthum! Ja, wenn da so'n freisinniger Bürgersmann drin wäre, der immer mit dem Volke gelebt hat, der würde schon die Gartenthüre für die armen Leute offnen. Der würde auch den Weg über den Sandhügel nicht scheuen, um bei Euren, Vater fem Schuhivcrk machen zu lassen. Und dann könnte ich doch zeigen, was für feine Stiefeletten ich machen kann. Und dann würde es uns anders gehen. Dann könnten wir uns bald ein Haus kaufen, denn alle feinen Leute würden nur zu Eurem Vater kommen." Also hatte der Schuhmachermeister geredet. Da kam die Wahl- zeit. Als rühriger Fortschrittsmann ging er in die Versammlungen der Konservativen, um ihnen ihre Sünden vorzuhalte». Am heftigsten wurde er, als der Laudrath selbst in Busse'S Salon auftrat. Da warf Knoblich ihn, vor, daß er sich garnicht um das Fortkommen der kleinen Leute bemühe, sondern sie nur fortwährend durch die Polizei schikanirc.„Bei Euch Konservativen sind wir kleinen Ge- werbetreibenden schlecht aufgehoben!" Damit trat er, von der un- gewohnten Anstrengung schiver keuchend, ans seinen Platz zurück. Seine Kollegen klatschten ihm heftig Beifall. Da verschwand das überlegene, wohlivollcnde Lächeln des Herrn Landraths, und er be- sprach sich sehr eingehend mit dem Vorsitzenden der Versammlung. Dann stand er mit der alten, amtlichen, verständnißinnigen Miene auf und versprach, von jetzt an„ganz besonders" für die kleinen Gelverbetrcibcnden eintreten zu wollen. Aber die Handwerksmeister verließen mit ihrem Wortftihrcr, dem Herrn Meister Knoblich, un- gläubig und unwirsch den Saal. Am nächsten Vormittag klappten die eilenden Hufe zweier Equipagenpferde durch die Eiscnbahnstraße. Die in den Läden ein- kaufenden Frauen sahen erstaunt hinaus; hier hörte man sonst nur den langsamen Trott von Last- und Ackerbürgerwagcii, und nun mit einem Male eine Equipage I Und, o Wunder I Der Landrath stieg bei Knoblich aus. Als am Abend mehrere Arbeiter ihre Stiefel, wie verabredet war, holen Ivollten, sagte Knoblich ganz kühl:„Ja, da stehen sie noch; ich habe jetzt keine Zeit dazu. Erst muß ich des Herrn Land- raths Stiefel machen!" Er beugte sich über ein großes Stück Lcder und rechnete und maß, und maß und rechnete. Das arbeitende Volk hatte mitleidiges Nachsehen, wie es bei Unglücklichen und Kranken stets gutmiilhig die tollsten Streiche ver- zeiht. Zwar verlangte es, durch zu lange Wartezeit ungeduldig ge- worden, sein Recht. Es erinnerte den Meister Knoblich daran, daß er nur durch die Arbeiter cxistire; ein junger Mann meinte sogar, Knoblich habe darum die Pflicht, es auch bei der Wahl mit den Arbeitern zu halten. Dann würde es auch ihm besser gehen. Aber Knoblich meinte, er wisse, was er zu thun habe. Der Landratb sei ein feiner Mann, der fühle mit dem kleinen Mann, der müsse ge- wählt werden. Und diese Meinung konnte er auch leicht seinen Kollege» beibringen, die. wie alle Spießbürger, innner dem ihrer Kameraden folgen, der den größten Mund hat. und die der Meinung sind, wer viel redet, denkt auch. Und es ist ihnen ganz bequem, so einen zu haben, der für sie denkt.... So kam es, daß die Freisinnigen diesnial nicht durchkamen, sondern der Landrath. Das heißt, er kam wenigstens in die Stich« wähl mit dem Arbeitcrkandidaten. Das machten des Herrn Land- raths neue Stiefel. Da nun aber für die Stichwahlen nichts zu befürchten ist, lassen die Arbeiter in ihrer schon erwähnten Nachsicht immer noch ruhig ihre Schuhe bei dem Meister Knoblich flicken. Selbstverständlich hat er sich nicht nur im Innern verändert; auch das Acußerc drückt seine konservatives Gesinnung aus: Sein runder, struppiger Fort- schrittsbart ist gefallen. Nur der Schnurrbart strebt, ähnlich wie bei dem Herr» Landrath und Hauptmann der Reserve, wie zwei breite Maler- Pinsel von den Backen in die Luft. Am meisten kränkt es dem Meister Knoblich. daß er keinem Kriegervereiii beitreten kann. Das wäre sein größter Stolz, so mit dem Zylinder, den Schießprügel über der Schulter, in Reih' und Glied durch die Straßen ziehen zu können. Aber leider ist er in seiner Lehrzeit so dumm gewesen, sich seinen Zeigefinger halb abzuschneiden. Nun muß er sein Schicksal schon in Geduld tragen. Kürzlich ging eine ganz gemeine Verleumdung durch die Stadt: Der Kutscher des Landraths, ein riesengroßer Kerl, trage die Stiefel, die Meister Knoblich dem Landrath angemessen hatte. Da? ist selbst- verständlich nichts wie eine Vcrleuindung, ja Verleumdung!-- Hans O st w a I d. LNetnvs JTeuillefim. ed. Religio» und Geschäft.