MnterHaltungsblatt des Vorwärts Nr. 122. Freitag, den 24. Juni. 1898 (Nachdruck verboten.) Zltn die Fvviheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. „Ich bin kein Gewaltmensch." widersprach jener.„Wie aber nennet Jhr's, Herr Altbürgermeister, daß der Doktor im Elend umirren muß von wegen seinem Glauben? Ist das auch Rechtens, daß einer deswegen verfolgt wird? Der lateinische Schulmeister hat mir alles erzählt. Mein Weib— Gott Hab' es selig!— war wie er aus Ohrenbach, daher kenn' ich ihn. Was hilft mir mein Glauben, wenn ich ihn nicht bekennen darf? Was hilft mir ein Recht, wenn ich's nicht kriegen kann? Was hilft da alle Geduld und alles Warten?" Sie waren mittlerweile im untern Hausflur angekommen und der Altbürgermeister fragte, indem er stehen blieb, mit Thcilnahme:„So ist die alte Wunde immer noch nicht ge- heilt? Ihr seid doch heute ein Mann, der gut im Stande ist." Das derbe Gesicht des Tuchscheerers schaute unfreund- lichcr als vorher, und tiefer drückte die Stirnfalte seine Brauen herab, als er antwortete:„Das Geld Hab' ich längst verschmerzt, aber nicht das schreiende Unrecht, so mir geschehen ist. Das grimmt fort und fort. Von meinem Recht lass' ich nimmer, es mag biegen oder brechen." „Ein verständiger Mann muß sich in die Verhältnisse schicken, die er nicht zu ändern vermag," hielt ihm der Alt- bürgermcister vor.„Ihr verhätschelt Euern Groll wie ein krankes fluid und macht es dadurch erst recht krank." „Ich will mein Recht," murrte flilian verstockt und schloß die Hausthür auf. Herr Ehrensried legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach eindringlich:„Der Stadt Wohl hat auch Rechte an Euch. Begrabet die Vergangenheit und gesundet l Gute Nacht, Meister!" Er'schritt in die Dunkelheit hinaus. Die Mahnung blieb auf Mian Etschlich wirkungslos. Sein Leben war ihm durch die erlittene Ungerechtigkeit ver- gällt. Immer nur darüber bei seinen Webstühlen grübelnd, war er fast menschenscheu geworden. Nun berührte es in neuester Zeit den wunden Fleck wieder schmerzhafter, daß er überzeugt war, der Rath werde die Exekution gegen Stephan von Mcnzingen eben so wenig ausführen, wie die gegen das Geschlecht der Trüb. Er selbst hatte ihn eines Tages so stolz durch die Gassen schreiten sehen, als gebiete er über die ganze Welt. Einige Tage später kamen in der Dämmerstunde einige Bekannte zu ihm, die in dem Rothen Hahnen auf der Schmied- gaffe, St. Johannis gegenüber, bei dem Vespertrunksich zusammen- gefunden hatten. Der Rothe Hahnen, dessen Wirth Hans Krätzer die Schwester des langen Licnhart zur Frau hatte, war die Trinkstube der Bürger. Es waren drei in ihren Zünften etwas geltende Meisler, die den Tuchscheerer in seinem Hause aufsuchten. Kaum in der Stube und während Kaspar die Schnabellampe auf dem schweren Eichentisch anzündet, so rief schon der bewegliche Meister Lorenz Dieni von den Kürschnern, indem er selbst lachte:„Heut kannst Du lachen, Etschlich—" „Denn der Roscnberg und der Finsterlohr haben den Rath mit derselben Münze bezahlt, wie er Dich!" fiel ihm der Schuster Melchior Mader mit einer knarrenden Stimme in die Rede. Mit seiner großen Nase und der hohen, breiten Stirn, unter der die Augen wie in sich gekehrt schauten, hätte man den Meister für einen Gelehrten halten können. „Ist halt wahr. Du kannst lachen." bestätigte der dritte Gast, der in feinem gedrungeneu, kraftstrotzenden Gliederbau wie ein Herkules unter den anderen erschien. Der Metzlcr- nieister Fritz Dalk war wegen seiner Stärke in ganz Rothen- bürg bekannt. „Aber was giebt's denn?" fragte flilian Etschlich, den Besuch der Reihe nach anblickend.„Doch setzet Euch, und einen Trunk werdet Ihr hoffentlich auch nicht verschmähen." „Nie," versicherte Fritz Dalk, obwohl sie eben vom Wein kamen, und Kaspar verschwand mit einem dickbäuchigen Krug im Keller, nachdem er zuvor die Fensterläden geschlossen hatte. „Er weiß wirklich noch nichts," verwunderte sich der ge« schmeidig schlanke Kürschner Lorenz Dient. „Nämlich der Rathsbote ist seit einer guten Stund' herein," erklärte Melchior Mader.„Und jetzt lärmt und rumort es auf dem Markt und in den Schänkcn. Die Stadt darf den Schimpf nit auf sich sitzen lassen; der Rath soll die Rüstkammern der Zunfthäuser öffnen. Im Rothen Hahnen fing einer sogar das alte Kriegslied zu krächzen an von dazu- malen, als die Stadt gegen den Wilhelm von Elem und seine adeligen Raubgesellen auf Ingolstadt auszog." „Ein Schneider war's: aber mehr als den Anfang wußte er nicht," lachte Lorenz Diem.