Anterhaltungsblatt des Honvärls Nr. 123. Sonntag, den 26. Juni. 1898 (Nachdruck verboten.) Mm dio M;eihoik. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1325. Von Robert Schweichs l. „Denn wir sind das Gemeinwesen," fügte Lorenz Diem hinzu,„und tragen alle Lasten, während dem daß die Ehr baren wie die Motten im Pelz leben." „Also klopf' sie heraus, Mrschner," äußerte Kaspar, der, des Schänkenamtes waltend, hinter den Stühlen stand, halblaut. Unter dem Lachen, das darüber entstand, bemächtigte Melchior Mader sich wieder der Rede.„Die Ehrbaren allein sind's nicht; wir Bürger sind also beschweret, daß wir vor Junkern und Pfaffen nimmer genesen mögen. Gewerb' und Handel können vor ihnen nit aufkommen." „Sie schöpfen von allem das Fett ab," rief Fritz Dalk. „Das ist leider wahr," bestätigte der Ritter.„Doch davon reden wir Wohl noch später ein Ausführliches. Zuerst fragt es sich, wie wir der Redlichkeit zu dem vorenthaltenen Recht verhelfen?" „Es geht halt eines mit dem anderen," sagte der Kürschner Lorenz Diem. „Hätten die Zünfte Sitz und Stimnie im großen Rath," begann der Metzler Fritz Talk und der Schuster vollendete: „Ja, das ist's, es ist alles ein Draht, auch das mit den geist lichen Häusern." „Und warum sind die Zünfte nicht im Rath vertreten, Ihr werthen Meister?" fragte Stephan von Monzingen, indem seine breitgeliderten Augen an dem Tische umrollten. „Ist halt eine harte Nußl" meinte der stiernackige Dalk. „Ich will sie an Eurer Statt knacken, Meisterl" antwortete Ritter Stephan.„Die Zünfte haben sich von den Ehrbaren hinausdrängen lassen, denn sie haben früher im Aeußeren Rath gesessen." Die Meister schüttelten mit ungläubiger Verwunderung, selbst mit Mißtrauen die Köpfe. Sie hatten nie etwas davon gehört.„Dennoch ist es so," versicherte Herr Stephan.„Anno 1450 ist es gewesen, also noch nicht gar so lange her. Just so, wie Ihr vorhin sagtet, Meister Mader, so fühlten sich dmnals Bürgerschaft und Hintersasien von den Geschlechtern bedrückt, daß sie sich Wider deren Herrschaft mit Gewalt erhoben, und sie zwangen, den Zünften Sitz und Stimme im Aeußeren Rath einzuräumen. Der Pakt, so damals von beiden Parteien ge- schlössen wurde, liegt im Archiv des Rathhauses." Mit angehaltenem Athem horchten die Meister auf, und ihre Augen hingen noch an dem Munde des Ritters, als er schon schwieg. Dann schauten sie einander an und es herrschte eine Stille, daß man das Bohren des Holzwurmes in dem Teckengcbälk vernahm. Stephan von Menzingen weidete sich eine kleine Weile an ihrer Verzauberung, worauf er mit einem Anhauch von Geringschätzung bemerkte:„Damals hatte die Bürgerschaft noch Mark in den Knochen, von den Kriegen der Städte gegen den Landadel. Der Frieden hat's ver- zehrt." „Oho!" rief Fritz Dalk, und wies seine gewalttgen Metzgerfäuste. „Um so besser, wenn ich mich irre, lieber Meister," be- gütigte Herr Stephan.„Meiner Treu," fuhr er fort und drehte seinen Schnauzbart in die Höhe,„hätten Eure Groß- Väter und Väter besser acht gehabt, der Rath hätte dem Meister Etschlich nicht mitspielen können, wie es geschehen ist." „Ja, wie soll einer das jetzt verstehen? Es klingt halt wie ein Märlein," rief Lorenz Diem und fuhr sich mit beiden Händen in das Sttrnhaar, das in einem geraden Strich über den Augen verschnitten war. „Das ist so schwer just nicht," antwortete Herr Stephan. „Die Bürgerschaft vermeinte, daß mit ihrem Siege über die Geschlechter halt alles abgcthan sei. hatte sie doch ihr Recht verbrieft und feierlich beschworen. Was meinet Ihr, Meister Etschlich. daß ein Recht auf dem Papier Werth ist, so Euch die Macht fehlt, es zu behaupten?" Kilian Etschlich machte eine zornige Geberde. Der Ritter fuhr fort:„Nun, die Bürger kehrten zu ihrer Arbeit zurück, schafften und verdienten, und schlugen ihr eigenes Wohl höher an, als das Gemeinwohl. Verstanden auch wohl nicht viel von den öffentlichen Geschäften und waren froh, daß die Ehrbaren ihnen die Scherereien ab- nahmen. Merkten nicht, wie sie durch deren Praktiken und Listen allmälig beiseite geschoben wurden. Witterte dieser oder jener auch einmal Unrath, so war's itzt zu spät und unter der Bürgerschaft keine Einheit. Auf solche Art ist die Verfassung damals in Vergessenheit gerathen." „Ist sie in Vergessenheit gerathen, so müssen Rath und Bürgerschaft halt wieder daran erinnert werden," rief der Kürschner mit glühendem Gesicht. „Und das mit Nachdruck," schnob Fritz Dalk und hieb mit seiner herkulischen Faust auf den Tisch, daß es krachte. „Wenn die Bürgerschaft ihr verbrieftes Recht mit Nach« druck zurückfordert, dann wird es ihr nicht entstehen, deß bin ich gewiß," nickte Stephan von Menzingen den Meistern zu. „Dann wird auch Meister Etschlich zu seinem Recht gelangen, und an den Zünften wird es sein, die mancherlei Uebelstände, an denen das Junkerregiment leidet, auf dem Wege Rechtens abzustellen. Bei Gott, die Mißwirthschaft des Rathes währet schon allzu lange, und mir läuft die Galle über, so ich's be- denke." Die in Hitze gerathenen Meister redeten und schrien durch- einander und Kaspar schänkte ihnen fleißig ein. Nur Kilian Etschlich sprach kein Wort, aber in seinen Augen leuchtete eS. „Es ist spät geworden und wir reden darüber ein ander- mal wohl ein mchreres," erhob Stephan von Menzingen seine Stimme.