„Wir möchten gern ein Boot miethen." sagten drei Touristen zu einem schottischen Bootverleiher, der zu ihrem Leidwesen gerade in dem Augenblick, als sie bei seinem Häuschen anlangten, dasselbe abschloß, um sich im Festgelvand und mit einem unifangreichen Gesangbuch bewaffnet, in die Kirche zu begeben. „Am Sonntag! Unmöglich!" sagte der fronime Mann tief entrüstet,„umso unmöglicher, äls ich Kirchenältestcr bin." „Wär's denn aber wirklich garnicht zu machen?" legten die Ruder- lustigen sich aufs Bitten.„Nicht für Geld und gute Worte? Wir zahlen das Doppelte von dem sonst gebräuchlichen Satz." Der Kirchgänger dachte ein wenig nach und sah sich dann vor- sichtig nach allen Seiten um. „In jener Bucht liegt ein Boot," sagte er mit gedämpfter Stimme.„Lösen Sie es ab und fahren Sie ohne Umstände davon. Ich werde hinter Ihnen her schimpfen! ober kehren Sie sich nicht daran. Morgen früh komme ich in Ihr Gasthaus und hole mir das Miethsgeld ab." Und die drei Reisenden hatten eine sehr vergnügte Bootfahrt, trotz des Hagels von Schimpfwortcn, die der fromme Kirchcnältcstc zum Schein hinter ihnen her schleuderte. Und pünktlich ani andern Morgen stellte sich der Fromme im Gasthanse ein, um sein Geld in Empfang zu nehmen.— Kunst. — Der jüngst verstorbene englische Maler Burne-JoneS war mit William Morris eng beftcundet. Im Exter Kollege zu Oxford schloß er mit dem jungen Morris, der dort ebenfalls theologischen Studien oblag, eine Freundschaft, die ihr Leben hin- durch währte und sie oft zu gemeinsamer, künstlerischer Thätigkeit verband. In der„Clrnrenckcrn Press" in Oxford sahen beide Ab- drücke von Werken der P r ä r a f f a e l i t e n, namentlich von Holman Hunt und Ross etti, durch die sie so begeistert wurden, daß sie zu Weihnachten 18öö nach London pilgerten, um Rossctti kennen zu lernen. Burne-JoneS sah Rossetti im Arbeiter-Kollegium Zeichenunterricht ertheilcn, scheute sich aber, ihn anzusprechen; schließlich lernte er ihn aber durch Vcrmittclnng eines Freundes keimen, und nachdem Rossctti die zeichnerischen Versuche des jungen Studenten gesehen, gab er ihm den Rath, die theologischen Studien aufzugeben. Fortan lebte Bnrne-Jones mit William Morris zu- sammen in London, beide mit künstlerischen Studien beschäftigt. Von Morris, der deni modernen englischen Kunstgewerbe die Wege wies, wurde Bnrne-Toncs zu dekorativen Arbeiten angeregt. Er lieferte Zeichnungen für Tapeten, Stickereien und hat selbst iii Metall gearbeitet. Seine weithin verbreiteten Glasmalereien wurden früher bereits erwähnt. Auch zahlreiche Illustrationen für Bücher hat er entivorfen. Mit Morris zusanimcii schuf er die berühmte Ausgabe Chauccrs, ein Wunderwerk der Kelmskottpressc.— Archäologisches. — Ein für die Geschichte der malerischen Technik be» dcntsamcr Fund ist dieser Tage in Hern-Saint-Humbert im Limburgischen in der Nähe einer alten römischen Straße von dem belgischen Archäologen Huybrigts gemacht worden. Er deckte nämlich ein römisches Grab aus dem dritten nachchrist- lichen Jahrhundert auf, welches offenbar einem Manne angehört, der gleichzeitig das Krieger- und Malerhandwerk ausübte. Neben zahlreichen Waffen und Bronzegeräthen aller Art, einem aus 1500 blauen, hellgrünen und dunkelgrünen Glasperlen zusammengesetzten Halsband mit Verzierungen fand man nämlich 20 kleine Bronzenäpfe mit Farbe darin, 20 gut erhaltene Pinsel und mehr als 150 Farben- stücke in allen möglichen Nuancen. Sicherlich werden einige dieser Farbenproben alsbald Chemikern zur Prüfung übergeben werden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die viclninstrittene Frage, mit was für Stoffen die Alten eigentlich gemalt haben, nunmehr eine Lösung finden wird.— Psychologisches. f. Ist der Wahnsinn a n st e ck e n d? Einen interessanten Fall von psychischer Infektion und induzirtem Jrrsein thcilt Riedel in der„Vierteljahrsschrist für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswcscn" mit: Ein Paranoikcr überträgt seine Krankheit in völlig gleicher Form ans seine erblich nicht belastete Ehcftau, die wegen hallucinatorischcr Paranoia mit Wahnideen in eine Irrenanstalt gebracht werden muß, und auch der Knabe der Eheleute zeigte bereits Symptome einer psychischen Beeinflussung. Die Mittheilung dieses Falles lehrt von neuem, daß die Möglichkeit psychischer In- fettion sowohl in der Form kritikloser Uebcniahme der Wahnideen des aktiven Partners, als auch felhständigcr Wcitercntwickelung der- selben vorhanden ist.— A>ts dem Gebiet der Chemie. — ss— Das Jubiläum des Chlorkalks. Es sind gerade 100 Jahre verflossen, seitdem sich der Engländer Charles Tennant seine hochbedeutsame Entdeckung, das Chlor in großen Mengen an KAIk zu binden und daraus erne Bleichflüssigkeit zu be- reiten, in Glasgow patentircn ließ