„Nu also! Der Rath hatte den Fingerling ausgeschickt, daß er von den beiden Junkern Strafe und Schadenersatz von wegen dem Rummel am Drei- königstag einziehen sollte. Der Fingerling als ein kluger Hahn, der er ist, klopft zuerst in Laudenbach an. Der Junker Philipp aber nimmt das Mandat garnicht an, sondern lacht ihm ins Gesicht und höhnt, daß er dem wohlweisen Rath einen Gulden zur Verehrung geben wolle, wenn er ihm die Dirn des Seilschwimmers auf die Burg schicken wolle." Fritz Dalk, der Mctzler, schlug ein etwas fettklingendes Lachen auf, so daß sein dickes, schon von Natur rothes Gesicht wie ein Feuerbrand loderte. Kaspar hatte unterdessen Wein und Becher gebracht und eingeschenkt. Der Kürschner feuchtete sich die Lippen an und fuhr fort:„Der wilde Zeisolf auf Haltenbergstedten nimmt das Mandat zwar, aber er zerreißt es und wirft dem Finger- ling die Fetzen ins Gesicht und läßt ihn mit den Hunden vom Hof hetzen. Die haben ihn übel zugerichtet und der Junker und die Knechte lachten hinter ihm her wie die Teufel, sagt er." Kilian Etschlich, der mit der größten Spannung zugehört hatte, stieß ein langgezogenes dreiinaliges„Ah I" aus.„Und jetzt?" fragte er. Der Metzler Dalk hob mit einer kehlenden Stimme zu singen an und es klang greulich: „An einem Sonntag es geschah, Daß man das Panner ausziehn sah Zu Rothenburg aus den Mauern. Sie zogen über die Landwehr hinaus, Die Bürger und die Bauern." Lachend brach er ab und Kaspar bemerkte trocken:„Heut würden sie schwerlich auch nur so weit kommen." „Es wär' auch gefehlt, wenn's die Stadt wollte," sprach Melchior Mader, der Schuhmacher.„Sie würde sich den Schwäbischen Bund auf den Hals ziehen. Die beiden Junker sind reichsunmittelbar. Der Rath müßte beim Reichsgericht Wider sie klagen." Der Tuchscheerer schlug eine höhnische Lache auf.„Ich weiß an mir, was dabei herauskommt," rief er.„Eine Krähe hackt der anderen nicht die Augen aus. Nur dem Schwachen weist der Rath die Zähne; der Bürger mag tausendmal im Recht sein Wider die Ehrbaren, den zertritt er. Jetzt haben es die günstigen lieben Herren an sich selbst erfahren, wie's thut, und ich will lachen, lachen." Er wiederholte sein Hohngelächter. „Ja, dennoch ist's und bleibt's ein Schimpf für die Stadt," knarrte der Schuster. „Und was nur geschehen ist, ist kein Schimpf für die Stadt?" zischte der Tuchscheerer. „Beim Teufel, das ist's," rief Fritz Dalk und schlug mit seiner gewaltigen Faust auf den Tisch.„Der Rath ist selbst schuld, daß er was abgekriegt hat. Hätt' er am Dreikönigstag die Junker aus dem Kloster herausgreifen lassen, so wär's nit dazu gekommen." „Und überhaupt die Klöster und Stifte," sprach Melchior Mader.„Sie genießen von allem, was wir Bürger mit unserem sauern Schweiß zu der Stadt Bestem schaffen; aber sie tragen keinen Heller dazu bei. Sie müssen zu den Steuern und Lasten herangezogen werden." „Wahr, wahr," stimmte der lebhafte Lorenz Diem ihm bei.„Aber was brauchen wir denn die Klöster und Stifte? Meines Dafürhaltens sollten sie als unnütz und schädlich ab- gethan werden." „Und wer hindert's, wenn nicht der Rath?" fragte Kilian Etschlich.„Wer ändert's, daß ich mit meinem Recht auf den St. Nimmertag warten muß, wie mein Neffe sagt, was der Dorfmeister in Ohrenbach ist?" „Und zu dem Schimpf haben wir den Spott, daß wir Rothenburger mit dem neuen Glauben hinter den anderen freien Reichsstädten nachhinken," bemerkte der Kürschner. »Und anderwärts sitzen auch die Zünfte im Rath," fügte Melchior Mader hinzu. „Und ich sag', daß der jetzige Rath den Teufel zu was taugt," rief Fritz Dalk mit seiner dicken Stimme. Unterdessen wurde dreimal leise an den Fensterladen getlopft. Die anderen achteten es in ihrem eifrigen Gespräch nicht. Kilian Etschlich zündete ein Licht an der Schnabel- lampc an und ging, um zu öffnen. Seit dem heimlichen Besuch des Altbürgermeisters hatte sich das Zeichen alle Abende vernehmen lassen; denn Herr Ehrenfried hatte seinem Versprechen gemäß Dr. Deutschlin, den Kommenthur und andere Freunde der Reformation zu Karlstadt geführt. Der jetzt vorsichtig Eingelassene erregte Kilian's höchstes Be- fremden; denn er erkannte in ihm den Ritter Stephan von Monzingen. Schweigend wollte er ihm zur Stiege leuchten; der Ritter hielt ihn jedoch mit den Worten zurück:„Ihr habt Freunde in Eurer Stribe. Ich vernahm auf der Gasse ihr Reden. Ich mußte es hören, denn sie sprachen gar zu laut. Ihr solltet vorsichtiger sein, Meister! Habet Ihr keine Hintcrstube?" Kilian sah betroffen zu ihm auf; dann murrte er:„Wir haben nichts Heimliches!" „Natiirlich nicht; Ihr könnet es ja auch am lichten Tag auf dem Markt ausrufen, daß der jetzige Rath den Teufel zu was taugt," versetzte Herr Stephan mit einem leisen Lachen. „Ist's ein Wunder nach dem, was heut geschehen ist?— Kommt!" Der Ritter hielt ihn aber noch zurück.