„Wie wäre es, Meister Etschlich, wenn Ihr uns eine Stube gönntet, etwa nach dem Hof hinaus?" „Es soll gelten," willigte dieser enffchlossen ein. „Nun dann, am blauen Montag nächster Woche, wenn es den ehrenfesten Meistern recht ist," schlug der Ritter vor. Sie waren damit einverstanden. „Diese Stube ist ohnehin zu klein; denn es hat manchen in der Bürgerschaft, der unferds Sinnes ist," äußerte Melchior Mader. „Also, behüt' Euch Gott, liebe Freunde." winkte der Ritter von Menzingen den Meistern verttaulich zu und griff nach Hut und Mantel„Ich bin Euch gern mit meinem Rath zu Diensten." Meister Kilian begleitete ihn bis zur Hausthüre. „Jetzt ist mir nimmer bang um mein Recht," sagte er dabei. Ein hohler Westwind schnob durch die Nacht und wälzte die Wolken, zwischen denen nur selten ein Stern hindurch- blickte, vor sich her. Die Wetterfahnen auf den Dächern und die Schilder an den in die Sttaße sich Vorstteckenden Eisen- stanzen knarrten und kreischten.„Wartet nur," dachte der Ritter, indem er, den Mantel fester um sich ziehend, die Rödergasse hinaufschritt,„über ein kleines wird ein stärkerer daherbrausen und die ganze morsche Herrlichkeit durch die Luft wirbeln!" Plötzlich blieb er aufhorchend stehen. Der Wind trug ihm ein wüstes Gelärm zu, in dem er das Klirren von Eisen zu unterscheiden, glaubte. Es erscholl aus dem Paradiesgäßlein, das unmittelbar vor dem inneren Röderthor sich rechts abzweigte. Dort stand das Frauenhaus nicht wett von den Badstuben, heute der Juden Tanzhaus genannt. Es war so selten eben nicht, daß bei jenem die Pattiziersöhne mit den Handwerksgesellen in Zank und hellen Sttett ge- riethen, wobei dann wohl die Schwerter das entscheidende Wort sprachen, nicht immer zu gunsten der adligen Jugend, die solcher Art auf die Regierung sich vorbereitete. Mit einem halblauten Auflachen tauchte der Ritter in den finsteren Thor- bogen, der zum Herzen der Stadt führte. Achtes Kapitel. Der Thanwind schnob von West und Süd, und die Wolken ballten sich am Horizont. Es mochte Acht haben, wen es an- ging, gleichviel ob mit Güte oder Gewalt; auch wußten die Herren in Rothenburg, daß des Kaisers Bruder, Erzherzog Ferdinand von Oesterreich, von den Welsern zu Augsburg ein Darlehen aufgenommen und den Truchseß Georg von Waldburg beauftragt hatte, Kriegsvolk zu werben, um die habsburgische Besitzung am Oberrhein und in Württemberg zu schützen. Aber Rothenburg trug deß nicht Sorge. Gabriel Langenberger erschien nicht wieder vor dem gesttengen Herrn Bürgermeister, obgleich die Bauern fortfuhren, in seinem Wirthshause an den Markttagen zu rathfchlagen; er war iortan taub auf beiden Ohren. Die Entrüstung und Hitze der Bürgerschaft aber über den Schimpf, so die Junker von Nosenberg und Finster! ohr der Stadt angethan, war den Herren ein Beweis dafür, wie /est ihr Regstnent stand, und der Altbürgermeister muhte sich wegen seiner Schwarz- seherei manchen Spott gefallen lassen. In keinem Winter zuvor hatte es zu Rothenburg eine solche Fülle von Lust- barkeiten gegeben wie in diesem. Die Hochzeit Sabine's von Muslor mit dem obersten Stadthauptmann Albrecht von Adelsheim, die zu Ostern stattfinden sollte, bot den Ge- schlechtem den willkommenen Vorwand, einander in Festlich- leiten zu überbieten. Die Braut war jedoch mehr dem Namen als der That nach deren Königin. Das Szepter führte ihre schöne Freundin, welche die Rechte ihrer Jugend und ihrer Reize mit einem Feuer, ja mit einer Unersättlichkeit geltend machte, die Sabinen an ihr neu waren. Wenn diese nach Ruhe seufzte, dann lachte die schöne Gabriele, es sei Zeit genug, sich auszumhen, wann die Jugend verrauscht sei. Sabine errieth sie und fügte sich. Je toller die Lust um sie stmdelte und schäumte, um so wohler schien es der schönen Gabriele zu sein. Zu Frau von Monzingen und Else drang von den rauschenden Vergnügungen der Geschlechter nur spärliche jkunde. Frau von Menzingen hielt es nicht für angemessen, in der Welt zu erscheinen, wie man heute sich ausdrückt, so lange nicht die Ehre ihres Gatten öffentlich wieder hergestellt war. Die Familie der Pröll starb mit ihr aus; sie hatte keine Ver- wandten in der Stadt und ihre freundschaftlichen Beziehungen zu einigen Familien aus ihren Mädchenjahren und der ersten Zeit ihrer Ehe hatten sich durch ihre Entfemung von Rothenburg unter so peinlichen Umständen gelöst. Ihr damals fast krankhaftes Zartgefühl hatte