„Es eilt nicht, Meister. Mich wundert's nicht nach dem, was Euch von dem Rath geschehen ist. Es ist arg, meiner Treu, es ist arg. Das heißt altes Unrecht zu einem neuen machen, der Altbürger- meister hat es mir erzählt. Wahrhaftig, es ist arg. Aber Ihr starret mich an, als ob ich Chaldäisch spreche. Sollte Ehrenfried Kumps es Euch aus Mitleid verschwiegen haben? Ihr wisset also wirklich nicht, daß er Eure Sache kürzlich wieder im Inneren Rath zur Sprache gebracht und daß der Rath sie für alle Zeit als abgethan erklärt hat?" Es rang sich wie ein Röcheln aus der Brust des Tuch- schecrers und sein Gesicht nahm eine grünliche Blässe an. „Fasset Euch, Meister," ermahnte ihn Stephan von Menzingen.„Ich hab's an mir so gut wie Ihr erfahren, daß der Rath doppelt Maaß führt und ich dachte, Ihr be- riethet mit Euren Freunden, wie Ihr zu Eurem Rechte gelangen möget. Vielleicht, daß Euch mein Rath nützen könnte." Kilian Etschlich schien ihn gar nicht gehört zu haben. Seine Betäubung bewies, daß er die Hoffnung, doch noch zu seinem Rechte zu gelangen, bisher nicht völlig aufgegeben. Nun geschah ihm, wie einem Schiffe, dessen letztes Aniertau im Sturm reißt und das damit zum Spielball der empörten Elemente wird. Plötzlich fuhr ihm das Wort des Altbürger- Meisters wie ein Blitz durch den Kopf und er wiederholte mit grimmem Hohn:„Keine Gewaltthätigkeiten!" Darüber besann er sich auf sich selbst. Mit einem tiefen Athemzuge sagte er:„Nein, davon wußte ich noch nicht. Wenn Ihr es nicht verschmäht, Herr Ritter, so geringen Leuten, wie wir es sind, mit Eurer, großen Erfahrung zu rathen—" „Ohne Umstände, Meister," unterbrach ihn von Menzingen. „Den Bruder Andreas besuche ich ein ander Mal. Gehen wir zu Euren Freunden! Dem Rathe hold und gewärtig zu sein, habe ich ebensowenig Ursache, wie Ihr." Die Unterhaltung der Meister brach jäh ab und sie schauten mit großen Augen auf den vornehmen Gast, den Kilian mitbrachte. Der Ritter bot ihnen in biederer Weise die Zeit und nahm bei ihnen am Tische Platz wie unter seinesgleichen. Der Tuchscheerer holte aus dem Schrank einen silbernen Becher, den er einst bei einem Vogelschießen auf dem Brühl vor dem Röderthor gewonnen, und brachte damit dem Gaste den Willkommen. Stephan von Menzingen that ihm tapfer Bescheid, trotzdem der Krätzer seinem verwöhnten Gaumen gar sehr widerstand.„Verzeiht, ehrenwerthe Meister, daß ich Euch unfern Wirth so länge vorenthielt," sagte er darauf.„Wie ich vernehme, rathschlagt Ihr, das gesunkene Ansehen der Stadt durch Abthun alten Unrechts wieder zu heben." Melchior Mader, der Schuster, ergriff zuerst das Wort. Er räusperte sich und sprach gemessen:„Dieses ist in der That unseres Fürnehmens, gnädiger Herr. Wir sind des Sinnes, daß Recht Recht bleiben muß, ansonst Treu' und Redlichkeit dahin fahren würden—" „Zum Teufel," ergänzte die dicke Stimme des Metzlers. - tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Dev Tigev unkev den Jnpekken. Der prachtvolle Goldkäfer wird die Hyäne, der Hirschkäfer der Elephant unter den Insekten genannt, die Hornisse aber ist der Tiger unter ihnen. Glücklicherweise hat ihr die Natur nicht dieselbe Stärke und Größe verliehen, denn ihre Waffen sind im Vergleich zu jenen des Tigers noch verderbenbringender. Ihr Leib ist mit einem Küraß umgeben, und ihr Element ebensowohl die Erde wie die Luft. In Brasilien soll sie sogar Kolibris angreifen und überwältigen. Und dies ist wohl glaubhaft; wird sie doch auch den Menschen und größeren Thieren gefährlich. Ist es doch schon vorgekommen, daß bei Kindern ein einziger Stich rödtlich gewesen ist, und Pferde wie Rinder müssen in den meisten Fällen dem Angriffe von sechs bis sieben solcher Bestien unterliegen. Wehe dem unvorsichtigen Holzhauer, welcher mit der Axt an einen Baumstamm klopft, der von diesen Räubern bewohnt ist: die schnellste Flucht vermag ihn kaum vor diesen Feinden zu retten. Trotzdem ist der Charakter der Hornissen dem Menschen gegenüber im großen und ganzen ein friedfertiger, sodaß sie ihn nur gereizt anfallen. Das Nest der Hornisse, dessen Durchschnittsbevölkerung sich im Sommer ans etwa öOV beziffert, befindet sich gewöhnlich in der Höhlung alter Bäume. Wir wollen uns eine solche Raubburg mit ihrer Be- satzung einmal etwas näher ansehen. An dem Eingange, aus dem ein gewalftges Brummen dringt, sind mehrere große Honiissen als Schildwachen aufgestellt, bereit, sich bei der ersten feindseligen Herausforderung au; den Angreifer zu stürzeit. Schwer- fällig fliegt eine Hornisse daher, einen runden grauen Klumpen tragend. Ihr folgen noch andere, die ebenso beladen sind, alle aus derselben Richftmg. Sie kommen aus einer alten Holzwaud, wo sie mit ihren starken Kiefern Faser uin Faser des altersgrauen morschen Holzes losreißen, das sie dann zu einer Kugel zusammenrollen und durchfeuchten. Ist die Kugel groß und fest genug, so wird sie nach dem Neste getragen. Hier wird sie der Trägerin von einer anderen Hornisse abgenommen, auseinandergerollt und verarbeitet. Dieses Material liefert den Stoff zur Herstellung der Wabenluchen und der schützenden Hüllen, welche das Nest umgeben. Die Zuträgerin selbst eilt sofort wieder davon, um eine ähnliche zweite Bürde zu holen. Da eine große Anzahl mit dem Zutragen dieser Holzballen beschäftigt find, er- langt das Nest bald ganz ansehnliche Dimensionen. Aber es kommen noch andere dem Neste zugeflogen, die nicht Holzballen, sondern zappelnde Insekten tragen. Die eine bringt eine Biene, die andere ein Würmchen, eine dritte eine Fliege. Das sind die Räuber, die entweder in ihrem eigenen Interesse oder um das Futter für die Jungen zu holen, auf die Jagd ziehen, während die anderen mit dem Ausbau und der Vergrößerung des Nestes beschäftigt sind und hierbei eine außerordentliche Kunstfertigkeit an den Tag legen. Auch das Familienleben dieser Räuberbanden ist in hohem Grade interessant: Die Larven der Honiissen sind den Bicncnlarven sehr ähnlich. Gleich diesen haben sie einen wunnförmigen Körper, ohne Füße, mit einem Kopf, der einen auffallend starken Kiefer trägt. Sic füllen den Raum der unregelmäßigen Wabe, in welcher sie erzogen wurden, ganz aus. Es bedarf sicherlich einer großen Menge unglücklicher Bienen, nm die Larven zu ernähren und die Erziehung dieses häßlichen weißen Wurmes zu vollenden. Endlich kommt der Tag, an dem sich die gefräßige und äußerst fette Larve in die Nymphe verwandeln soll. Sie spinnt sich selbst einen ihr Gehäuse hermetisch abschließenden Deckel, was wir in den ersten Stunden sehr gut zu beobachten vermögen. Bereits nach wenigen Tagen ist mit dem tvehrlosen Wurm eine voll- ständige Verwandlung vor sich gegangen. Die Zelle öffnet sich, und es entschlüpft derselben eine ausgebildete Hornige. Sic ist anfangs zwar noch sehr schwach, ihr Körper weich, und ihre Flügel sind naß und zerknittert, doch bald hat der milde Sonnenschein stärkend ge- wirft, ihre Körpertheile sind fest geworden, und die Flügel haben sich geglättet, sie ist imstande, ihr ungebundenes Räuberlelien zu be- ginnen. Bald unterstützt sie auch ihre Mutter beim Nestbau oder hilft ihr in der Erziehung ihrer»och unmündigen Brüder. Ist das Wetter warm und günstig, so erreicht das Nest in kurzer Zeit einen großen Umfang. Ist das Frühjahr aber kalt und feucht, oder beginnt der Spätherbst mit seinen kalten Nächten und eisigen Frösten schon sehr ftüh, so erreicht die Be- völkcrung nur eine geringe Zahl. Gegen Ende des Sommers sind auch unbewehrte Männchen, die, wie die Drohnen bei den Bienen, zu jeder Arbeit unfähig sind, und fruchtbare Weibchen geboren worden. Unter den soeben erwähnten ungünstigen Umständen schwinden die Kräfte der Bevölkerung, wilde Verzweiflung be- müchtigt sich ihrer, und von: Hunger getrieben machen sie sich auf zu einer letzten Jagd auf die über die übriggebliebenen Vlüthen vor Kälte erstarrt hintaumelnden Bienen und Fliegen und schreiten schließlich zu einer grauenvollen That. Sic reißen die Larven, welche bis jetzt der Gegenstand ihrer schwesterlichen Liebe und Sorgfalt gewesen sind, unbarmherzig aus den Zellen heraus und verzehren sie. Die männlichen Mitglieder der Familie, für die nicht mehr gesorgt wird, gehen.zuerst zu gründe, ihnen folgen bald die anderen; nur einige Weibchen überstehen die, grimmigen Fröste, um ini nächsten Frühjahr neue Kolonien zu gründen. In sicheren Verstecken, die sie sich wahrscheinlich im voraus wählen, bringen die Hornissen den Winter in lethargischem Schlafe zu; kaum küßt aber der ersie Lenzhauch die Erde, so. erwachen sie und erfüllen sofort ihre Lebensaufgabe. Glücklicheriveise kommen viele in den im Frühjahr noch herrschenden kalten Nächten um, che sie dieselbe erfüllt haben, oder verlieren in den wilden Kämpfe», welche sie den ihnen begegnenden Nebenbuhlerinnen liefern, ihr Leben. Verweilen wir nun noch einige Augenblicke bei ihrer Nahrungs- weise. Die Hornisse nährt sich von Jniekten, womit auch die Jungen gefüttert werden, ihr Leibgericht aber sind, wie wir schon oben ge- sehen haben, die Bienen. Die Art und Weise, wie sie sicb dieselben verschafft, ist ebenso interessant,>vic der Schaden groß ist, den sie dadurch anrichtet. Ein eifriger Bienenzüchter und sinniger Beobachter der Natur erzählt uns darüber folgendes:„An einem schonen Juli- tage beobachtete ich vor meinen Bienenstöcken die zahlreichen von der Sommerhitze aus ihren Wohnungen getriebenen Bienen, als mit dem bekannten schwerfälligen Fluge, an dem mau schon von weitein die Hornisse erkennt, einer dieser Räuber herbeiflog, sich in das fröhliche Gewimmel stürzte und mit einer Biene davonfliegen ivolltc. Sofort entstand unter den wachsainen Thieren ein gewaltiger Tumult, und ich beeilte mich, zu gunsten meiner Lieblinge zu interveniren und den frechen Räuber zu vernichten. Dieser aber mochte un- erwarteten Widerstand gefunden haben