sie ge- hindert, ihren Bekannten von Reinsburg aus sich in Erinnerung zu dringen. Sie hatte gewartet, daß diese ihr zuerst Beweise einer unveränderten Gesinnung gäben, aber die Frau des Flüchtlings war von ihnen vergessen worden. Um so weniger fühlte sie sich daher jetzt veranlaßt, die ehemals Be- freundeten aufzusuchen. Sie verließ mit Else ihre Wohnung kaum zu einem anderen Zwecke, als um Dr. Deutschlin oder den Kommenthur Christan in St. Jakob predigen zu hören. Letzterer wurde von ihr bevorzugt, weil er mit seiner Mann- lichkeit eine ihr wohlthuende Milde verband, während der vollblütige Dr. Johannes ihr zu erregt und stürmisch war. Der patrizischen Jugend, die sich nach beendigtem Gottesdienst an den Kirchenthüren aufzuhalten Pflegte, um die fromme Weiblichkeit zu mustern, entging indessen Else's Erscheinung nicht. Die jungen Herren wetteiferten mit einander, ihr das Weihwasser in St. Jakob zu bieten. Man sprach von ihr in. der Stadt, und ihre prächtigen braunen Locken, auf denen ein goldener Dust zu ruhen schien, gaben Veranlassung, sie die Schönhaarigc zu nennen, da man ihren Taufnamen nicht wußte. Auch Gabriele Neureuter erfuhr von ihr. Else fühlte sich in ihrer jungfräulichen Herbigkeit von dieser Aufmerksamkeit der städtischen Junker eher verletzt als geschmeichelt. Nach Zerstreuungen außer dem Hause begehrte auch sie nicht. Ihre Tage in Rothenburg waren auch ohne dies völlig ausgefüllt.„Natürlich," ironisirte sie der Vater, der dieses nicht gelten lassen wollte,„sich putzen, die Laute spielen und in Geschichtenbüchern lesen, lassen einem Fräulein keine fteie Stunde übrig." Aber Else war durchaus nicht putzsüchtig, des Lautenspiels war sie nicht kundig und das einzige Buch, das sie abends zur Hand nahm, um daraus ihrer Mutter und den jüngeren Geschwistern, denn sie hatte deren, vorzulesen, war die Bibel. Sie war nicht nur die Tochter ihrer Mutter, sondern unter dem widrigen Geschick in der Einsamkeit von Reinsburg schon früh zu deren Freundin herangewachsen. Wie sie ihr in der Wirthschaft, deren schwersten Theil sie auf ihre jugendlichen Schultern nahm, und in der Pflege und Erziehung ihren jüngeren Geschwister getreulich bei- stand, so theilte sie ihren Kummer um den abwesenden Gatten und Vater. Und dieser Kummer wollte auch jetzt den Busen der Mutter nicht ftei geben. Denn es konnte auf die Dauer ihrer Wahrnehmung nicht entgehen, daß Zeit und Erfahrungen den hochmüthigen Sinn ihres Gatten nicht gemildert hatten, und daß er das damalige Verfahren des Rathes immer noch als eine schwere Kränkung seiner Ehre empfand. Unter solchen Umständen wollten ihre Hoffnungen auf einen gütlichen Vergleich zwischen ihm und den Herren von Rothenburg nicht erstarken. Da war ihr denn der Ernst und Eifer, mit denen Doktor Max Eberhard sich der Sache des Ritters annahm und zunächst auf Grund der ihm von letzterem mitgetheilten Akten und Handschreiben eine Revision des Prozesses bei dem Reichskammergericht zu veranlassen suchte, ein großer Trost. Sein Wesen flößte ihr Vertrauen ein und er wurde von ihr und Else fteundlich empfangen, so oft er sich einfand. Er aber hatte nicht gezögert, von der Einladung des Ritters Ge- brauch zu machen und wurde ein häufiger Gast in dessen Hause. Die im Unglück gereifte Milde der Frau von Menzingen und der schönlockigen Else ernstes Wesen, dem durchaus nichts Säuerliches beigemischt war, thaten ihm wohl wie ein kühler Abendwind nach heißem Tage. Der mutter- und geschwisterlos Aufgewachsene empfand zum ersten Male den sänftigenden und befreienden Einfluß edler Frauen. Er fühlte sich nicht mehr wie seit seiner Rückkehr aus Welschland durch seine Ideen sowohl als durch die Sitten der jungen Pattizier ver- einsamt. Frau Margarethe und Else hätten ihm aufmerksam und gern zu, wenn er von den in Italien empfangenen Ein- drücken und den herrlichen Kunstwerken sprach, die er dott ge- schaut hatte. Sie kannten sattsam das hatte Laos der armen Leute und theilten seine Hoffnung auf deren Erlösung. Er sah es im besonderen an dem Aufleuchten von Else's dunkelblauen Augen. Es überfluthete ihn vollends wie ein sonniger Sttom, als er eines Abends die Antwott des Ritters Flottan auf seinen Bttef vorlesen konnte. Ohne jeden Wottschmuck, markig und klar, schtteb Flottan Geyer, daß der neue Wein nicht in die alten Schläuche gegossen werden dürste, ansonst er verdürbe. Nur aus einem wahrhast fteien Gemeindcwesen könnte das Wohl des Volkes erwachsen. Wie geschtteben stehe, daß der Mann Vater und Mutter verlassen solle, um dem Weibe seiner Wahl zu folgen, desgleichen müßte Max seiner Ueberzeugung getteue Gefolg- schaft leisten und vor keinem Opfer zurückscheuen. Nicht durch Worte, sondern durch die That würde die Welt überwunden. Dieser Bttef kam zur rechten Zeit, um Max in dem Kampfe mit dem Vater zu stählen. Der Unwillen desselben, weil Max seinen ehrgeizigen, auf das Vermögen Gabttelen's gebauten Entwürfen sich nicht fügen wollte, war noch mehr dadurch ge- schürt worden, daß der Sohn die Vettheidigung Stephan's von Menzingen übernommen hatte. Nach seiner Ansicht war von diesem ersten Prozesse für Max weder Vottheil noch Ehre zu erwarten; der Prozeß konnte nicht gewonnen werden. Der Aufenthalt im Vaterhause wurde für Max immer unerquicklicher. In der Gesellschaft Else's und ihrer Mutter vergaß er es. In dem Vttefe hatte sich eine Einlage befunden, welche von einer anderen Hand als der Flottan Geyer's über- schtteben war. Sie war für Stephan von Menzingen be- sttmmt.