und entzog sich einer un- liebsamcn Bekanntschaft mit meiner Hand durch die Flucht. In demselben Jahre war das Obst vortrefflich gerathen, und fast vor jedem Bauernhause sah man eine oder mehrere lange Hürden mit zum Trocknen bestimmten Früchten der Sonne ausgesetzt. Der ihnen entströmende herrliche Duft hatte eine unzählige Menge Insekten angelockt, vor allem natürlich das lästige Volk der Wespen, die Erfinderinnen des Holzpapicrs, dann zahlreiche goldgriin glänzende und haarige schwarze Fliegen, die mit lautem Gesumm um die Hürden herumflogen. Der Bienenbcsuch war so stark, daß von den zahlreichen Früchten kaum mehr übrig blieb als leere Hülsen. Neben einer Anzahl von schöngefärbten Schmetterlingen hatten sich auch die Hornissen, angelockt durch ihr Lieblingswild, das sie sich hier ohne viele Mühe erjagen konnten. eingefunden, setzten sich geraden Weges auf die Hürden, liefen mit großer Schnelligkeit über die Früchte, stürzten sich dann wie der Blitz auf eine der mit ihrer süßen Arbeit beschäftigten Bienen, und in einer Sekunde war das blutige Werk beendet. Mit ihren gewaltigen Kiefcm trennte die Hornisse den Leib ihres noch lebenden Opfers am Vcreinigungsstücke von Vorder- und Hinterleib in zwei Stücke, worauf sie dieselben verzehrte, oder auch ein Stück mit sich forttrug." _ William F r i ck e. -vr- Ei« neues Tpiclzcug. Sie waren gestern von der Hochzeitsreise zurückgekommen. Heute fuhr sie zum ersten Male mit shm nach dem Geschäft. Mit Stolz und Befriedigung lenkte sie ihr Fahrrad neben seinem ztvischcn den Omnibussen, Pferdebahnen und Lastwagen hindurch. Jetzt bogen sie von der ihr bekannten Haupt- straße in die Nebenstraße ein, die nach dem Güterbahnhof führte. Es kam ihr hier so fremd vor, wie wenn sie garnicht in Berlin wäre. Zwischen vereinzelten Häusergruppen zogen sich lange, um- zäunte Lagerplätze hin, auf denen Schuppen, Waarcnstapel und Firmenschilder aufragten. DicLastwagcn fuhren dichthintcrcinandcr. Ihr Mannricfihrzu:„Linksherum!" Sie lenkten auf einen großcn5kohlcnplatz ein. lieber den Mittelweg zog eben ein ganzer Zug Kohlenkarrer. Sic kamen von einem Eisenbahnzug her und mühten sich. Schritt für Schritt, während die schwere Last sie zu Boden zerre» wollte, einen Kohlcnhügcl hinaufzukommen. Die junge Frau wollte mit ihrem leichten, blinkenden Rade zwischen ihnen hindurch. Doch sie hielten nicht an, und sie mußte rasch abspringen, um nicht zu fallen! Unwillig starrte sie die nur mit Hemd und Hose bekleideten, mit Ruß und Staub besäten, schwitzenden Männer an. Als sie vorbei waren, sagte sie zu ihrem Manne:„Diese Menschen scheinen gar nicht zu wissen, was sich gehört!" Er antwortete begütigend:„Aber liebes Kind! Die Leute können mit ihrer fchwercn Last nicht ausbicgcn. ES ist ja auch nicht schlimm, wenn Du vom Rade springst." „So... so.... Du hast mich nur nicht mehr lieb! Nun... nun... ist unsere... Hochzeitsreise... vorbei... nun be- handelst Du mich wie... wie..." sie schluckte an ihren Thräncn. „Aber, Maus! Ich bitte Dich!" Damit trat er in sei» Arbeits- zimmer, den Arm um ihre Hüfte legend. Sie hatte sich bald beruhigt. Er setzte sich an seinen Schreib- tisch und arbeitete. Sie sah sich in dem Zimmer um. Es war nüchtern und schmucklos. Der kalte, verstaubte, eiserne Ofen erhöhte den Eindruck der Unwohnlichkeit noch bedeutend. Es war ihr langweilig in diesem kahlen Raum. Da sah sie durch das Fenster, wie' die Arbeiter die leeren Karren zusammenstellten. In der schwülen Sommerhitze hatten sie die Hemdärmel hochgckxempt und die Brust bloß gemacht. Mit einem Male fesselte sie das Leben da draußen. Sic hatte- noch nie Menschen bei schtverer Arbeit, die heldenhaften Kraftansttenguugen der Arbeiter gesehen.„Ach Männi, komm, zeig' mir doch mal Deine Arbeiter!" bat sie. Er sah nach der Uhr:„Die machen jetzt Feierabend; die gehen zur Wahl." -„Aber ich muß doch mal sehen, ivie sie arbeiten!" beharrte sie. „Du inußt doch«nmer' so ein kleines Spielzeug haben," sagte er gutmüthig und ging mit-ihr hinaus. Die Arbeiter wuschen sich eben uothdürftig am Brunnen.„Es ist die höchste Zeit, daß wir gehen," meinten sie ablehnend. „Nein, sind die Menschen unfreundlich und undankbar!" sagte die junge Frau.„Du giebst ihnen doch Arbeit und Brot!" Unrerdessen rannten die Arbeiter nach dem Wahllokal. Die junge Frau aber grüßte sie nicht mehr, wenn sie ihren Mann ab- holte oder beglcitcrc. Aber heimlich beobachtete sie die unter der schweren Last Keuchenden von den Fenstern des Komptoirs aus. Wenn die Sonne recht heiß brannte, und die Arbeiter auf dem bäum- und schattenlosen Platze vor Hitze zu ersticken drohten, bewegte sich die junge Frau recht gemüthlich und frohlockend im kühlen Zimmer.