„Von Wendel Hipler," sagte Max, als er ihm das Schreiben überreichte. „Und er schreibt mir von der Burg des Ritters Geyer von Geyersberg," ttef Herr Stephan, den Bttef hastig öffnend. „Das ist ein gutes Zeichen. Auch der Ritter lag mit seinem Fähnlein vor Hohentübingen und ich bin überzeugt, daß die Sache damals nicht zum äußersten gekommen wäre, wenn er oberster Feldhauptmann gewesen und nicht dieser listige, herzlose und grausame Truchseß von Waldburg. Der war steilich der rechte Mann, um den Edelstein Württem- berg für HabFburg zu gewinnen, gleichviel auf welche Weise. Wohl, wohl, aber der Herzog Ulttch lebt noch." Er sah wieder in den Bttef und äußette dann:„Ah, er hat den Prozeß der armen Leute gegen die Grafen von Hohenlohe gewonnen. Und auch er weist mich mit dem meinigen an Euch, lieber Doktor. Das ist für mich die gewichtigste Empfehlung; denn erstens steht sicher Herr Flottan dahinter und zweitens sind ihm die Doktores der römischen Rechte ein Graus, wie er mir in Heilbronn gestand, wo er von Euch noch nichts zu wissen schien, Dottor. Diese Doktores sind es, schalt er damals, die das Reich mit deni römischen Rechte zu Tode kuttren. Nichts stir ungut, lieber Doktor I" (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplÄttdever. „Die Kreitlings haben ville Glück in de Lottette gehabt," sagen die alteingesessenen Klein- und Mittelbürger der Shawl- und Tüchergegend des Franlfutter Viettels.„Früher war es bei ihnen auch man so mietz, zwee Ziegen hatten se, und was de Mädels waren, die mußten alle mitverdienen. Dann aber haben se zwcemal hintereinander derbe in de Lottette gewonnen, und nu sind se groß. Der Junge is Stadtverordneter und in den Reichstag will er auch noch hinein." Und die Krcitling's haben wirklich auch diesmal wieder Glück gehabt. Aus vicrundzwanzig Augen hat das Wahl- glück ihren Repräsentanten angeblickt, ein Dutzend Stimmen, nicht weniger, auch nicht mehr, hat ihm das Mandat verschafft. Freilich, zahlreiche Helfer hatte er schon: Freisinnige mit und solche ohne Wasserstiefel; uationallibcrale Freihändler und national- liberale Zöllner; �konservative jeder Richtung'.; Antisemiten aller Sorten; Zentrumsleute; Bediente, Sklaven jeder Art. Und die „Norddeutsche" ging ihm mit der großen Troinmel voran. Auf der Gegenseite standen nur die Arbeiter, die Sozialdemokratie. Und das Resultat? Ganze zwölf Stimmen hat das Glückskind aus Berlin mehr erlangt als oer bayerische Schriftsetzer. Ein Resultat wohl, aber was für eins I Ich weiß nicht, ob Herr Kreitling von Phrrhus vernommen. Kennt er den Herrn, dann mag er sich jetzt wohl der Worte erinnern, die jener König nach dem Treffen von Asculum ge- sprochen. Zeit seines Lebens war der Epirote vom Glücke begünstigt. In Argos aber fiel ihm ein Ziegelstein auf den Kopf, und er starb. Alt als Parlamentarier wird Herr Kreitling jedenfalls nicht werden. Wie denn auch? Er ist ja gar nicht im stände, seinen Wählern gerecht zu werden. Geht er mit Richter, schimpfen die Rickerfschen; nimmt er sich der„Körndl"-Leute an, kommen ihm die Konservativen aufs Dach. Soll er seinen antisemitischen Wählern zu Liebe gegen die Juden losfahren? Und am Ende stellen sich dann die Zwölf- Männer ein und sagen:„Du, hör' mal I Wir haben Dir das Mandat zugeschanzt. W i r bestimmen, wohin die Reise geht."... Bleibt nichts übrig, als daß der Erwählte des zweiten Berliner Reichstags- Wahlkreises gegen die Sozialdemokratie wettert. Wir wollen mal abwarten, ob er sich das getraut. In derselben Zwickmühle wie Kreitling werden gar viele der in der Stichwahl gewählten Sammelftitzen sitzen. Das Gebahren der bürgerlichen Parteien vor dem entscheidenden Wahltage, das war ja keine Vereinbarung, keine„Sammlung" mehr, das war Handel und Schacher auf offener Straße, der reine Mühlendamm. Und wie suchte man den Gegner, um dessen Unterstützung in einem anderen Kreise man betteln ging, über's Ohr zu hauen 1 Was in Schlesien schlecht war, in Berlin ivar es gut, Iveiß nannte man in Baden, was im Rheinlande und Westfalen schwarz hieß. Keine unter den bürgerlichen Parteien gab es, die ein Ding zeigte, das wie eine Parteiehre aussah. Und ein Ordnungsbrei kam da zum Vorschein, zum