-- Theater. — Wie aus Wien berichtet wird, hat Schlenther am Mitt- woch einen Vertrag als Burgthcater-Direktor für drei Jahre abgeschlossen. Die früheren Dircttoren wurden stets als Hvfbcamte mit Pensionsrecht ernannt.— Musik. —er— Neues Opernhaus. Eine iinenmidlichc Reklame macht seit Jahren mit dem Nanien der Sängerin Sigrid A r u o l d s o n enthusiastischen Lärm. Die Dame sang hier die „Mignon" als erste Gastrolle, aber keineswegs im Stile einer großen Schule und einer zwingenden Natur. Ihr tiefer, klangarmcr Mezzosopran gelangt in den höheren Lagen nur zu rasch an feine Grenze und verliert zumeist seinen Halt in einem nnaufhörlichen Tremolo, welches an glcichgiltigcn, lcidenschastsfreien Stellen den Eindruck abgenutzter Bersungenheit hervorruft. Ihre Technik hat erhebliche Tugenden, wie ein zatttragcndes Piano und einen sicheren Registerausglcich; aber Friller, Verzierungen und andere Gesangsfeinhciten kamen unplaftifch und ohne Selbstverständlichkeit heraus. Ihr Spiel berührte ausgeklügelter, als daß man es von einem wirklichen inneren Leben er- füllt hätte annehmen können. Für manche neuzeitliche Wcrthung künstlerischer Erscheinungen ist Frau Arnoldson vielleicht eine iitter- cssante Sängerin; wir glauben, daß ihre ruhige Berechnung der Gesangs- und Schanspicleffekte, in der gar nichts mehr voii der kraftvollen Verwegenheit und ungebundenen Sorglosigkeit des wahren Talentes lebt, ein besonnenes und kundiges Urtheil nicht zu täuschen vermag.— Volkskunde. dg. Der Johannistag wird in vereinzelten Landstrichen noch mit manchem reizvollen Brauch gefeiert, der deutlich auf die altheidnischen Sonuenwcndfestc hinweist. So brennt in Ostpreußen noch allenthalben das Johannisfeuer. Die Masuren durchwachen bei seinen weithin leuchtenden Flammen die ganze Nacht, ebenso ent- zünden sie daran das„neue Feuer". Am Abend des Johannistages wird alles, was brennt in ihren Dörfern verlöscht. Die Burschen ziehen vor das Dorf, rammen einen Eichcnpfahl in die Erde und stecken auf seine Spitze ein Wagenrad. Dasselbe wird nun so lange gedreht, bis sich das Holz entzündet, von seinen Flammen nimmt Jeder einen Brand mit nach Hause und facht mit ihm ein neues Herd- fcucr an. In Westdeutschland kannte man noch bis in die neueste Zeit die„Johaunisessen", große Gasttnähler, die ein allgemeiner Tanz beschloß. Diesen Tanz hielt man unter der„Johanniskrone". Sie wurde aus Reisern geflochten, mit bunten Eiern, Blumen und Flittergold geschmückt und dann am Festplatz aufgehangen. Hier und da ging der anmuthige Brauch noch weiter, ein Bursche stellte sich unter die Krone, die Uebrigcn umschlossen ihn im Kreise und forderten ihn singend auf, ein Weib zu nehmen, ein„Kirmesweib". Hatte er ein Mädchen aus der Reihe zu sich gc- zogen, so tanzten beide den„Hochzcitstanz", knieten nieder und küßten einander, andere Paare folgten ihnen. Nachklänge dieses Brauchs findet man noch in dem märkischen Kinderspiel vom„Kirniesbancr". Auch hier steht einer in der Mitte, und der Neigen umtanzt ihn mit dem Gesang: „Es ging ein Bauer ins Holz; Es ging ein Bauer ins Kirmesholz, Ja, ja, Kirinesholz! Es ging ein Bauer ins Holz! Der Bauer nahm sich ein Weib, Der Bauer nahm sich ein Kirmcsweib, Ja, ja, Kirmesweib! Der Bauer nahm sich ein Weib l" Die Frau nimmt sodann ein„Kirmeskind" u. f. w. und bei jedesmaliger Erwähnung des Betreffenden winken die in der Mitte Stehenden einen aus dem Kreise zu sich. In einigen Orten nimmt man zum Johannisfeuer die abgelehrten Bcsenstünipfe, um mit ihnen zugleich die— Hexen zu verbrennen. Die Hausfrauen legen die Vesenreste zu diesem Zwecke das ganze Jahr über fort, und jede setzt einen Stolz darin, recht viele„Hexen" dem Flammentode zu überliefern., In Oesterreich veranstalten die Burschen am Johannis- abend einen Wettlauf, schleudern dabei die brennenden Besen in die Luft und springen- dann, jeder mit seiner Herzallerliebsten, über das zusammensinkende Feuer.—. Geographisches. — Santiago de Kuba. In seinem Buche:„Tom Cringles Log" gicbt der englische Romanschriftsteller Kapitän Mar r hat folgende Schilderung dieses jetzc viel genannten kubanischen Hafens. „Am Morgcnjbei strenger Brise und leichten Schauern waren>vix 2 Meilen von Mores Castle, an der Einfahrt von Santiago de Kuba. Die Brise blies stark, nm mit einem Male eine halbe Meile von Land einzulullen; nur dann und ivann strich's wie mit Katzenpfoten über die Fluth, die glatt, ungekräuselt im Morgenschimmer wie geschmolzenes Silber gegen den Strand rollte, dort in gewaltigen Wellenlinien entlang brauste und in weißen Rauch aufschäumte. Der Hafencingang ist äußerst schmal; er erschien nnr nur wie ein Zill-Zack-Ritz, aus dessen Boden polirter, blauer Stahl lag, in dessen Klarheit die ragenden Felsen. die prachtvollen Bäume am Gestade und das weiße Morro Castle mit seinen grinsenden Kanonen, eine Batterie über der an- deren, wie in einem