Brechen schön l Einer Partei hat das Sammel- geschrei und die Schacher-Machei genützt, ivie sie es selbst nicht er- wartet: der nasionalliberalen. Zum Abfliegen reif erschien sie vor den Wahlen; jetzt ist es ihr noch einmal gelungen, einige Dutzend Mandate zusammenzuraffen. Wie rein und ehrlich stand auch in dieser Beziehung die Sozial- demokratte dal Da gab's kein Wimpernzucken: Wie die Grundsätze der Partei es vorschrieben, so wurde gehandelt, nicht ein Haar anders. Nur in Solingen hat Selbstgefälligkeit, Eigendünkel und Disziplin- losigkeit anders gethan; die Scham wird den Schuldigen noch auf dem Gesichte brennen, wenn die Lebensdauer des neugewählten Reichstages längst abgelaufen. Abgesehen von dieser Stadt, deren Vergangenheit bis zum letzten Augenblick ein anderes Resultat er- Ivanen ließ, allüberall hat die Sozialdemokratie ihren Mann ge- standen. Eine Welt war wider uns, wir haben den Feind bestanden. Vernichten wollte man uns, wir haben neues Terrain gewonnen. Der Süden hat sich uns erschlossen, im äußersten Norden haben wir Fuß gefaßt. Zu tausend und abertausenden sind uns neue Bekenner erstanden, aus den Domänen der Junker und in den Berg- werken Ober- Schlesiens. Die letzten„Residenz"- Städte wurden genommen. Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, unser sind sie I Die Zahl unserer Stimmen ist gewachsen, unsere Mandate haben sich gemehrt. Wohl, auch einige Verluste hatten wir. Meistens in der Stichwahl gewonnene Mandate, die in der Stich- wähl wieder verloren gingen. Doch das ist der Krieg. Wer in den Kampf zieht, darf sich nicht vor Ritzen und Schrammen scheuen, auch nicht vor Wunden. Was wir eingebüßt, wir werden es zurück- holen, und mehr dazu. Was sind denn unsere Gegner? Im Wurstkessel liegen sie alle miteinander. Jetzt werden sie erst recht untereinander raufen. Was können sie denn gegen uns? Höchstens Althergebrachtes, Staubiges, Veraltetes verthcidigen. Die Angreifer find wir. Was ihnen Unbehagen verursacht und eine Last ist, uns macht es Freude, eine Lust ist es uns, der Zukunft Bresche zu schießen. So lange uns dies Gefühl beseelt und erfüllt, sind wir unüberwindlich. Und vorwärts geht es, trotz alledem I Die Wahl vorbei! Manchen eifrigen Genossen wird es schier wie Ingrimm fassen. Tag und Nacht war er auf dem Posten. Kraft hat er noch für zehn. Und nun? Arbeit genug. Agitation, Orga- nisation, Einexerziren der jungen Mannschaften. Können wir nicht in nächster Zeit schon wieder aus der Wahlstatt stehen? Ein richtiger Sozialdemokrat ist wie ein tüchtiger Zeitungsschreiber: Ist das Eine erledigt, fluggs etwas Anderes her. Auch andere als tüchtige Zeitungsschreiber haben schon seit Jahren Glück, sie, die Neuigkeit's- krämer und die Philister, die hinter dem Mahkrug die ganze Welt und noch einige umliegende Fixsterne kennen. Besonders um die Zeit, wenn die Hundötage mälig sich nahen, und die„Enten" des Hochsommers in alle Spalten kriechen. Seit die Engländer in den achtziger Jahren Alexandrien beschossen, ist da jedes Jahr etwas los gewesen: Entweder ein Krieg, oder ein großes Sterben, das einemal ist Nansen zurückgekehrt, dann wieder Andree aufgeflogen. Stets geschah etwas, über das jeder breitmäulig sich austratschen konnte und war er auch sonst so dumm wie Pimpcl's Hund. Ihr guter Genius hat die unparteiischen Lokalblätter auch in diesem Jahre wieder bedacht. Kaum ist der Wahlkampf, in dem sie die Rolle des Ochsen zwischen zwei Heubündeln spielen mutzten, vorbei, wird es mit dem spanisch- amerikanischen Kriege, der bisher so langweilig war wie ein Pachnicke'sche Leit- artikcl, bitterer Ernst. Die Amerikaner sind auf 5kubn gelandet. Sant- jago soll erobert, die im Hafen ankernde spanische Flotte genommen oder zerstött werden. Die Entscheidung kann jede Stunde erfolgen. — Wieviel Faustschläge werden da in den nächsten Tagen auf die armen Berliner Wirthshaustische niederfallen, wieviel Trommelfelle gezerrt werden von dem Geschrei derer, die„ruhig" ihre Meinung über Miles, Kuba, Portorico, Sampson, das gelbe Fieber, die Philippinen, Bismarck u. s. w. aussprechen wollen. Wer es anhören muß, wird lächeln. Aber kann man nicht diese Eifernden mit vollem Recht Strategen heißen, wenn mau ein Theater, auf dem „Charley's Tante" und„Mirckams sans Gene" bis zum Ueberdruß gegeben werden, ein nattonales Kunstinstitut nennt?