Spiegel zu schauen waren. Wir fuhren ein, und die Szenerie wurde immer herrlicher. Die frischgrüuen Ge- stade der ruhmreichen Insel lagen vor uns mit ihrem Spitzensaume weißer Brandung. Die in der Ferne sichtbaren, lcichr gewellten Hügel waren mit dem herrlichsten Grün bedeckt, in dem große Heerdcn Rinder weideten, oder sie waren dicht bewaldet> und"dann rnid wann lugte das palmbcschattete, weiße Haus eines Berg- bctvohners aus dem Grün hervor. In der Ferne wurden die Berge höher und immer lichter blau, bis man ihre gezackten Firste vom Himmel nicht mehr unterschied. Wir hatten rechts, einen Pistolen- schuß weit, das Kastell Morro, wo der Kanal imr fünfzig Ellen breit ist Hier liegt eine Kette, die zu beiden Seiten im Felsen ver- ankert ist. Sie liegt am Boden, kann aber bis zur Oberstäche an- gespamrt werden und ist dann ein wirksames Hinderniß... Der Kanal wurde noch enger. Die Felsen ragten an ö(XZ Fuß hoch empor, scharf gekantet, hart geschnitten, als wären sie erst gestern aus- einandergerissen worden. Schöne Bäume wuchsen in den Schluchten und in den Rissen, belebt von Vögeln und allerhand Gethicr. Und unten gab die krhstallklare Fluth die ganze Natur so eigen wieder, daß man an den Rändern des Gemäldes nicht wußte, wo die Natur aufhörte und die Spiegelung begann. Jetzt öffnet sich der Hafen nach rechts zu einem weiten Becken mit grünen Borden, von denen hochstrebendc Bäume sich emporheben, und nian sah die Stadt Santiago mit ihren im goldigen Lichte schimmernden Thürnien. Und auf den Schiffen im Hafen sahen die Segel aus wie goldene Blätter, und die Raaen und die Taue wie goldene Drähte..— Technisches. — n. Die neuen Anwendungen des Ozon in der I n d u st r i e gestalten sich iinmer mannigfaltiger und nitcr- essanter, so daß es wohl lohnt, dieselben einmal zu überschauen. Daß man Ozon, das entweder direkt durch den elektrischen Strom aus der Lust oder durch Verdichtung von Sauerstoff ge- Wonnen wird, in der Fabrikasion von Musik-Jnstrumcnten bc- nutzt, ist zwar nicht eine der neuesten Ernmgenschasten, aber ihre Bedeutung ist auch gar nicht allgemeiner bekannt. Das Holz ftir Streichinstrumente ist bekanntlich um so besser, je trockener und je älter es ist, erzählt man doch, daß die berühmten Stradivari- Geigen aus alten Chorstühlen einer italienischen Kirche geschnitten wurden. Für den gesteigerten Bedarf an guten Geigen und Bäsien ist natürlich heute gutes altes Holz gar nicht mehr in genügender Menge aufzutreiben. Es tvar im Jahre 1881, als man in Stettin zum ersten Male Ozon dazu verwandte, um stuiges Holz, das stüher erst jahrelang in besonderen Schuppen trocknen mußte, in kurzer Zeit gebrauchsfähig zu machen. Dieses durch Ozon künstlich alt gemachte Holz soll den Instrumenten einen großen Wohlklang verleihen und dieselben gegen Temperatur- Ivechsel widerstandsfähiger inachen. Eine der wichtigsten Anwendungen des Ozon aus neuester Zeit ist von der Firma Siemens u. Halste eingeführt worden. Es handelt sich um das Bleichen nicht nur von Geweben und Garn, sondern auch von anderen Gegenständen, die einer derartigen Behandlung bedürfen. Die genannte Finna hat eine große Ozon- Bleiche in Greifenberg in Schlesien ge- schaffen, wo das Ozon freilich in Abwechselung mit Chlor- Verbindungen benutzt wird. In einem anderen Betriebe wird das Ozon zum' Bleichen und Raffiniren von Stärke und anderen stärke- halsigcn Stoffen benutzt, und man erzielt eine außerordentlich geschätzte Waare. In London giebt es eine Fabrik, die Gummi und flüchtige Oele, die zur Herstellung von Lack bestimmt sind, mittelst Ozon bleicht. Ferner wird das Ozon mit Erfolg dazu benutzt, um jungem Alkohol die Eigenschaften eines gelagerten Alkohols zu ver- leihen; auf diesem Wege behandelt eine Fabrik in Boston täglich große Mengen von Whisky. Dasselbe Verfahren läßt sich auch bei gewissen Weinsorten anwenden, besonders bei Portwein; dieser muß sonst jähre- lang in der Flasche liegen, ehe er sich vollkoinmen abgeklärt hat. während er unter der Wirkung des Ozon in wenigen Tagen eine klare Farbe erhält. Auch in der Gerberei spielt das ausgezeichnete Gas eine bedeutende Rolle. Die Lederschnncre oder der Urläuter fDogras), der zun« Einfetten des Leders dienende Stoff, wurde bisher fast aus- schließlich aus Oelsäure oder aus Fischthran gewonnen; gegenwärtig stellt man ihn durch die Einwirkung von Ozon auf verschiedene thierische Oele in weit billigerer Wei>e und ebenso guter Qualität her. Ganz unbekannt wird den meisten Lesern sein, daß man auch Vanille mit Ozon bereitet. Nach der genialen Entdeckung von Tiemaim läßt sich das Vanillin außer aus den Schoten der Vanillenstaude auch künstlich aus Nelkensänre, dem Haupt- bestandtheile des Nelkenöls, herstellen. Diese Erzeugung von Vanillin kann ebenfalls auf ganz besonders billigem und schnellem Wege durch Ozon vorgenommen werden. Die erhaltene l Vanille gleicht in jeder Beziehung den, aus der Vanillenpflanze ge» wonnenen Produkt. In ähnlicher Weise kommt das Ozon auch bei der Herstellung von Parsümerien zur Anwendung. Endlich ist es ein energischer Bakterienfeind, und diese Eigenschaft wird wohl mit der Zeit für den Menschen die wichtigste werden, da Versuche zur Reinigung von Gewässern durch Ozon in großem Maßstabe vorzüg- liche Ergebnisse geliefert haben. So wird in Paris gegenwärtig eine große Anlage zur Reinigung des Seincwassers mittels Ozon gebaut, durch die pro Stunde und Pferdekraft 5000 Liter Wasser keimstei gemacht werden sollen.— Humoristisches. — Weshalb er noch lebt. Eugen Field erhielt eines Tages ein Gedicht zugesandt, das den Titel trug: Weshalb lebe ich? Field sandte es zurück. Als Antwort stand darauf:.Weil Sie so vorsichtig waren, mir Ihre Werse per Post zuzuschicken."— („Jockes.") — Beim Heirathsvermittler..Meiner Braut fehlen ja vorn vier Zähne!".Na, das schadet nichts... die werden nachgeliefert!"— — Aus der ärztlichen Sprech st unde. Arzt: „Stottert denn der Junge immer?" Mutter:.Rein, nur, wenn er etwas sagt."— Vermischtes vom Tage. — Unter den vielfachen Geschäften, die der Kunst jetzt auf» gehalst werden, steht mich die Germanisirung der pol- nischen Landestheile. Der Kultusminister hat zu diesem Zweck 14 Kunstwerke aus der Berliner Rationalgallcrie, sowie 7000 Bände aus der v. Raumer'schen Sammlung dem P o s e n e r Pro» vinzialmuseum überwiesen. Unter den Gemälden befinden sich solche von Bokelmamr, Adam, Fleischer, Heffs, Hiddemann und Osterley jr. Wenn die Polen Geschmack haben, so wird sie vor diesen Schmarren eher em Greuel, als Liebe zur deutschen Kunst anwandeln.— y. Im nördlichen Jever lande ist ein neu eingedeichter Groden durch L a r v e n f r a tz in einer Ausdehnung von 200 Hektar völlig verwüstet worden.— — Im Gebiete des Riederrheins und im Osten der Rhcinprovinz gingen am Mittwoch schwere Gewitter mit wolkenbruchartigcm Regen und starkem Hagelschlag nieder und richteten bedeutende Verheerungen an.— Auch in L ü t t i ch hat ein furchtbares Unwetter gewüthet. Die ganze Stadt ist überschwemmt. Aus dem Theatcrplatz stand das Wasser 40 Zentimeter hoch. Mehrere Arbeitcrhänser stürzten ein. Die ganze Ernte im Bezirk Condoroy ist zerstört. Der Hoyoux ist über die Ufer getreten; die Garnison von Hug arbeitet an der Rettung der Ufcrbewohncr.— — Die Abiturientenprüfungen an sämmtlichen Real» schulen Bayerns wurden unterbrochen, da es sich hcransstellte, daß die mathematischen Aufgaben den schülcrn vorher schon be- kaum wurden. Ein Schüler einer Münchcner Schule hatte sie sich durch den Lehrling der mit dem Drucke der Aufgaben betrauten Druckerei zu verschaffen gewußt und zur Kenntniß aller Klaffen gebracht.— — Gegen den Operctteirtenor Streitmann in Wien strengte eine Wiener Dame Klage auf Herausgabe der Geschenke, Gelder ec. an. Sie zählte zu seinen glühendsten Verehrerinnen und überhäufte ihn mit Blumen, Lorbeer und Geschenken, ja sie ging in ihrer Be- gcistcrung so weit, ihm eine Lebcusrcntc zuzusichern, wenn er ihr allein seine Liebe schenke. Als sie aber zur Einsicht gelangte, daß dies nicht der Fall sei, verwandelte sich Liebe in Haß. und auf dem prosaischsten Wege machte sie min ihre Ansprüche an den Künstler geltend. Dieser weigerte sich, die Sachen wieder herauszugeben, und schließlich wurde die Klage auch zurückgezogen.— — Ein ehemaliger Gutsbesitzer hat m Preßburg erst seinen Sohn und seine Tochter und dann sich selbst erschossen. Motiv: Drückende Schulden.— — In S i e b c n b ü r g e n ist die ganze OrtschaftDetrehem durch einen Orkan förmlich vom Boden weggeweht worden. Sämmt- liche Bauernhäuser und ein altes festnngsarsigcs Schloß wurden in Ruinen verivandelt.— — Ein Gendarm in Belgrad, der in völlig betrunkenem Zustande Dienst that, feuerte einige Schüsse aus seinem Dienst- rcvolver auf einen in der Nähe vorbeigehenden Lehrjungen ab. Andere Gendarmen mußten ihn verhaften, hatten hierbei aber einen harten Kampf zu bestehen. Noch drei Schüsse feuerte der Similose auf sie und die Passanten.— — Die weltbekannte Streichholz-Fabrikz in Jönkö- p i n g, Schweden, hat während ihres 45 jährigen Bestehens mehr denn 0 Milliarden Schachteln im Werthe von über 65 Millionen Kronen an aller Herren Länder verkauft. Die darin enthaltenen Streichhölzer würden, nebeneinander gelegt, 50 mal die Erde um- spannen können.— — Bei N u m c a kenterte ein Boot des russischen Schiffes„Golf von Neapel". 14 Mann der Besatzung wurden von Haifischen ver- schlungen.— Die nächste Rümmer des Unterhaltungsvlattes erscheint Sonn- tag, den 26. Juni. Bernittivortticher Redgkleur: Anflnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.