— Nleines Fenillefon — n. Polarhundc. Ueber die Psychologie der Polarhunde hat A. Montefiore nach der„Revue Scientifigue" interessante Unter- suchungen mitgetheilt. Im Nordpolargebiet giebt es hauptsächlich drei verichiedene Hunderassen: den Eskimohund in der Neuen Welt, den Samojedenhund in Wcstsibirien und den Lenahund in Ostsibirien. Der Lenahund soll die vorzüglichsten Eigenschaften besitzen, er ist aber schwer zu beschaffen und noch schwerer zu zähmen. Ihm zunächst steht an Leistungsfähigkeit der Samojedenhund, dessen Ruhm durch die Reise Nanscn's einen Höhepunkt erreicht hat. Der Samojedenhund hat einen dicken wolligen Pelz, der ihn gegen die Winterkälte schützt und in gewissem Grade auch vor den Bissen seiner Genossen. Letzteres ist für ihn besonders werthvoll und nothwendig, da diese Hunde, sich selbst überlassen, oft auf einander losgehen und sich gegenseitig zerfleischen. Auch bei ihnen ist die Abrichtung sehr mühsam und langwierig, und daher wird ein abgerichteter Hund mit dem 20- bis lOOfacheit Preise bezahlt wie ein junger unerzogener Hund. Der Werth der Polarhunde für den Polarrelsenden steht über jedem Zweifel, man braucht nur aus dem Munde Nansen's die Schilderung gehört zu haben, mit wie schwerem Herzen er von seinem letzten Hunde Abschied nahm, um zu wissen, was dieser Gefährte dem Menschen in jenen Eiswüsten leistet. Dabei hat der Polarhund keineswegs eine sehr bedeutende Zugkraft, er zieht nur die Hälfte des Gewichtes, das ein Mensch zu tragen vermöchte, aber er ersetzt alles durch die doppelte Aus- dauer. Ueber die natürliche Wildheit der Samojedenhunde haben die Naturforscher sich viel Kopfzerbrechens gemacht. Man hat an- nehmen wollen, daß diese Wildheit von häufigen Kreuzungen mit Wölfen stamme, nachgewiesen sind solche Kreuzungen aber keineswegs. Es ist nur nöthig, die Lebensweise dieser Hunde in bettacht zu ziehen, um ihre Psychologie entwickeln zu können. Sie fristen ihr Leben durch das, was sie erjagen, in fortdauernder Anwendung von List und Kraft, und diese Beute sind natur- gemäß ausschließlich Thiere. Es gehört zu den feststehenden Thatsachen, daß eine rein thierischc Nahrung auf den Charakter der Thiere wie der Menschen von Einfluß ist. Ist doch vor kurzer Zeit eine Engländerin, die Frau des jüngst verstorbenen be- kannten Herausgebers des„British Medical Journal", so weit gegangen, die schlechte Laune, die man bei den Engländern im all- gemeinen so häufig trifft, geradezu aus dem Ucbennaß an Fleischnahrung herzuleiten. Man kennt auch Beispiele, daß Rindvieh, das aus Mangel an Pflanzenfutter mit Fischen gefüttert war, ungewöhn- lich wild wurde. Daraus ist auch der Charakter der Polarhundc zu erklären.— Literarisches. n. Edith Gräfin S a l b u r g:„Die Jnklusivcn". Leipzig, 1898. Gräbel u. Sommerlatte.— Die Absicht, Auffehen zu erregen, tritt in dem Buche ziemlich deutlich hervor. Bei denjenigen, welche mit den innerpolittschen Parteiverhältnissen Oesterreichs naher vertraut sind, dürfte die Verfasserin ihren Zweck auch erreiche», denn sie hat sich anscheinend bemüht, die Personen, die ihr als Modelle gedient, recht deutlich erkennbar zu machen. Vom künstlerischen Staudpunkt aus bewachtet, ist der Roman sehr schwach. An stelle einer geschlossenen, zusammcichängenden Handlung bietet uns die Versassenn eine Reihe von Episoden und Schilde- rungen. Die Personen sind oberflächlich charakterisirt und nach der guten oder schlechten Seite tendenziös zurechtgestutzt. Ebenso ober- flächlich sind die einzelnen Bilder und Vorgänge behandelt. Talent kann man der Verfasserin nicht ganz absprechen, aber es hat bei weitem nicht hingereicht, eine Arbeit von einigem literarischen Werth hervorzubringen.— Physiologisches. t. Chloroformirtes Eiweiß. Eine bemcrkcnswcrlh« Mittheilung haben die beiden englischen Forscher Farmer u. Waller an die königliche Gesellschaft in London gelange» lassen. Ihre Untersuchungen sollten ermitteln, ob die auf den Menschen wirkenden und auch in der Heilkunde verwandten Betäubungs- mittel Acther und Chloroform, daneben auch die Kohlensäure, eine ähnliche Wirkung auf den Grundstoff des Lebens, auf das thierische und pflanzliche Eiweiß, besäßen. Es wurden zwei Behälter mit den betäubenden Dämpfen gefüllt und in den einen ein Blatt der bekannten Wasserpest(Elodea canadeneis) und in den anderen ein Nerv aus dem Schenkel eines gemeinen Gras- ftosches gelegt; in crsterem Falle wurde die Bewegung des Blatt- grüns in den Blattzellen durch ein Mikroskop beobachtet, im anderen die Bewegungen des Froschnerven an einem Galvanometer gemessen. Kohlensäure veranlaßte zunächst eine leichte Beschleunigung der Be- wegungen, worauf dieselben plötzlich aufhörten, cs trat eine Betäubunq des Lebens ein, die sich unter dem Zutritt frischer Lust erst nach 2 bis 3 Minuten legte, indem in dem Blatte die Chlorophyll- Börnchen sich erst langsam und unregelmäßig, dann wieder schneller bewegten, bis sie ihre normale Thätigkeit wieder erlangt hatten. Unter der Einwirkung von Aether« und Chloroformdämpfcn spielten sich dieselben Erscheinungen in dem lebenden Eiweiß ab. Man kann daraus entnehmen, daß diese Betäubungsmittel auch beim Menschen eine gleichmäßige Einstellung der Thäiigkeit in der Mehrzahl der Organe hervornifen. Medizinisches. — Das Heilserum und seine Erfolge. In der letzten Sitzung der Wiener Gesellschaft der Aerzte würde, wie die dortige medizinische Presse meldet, die Diskussion über das Thema „Heilserum-Therapie und Diphtherietod' sortgesetzt. Stabsarzt Kowalski und Professor Paltaus bekämpften die gegen die Serumtherapie vorgebrachten Argumente. Dem Vortrage des Professors Paltauf ist zu entnehmen, daß das Sinken der absoluten Todesziffer für Wien und Niederösterreich statistisch nachzuweisen sei. Die absolute Sterblichkeit an Diphtherie sei in Nieder- österrcich auf etwa die Hälfte, in Wien auf ein Drittel der früheren Ziffern gesunken. In Wien sei speziell die Zahl der an Diphtherie Verstorbenen auf einem Minimum angelangt ivie nie zuvor. In ganz analoger Weise finde sich diese Verminderung der Sterblichkeit infolge Diphtherie auch in anderen Ländern und Städten, so in Frankreich und Deutschland, in Paris und Berlin. Die größte Wirksamkeit des Serums in den ersten Tagen der Erkrankung werde so allgemein verzeichnet und drücke sich in dem günstigeren Mortalitäts-Perzcnt so allgemein aus, daß daran nicht zu zweifeln sei. Profesior Paltauf bemerkte schließ- lich, er halte es vorläufig für den einzig richtigen Standpunkt, an der Heilserum-Therapie festzuhalten, denn sie sei entschieden eine epochale Errungenschaft der modernen medizinischen Forschung.— Gcs tlndh eitspflege. SS. Ein neues Schlafmittel. Auf Veranlassung des National-Jnstituts für Medizin in den Vereinigten Staaten ist eine umfangreiche Untersuchung der Pflanzen vorgenommen worden, die für die Heilkunde von Werth sein könnten. Die schon an sich vcr- dienstliche Forschung wird zweifellos auch ihre praktischen Erfolge haben. Unter anderem hat man in der Pflanze LsÄmiroa ociulls ein Gewächs gcftmden, dessen Samen einen ausgezeichneten Saft geben. Dieser Saft soll ein vorzügliches schmerzstillendes, fieberverfteibendes Schlafmittel sein. Es sind bereits Versuche an einigen hundert Personen mit diesem neuen Mittel gemacht worden, wodurch eine günstige Wirkung und das Fehlen etwaiger schädlicher Nebeneinflüsse nachgewiesen worden ist. Es scheint weniger direkt einzuschläfern, als vielniehr den natürlichen Schlaf zu begünstigen, von dem der Äranke nach 4 bis 6 Stunden erfrischt erwacht. Besonders gute Dienste soll das Mittel gegen Schlaflosigkeit infolge von Nervenüberreizung oder Alkoholismus leisten. Die mexikanische Pflanze gehört übrigens zu der Familie unserer gewöhnlichen Raute. deren Blätter ein in früheren Zeiten ebenfalls als Arznei, namentlich gegen Zahnschmerzen, benutztes Oel geben.— Aus dem Pflauzenleben. K. lieber den Einfluß der Luftfeuchtigkeit auf das Wachsthum der Pfanzen sind, nachdem ftuhere Unter- suchungen in mancher Beziehung von einander abweichende Resultate geliefert hatten, neuerdings von Walter Wollny in München Versuche angestellt worden, die im wesentlichen folgendes ergeben haben. Der Trockensubstanzgehalt der Pflanzen ist der Trockenheit der Luft proporttonal, ebenso ist der relative Gehalt der Körner an Stärke und Sttckstoff, also den hauptsächlichsten Nährbestandtheilen bei den in trockener Lust gewachsenen Pflanzen ein höherer, als bei feuchter Luft. Die eigentliche Pflanzensubstanz oder Frischsubstanz ist dagegen bei feuchter Luft reichlicher entwickelt. Die Ergebnisse sind bei Gerste, Lein, Wicke, Luzerne u. a. erhalten worden.— Ein ganz anderes Verhalten zeigt die Kartoffel. Obwohl auch bei ihr die oberirdischen Organe bei einer feuchten Atmosphäre durch größeren Wasserrcichthum voluminöser erscheinen, haben dieselben doch ein geringeres Gewicht, als die in trockener Luft gewachsenen. Abweichend von der gewöhnlichen Annahme, daß der Stärkegehalt in den Knollen bei trockenem Wetter reichlicher sei, hat Wollny gefunden, daß derselbe gerade bei feuchter Luft höher ist, wie dies aus den folgenden Angaben erficht- lich ist: Der Stärkegehalt ftischer Knollen betrug bei feuchter Luft 17,22 pCt., bei mittelfeuchter Luft 17,00 pCt. und bei trockener Lust nur 12,36 pCt, Die Erklärung für diese überraschende Thatsache dürfte darin zu suchen sein, daß die Stärkebildung in den Stengeln ztvar bedeutend ist, wie dies in der That durch die Anhäufung großer Stärkemcngen belviesen wird, daß aber diese Stärkckönicr wegen des verminderten Wassergehaltes in den Stengeln nur schwer in die Knollen transporttrt werden können.— Ans dem Gebiet der Chemie. — Der französische Chemiker Moissan hat der Pariser Mademie der Wissenschaften am 19. d. M. von seiner Darstellung des reinen kryftallinisch-metallischen Calciums Mittheilung ge- »nacht. Es ist bekannt, daß, obwohl das Calcium zu den der- Fcrgittworllicher Redakleur: A>lll»/t Jacobcy i» B breitetsten Elementen gehört, eS bis jetzt nicht gelungen ist, dasielbe im großen rein herzustellen. Die kleinen Quantttäten des bis jetzt erhaltenen reinen metallischen Calciums waren stets dermaßen mit Partikelchen ftemder Substanzen gemengt, daß das silberglänzende Element eine gelbliche Außensarbe besaß. Moissan gelang es nun, auf einfachem' chemischen Wege absolut reines Calcium herzustellen. Er stellte es nämlich durch Zerlegung von metallischem Calciumjodür her; wird nun das Produft mit absolutem Alkohol versetzt, so scheidet sich da? reine metallische Calcium in silberglänzenden Krystallen aus. die gewaschen und getrocknet das völlig reine Ele« ment geben.— Meteorologisches. —f. Einfluß djerSonnenfleckenauf die meteoro» logischenVorgänge. Bekanntlich haben schon vieleMeteorologen undzAstronomen versucht, einen Zusammenhang zwischen der Sonnen» fleckenperiode und den meteorologischen Vorgängen nachzuweisen. Da in betreff dieses Gegenstandes noch vielfach Unklarheiten herrschen, indem von der einen Seite der Einfluß der Sonnenflecken hestrttten. von anderer Seite dagegen überschätzt wird, so möge hier kurz auf die positiven Resultate, zu welchen man in dieser Hinsicht gelangt ist, hin» gewiesen werden: Nach Beobachttingcn in Süd-Asien erscheiM ein Zu» sammenhang zwischen Luftdruck und ivonneuflccken nachgewiesen zu sei». in dem Sinne, daß die höheren Barometerstände den Maximis, die niederen den Minimis der Sonnenflecke entsprechen. Was die Cyklonen oder Wirbelstürnie anbelangt, so gilt das von Meldrem aufgestellte Gesetz, daß ihre Häufigkeit mit der Sonnenfleckenfteguenz zunimmt. Dasselbe gilt für die Windstärke. Auch die Niederschläge und besonders die Häufigkeit der Hagelfälle, nehmen mit der Häufig» keit der Sonncnfleckcn zu. Alle diese Beobachtungen sind in niederen Breiten gewonnen worden; in unseren Breiten, wo die Sonnen» thättgkeit nur gar zu oft durch Wolken verhindert wird, sich zu ent» falten, ist es naturgemäß nicht möglich, bestimmte Gesetzmäßigkesten in dieser Hinsicht abzuleiten.— Humoristisches. — Ans der guten alten Zeit. Die offene Stadt Ludwigsdorf ist vom Feinde durch den Major Spätzle gesäubert worden. Der Oberst Bcndele hält mit dem Nachtrab vor der Stadt. Spätzle:.I' meld' gehorsamst, Herr Oberst, Ludwigsdorf haut m'r! Was soll jetzt dermit gffcheah? Sollet m'r's Städtle leicht a'plündera, a' klei's bisle a'zünda und v e r w ü a st a. oder glei' in's Grundserdsboda'nei' dewastira?"— — Geschäftsgeheimniß.„Sagen Sie nur doch, was für ein Unterschied ist denn zwischen der e r st e n und zweiten Qualstät Ihres Thec's?" Kommis:„Das will ich Ihnen schon sagen— aber ganz unter uns! Bei der ersten Sorte ist der gute mit dem schlechten gemischt, bei der zweiten der schlechte mit dem guten!"-(.Flieg. Bl.") — Schlaftrunken. Fremder(der bei einer nächtlichen Feuersbrunst im Hotel plötzlich durch einen Strahl aus der Feuer» spritze geweckt wird:„Ja, ja, ich stehe gleich auf liebes Weibchen I"— Vermischtes vom Tage. — Aus Posen und We st Preußen wird eine Reihe von Unglücksfällen durch Blitzschläge gemeldet. In Blottgarten (Wcstpreußen) brannten zwei Kathen vollständig nieder. Drei von den Beivohnern wurden gctödtet, drei schwer verletzt. In Lands» b e r g a. W. wurde ein(Arbeiter erschlagen, der vom Felde heimkam. In der Provinz Posen richteten Wolkenbrüche vielfach Schaden an. In I ä n i f ch bei Punitz wurde eine Arbeitcrftau und deren Sohn. in M l o d z i e k o w o ein achtzehnjähriges Mädchen vom Blitz ge» tödtet.— — Im Gebweiler Thale(Vogesen) gerieth ein Rad» f a h r e r in einen Bienenschwarm, der quer über die Straße zog. Er wurde derart zerstochen, daß er die Westerfahrt aufgeben und einige Tage das Bett hüten mutzte.— — Die„Fr am", mit Sverdrup und den übrigen Mit» gliedern der Polarexpedition an Bord, ist am Freitag Vormittag von C h r i ft i a n i a in See gegangen.— — In F o g g i a(Apulien) ist bei dem jüngsten Aufruhr daS städtische Archiv verbrannt. Mit ihm ist das für die Ge» schichte des Mittelalters und der Hohenstaufen bedeutsame berühmte „Goldene Buch ein Raub der Flammen geworden. Es enthielt eine große Anzahl von Urkunden und Handschriften, insbesondere von Roger dem Normannen, vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, von den Herrschern aus den Hänsern von Anjou und Aragonien; sie sind jetzt für immer verloren.— — In den Straßen von Madrid erregte dieser Tage ein alter Mann großes Auffehen, der einen Zettel mit folgenden Worten auf der Brust trug:„Kommandant, Kapitän a. D., 10 Jahr im kubani« scheu Busch. Man schuldet mir zehn Gehaltsraten, ich habe vier kranke Kinder, eines ist schwerkrank, und wir besitzen weder Arznei noch Nahrungsmittel." Der Zettel trug die Unterschrist: Hauptmann Juan Verdich Cscalera.— — Mindestens 100 Personen haben, wie aus Klondyke berichtet wird, während dieses Frühjahrs in den Gewässern am Bennettsee ihren Tod durch Ertrinken gesunden. Der Dampfer„Jsloot" scheiterte und ging mit der gesammten Ladung verloren.—_ rlii«, Druck und Verlag von Max Badiirg in Aerlm.